Bericht 2. DiskussionsCafé vom 16.11.2010

„Diplom vs. Bachelor – Auslaufmodell vs. Versuchskaninchen“ war das Thema unseres zweiten Diskussions-Cafés. Am 16.11.2010 diskutierten Diplom- und BA-Studenten über die Vor- und Nachteile beider Studiengänge, sowie über Schwierigkeiten und Probleme, die in dem neuem BA-Studiengang auftreten. Diesmal sollte die Gesprächsrunde vorrangig dazu dienen, Vorurteile abzubauen und Aufklärungsarbeit zu leisten.

Zu Beginn standen, wie erwartet, auch zahlreiche Fragen im Raum, auf die versucht wurde Antworten zu finden. Die wichtigste Frage war: Warum fühlen sich die BA-Studenten in ihrem Studium gehetzt und scheinen dadurch unter einem enormen Leistungsdruck zu stehen?

Dahingehend wurden zunächst die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Studiengänge diskutiert. Festgestellt haben die Teilnehmer, dass die Anzahl der theoretischen Semester in beiden Studiengängen gleich ist, den BA-Studenten durch das Praxisprojektes jedoch viel Zeit „geraubt“ wird. Letztlich bleibt so weniger Zeit für die gleiche Menge Lernstoff.

Ein weiteres Problem scheinen die Umsetzung der Module und die damit verbundenen Leistungsnachweise zu sein. Jedes Modul muss mit einer Leistung abgeschlossen werden und es zählen alle Noten ab dem ersten Semester. Die Diplomstudenten hatten hier Vorteile, da alle Noten des Grundstudiums nicht in das Diplomzeugnis einfließen und somit im Grundstudium eine gewisse Gelassenheit vorhanden war. Auch scheinen die geteilten Module für die BA-Studenten ein Problem darzustellen, da sie auch für eine Leistung, die letztlich nur eine 10%ige Wertigkeit hat, 100% Einsatz erfordert. Die Studenten waren sich im Gespräch einig, dass dadurch ein Missverhältnis zwischen Aufwand und Erfolg entsteht, was wiederum den Druck erhöht.

Weiterhin stellt das fehlende praktische Semester einen großen Verlust dar. Es können weniger Erfahrungen gesammelt und in der Theorie reflektiert werden. BA- und Diplomstudenten stellten während der Diskussion auch übereinstimmend fest, dass gerade nach dem praktischen Semester die Besonderheiten und der Bezug zur Sozialen Arbeit erst deutlich werden.

Nach dem Praktikum haben die BA-Studenten weniger Zeit zur Selbstreflektion, beenden das Studium eher und fühlen sich dadurch unvorbereitet für das Berufsleben. Dies scheint aber auch bei vielen Diplomstudenten der Fall zu sein, so dass hier im Gespräch ein wenig Mut aufgebaut und Angst abgebaut werden konnte.

Vorurteilsbehaftet ist das Verhältnis zwischen Diplom- und BA-Studenten und gab somit weiteren Anlass zur Diskussion. Benachteiligungen sehen die BA-Studenten darin, dass sie den gleichen Lernstoff vermittelt bekommen, aber einen akademisch niedrigeren Abschluss am Ende des Studiums erhalten. Führt dies nicht dazu, dass BA-Studenten bessere Noten schreiben müssen, um konkurrenzfähig gegenüber Diplomanden zu sein? Hier stand die Frage im Raum, wie man plausibel machen kann, dass es kaum Unterschiede zum Diplomstudiengang gibt. Einige Möglichkeiten wurden diskutiert, die im Weiteren im Fachbereich zu prüfen wären.

Auch der gesellschaftliche Druck scheint sich bei den BA-Studenten bemerkbar zu machen. Immer mehr Studenten sollen in immer kürzerer Zeit einen Abschluss erhalten. Zeit zum Reifen und zum Aufbau einer sozialpädagogischen Grundhaltung bleibt da nicht.

Am Ende der Diskussion wurden Wünsche der BA-Studenten geäußert, die in Zukunft berücksichtigt werden sollten.  Ein großes Interesse bestand vor allem darin, eine Sicherheit zu haben, Leistungen erbringen zu können ohne diese „vor sich her schieben zu müssen“ weil Seminare überfüllt sind. Außerdem sollten die Anforderungen an die Leistungen transparent sein und eine Klarheit darüber bestehen, welche Seminare im nächsten Semester angeboten werden. Weiterhin besteht der Wunsch, die Orientierungspraktika mehr zu reflektieren, um so bereits im Grundstudium eine Grundhaltung aufbauen zu können. Letztlich sollte auch die Umsetzung des Praxisprojektes überarbeitet werden, da dies im Theoriesemester sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

Insgesamt konnten während der Diskussion viele Vorurteile und Missverständnisse beseitigt werden. Mögliche Vorschläge und Wünsche werden an den Fachbereich weiter gegeben, so dass nachfolgende BA-Studiengänge mit etwas mehr Gelassenheit an das Studium gehen können und auch, anstatt Druck, mehr Zeit zum Studieren und zur Persönlichkeitsentwicklung haben.

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3 Antworten zu Bericht 2. DiskussionsCafé vom 16.11.2010

  1. Eiswürfel sagt:

    Ich denke die Idee der Deprofessionalisierung ist nicht nur in der sozialen Arbeit bemerkbar.

    Die ganze Bachelor Idee erscheint mir als Erwartungshaltung an junge Menschen, die mehr akademische Anforderungen erfüllen sollen anstatt sich selber kritisch mit Wissenschaft auseinander zu setzen.

  2. m.s. sagt:

    Was ihr geschrieben habt, betrifft vor allem die subjektive Situation unserer Bachelors. Es ist wichtig, dass sie wissen, dass ihr BA zumindest bei uns inhaltlich nicht wirklich anders aussieht und nicht wirklich weniger vermittelt als der Diplom-Studiengang. Das kommt daher, dass an unserem Fachbereich versucht wurde, keine Abstriche bei der Ausbildungsqualität zu machen, weil man einvernehmlich der Meinung war, dass Sozial Arbeitende nicht plötzlich weniger Qualifikation in der Praxis brauchen und wir alles versucht haben, dass das Niveau geblieben ist.
    Freilich – und das ist das Dilemma – : Dadurch haben wir selber zu dem Stress viel beigetragen, den die Bachelors heute erleben und der sie so unzufrieden macht.
    Denn gemeint ist der Bachelor politisch sehr wohl als eine verkürzte Ausgabe des Diploms, eine zeitlich und finanziell knapper bemessene und damit vor allem billigere Variante.
    Und das ist die große Gefahr: wenn ein Bachelor wirklich als verkürzte Variante gemeint ist, dann heißt das im Klartext: Wir kommen in der Praxis sehr wohl auch mit weniger qualifizierten, weniger reflektierten und sozusagen im Schnellkochtopf ausgebildeten Leuten aus – dann heißt das: der Bachelor ist ein Versuch der Deprofessionalisierung!

  3. Alex sagt:

    Auch über die Perspektive einer Wiedereinführung des Dipl.-Studiengangs haben wir uns ausgetauscht. Viele vermissen das Diplom mit seinem etablierten Status. Zudem ist davon auszugehen, dass die Master-Plätze stark begrenzt sind und somit Engpässe entstehen. Weiterhin bleibt fraglich, ob der Bachelor eine höhere Flexibilität wirklich gewährleistet – Studierende berichten u.a. von Anerkennungsproblemen einzelner Module – ist das nur eine Startschwierigkeit oder im Hochschulsystem so angelegt? Wenn Soziale Arbeit eine Profession ist, die deshalb auch eine entsprechende Identitätsentwicklung/ Reifung und eine verantwortungsvolle Haltung gegenüber Klienten und Gesellschaft bei ihren Vertretern befördern will, dann muss die Frage geklärt werden, ob dies im Bachelor-Studiengang überhaupt möglich ist.

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