Was die TAZ über mein Buch verrät und was nicht

Veröffentlichung eines Interviews von Jonas Wahmkow

Es ist erfreulich, dass sich die TAZ für mein Buch interessiert gezeigt und so ein langes Interview mit mir geführt hat. Ich durfte den Text sogar redigieren und autorisieren. Dafür herzlichen Dank an den Redakteur.

Dennoch frage ich mich, warum gerade die Textteile des Interviews nicht übernommen wurden, von denen ich größtenteils denke, dass sie die schärfste und klarste Kritik an der gegenwärtigen Sozialpolitik und Sozialen Arbeit enthalten. Wenn es dabei nur darum gegangen sein sollte, Platz zu sparen, dann hätte ich ganz andere Stellen zum Kürzen vorgeschlagen. Aber vielleicht war das ja doch nur Zufall. Die LeserInnen können sich selbst ein Urteil darüber bilden: Ich habe die nicht veröffentlichten Textteile durch kursive, blaue Schrift markiert und in den Text des veröffentlichten Interviews eingefügt.

Der Text des Interviews:

„Es ist noch schlimmer geworden“

Die Bedingungen für die Sozialarbeit waren noch nie rosig, weiß Mechthild Seithe. Fast eine Idylle aber sei es doch mal gewesen, meint die Sozialarbeiterin: im Vergleich zum neoliberalen Jetzt.

Interview Jonas Wahmkow Foto Miriam Klingl

Vor ein paar Jahren haben mich SozialarbeiterInnen aus Berlin eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Da habe ich dann durch die jungen Kollegen gelernt, was derzeit im Bereich Soziale Arbeit los ist. Die Entwicklungen, die ich in meinem Schwarzbuch beschrieben habe, sind wirklich noch Idylle dagegen. Es ist noch schlimmer geworden. Nur, es merkt keiner mehr. Die Leute sind daran gewöhnt. Es weiß auch keiner mehr, was für andere, bessere Bedingungen man früher in der Sozialarbeit hatte.

taz: Frau Seithe, mit Ihrer Veröffentlichung vom „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ haben Sie sich 2011 als kritische Stimme der Sozialarbeit etabliert. Nun melden Sie sich nach 15 Jahren aus dem wohlverdienten Ruhestand mit einem neuen Buch zurück. Was hat Sie dazu motiviert?

Mechthild Seithe: Vor ein paar Jahren haben mich SozialarbeiterInnen aus Berlin eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Da habe ich dann durch die jungen Kollegen gelernt, was derzeit im Bereich los ist. Die Entwicklungen, die ich in meinem Schwarzbuch beschrieben habe, sind wirklich noch Idylle dagegen. Es ist noch schlimmer geworden. Nur: es merkt keiner mehr. Die Leute sind daran gewöhnt. Es weiß auch keiner mehr, was für andere, bessere Bedingungen man früher in der Sozialarbeit hatte.

taz: Sie haben 14 Jahre lang als Abteilungsleiterin im Jugendamt in Wiesbaden gearbeitet und dann nochmal 18 Jahre lang als Professorin für Sozia­le Arbeit in Jena. Was ist für Sie die Aufgabe einer Sozialarbeiterin?

Seithe: Sozialarbeit war und ist nie eine revolutionäre Angelegenheit. Der Beruf ist entstanden im 19. Jahrhundert zur Zeit der Industrialisierung und des Arbeiterelends. Soziale Arbeit hatte von Anfang an für den Staat zwei Funktio­nen: zum einen, die Leute so weit zu befrieden, dass sie arbeiten konnten, klarkamen und nicht verhungerten. Auf der anderen Seite ging es immer darum, dass die Leute gerade so zufrieden waren, dass sie nicht rebellierten. Dieser Zwiespalt steckt bis heute in der Struktur der Sozialen Arbeit.

taz: Das klingt sehr pragmatisch. Der Berufsstand hat sich seitdem hoffentlich weiterentwickelt …

Seithe: Durchaus. Die oben genannten Ziele waren und sind die Ziele des Staates, die er mit seiner Sozialen Arbeit verfolgt. Die Menschen, die diese Arbeit leisteten, haben darüber hinaus immer wieder eigene, mehr auf die Bedürfnisse der Betroffenen ausgerichtete Ziele verfolgt und entsprechende Konzepte entwickelt. Das professionelle, humanistische Konzept, das ich vertrete, ist in den 70er Jahren entstanden. Dabei geht es darum, Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens zu unterstützen. Es wird dabei natürlich in erster Linie an diejenigen gedacht, die in dieser Gesellschaft eben nicht das große Los gezogen haben: an die sozial Benachteiligten, die aufgrund von Armut, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und anderen Strukturen in dieser Gesellschaft nicht gut klarkommen.

taz: Wie und wo sind Sie zur Sozial­arbeit gekommen?

Seithe: Ich war 68erin und sozialpolitisch engagiert. Ich habe 1972 in Psychologie promoviert. Ich habe dann in Wiesbaden im Jugendamt als Erziehungsberaterin gearbeitet. Dort habe ich gemerkt, dass ich im Grunde für die Leute, die dort zu mir kamen, nicht ausreichend ausgebildet war. Mir fehlten da ganz viele Kenntnisse. Mit Psychologie allein war das nicht zu machen. Als ich schon längst Abteilungsleiterin war, habe ich deshalb Sozialarbeit als Externe in Frankfurt am Main studiert. Das war mir ein großes Vergnügen, weil mir dadurch viele Zusammenhänge erst richtig klar wurden.

taz: Sie sagen, dass die Bedingungen für die Sozialarbeit damals viel besser waren als heute. Aus Ihrer Zeit in Wiesbaden führen Sie die Entwicklung der damaligen Obdachlosensiedlung Mühltal als Beispiel für gelungene Sozialarbeit an. Das Projekt lief über 20 Jahre, aus der Siedlung wurde ein beschauliches Viertel. Wie konnte das gelingen?

Seithe: Seithe: Ich war Abteilungsleiterin in der ambulanten Erziehungshilfe und hatte viel Kontakt mit den Sozialarbeitern dort vor Ort.  Vor Beginn des Projektes war die Situation in dieser Siedlung unbeschreiblich schlimm. Viele Bewohner waren Alkoholiker, die Wohnungen waren feucht und überbelegt, die Siedlung voller Ratten. Es gab viel Gewalt. Die Mitarbeiter vom Jugendamt konnten nur mit Polizeischutz die Siedlung betreten. Wir nannten sie im Jugendamt das „Tal der langen Messer“. Es hat fast ein Jahr gebraucht, bis die Leute in der Siedlung nicht mehr misstrauisch waren, sondern mit den Sozialarbeitern zusammengearbeitet haben. Und dann fingen die Leute auch an, für sich selbst zu sorgen. Es gab nach einiger Zeit sogar eine gewählte Gruppe, so eine Art Ortsbeirat aus eigener Initiative. Nach intensiven Rollenspielen mit den Sozialarbeitern waren die Bewohner in der Lage, im Stadtrat aufzutreten und eine Telefonzelle für die Siedlung einzufordern. In der zweiten Hälfte der Projektzeit begann die Sanierung der Häuser durch die Bewohner selbst. Sie erhielten für ihre Arbeit Lohn und bekamen anschließend einen regulären Mietvertrag.

taz: Sie kritisieren, dass ein solches Projekt heute gar nicht mehr möglich wäre und vom humanistischen Verständnis in der Praxis kaum noch was übrig ist. Warum?

Seithe: Das alles ist gekippt. Die Soziale Arbeit heute ist nicht mehr an den Menschen interessiert, die besondere Schwierigkeiten haben. Sie ist auch nicht mehr bereit, so viel Geld für diese Menschen zur Verfügung zu stellen. Die Klienten der Sozialen Arbeit sind aus neoliberaler Sicht jetzt nicht mehr Klienten, sondern Kunden. Das heißt, es wird von ihnen erwartet, dass sie sich wie souveräne Kunden verhalten, aktiv mitarbeiten und dafür sorgen, dass sie ihr eigenes Humankapital ordentlich fördern. Wer das nicht kann und wer das nicht will, fällt hintenrunter. Es geht um „Fordern und Fördern“. Wer die Forderungen nicht erfüllt, wird auch nicht gefördert. Das führt schließlich zu einer Zwei-Klassen-Sozialarbeit. Die Leute, die so durchs Netz fallen, sind auf Almosen angewiesen, sie gehen zur Tafel und nehmen sonstige Wohltätigkeitshilfen wahr, auf die sie allerdings keinen Rechtsanspruch haben.

taz: Warum funktioniert das bei diesen Klienten nicht?

Seithe: Unsere Klientel kann es zum Teil nicht, jedenfalls nicht auf Anhieb. Ich habe parallel zu meinem Buch eine Befragung durchgeführt und habe festgestellt, dass ein großer Teil der Klienten Angst und Vorbehalte hat vor dem Kontakt mit Sozialarbeitern. Sie kommen nicht und sagen: „Ich will mich ändern, ich will mein Bestes geben, um wieder arbeiten zu können.“ Sie haben selbst oft massive Probleme, aber das sind nicht unbedingt die Themen, die die heutige Soziale Arbeit interessiert. Heute geht es nicht darum, die Menschen bei der Bewältigung ihres Lebens zu unterstützen. Sondern darum, sie möglichst schnell in Arbeit und raus aus dem Sozialhilfebezug zu bekommen.

taz: „Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute“ ist der Titel Ihres neuen Buches, und Sie sagen, dass diese nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichte Sozialarbeit von einem grundsätzlich anderen Menschenbild ausgeht als noch das humanistische Verständnis aus den 70ern. Was meinen Sie damit?

Seithe: Zum Beispiel geht die humanistische Sozialarbeit davon aus, dass ein großer Teil der Probleme, die die Leute haben, gesellschaftlicher Natur sind. Aber die heutige neoliberale Sozialarbeit gibt den Klienten selbst die Schuld an ihrem Schicksal. Nach dem Motto: „Du kannst es ja, streng dich an, dann schaffst du das.“

taz: Ist „Hilfe zur Selbsthilfe“ nicht ein erstrebenswertes Ziel?

Seithe: Es ging in der Sozialarbeit immer darum, die Leute zu befähigen, ihr Leben selbstständig zu bewältigen. Aber die heutige Sozialpolitik hat diese Selbsthilfe verabsolutiert. Das Entscheidende dort ist, dass die Klienten den Staat möglichst wenig kosten. Das heißt: auf keinen Fall lange mit den Leuten arbeiten und nicht auf deren persönliche Probleme eingehen. Es geht jetzt nur noch um Employability, also darum, die Menschen wieder in die Arbeit zu bringen.

taz: Welche Rolle spielen Sanktionen und Bestrafung in der neoliberalen Sozialarbeit?

Seithe: Wenn ich der Meinung bin, jemand müsste sich einfach nur mal anstrengen, um seine Probleme zu lösen, dann habe ich kein Verständnis dafür, dass er das nicht schafft. Jemand, der nicht bereit ist mitzuarbeiten oder es nicht auf die Reihe bekommt, wird sanktioniert.

taz: Wann haben Sie zum ersten Mal in Ihrem Arbeitsfeld die Neoliberalisierung erlebt?

Seithe: Ich hatte in Wiesbaden zusammen mit meinem Jugendamtsleiter eine besondere Erziehungsberatungsstelle aufgebaut, die sich dadurch auszeichnete, dass auch die Klientel des Jugendamtes sie attraktiv fand und gerne besuchte. Hier brauchte es allerdings einen ganz anderen Umgang mit den Menschen, der sich von der klassischen therapeutischen Atmosphäre und Vorgehensweise der sonstigen Beratungsstellen abhob. Wir haben in einem Hochhaus eine Wohnung im sechsten Stock gemietet. Die Leute kamen, saßen mit den Mitarbeitern dann in der dortigen Küche. Da haben sie sich wohl und wie zu Hause gefühlt. Die Arbeit dort hatte eine ganz andere Struktur als in einer klassischen Erziehungsberatungsstelle. Natürlich war das keine kostengünstige Variante. Man brauchte für die psychosoziale Arbeit mit diesen Menschen viel mehr Zeit, musste Motivierungsarbeit leisten und konnte Lernprozesse nicht einfach nur durch Gespräche anstoßen. Das Projekt war sehr erfolgreich. Dann aber ist dieser Jugendamtsleiter, mit dem ich das alles ausgeheckt hatte, ins Organisationsamt gewechselt. Als ich ihn dann mal wieder traf, sagte er zu mir: Du musst mal ausrechnen, wie viel bei euch ein Fall in der Erziehungsberatung kostet. Ich glaube, wir sind teurer als die kirchlichen Einrichtungen, das darf nicht sein. Das war eine Frage, die wir uns vorher nie gestellt hatten!

……………………………………………………………………………………………………………………………………..Mechthild Seithe

Der Mensch

1948 in Hildesheim geboren, widmete Mechthild Seithe ihr Leben der Sozialen Arbeit. Nach dem Studium der Psychologie arbeitete sie erst in einer Erziehungsberatungsstelle in Krefeld. Von 1979 bis 1993 war sie Abteilungsleiterin in der ambulanten Erziehungshilfe im Jugendamt Wiesbaden. 1993 wechselte sie als Dozentin zur Fachhochschule in Jena und ging 2011 in den Ruhestand. Seither lebt sie in Oranienburg bei Berlin.

Die Bücher

2010 veröffentlichte Mechthild Seithe mit ihrem „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ eine erste umfassende Kritik an der Neoliberalisierung des Berufsstands. 2025 erschien ihr neues Buch „Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute“ beim Springer Verlag. Mechthild Seithe veröffentlicht regelmäßig ­Debattenbeiträge auf ihrem Blog zukunftswerkstatt-­soziale-arbeit.de.

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taz: Sie wechselten 1992 aus Wiesbaden nach Jena an die Hochschule. Was hat Sie dazu bewogen?

Seithe: Nach 14 Jahren im Jugendamt hatte ich den Eindruck, dass sich alles langsam, aber sicher im Kreis drehte. Außerdem wurden jetzt ständig Stellen gekürzt. Das lähmte die Arbeit sehr. Ich wollte einfach ein bisschen mehr Dis­tanz zur Praxis und die Möglichkeit, mehr nachdenken zu können über die Soziale Arbeit und das, was inzwischen dort passierte. Und deswegen war dann Hochschule für mich attraktiv.

taz: Gab es Unterschiede zwischen der Sozialen Arbeit in Ost und West?

Seithe: Im Osten war Soziale Arbeit ein neuer Berufszweig. Es gab ja in der DDR die Fürsorge, die deckte aber nur einen Teilbereich dessen ab, was So­zial­arbeit heute macht. Die Jugendarbeit gehörte dort zum Bildungsbereich. Ich habe 1990 einen Modellversuch begleitet für Sozialarbeit an Thüringer Schulen. Die Lehrer, die daran beteiligt waren, haben mir hinter der vorgehaltenen Hand gesagt: „Erst haben die Wessis uns die ganze Freizeitarbeit am Nachmittag kaputt gemacht. Jetzt kommen sie mit neuen Begriffen und bauen die wieder auf. Genau das, was die jetzt machen, das haben wir vorher auch gemacht.“ Aber vieles war auch ganz neu, viele Bereiche mussten erst neu aufgebaut werden.

taz: Konnten Sie die Neoliberalisierung der Sozialarbeit auch im Osten beobachten?

Seithe: Ja, aber ich habe fast 18 Jahre gebraucht, um es wirklich zu begreifen. Während ich in Jena als Professorin gearbeitet habe, habe ich lange gedacht: „Das ist der Osten. Irgendwie kriegen die das nicht auf die Reihe.“ Bis ich dann mal wieder nach Wiesbaden fuhr, zu meinen alten Kollegen, und merkte: Dieselben Entwicklungen waren inzwischen auch da angekommen. Der Westen war nur viel besser ausgestattet, personell und finanziell, da merkte man die Einschränkungen nicht gleich. Im Osten schlugen diese Neuerungen sofort zu Buche, da gab es keine Puffer und eben auch nicht die Tradition einer humanistischen Sozialen Arbeit, wie sie sich im Westen entwickelt hatte.

taz: Ihr neues Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie sich diese Neoliberalisierung in der Lehre niederschlägt. Was haben Sie herausgefunden?

Seithe: Ich habe einmal die SozialarbeiterInnen, mit denen ich wieder in Kontakt bin, gefragt, ob das Studium sie auf das vorbereitet hat, was sie jetzt in der Praxis machen sollen. Die haben mit einem einstimmigen „Nein“ geantwortet. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Aber dieselbe Reaktion habe ich mehrfach erlebt. Ich nahm mir daraufhin zehn gängige Bücher der Methodenlehre vor und stellte fest: Zwar wird das humanistische, klassische Konzept weiterhin vermittelt. Aber die neoliberalen Entwicklungen und die dahinterstehende Ideologie werden praktisch überhaupt nicht thematisiert.

Sozialarbeit war und ist nie eine revolutionäre Angelegenheit. Sie hatte von Anfang an für den Staat zwei Funktionen: zum einen, die Leute so weit zu befrieden, dass sie arbeiten konnten und nicht verhungerten. Auf der anderen Seite ging es immer darum, dass die Leute gerade so zufrieden waren, dass sie nicht rebellierten. Dieser Zwiespalt steckt bis heute in der Struktur der Sozialen Arbeit

taz: Die Studierenden werden nicht darauf vorbereitet, wie es ist, unter wirtschaftlichen Zwängen zu arbeiten?

Seithe: Sie werden nicht darauf vorbereitet, dass ihr professionelles Konzept in der Praxis nicht umgesetzt werden kann und warum das so ist. Es bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als sich anzupassen und ihr professionelles Konzept als unerreichbare Utopie ad acta zu legen. Aber die Profession vertritt trotzdem offenbar mehrheitlich die Meinung: „Ja, so ein bisschen Ökonomie müssen wir ja auch mitmachen. Aber nein, das ändert gar nichts an unserer Profession.“ Das sind totale Verharmlosungen der Situation!

taz: Was passiert mit SozialarbeiterInnen heute, wenn sie unvorbereitet in die neoliberale Berufsrealität entlassen werden?

Seithe: Der Beruf ist einer der Berufe mit der höchsten Burnout-Quote. Den meisten bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen und ihre Vorstellungen von einer fachlichen und ethischen Sozialen Arbeit als uneinlösbare Utopie hinter sich zu lassen. Andere leiden darunter, dass sie ihr Wissen nicht richtig zum Einsatz bringen können. Sie haben gelernt, wie sie mit Menschen umgehen und wie sie Lernprozesse bei Menschen entwickeln. Aber sie dürfen nicht über ihren Fall nachdenken, sondern sie kriegen vorgesetzt, was sie machen sollen.

taz: Würden Sie jungen KollegInnen noch empfehlen, in die Sozialarbeit zu gehen?

Seithe: Wer das machen will, muss wissen, worauf er sich einlässt. Wer bereit ist, sich mit diesen Widersprüchen auseinanderzusetzen, der kann sich auch wehren.

taz: Haben Sie konkrete Beispiele von KollegInnen?

Seithe: In meiner Untersuchung habe ich Mitarbeiter in Flüchtlingsunterkünften befragt. Die Sozialarbeiter dort werden als Ordnungskräfte eingesetzt. Mit klassischer Sozialarbeit hat das kaum noch etwas zu tun. Die Kollegen haben mir erzählt, sie sollten quasi als Spione kontrollieren, ob die Leute ihre Betten gemacht haben, ob sie trinken. Von einem Arabisch sprechenden Sozialarbeiter wurde verlangt, dass er Gespräche, die er mit einem Jugendlichen führt, wörtlich übersetzt, weil die Verwaltung rauskriegen wollte, welches Alter der Jugendliche hat. Wer aber den Mut hatte, sich zu weigern und diese Weigerung fachlich zu begründen, ist nicht rausgeflogen. Aber es kostet sehr viel Kraft, das zu tun.

taz: Nachdem Sie damals in den Ruhestand gegangen sind, haben Sie nicht aufgehört, die Lage Ihrer Profession kritisch zu hinterfragen, sind dann aber zwischenzeitlich etwas ruhiger geworden. Warum?

Seithe: Ich habe nach der Veröffentlichung des Schwarzbuchs in Berlin in kurzer Zeit ganz viele SozialarbeiterInnen kennengelernt. Wir haben dann zum Beispiel das „Unabhängige Forum kritische Soziale Arbeit“ und das “ und das „Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit“ gegründet. Nachdem ich fünf Jahre sehr aktiv war, hatte ich den Eindruck, hinter mir stehen nicht mehr viele Leute. Nachdem das noch geltende Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz durch die heutige neoliberale Variante ersetzt worden war, hatten offenbar viele den Eindruck, jetzt ist es gelaufen, wir machen eben das Beste daraus.

Da habe ich, ich sage mal, einen politischen Burnout bekommen und habe ein paar Jahre lang gestaltet, getöpfert und versucht, mich auf den Ruhestand zurückzuziehen.

taz: Wie beschäftigen Sie sich jetzt nach dem Buch im Ruhestand?

Seithe: Die Soziale Arbeit lässt mich doch nicht los. Zurzeit halte ich Vorträge über die Thematik und schreibe in meinem Blog über die Diskussionen, die im Anschluss meiner Vorträge stattfinden und die Fragen, die mir die KollegInnen stellen.  Aber viel kann ich natürlich nicht mehr tun. Da sind jetzt eben die Jungen dran! Es gibt auch heute junge KollegInnen, die sich voller Energie und Verantwortung für eine Soziale Arbeit starkmachen, die sich wieder den ­Menschen zuwendet und den Namen verdient. Das gibt mir Hoffnung.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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14 Antworten zu Was die TAZ über mein Buch verrät und was nicht

  1. Hallo,
    ich bin über den TAZ-Artikel auf Ihren Blog aufmerksam geworden und sehr irritiert über diese Kürzungen. Eine Absprache darüber und den Einbezug Ihrer Abschätzung hätte ich erwartet.
    Ich hoffe, Ihr Interview und Ihr Buch erreicht viele Kolleg:innen.
    Ich persönlich bin seit 2015 staatlich anerkannte Sozialarbeiterin und habe Erfahrungen in verschiedensten Wirkungsfeldern sammeln dürfen, die ich leider immer wieder wegen des Auseinanderklaffens der strukturellen Realität und meiner sozialarbeiterischen Haltung inkl. Forderung nach entsprechenden Ressourcen und Freiheiten verlassen habe.
    Darüber zu lesen, wie anders die Arbeitsrealität früher war, ist für mich ermutigend, denn es zeigt: Es geht anders.

    Danke für Ihre Arbeit!

    Herzliche Grüße wünscht
    Ann-Christin Gericks

    • m.s. sagt:

      Liebe Ann-Christin Gericks,
      so macht dieser Beruf keine Freude, nicht wahr? Aber denoch bin ich davon angetan, dass Sie schreiben, dass sie den Widerspruch so deutlich empfinden und dass Sie nicht bereit sind, sich anzupasen und aufzugeben. Dazu kann ich Ihnnen nur gratulieren. Wenn viele SozialarbeiterInnen dieses Gespür aufbrächten und die Konsequenz zögen, dass sie so nicht mitmachen wollen, dann würde sich auch etwas bewegen in der Landschaft.
      Dass Sie offenbar nicht wirklich davon wussten, dass Soziale Arbeit vor dem Neoliberalismus ganz anders tickte, erschreckt mich allerdings. Offenbar ist das ein Tabu, an das niemand rührt oder zu rühren wagt. Und die jungen KollegInnen können aus eigener Erfahrung natürlich nichts dazu sagen.
      Aber man muss sich nur einmal die unglaubliche Leistungsschau ansehen, die z.B. auf den Jugendhilfetagen vorgeführt wird: Jeder Träger lobt seine Arbeit und seine Ergebnisse in den Himmel. Man glaubt dann als Unbefangener, der diese Show erlebt, dass die Jugendhilfe eine großartige, äußerst erfolgreiche und auch hoch ethisch operierende Angelegenheit ist. Dieses Glanzbild wird hemmungslos verbreitet und verdeckt die Wirklichkeit – und vor allem die Möglichkeit, es anders zu machen.
      Ich rate Ihnen, suchen sie sich dort, wo sie wohnen und arbeiten gleichgesinnte KollegInnen – egal aus welchem Arbeitsfeld und egal bei welchem Träger sie angestellt sind, denn sie haben als SozialarbeiterInnen überall die gleichen Probleme. Und dann erarbeiten Sie sich zusammen Handlungsalternativen für das, was sie tun und stärken Sie sich gegenseitig darin, Konflikte durchzustehen und den Mut zu haben, den Finger in die Wunde zu legen und den Fuß in die Tür zu stellen.

  2. Dietmar Benter sagt:

    Liebe Frau Seithe,
    ihr Buch gibt mir Rückenwind.
    Ich selbst war 25 Jahre – neben einer Tätigkeit als Bewährungshelfer und Kriminologe – in der Lehre an der HS Bremen tätig und habe versucht, den Spagat zwischen Theorie und Praxis zu leben und zu lehren.
    Jetzt – fünf Jahre nach meiner Pensionierung, beschäftige ich mich wieder als rechtlicher Betreuer und bin entsetzt. Meine Arbeit ist geprägt von Antragstellungen, Nachreichen von Dokumenten, Ablehnungen, Widersprüche…Die Not der einzelnen Menschen gerät dabei sehr stark in den Hintergrund. Die Gemeinden bauen z.B. öffentlichen Wohnraum mehr und mehr ab, ohne für Ersatz zu sorgen. Somit leben diese hilfsbedürftigen Menschen in schier unmenschlichen Notunterkünften ( z.B. eine Frau mit neun Männern!).
    Ich versuche schon über längere Zeit einen „Sozialfond“ zu gründen und sammele Spenden von Geschäftsleuten, Privatpersonen etc. ein, um dringliche finanzielle Dinge regeln zu können, für die sich niemand verantwortlich fühlt, die Not aber vergrößert. Das Interesse der Angesprochenen ist gelinde gesagt Null am Elend anderer Menschen und der Erfolg meiner Sammelaktion ist mäßig.
    Von daher freue ich mich über ihr neues Buch, das mir wieder etwas Motivation für meinen persönlichen Kampf gegen das Wegschauen der Gesellschaft gibt.
    Dietmar Benter

    • m.s. sagt:

      Lieber Herr Bentner, ich finde ihr Engagement für diese Menschen sehr wichtig und bewundernswert. Was ich nur denke: Man müsste versuchen, die zuständigen PolitikerInnen und Ideologen für ihre Gleichgültigkeit und ihr unverantwortliches Desinteresse gegenüber diesen Menschen zur Verantwortung zu ziehen. So viele Menschen wissen offenbar ganz genau, was zurzeit mit dem Sozialstaat passiert. Aber wir alle stehen offenbar hilflos davor und müssen zuschauen. Ich frage mich, warum das so ist und ob das so bleiben muss.

  3. Hartmut Reinke sagt:

    Liebe Frau Kollegin Seithe,
    herzlichen Dank. Sie sind eine so wichtige Stimme! Ich bin Diplom-Sozialarbeiter und Prof. für Sozialmanagement. Vor welchen Karren lässt sich Soziale Arbeit spannen? Ich bin nicht in der Hochschullehre tätig, um Anpassung an das Gegebene zu lehren oder Untertanen zu formen, ganz im Gegenteil. Und da sind Ihre Texte und Arbeiten Balsam. DANKE!

    • m.s. sagt:

      Lieber Kollege Reinke,
      ich habe dieses Buch, für die SozialarbeiterInnen in der Praxis geschrieben, vor allem für die, die Unterstützung brauchen bei ihrem Versuch, sich zu wehren und den Fuß in die Tür zu stellen. Aber besonders freue ich mich auch über positive Rückmeldungen von KollegInnen an den Hochschulen, weil ich so sehr hoffe, dass mein Buch sie dazu ermutigt, den zukünftigen SozialarbeiterInnen die gegenwärtige Lage durchschaubar zumachen und ihnen Rüstzeug mitzugeben für das „kritische Überleben“ in der auf sie zukommenden neoliberal transformierten Praxis.

      • Hartmut Reinke sagt:

        Gerade weil Sie ermutigen, freue ich mich über Ihr Buch; gerade weil die Dinge sind, wie sie sind, ist Ihre Arbeit so wertvoll! Ich schaue in jedem Semester den DGSA Film mit StudentInnen. Sie sind diejenige, an die die allermeisten sich noch Semester später gut und gern erinnern. Ihre Hoffnung ist nicht vergeblich!

  4. Maximilian Pichl sagt:

    Liebe Kollegin Seithe,

    vielen Dank für das gute Interview, das ich im nächsten Semester in meinen Kursen der Sozialen Arbeit mit den Studierenden besprechen werde.

    Herzliche Grüße
    Maximilian Pichl (Frankfurt University of Applied Sciences)

  5. Ich kann Ihren Ärger sehr gut verstehen, zumal er voll meine eigenen Erfahrungen mit Interviews für die TAZ entspricht. Nie habe ich solch eine Häufung von gravierenden Veränderungen meiner Kernaussagen erlebt wie bei Interviews für „meine“ TAZ. Dazu unvorstellbare Schludrigkeiten. Aber das wichtigste ist, dass selbst ein enttäuschend wiedergegebenes Interview Aufmerksamkeit und Neugier schafft.
    Jetzt bin ich sehr gespannt darauf, Ihr Buch zu lesen.

    • m.s. sagt:

      Dank für das Verständnis. Aber, ich bin nicht eigentlich ärgerlich. Vielleicht ist es wirklich keine Absicht gewesen, gerade die heißesten Abschnitte zu streichen. Und vielleicht hat das auch die Redaktion gemacht, nicht der Verfasser selbst. Das Interview war eigentlich sehr angenehm und zeigte ein großes Interesse des Interviewers.
      Und letztlich habe ich von der TAZ auch nicht erwartet, dass sie sich voll hinter mein Anliegen stellt. Aber ich bin dennoch dankbar, dass sie mir die Gelegenheit gab, über mein Buch und die Lage der Sozialen Arbeit zu berichten.

  6. Jörg Rupp sagt:

    Danke Frau Seith. Ich sehe den Zusammenhang zwischen dem, was derzeit gesellschaftspolitisch über die gesagt wird, die Unterstützung des Staates benötigen – und wie sich diese Verachtung für diese Menschen mehr und mehr die Gesellschaft durchdringt.
    Ich bin „nur“ quer eingestiegener Jobcoach – ich habe keinerlei wissenschaftliche Expertise, dafür praktische Expertise. Aber die Zielsetzung „wieder in Arbeit kommen“ – die kenne ich gut. Und mein Widerstandsfähigkeit als Honorarkraft ist leider sehr begrenzt.
    Ich habe ihr Buch bestellt und werde mich durchwühlen und wenn nötig, ab und an mal eine Frage stellen. Ihr Interview zeigt mir leider wieder auf, an welcher Stelle in meinem Berufsleben ich anders hätte abbiegen sollen – aber nun werd ich 60 und ich muss schauen, wie ich mich für die paar Jahre noch – ja, anpasse. Trotzdem Danke!

  7. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Artikel einige Menschen, die hier lesen, interessiert:

    Finnland zahlte zwei Gruppen das gleiche Geld. Eine davon verzeichnete eine um 33 % bessere psychische Gesundheit.
    https://bge-rheinmain.org/finnland-zahlte-zwei-gruppen-das-gleiche-geld-eine-davon-verzeichnete-eine-um-33-bessere-psychische-gesundheit

    Es ist eine ganz gute Übersicht über das, was wir im Moment wissen über die Wirkungen bedingungsloser Geldzahlungen auf die psychische Gesundheit sowie das gegenseitige Vertrauen und den sozialen Zusammenhalt.

    • m.s. sagt:

      Danke für den interessanten Hinweis!
      Besonders gefallen hat mir Ihr eigener Artikel. Vielleicht können Sie den für meine Leser hier auch einstellen?
      Was Sie fordern ist nichts anderes, als dass  die Gesellschaft in ihre Mitglieder, hier speziell psychisch kranke Menschen, Vertrauen haben und sie nicht voller Misstrauen kontrollierend und bedrängend unter Druck setzen soll. Und gerade das wird von unseren PolitikerInnen gerade wieder ganz aktuell aufs Schärfste zurückgewiesen. Sie setzen auf noch mehr Druck, Kontrolle, Sanktionen und Forderungen. Und ich glaube, an der besseren Gesundheit der Betroffenen ist dieser Regierung auch nicht gelegen. Sie möchte nur, dass die Menschen sich alle selbst ernähren können und somit den Staat entlasten. 

      Und selbst der Hinweis, dass der Vorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens  in solchen Fällen unterm Strich den Staat weniger kosten würde, wird diese Herren und Damen nicht dazu bringen, ihre Meinung von Sozialhilfeempfänger als Drückeberger zu ändern.

      Das ist ein sehr treffendes Beispiel für die derzeitige neoliberale Sozialpolitik, die immer unerträglicher wird und die Menschen zutiefst verachtet, die nicht bereit und in der Lage sind, der neoliberalen Aufforderung zu folgen, sich selbst besser und effizienter zu vermarkten. 

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