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Verwaltung statt Unterstützung

…und wieder einmal ein Beispiel für steigende Fallzahlen.
Bewährungs- und Gerichtshelfer haben zur Aufgabe, straffällig gewordene Menschen zu befähigen in Zukunft ein Leben ohne Straftaten zu führen und sie zu unterstützen, ihre Angelegenheiten zu regeln, ihre Rechte und Pflichten wahrzunehmen sowie ihre soziale Integration in Staat und Gesellschaft zu fördern. Hierzu bedarf es u.a. intensiver Beziehungsarbeit, was natürlich Zeit in Anspruch nimmt, um ein Vertrauensverhältnis mit dem Klienten aufbauen und ihn somit erreichen zu können (was angesichts des Zwangskontextes in der Straffälligenhilfe ein schwieriges Unterfangen sein kann).
Laut Angabe des Thüringer Oberlandesgerichtes (welches zuständig für die Sozialen Dienste in der Justiz in Thüringen ist) gibt es 68 Justizsozialarbeiter in Thüringen (Stand 31.12.2009).  Bei einer durchschnittlichen Belastungszahl von ca. 85 Klienten pro Bewährungshelfer stellt sich die Frage, inwieweit hier noch individuelle Unterstützung möglich ist (oder sollte man fragen: gewollt ist?). Bei einer monatlichen Arbeitszeit von 160 Stunden, bleiben so knapp 2 Stunden für jeden Klienten. In diesen zwei Stunden müssen persönliche Gespräche geführt, Gerichtsberichte geschrieben, an Gerichtsverhandlungen teilgenommen, Netzwerkarbeit etc. betrieben werden. Dass die einzelnen Tätigkeiten bei dem einen Klienten mehr Zeit in Anspruch nehmen als bei einem anderen ist nachvollziehbar. Dennoch sind 2 Stunden für jeden Klienten hier sehr knapp bemessen.
Zieht man noch die Grundstandards der Sozialen Arbeit hinzu, dann fallen in diese 2 Stunden noch Supervision, Fortbildung, Fachberatung, Mitwirkung in politischen Gremien etc. In machen Situationen können 2 Stunden sehr lang sein, vor dem genannten Hintergrund erscheinen sie jedoch eher grotesk und auch noch so gute Betriebswirtschaftler würden hier bei der Berechnung ins Rudern kommen.
Wenn dann noch ein Bewährungshelfer in den verdienten Ruhestand geht, und man es nicht für nötig hält (weil wieder einmal die finanziellen Mittel fehlen), die Stelle durch eine neue Arbeitskraft zu besetzen, dann kann sich jeder denken, wie Effektiv Soziale Arbeit noch sein kann.

Was bleibt also dem Sozialarbeiter in dieser Situation? Entweder er opfert seine Freizeit oder er schränkt bestimmte Tätigkeiten ein. Da Richter und Staatsanwälte u.U. allergisch reagieren wenn Bewährungshelfer zu Gerichtsterminen nicht erscheinen, oder Berichte zu spät oder gar nicht das Gericht erreichen, wird wohl am ehesten die Beziehungsarbeit zum Klienten darunter leiden müssen. Doch haben die Klienten gerade einen Bewährungshelfer bekommen, weil sie anscheinend ihr Leben noch nicht allein bewältigen können und noch Unterstützung bedürfen!

Und so verlagert sich der Schwerpunkt der Sozialen Arbeit weg von der Unterstützung und Integration, hin zur Risikokontrolle und zum managen von beratungsresistenten Klienten.

Wo sind die Aufklärer des 21. Jahrhunderts?

Nach dem ich die letzte Ausgabe der Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (ZJJ 4/10) gelesen habe, stelle ich mir mehr denn je die Frage: Wo sind die Aufklärer des 21. Jahrhunderts?
Wie komme ich darauf? In der erwähnten Zeitschrift gibt es wieder sehr detaillierte Beiträge zum Umgang mit Jugendkriminalität und in diesem Zusammenhang auch zur Rolle der Pädagogik und Sozialen Arbeit. Die Pädagogik und die Soziale Arbeit stehen heutzutage (vielleicht mehr denn je) vor der Aufgabe, sich zu rechtfertigen und ihren Nutzen für die Gesellschaft zu erklären. Doch angesichts (massen-)medialer Informationsüberflutung und dem Hochstilisieren von dramatischen Einzelfällen, fehlt es zunehmend an sachlichen Diskussionen und differenzierten Analysen. Doch wie sollen diese auch zu Stande kommen? Reportagen und Berichte der privaten Sender sind schlecht recherchiert und bedienen vorrangig populistische Meinungen. Der Nachteil ist (leider), dass diese Sender ein Gros der Bevölkerung schaut und sich dadurch einseitige Meinungen verfestigen können. Doch auch die öffentlich-rechtlichen Sender haben m.E. nach leider nicht viel entgegenzusetzen. Gut recherchierte Beiträge kommen des Nachts, wo sie niemand mehr schaut und in den politischen Talkrunden sind immer die gleichen Personen (vorwiegend natürlich aus der Politik) vertreten, die ihre (anscheinend) vorgefertigten Meinungen gebetsmühlenartig herunter reden. Der Erklärungsgehalt geht hierbei gegen Null und es scheint niemand zu schaffen, der Bevölkerung in verständlicher Art und Weise, gesellschaftliche Vorgänge so zu erklären, dass sie nachvollziehbar sind. Es wird mehr und mehr ein undifferenziertes und nicht mehr durchschaubares Bild der Wirklichkeit geschaffen, was außerdem dazu führt, dass Ängste und Furcht geschürt werden können. Auf dieser Grundlage haben es populistische und plakative Aussagen (z.B. “Null Toleranz gegenüber Jugendlichen”, “Härtere Strafen”, “Runter mit dem Strafmündigkeitsalter” etc.) leicht sich zu etablieren.
Doch wo sind die wissenschaftlichen Meinungen und empirischen Befunde, um solch propagierten Unwahrheiten entgegenzutreten? Wo sind die Sozialwissenschaftler, Politikwissenschaftler, Kriminologen etc.? Viel zu selten sieht man sie im Fernsehen oder liest von ihnen in den Printmedien.

Die Soziale Arbeit muss mehr in die Öffentlichkeit. Sie muss vor allem auf überregionaler Ebene aktiv werden. Sie muss sich aktiv einmischen, Missstände anprangern und vor verfehlter Politik warnen. Sie muss einer Entwicklung in der Gesellschaft entgegensteuern, die anfängt die Menschen in Gut und Böse und förderungsfähig und nicht-förderungsfähig zu kategorisieren. Man muss nicht näher kommentieren, welches Menschen- und Staatsbild damit artikuliert wird.

Wissenschaftliche Zurückhaltung ist hier fehl am Platz und bietet anderen (wie jüngst Herrn Sarrazin) einen großen Spielraum ganz unappetitliche und verquaste Gedankengänge zu verbreiten.

Bericht 3. DiskussionsCafé

„Perspektive für SozialpädagogInnen – unter Wert verkaufen oder gleich Hartz IV“. Dies war das Thema des letzten Diskussionscafés, zu dem sich wieder Studenten in der FH Jena getroffen haben.

Die Entwicklung der Sozialen Arbeit ist in den letzten Jahren von höchst widersprüchlichen Entwicklungen gekennzeichnet. Auf der einen Seite kann ein hohes quantitatives Wachstum an Erwerbstätigen festgestellt werden, auf der anderen Seite verzeichnen verschiedene Arbeitsfelder massive Einbrüche. Die Zahl der Teilzeit- und befristeten Arbeitsverhältnisse steigt, immer mehr Tätigkeiten werden an unter prekären Bedingungen tätige „Selbständige“ ausgelagert und überall sind Bemühungen erkennbar, das Qualifikationsniveau der Beschäftigten abzusenken, um niedrigere Gehälter bezahlen zu können.

Durch befristete Arbeitsverträge entsteht jedoch eine Unsicherheit für den Arbeitnehmer, welche sich negativ auf seine Arbeit auswirken kann. Auch ein langfristiger Vertrauensaufbau zum Klienten ist in einem begrenzten Zeitraum schwer möglich. Im schlimmsten Fall kann dies zu einer wirkungslosen Sozialen Arbeit führen, aus der keine positiven Effekte hervorgehen können. Häufig versuchen SozialarbeiterInnen doch noch das Beste aus der Situation zu machen, opfern sich für ihren Beruf und ihre Klienten auf und versuchen sich unentbehrlich zu machen. Letztendlich auch in der Hoffnung ihr Arbeitsverhältnis würde dadurch verlängert werden.

Auch Teilzeitstellen scheinen einen Boom zu erleben, obwohl die anfallende Arbeit nur mit Vollzeitstellen gedeckt werden könnte. In der Folge führt dies dazu, dass viele Teilzeitkräfte mehr arbeiten, was oftmals durch den Arbeitgeber schon eingeplant wird. Hier ist vor allem das Selbstbewusstsein der SozialarbeiterInnen gefragt, auf solche Missstände aufmerksam zu machen und dem Arbeitgeber darzulegen, dass eine wirkungsvolle Soziale Arbeit nur unter bestimmten (dies meint nicht nur zeitliche) Voraussetzungen möglich ist. Das heißt aktiv gegen Ausbeutungsmechanismen vorzugehen – nicht allein, sondern gemeinsam mit Kollegen.

Die Frage nach der Vergütung in der Sozialen Arbeit war eine weitere Diskussionsgrundlage des Treffens. Persönliche Erfahrungen der Diskussionsteilnehmer zeigten, dass klientenferne Tätigkeiten in der Praxis besser bezahlt werden als die Jobs, die näher am Klienten sind. Dies fördert nicht nur eine Zwei-Klassen Sozialarbeit, sondern führt auch zu einer Geringschätzung derer, die mit der schwierigsten Klientel arbeiten.

Laut Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezieht ein staatlich anerkannter Sozialarbeiter für eine Vollzeitstelle 2300 € brutto im Monat. Doch gerade Freie Träger haben oft eigene Haustarife, was auch eine geringere Vergütung bedeutet. In Thüringen liegt somit der durchschnittliche Bruttolohn eines Sozialarbeiters bei 1500 €. Zu Recht stellten sich hier die Diskussionsteilnehmer die Frage, ob dieser Lohn nach einem vierjährigen Hochschulstudium gerechtfertigt ist? Gerade in Bewerbungsgesprächen scheuen sich die meisten Bewerber den Punkt Vergütung anzusprechen, geschweige denn zu verhandeln. Doch die Gefahr in eine „Gehalts-Abwärtsspirale“ zu geraten ist groß und wirkt sich schließlich auch auf das gesamte Berufsfeld aus. Doch gerade im Bewerbungsgespräch kann und sollte man sich nicht unter Wert verkaufen und deutlich machen wo die eigenen Stärken liegen und welche Erfahrungen man hat. Arbeitgeber, die qualifizierte Kräfte brauchen, werden diese auch entsprechend bezahlen. Aushandlungsprozesse gibt es nicht nur in der Arbeit mit den Klienten. Warum nicht also auch im Bewerbungsgespräch?

Wie sich im Laufe der Diskussion herausstellte, war der Aspekt Geld nicht das einzige ausschlaggebende Kriterium eine Stelle anzunehmen. Vielmehr standen ein sicheres Arbeitsverhältnis und ein gutes Betriebsklima im Vordergrund. Die Diskussionsteilnehmer waren sich darüber einig, dass gute Soziale Arbeit nur geleistet werden kann, wenn Sicherheit bei den SozialarbeiterInnen besteht und ein gutes Miteinander im Team gegeben ist. Vor allem die Anerkennung der geleisteten Arbeit ist Motivation eine Tätigkeit langfristig auszuüben.

Bei all den Schwierigkeiten, die in der Praxis auftauchen, ist es nicht verwunderlich, dass viele Studenten Angst haben nach ihrem Studium keine Arbeit zu finden, oder auch in prekären Arbeitsverhältnissen zu landen. In der Diskussion bemerkten einige Teilnehmer, dass sie weniger gut bezahlte Jobs annehmen würden, um überhaupt Arbeit zu haben. Doch ist diese Angst der Studenten tatsächlich begründet? Aus den Zahlen der Agentur für Arbeit geht hervor, dass ein sehr großer Bedarf an SozialarbeiterInnen besteht. Viele Arbeitnehmer sind älter als 45 Jahre, so dass auch in Zukunft junge SozialarbeiterInnen gefragt sind. Weiterhin zeigt sich, dass drei Viertel der FH-Absolventen nach spätestens einem Jahr einen Arbeitsplatz vorweisen konnten. Jedoch sollte man sich bewusst sein, dass zwei Drittel der Stellen im Sozialen Bereich bundesweit nicht ausgeschrieben sind. Es ist also sehr hilfreich sich frühzeitig zu vernetzen und während des Studiums/Praktikums Kontakte zu knüpfen. Viele Studenten bekommen auf diese Weise ihren Berufseinstieg. Die Angst keine Stelle zu bekommen ist also unbegründet. Legt man diese Angst jedoch nicht ab, führt das schnell dazu prekäre Beschäftigungsverhältnisse anzunehmen und fördert somit Ausbeutung und sinkende Löhne.

Während der Diskussion wurde bei den Studenten deutlich, dass ein großer Bedarf an Aufklärungsarbeit bzgl. hochschulinterner Gremien, Berufsverbände, Tarifverträge, Arbeitsrecht etc. besteht. Vor allem auch der Aufbau einer Berufsidentität und Möglichkeiten der Mitbestimmung scheinen von großer Bedeutung zu sein, jedoch fehlt es auch hier an Transparenz und Informationen. An dieser Stelle sind insbesondere die Hochschulen und Professoren gefragt die nötigen Informationen frühzeitig zu vermitteln. Nur so können die Studenten von Beginn an sensibilisiert und informiert werden. Als eine gute Möglichkeit bietet sich das Mentoring an, welches dafür genutzt werden könnte. Dies kann letztlich nicht nur die Identitätsbildung des Einzelnen außerhalb der Fachhochschule, sondern auch der Profession Soziale Arbeit im Ganzen stärken.

Um wen geht es hier eigentlich?

Gestern telefonierte ich mit einer Bekannten, die im Altenpflegebereich tätig ist. Sie berichtete mir über einen Vorfall, der mich ziemlich erschütterte: Sie und ihre Kollegin hatten zusammen an einem Sonntag Dienst und haben sich während ihrer Pausen mit den alten Menschen beschäftigt und Spiele (z.B. Mensch ärgere Dich nicht) gespielt. Sie erzählte mir, dass diese richtig glücklich waren, dass sich einmal jemand mit ihnen beschäftigt und ein bisschen Abwechslung in den tristen Alltag kommt. Dieses (auch für sie) freudige Erlebnis erzählte sie ihrer Vorgesetzten, weil sie der Meinung war, dass solche Dinge mehr gefördert werden sollten und es nur zu einer Verbesserung der Lebenssituation der alten Menschen führt. Doch da hatte sie falsch gedacht und traf auf alles andere als Verständnis. Sie und ihre Kollegin wurden gefragt, wie sie es sich denn erlauben könnten an einem Sonntag, wo sie sowieso nur zu zweit sind und eigentlich keine Zeit haben dürften, sich in ihrer Pause noch der Freizeitgestaltung der Bewohner zu widmen! Das wäre nicht ihr Aufgabenbereich und dafür würden sie auch nicht bezahlt!

Ich frage mich in solchen Situationen immer: um wen geht es hier eigentlich? Um den Menschen anscheinend schon lange nicht mehr. Lasst doch die alten Leute vor sich hin vegetieren. Wer braucht denn schon den Umgang mit dem Personal, außer zum Waschen oder Füttern? Und wenn Mitarbeiter ihren sozialen Beruf auch einmal mit Leben füllen, dann ist das nicht gewünscht. Sie und ihre Kollegin fühlen sich jedoch allein gelassen, da die anderen MitarbeiterInnen nur hinter vorgehaltener Hand über die miserablen Zustände sprechen. Sie fühlt sich machtlos und im Stich gelassen, weil von Solidarität überhaupt nichts zu merken ist. Sie ist auch soweit, dass sie überlegt, das Arbeitsfeld zu wechseln. Ich musste ihr aber leider sagen, dass andere Bereiche der Sozialen Arbeit oder auch speziell im Pflegebereich nicht viel besser dastehen!

Zeitprobleme

Bericht 2. DiskussionsCafé vom 16.11.2010

„Diplom vs. Bachelor – Auslaufmodell vs. Versuchskaninchen“ war das Thema unseres zweiten Diskussions-Cafés. Am 16.11.2010 diskutierten Diplom- und BA-Studenten über die Vor- und Nachteile beider Studiengänge, sowie über Schwierigkeiten und Probleme, die in dem neuem BA-Studiengang auftreten. Diesmal sollte die Gesprächsrunde vorrangig dazu dienen, Vorurteile abzubauen und Aufklärungsarbeit zu leisten.

Zu Beginn standen, wie erwartet, auch zahlreiche Fragen im Raum, auf die versucht wurde Antworten zu finden. Die wichtigste Frage war: Warum fühlen sich die BA-Studenten in ihrem Studium gehetzt und scheinen dadurch unter einem enormen Leistungsdruck zu stehen?

Dahingehend wurden zunächst die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Studiengänge diskutiert. Festgestellt haben die Teilnehmer, dass die Anzahl der theoretischen Semester in beiden Studiengängen gleich ist, den BA-Studenten durch das Praxisprojektes jedoch viel Zeit „geraubt“ wird. Letztlich bleibt so weniger Zeit für die gleiche Menge Lernstoff.

Ein weiteres Problem scheinen die Umsetzung der Module und die damit verbundenen Leistungsnachweise zu sein. Jedes Modul muss mit einer Leistung abgeschlossen werden und es zählen alle Noten ab dem ersten Semester. Die Diplomstudenten hatten hier Vorteile, da alle Noten des Grundstudiums nicht in das Diplomzeugnis einfließen und somit im Grundstudium eine gewisse Gelassenheit vorhanden war. Auch scheinen die geteilten Module für die BA-Studenten ein Problem darzustellen, da sie auch für eine Leistung, die letztlich nur eine 10%ige Wertigkeit hat, 100% Einsatz erfordert. Die Studenten waren sich im Gespräch einig, dass dadurch ein Missverhältnis zwischen Aufwand und Erfolg entsteht, was wiederum den Druck erhöht.

Weiterhin stellt das fehlende praktische Semester einen großen Verlust dar. Es können weniger Erfahrungen gesammelt und in der Theorie reflektiert werden. BA- und Diplomstudenten stellten während der Diskussion auch übereinstimmend fest, dass gerade nach dem praktischen Semester die Besonderheiten und der Bezug zur Sozialen Arbeit erst deutlich werden.

Nach dem Praktikum haben die BA-Studenten weniger Zeit zur Selbstreflektion, beenden das Studium eher und fühlen sich dadurch unvorbereitet für das Berufsleben. Dies scheint aber auch bei vielen Diplomstudenten der Fall zu sein, so dass hier im Gespräch ein wenig Mut aufgebaut und Angst abgebaut werden konnte.

Vorurteilsbehaftet ist das Verhältnis zwischen Diplom- und BA-Studenten und gab somit weiteren Anlass zur Diskussion. Benachteiligungen sehen die BA-Studenten darin, dass sie den gleichen Lernstoff vermittelt bekommen, aber einen akademisch niedrigeren Abschluss am Ende des Studiums erhalten. Führt dies nicht dazu, dass BA-Studenten bessere Noten schreiben müssen, um konkurrenzfähig gegenüber Diplomanden zu sein? Hier stand die Frage im Raum, wie man plausibel machen kann, dass es kaum Unterschiede zum Diplomstudiengang gibt. Einige Möglichkeiten wurden diskutiert, die im Weiteren im Fachbereich zu prüfen wären.

Auch der gesellschaftliche Druck scheint sich bei den BA-Studenten bemerkbar zu machen. Immer mehr Studenten sollen in immer kürzerer Zeit einen Abschluss erhalten. Zeit zum Reifen und zum Aufbau einer sozialpädagogischen Grundhaltung bleibt da nicht.

Am Ende der Diskussion wurden Wünsche der BA-Studenten geäußert, die in Zukunft berücksichtigt werden sollten.  Ein großes Interesse bestand vor allem darin, eine Sicherheit zu haben, Leistungen erbringen zu können ohne diese „vor sich her schieben zu müssen“ weil Seminare überfüllt sind. Außerdem sollten die Anforderungen an die Leistungen transparent sein und eine Klarheit darüber bestehen, welche Seminare im nächsten Semester angeboten werden. Weiterhin besteht der Wunsch, die Orientierungspraktika mehr zu reflektieren, um so bereits im Grundstudium eine Grundhaltung aufbauen zu können. Letztlich sollte auch die Umsetzung des Praxisprojektes überarbeitet werden, da dies im Theoriesemester sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

Insgesamt konnten während der Diskussion viele Vorurteile und Missverständnisse beseitigt werden. Mögliche Vorschläge und Wünsche werden an den Fachbereich weiter gegeben, so dass nachfolgende BA-Studiengänge mit etwas mehr Gelassenheit an das Studium gehen können und auch, anstatt Druck, mehr Zeit zum Studieren und zur Persönlichkeitsentwicklung haben.

TV vs. Literatur - Was stimmt eigentlich?

Gestern in der Talkrunde von Maybrit Illner (ZDF) waren u.a. Michael Hüther, der Direktor des deutschen Instituts für Wirtschaft, und Ursula v. d. Leyen zu Gast und brachten m.E. nicht ganz so nachvollziehbare Zahlen auf den Tisch.
Beide stritten ab, dass es immer mehr befristete Arbeitsverträge und auch mehr Leiharbeit gäbe. Auch die prekären Arbeitsverhältnisse (also die sog. Aufstocker, die zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit noch Hartz IV beantragen müssen) denen sich nicht aus.
Dann kamen für mich sehr merkwürdige Zahlen zur Sprache: 90% aller Arbeitsverträge in D sind unbefristet (da habe ich andere Erfahrungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis); 80% aller Berufstätigen arbeiten Vollzeit und die Leute, die aufstocken müssen, arbeiten zu 75% in Teilzeit (d.h. wer Vollzeit arbeitet muss selten aufstocken).

Die beiden waren sich außerdem darüber einig, dass wir eine hohe Stabilität bei den Normalarbeitsverhältnissen (also unbefristet und Vollzeit) haben und sich auch keine Veränderung abzeichnet. Die Steigerung der Geringqualifizierten und Leiharbeiter in den letzten Jahren ist lediglich zurückzuführen auf ein Mehr an Arbeitskräften, welches jetzt auf dem Arbeitsmarkt tätig ist und nicht adäquat vermittelt werden konnte.Das Normalarbeitsverhältnis ist nicht auf der schiefen Bahn und verliert auch nicht an Bedeutung.

Wahre Fakten oder alles Zahlenspielerei? Liegen hier Galuske & Co. falsch mit ihren Beiträgen in der Literatur. Ist vielleicht doch alles nur Panikmache gerade von Sozialarbeitern?

Bericht zum 1. DiskussionsCafé vom 19.10.2010

Am 19.10.2010 veranstaltete die AG FISCH ihr erstes Diskussions-Café in der Fachhochschule Jena. Die in regelmäßigen Abständen stattfindende Veranstaltung soll die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit interessanten, aber auch brisanten Themen der Sozialen Arbeit bieten und somit kritischen Fragen zur eigenen Profession einen Raum geben. Auf dieser Grundlage können wir gemeinsam handeln und aktiv werden. Neben Studenten der FH Jena nahmen auch SozialarbeiterInnen unterschiedlicher Berufsfelder an der Veranstaltung teil. Vor allem der Austausch zwischen StudentInnen und SozialarbeiterInnen ist ein wichtiges Ziel, das in zukünftigen Veranstaltungen auch weiterhin verfolgt werden soll.

Das Thema der ersten Veranstaltung lautete „Soziale Arbeit – Was war das, was ist das und was wird das?“

Eine der unbequemsten Fragen, bei der fast jeder Student der Sozialen Arbeit (aber auch SozialarbeiterInnen) erst einmal ins Stocken gerät, lautet „Was machst Du eigentlich?“ Die Beschreibung der eigenen Profession ist dann oft schwierig und beschränkt sich zumeist auf die Nennung von Arbeitsfeldern.

Zur Klärung der Frage was Soziale Arbeit eigentlich ist und was sie macht, setzte sich die Diskussionsrunde zunächst kritische mit den Definitionen des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit e.V. (DBSH) und der der International Federation of Social Workers (IFSW) auseinander.

Auffällig in diesem Zusammenhang erschien die Tatsache, dass Soziale Arbeit oft (nur) mit dem Begriff des Helfens verbunden, und ihre gesellschaftskritische Seite häufig ausgeblendet wird. Doch lassen sich wirklich alle Menschen helfen bzw. müssen Sozialarbeiter allen Menschen helfen, die Probleme haben? Ist Soziale Arbeit nicht eher eine Form der Unterstützung, oder vielleicht ein Zusammenspiel von Helfen und Unterstützen? Gibt es überhaupt eine abschließende Definition von Sozialer Arbeit? Wenn ja, sollen sich dann SozialarbeiterInnen ausschließlich danach richten und nur das machen was diese vorschreibt?

Hier kam es unter den Teilnehmern zu unterschiedlichen Auffassungen und Meinungen. Eine klare Definition gibt natürlich Sicherheit und erleichtert das Vertreten der Profession nach außen. Eine offene Definition fördert dagegen Kritik und lässt Interpretationsspielräume offen.

Einigkeit bei diesem Thema bestand allerdings darin, dass die Soziale Arbeit unter dem ethischen Anspruch der sozialen Gerechtigkeit steht. Sie entfaltet sich aus humanitären und demokratischen Idealen heraus und ihre Werte basieren auf dem Respekt vor der Gleichheit, Besonderheit und Würde aller Menschen. Das Postulat eine Menschenrechtsprofession zu sein, dient als Motivation und Begründung des sozialberuflichen Handelns.

Solidarisch mit denen, die benachteiligt in der Gesellschaft sind, bemüht sich die Profession soziale Teilhabe und Integration zu fördern und somit eine gelingende Lebensbewältigung ihrer Klienten zu erreichen. Gewiss bezieht sich die Soziale Arbeit nicht ausschließlich auf ihre Klienten, sondern auch auf die Veränderung sozialer Verhältnisse. Insofern tragen SozialarbeiterInnen auch zum sozialen Wandel innerhalb der Gesellschaft bei. Doch was ist wenn Individuum und Gesellschaft in Widerspruch geraten?

Durch ihr doppeltes Mandat ist die Soziale Arbeit kritischer Vermittler zwischen individuellen Lebenswelten und gesellschaftlichen Anforderungen. Sie muss unbequem sein, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen und gesellschaftlichen Änderungsbedarf anmahnen.

Durch unterschiedliche Beiträge der Diskussionsteilnehmer wurde deutlich, dass sich in der Praxis bereits sehr viele negative Veränderungen ergeben haben.

Dass wir es heute mit vielen Unzulänglichkeiten im täglichen Leben zu tun haben ist jedem bewusst. Wenn z.B. ein Jugendamt nicht die geeignete und notwendige Hilfe, sondern die billigste gewährt (und am Ende der Klient selbst schuld am Misserfolg ist). Oder wenn SozialarbeiterInnen effektiv beraten müssen (was immer das auch heißen mag), um interne Statistiken und abstrakte Erfolgsziele, jenseits von Fachlichkeit und Unterstützung für den Klienten, zu erfüllen. Viele solcher Beispiele wurden während der Diskussion thematisiert und es ließen sich unzählige weitere finden.

Einstimmiger Konsens lag darin, dass das Motto „Solidarität statt Konkurrenz“ lautet. Dies darf jedoch nicht nur auf dem Papier stehen, sondern muss auch in die Praxis umgesetzt werden.

Dies führte wiederum zu neuen Fragen. Was kann man tun, wie kann man sich zur Wehr setzen?  Kann man in der Praxis überhaupt unbequem und kritisch sein?

Hier gingen die Meinungen der Teilnehmer erneut auseinander und es wurde deutlich, dass dies abhängig von den verschiedenen Arbeitsfeldern ist. Es wurden positive als auch negative Erfahrungen aus der Praxis eingebracht. Viele wollen kritisch sein, doch läuft man dadurch Gefahr gekündigt zu werden. Letztlich muss jede(r) selbst entscheiden unter welchen Bedingungen er oder sie arbeiten möchte und ob man das (oftmals wirtschaftlich geprägte) Bild des Arbeitgebers oder das der Sozialen Arbeit vertritt.

Die Teilnehmer waren sich einig, dass man nicht allein, sondern mit Hilfe anderer Kollegen tätig werden muss! Sehr hilfreich erweist sich immer auch die Einbindung der Presse und anderer Medien. Ein Jugendamt wird es sich höchstwahrscheinlich nicht leisten können negative Presse zu bekommen, wenn heraus kommt, dass alle FamilienhelferInnen ihre Arbeit niedergelegt haben, um auf eklatante Missstände und unzureichende Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen.

Es wurde auch darüber diskutiert, ob es Möglichkeiten gibt sich Unterstützer und Bündnispartner auf „höheren Ebenen“ (z.B. aus Politik, Wissenschaft, Kultur etc.) zu suchen. Ob dies jedoch immer gelingt hängt nicht nur vom Auftreten der SozialarbeiterInnen ab, sondern vor allem ob es politisch gewollt ist. Diese Frage konnte nicht abschließend beantwortet werden und wird sicherlich in folgenden Veranstaltungen noch einmal Thema sein.

Letztlich haben wir festgestellt, dass es Mittel und Wege gibt, kritisch zu sein und diese Kritik auch in die Praxis zu tragen. Dies ist ein guter Anfang und motiviert uns die Veranstaltungsreihe fortzusetzen, um für die politischen Interessen der Sozialen Arbeit zu kämpfen.

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