Gelungenes Projekt Sozialer Arbeit

Graphic Novel Siedlung Mühltal

Mathilda Seithe 2024

SIEDLUNG MÜHLTAL Dokumentation eines Projektes der Sozialen Arbeit | Mathilda Seithe (mathilda-seithe.de)

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1. Begegnung mit einem Albtraum

Roman: Das war gestern, Ackermann!    

Ungeliebte Verwandtschaft

Den ganzen Tag über hatte ein feiner Sprühregen die Luft erfüllt, sodass er auf seiner Fahrt von Mühlheim nach Köln ständig den Scheibenwischer anstellen musste. Aber sobald der Regen etwas nachließ, quietschte der und zerrte an Dieters Nerven.

Er war schon gegen 8.00 Uhr losgefahren, damit er pünktlich zur Begräbnisfeier eintreffen würde. Er war froh, dass seine ältere Schwester die Organisation der Beerdigung in die Hand genommen hatte. Was ihn betraf, wurde von ihm nicht mehr verlangt, als diesen Tag einigermaßen gut hinter sich zu bringen und seine Rolle als betroffener Sohn zu aller Zufriedenheit zu erfüllen. Dennoch sah er dem Ereignis mit gemischten Gefühlen entgegen. Nicht wegen des Todes seiner Mutter. Sie hatte lange Zeit an ihrer Krankheit gelitten, und seine Schwester und er waren erleichtert, dass sie nun von ihren Leiden erlöst worden war. Ihr Tod hatte sie nicht überrascht. Aber er hätte sich gewünscht, an diesem Tag allein bei ihr zu sein, um ungestört Abschied nehmen zu können.
Was ihn heute dort erwartete, machte ihn nicht froh. Sein Gesicht verdüsterte sich, wenn er es sich nur vorstellte: All die Leute, die mehr oder weniger trauernd dabeistehen würden, die nahen und fernen Verwandten, die peinlichen Fragen, das Getuschel hinter seinem Rücken.

Auch das Wiedersehen mit seiner Schwester Gabriele war kein Ereignis, auf das er sich freute. Er hatte sie fünf oder sechs Jahre nicht mehr gesehen, das letzte Mal bei der Beerdigung des Vaters. Sie lebte seit Langem in Dresden und war für ihn von Jahr zu Jahr mehr in ihrer Hochschule und ihren politischen Aktivitäten verschwunden. Ab und an erreichte ihn eine Mail seiner Schwester mit dem Hinweis auf eine neue Publikation von ihr. Was sie beruflich leistete und was sie schrieb, war nicht übel, doch wie sie es zur Geltung brachte, mit welcher Bedeutung und Wichtigkeit sie aufzutreten pflegte, hatte ihn schon immer genervt. Vermutlich würde sie auch heute die Gelegenheit nutzen, um ihren kleinen Bruder mit ihren Weisheiten und Ratschlägen vollzustopfen.
Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Am Horizont zeigten sich hellblaue Flecken.

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2. Lebensberater mit Leib und Seele

Roman: Das war gestern, Ackermann!   

Ein Vormittag im Beratungszimmer

Draußen vor seinem Bürofenster entfaltete sich der Morgen von Stunde zu Stunde heller und freundlicher. Die Sonne warf einen flimmernden Lichtfleck auf die Wand hinter seiner Klientin. Nach dem gestrigen Erlebnis in Köln genoss Dieter diesen Morgen ganz besonders. Er fühlte sich in seinem Büro auf dem bequemen, aber altmodischen Sessel und in der Jeans mit dem weiten Hosenbund wie zuhause. Wie gut es tat, hier zu sitzen und zu arbeiten!

Frau Berka saß ihm gegenüber und jetzt, nach einer Zeit, in der sie nervös und unglücklich von den neusten Streitereien mit ihrem Mann berichtet hatte, schien sie sich endlich zu entspannen. Dieter bemerkte, wie sie sich bequemer hinsetzte und die Beine leicht von sich streckte. Sie lächelte ihn an. Offenbar tat ihr das Gespräch gut.

„Wissen sie, Herr Ackermann: Die wenigsten Menschen in meinem Leben waren in der Lage, mich zu verstehen.  Von Eric ganz zu schweigen.  Bei Ihnen habe ich das Gefühl, dass Sie immer genau wissen, was ich meine. Das tut mir so gut! Seit ich zu Ihnen komme,  lichten sich die Wolken, die sich über mir zusammengezogen hatten immer mehr. Hierher zur Lebensberatung zu gehen, das war der beste Rat, den meine Freundin mir je gegeben hat.“
Dieter Ackermann sah seine Klientin aufmerksam und freundlich an.  
„Das ist sehr schön und ich freue mich mit ihnen darüber. Aber was ich Sie noch fragen wollte: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich selbst eine Arbeit zu suchen und sich auf eigene Füße zu stellen?“
Sie reagierte nicht. Sie sah durch ihn hindurch und schien mit ihren Gedanken weit weg. Er wartete.
Jetzt kam sie zu sich und sah ihn ein wenig schuldbewusst an. „Entschuldigen Sie, ich war gerade abgelenkt. Was haben Sie gefragt?“
„Ob Sie schon daran gedacht haben, sich eine Arbeit zu suchen und sich finanziell auf eigene Füße zu stellen?“
„Ehrlich gesagt, nein. Mein Mann würde das nicht wollen.“
„Aber darüber nachdenken könnten Sie trotzdem, oder?“
Sie sah überrascht auf. Dann lächelte sie ihn an und versank erneut ins Nachdenken.

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3. Marthas Töchter

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Suses Geburtstagsfeier

Alles war fertig. Suse betrachtete voller Vorfreude den gedeckten Kaffee-Tisch. Sie hatte zur Feier des Tages ihr eigenes Geschirr herausgeholt, dessen Blumenornamente sie so liebte. Annerose fand es kitschig. Deshalb benutzten die Schwestern meist das einfache weiße Geschirr der Schwester. Aber heute war schließlich ihr 45.Geburtstag, da würde sie ja wohl das Geschirr aufdecken können, das ihr gefiel.
Suse strich mit der Handkante noch einmal eine Falte aus der gebügelten Tischdecke, zupfte an dem Blumenarrangement, das in einer gläsernen Vase den Tisch schmückte. Da fiel ihr auf, dass sie vergessen hatte, Kuchengabeln zu decken. Sofort rannte sie in die Küche.
Sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte. Annerose kam von ihrem Einkauf zurück. Eigentlich hatte Suse gehofft, dass auch ihre Schwester erst um 16.00 Uhr eintrudeln würde, wie ein Geburtstagsgast eben. Aber schließlich wohnte ihre Schwester hier und konnte kommen und gehen, wie und wann sie es wollte.

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4. Beruflicher und anderer Ärger

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Sie nennen ihn Dinosaurier

Der Juli ging dahin. Dieter sah Hannes in dieser Zeit nur ein, zwei Mal von weitem. Er ging ihm bewusst aus dem Weg und Hannes schien sich mit seiner Weigerung, ihn bei der Aufdeckung der Informationen über die Aktivitäten ihres Trägers in der Nazizeit zu helfen, abgefunden zu haben. Dieter hatte genug zu tun mit seinen Klienten und allmählich vergaß er die Geschichte.

Es war schon Ende des Monats, als Dieter an einem Mittwochabend seine Sachen packte, um am nächsten Morgen zu einer Fortbildung zu fahren. Der Chef der Beratungsstelle hatte ihn gebeten, daran teilzunehmen. Dieters Begeisterung hielt sich in Grenzen. Es ging um das Thema Fallmanagement. Dieter hatte schon oft davon gehört. Diese Methode wurde in den Jobcentern praktiziert. Verrückterweise verkaufte man das Konzept als partizipative Methode der Beratung. Lächerlich, fand Dieter.

Für die Erfinder dieser Beratungsmethode bestand die Partizipation offenbar darin, dass die Arbeitslosen an Ende des Beratungsgespräches eine Vereinbarung unterschreiben mussten, die der Berater aufgesetzt hatte. Wenn sie nicht unterschrieben, wurde ihnen das als mangelnde Kooperationsbereitschaft ausgelegt und es floss für sie kein Arbeitslosengeld. Was soll diese Methode in unserem Arbeitsfeld, der Lebensberatung, fragte sich Dieter nervös. Und warum will Friedhelm gerade mich dort hinschicken? Aber das hatte doch wohl keinen besonderen Grund, beruhigte er sich schließlich.

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5. Dieter und Suse

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Suse

Kaum hatte er den PC eingeschaltet und das Programm angewählt, öffnete sich eine frisch eingetroffene Nachricht. Eine Frau hatte ihm geschrieben. Ihr Portrait gefiel ihm auf Anhieb. Sie sah nett und fröhlich aus und hatte nicht diesen herausfordernden Blick, den er auf den meisten anderen Fotos bemerkt hatte. Sie schrieb, dass sie sich von seinem Bild angesprochen fühlte und ihn gerne kennenlernen würde.
Was sie über sich selbst sagte, berührte etwas in ihm. Endlich mal eine Frau, die nicht vor allem ihre Selbstständigkeit wie eine Fahne vor sich her schwenkte! Und auch keine von der Sorte, die sich an jeden heranschmiss und mit ihren weiblichen Reizen auftrumpfte. Diese Frau wollte anscheinend genau das, was er auch wollte: ein glückliches, harmonisches, liebevolles Leben zu zweit.
Dass sie schrieb, sie könnte kochen, registrierte er mit Wohlwollen, betonte aber vor sich selbst, dass dieses Detail nicht den Ausschlag für seinen positiven Eindruck gegeben hätte. Er dachte ein paar Minuten nach, las noch andere Zuschriften, die ihn weniger ansprachen. Dann schrieb er dieser Suse postwendend einen netten Gruß.

Das könnte sie sein

Auf eine Antwort musste er nicht lange warten, sie traf schon nach einer halben Stunde ein. Sie freute sich, dass Dieter ihr geantwortet hatte und erzählte, dass sie vor wenigen Monaten in eine eigene Wohnung umgezogen war. Suse wohnte auch in Mülheim. Ihr Schreiben klang unkompliziert. Es hinterließ bei Dieter nicht dieses flaue Gefühl im Magen, das er so oft gespürt hatte, wenn er begonnen hatte, mit einer neuen Frau zu korrespondieren.

Sie waren sich bald einig, dass es nicht sinnvoll wäre, sich wochenlang Mails hin und her zu schicken, wo man doch ohne hin in der gleichen Stadt wohnte. Suse schlug vor, sich bald zu treffen, irgendwo in einer Pizzeria, vielleicht in der am Hessenplatz. So würden sie ja sehen, ob sie miteinander klarkämen.

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6. Bruchstellen

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Der erste Tag bringt nichts Gutes

Als Dieter nach dem Urlaub den ersten Tag in der Beratungsstelle war, wartete ein voller Terminkalender auf ihn. Er überflog die Liste und stellte fest, dass sich Paul angekündigt hatte. Seit einem Dreivierteljahr hatte er ihn nicht mehr gesehen.

Am frühen Nachmittag kam Paul. Der steckte dieses Mal in einer ganz speziellen Krise. Seine Außerirdischen hatten seine letzte Abhandlung über den Duft der Blumen zwar wohlwollend entgegengenommen, aber sie meinten, sie hätten jetzt auch noch ganz andere Fragen.
Sie wollten wissen, warum Menschen andere Menschen töteten, warum es so was wie Kriege unter Menschen gab und warum es in menschlichen Gesellschaften immer Arme und Reiche gäbe.
„Da kenne ich mich nicht aus, Dieter. Was soll ich denen sagen? Wenn sie mit mir nicht mehr zufrieden sind, werden sie mir den Auftrag entziehen. Was soll ich dann machen?“ Er klang verzweifelt. Paul hatte beim Sprechen die ganze Zeit in die Leere gestarrt, jetzt sah er Dieter direkt an.
„Kannst du mir nicht helfen, Dieter?“, fragte er unvermittelt.“ Du weißt über so was  sicher viel besser Bescheid!“
Dieter sah Paul irritiert an. Zum ersten Mal verunsicherte Dieter das, was Paul ihm erzählte. Es war ihm klar: Er konnte diese Fragen genauso wenig beantworten wie Paul. Wer konnte das schon?


„Pass auf, Paul“, sagte er schließlich zögernd. „Versuch mal, was aufzuschreiben, einfach, was dir dazu einfällt. Und wenn du meinst, das ist nicht gut oder gut genug, dann kommst du wieder her und wir reden darüber, okay?“
Damit war Paul einverstanden und verabschiedete sich zufrieden.

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7. Pech und unerwartetes Glück

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Annerose braucht Hilfe

Es war Juni, als abends das Telefon klingelte. Dieter ging ran. Eine angestrengte tiefe Stimme meldete sich: „Hier ist Annerose Berger. Kann ich Suse mal sprechen?“
Dieter brauchte einen Moment, dann begriff er, dass das Suses Schwester sein musste.
„Einen Augenblick, ich hole sie“, sagte er höflich, legte den Hörer hin und ging in die Küche, wo Suse abwusch.
„Suse, ich glaube, deine Schwester ist am Apparat, komm doch mal!“
Suse ließ erschrocken die Spülbürste ins Becken fallen und wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab. „Bist du sicher? Die hat doch noch nie hier angerufen!“
Sie nahm den Hörer in die Hand und meldete sich. Dann starrte sie ein paar Sekunden lang wie versteinert in die Luft, bis sie sagte: „Gut, Annerose, ich komme sofort. Bleib, ganz ruhig. Ich beeile mich.“
„Was ist los? Was ist passiert!“, fragte Dieter, als er das tiefernste Gesicht von Suse sah.
„Meine Schwester ist in ihrer Wohnung gestürzt. Sie kann nicht aufstehen. Wahrscheinlich hat sie sich was gebrochen. Ich fahre hin und helfe ihr. Vielleicht müssen wir einen Krankenwagen besorgen. Vor allem muss ich sie erst mal vom Boden hochkriegen, sie ist kein Leichtgewicht.“
„Ist sie nicht viel zu schwer für dich? Ich komme mit. Mit dem Auto sind wir außerdem schneller. Zu zweit kriegen wir das besser hin.“
Suse warf ihm einen überraschten und dankbaren Blick zu.

Annerose lag in der Küche auf dem Fußboden. Sie seufzte erleichtert auf, als die Hilfe anrückte. Sie hatte die Küche gewischt, der Eimer stand noch da, und war anscheinend auf dem glatten Boden unglücklich ausgerutscht und noch unglücklicher gelandet.


„Hallo“, grüßte Dieter. „Ich bin mitgekommen, falls Suse das vielleicht nicht allein schafft.“
„Meinen Sie! Da wollen wir doch mal sehen, ob so ’n Männeken wie Sie das schafft.“ Annerose grinste, doch gleichzeitig verzog sie ihr Gesicht vor Schmerz.
„Annerose, wie kannst du nur?“, fuhr Suse ihre Schwester an und Dieter bat sie: „Nimm es ihr nicht übel. Sie hat wohl große Schmerzen!“
Dieter verzog keine Miene.
„Wenn ihr mal versuchen würdet, mich so weit anzuheben, dass ich zum Sitzen komme, kann ich ausprobieren, ob ich mein Bein noch bewegen kann.“ Annerose klang jetzt ziemlich gefasst.

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8. Am Schreibtisch sitzt ein Fremder

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Der Schock

So sehr Dieter die Ruhezeit genossen hatte, nach den vielen Wochen freute er sich auf seine Arbeit. Er fühlte sich den Anforderungen wieder gewachsen, auch sitzen konnte er inzwischen einigermaßen.
Er sah dem Tag, an dem er wieder in die EWV gehen könnte, auch deshalb mit Freuden entgegen, weil er dann nicht mehr Tag für Tag jeden Abend nach Suses Feierabend ihrer Sorge und ihren ständigen Bemühungen ausgesetzt war, es ihm recht zu machen. Zunehmend bereitete ihm seine Beziehung zu Suse mehr Kopfschmerzen als Freude, zumal seine sexuellen Bedürfnisse seit seiner OP fast völlig verschwunden waren. Im Grunde fing das Leben mit Suse an, ihn zu langweilen. Hatte er nicht einmal gedacht, dass eine Frau mehr Außenkontakte, mehr Erlebnisse, mehr Unternehmungen bedeuten würde? Jetzt saßen sie – genau wie vorher er allein – den ganzen Abend über in seiner Wohnung und schauten fern. Und nichts weiter passierte.
Ach was, schlug er sich solche Gedanken aus dem Kopf. Wenn ich wieder arbeite, wird sich das schon regeln. Dann werde ich mich freuen, abends zu Suse heimzukönnen. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Und ob diese Beziehung auf Dauer das ist, was ich brauche, darüber werde ich mir den Kopf zerbrechen, wenn mein Leben wieder richtig im Lot ist.

Schon vor einer Weile hatte Dieter damit angefangen, sich über seine Klienten Gedanken zu machen. Sein plötzlicher Ausfall vor Wochen war für manche von ihnen sicher einen schweren Schlag. Hoffentlich waren in der Zwischenzeit keine Katastrophen passiert und hoffentlich hatten sie nicht aufgegeben. Er würde gleich als erstes die Sekretärin fragen, ob Paul Heisinger inzwischen da gewesen war.

Als Dieter das Gelände der EWV betrat, war ihm heimatlich zu Mute. Er öffnete mit Schwung die Eingangstür der Lebensberatungsstelle und ging erst einmal ins Sekretariat.
„Hallo, liebe Leute, da bin ich wieder!“, begrüßte er die Sekretärin, die vor ihrem PC saß und jetzt aufschreckte.
„Herr Ackermann!“ Sie brach ab und starrte ihn verwirrt an.

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9. Süße und bittere Wahrheiten

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Schwesterherz nicht wiederzuerkennen

Suse fühlte sich immer öfter allein. So kam sie auf die Idee, einmal wieder bei ihrer Schwester hereinzuschauen. Sollte sie vorher anrufen? Wahrscheinlich würde Annerose abwehren. Sie war nicht für schnelle Entschlüsse zu haben und würde sicher vorschieben, noch dieses oder jenes erledigen zu müssen. Andererseits war Annerose um die späte Nachmittagszeit sicher zu Hause, also machte sich Suse auf zu einem Überraschungsbesuch.

Sie klingelte an der Wohnungstür. Die Haustür hatte aufgestanden.
Es dauerte einen Moment, bis Annerose kam, um zu öffnen. Suse kannte ihre Schwester so genau, dass sie schon an ihrem Schritt hören konnte, dass etwas Unerwartetes sie in Schwung gebracht hatte. Was war los?

„Oh, Suse. Welche Überraschung!“, rief Annerose aus.
Da sie keine Anstalten machte, Suse hineinzubitten, sagte Suse: „Da staunst‘e, was? Ich wollte mal vorbeikommen. Ich bin heute allein.“
„So, du bist allein und deswegen kommst du zu mir. Aber was sagst‘e, wenn ich nicht allein bin?“


Suse blickte ihre Schwester verblüfft an. „Dann nicht, vielleicht ein andermal. Ich will nicht stören.“
„Quatsch! Suse, komm rein! Kannst‘e ihn auch gleich kennenlernen.“ Annerose grinste. Sie zog Suse in die Wohnung.

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10. Es geht abwärts, aber nicht für alle

Roman: Das war gestern, Ackermann! 

Paul in Not

Seine Aussprache mit Suse hatte Dieter ein wenig erleichtert. Wenigstens diesen Druck, diese Verantwortung und dieses dauernde schlechte Gewissen spürte er nicht mehr. Das war wichtig gewesen, so würde er eher die Kraft für eine Lösung und einen Neuanfang seiner Berufssituation haben.

Die Arbeit ging ihm noch immer schwer von der Hand, vor allem aber sträubte sich alles in ihm, diese nichtssagenden und hinterhältigen Zahlen auszurechnen. Denn ob er es wollte oder nicht, der Kollege hatte recht: Er war jetzt einer von denen, die dafür sorgten, dass an den falschen Ecken gespart wurde, dass Stellen nicht besetzt werden konnten, dass die Mitarbeiter den größten Teil ihrer Arbeitszeit und Kraft in Dokumentationen und Niederschriften stecken mussten, statt mit den Menschen zu arbeiten. Seine Zahlen kamen ihm vor wie eine Schar von Kriegern, die, sobald sie seinen Schreibtisch verlassen hatten, brutal über seine Kollegen und die Mitarbeiter der EWV herfielen.

Dennoch ging es ihm jetzt ein wenig besser. Er wusste noch nicht, was er tun sollte, aber er war festentschlossen, etwas zu tun.
An einem Donnerstagvormittag erhielt Dieter einen Anruf von Frau Springer, seiner ehemaligen Sekretärin in der Lebensberatungsstelle.

„Es geht um Paul Heisinger“, leitete sie ein. „Herr Ackermann, ich muss ihnen etwas erzählen. Ich habe das Gefühl, dass Sie das erfahren sollten. Aber bitte, sagen Sie niemand, dass ich deswegen bei Ihnen angerufen habe.“
Überrascht und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch hörte Dieter zu.

„Herr Heisinger kam gestern Morgen in unsere Beratungsstelle. Er wollte einen Termin mit Ihnen auszumachen. Er war ja sehr lange nicht mehr da gewesen. Aber jetzt brauchte er offenbar dringend Hilfe, dass konnte ich sehen.

Ich erklärte ihm, dass Sie nicht mehr in der Lebensberatung tätig sind. Herr Heisinger wurde nervös. Er verstand das nicht. Er fragte immer lauter, wie er Sie erreichen könnte. Inzwischen waren auch Stefan und Herr Hiltrup zu mir ins Büro gekommen. Vermutlich hatten sie seine laute Stimme gehört. Aber keiner wollte ihm Auskunft geben.“
Frau Springer holte tief Luft und wartete offenbar auf eine Reaktion von Dieter. Als der nichts sagte, fuhr sie fort:

„Da hat sich Herr Heisinger zu mir ins Sekretariat gesetzt und dort den ganzen Tag gewartet. Es war für mich sehr belastend. Was hätte ich ihm sagen können! Auch die Kollegen konnten ihn nicht davon überzeugen, dass er besser gehen sollte.

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