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11.1.2010 von m.s..
Es ist eigentlich schade, dass mein Schwarzbuch jetzt fertig ist (wird im Februar bei VS erscheinen) und ich neue Beispiele, die mir SozialarbeiterInnen und StudentInnen erzählen, nicht mehr einarbeiten kann. Denn alles was ich so höre: es wird nicht besser, es wird immer schlimmer! Meine Beispiele im Schwarzbuch sind keine traurigen Ausnahmen, sondern offensichtlich vielleicht sogar noch vergleichsweise nette Geschichten.
Heute erzählt mir eine Studentin, dass ihr Träger ihr untersagt, für ein Praxisprojekt, das sie unentgeltlich und aus freien Stücken in den Ferien in einer Tagesgruppe durchzuführen bereit ist, nur drei und nicht wie gewünscht fünf Kinder in ihre Kleingruppe einzubinden. Angesichts der gewählten Methode und des heiklen Themas (häusliche Gewalterfahrungen bei den Kindern) wären drei Kinder ausreichend, fünf machen die Situation unübersichtlich und wahrscheinlich auch weniger erfolgreich. Aber das sind keine Argumente für den Träger. Denn: eine so kleine Gruppe kann er nicht in seinem Finanzierungskonzept durchsetzen.
Fragt sich man sich: Wieso Finanzierungskonzept? Werden unbezahlte Tätigkeiten von Praktikantinnen schon in die Finanzierungskonzepte eingearbeitet? Es sieht ganz so aus. Mit der kostenfreien Arbeit von Praktikantinnen wird in allen Praxisstellen schließlich gerechnet.
Aber darüber wundert sich meine Studentin schon gar nicht mehr und auch darüber nicht, dass fachliche Argumente, auch der Hinweis auf die vermutlich geringere fachliche Effektivität, offensichtlich überhaupt keine Bedeutung mehr zu haben scheinen.
Das Geld regiert die Praxis, zu diesem Schluss kommt sie nach einem Jahr Praxiserfahrung.
Kein Wunder denke ich, wenn Wohlfahrtsverbände gezwungen sind, sich wie Unternehmen am Markt über Wasser zu halten. Es bleibt ihnen nichts anderes mehr übrig, als sich auch wie Unternehmen zu verhalten.
Wer setzt dagegen?
Wenn Kaffeemaschinen billig produziert werden, dann wird zumindest die Macht des Kunden eine Grenze darstellen für die Absenkung der Produktqualität.
Aber wer tut das bei uns? Wer merkt überhaupt, wenn unsere Arbeit keine Wirkungen zeigt, weil die Bedingungen nicht reichen und wenn wir stattdessen vielleicht sogar Bruch erzeugen?
Ganz sicher wird niemand die kleinen KlientInnen meiner Studentin fragen, was das Projekt für sie gebracht hat.
Aber unter uns: geht es dem Träger dabei überhaupt um ein Ergebnis für die Kinder? Wird meine Praktikantin nicht einfach nur gebraucht, um für die Ferienzeit die flickenhafte Personaldecke nach außen zu vertuschen?
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17.11.2009 von m.s..
Mit großem Vergnügen verfolge ich den aktuellen Bildungsstreik und stelle fest, dass die Studentenschaft doch nicht so bewegungs-, kritik- und einfallslos ist, wie es in den vergangenen Jahren oft erschien.
Gleichzeitig sehe ich derzeit die große Gefahr, dass der Protest dazu genutzt werden könnte, die neoliberalen Ziele von Bologna nun endlich erst richtig durchzusetzen.
Seit dem Einstieg in den Bologna-Prozess, d.h. seitdem studiert werden muss im Kontext der neuen, den Bedürfnissen nach Schaffung von mehr, schnell sowie kostengünstig ausgebildetem Humankapitel an unseren Hochschulen, ist der Druck für die Studierenden immer unerträglicher geworden. Verschulung und Reglementierung, Eingespanntsein in ein enges, genau vorgeschriebenes Prozedere von Leistungserbringung und ständigem Zeitdruck macht das Studieren immer schwieriger und oft einfach unmöglich. Die Regelstudienzeiten sind kaum erreichbar, die Studierenden leiden unter einer unübersichtlichen Fülle an Stoff, dessen Kenntnis von ihnen in kleinschrittigen Prüfungen permanent abverlangt wird. Keiner hat mehr Zeit für Seminare, die interessieren, die aber gerade nicht im Plan stehen. Keiner hat mehr Zeit für Projekte und dafür, sich mit Themen eingehend und diskursiv zu befassen. Es wird studiert von der Hand in den Mund, ausschließlich zur Reproduktion für den Schein. Man studiert nur noch, damit man seine Creditpoints abhaken kann usw.
Für viele fehlt nun außerdem die erforderliche Zeit dafür, ihren Unterhalt durch Arbeit zu verdienen. Das Bachelorstudium geht von einem wöchentlichen Zeitaufwand von ca. 60 Stunden aus. Wer kann das? Wie soll das jemand schaffen, der sich seine Brötchen verdienen muss?
Und wozu das Ganze? Weil eine europäische Vergleichbarkeit und Mobilität für die Studierenden angestrebt wird? Fakt ist, dass die Auslandsstudienzeiten zurückgegangen sind und die Studienabbrüche deutlich zugenommen haben.
“Education is NOT for $AF€ ” ist ein Motto der Studierenden. Sie scheinen allmählich zu begreifen, dass hinter den Hochschulreformen etwas anderes steckt als der Wunsch, mehr Vergleichbarkeit und mehr Internationalität herzustellen. Hier geht es um das alte Lied “billiger aber besser”, “mehr, aber bitte bei gleich bleibenden Kosten”. Es geht darum , soviel Wissen zu generieren, wie unsere Wirtschaft sie verlangt, aber keine überflüssigen Theorien zu thematisieren und schon nicht, kritische und selbständig denkenden Köpfe auszubilden!
Wenn nun den streikenden Studierenden von Seiten der Politik und der Kultusministerkonferenz Zustimmung und Sympathie erklärt wird, so sollten sie genau hinhören:
Seit Tagen höre ich von der politischen Seite den Vorwurf an die Hochschulen, zu der Misere selber beigetragen zu haben, indem sie die Bachelor-Studiengänge mit dem gesamten Inhalt der ehemaligen Diplom-Studiengänge überfrachtet hätten. Und tatsächlich, so ist der Reformprozess verlaufen: Die Hochschulen haben versucht, ihren guten alten Wein in die neuen Schläuche reinzupressen, damit ihr Fach, ihre Wissenschaft nicht in einer verkürzten Billigvariante gelehrt werden muss. Das hat - genau so auch bei uns - zu einer hoffnungslosen Überfrachtung des Studiums und zu einer Überforderung der Studierenden geführt. Die Hochschulen, die ja klaglos und brav den angeordneten, oder besser verordneten, Reformprozess à la Bologna in die Praxis umgesetzt haben, waren alle bereit, an das vorgepredigte Effizienzcredo der neoliberalen Gesellschaft “kürzer aber dennoch gut” zu glauben.
Jetzt kriegen sie dafür eins auf die Finger. Sie haben offenbar nicht kapiert, worum es bei Bologna geht: Wir, d. h. diese Gesellschaft braucht viele und mehr AkademikerInnen, aber es reicht völlig aus, wenn diese auf einem reinen Wissensniveau ausgebildet werden. Menschen, die denken können, die die Grundlagen ihres Handelns und die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Handelns kritisch hinterfragen können, sind eher unerwünscht und in größerem Umfang einfach überflüssig. Studierte Menschen sollen einen Beruf ausüben können, der qualifizierte Kenntnisse erfordert, und nicht daran herumdeuteln, ob das, was die Gesellschaft ihnen in diesem Beruf abverlangt, aus ihrer Sicht auch fachlich korrekt sowie ethisch vertretbar ist. Hochschulbildung für jedermann soll und muss nichts mehr zu tun haben mit Denken, Bildung, Kritik und Selbständigkeit in der Anwendung von wissenschaftlichen Ergebnissen. Eliten soll es natürlich geben. Aber dafür ist nicht jeder geeignet und nicht jeder hat die Knete dafür.![]()
Wenn wir nicht aufpassen wird der gegenwärtige Studentenprotest auf perfide Weise instrumentalisiert: Wenn die Studenten sich über Überfrachtung, Unstudierbarkeit und Zeitnot beklagen, so kommt das den herrschenden Bildungsvorstellungen vieler Politiker sehr entgegen. Der Protest könnte ihnen den Vorwand bieten, die eigentliche Zielsetzung des Bachelors endlich durchzusetzen nach dem Motto: “Die Entschlackung der Bachelorstudiengänge ist angebracht. Die Studierenden sollen entlastet werden, damit sie wieder studieren können”.
Und was könnte das Fazit sein: Die Billigausgabe der Diplom-Studiengänge wird nun doch durchgesetzt, gegen die Absichten und Hoffnungen der Hochschulen und vielleicht mit dem erschöpften Segen der gebeutelten Studenten.
Entscheidend ist, ob die grundsätzliche Kritik am (Hochschul)-Bildungssystem sich in der Studentenschaft verankert: Bildung ist mehr als die Abrichtung für die Märkte eines Exportweltmeisters. Bildung ist ein Menschenrecht und die Voraussetzung für eine aufgeklärte, demokratische und selbstkritische Gesellschaft.
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15.11.2009 von m.s..
Das ist ein Zitat aus dem nächsten Interview mit einem leibhaftigen Sozialarbeiter, der seit vier Jahren Fallmanager ist. Eigentlich ist er rundum zufrieden. Allerdings, so meint er, könne diese Arbeit jeder machen. Schließlich braucht man dafür nur einen PC und ein bisschen Menschenverstand. Dazu ist das Examen nicht nötig, aber wozu auch. Er hat sich längst von diesem Negativ-Image der Sozialen Arbeit verabschiedet. Er macht keine windelweichen Sachen mehr und kriecht keinem Klienten mehr irgendwohin. Seine Kunden wissen seine Empathie zu schätzen. Die neuen Saktionierungsmöglichkeiten machen es es endlich wahr: sie tun was er ihnen sagt.
Wer einen anderen Blick auf diese “heile” Welt der ARGE haben will, kann mal das hier lesen.
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8.11.2009 von m.s..
Zur Zeit betreue ich ein Projekt , in dem sich Studierende an eine qualitative Untersuchung bei PraktikerInnen trauen zu der Frage, wie sich zu Zeiten von Ökonomisierung und aktivierendem Staat ihre Arbeitssituation konkret verändert hat. Man kann auf die Ergebnisse gespannt sein. Die Interviews liegen schon vor, die Auswertung kommt noch.
Was aber jetzt schon deutlich ist: SozialpädagogInnen, die im Kontext ARGE (in Jobcentern und Beratungsstellen) arbeiten und vor drei Jahren noch unter den beengten thematischen und methodischen strukturellen sowie ethisch problematischen Vorgaben des Fallmanagements gestöhnt haben und sich fragten, ob diese Tätigkeit wirklich eine sozialpädagogische Tätigkeit sei, die sie vor sich selber verantworten können, haben sich mit ihrer Situation inzwischen arrangiert und abgefunden, ja sie sehen inzwischen echte fachliche Möglichkeiten, wie sie als SozialpädagogInnen für ihre Klientel etwas erreichen können.
Na dann ist ja doch alles in Ordnung?
Frage ist nur: Haben sich die Bedingungen für professionelle und partizipative Arbeit in diesem Bereich und vielleicht auch speziell an der konkreten Arbeitsstelle wirklich zum Positiven entwickelt? Oder haben sich die KollegInnen nur einfach an den gesetzten Rahmen gewöhnt und versuchen nun, irgendwie doch das Beste daraus zu machen?
Ich fürchte, niemand hält drei Jahre lang aus, in dem Bewußtsein zu leben und zu arbeiten, dass an den Grundlagen der eigenen beruflichen Tätigkeit etwas faul ist. Entweder er geht - und wer kann sich das leisten - oder er wird krank. Oder er versucht eben doch aus Stroh Gold zu spinnen.
Ich frage mich, was man tun kann, damit kritische Studierende, die in der Praxis ankommen, eine Chance haben, sich ihr kritisches Bewusstsein zu erhalten und Wege zu finden, gemeinsam an den Grundlagen solcher Arbeitsbedingungen zu rütteln?
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12.10.2009 von m.s..
Die GEW und der DGB haben sich zum Thema der unbezahlten Praktika und geäußert und unterstützen eine Aktion streikender PraktikantInnen:
http://www.gew-berlin.de/19473.htm
http://www.dgb-jugend.de/studium/meldungen/wir_sind_mehr_wert
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6.10.2009 von m.s..
ARBEITSGRUPPE II 25.9.09
KRITIK SOZIALER ARBEIT - KRITISCHE SOZIALE ARBEIT
Von dieser, von Helga Cremer-Schäfer und Fabian Kessl moderierten, Arbeitsgruppe hatte ich mir viel versprochen. Sowohl die Redaktion der Zeitschrift Widersprüche wie der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit interessierten mich, fand ich doch dort in den letzten Jahren immer wieder Positionen, die mir vertraut waren und die mich überzeugen konnten.
Was dann aber “über die Bühne” ging war leider aus verschiedenen Gründen eine herbe Enttäuschung. Leider.
Das Eingangsstatement von Frank Bettinger über die Lage in der Sozialen Arbeit und ihrer Wissenschaft war noch nachvollziehbar und machte für die Thematik einen Sinn.
Was die Leute da vorne dann aber im weiteren Verlauf ‘rüberbrachten war eigentlich nur eine Klage und vielleicht auch Selbstanklage: Als kritische WissenschaftlerInnen versuchen sie, im bestehenden Betrieb und im Kontext einer sich selber genügenden und dem Gesetz des “immer origineller werden Müssens” unterworfenen Wissenschaft, kritische Beiträge zur Sozialen Arbeit zu leisten und haben dabei, wie sie selber sehen, einen zwiespältigen Erfolg. Sie sprachen vom “kalten Blick” der Rationalität, den sie zwangsläufig entwickelten, von einer gewissen Gleichgültigkeit nach außen und von der “Versenkung ins Besondere”, die dieses der Wissenschaftsszene verhaftet Sein mit sich brächte. Sie beklagten diesen Zustand auf der einen Seite und klagten gleichzeitig selbstkritisch - und wie mir schien ein wenig selbstgefällig - darüber, dass sie aus diesem Elfenbeinturm gar nicht heraus könnten, ja man hatte das Gefühl, auch nicht wirklich heraus wollten. 
Und genau diesen Zustand führten die Leute auf dem Podium dann befremdend deutlich dem Publikum vor Augen, in dem sie sich hemmungslos und gedankenlos einer für viele der Anwesenden unverständlichen Fachsprache bedienten und untereinander Interna aus ihren bisherigen Diskussions- und Kooperationszusammenhängen andeuteten, die keiner verstehen konnte. Mit der Zeit bekam ich den fatalen Eindruck, dass sich vor uns Leute getroffen hatten, die oft mit einander diskutieren und heute, weil sie einmal so schön drin sind, eine ihrer Diskussionen einfach vor Publikum weiterführten, völlig selbstvergessen und selbst überschätzend, so als würden allein schon ihre Diskurse für ein interessiertes Publikum gewinnbringend sein.
Das war denn auch ziemlich frustriert und enttäuscht. Ein Teilnehmer meinte, er verstünde das alles nicht, er hätte geglaubt, hier etwas darüber zu erfahren, was kritische Soziale Arbeit sei und wie man kritischer Sozialer Arbeiter werden könne. Viele, besonders Studierenden, fühlten sich von dem Geschehen regelrecht verarscht - so zu vernehmen beim Verlassen des Saales.
Und da half es auch nichts, dass die Podiumsleute deutlich zu machen versuchten, dass - leider - die Kritik der Theorie und die der Praxis auseinander laufe und man es bisher nicht geschafft habe, diese Trennung zu überwinden. Was leider bewiesen wurde.
Nicht verstanden habe ich von vorneherein ohnehin, warum nur WissenschaftlerInnen auf dem Podium saßen und Vertreter von “Projekten und Initiativen einer kritischen Sozialen Arbeit” nicht erkennbar waren.
Das Ergebnis dieser Arbeitsgruppe ging für mich nach hinten los: Sie vermittelte weder die Notwendigkeit kritischer Sozialer Wissenschaft und Arbeit noch machte sie dafür Mut und ganz sicher machte sie darauf keine Lust.
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2.10.2009 von m.s..
VORTRAG: Michael Winkler (25.9.09)
REPRESSIVE SICHERHEIT - SOZIALE ARBEIT UND DIE DUNKLE SEITE DER INKLUSION
Am ersten Morgen des Kongresses überraschte mich der Vortrag von Michael Winkler . Nicht, dass ich hier Unbekanntes zu hören bekommen hätte. Was er seinem Publikum mitteilte, ist sehr wohl bekannt. Aber dass es so offen und deutlich ausgesprochen wird, das ist durchaus nicht selbstverständlich.
Michael Winkler kann sich mit der gegenwärtigen Sozialen Arbeit nicht mehr identifizieren, da sie zunehmend ein Instrument der Menschenbeherrschung geworden sei:
Michael Winkler distanzierte sich von einer Sozialen Arbeit, die zur Durchsetzung einer bedrohlichen Konformität und Repression der Menschen beiträgt. Er fragte sich, wie man verhindern könne, dass unsere Profession heute selber zum Täter wird.
Aber, so gab er zu bedenken, die Zeiten einer kritischen Sozialen Arbeit seien dahin. Die ökonomisierte Soziale Arbeit sei ein Bündnis mit den Medien und mit der Politik eingegangen. Seit sie von dort Anerkennung bekommen und quasi an der Macht geschnüffelt habe, blieben ethische Fragen zunehmend ausgeklammert und eine politisierte Entpolitisierung mache sich breit. Da sie selber Mitinhaberin von Macht ist bzw. zu sein glaubt, sei grundlegende Kritik für sie mehr möglich. Kritik gelte vielmehr als Störung.
Und entsprechend ersetze nun Politik auch die Theorie: Die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung gelten als Wahrheit. Theorie dagegen erscheint als Spekulation. Die gegebene Realität wird zum Maßstab der Praxis erklärt und die Profession begnügt sich mit partikularisiertem, positivistischem Wissen.
dieses Wissen allerdings, so Winkler, verdiene das Prädikat “Wissen” nicht, da es weder nach Umständen noch nach Ursachen frage.
Bei all diesen Prozessen und Entwicklungen gehe laut Winkler die menschliche Qualität des Sozialen verloren. Deshalb müsse eine Soziale Arbeit, die sich am Sozialen orientieren wolle, wieder danach fragen, was Menschen brauchen und sich an der Ermöglichung von Leben, Selbstbestimmung und Gemeinsamkeit orientieren.
Der Vortrag von Winkler wurde von den Zuhörern konzentriert aufgenommen und es entstand eine ganz dichte Atmosphäre.
Wenn der Kongress danach zu Ende gewesen wäre, er hätte sich gelohnt.
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1.10.2009 von m.s..
SYMPOSIUM I am 1. Abend (24.9.09)
Es ging um das Thema: Politik der Profession als Stärkung des Sozialen - Herausforderung und Verantwortung der Sozialen Arbeit als gesellschaftliche Aufgabe.
Hans Uwe Otto hatte auf dem Plenum Vertreter der gewerkschaftlichen und berufsständigen Organisationen versammelt, die eine für ihn erkennbare Vertretungsposition der Profession Soziale Arbeit einnehmen: die beiden Gewerkschaften ver.di und GEW sowie den Berufsverband DBSH. Michael Leinenbach vertrat den DBSH, Norbert Hocke die GEW und Harald Giesecke die Gewerkschaft ver.di.
Hans Uwe Otto formulierte seine Erwartungen: Es ginge darum, dass hier echte Vertretungspositionen eingenommen würden und der Sozialen Arbeit als Sprachrohr dienten. Ziel sei es, dass Soziale Arbeit selber mitdefiniere und nicht weiter von außen definiert würde. Ferner sei es notwendig, dass sich Soziale Arbeit und ihre Vertreter in die aktuellen Debatten um sozialpolitische Fragen aus professionspolitischen Gründen einmische und am besten dabei die Führungsrolle übernähme. Die Wohlfahrtsverbände könnten dies nicht leisten, sind sie doch in diesem Prozess auf der Arbeitgeberseite und vertreten ihre eigenen Interessen.
Der derzeitige Zustand der Sozialen Arbeit wurde einvernehmlich kritisch gesehen. ZB. stellte man fest, dass aus einem Vollzeitberuf zunehmend ein Teilzeitberuf gemacht wird. Die derzeitige Zunahme von Stellen in der Sozialen Arbeit kommen zudem fast ausschließlich dem Kindertagesstättenbereich zugute (+3%). In der Jugendhilfe insgesamt gibt es ein “Wachstum” von -2,1%, davon in der Jugendarbeit -28% und in der ambulanten Erziehungshilfe -12,5%. Kritisiert wurde, dass sich die Finanzierung z.B. auch in den Kindertagesstätten heute nicht mehr an den pädagogischen Notwendigkeiten, sondern bloß an der reinen Anwesenheit der Kinder aus. Das bedeutet, dass die Professionspolitik gegenwärtig unter einem reinen Finanzdiktat steht und nicht den Lebenslagen und Lebensbedürfnissen der Betroffenen entspricht. Es geht auch nach Meinung der gewerkschaftlichen und berufständigen Vertreter darum, dass die Soziale Arbeit die Definitionsmacht über ihre eigene Arbeit zurückgewinnt.
Die von allen geforderte politische Einmischung der Sozialen Arbeit und ihrer Vertreter bezog sich vor allem auf die Schaffung von Arbeitsbedingungen, die “eine gehaltvolle Arbeit möglich machen”. Der vielleicht von Hans-Uwe Otto oder auch von TeilnehmerInenn des Symposiums erhoffte politische Aufschrei erklang moderat.
Der geringe Organisiertheitsgrad im Bereich der Sozialen Arbeit wurde allgemein bedauert. Der Vertreter der GEW stellte fest, dass es bisher nicht gelungen sei, für diese und mit dieser Gruppe ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln . Die Existenz unterschiedlicher Träger (freier und öffentlicher) und Arbeitsfelder führe zu einem zunehmenden Splitting in der Branche. Hinzu komme, dass der kirchliche Bereich z.B. bei Tarifabschlüssen immer eigene Wege geht. Zudem gibt es eine Fülle verschiedener Verbände, Gruppierungen und Arbeitsgemeinschaften, die jeder für sich Aussagen zur Profession treffen (z.B. dv, AGJ).
Ideen, wie der Grad der Organisiertheit der Sozial Arbeitenden erhöht werden könnte, gab es kaum. Es entstand der Eindruck, dass in den Verbänden die Vorstellung vorherrscht, die interessierten Sozial Arbeitenden könnten und müssten von selber an ihre möglichen Vertretungsorganisationen herantreten. Man verwies auf Broschüren, Plattformen, Satzungen und Informationsmaterial. Der Vorschlag, sich in den Hochschulen vorzustellen, wurde wenig begrüßt, da man ja mit der Ausbildung selber nichts zu tun hätte.
mein Kommentar:
Was die professionellen Sozial Arbeitenden heute brauchen würden, wäre ein gesellschaftlicher Ort und eine konkrete Gemeinschaft, in der sie ihre berufspolitischen und sozialpolitischen Themen und Anliegen - unabhängig von Trägern, Arbeitgeber, Arbeitsfeldern und Zielgruppen - besprechen, diskutieren, hinterfragen dürfen, wo sie die Gemeinsamkeiten ihrer Lage erkennen und Solidarität entwickeln können, wo politische Strategien erarbeitet werden und Ideen für Aktionen entstehen und wo sowohl politisches Bewusstsein als auch berufspolitisches Selbstbewusstsein wachsen kann.
Dieser gesellschaftliche Ort könnte jede der drei auf diesem Symposium vertretenen Organisationen sein. Es geht aber nicht darum, dass Funktionäre sich für die da unten ihre Köpfe zerbrechen und die sich dann irgendwelche Dienstleistungen abholen. Eine neue Bewegung kann nur von unten, von der Basis ausgehen. In jeder Stadt könnte es solche Gruppen (von GEW, ver.di oder DBSH) geben, wo sich engagierte, kritische Sozial Arbeitende regelmäßig treffen und austauschen und wohin sich auch jeder wenden kann, wenn er mit Problemen im Zusammenhang seiner Arbeit konfrontiert ist, gegen die er oder sie als Einzelne nichts ausrichten können.
Und genau solche Gruppen könnten sehr wohl auch schon StudentInnen der älteren Semester aufnehmen. Denn die suchen ganz dringend einen Identitätsort für ihre Professionalität , der sie beim Übergang in die Berufspraxis vor dem Schicksal bewahren kann, alleine da zu stehen, sich zwangsläufig anpassen zu müssen und alles zu vergessen, was sie über die gegenwärtige Lage der Sozialen Arbeit begriffen haben.
Was von den VertreterInnen der Gewerkschaften und des Berufsverbandes dann aber erwartet würde, ist: Unterstützung dieser Gruppen in räumlicher, materieller Hinsicht, Einbindung in die Beziehungen und Weiterbildungsmöglichkeiten der Organisation, Unterstützung der Aktionen und der entwickelten Forderungen und politische und rechtliche Rückendeckung!
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Geschrieben in Bundeskongress Soziale Arbeit 2009, Kritik und Problemlagen, Diskussionsthemen, Infos und Fragen | 1 Kommentar »
25.6.2009 von m.s..
Gedanken zum Bildungsstreik
Das ist eine These, die sich eine der Arbeitsgruppen überlegt hat, die derzeit im Seminar: “Wie man in sozialpädagogische Schläuche neoliberalen Essig füllt” an dem Thema “Aktivierender Staat und Jugendarbeit” sitzt.
Mit Genehmigung der Väter und Mütter dieses Gedankens darf ich hier zu dieser These ein wenig weiterspinnen…
Wie könnte das gemeint sein?
Aktiviert werden sollen Menschen und damit auch die Jugendlichen, sich mit aller Kraft anzustrengen, irgendwie auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.Für die Jugendlichen, mit denen Soziale Arbeit zu tun hat, ist diese Aufforderung mitunter schon deshalb problematisch, weil die Berufs- und Ausbildungschancen für sie mehr als schlecht sind. Dennoch gilt: Sie müssen sich anstrengen, es ist ihr Ding. Wenn sie es nicht schaffen, sind sie selber Schuld.
Und für die Jugend an den Hochschulen? Wir haben es vor ein paar Tagen auf der Versammlung anlässlich des “StuRa Todes” gehört: Keiner hat Zeit für so was. Alle sind bis zum Hals belastet mit dem Bachelor-Studium. Und alle müssen sich schrecklich beeilen, um auf die paar Züge aufspringen zu können, die sie nach vorne, nach oben bringen sollen. Sie haben nicht einmal die Zeit, zu schauen, wohin diese Züge eigentlich fahren.
Der aktivierende Staat richtet seine lernende Jugend ab zu Menschen, die nichts anderes mehr im Kopf haben als ihre mehr oder weniger große oder kleine Chance, doch noch den Wurstzipfel zu erreichen. Der Unterschied ist, das unsere Klienten wohl kaum mehr bekommen werden, als eben diesen Zipfel. Unsere Studierenden bekommen vielleicht (und ich wünsche es ihnen) mehr von der Wurst. Aber die Kosten dieses Runs sind auch für sie beträchtlich.
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10.5.2009 von m.s..
An unserer FH findet alljährlich im Sommersemester eine studentische Tagung zu aktuellen sozialpolitischen Themen statt, bei der auch Experten und Vertreter politischer Gruppierungen und Parteien eingeladen werden, um auf dem Podium zu den Fragen der Studierenden Stellung zu nehmen. Eine gute und wichtige Tradition in einem Studiengang für Soziale Arbeit, finde ich.
Dieses Jahr heißt das Thema: “Armutsfreies Europa - eine Utopie”? Zu dieser Veranstaltung wurden von unserer Hausverwaltung Einladungen an alle Professoren der FH geschickt, so wie es üblich ist, wenn einer der Fachbereich eine öffentliche Veranstaltung plant.
In meiner Post finde ich eine empörte Stellungnahme eines Kollegen aus den technischen Fachbereichen:
“Ich habe Zweifel bezüglich der Zulässigkeit einer Lehrveranstaltung, die unmittelbar vor der Europawahl mit einer Wahlkampfveranstaltung der Kandidaten verwechselt werden könnte. Dies außerdem in den Rang einerHausmitteilung an alle zu heben, empfinde ich als unpassend und ärgerlich.”
Ich staune. Wenn ich den Kollegen richtig verstehe, ist es sein Anliegen, Lehre und Politik fein säuberlich zu trennen und die Inhalte unserer wissenschaftlichen Kontexte nicht mit so etwas wie dem Wahlkampf zu beschmutzen?
Vielleicht ist ihm nicht bewusst, dass in unserer FH der Fachbereich Sozialwesen - übrigens einer der größten unserer Fachbereiche - Menschen ausbildet, die vor allem und täglich mit den aktuellen sozialen Fragen und deren möglichen Lösungen konfrontiert sind. Soll denn für diese Studierenden eine Trennlinie zwischen Lehre und realen gesellschaftlichen Problemen und Aufgaben gezogen werden? Das ist so, als würden wir hier Ingenieure ausbilden, die sich einen Dreck darum kümmern sollen, welche technischen Fragen heute die Produktion bewegen. Soziale Arbeit hat nun mal vor allem mit diesen sozialpolitischen Fragen zu tun und eine Diskussion dieser Probleme gerade auch durch die Politik gehört für sie sozusagen zum tägliche Brot ihrer Profession.
Und sicher würde es dem einen oder anderen Kollegen oder auch Studenten aus den technischen und betriebswirtschaftlichen Fachbereichen nicht direkt schaden, sich mit solchen Fragen auch einmal auseinander zu setzen. Für unsere Studierenden jedenfalls ist es gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen absolut notwendig!
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