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September 2010
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Erfahrungen mit der Rezeption meines Schwarzbuches

Da hat man nun so ein Kind in die Welt gesetzt und man ist gespannt, wie es sich durchschlagen wird…

Ich bin nicht eine von denen, die alle Tage solche Bücher schreiben (können), zumal in dieses Buch die Erfahrungen einer langen Praxis- und Lehrezeit in der Sozialen Arbeit eingegangen sind und vor allem auch ein langer, mühsamer Prozess der Erkenntnis, was eigentlich zur Zeit da draußen wirklich passiert.
Es ging mir nicht um einen neuen wissenschaftlichen Beitrag zur Problematik.  Da gibt es viele und begnadetere AutorInnen. Ich wollte ein Buch schreiben, mit dem vor allem die Betroffenen, die PraktikerInnen etwas anfangen, wo sie sich und ihre Situation wiederfinden können, ein Buch, das sie aufklärt aber auch stark werden lässt und das ihnen sowohl die Notwendigkeit zur Gegenwehr verdeutlicht als auch Mut dazu macht.
Die Rezension, die Maren Schreier jetzt im socialnet veröffentlicht hat, erfüllt alle meine Hoffnungen und Erwartungen. Bei ihr ist jede Botschaft genau so angekommen,w ie sie von mir gemeint und intendiert war.

Bis hierhin habe ich - ich gestehe es ein - den mühsamen Weg meines Schwarzbuches  hinein ins Buchleben genau und fast akribisch verfolgt, habe den Amazon-Verkaufsrang aufgerufen, habe genau registiert, wer etwas dazu gesagt hat, welche KollegIn sich lobend, interessiert oder abwertend geäußert hat, habe mich über Zustimmungen und Lob von Studierenden und PraktikerInnen gefreut, habe die kleinen Rezensionen, die hier und da erschienen sind, mit Stolz und Erleichterung gelesen, habe mit Befriedigung registriert, dass sich insbesondere die Gruppen und KollegInnen angesprochen fühlen, die selber an der gegenwärtigen Situation in der Sozialen Arbeit leiden und etwas tun, sich zur Wehr setzen  möchten. Andererseits habe ich mich über so manches Schweigen gewundert.
WissenschaftlerInnen verhalten sich bis heute zurückhaltend, so als wüssten sie nicht genau, wo und wie sie mein Buch einordnen sollen.  Vielleicht ist es für sie irgendwie verdächtig, wenn Inhalte verständlich und anschaulich dargestellt werden.
Auch meine alten KollegInnen aus der Jugendhilfe schweigen sich  aus. Möglicherweise ist es ihnen unangenehm, dass sie als mein Erfahrungs- und Lernhintergrund zitiert werden. Vielleicht erscheinen ihnen aber meine Analyse und meine kritische Sicht auch als Schwarzmalerei, die in schweren Zeiten eher zu einer Bremse als zum Motor des Fortschritts werden könnte. Ich weiß, wer mitten in der Praxis sitzt und sich redlich bemüht, gegen die Widrigkeiten der Wirklichkeit zu kämpfen, gesteht sich nicht gerne ein, dass die Windmühlen sich immer weiter drehen und sich einen Dreck darum scheren, dass man sie im Visier hat.
Einzig eine meiner früheren KollegInnen hat mein Schwarzbuch auf 5 Seiten kommentiert und  als Vorlage für eine persönliche Rückbesinnung auf ihr eigenes Berufsleben im Jugendamt genutzt - und ist dabei zu interessanten Ergebnissen gekommen.

Ich wünsche meinem Schwarzbuch weiterhin viel Erfolg und überlasse es nach der Rezension von Maren Schreier mit aller Gelassenheit und Zuversicht darauf, dass es dazu beitragen wird, die allgemeine Angepasstheit unserer Profession  infrage zustellen, weiterhin den Lesern und allen, die es nutzen wollen.

Schwarzbuch Soziale Arbeit da

Hallo liebe Freunde und LeserInnen dieses Blogs, die ihr von nah oder ferne mit verfolgt habt, wie ich in den letzten 2 Jahren an meinem “Schwarzbuch Soziale Arbeit” geschrieben habe. Das Buch ist jetzt auf dem Markt.

schwarzbuch.jpg

Thema: Die Veränderungen und Zumutungen für die Soziale Arbeit durch Ökonomisierung und den aktivierenden Staat.
Wenn man so will, ist es mein “Schwanengesang” auf eine lange Berufszeit im Bereich Soziale Arbeit. Gleichzeitig ist es ein Versuch, mich in die kritische Diskussion um den gegenwärtigen Zustand der Sozialen Arbeit einzubringen und sie für Studierende und PraktikerInnen erfahrbar und verständlich zu machen. Ich hoffe, dass die sozialpädagogischen WissenschaftlerInnen mir meine pupulär-wissenschaftlichen Ambitionen verzeihen. Ich denke aber, dass dieses Buch neben seinen anschaulichen Elementen (Beispiele und eigene Erfahrungen aus meiner 18 jährigen sozialpädagogischen Praxis) auch eine Menge zur theoretischen Diskussion beiträgt.

Das Buch enthält u. a. ca. 50 anonymisierte Praxisbeispiele, die u.a. von Studierenden unseres Fachbereiches zusammengetragen wurden.

 

22,50 Euro, 300 Seiten            

ISBN-10: 3531154923;  ISBN-13: 978-3531154923,


 

Inhalt:

Soziale Arbeit – was ist das eigentlich?

Persönliche Erfahrungen

1.1 Aufgaben- und Problemstellungen

1.2 Ein kritischer und selbstkritischer Blick auf die Außenwahrnehmung der Sozialen Arbeit

1.3.Geschichte der Sozialen Arbeit

1.4 Die Profession Soziale Arbeit

1.5 Soziale Arbeit zwischen Menschen und System

1.6 Was professionelle Soziale Arbeit leisten kann

1.7 Soziale Arbeit und Ökonomisierung – ein Ausblick

 

 2 Veränderte Gesellschaft: Der Markt ist alles

PersönlicheErfahrungen                                                                                                                                                                             

2.1 Der Markt übernimmt die Regie

2.2 Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen für die Menschen

2.3 Folgen der Veränderungen für sozial Benachteiligte

 

3 Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit

Persönliche Erfahrungen

3.1 Chancen der Ökonomisierung aus Sicht der PraktikerInnen

3.2 Die Vermarktlichung der Sozialen Arbeit

3.3 Effektivität, Effizienz und Kostensenkung als zentrale Ziele

3.4 Folgen von Effizienzdominanz und Kostendämpfung für die Praxis

3.5 Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit

3.6 Wirkung, Ergebnisqualität und Evidenzbasierung

3.7 Effiziente und ineffiziente Kunden eines Marktproduktes

 

 4 Aktivierungspolitik und Soziale Arbeit

Persönliche Erfahrungen

4.1 Der aktivierende Sozialstaat

4.2 Umdeutung sozialpädagogischer Grundbegriffe

4.3 Bruch mit dem Gesellschafts- und Menschenbild der Aufklärung

4.4 Abkehr von Klientenorientierung und Parteilichkeit

4.5 Leugnung gesellschaftlicher Ursachen von individuellen Problemlagen

4.6 Entwissenschaftlichung der Sozialen Arbeit

 

 5 Was wird aus der Profession Soziale Arbeit?

Persönliche Erfahrungen

5.1 Veränderungsdruck und Bewältigungsstrategien

5.2 Forderungen für eine offensive Professionspolitik

5.3 Widerstand und Handlungsmöglichkeiten

5.3.1 Berechtigte Kritik oder die Verfechter des ewig Gestrigen?

5.3.2 Verantwortung der kritischen Wissenschaft

5.3.3 Strategieebenen kritischer Sozialer Arbeit

5.3.3.1 Reflexivität

5.3.3.2 Beharren auf sozialpädagogischen Positionen

5.3.3.3 Repolitisierung der Sozialen Arbeit

5.3.4 Von der Reflexivität zum politischen Handeln

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eigentlich schade…

Es ist eigentlich schade, dass mein Schwarzbuch jetzt fertig ist (wird im Februar bei VS erscheinen) und ich neue Beispiele, die mir SozialarbeiterInnen und StudentInnen erzählen, nicht mehr einarbeiten kann. Denn alles was ich so höre: es wird nicht besser, es wird immer schlimmer!  Meine Beispiele im Schwarzbuch sind keine traurigen Ausnahmen, sondern offensichtlich vielleicht sogar noch vergleichsweise nette Geschichten.

Heute erzählt mir eine Studentin, dass ihr Träger ihr untersagt, für ein Praxisprojekt, das sie unentgeltlich und aus freien Stücken in den Ferien in einer Tagesgruppe durchzuführen bereit ist, nur drei und nicht wie gewünscht fünf Kinder in ihre Kleingruppe einzubinden. Angesichts der gewählten Methode und des heiklen Themas (häusliche Gewalterfahrungen bei den Kindern) wären drei Kinder ausreichend, fünf machen die Situation unübersichtlich und wahrscheinlich auch weniger erfolgreich. Aber das sind keine Argumente für den Träger. Denn: eine so kleine Gruppe kann er nicht in seinem Finanzierungskonzept durchsetzen.
Fragt sich man sich: Wieso Finanzierungskonzept? Werden unbezahlte Tätigkeiten von Praktikantinnen schon in die Finanzierungskonzepte eingearbeitet?  Es sieht ganz so aus. Mit der kostenfreien Arbeit von Praktikantinnen wird in allen Praxisstellen schließlich gerechnet.

Aber darüber wundert sich meine Studentin schon gar nicht mehr und auch darüber nicht, dass fachliche Argumente, auch der Hinweis auf die vermutlich geringere fachliche Effektivität, offensichtlich überhaupt keine Bedeutung mehr zu haben scheinen.
Das Geld regiert die Praxis, zu diesem Schluss kommt sie nach einem Jahr Praxiserfahrung.

Kein Wunder denke ich, wenn Wohlfahrtsverbände gezwungen sind, sich wie Unternehmen am Markt über Wasser zu halten.  Es bleibt ihnen nichts anderes mehr übrig, als sich auch wie Unternehmen zu verhalten.
Wer setzt dagegen?
Wenn Kaffeemaschinen billig produziert werden, dann wird zumindest die Macht des Kunden eine Grenze darstellen für die Absenkung der Produktqualität.
Aber wer tut das bei uns? Wer merkt überhaupt, wenn unsere Arbeit keine Wirkungen zeigt, weil die Bedingungen nicht reichen und wenn wir stattdessen vielleicht sogar Bruch erzeugen?
Ganz sicher wird niemand die kleinen KlientInnen meiner Studentin fragen, was das Projekt für sie gebracht hat.
Aber unter uns: geht es dem Träger dabei überhaupt um ein Ergebnis für die Kinder? Wird meine Praktikantin nicht einfach nur gebraucht, um für die Ferienzeit die flickenhafte Personaldecke  nach außen zu vertuschen?

zum herunterladen: Buch Praxisfeld Hilfe zur Erziehung

Da ich in der letzten Zeit immer wieder gefragt werde, wie man noch an mein Buch von 2001 kommen kann (Praxisfeld Hilfe zur Erziehung.  Fachlichkeit zwischen Lebensweltorientierung und Kindeswohl) habe ich mich entschlossen, es einfach der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es lässt sich über die unten angehängten Links Kapitel weise herunterladen.

Das Buch von 2001 hat mit meinem im Winter erscheinenden Schwarzbuch Soziale Arbeit 2010 nichts zu tun außer vielleicht, dass es geschrieben wurde in einer Zeit, wo ich noch glaubte, man könne den Zumutungen der Ökonomisierung und des aktivierenden Staates  einfach stur und störrisch die eigene Fachlichkeit entgegen halten.
Alles, was ich damals zur Hilfe zur Erziehung gesagt habe, würde ich heute genauso oder ganz ähnlich schreiben.
Eine Fachlichkeit, die konsequent nur auf inhaltliche und fachliche Aspekte schaut und sich von den Einschränkungen und Umsteuerungen der Ökonomisierung nicht irritieren lässt,  lässt sich nur dann durchsetzen, wenn sie die Auseinandersetzung offensiv aufnimmt und die Interessendifferenzen  zwischen der Profession Soziale Arbeit  und dem offiziellen Sozialmanagement nicht unter den Teppich kehrt. Aber das ist auch für mich erst in den letzten 5,6 Jahren wirklich klar geworden. Darum geht es im Schwarzbuch. Gerade die Hilfe zur Erziehung wird dort besonders intensiv behandelt.

Wer meint, dass es angebracht sei, etwas für die Onlineversion des Fachbuches zu bezahlen, kann mir eine beliebige Summe als Spende auf mein Konto 1373536 Sparkasse Jena 83053030 überweisen. Ich wäre nicht böse drum und könnte das zur Deckung der Summe nutzen, die ich für das Schwarzbuch ausgebe, damit das einen erschwinglichen Preis behalten wird (um die 20 Euro).

hilfe-zur-erziehung_inhalt_vorwort_einleitung.doc

hilfe-zur-erziehung_kapitel-1.doc

hilfe-zur-erziehung_kapitel-2.doc

hilfe-zur-erziehung_kapitel-3.doc

hilfe-zur-erziehung_kapitel-4.doc

hilfe-zur-erziehung_kapitel-5.doc

hilfe-zur-erziehung_kapitel-6.doc

hilfe-zur-erziehung_kapitel-7.doc

hilfe-zur-erziehung_kapitel-8.doc

hilfe-zur-erziehung_literatur_anhang.doc

Schwarzbuch fertig

Die Windstille in meinem Blog war der letzten, anstrengenden Phase bei der Fertigstellung meines “Schwarzbuches Soziale Arbeit 2010″ geschuldet.

Nun ist es beim Verlag und ich starte in meinen Urlaub.

Das Buch wird Weihnachten oder spätestens im Januar im VS Verlag erscheinen. Das Buch ist - leider ?!? - ziemlich umfangreich geworden.  Um den Titel auch für Studierende erschwinglich zu machen, werde ich eine entsprechende Summe selber zusteuern.

Bewältigungsstrategie 8: die ModernisierungsgewinnlerInnen

manager_apuwelein20081017202535.jpg       Das ist die lukrativste Bewältigungsstrategie :

„Für die neuen Eliten in der Sozialarbeit/Sozialpädagogik, die Manager, Planer, Geschäftsführer, New-Public-Artisten und neuen Steuerungs-Fetischisten, die gegenwärtig Erfolgreichen, die sich dem beruflichen Nachwuchs als Leitbilder präsentieren, scheint der Zug unwiderruflich in die ‚marktförmige Entwicklung’ der Sozialen Arbeit abgefahren zu sein (Kappeler 1999, S. 345).“

Für diese Gruppe stellt sich, wie White (2003, S. 433) es mit Blick auf die angelsächsische Szene formuliert, das Problem so: „Die weitere Existenz der Sozialen Arbeit hängt davon ab, ob es ihr gelingen wird, sich in Zukunft in neuer Form und so darzustellen, dass sie ihre Bedeutung für die Erreichung der Ziele nachweist, die der neue Managerialismus vorgibt“.

Müssen wir alle da mitmachen? Ich denke nein.


Bewältigungsstrategie 7: der Zweckoptimismus der Realos

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Auch sie versuchen, „trotzdem irgendwie das Beste daraus zu machen“. Es gibt sie sowohl unter PraktikerInnen wie unter WissenschaftlerInnen. Trotz einer zumindest partiell kritischen Haltung den neuen Entwicklungen gegenüber, werden diese aber als unausweichlich angesehen und als einzig reale Zukunftsperspektive der Sozialen Arbeit hingenommen und als unausweichliche alltägliche Realität erlebt.
Und nun wird versucht, auch unter den neuen Bedingungen Soziale Arbeit trotzdem so gut wie eben möglich zu gestalten. Gesucht wird nach den Vorteilen, die die Ökonomisierung “ja schließlich mit sich auch bringt”…..

So wird besonders oft im Qualitätsmanagement etwas gesehen, was auch der eigenen Arbeit dienen kann und zur Qualifizierung der Sozialen Arbeit beiträgt. Es wird viel Zeit in dieses Qualitätsmanagement gesteckt. Und ab und an - wenn  dieses Qualitätsmanagement sich nicht darauf beschränkt, formale Abläufe zu beschleunigen und Synergieeffekte im Verwaltungsablauf ausfindig zu machen -  gewinnt man auch Erkenntnisse darüber, wie die eigene Arbeit verbessert werden könnte. Aber spätestens, wenn klar wird: ‘Kosten darf die bessere Qualität nicht verursachen!’ sollte eigentlich klar sein, dass auch dieser vermeintlich positive Effekt der Ökonomisierung für die Katz ist, solange sie die Rahmenbedingungen der gesetzten knappen Kassen nicht infrage stellen darf.

Hier ein Beispiel aus meinem Schwarzbuch:


Im Rahmen eines Qualitätsentwicklungsverfahrens stellen die MitarbeiterInnen eines Jugend- und Sozialwerkes bei einer BewohnerInnenbefragung  fest, „dass viele Kinder und Jugendliche die geringe Zeit, die ihnen allein mit dem Betreuer zur Verfügung steht“, bemängeln. Hier hat das interne Qualitätsmanagement tatsächlich den Finger auf eine offene Wunde gelegt: Es fehlt an Zeit in der Einrichtung, um wirklich intensiv und individuell mit den einzelnen Jugendlichen zu arbeiten.
Das Ergebnis aber wird nun von den MitarbeiterInnen folgendermaßen kommentiert: Dies sei „ein Phänomen, das sich mit dem herrschenden Kostendruck nur schwer beheben lässt. Uns wird in allen Wohngruppen nur ein Schlüssel von 1:2,5 zugestanden. Dennoch wollen wir gezielt solche Situationen fördern, erleben wir doch gerade diese Momente als förderlich und angenehm für beide Seiten“ (Träder, 2000, in Merchel 2000, S. 93).

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Wozu aber stellt man  denn solche Überlegungen an, wenn nicht mit dem Ziel, die erkannten Schwächen zu korrigieren und als notwendig erkannte Veränderungen einzuführen? Hier wird Qualitätsmanagement betrieben und man stellt am Ende resigniert fest: ‘Was nötig wäre, wird aber nicht bezahlt. Also strengen wir uns eben noch mehr an, damit es auch so irgend wie besser wird!’
Mitunter hat man bei dieser Gruppe von KollegInnen den Eindruck, dass sie noch etwas anderes umtreibt:
Sie sehen mit Beunruhigung, dass der Zug der modernen, zukunftsträchtigen Sozialen Arbeit gerade abzufahren scheint und möchten natürlich unbedingt mit - trotz aller Kritik und trotz aller Bedenken, die man der guten alten Sozialen Arbeit schuldig ist.  Und so lobt man die vermeintlichen oder wirklichen positiven Aspekte von Ökonomisierung und aktivierendem Staat in den Himmel und versucht alles, sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.  Nicht anders kann ich z. B. den Artikel von Thomas Olk verstehen, der in seinem Beitrag “Transformationen im deutschen Sozialstaatsmodell” (in: Kessl/Otto: Soziale Arbeit ohne Wohlfahrtsstaat, 2009) klarsichtig die neuen sozialpolitischen Leitlinien  des aktivierenden Staates nachvollzieht und die Kritik seiner Gegner als nicht von der Hand zu weisen würdigt, dann aber - anstatt all das für die Soziale Arbeit und ihre Klientel zu Ende zu denken - , sich an der Perspektive hochzieht, dass der neue aktivierende Staat die Kinder zu einer wichtigen sozialpolitischen Zielgruppe erklärt und der Sozialen Arbeit “im Koordinatensystem zwischen Sozialpolitik, Bildungspolitik und Familienpolitik eine neue Rolle und Position” zuweist. (vgl. S. 27). Er möchte lieber mit einer Kritik an den neuen Entwicklungen “das Kind nicht mit dem Bade ausschütten” und lieber, wie er sagt: “zwischen Fehlern und Leerstellen neuer Praktiken und Konzepte und den dahinter liegenden Fragen und Suchprozessen unterscheiden” (S. 32).

Diese neue, angeblich wichtige Rolle der Sozialen Arbeit scheint eine Perspektive zu sein, der ein Realo nicht  Stand halten kann.

Bewältigungsmechanismus 6: die ModernisiererInnen

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 Der aktivierende Staat benutzt die gleichen Begriffe wie die lebensweltorientierte Soziale Arbeit: Aktivierung, Hilfe zur Selbsthilfe, Eigenverantwortung, Empowerment, Koproduktion, Aushandlung….  Das hat fatale Folgen:

Es gibt viele SozialarbeiterInnen, die zu Recht kritisieren, dass in der bisherigen Praxis der Sozialen Arbeit die lebensweltorientierte Konzeption bislang noch nicht durchgängig Raum gegriffen hat. Die sehen nun in den Angeboten und Absichten des aktivierenden Staates die Chance, endlich konsequent die Soziale Arbeit machen zu können, die sie machen wollen.
Sie übersehen, dass die sozialpädagogischen Begriffe vom aktivierenden Staat in einer anderen Bedeutung und mit anderen Zielen benutzt werden. So kommt es, dass nicht selten begeisterte Verfechter der neoliberalen Modernisierungen  vorgeben und es vielleicht auch wirklich meinen, gleichzeitig konsequente Vertreter einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit zu sein.

Ein Beispiel aus meinem Schwarzbuch:


Poguntke-Rauer et al. bemühen sich in ihrem Beitrag: „Hilfeplanprozess und Assessment im Allgemeinen Sozialdienst durch EDV-Unterstützung“ (2007) darum, das Case Management als Methode auf den Hilfeplanprozess im Jugendamt zu übertragen, wobei sie durchaus die sozialpädagogischen Prinzipien von Sozialökonomie und Partizipation als wichtige Aspekte dieses Prozesses nennen und zu berücksichtigen suchen. Ihr Ziel ist es, durch den EDV-Einsatz „einer Beliebigkeit zur sozialpädagogischen Erkenntnisgewinnung und der daraus folgenden Hilfeentscheidung“ (S. 84) bei der Hilfegewährung entgegenzuwirken.
Die Kritik dieses Versuches will nicht das systematische Herangehen an den Hilfeplanungsprozess infrage stellen. Auch muss fairer weise angemerkt werden, dass bei dem Konzept der Autoren keine sanktionierenden Elemente im Rahmen der Hilfeplanung vorgesehen sind und sich dieser dokumentierte Case Management-Prozess insofern sehr wohl vom Fallmanagement unterscheidet. Aber dennoch: Die Autoren verwenden eine große Mühe darauf, die sozialpädagogische Arbeit der Hilfeplanung systematisch, rational, standardisierbar und technisch erfassbar zu gestalten. Die eigentliche Funktion der Hilfeplanung nach § 36 KJHG aber, die Beteiligung der Klientel an der Hilfeplanung im Sinne der Gewährleistung eines Koproduktionsprozesses – wie ihn z.B. Merchel schon 1997 gefordert und entsprechende methodische Bemühungen als unverzichtbar erklärt hat
  - wird zwar konzeptionell erwähnt, ihrer methodischen Umsetzung oder auch deren Dokumentation jedoch wird kein Gedanke geschenkt.
Automatisch aber, ist Betroffenenbeteiligung in einer rational durchstrukturierten Hilfeplanung nicht enthalten. Und es ist sehr gut vorstellbar, dass die Schwerpunktsetzung auf die technische Seite der Prozessgestaltung die praktizierenden MitarbeiterInnen des Allgemeinen Sozialdienstes nicht gerade dazu anregen wird, daneben noch viel Kraft und Zeit in ein motivierendes, partizipatives Umgehen mit der Klientel zu investieren. Die eigentlichen sozialpädagogischen Prozesse der Hilfeplanung bleiben bei dem Bemühen der Autoren unterbelichtet und werden sogar aus dem Blick gedrängt.

Bewältigungsmechnismus 5. die Konservativen

Die Konservativen haben eine kritische  Distanz zu den neuen Entwicklungen und den neuen Herausforderungen. Sie empfinden sie weitgehend als Zumutungen und sehnen sich nach den Zeiten, in denen  Soziale Arbeit noch im Interesse der Menschen gemacht werden konnte, wo man nicht durch Sparzwang an einer guten Arbeit gehindert wurde und wo der ständige Rechtfertigungsdruck nicht bestand.

Um mit den unerfreulichen Entwicklungen nicht konfrontiert und um selber nicht gezwungen zu sein, die eigene Fachlichkeit infrage stellen  zu müssen, suchen einige davon Nischen und Spielräume in der bestehenden Sozialen Arbeit auf, wo “die Welt der Sozialen Arbeit noch in Ordnung scheint”.  Es gibt noch immer Bereiche, Träger, Arbeitsfelder, wo das Geschepper der Ökonomisierung noch nicht zu hören ist und wo der aktivierende Staat noch nicht hinreicht.  Bisher.
Eine andere Variante von konservativer Bewältigungsstrategie ist die Argumentation, Soziale Arbeit sei schon immer für die Ärmsten der Armen da gewesen, habe schon immer mit sozial ausgegrenzten Menschen zu tun gehabt, sei ihnen schon immer in der Not zur Seite gestanden. Insofern sei es für die Soziale Arbeit klar, wo sie hingehöre, wenn in der gegenwärtigen Zeit die Gruppe der Ausgegrenzten ansteige. Das sei eben immer schon das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit gewesen. Insofern sei es auch nichts weiter Neues, was der gegenwärtige Kapitalismus da produziere. Und eine anerkennte Profession sei sie selber ja schließlich noch nie wirklich gewesen, wäre immer schon  im Kielwasser ihrer Klientel geschwommen, hätte es immer schwer gehabt, hätte immer darum kämpfen müssen, etwas für die Schutzbefohlenen erreichen zu können.  “Der Sozialen Arbeit war es nie verheißen, unbedrängt ihre Option für Benachteiligte auszuüben”, sagt Mühlum, (2009). Da mag er Recht durchaus haben. Und sicher meint er es ganz anders als hier für die Gruppe der ‘Konservativen’ skizziert. Wie auch immer: Das  Sich Abfinden mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Menschen wie das Sich Abfinden mit der eigenen marginalen gesellschaftlichen Rolle gemahnt doch schon sehr an die Stragtegie der “geduldigen HelferInnen” und somit geht die kritische Haltung verloren und wird nicht konstruktiv.

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Bewältigungsstrategie 4: die HarmonisiererInnen

Sie sehen die Gefährdung der Profession und ihrer Möglichkeiten durch Ökonomisierung und aktivierenden Staat. Sie können sie sogar benennen . Sie bestehen auf der Autonomie der Profession, auf ihren ethischen Werten, ihrer Orientierung an Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit und darauf, dass Soziale Arbeit sich für Sozial Benachteiligte einsetzen kann.
Gleichzeitig betonen Sie, dass die Soziale Arbeit sich nicht außerhalb der ökonomischen Gesetze stellen könne, dass sie auch die fachlichen Qualitäts bezogenen Leistungsanreize brauche, dass es unsinnig sei, die Gesetzmäßigkeiten, denen wir alle unterliegen, allein für die Soziale Arbeit von sich weisen zu wollen.  Sie versprechen die Ökonomisierung als Chance und fordern eine “ökonomische Soziale Arbeit” und sehen kein Problem darin, wenn der Teil der Sozialen Arbeit, der marktfähig ist, auch am Markt angeboten wird.
Gleichzeitig aber, damit die von ihnen konstatierten Fehlschläge nicht passieren, beschwören sie die Wirtschaft, ihrerseits die Moral in ihre Handlungen mit einzubeziehen - und halten das sogar auch  für möglich.  “Ökonomie und Sozialarbeit sind gezwungen”, so behauptet z.B. Martin Albert in seinem Artikel “Hier das Geld - und dort die Liebe?” (Sozialmagazin, 33. Jg. 7-8/2008), ” sich sowohl moralisch als auch wirtschaftlich zu rechtfertigen”.  Und weiter stellt er hoffnungsvoll fest: ” “Wenn diese Verbindung gelingt, dann wäre es ein “Profit” für alle - sei es nun als ein finanzieller Gewinn oder als ein Zuwachse an Menschlichkeit” (ebenda).

Hier wird versucht, Ökonomie und Soziale Arbeit zu versöhnen, miteinander zu harmonisieren und damit bringt man letztlich - absichtlich oder ungewollt - den Widerstand gegen bestimmte Entwicklungen und Hintergründe zum Erliegen und schläfert ihn ein.