Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Diskussionsthemen.
| M | D | M | D | F | S | S |
|---|---|---|---|---|---|---|
| « Feb | ||||||
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 |
| 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 |
| 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 |
| 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 |
| 29 | 30 | 31 | ||||
21.2.2010 von m.s..
Heute muss man träumen: ‘Stell dir vor, es gibt eine Demo gegen den Afghanistankrieg und alle kommen….’
3 Tausend sollen es gestern in Berlin gewesen sein. Auf dem August Bebel Platz wäre Platz für die 10fache Menge Menschen gewesen….
da hätten noch massenhaft Demonstranten Platz gehabt…
Mit der großen Menschenkette eine Woche früher in Dresden gegen die Nazis ist das alleine nicht zu erklären. Es ist anders: Keiner interessiert sich dafür, keiner hält es für seine Sache.
Am Rande der Demo: Berlin kehrt den Winter raus und kümmert sich einen Dreck für den Krieg in Afghanistan
Überall kann man es hören, sogar in unserem Radio: der militärische Einsatz behindert die humanitären Hilfseinsätze in Afghanistan. Aber das kümmert die offizielle Politik der USA und auch unserer schwarz-gelb gestreiften Regierung samt SPD und Grüne nicht im Geringsten. 40% der von westlichen Soldaten ausgebildeten afghanischen Soldaten desertieren. Na so was? Wollen die vielleicht gar nicht, was der Westen für sie vorgesehen hat? Die Informationen über Afganistan waren umwerfend, allein wegen des Geldes, das im Spiel ist. Der Krieg kostet soviel, dass von diesem Geld locker die Gesundheitsreform in den USA bezahlt werden könnte, dazu die Slums der Welt zu anständigen Wohnorten umgebaut werden könnten, von einer Verbesserung der deutschen Bildungslandschaft und einer Sicherung der Mindestlöhne und einer Steigerung der Sozialhilfesätze im Sinne des Bundesverfassungsgerichtes ganz zu schweigen.
Aber die Kassen sind bekanntlich leer. Die Soziale Arbeit kämpft um jeden Cent, das Sozialsystem, auch im heutigen maroden Zustand, gilt als unbezahlbar. Ei, wo ist das ganze Geld denn hin? Alles in die Schweiz abgewandert, der Rest verzockt auf höchster Ebene der Finanzwelt? Nein, es ist noch immer viel Geld da, aber es wurde einfach mal anders verteilt. Der Bundeswehrhaushalt ist größer als je zuvor, viel größer, als zu Zeiten des kalten Krieges.
Studentin aus Berlin zog Verbindungen zwischen dem Bildungsstreik und dem Krieg in Afghanistan
Aber es scheint niemanden weiter aufzuregen. So wie es eben in der Sozialen Arbeit auch niemanden weiter aufzuregen scheint, wenn wir auf einmal Menschen an den Rand drängen sollen, wenn wir nur noch für die Zeit und Geld bekommen, die sich lohnen? Ein merkwürdiger Fatalismus hat sich in diesem Land ausgebreitet. “So ist es eben. Man kann doch nichts machen ….”
Der letzte Redner auf dem Bebelplatz, Herr Dr. Drewermann
deutliche Worte kamen von Dr. Drewermann
zitierte Wolfgang Borcherts Appell gegen den Krieg, den er 1946 - tot krank - unter dem Eindruck des zerstörten Deutschland und der Verbrechen und des Elends des 2. Weltkrieges geschrieben hat:
“Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst kleine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen - sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!! ” ….
Borchert zählt hier alle möglichen Berufe und gesellschaftliche Stellungen auf. Alle beschwört er, nein zu sagen. Hinzufügen sollte man:
“Sozialarbeitende, wenn es heißt, erzieht die Menschen zu solchen, die, allein gelassen, für sich selber verantwortlich sind und zu solchen, die nicht mehr danach fragen (dürfen und können), woher die Probleme kommen, unter denen sie zu leiden haben und zu solchen, die bereit sind, die Interessen der sie am Leben erhaltenden Wirtschaft und der Mächtigen dieser Gesellschaft am Hindukusch zu verteidigen, sagt nein!”
Geschrieben in Diskussionsthemen | Keine Kommentare »
11.1.2010 von m.s..
Es ist eigentlich schade, dass mein Schwarzbuch jetzt fertig ist (wird im Februar bei VS erscheinen) und ich neue Beispiele, die mir SozialarbeiterInnen und StudentInnen erzählen, nicht mehr einarbeiten kann. Denn alles was ich so höre: es wird nicht besser, es wird immer schlimmer! Meine Beispiele im Schwarzbuch sind keine traurigen Ausnahmen, sondern offensichtlich vielleicht sogar noch vergleichsweise nette Geschichten.
Heute erzählt mir eine Studentin, dass ihr Träger ihr untersagt, für ein Praxisprojekt, das sie unentgeltlich und aus freien Stücken in den Ferien in einer Tagesgruppe durchzuführen bereit ist, nur drei und nicht wie gewünscht fünf Kinder in ihre Kleingruppe einzubinden. Angesichts der gewählten Methode und des heiklen Themas (häusliche Gewalterfahrungen bei den Kindern) wären drei Kinder ausreichend, fünf machen die Situation unübersichtlich und wahrscheinlich auch weniger erfolgreich. Aber das sind keine Argumente für den Träger. Denn: eine so kleine Gruppe kann er nicht in seinem Finanzierungskonzept durchsetzen.
Fragt sich man sich: Wieso Finanzierungskonzept? Werden unbezahlte Tätigkeiten von Praktikantinnen schon in die Finanzierungskonzepte eingearbeitet? Es sieht ganz so aus. Mit der kostenfreien Arbeit von Praktikantinnen wird in allen Praxisstellen schließlich gerechnet.
Aber darüber wundert sich meine Studentin schon gar nicht mehr und auch darüber nicht, dass fachliche Argumente, auch der Hinweis auf die vermutlich geringere fachliche Effektivität, offensichtlich überhaupt keine Bedeutung mehr zu haben scheinen.
Das Geld regiert die Praxis, zu diesem Schluss kommt sie nach einem Jahr Praxiserfahrung.
Kein Wunder denke ich, wenn Wohlfahrtsverbände gezwungen sind, sich wie Unternehmen am Markt über Wasser zu halten. Es bleibt ihnen nichts anderes mehr übrig, als sich auch wie Unternehmen zu verhalten.
Wer setzt dagegen?
Wenn Kaffeemaschinen billig produziert werden, dann wird zumindest die Macht des Kunden eine Grenze darstellen für die Absenkung der Produktqualität.
Aber wer tut das bei uns? Wer merkt überhaupt, wenn unsere Arbeit keine Wirkungen zeigt, weil die Bedingungen nicht reichen und wenn wir stattdessen vielleicht sogar Bruch erzeugen?
Ganz sicher wird niemand die kleinen KlientInnen meiner Studentin fragen, was das Projekt für sie gebracht hat.
Aber unter uns: geht es dem Träger dabei überhaupt um ein Ergebnis für die Kinder? Wird meine Praktikantin nicht einfach nur gebraucht, um für die Ferienzeit die flickenhafte Personaldecke nach außen zu vertuschen?
Geschrieben in Kritik und Problemlagen, Diskussionsthemen, mein Schwarzbuch | Keine Kommentare »
17.11.2009 von m.s..
Mit großem Vergnügen verfolge ich den aktuellen Bildungsstreik und stelle fest, dass die Studentenschaft doch nicht so bewegungs-, kritik- und einfallslos ist, wie es in den vergangenen Jahren oft erschien.
Gleichzeitig sehe ich derzeit die große Gefahr, dass der Protest dazu genutzt werden könnte, die neoliberalen Ziele von Bologna nun endlich erst richtig durchzusetzen.
Seit dem Einstieg in den Bologna-Prozess, d.h. seitdem studiert werden muss im Kontext der neuen, den Bedürfnissen nach Schaffung von mehr, schnell sowie kostengünstig ausgebildetem Humankapitel an unseren Hochschulen, ist der Druck für die Studierenden immer unerträglicher geworden. Verschulung und Reglementierung, Eingespanntsein in ein enges, genau vorgeschriebenes Prozedere von Leistungserbringung und ständigem Zeitdruck macht das Studieren immer schwieriger und oft einfach unmöglich. Die Regelstudienzeiten sind kaum erreichbar, die Studierenden leiden unter einer unübersichtlichen Fülle an Stoff, dessen Kenntnis von ihnen in kleinschrittigen Prüfungen permanent abverlangt wird. Keiner hat mehr Zeit für Seminare, die interessieren, die aber gerade nicht im Plan stehen. Keiner hat mehr Zeit für Projekte und dafür, sich mit Themen eingehend und diskursiv zu befassen. Es wird studiert von der Hand in den Mund, ausschließlich zur Reproduktion für den Schein. Man studiert nur noch, damit man seine Creditpoints abhaken kann usw.
Für viele fehlt nun außerdem die erforderliche Zeit dafür, ihren Unterhalt durch Arbeit zu verdienen. Das Bachelorstudium geht von einem wöchentlichen Zeitaufwand von ca. 60 Stunden aus. Wer kann das? Wie soll das jemand schaffen, der sich seine Brötchen verdienen muss?
Und wozu das Ganze? Weil eine europäische Vergleichbarkeit und Mobilität für die Studierenden angestrebt wird? Fakt ist, dass die Auslandsstudienzeiten zurückgegangen sind und die Studienabbrüche deutlich zugenommen haben.
“Education is NOT for $AF€ ” ist ein Motto der Studierenden. Sie scheinen allmählich zu begreifen, dass hinter den Hochschulreformen etwas anderes steckt als der Wunsch, mehr Vergleichbarkeit und mehr Internationalität herzustellen. Hier geht es um das alte Lied “billiger aber besser”, “mehr, aber bitte bei gleich bleibenden Kosten”. Es geht darum , soviel Wissen zu generieren, wie unsere Wirtschaft sie verlangt, aber keine überflüssigen Theorien zu thematisieren und schon nicht, kritische und selbständig denkenden Köpfe auszubilden!
Wenn nun den streikenden Studierenden von Seiten der Politik und der Kultusministerkonferenz Zustimmung und Sympathie erklärt wird, so sollten sie genau hinhören:
Seit Tagen höre ich von der politischen Seite den Vorwurf an die Hochschulen, zu der Misere selber beigetragen zu haben, indem sie die Bachelor-Studiengänge mit dem gesamten Inhalt der ehemaligen Diplom-Studiengänge überfrachtet hätten. Und tatsächlich, so ist der Reformprozess verlaufen: Die Hochschulen haben versucht, ihren guten alten Wein in die neuen Schläuche reinzupressen, damit ihr Fach, ihre Wissenschaft nicht in einer verkürzten Billigvariante gelehrt werden muss. Das hat - genau so auch bei uns - zu einer hoffnungslosen Überfrachtung des Studiums und zu einer Überforderung der Studierenden geführt. Die Hochschulen, die ja klaglos und brav den angeordneten, oder besser verordneten, Reformprozess à la Bologna in die Praxis umgesetzt haben, waren alle bereit, an das vorgepredigte Effizienzcredo der neoliberalen Gesellschaft “kürzer aber dennoch gut” zu glauben.
Jetzt kriegen sie dafür eins auf die Finger. Sie haben offenbar nicht kapiert, worum es bei Bologna geht: Wir, d. h. diese Gesellschaft braucht viele und mehr AkademikerInnen, aber es reicht völlig aus, wenn diese auf einem reinen Wissensniveau ausgebildet werden. Menschen, die denken können, die die Grundlagen ihres Handelns und die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Handelns kritisch hinterfragen können, sind eher unerwünscht und in größerem Umfang einfach überflüssig. Studierte Menschen sollen einen Beruf ausüben können, der qualifizierte Kenntnisse erfordert, und nicht daran herumdeuteln, ob das, was die Gesellschaft ihnen in diesem Beruf abverlangt, aus ihrer Sicht auch fachlich korrekt sowie ethisch vertretbar ist. Hochschulbildung für jedermann soll und muss nichts mehr zu tun haben mit Denken, Bildung, Kritik und Selbständigkeit in der Anwendung von wissenschaftlichen Ergebnissen. Eliten soll es natürlich geben. Aber dafür ist nicht jeder geeignet und nicht jeder hat die Knete dafür.![]()
Wenn wir nicht aufpassen wird der gegenwärtige Studentenprotest auf perfide Weise instrumentalisiert: Wenn die Studenten sich über Überfrachtung, Unstudierbarkeit und Zeitnot beklagen, so kommt das den herrschenden Bildungsvorstellungen vieler Politiker sehr entgegen. Der Protest könnte ihnen den Vorwand bieten, die eigentliche Zielsetzung des Bachelors endlich durchzusetzen nach dem Motto: “Die Entschlackung der Bachelorstudiengänge ist angebracht. Die Studierenden sollen entlastet werden, damit sie wieder studieren können”.
Und was könnte das Fazit sein: Die Billigausgabe der Diplom-Studiengänge wird nun doch durchgesetzt, gegen die Absichten und Hoffnungen der Hochschulen und vielleicht mit dem erschöpften Segen der gebeutelten Studenten.
Entscheidend ist, ob die grundsätzliche Kritik am (Hochschul)-Bildungssystem sich in der Studentenschaft verankert: Bildung ist mehr als die Abrichtung für die Märkte eines Exportweltmeisters. Bildung ist ein Menschenrecht und die Voraussetzung für eine aufgeklärte, demokratische und selbstkritische Gesellschaft.
Geschrieben in Kritik und Problemlagen, Diskussionsthemen | Keine Kommentare »
8.11.2009 von m.s..
Zur Zeit betreue ich ein Projekt , in dem sich Studierende an eine qualitative Untersuchung bei PraktikerInnen trauen zu der Frage, wie sich zu Zeiten von Ökonomisierung und aktivierendem Staat ihre Arbeitssituation konkret verändert hat. Man kann auf die Ergebnisse gespannt sein. Die Interviews liegen schon vor, die Auswertung kommt noch.
Was aber jetzt schon deutlich ist: SozialpädagogInnen, die im Kontext ARGE (in Jobcentern und Beratungsstellen) arbeiten und vor drei Jahren noch unter den beengten thematischen und methodischen strukturellen sowie ethisch problematischen Vorgaben des Fallmanagements gestöhnt haben und sich fragten, ob diese Tätigkeit wirklich eine sozialpädagogische Tätigkeit sei, die sie vor sich selber verantworten können, haben sich mit ihrer Situation inzwischen arrangiert und abgefunden, ja sie sehen inzwischen echte fachliche Möglichkeiten, wie sie als SozialpädagogInnen für ihre Klientel etwas erreichen können.
Na dann ist ja doch alles in Ordnung?
Frage ist nur: Haben sich die Bedingungen für professionelle und partizipative Arbeit in diesem Bereich und vielleicht auch speziell an der konkreten Arbeitsstelle wirklich zum Positiven entwickelt? Oder haben sich die KollegInnen nur einfach an den gesetzten Rahmen gewöhnt und versuchen nun, irgendwie doch das Beste daraus zu machen?
Ich fürchte, niemand hält drei Jahre lang aus, in dem Bewußtsein zu leben und zu arbeiten, dass an den Grundlagen der eigenen beruflichen Tätigkeit etwas faul ist. Entweder er geht - und wer kann sich das leisten - oder er wird krank. Oder er versucht eben doch aus Stroh Gold zu spinnen.
Ich frage mich, was man tun kann, damit kritische Studierende, die in der Praxis ankommen, eine Chance haben, sich ihr kritisches Bewusstsein zu erhalten und Wege zu finden, gemeinsam an den Grundlagen solcher Arbeitsbedingungen zu rütteln?
Geschrieben in Kritik und Problemlagen, Diskussionsthemen, Projekte, Infos und Fragen | Keine Kommentare »
25.10.2009 von m.s..
Nachdem ich verschiedentlich gehört habe, dass meine kritischen Beiträge eher den Eindruck erweckt haben, dass der Bundeskongress nicht so doll gewesen sei….
Das möchte ich doch ein wenig relativeren.
Es waren viele gekommen, viele Studierende auch und viele junge KollegInnen. Das allein ist schon mal sehr positiv. Die Vielfältigkeit der Angebote war beeindruckend und sicher auch produktiv. Die Organisation war gut (bis auf die unglaublich schlechte Ausschilderung auf dem Campus und in der Stadt). Es dürfte den meisten TeilnehmerInnen um Anregungen, Informationen, Kontakte gegangen sein. Das ist für einen Bundeskongress völlig in Ordnung und ich glaube, das hat er auch für zur vollsten Zufriedenheit geleistet.
Natürlich gab es für mich auch unbefriedigende Aspekte:
Die so notwendige kritische Haltung zu den aktuellen Entwicklungen wurden von vielen ReferentInnen zwar durchaus thematisiert und deutlich gemacht. Der Vortrag von Winkler war dafür ein super Beispiel. Am Schlussplenum konnte man verfolgen, welche Bedeutung der Kritik an den gegenwärtigen Prozessen von den PosiumsteilnehmerInnen zugewiesen wurde. Hier ging es um wichtige professionsinterne, zukunftsweisende Überlegungen und Anregungen:
Und gleichzeitig wurde mir auch bei diesem Plenum wie im gesamten Verlaufe des Kongresses aber klar, dass für die Mehrheit der KongressteilnehmerInnen die aktuellen Fragen zu unserer Professionspolitik und zur Veränderung des Selbstverständnisses und der ethischen Grundfragen unserer Profession in Zeiten der Ökonomisierung und der neosozialen Vorstellungen eines aktivierenden Staates, nicht wirklich wichtig und bestimmend oder zumindest vorrangig waren. Mir scheint, dass die Tendenz, sich den neuen Entwicklungen zwar irgendwie kritisch aber eben doch bemüht konstruktiv und letztlich angepasst anzuschmiegen, den Mainstream in der gegenwärtigen Praxis wie in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit bestimmt. Deutlich wurde das für mich z.B. auf dem Sozialpolitischen Forum mit VertreterInnen des DGB, des DBSH und sozialpolitischen KollegInnen aus Wissenschaft und Praxis. Die brennenden Themen wurden angesprochen und benannt. Die Beiträge waren zum Teil sehr interessaant und kritisch (z.B. der von Frau Spindler). Im Publikum gab es einige, die mehr wollten, als Statements und treffende Worte. Hans- Uwe Otto engagierte sich aus dem Publikum heraus massiv. Aber dann ging die Veranstaltung ohne jede Konsequenz zu Ende. Keine Resolution wurde formuliert (wie macht man das eigentlich noch? Geht das denn noch 40 Jahre nach 1969?), kein gemeinsamens Statement der Profession an die Öffentlichkeit und/oder Politik schriftlich festgehalten, keine konkreten Schritte für eine Weiterarbeit in diese Richtung wurden vereinbart. Die allgemeine kritische Haltung mündete in achselzuckender , selbstzufriedener Resignation nach dem Motto: “Gut, dass wir mal darüber gesprochen haben”.
Deshalb möchte ich zum Ende meiner kritischen Bemerkungen über den Bundeskongress Soziale Arbeit die Worte von Hans-Uwe Otto auf dem Abschlussplenum zitieren:
“Wir sind in einer Gesellschaft angekommen, die eindeutig bestimmt, was wir nicht wollen“.
Wenn dem so ist, müsste mehr passieren in unseren Reihen.
Geschrieben in Bundeskongress Soziale Arbeit 2009, Diskussionsthemen | Keine Kommentare »
23.10.2009 von m.s..
Zugegeben, Herr Sarrazin ist kein Sozialarbeiter und auch keiner, der sie beschäftigt und bezahlt oder eben schlecht bezahlt….
Aber auch die offizielle Politik gibt Zunder:Kinder der Gebildeten fördern, ….
Zugegeben, noch klingen die Aussagen scheinbar harmlos, die in der gegenwärtigen Sozialen Arbeit dazu auffordern, “Spruch: ungleiche Behandlung, Erziehung der Unterschichten, …
Es sei aber daran erinnert, dass z.B. im Faschismus die Soziale Arbeit, damals “Fürsorge”, Schritt für Schritt und ohne nennenswerten Widerstand für die Euthanasie und die Rassenpolitik vereinnahmt wurde und sich aktiv daran beteiligt hat. Auch diese alle mussten ihre Brötchen verdienen.
Hierzu ein Zitat von C.W. Müller (2000):
“Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen in Gesundheitsämtern, Jugendämtern und Sozialämtern, Erzieherinnen und Pflegerinnen in geschlossenen und offenen Einrichtungen der Sozialen Arbeit und viele andere in Sozialen Berufen Tätige waren in das bürokratische System der Auslese, Aussonderung und Ausmerze von Trägern „unwerten Lebens“ eingebunden. Viele haben sich dagegen gewehrt und mussten für diese Gegenwehr bezahlen, viele haben stillschweigend geduldet und sind in die innere Emigration gegangen, viele haben, zum Teil aus Überzeugung, mitgemacht. …. Es geht mir … darum, das historische Bewusstsein wach zu halten, dass auch Vertreter einer moralischen Profession nicht gefeit sind gegen die Versuchung, die moralischen Prinzipien dieser Profession gegen ein antihumanes Gegenbild einzutauschen“.
Plakat aus der NS-Zeit; Ausstellung in Prora (Rügen)
Geschrieben in Diskussionsthemen, Infos und Fragen | Keine Kommentare »
20.10.2009 von m.s..
Wenn man sich die Argumente in der Politik und in der Öffentlichkeit anhört, wird immer wieder laut: “Wieso investieren wir in die Teile der Jugend, die es ohnehin nicht schaffen, bei den Regeln und Anforderungen unserer flexiblen Gesellschaft Schritt zu halten. Investieren wir doch besser in die Teile der Jugend, die auch etwas für sie leisten werden, in unsere Eliten, in die Besten, in die, die es geschafft haben und schaffen werden…..”
Oder: “Und wieso geben wir für Menschen Geld aus, die gar nichts leisten, die nur Kinder in die Welt setzten, die uns dann ebenfalls auf der Tasche liegen werden…”
Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
Das könnte z.B. unter diesem Bild stehen:
“Eine Einrichtung für sozial auffällige Jugendliche kostet genau so viel wie eine ganze Wohnsiedlung kosten würde. Wäre es nicht sinnvoller, dieses Geld in Familien zu investieren, die es schaffen, ihre Kinder so zu erziehen, dass sie nützliche Mitglieder unserer Gesellschaft werden, arbeiten und der Gesellschaft nicht auf die Tasche fallen . Wäre unser Geld so nicht besser angelegt?”
Das Foto stammt aber aus der Ausstellung aus Prora auf Rügen über die Sozialpolitik der Nazis und war bei den Nationalsozialisten folgender Maßen kommentiert:
links heißt es:
“Erziehungsheim in E. für 130 Schwachsinnige; ‘Ausgaben jährlich rund 104 000 RM; dafür könnte man…”
rechts heißt es:
“17 Einfamilienhäuser für erbgesunde Arbeiterfamilien erstellen.”
Natürlich, das ist eine ganz andere Dimension - aber so ganz anders ist sie auch wieder nicht.
So fängt es vielleicht an. Der Geist ist fruchtbar noch (immer noch und wieder), aus dem das kroch…….
Geschrieben in Diskussionsthemen | Keine Kommentare »
17.10.2009 von m.s..
Ich saß im Auto, als im Radio seine Äußerungen zitiert wurden. Da war alles noch ganz frisch und der berichtende Journalist war herzerfrischend aufgebracht über die hetzerische und beleidigende Aussage eines unserer ziemlich weit oben stehenden Leistungsträger.
Die Aufregung insgesamt hielt sich in den nächsten Tagen allerdings in Grenzen. Am Wochenende sah ich dann eine Reportage - weiß leider nicht mehr genau wann und wo - in der sich Berliner Bevölkerung zur Sache äußerte. Seit dem ist mir klar, wieso Herr Sarrazin so etwas ohne wirkliche Folgen sagen konnte: Er spricht einem großen Teil unserer Bevölkerung aus dem Herzen. Eine Frau kam in dieser Reportage auf den Punkt: “Der hat endlich mal laut gesagt, was Sache ist. Man traut sich ja gar nicht mehr, wirklich seine Meinung zu sagen!” Herr Sarrazin hat hier einfach nur dem Volke seine Stimme geliehen: ‘Endlich kann man mal wieder laut sagen, was man eigentlich von diesem Gesocks denkt! Am besten gehen sie eben dahin, wo sie herkommen!’
Da ist also ein Damm eingerissen worden, der ohnehin schon ziemlich löcherig war: die Toleranz gegenüber Mitmenschen anderer Kulturen, anderer Glaubensgemeinschaften, anderer Rassen und Nationen.
Ein paar Gedanken:
Geschrieben in Diskussionsthemen | Keine Kommentare »
9.10.2009 von m.s..
FORUM III 25. 9.09
SICHERHEIT
Von Gaby Flösser moderiert fanden zum 3. der zentralen Themen des Bundeskongresses - Sicherheit - drei von einander unabhängige Referate statt, die jedes für sich gesehen und betrachtet werden müssen.
Besonders positiv ist mir das Referat von Walter Hanesch (Hochschule Darmstadt) aufgefallen, der sehr konsequent die Frage anging, ob Soziale Arbeit der Sozialpädagogik oder aber der Ordnungspolitik zugehörig ist. Letztlich ging es um die Frage, ob Soziale Arbeit sich vorrangig die Lebensbewältigung der Menschen verpflichtet fühlt oder ob ihr Ziel und ihre Aufgabe darin bestehen, Fehlverhalten zu strafen bzw. zu seiner Verhinderung und Verhütung beizutragen. Der Blickwinkel der Profession sei jeweils grundsätzlich ein anderer.
Leider sind meine Aufzeichnungen eher rudimentär, was aber nicht an dem dargebotenen Inhalten gelegen haben kann. Hier warte ich gespannt auf die Veröffentlichung der Texte vom Bundeskongress.
Der Vortrag von Fabian Kessl befasste sich mit der gegenwärtigen Tendenz Sozialer Arbeit, sich ordnungspolitischen Erwartungen an die Profession anzuschmiegen bzw. sich ihrer Zielsetzung zu unterwerfen. So stellte er unmissverständlich fest, dass z.B. die inzwischen übliche und als Vernetzungarbeit hoch gerühmte Zusammenarbeit Sozialer Arbeit mit der Polizei zum Verzicht auf die eigenen sozialpädagogischen Ziele führen muss, weil die ordnungspolitischen Ziele in einer solchen Zusammenarbeit immer dominieren werden.
Einen Schock hat Fabian Kessl sicherlich manchem Zuhörer versetzt, als er erklärte, dass auch das so hoch gelobte und anerkannte Antiaggressionstraining, keine Sozialpädagogik, sondern eher eine Anleihe bei der Ordnungspolitik ist, wenn Sanktionen und Strafen dabei eine wichtige Rolle spielen.
Geschrieben in Bundeskongress Soziale Arbeit 2009, Diskussionsthemen | Keine Kommentare »
6.10.2009 von m.s..
ARBEITSGRUPPE II 25.9.09
KRITIK SOZIALER ARBEIT - KRITISCHE SOZIALE ARBEIT
Von dieser, von Helga Cremer-Schäfer und Fabian Kessl moderierten, Arbeitsgruppe hatte ich mir viel versprochen. Sowohl die Redaktion der Zeitschrift Widersprüche wie der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit interessierten mich, fand ich doch dort in den letzten Jahren immer wieder Positionen, die mir vertraut waren und die mich überzeugen konnten.
Was dann aber “über die Bühne” ging war leider aus verschiedenen Gründen eine herbe Enttäuschung. Leider.
Das Eingangsstatement von Frank Bettinger über die Lage in der Sozialen Arbeit und ihrer Wissenschaft war noch nachvollziehbar und machte für die Thematik einen Sinn.
Was die Leute da vorne dann aber im weiteren Verlauf ‘rüberbrachten war eigentlich nur eine Klage und vielleicht auch Selbstanklage: Als kritische WissenschaftlerInnen versuchen sie, im bestehenden Betrieb und im Kontext einer sich selber genügenden und dem Gesetz des “immer origineller werden Müssens” unterworfenen Wissenschaft, kritische Beiträge zur Sozialen Arbeit zu leisten und haben dabei, wie sie selber sehen, einen zwiespältigen Erfolg. Sie sprachen vom “kalten Blick” der Rationalität, den sie zwangsläufig entwickelten, von einer gewissen Gleichgültigkeit nach außen und von der “Versenkung ins Besondere”, die dieses der Wissenschaftsszene verhaftet Sein mit sich brächte. Sie beklagten diesen Zustand auf der einen Seite und klagten gleichzeitig selbstkritisch - und wie mir schien ein wenig selbstgefällig - darüber, dass sie aus diesem Elfenbeinturm gar nicht heraus könnten, ja man hatte das Gefühl, auch nicht wirklich heraus wollten. 
Und genau diesen Zustand führten die Leute auf dem Podium dann befremdend deutlich dem Publikum vor Augen, in dem sie sich hemmungslos und gedankenlos einer für viele der Anwesenden unverständlichen Fachsprache bedienten und untereinander Interna aus ihren bisherigen Diskussions- und Kooperationszusammenhängen andeuteten, die keiner verstehen konnte. Mit der Zeit bekam ich den fatalen Eindruck, dass sich vor uns Leute getroffen hatten, die oft mit einander diskutieren und heute, weil sie einmal so schön drin sind, eine ihrer Diskussionen einfach vor Publikum weiterführten, völlig selbstvergessen und selbst überschätzend, so als würden allein schon ihre Diskurse für ein interessiertes Publikum gewinnbringend sein.
Das war denn auch ziemlich frustriert und enttäuscht. Ein Teilnehmer meinte, er verstünde das alles nicht, er hätte geglaubt, hier etwas darüber zu erfahren, was kritische Soziale Arbeit sei und wie man kritischer Sozialer Arbeiter werden könne. Viele, besonders Studierenden, fühlten sich von dem Geschehen regelrecht verarscht - so zu vernehmen beim Verlassen des Saales.
Und da half es auch nichts, dass die Podiumsleute deutlich zu machen versuchten, dass - leider - die Kritik der Theorie und die der Praxis auseinander laufe und man es bisher nicht geschafft habe, diese Trennung zu überwinden. Was leider bewiesen wurde.
Nicht verstanden habe ich von vorneherein ohnehin, warum nur WissenschaftlerInnen auf dem Podium saßen und Vertreter von “Projekten und Initiativen einer kritischen Sozialen Arbeit” nicht erkennbar waren.
Das Ergebnis dieser Arbeitsgruppe ging für mich nach hinten los: Sie vermittelte weder die Notwendigkeit kritischer Sozialer Wissenschaft und Arbeit noch machte sie dafür Mut und ganz sicher machte sie darauf keine Lust.
Geschrieben in Bundeskongress Soziale Arbeit 2009, Kritik und Problemlagen, Diskussionsthemen | 4 Kommentare »