Wo sind die Aufklärer des 21. Jahrhunderts?

Nach dem ich die letzte Ausgabe der Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (ZJJ 4/10) gelesen habe, stelle ich mir mehr denn je die Frage: Wo sind die Aufklärer des 21. Jahrhunderts?
Wie komme ich darauf? In der erwähnten Zeitschrift gibt es wieder sehr detaillierte Beiträge zum Umgang mit Jugendkriminalität und in diesem Zusammenhang auch zur Rolle der Pädagogik und Sozialen Arbeit. Die Pädagogik und die Soziale Arbeit stehen heutzutage (vielleicht mehr denn je) vor der Aufgabe, sich zu rechtfertigen und ihren Nutzen für die Gesellschaft zu erklären. Doch angesichts (massen-)medialer Informationsüberflutung und dem Hochstilisieren von dramatischen Einzelfällen, fehlt es zunehmend an sachlichen Diskussionen und differenzierten Analysen. Doch wie sollen diese auch zu Stande kommen? Reportagen und Berichte der privaten Sender sind schlecht recherchiert und bedienen vorrangig populistische Meinungen. Der Nachteil ist (leider), dass diese Sender ein Gros der Bevölkerung schaut und sich dadurch einseitige Meinungen verfestigen können. Doch auch die öffentlich-rechtlichen Sender haben m.E. nach leider nicht viel entgegenzusetzen. Gut recherchierte Beiträge kommen des Nachts, wo sie niemand mehr schaut und in den politischen Talkrunden sind immer die gleichen Personen (vorwiegend natürlich aus der Politik) vertreten, die ihre (anscheinend) vorgefertigten Meinungen gebetsmühlenartig herunter reden. Der Erklärungsgehalt geht hierbei gegen Null und es scheint niemand zu schaffen, der Bevölkerung in verständlicher Art und Weise, gesellschaftliche Vorgänge so zu erklären, dass sie nachvollziehbar sind. Es wird mehr und mehr ein undifferenziertes und nicht mehr durchschaubares Bild der Wirklichkeit geschaffen, was außerdem dazu führt, dass Ängste und Furcht geschürt werden können. Auf dieser Grundlage haben es populistische und plakative Aussagen (z.B. „Null Toleranz gegenüber Jugendlichen“, „Härtere Strafen“, „Runter mit dem Strafmündigkeitsalter“ etc.) leicht sich zu etablieren.
Doch wo sind die wissenschaftlichen Meinungen und empirischen Befunde, um solch propagierten Unwahrheiten entgegenzutreten? Wo sind die Sozialwissenschaftler, Politikwissenschaftler, Kriminologen etc.? Viel zu selten sieht man sie im Fernsehen oder liest von ihnen in den Printmedien.

Die Soziale Arbeit muss mehr in die Öffentlichkeit. Sie muss vor allem auf überregionaler Ebene aktiv werden. Sie muss sich aktiv einmischen, Missstände anprangern und vor verfehlter Politik warnen. Sie muss einer Entwicklung in der Gesellschaft entgegensteuern, die anfängt die Menschen in Gut und Böse und förderungsfähig und nicht-förderungsfähig zu kategorisieren. Man muss nicht näher kommentieren, welches Menschen- und Staatsbild damit artikuliert wird.

Wissenschaftliche Zurückhaltung ist hier fehl am Platz und bietet anderen (wie jüngst Herrn Sarrazin) einen großen Spielraum ganz unappetitliche und verquaste Gedankengänge zu verbreiten.

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