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1.10.2011 von m.s..
Der Tagungsfilm der Tagung AUFSTEHEN WIDERSPRECHEN EINMISCHEN vom Juni diesen Jahres ist fertiggestellt
Vorspann:
Es wird Zeit, dass Soziale Arbeit anfängt, sich gegen die ihr seit Jahren zugefügte Vermarktlichung, gegen ihre fortschreitende Deprofessionalisierung sowie gegen die menschenverachtenden, sozialpolitischen Entwicklungen in unserer Gesellschaft zur Wehr zu setzen.
Deshalb haben wir diese kritische Tagung ins Leben gerufen.
150 SozialarbeiterInnen aus allen Ecken Deutschlands kamen am 17.6.2011 nach Berlin, weil sie nicht länger zusehen und schweigen wollen …
Ihr könnt ihn euch ansehen unter www.einmischen.com , Tagungsrückblick/Film
oder direkt zum Film
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10.9.2011 von m.s..
Stichwort KJHG
Und jetzt wird überlegt:
“Das KJHG war ja ganz schön, aber eigentlich passt es nicht mehr in die Landschaft. Der Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung ist zwar - gottseidank - nicht wirklich bei der Bevölkerung bekannt. Aber trotzdem ist hier ein Problem: Wir können auf grund dieses Rechtsanspruches die Kosten nicht wirklich bremsen und steuern. Warum auch sollte in der Jugendhilfe noch Verhältnisse bestehen, die wir in der Sozialhilfe schon lange abgeschafft haben. Also bitte: keine Leistung ohne Gegenleistung! Wer sich nicht aktivieren lässt, liebe Frau Maier mit ihren drei missratenen Kindern, der hat eben Pech gehabt.”
Eine Soziale Arbeit, die parteilich für Sozial Benachteiligte eintritt und sie als gleichwertige Menschen behandelt, die sich für ihre Rechte einsetzt, die wird es perspektivisch in dieser Gesellschaft kaum noch geben.
* Schuld auch daran sind die, die Soziale Arbeit in ihr neolibereles Korsett gezwungen haben.
Wir sollten uns das nicht gefallen lassen!
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8.9.2011 von m.s..
Stichwort: Freie Träger
Die Freien Träger hatten nicht wirklich viel von dieser Entwicklung, die sie zunächst wohl mit Freude begrüßt haben dürften. Sie wurden Unternehmen und ab sofort galt es, “sich zu rechnen”. Freie Träger mussten ab da mit ihren KlientInnen, mit ihren MitarbeiterInnen, mit ihrem ganzen “Betrieb”, ihrer Konzeption etc. wie Unternehmer umgehen. Die Prizipien der Marktwirtschaft fingen an, die Fachlichkeit in den Hintergrund zu drängen. Die Erbringer von Jugendhilfeleistungen fanden sich zudem in einem Konkurrenzverhältnis zu den anderen Trägern (den ehemaligen Kooperationspartnern) wieder und waren dem Druck z.B. der Jugendämter ausgesetzt, ihre Angebote so billig zu machen, wie eben möglich - oder eben auch noch billiger. Und um an den Auftrag zu kommen, akzeptierte man die zu kleinen Budgets , auch wenn sie den Arbeitsbedarfen nicht entsprachen. Dann musste die Ware eben irgendwie billiger produziert werden….
Die Folgen sind der Profession nur zu bekannt: Prekäre Arbeitsplätze, nicht oder nur halbherzig erfüllte Rechtsansprüche von Eltern, Kindern und Jugendlichen, eine Soziale Arbeit, die oberflächlich und kurzschrittig geworden ist, die immer mehr Züge von Verwaltung und reiner Aufbewahrung annimmt.
Soziale Einrichtungen verhalten sich heute so, wie Unternehmer, die mit allen Mitteln an Geld kommen müssen und wollen und sonst nichts mehr im Kopf hat. Und darüber regen sich alle auf. Zu Recht.
* Schuld aber sind die, die Soziale Arbeit zu einem Markt gemacht haben, der genau solche Entwicklungen möglich macht und dazu verführt.
Stichwort Wirkung:
Soziale Arbeit hat nicht mehr die Grundlagen und Voraussetzungen, um wirklich qualifiziert fachlich arbeiten zu können und um die Wirkungen erreichen zu können, die sie selber als Soziale Arbeit anstrebt. Gefordert sind kurzfriste Ergebnisse, sog. “Erfolge”, die man sehen, die man zur Schau stellen, die man abrechnen und die man in Bilanzen ausdrücken kann.
Es wird der Sozialen Arbeit in dieser marktförmigenVariante z.B. die Zeit nicht zur Verfügung gestellt, die sie braucht, um wirklich Menschen zur eigenen Aktivität und Selbsthilfe bewegen zu können.
Es werden ihr Methoden und Vorgehensweisen vorgeschrieben, die Menschen eher verwalten, als sie zu erreichen und bei denen man sich nicht scheut, mit Sanktionen und Druck zu arbeiten. Das aber können die Polizei und die Verwaltung besser. Dafür brauchen wir wirklich keine SozialarbeiterInnen.
Soziale Arbeit hat Schwierigkeiten, ihre Wirksamkeit nachzuweisen. Unter den prekären, verknappten, inhaltlich geleerten Arbeitsbedingungen ist es schwer, noch Wirkung zu haben.
* Schuld daran sind die, die ihr vorher die Beine abgehackt haben, aber sie zynischerweise jetzt auffordern, los zu laufen und zu zeigen, was sie kann. Um ihr und der Welt zu beweisen, dass sie nichts schafft, nicht wirkt und eben eingespart werden kann.
Jetzt wird überlegt: Wie können wir diese sinnlosen, wirkungslosen freien Träger wieder loswerden und alles an uns ziehen und damit für eine kontrollierte, noch mehr begrenzte, im Interesse des aktivierenden Staates eingebundene Soziale Arbeit sorgen. Das spart enorm Geld und man kann die Reste der alten, sprich parteilichen, an Menschenrechten orientierten Sozialen Arbeit, die sich auch noch eigene fachliche Autonomie zuschreibt, endgültig unterbinden?
Denn bei freien Trägern ist sie durchaus noch anzutreffen und viele Sozialarbeiter versuchen, sie dort um- und durchzusetzen. Das muss aufhören!
Die Informationen aus Hamburg (s. vorletzter Bericht) spricht eine verdammt deutliche Sprache.
Wir sollten uns das nicht gefallen lassen!
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7.9.2011 von m.s..
Mit einigem Grausen verfolge ich die aktuelle Diskussion im Berliner Tagesspiegel. Eine Journalistin, die ehedem offenbar Soziale Arbeit studiert hat, schreibt einen vernichtenden Beitrag über ihren Job als Familienhelferin.
Nicht nur, dass allein in der Art, wie sie über diese Arbeit schreibt, ihr völlies Unverständnis der Sozialpädagogischen Familienhilfe durchschimmert - ich möchte nicht wissen, wer die junge Journalistin bezahlt hat und sie bejubelt für diesen, in den allgemeinen Mainstream so wunderbar passenden Artikel. Man sieht an Buschkowski, der gleich draufspringt vor allemaber an den vielen Beiträgen der LeserInenn zum Artikel, die in der Überzahl der Journalistin Recht geben und Beifall klatschen, dass hier eine altbekannt Sau durchs Dorf getrieben wird: Soziale Arbeit ist Unsinn, kostet horrende Summen, bringt nichts, wird nur gemacht, damit die Träger an Knete kommen und die Sozialarbeiter an ihr Geld, sie bedient die Leute, macht sie faul und bequem……..
An den Beiträgen zum Artikel kann man mit Schrecken feststellen, dass die Menschen, die das lesen und dazu ihre Meinung sagen, offenbar noch weniger Ahnung haben als die Journalistin, von dem, was Soziale Arbeit will, soll, kann - oder besser sagen wir - könnte, wenn man sie ließe.
Die Gegendarstellungen der Freien Träger, die inzwischen vorliegen, sind gewollt sachlich, merkwürdig wenig empört über das Bild der Sozialen Arbeit, das hier verbreitet wird. Sie sind vor allem bemüht, sich rein zu waschen. Man gibt Fehler zu, aber vor allem stellt man fest: man ist doch besser, als die anderen meinen.
Und es ist ja auch gar nicht so leicht zu erklären, was da tatsächlich passiert heute in einer Sozialen Arbeit, die zum Marktgeschehen umfunktioniert wurde und zur Effizienz verdammt ist.
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21.8.2011 von m.s..
heute schrieb mir Florian Bode aus Hamburg:
Hallo nach Berlin !
Wir sind im Netz auf Eure Seite (gemeint ist: www.einmischen.com) aufmerksam geworden.
Derzeit sind ja politische Bestrebungen der SPD-Staatssekretäre bei uns in Hamburg in der Presse offenbar geworden,
mit der Zielsetzung den Rechtsanspruch des SGB VIII abzuschaffen bzw. einzuschränken.
Dieses Vorhaben und die grundsätzliche Steuerungswut, die derzeit über die Soziale Arbeit und bei uns in der
Jugendhilfe herienbricht hat uns dazu gebracht uns zu organisieren.
Wir sind dabei einen Verein zu gründen.
Wir haben bereits angefangen eine Blog zu den jeweiligen Themen zu schaffen, um über die Vorhaben in diesem Bereich zu informieren.
Gerne würden wir, auch wenn erst noch im Aufbau begriffen, uns mit Eurer Initiative vernetzen.Wir haben den Verein vor 1,5 Wochen gegründet.
Derzeit sind wir hauptsächlich kritische Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die im HzE Bereich bei freien Trägern arbeiten. Den einen oder anderen Teilnehmer haben wir auch schon außerhalb der Sozialarbeiterschaft.
Unser Hauptanliegen derzeit ist vor allem die Bewußtmachung der Themen, denen Ihr Euch auch widmeten.
Wir versuchen zu einem über den Blog mit Texten und Aufrufen Öffentlichkeit herzustellen. Zum anderen suchen wir Mitstreiter, die auf abgeordnetenwatch.de die Politiker aus Bundestag und aus den relevanten Bundesländern mit Fragen überhäufen, die die derzeitige Sparpolitik unter die Lupe nehmen.Ich füge hier mal den Link zu unserem Blog ein, sodass Ihr einen ersten Eindruck bekommen könnt:
http://jugendhilfehamburg.blogspot.com/Lieben Gruß nach Berlin
Florian Bode
1.Vors. Initiative zur Förderung einer wirkungsvollen Jugendhilfe
ACHTUNG
Auf der Blogseite der Gruppe (Wirkungsvolle Jugendhilfe e.V.) kann man den Wortlaut der Koordinierungssitzung der Staatssekretäre von Hamburg, Bremen und Berlin nachlesen. Es fallen einem schier die Haare aus davon!
Der Verein hat dazu gute Analysen und Stellungnahmen geschrieben, sehr lesenswert.
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10.8.2011 von m.s..
Was ist in England los?
Da greifen Menschen zu Chaos und Gewalt, nehmen sich “einfach”, was sie haben wollen, negieren jede Grenze und jede Regel und lassen - offenbar ohne Skrupel - über dieses Land das Chaos hereinbrechen. Die Bilder erschrecken. Man möchte nicht dabei sein. Und auch auch als Sozialarbeitende steht man mit Grausen vor dem Desaster, dass Menschen so verrohen können, dass sich Gewalt so sinnlos äußert.
Es fällt schwer angesichts der brennenden Häuser einen klaren Kopf zu behalten und kritisch zu sehen, dass hier Menschen auf Lebensverhältnisse reagieren, die ihnen nichts zu bieten haben als Armut, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit und strukturelle und kulturelle Gewalt, die ihnen aber gleichzeitig von früh bis spät vorgaukeln, dass das persönliche Glück das einzige Lebensziel und materieller Reichtum der einzige Sinn des Lebens sei. Die Medien und die Werbung belügen und betrügen sie von morgens bis abends und machen ihnen die Erreichbarkeit aller Konsumgüter vor. Aber sie können nicht teilhaben. Sie stehen vor dem hellerleuchteten Schaufenster des Reichtums ihrer Gesellschaft. Aber sie dürfen nicht rein. Klar, dass sie irgendwann nicht mehr einsehen, dass sie draußen stehen bleiben sollen. Sie wachsen in einer Atmosphäre der Verachtung, des Hasses und der Gewalt auf, nicht weil das alles von vorneherein in ihnen steckt, sondern weil ihnen genau so begegnet wird.
Im Grunde muss man sich wundern, dass sie so lange warten, bevor sie ausbrechen.
In Deutschland zerbrechen sich nun sofort alle Leute die Köpfe darüber, ob uns hier auch so ein Ausbruch der ausgeschlossenen, ausgestoßenen und verachteten Gesellschaftsteile bevorstehen könnte.
Eine ziemlich freche Position, finde ich, zynisch eigentlich in einem Land, w0 Integration zu einer Bringeschuld umdefiniert wurde und über Centbeträge gestritten wird, die Kinder brauchen oder nicht brauchen für eine menschenwürdige Entwicklung.
Aber dann folgt meistens gleich die Aussage: Wir brauchen mehr Polizei zm Schutz vor diesen Gewalttätern und Plünderern, vor drohenden Krawallen und Gefahren.
Wenn ich vielleicht eine Sekunde lang geglaubt haben sollte, gehofft habe, dass da also doch endlich einmal Leute sind, die zur Kenntnis nehmen, dass eine Spaltung durch diese Gesellschaft läuft, dass die Gesellschaft wirklich einen ganz schön großen Teil ihrerMenschen ausgrenzt und dass diePolitik aktiv und aggressiv an dieser Ausgrenzung beteiligt ist - schon im nächsten Moment wird mir klar:
Die Soziale Benachteiligung eines Teils der Bevölkerung wird von solchenLeuten zwar konstatiert, aber nur als logistisches Problem, als Risiko, als einzukalkulierende Störung unseres Wohlstandes und unserer Ruhe betrachtet: Wie können wir dieses Risiko eindämmen? Wie können wir uns schützen? Wie können wir möglichst präventiv solche Leute aussondern? Wieviel Polizei brauchen wir? usf. Und es wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass dieser Ausgrenzungsprozess zwar vielleicht problematische Folgen hat, dass er aber unvermeidbar ist und in Zukunft, bei noch knapperen Mitteln, noch massiver werden könnte.
Keine, fast keine Stimme sieht die eskalierende Situation als Beweis für die Notwendigkeit, diese Ausgrenzung zu beenden,sSoziale Benachteiligung abzuschaffen, die Lebensbedingungen dieser Menschen menschenwürdig zu machen. Niemand ist bereit oder kann es sich auch nur vorstellen, dass Politik und die sie dominierende Wirtschaft die grundlegenden Ursachen dieses Risikos beseitigt, zum einen von mir aus, um sich selber zu schützen, zum anderen aber natürlich, um diesen Menschen Menschenwürde und Gerechtigkeit zu teil werden zu lassen.
Es ist tatsächlich so:
Heute geht es nicht mehr um den Schutz der Armen vor der Gesellschaft, sondern nur um den Schutz der Gesellschaft vor den Armen.
Und wo steht da die Soziale Arbeit? Wo soll und wo darf sie stehen? Und wo will sie stehen?
Unsere verrohte, unmenschliche Welt sollte sich wirklich nicht wundern, wenn es aus dem Wald so herausschallt, wie hineingerufen wurde.
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27.5.2011 von m.s..
“Ist es denn wirklich so schlimm”, fragen mich ZuhörerInnen, LeserInnen, Studierende. “Finden Sie nicht, dass sie alles nur schwarz malen. Das hilft doch keinem!”
· · “Bei uns ist es gar nicht so, bei uns können wir noch richtig gut arbeiten”.(Gut sage ich, wunderbar, seien sie froh!).
Wir haben uns anständige Bedingungen erkämpft. Jetzt können wir wirklich Soziale Arbeit machen. Es geht doch!” (Wunderbar sage ich, wie haben Sie das gemacht. Erzählen Sie, damit alle es hören, sozusagen “best practice” im Bereich Widerstand!).
Solche Reaktionen höre ich durchaus, wenn ich die Folgen der Ökonomisierung und neoliberalen Politk für unsere Profession darstelle.
Aber z.B. auch solche:
”Was solls, so ist das eben heute. Wenn wir uns darüber ständig grämen, verlieren wir noch die letzte Lust an unserem Beruf. Es ist doch auch nicht alles schlecht.
“ Wenn die mit so was kommen, dann unterlaufen wir solche Tendenzen. Wir machen einfach doch, was wir für richtig halten.”
Viele versuchen, die Wirklichkeit in ihrem sozialpädagogischen Alltag irgendwie zu verschönern, sich einzureden, alles sei gar nicht so schlimm oder man könnte z.B. doch einfach die ganze Ökonomisierung hinters Licht führen. Sie versuchen vor dem die Augen zu verschließen, was angeblich bisher nur droht oder auch auch vor dem, was ohnehin unveränderbar scheint.
Ich halte das für unangemessen.
Denn die Lage der Profession Soziale Arbeit es ist schlimm. Es stellt sich aus meiner Sicht und Erfahrung ganz ernsthaft die Frage: Sind wir noch zu retten? Bzw. müssen wir uns und die Profession retten? Es besteht nicht etwa nur eine vage Gefahr. Besteht bereits eine Notlage?
Auch wenn (noch) nicht überall die massiven Folgen von Vermarktlichung und neoliberaler Sozialpolitik in der Sozialen Arbeit zu erkennen sind gibt und wenn nicht überall alle ihre Aspektegleichermaßen deutlich zum Tragen kommen - aus meiner Sicht geht es nicht mehr nur um mögliche Gefahren, “wenn man nicht aufpasst”. Es ist schon passiert. Wir haben nicht aufgepasst?
Viele Wissenschaftler und sogar hellsichtige, kritische Vertreter der Sozialverwaltung (die es durchaus gibt) konstatieren die Tendenzen und Absichten der Ökonomisierung und die Herausforderungen des aktivierenden Staatessehr sehr wohl, stellen sie aber meist nur als mögliche Gefahren dar. Mehr sehen und sagen sie selten. Wenn man ihnen zuhört, könnte man meinen, sie möchten vor irgendwelchen, eher unwahrscheinlichen Irrungen warnen, sind aber guten Mutes, dass ihre Warnung gar nicht nötig ist. Dass es sich um Fakten, um längst eingetretene Gefährdungen handelt, bleibt im Ungewissen.
Manchmal frage ich mich deshalb, ob es „höheren Ortes“ wirklich die Illusion gibt, das sei alles noch nicht Realität, nur Gefahr?
Ich halte es für nötig, der Wirklichkeit ohne Beschönigungsversuche ins Gesicht zu sehen. Nur wenn ich die Lage begreife, sehe ich die Notwendigkeit, etwas dagegen zu tun.
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23.5.2011 von m.s..
“Das ist der Geist der Zeit , dass Irre Blinde führen.”
Shakespeare
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21.5.2011 von m.s..
noch ein Splitter von der letzten Ringvorlesung “Das Politische im Sozialen” an der FH Jena:
Bei der anschließenden Diskussion meinte ein Teilnehmer, dass ihn all diese Analysen und Enthüllungen immer ohnmächtiger machten.
Kollege Kessl antwortete, dass - ganz im Gegenteil - seiner Erfahrung nach Reflexion und Wissen über die Hintergründe von Problemlagen eher Mut machen und Ansätze für aktive Gegenwehr ermöglichen.
Der Frager blieb unzufrieden. Er erwartete offenbar konkrete Hilfe für den Versuch, die eigene Ohnmacht zu überwinden.
Ich musste daran denken, dass es immer wieder LeserInnen meines Schwarzbuches gibt, die sagen: “Ja, sie haben ja Recht, aber das ist einfach unerträglich. Wenn ich mich damit befasse, verliere ich die Freude an meinem Beruf oder auf meinen Beruf. Dann wird alles wertlos und sinnlos und ich fühle mich einfach beschissen. Das tut mir nicht gut. Sagen sie doch mal was Aufbauendes, was Schönes!”
Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass das gar nicht das Ohnmachtsgefühl ist, was hier so stark und so unangenehm erlebt wird. Es ist das massive und unausweichliche Unbehagen an der Wirklichkeit, die man bisher so vielleicht nicht wahr haben wollte und vor der man sich hat schützen können und der man nun gezwungen ist, voll ins Gesicht zu sehen.
Dieses Unbehagen aber ist unumgänglich. Es ist unangenehm, es setzt einem vielleicht zu. Aber es ist absolut angebracht, wenn man sich die Situation wirklich ansieht. Es ist eine durchaus angemessene Rekation auf die gegenwärtige Lage. Die kann einen nicht froh machen. Die kann einem eher Angst machen. Und solche Gefühle hat keiner gerne. Aber es kann keinem erspart werden.
Man wird in der Regel erst wach und bereit, etwas zu tun, Widerstand zu leisten, sich zu engagieren, wenn man begreift - und nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Menschen- , wie problematisch die gegenwärtige Situation in der Sozialen Arbeit, in der Sozialpolitk, in der öffentlichen Meinung, in der immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft ist.
Das alles ist freilich eine Situation, die nicht durch Händeklatschen oder einmal den Mund aufmachen zu beseitigen ist. Der Versuch, etwas zu ändern, kostet Kraft und braucht einen sehr langen Atem. Ohnmächtig sind wir nur, wenn wir erwarten, dass sich etwas ändern kann, auch wenn wir nichts weiter dafür tun.
Wenn man sich aber entschließt, nicht mehr die Augen zu verschließen und auch nicht mehr passiv zu leiden, dann verschwindet dieses Unbehagen und es stellt sich Empörung ein und Lust darauf, dagegen zu setzen. Und das Gefühl der Ohnmacht weicht.
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19.5.2011 von m.s..
Ende letzter Woche fand der DBSH Jugendhilfe-Kongress in Stendal statt, der unter dem Motto stand:
Ich war eingeladen um einen Vortrag zu halten über die Folgen der Ökonomisierung für die Praxis der Sozialen Arbeit.
Hier ein paar Nachgedanken:
Zunächst Stendal. Eine schöne Stadt mit vielen mittelalterlichen Wohnhäusern und jeder Menge Backsteingotik. Eine Stadt mit viel Platz, viel Grün zwischen den Straßen, was zum einen wohl mit dem Rückbau von Plattenbauten nach der Wende, andererseits damit zu tun hat, dass Stendal wie z.B. auch Neubrandenburg eine Stadt mit Ackerbürgern war, also mit Bürgern, die gleichzeitig Gärten und Felder bestellten. Ich werde bestimmt noch einmal hin fahren, an irgendeinem Sommerwochenende.
Dann die Hochschule. Als ich am Abend vor der Tagung zu Fuß dort hinging, um einmal alles anzusehen, war es zwischen den drei großen gelben Häusern (ehemalige Kasernen der sowjetischen Armee) und auf dem dazwischen liegenden Campus menschenleer. Am nächsten Tag machte die Stendaler Hochschule (Zweigstelle der Hochschule Magdeburg) aber einen sehr freundlichen, irgendwie gemütlichen und auch belebten Eindruck. Die Betreuung durch Studierende der Sozialen Arbeit während der Tagung war perfekt und herzlich. Das Größte waren für mich die kleinen in Alufolie eingewickelten Grillspezialitäten aus Feta und Paprikastreifen, zu denen uns die StudentInnen am Abend vor dem Mensaeingang einluden. Irgendwie hatte man das Gefühl, dass sich die Studierenden hier richtig zu Hause fühlten.
Der Fachbereich für angewandte Humanwissenschaften umfasst einige hochinteressante und innovative Studiengänge. In Stendal gibt es z.B. den einzigen deutschen Studiengang für Kindheitswissenschaft. Prof. Dr. Michael Klundt, der diesen Studiengang leitet, hielt einen sehr beeindruckenden Vortrag zum Thema Kinderarmut, Vermarktlichung des Sozialen und Umgang unserer Gesellschaft mit dem Armutsthema.
Es gab auch darüber hinaus eine ganze Reihe von Vorträgen, alle versuchten sich zur Tagungsfrage zu positionieren: Ist die Soziale Arbeit noch zu retten? Muss sie überhaupt gerettet werden?
Die Tagung brachte viel an Informationen und auch eine ganze Menge an Ideen und Überlegungen dazu, wie man die Rettungsaktion denn nun gestalten könnte. Denn dass es nötig ist, sie zu retten vor einer Totalvereinnahmung durch den neoliberalen aktivierenden Staat und seine Vermarktlichung und Instrumentalisierung von Menschen, darüber bestand bei den TeilnehmerInnen, dem Veranstalter und den meisten Rednern Einigkeit.
Schade war, dass die Zeit immer sehr knapp bemessen war und für Diskussionen der TeilnehmerInnen nur sehr begrenzt Zeit übrig blieb. Wenn aber diskutiert werden konnte, merkte man, wieviel die Anwesenden auf dem Herzen hatten und wie kompetent und kritisch sie mit der Materie umgehen konnten.
Am Ende entstanden durch die gesammelten Themen und Diskussionsergebnisse die “Stendaler Thesen”, die im Plenum verabschiedet wurden und in Kürze veröffentlicht werden sollen.
Es herrschte trotz der angespannten Zeitschiene die ganze Zeit über eine gute Atmosphäre. Die VertreterInnen des DBSH verstanden es ausgezeichnet, durch die Tagung zu führen und brachten die anstehenden Themen und Fragen unmissverständlich auf den Tisch: Den neuen Entwicklungen in der Sozialen Arbeit, so stellte bei ihrer Begrüßung die Vertreterin des Vorstandes des DBSH, Frau Bauer-Felbel fest, begegnen viele PraktikerInnen mit Wut und Kampfeslust - aber auch mit Trauer und Empörung. Jeder konnte sich selber überlegen, womit er reagiert und wie er regieren möchte.
Die Tagung jedenfalls machte Lust darauf, weiterzumachen, gemeinsam weiterzudenken und etwas zur Rettung unserer Profession zu tun.
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