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Archiv der Kategorie mein Schwarzbuch

Schwarzbuch Soziale Arbeit die 2.

Dieser Tage ist die 2. überarbeitete und erweiterte Neuauflage des Schwarzbuches Soziale Arbeit herausgekommen.

schwarzbuch-2-auf.jpg

Ich danke meinen LeserInnen für die vielen Zuschriften, für Anregungen, Kritik und Lob. Nur dadurch hatte ich die Kraft und den Mut, das Buch zu erweitern und neu herauszubringen.Im Wesentlichen habe ich das Schlusskapitel erweitert, also die Frage “Was können wir tun?” noch intensiver verfolgt.
Außerdem habe ich versucht, Erklärungen dafür zu finden, dass unsere Profession von der gegenwärtigen Sozialpolitik derartig leicht vereinnahmt werden konnte. Welchen Anteil hatte sie und hat sie selber an dieser Entwicklung?

Ich hoffe, auch die 2. Auflage wird von der kritischen Profession gut aufgenommen und kann  dazu beitragen, KollegInnen zum einen aufmerksam zu machen auf das, was gerade mit uns geschieht, zum anderen aber auch dazu, Sozialarbeiterinnen mutiger, zuversichtlicher und selbstbewußter werden zu lassen.
Ich denke, es lohnt, sich für unsere Profession, für diesen anspruchsvollen und erfüllenden Beruf  einzusetzen, auch wenn es schwer ist und viel Kraft kostet -  so wie es zu kämpfen lohnt für ein menschenwürdiges Leben für alle.
Beim Lesen viel Spaß, viele Aha-Erlebnisse und gute Ideen für die eigene Praxis!

wünscht Mechthild Seithe

wir wollen unserem Selbstverständnis treu bleiben ….

Wieder eine beeindruckende mail zum Schwarzbuch, die ich veröffentlichen darf und möchte, weil ich glaube, dass die AutorInnen etwas zum Ausdruck bringen, was viele denken:

 mail vom 14.1.2011

….. als Mitarbeiterinnen eines kleinen freien Trägers der Jugendhilfe, sind

wir auf Empfehlung eines ehemalig durch uns begleiteten Jugendlichen,

der heute Sozialpädagogik studiert, auf Ihr Buch “Schwarzbuch Sooziale

Arbeit” aufmerksam geworden und haben nun die letzte Seite gelesen…

 Schon seit geraumer Zeit und erst recht in der heutigen Wirtschaftskrise

und deren für uns und unsere Klienten spürbare Folgen, mussten wir

feststellen, dass etwas nicht stimmt in unserem System, dass den

Adressaten unserer Arbeit immer weniger Chancen bleiben auf ein

selbstbestimmtes Leben, dass unsere Arbeit zunehmend fremdgesteuert wird

von “Sachzwängen” der Kosteneinsparung, von Eingriffen des öffentlichen

Zuwendungsgebers in unsere Trägerautonomie.

Wir haben versucht, zu verstehen und zu analysieren, um was es in dieser

Zeit geht und wollten uns dennoch nicht in den “Alles wird

schlimmer”-Chor einreihen, der die gesellschaftlichen Zustände im

allgemeinen und ohne Ergebnis beklagt.

 Ihr Buch hat geholfen, unsere Überlegungen und unseren Widerstand auf

festere Beine zu stellen, klarere Positionen zu beziehen und uns

bestärkt, uns weiter und noch deutlicher auf die Seite “unserer”

Jugendlichen zu stellen und unsere politische Haltung offensiv zu

vertreten. Es war und wird nicht einfacher, erfordert

Fingerspitzengefühl und lehrt uns auch ein bißchen das Fürchten über die

Machtverhältnisse und das Machtverhalten selbst auf Landkreisebene …

 Ihr “Schwarzbuch” wird sicher  Einfluss haben auf die diesjährige

Überarbeitung unserer Konzeption und wird uns weiter in unserer Arbeit,

solange es sie noch gibt, begleiten. Unser einstimmige Teammeinung

bleibt internes Leitbild unserer Arbeit - nämlich, dass wir uns auch

weiter im Spiegel anschauen und unserem Selbstverständnis treu bleiben

wollen.

 In diesem Sinne möchten wir - als Praktikerinnen - Ihnen auf diesem Weg

für Ihre deutlichen und Mut machenden Worte im “Schwarzbuch Soziale

Arbeit” bedanken!

 

.

Besuch bei der AKS in Dresden

Die AKS in Dresden hatte mich vor einigen Wochen im tiefen Schnee zu einer Veranstaltung ihrer Gruppe in die ev. FH Dresden eingeladen.

Es war für mich und die mit mir zusammen angereiste Studentin ein beeindruckendes Erlebnis.
Das Thema des Abends: Soziale Arbeit in einer kapitalistischen Gesellschaft. Ein schwarzer Blick“ hätte erwarten lassen können,  dass hier ein paar kritische Leute unter sich zusammen sitzen und ihre Wunden lecken.
Dem war ganz und gar nicht nicht so! Immerhin kamen über 50 Leute, Stühle mussten aus den Nebenräumen herein geschafft werden. Die Atmosphäre war solidarisch, gemütlich und gleichzeitig hell wach. Die Diskussion verlief lebhaft und bunt. Die Gruppe war sich durchaus nicht in allem Punkten einig. Aber alle Positionen wurden vorgetragen und miteinander diskutiert.Ich danke an dieser Stelle den Veranstaltern noch einma, dass ich diese Gelegeheit bekommen habe und mit diesem ermutigenden Eindruck wieder nach Hauzse feahren konnte!

Ich war im Kontext meines Schwarzbuches eingeladen worden. Der Veranstalter hatte mir im Vorfeld vier Fragen zugesandt, zu denen ich möglichst etwas sagen sollte. Dazu bin ich an diesem Abend nur in Ansätzen gekommen, denn es war viel wichtiger, dass die Teilnehmer sich äußerten und mit einander ins Gespräch kamen!

Dennoch möchte ich diese Fragen nicht einfach im Raume stehen lassen und werde mich deshalb hier im Blog dazu äußern.

zu Frage 1. Wie sieht heute moderne Sozialarbeit aus?

Modern im Sinne der herrschenden neosozialen Vorstellungen bedeutet: Erziehung und Verhaltensstraining für die einen und Verwalten und Sanktionieren für die anderen. Das heißt, voraussichtliche Versager herausfiltern….

Modern im Sinne einer heutigen, fachlich autonomen und ethisch an sozialer Gerichtigkeit ausgerichteter Sozialen Arbeit bedeutet für mich deshalb zwangsläufig: Sich gegen diese Einschränkungen wehren und die Begrenzung nicht akzeptieren, sich offensiv gegen die Teilung der Gesellschaft in erfolgversprechende und damit wertvolle und keinen Erfolg versprechende und damit wertlose Menchen aussprechen und dagegen anzuarbeiten, diese selektive Investition in Menschen als Weg brandmarken, der sozialdarwinistische Tendenzen aufweist und vielmehr die gesellschaftlichen Ursachen von individuellen Problemen deutlich aufzeigen und anprangern.

zu Frage 2. Was ist die Aufgabe kritischer Sozialarbeit heute?

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Man kann im Kleinen in glücklichen Inseln der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit noch gute Arbeit für Klienten machen. Aber man stößt auch hier bald an Grenzen! Moderne Sozialarbeit in diesem Sinn kann deshalb nur offensive Gegenwehr heißen! Das wäre also aus meiner Sicht die Aufgabe kritischer Sozialer Arbeit .

zu Frage 3. Was darf eine kritische Soziale Arbeit auf keinen Fall mitmachen? Wo liegen die Grenzen?

Soziale Arbeit muss in der Lage sein, bei ihrer Arbeit im Sinne der sozialpädagogischen Fachlichkeit vorzugehen (Ergebnis offen, Methoden offen). Dafür braucht sie z.B. entsprechende Zeitkontingente. Sie sollte sensibel sein für Prozesse, in denen Partizipation zum Formalismus oder gar zu einer Bringeschuld der Klienten wird.

Sie mus von ihrer wissenschaftlich und ethisch geleiteten autonomen Fachlichkeit ausgehen und sollte bei Aufgaben mißtrauisch sein, bei denen von einer fachfremden Instanz Wege und Ziele vorgegeben sind (z.B. Fallmanagement).

Soziale Arbeit sollte sich verweigern, wenn es darum geht, Menschen abzustempeln, zu sanktionieren auszusondern, abzuqualifizieren und ihnen für ihre Probleme im Sinne einer angeblichen Eigenverantwortung Schuld zu zu weisen.
Sie sollte sich Sanktionen und Methoden die Druck und Überredung anwenden verweigern.
Soziale Arbeit sollte sich keinen persönlichen oder strukturellen prekären Arbeitsbedingungen beugen (z.B. Stellen annehmen mit Unterbezahlung).

Aber all das, solche und andere Zumutungen sollte man nicht im Stillen bekämpfen sondern gelichzeitg öffentlich skandalisieren!

zu Frage 4. Bedeutet die aktuelle Aktivierungspolitik  für die Soziale Arbei ein Dilemma?

Ich denke ja, ein Dilemma insofern, als man sie weder ignorieren noch umgehen kann.
Wenn Soziale Arbeit sich nicht dagegen wendet, nicht deren eigentliche Ziele aufdeckt und anprangert, wird sie unweigerlich mit in diesen neosozialen Sog hineingezogen und reproduziert selber die Aktivierungspolitik.

 

Danke und erholsame Tage!

wintergruss-web.jpg     Ich nutze die Sitte, zu Weihnachten alle zu grüßen, die einem am Herzen liegen, um den LeserInnen dieses Blogs zu danken und gleichzeitig anzuregen, dass Sie sich auch mal selber per Kommentar einzubringen und z.B. von den alltäglichen Skandalen in unserer Arbeit, vor allem aber auch von gelungenen Versuchen, sich zu wehren, berichten und Einlass in unser “Spinnennetz” einzufordern.

Denjenigen, die mir wegen meines Schwarzbuches begeistert und kritisch geschrieben haben, gilt mein besonderer Dank. Ich freue mich über die Maßen darüber, dass dieses Buch offenbar etwas geschafft hat, was ich mir so gewünscht habe:
“Es ist so vieles darin gebündelt und in Worte gefasst, was mir in den vergangenen ca. 5 Jahren begegnet ist und mir zunehmend ein ungutes bis beängstigendes Gefühl gemacht hat,” so schrieb z.B. gestern ein Leser.

Ein gutes neues Jahr wünsche ich allen, die bereit sind, nicht mehr wegzuhören und sich etwas vorzumachen.
Deshalb schon heute eine Vorankündigung in eigener Sache:
Ich plane mit einer Sozialarbeiterin aus Berlin zusammen für den 17. und 18. Juni 2011 eine Tagung: “aufstehen, widersetzen, einmischen” - gemeinsame Wege aus der neosozialen Falle” in Berlin
Die Tagung soll vor allem den TeilnehmerInnen Gelegenheit geben zum Erfahrungsaustausch und zur Diskussion gemeinsamer Wege nach vorne.
Mehr Informationen kommen.

Fachlichkeit - Opfer der Ökonomisierung

Ein alltäglicher Fall:

Der Vater von zwei Kindern - Tochter 16, Leukämie, magersüchtig und vor allem voll in der Pubertät,  Sohn, 11, ADHS, nicht beschulbar - ist nach dem Tod seiner Ehefrau vor 2 Jahren ziemlich überfordert. Obwohl er emotional alles für seine Kinder gibt, bekommt er weder eine wirkliche Struktur in die Familie, noch ist er in der Lage, den Kindern in dieser Situation wirklich zu helfen.
Irgendjemand hat ihm von der Möglichkeit einer Familienpflegerin erzählt. Das Jugendamt ist bereit, Familienpflege nach § 2o KJHG zu gewähren.
Die Familienpflegerin, die dafür eingestellt wird, hat schon nach kurzer Zeit kalte Füße: Sie ist völlig überfodert mit der Situation. Sie sieht sehr wohl, dass hier mit Familienpflege nicht geholfen ist. Es wäre hier Sozialpädagogische Familienhilfe mehr als angebracht. Ein tapferer Versuch, das gegenüber der Teamleiterin zu thematisieren, führt immerhin zu einem tapferen Versuch, diese Rückmeldung an das Jugendamt weiterzugeben.

Was passiert?

Das Jugendamt blockiert und argumentiert,  der Vater wollte ja eine Pflegerin und außerdem sei dies ja wohl auch kostengünstiger.

Der Träger schweigt darauf hin, denn er möchte nicht an dem Ast sägen, auf dem er sitzt.

Der Fall wird in dieser Weise noch viele Jahre auf der Stelle stehen, die Biografien der Kinder werden weiter problematisch verlaufen und wohl auch immer problematischer werden

und: es entstehen sinnlose Kosten, die keinem entsprechenden Ergebnis gegenüberstehen.

Messmer spricht in solchen Fällen von einer Steigerung der Sozialkosten durch den Effekt der “Opportunitätskosten”,  die entstehen, wenn die Versuche, die Kosten zu dämpfen, zu suboptimalen Entscheidungsvorgängen geführt haben, die selber wieder Kosten verursachen, die hätten vermieden werden können.(vgl. Messmer 2007, Jugendhilfe zwischen Qualität und Kosteneffizienz ; vergleiche auch Seithe 2010, Schwarzbuch Soziale Arbeit, S. 98)

Schwarzbuch bedeutet nicht schwarzsehen

Gestern 4 Stunden mit einer Kollegin aus Berlin diskutiert: wie könnte es weitergehen?

Wir waren uns einig, dass mein Buch erst einmal nur eine ziemlich umfassende und kanllharte Analyse der gegenwärtigen Verhältnisse in der Sozialen Arbeit ist, nicht mehr und nicht weniger.
Es gibt viel Zuspruch, immer wieder Stimmen, die ihre Freude und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, dass da mal jemand wirklich die Wahrheit ausspricht.
Ich weiß aber auch: viele  empfinden diese Analyse auch als bedrückend, als Belastung, die es ihnen möglicherweise schwer maen könnte, weiter an ihrem Beruf Freude zu finden. Manche möchten das alles gar nicht so genau wissen und scheuen sich davor, die Wirklichkeit ungeschminkt sehen zu müssen. Sie sind froh, wenn es ihnen gelingt, dort wo sie stehen, in der gegenwärtigen Situation dennoch das Eine oder das Andere für ihre Klientel erreicht zu haben. Der Blick auf die gesamte Misere, verdirbt ihnen ihre Zufriedenheit?

Mein Schwarzbuch will nicht die Botschaft vermitteln, dass alles sinnlos geworden ist! Die Analyse dieses Buches ernst nehmen, bedeutet nicht: schwarzsehen, pessimistisch sein, resignieren, aufgeben.
Es geht nicht darum, bei der Beschreibung der Mißstände stehen zu bleiben. Der Analyse im Schwarzbuch sollten vielmehr  reale Handlungsschritte folgen:
gemeinsame Überlegungen, wie man sich verhalten, was man tun kann, welche Strategien zu erarbeiten wären, um der gegenwärtigen Entwicklung etwas entgegenzusetzen.
Die Analyse soll vor allem dabei helfen, dass wir uns aufraffen und eine Soziale Arbeit, wie sie unseren professionellen und ethischen Vorstellungen entspricht, neu gestalten und gesellschaftlich einfordern, im alltäglichen Kleinkrieg am Arbeitsplatz wie im gesellschaftlichen Diskurs.
Dazu gehört wohl auch, dass man sich daran machen muss, Soziale Arbeit und ihre sozialpädagogische Konzeption heute - in Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des aktivierenden Staates und der neosozialen Ideologie - neu zu  sehen, neu zu denken, neu zu bestimmen und die Ergebnisse und Forderungen offensiv ins Feld zu führen.

kommt denn da auch noch mal was Positives?

Heute spricht mich eine Studentin auf mein Schwarzbuch an, das sie seit ein paar Tagen liest.
“Also ich muss Ihnen sagen, das ist ein schönes Buch. Aber trotzdem , ich bin jetzt in Kapitel 4 und es wird immer schlimmer, was Sie da schreiben und was ich da entdecke! Sagen Sie, wird es am Ende auch noch mal wieder positiv? Ich meine, wenn ich das lese, dann frage ich mich, warum ich das noch studiere!”

Ich versuche natürlich zu sagen, dass es wichtig sei, dieses “Schreckliche” nicht einfach hinzunehmen, sondern sich dagegen bewußt aufzulehnen - und natürlich, Wege zu suchen, was man tun kann, um diese Entwicklung zu stoppen.  Dann schon fühlt man sich besser und viel stärker.

Aber so richtig wohl ist mir nicht bei solchen Reaktionen meiner LeserInnen. Ich will ja niemanden deprimieren und auch nicht den Teufel an die Wand malen.
Andererseits: es hat m.E. keinen Sinn, über die gegenwärtigen Tendenzen und Entwicklungen das Mäntelchen das Harmlosen und “nicht so schlimm Gemeinten” zu hängen. Wenn wir nicht deutlich erkennen, wohin diese Reise geht und gezwungen sind, uns zu der Frage zu stellen, ob wir da mit wollen oder nicht, werden wir nichts bewegen. Alles steht und fällt aber mit der Erkenntnis, dass man sich nicht nur wehren muss, sondern es auch möglich ist. Ohnmächtig ist die Soziale Arbeit nur dann wirklich, wenn sie sich selber so sieht.

Erfahrungen mit der Rezeption meines Schwarzbuches

Da hat man nun so ein Kind in die Welt gesetzt und man ist gespannt, wie es sich durchschlagen wird…

Ich bin nicht eine von denen, die alle Tage solche Bücher schreiben (können), zumal in dieses Buch die Erfahrungen einer langen Praxis- und Lehrezeit in der Sozialen Arbeit eingegangen sind und vor allem auch ein langer, mühsamer Prozess der Erkenntnis, was eigentlich zur Zeit da draußen wirklich passiert.
Es ging mir nicht um einen neuen wissenschaftlichen Beitrag zur Problematik.  Da gibt es viele und begnadetere AutorInnen. Ich wollte ein Buch schreiben, mit dem vor allem die Betroffenen, die PraktikerInnen etwas anfangen, wo sie sich und ihre Situation wiederfinden können, ein Buch, das sie aufklärt aber auch stark werden lässt und das ihnen sowohl die Notwendigkeit zur Gegenwehr verdeutlicht als auch Mut dazu macht.
Die Rezension, die Maren Schreier jetzt im socialnet veröffentlicht hat, erfüllt alle meine Hoffnungen und Erwartungen. Bei ihr ist jede Botschaft genau so angekommen,w ie sie von mir gemeint und intendiert war.

Bis hierhin habe ich - ich gestehe es ein - den mühsamen Weg meines Schwarzbuches  hinein ins Buchleben genau und fast akribisch verfolgt, habe den Amazon-Verkaufsrang aufgerufen, habe genau registiert, wer etwas dazu gesagt hat, welche KollegIn sich lobend, interessiert oder abwertend geäußert hat, habe mich über Zustimmungen und Lob von Studierenden und PraktikerInnen gefreut, habe die kleinen Rezensionen, die hier und da erschienen sind, mit Stolz und Erleichterung gelesen, habe mit Befriedigung registriert, dass sich insbesondere die Gruppen und KollegInnen angesprochen fühlen, die selber an der gegenwärtigen Situation in der Sozialen Arbeit leiden und etwas tun, sich zur Wehr setzen  möchten. Andererseits habe ich mich über so manches Schweigen gewundert.
WissenschaftlerInnen verhalten sich bis heute zurückhaltend, so als wüssten sie nicht genau, wo und wie sie mein Buch einordnen sollen.  Vielleicht ist es für sie irgendwie verdächtig, wenn Inhalte verständlich und anschaulich dargestellt werden.
Auch meine alten KollegInnen aus der Jugendhilfe schweigen sich  aus. Möglicherweise ist es ihnen unangenehm, dass sie als mein Erfahrungs- und Lernhintergrund zitiert werden. Vielleicht erscheinen ihnen aber meine Analyse und meine kritische Sicht auch als Schwarzmalerei, die in schweren Zeiten eher zu einer Bremse als zum Motor des Fortschritts werden könnte. Ich weiß, wer mitten in der Praxis sitzt und sich redlich bemüht, gegen die Widrigkeiten der Wirklichkeit zu kämpfen, gesteht sich nicht gerne ein, dass die Windmühlen sich immer weiter drehen und sich einen Dreck darum scheren, dass man sie im Visier hat.
Einzig eine meiner früheren KollegInnen hat mein Schwarzbuch auf 5 Seiten kommentiert und  als Vorlage für eine persönliche Rückbesinnung auf ihr eigenes Berufsleben im Jugendamt genutzt - und ist dabei zu interessanten Ergebnissen gekommen.

Ich wünsche meinem Schwarzbuch weiterhin viel Erfolg und überlasse es nach der Rezension von Maren Schreier mit aller Gelassenheit und Zuversicht darauf, dass es dazu beitragen wird, die allgemeine Angepasstheit unserer Profession  infrage zustellen, weiterhin den Lesern und allen, die es nutzen wollen.

Schwarzbuch Soziale Arbeit da

Hallo liebe Freunde und LeserInnen dieses Blogs, die ihr von nah oder ferne mit verfolgt habt, wie ich in den letzten 2 Jahren an meinem “Schwarzbuch Soziale Arbeit” geschrieben habe. Das Buch ist jetzt auf dem Markt.

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Thema: Die Veränderungen und Zumutungen für die Soziale Arbeit durch Ökonomisierung und den aktivierenden Staat.
Wenn man so will, ist es mein “Schwanengesang” auf eine lange Berufszeit im Bereich Soziale Arbeit. Gleichzeitig ist es ein Versuch, mich in die kritische Diskussion um den gegenwärtigen Zustand der Sozialen Arbeit einzubringen und sie für Studierende und PraktikerInnen erfahrbar und verständlich zu machen. Ich hoffe, dass die sozialpädagogischen WissenschaftlerInnen mir meine pupulär-wissenschaftlichen Ambitionen verzeihen. Ich denke aber, dass dieses Buch neben seinen anschaulichen Elementen (Beispiele und eigene Erfahrungen aus meiner 18 jährigen sozialpädagogischen Praxis) auch eine Menge zur theoretischen Diskussion beiträgt.

Das Buch enthält u. a. ca. 50 anonymisierte Praxisbeispiele, die u.a. von Studierenden unseres Fachbereiches zusammengetragen wurden.

 

22,50 Euro, 300 Seiten            

ISBN-10: 3531154923;  ISBN-13: 978-3531154923,


 

Inhalt:

Soziale Arbeit – was ist das eigentlich?

Persönliche Erfahrungen

1.1 Aufgaben- und Problemstellungen

1.2 Ein kritischer und selbstkritischer Blick auf die Außenwahrnehmung der Sozialen Arbeit

1.3.Geschichte der Sozialen Arbeit

1.4 Die Profession Soziale Arbeit

1.5 Soziale Arbeit zwischen Menschen und System

1.6 Was professionelle Soziale Arbeit leisten kann

1.7 Soziale Arbeit und Ökonomisierung – ein Ausblick

 

 2 Veränderte Gesellschaft: Der Markt ist alles

PersönlicheErfahrungen                                                                                                                                                                             

2.1 Der Markt übernimmt die Regie

2.2 Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen für die Menschen

2.3 Folgen der Veränderungen für sozial Benachteiligte

 

3 Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit

Persönliche Erfahrungen

3.1 Chancen der Ökonomisierung aus Sicht der PraktikerInnen

3.2 Die Vermarktlichung der Sozialen Arbeit

3.3 Effektivität, Effizienz und Kostensenkung als zentrale Ziele

3.4 Folgen von Effizienzdominanz und Kostendämpfung für die Praxis

3.5 Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit

3.6 Wirkung, Ergebnisqualität und Evidenzbasierung

3.7 Effiziente und ineffiziente Kunden eines Marktproduktes

 

 4 Aktivierungspolitik und Soziale Arbeit

Persönliche Erfahrungen

4.1 Der aktivierende Sozialstaat

4.2 Umdeutung sozialpädagogischer Grundbegriffe

4.3 Bruch mit dem Gesellschafts- und Menschenbild der Aufklärung

4.4 Abkehr von Klientenorientierung und Parteilichkeit

4.5 Leugnung gesellschaftlicher Ursachen von individuellen Problemlagen

4.6 Entwissenschaftlichung der Sozialen Arbeit

 

 5 Was wird aus der Profession Soziale Arbeit?

Persönliche Erfahrungen

5.1 Veränderungsdruck und Bewältigungsstrategien

5.2 Forderungen für eine offensive Professionspolitik

5.3 Widerstand und Handlungsmöglichkeiten

5.3.1 Berechtigte Kritik oder die Verfechter des ewig Gestrigen?

5.3.2 Verantwortung der kritischen Wissenschaft

5.3.3 Strategieebenen kritischer Sozialer Arbeit

5.3.3.1 Reflexivität

5.3.3.2 Beharren auf sozialpädagogischen Positionen

5.3.3.3 Repolitisierung der Sozialen Arbeit

5.3.4 Von der Reflexivität zum politischen Handeln

.

eigentlich schade…

Es ist eigentlich schade, dass mein Schwarzbuch jetzt fertig ist (wird im Februar bei VS erscheinen) und ich neue Beispiele, die mir SozialarbeiterInnen und StudentInnen erzählen, nicht mehr einarbeiten kann. Denn alles was ich so höre: es wird nicht besser, es wird immer schlimmer!  Meine Beispiele im Schwarzbuch sind keine traurigen Ausnahmen, sondern offensichtlich vielleicht sogar noch vergleichsweise nette Geschichten.

Heute erzählt mir eine Studentin, dass ihr Träger ihr untersagt, für ein Praxisprojekt, das sie unentgeltlich und aus freien Stücken in den Ferien in einer Tagesgruppe durchzuführen bereit ist, nur drei und nicht wie gewünscht fünf Kinder in ihre Kleingruppe einzubinden. Angesichts der gewählten Methode und des heiklen Themas (häusliche Gewalterfahrungen bei den Kindern) wären drei Kinder ausreichend, fünf machen die Situation unübersichtlich und wahrscheinlich auch weniger erfolgreich. Aber das sind keine Argumente für den Träger. Denn: eine so kleine Gruppe kann er nicht in seinem Finanzierungskonzept durchsetzen.
Fragt sich man sich: Wieso Finanzierungskonzept? Werden unbezahlte Tätigkeiten von Praktikantinnen schon in die Finanzierungskonzepte eingearbeitet?  Es sieht ganz so aus. Mit der kostenfreien Arbeit von Praktikantinnen wird in allen Praxisstellen schließlich gerechnet.

Aber darüber wundert sich meine Studentin schon gar nicht mehr und auch darüber nicht, dass fachliche Argumente, auch der Hinweis auf die vermutlich geringere fachliche Effektivität, offensichtlich überhaupt keine Bedeutung mehr zu haben scheinen.
Das Geld regiert die Praxis, zu diesem Schluss kommt sie nach einem Jahr Praxiserfahrung.

Kein Wunder denke ich, wenn Wohlfahrtsverbände gezwungen sind, sich wie Unternehmen am Markt über Wasser zu halten.  Es bleibt ihnen nichts anderes mehr übrig, als sich auch wie Unternehmen zu verhalten.
Wer setzt dagegen?
Wenn Kaffeemaschinen billig produziert werden, dann wird zumindest die Macht des Kunden eine Grenze darstellen für die Absenkung der Produktqualität.
Aber wer tut das bei uns? Wer merkt überhaupt, wenn unsere Arbeit keine Wirkungen zeigt, weil die Bedingungen nicht reichen und wenn wir stattdessen vielleicht sogar Bruch erzeugen?
Ganz sicher wird niemand die kleinen KlientInnen meiner Studentin fragen, was das Projekt für sie gebracht hat.
Aber unter uns: geht es dem Träger dabei überhaupt um ein Ergebnis für die Kinder? Wird meine Praktikantin nicht einfach nur gebraucht, um für die Ferienzeit die flickenhafte Personaldecke  nach außen zu vertuschen?