4. Beruflicher und anderer Ärger

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Sie nennen ihn Dinosaurier

Der Juli ging dahin. Dieter sah Hannes in dieser Zeit nur ein, zwei Mal von weitem. Er ging ihm bewusst aus dem Weg und Hannes schien sich mit seiner Weigerung, ihn bei der Aufdeckung der Informationen über die Aktivitäten ihres Trägers in der Nazizeit zu helfen, abgefunden zu haben. Dieter hatte genug zu tun mit seinen Klienten und allmählich vergaß er die Geschichte.

Es war schon Ende des Monats, als Dieter an einem Mittwochabend seine Sachen packte, um am nächsten Morgen zu einer Fortbildung zu fahren. Der Chef der Beratungsstelle hatte ihn gebeten, daran teilzunehmen. Dieters Begeisterung hielt sich in Grenzen. Es ging um das Thema Fallmanagement. Dieter hatte schon oft davon gehört. Diese Methode wurde in den Jobcentern praktiziert. Verrückterweise verkaufte man das Konzept als partizipative Methode der Beratung. Lächerlich, fand Dieter.

Koffer für die Dienstreise

Für die Erfinder dieser Beratungsmethode bestand die Partizipation offenbar darin, dass die Arbeitslosen an Ende des Beratungsgespräches eine Vereinbarung unterschreiben mussten, die der Berater aufgesetzt hatte. Wenn sie nicht unterschrieben, wurde ihnen das als mangelnde Kooperationsbereitschaft ausgelegt und es floss für sie kein Arbeitslosengeld. Was soll diese Methode in unserem Arbeitsfeld, der Lebensberatung, fragte sich Dieter nervös. Und warum will Friedhelm gerade mich dort hinschicken? Aber das hatte doch wohl keinen besonderen Grund, beruhigte er sich schließlich.

Ein Mitarbeiter einer anderen Abteilung war krank geworden. Man hatte Friedhelm angeboten, den frei gewordenen Platz mit einem seiner Mitarbeiter zu besetzen. Dieter wäre ja schon lange nicht mehr auf einer Fortbildung gewesen, überredete Friedhelm den zögernden Dieter. Und drei Tage mal rauszukommen, das wäre doch auch nicht schlecht. Also hatte Dieter sich einverstanden erklärt, obwohl er sich von der Thematik gar nichts versprach.
Das Durchschnittsalter der Leute schätzte er auf Mitte 30. Er kam sich zwischen den jungen Leuten ein wenig fehlplatziert vor. Der Leiter des Seminars war ein sportlich gekleideter Jugendamtsleiter aus einer kleineren Gemeinde im Münsterland. Die Teilnehmenden kamen aus Jugendämtern oder von Erziehungsberatungsstellen verschiedener Träger.

Schon beim Eingangsvortrag begriff er, dass es darum gehen sollte, neue Ansätze für eine effizientere Beratung in genau diesen Arbeitsfeldern zu erarbeiten. Statt ausführlicher Gespräche und zieloffener Beratung wurden das Case-Management und die lösungsorientierte Beratung empfohlen.

Als die Gruppe nach dem Vortrag im Seminarraum zusammensaß und der Leiter um Meinungsäußerungen bat, meldete sich Dieter als einer der ersten. Er erklärte, dass er sehr wohl der Meinung sei, dass viele Klienten eine längere Beratung brauchten. Auch sei es nicht im Interesse der Klienten, wenn man in der Beratung das Ziel von vorneherein festlegt. Die jungen Kollegen und Kolleginnen lachten, während er sprach. Er versuchte seine Behauptung anhand von verschiedenen Beispielen aus seiner Praxis und seiner 25jährigen Erfahrung zu belegen. Man winkte nur müde ab.

Aber Dieter ließ sich nicht beirren und fuhr fort: „Soweit ich weiß, wurde das Fallmanagement für die Jobcenter entwickelt. Es führt die Klienten zielsicher durch einen Ablauf von Entscheidungen, bis man sie dort hat, wo man sie haben will. Auch hier, im Jobcenter, finde ich ein solches Vorgehen alles andere als das, was es vorgibt zu sein, nämlich partizipativ. Aber in der Lebens-, und auch in der Erziehungsberatung, da ist dieses Vorgehen kontraindiziert. Hier geht es doch wohl erst recht darum, dass die Klienten anfangen, selbst Lösungsideen zu entwickeln und sich aus Abhängigkeiten zu befreien.“ Dieter war selbst überrascht, wie kämpferisch er auf einmal auftreten konnte. Die Angelegenheit machte ihn zornig.

Doch niemand ging auf seine Argumente ein. Der Seminarleiter forderte die anderen Teilnehmer zu ihrer Meinungsäußerung auf und Dieters flammende Rede geriet immer mehr in den Hintergrund und wurde nicht mehr thematisiert.

Schon am nächsten Tag galten er und das, was er sagte, von vorneherein bei allen anderen als veraltet, der neuen Zeit nicht mehr angemessen. Er sei eben ein Dinosaurier, sagte ein Teilnehmer lachend. ER meinte es nicht einmal böse. Heute sei das Fallmanagement die Methode der Wahl, wenn es um eine erfolgreiche und effiziente Beratung ginge. Dieter gegenüber zeigten die anderen Teilnehmer fast mitleidige Gesichter. Der Seminarleiter überging ihn, wenn er sich trotzdem zu Wort meldete.

Als es schließlich daran ging, praktische Übungen durchzuführen, verweigerte Dieter die Teilnahme. Der bisher eher lässig wirkende Kursleiter schaute Dieter genervt und ungeduldig an. Seine Züge verspannten sich, seine Stimme wurde lauter. Er musste sich sichtlich zusammenreißen, um nicht aus der Rolle zu fallen, so sehr schien ihm Dieters Weigerung zu missfallen.

Dieter war kein Kämpfer, nein wahrhaftig nicht! Aber das hier, das ging ihm völlig gegen den Strich. Es stellte alles auf den Kopf, was er in seinem Fach für richtig und hilfreich hielt. Als sie ihm das Wort Unprofessionalität an den Kopf warfen, erwiderte er gereizt, dass genau das, was sie da vorhätten, völlig unprofessionell wäre. So würde die Beratung die Menschen nicht in ihrer Entscheidungsfähigkeit fördern, sondern sie bevormunden und durch festgelegte Wege schleusen. Man könnte Methoden aus der Industrie nicht übernehmen, wenn es darum gehe, mit Menschen zu arbeiten.

Sie winkten ab.

Später, als wieder alle im Seminarraum zusammensaßen, versuchte es Dieter noch einmal mit der Erinnerung an theoretische Konzeptionen. Er erinnerte an Carl Rogers und seine personenzentrierte Beratungsmethode, die seines Wissens auch in der Sozialen Arbeit hochgeschätzt würde. Aber er bekam zur Antwort, dass er als Psychologe es natürlich nicht anders sehen könnte, als dass Beratung immer gleich wie eine Psychotherapie aussehen müsste.

„So viel Zeit und so viel Geld steht uns leider nicht zur Verfügung“, schaltete sich hier der Kursleiter ein. „Außerdem ist die Klientel in unseren Beratungsstellen und beim Allgemeine Sozialdienst nicht in der Lage, sich auf eine Psychotherapie einzulassen“, fügte er hinzu. „Also heißt das doch, man braucht andere, einfachere, direkter Beratungsmethoden für diejenigen, die keine Zeit und nicht den Nerv haben, sich monatelang mit ihrer Kindheit auseinanderzusetzen.“

„So wie ich Beratung verstehe“, antwortete Dieter so kühl er konnte, „ist sie nicht gleich schon Psychotherapie, nur weil sie den Eigensinn ihrer Klienten respektiert und auf ihr Gefühle eingeht. Außerdem beinhaltet sie für mich auch andere, praktische Hilfeansätze. Ich habe gestern zum Beispiel eine völlig verängstige Frau ganz praktisch und weit entfernt von jedem psychotherapeutischen Anspruch zum Jobzentrum begleitet.“ Dieter sah die anderen an, in seiner Stimme lang jetzt so etwas wie Triumph. Aber er hatte sich verrechnet. Sein Argument wurde nicht verstanden.

„So, so“, machte der Kursleiter und lächelte schief. „Kindermädchen spielen ist vielleicht auch nicht die Methode der Wahl, oder?“ Irgendeiner der Teilnehmer sagte halblaut das Wort „Helferkomplex“ in den Raum.  Die anderen schwiegen. Die meisten sahen ihn überlegen lächelnd an.
„Außerdem kommen viele unserer Klienten nicht freiwillig, sondern weil sie es müssen. Da bringt eine Beratung, wie Sie sie sich vorstellen, überhaupt nichts“, argumentierte  der Leiter unbeirrt weiter.
„Die Leute lachen dich doch aus, wenn du mit so was ankommst“, ergänzte einer der Teilnehmer bereitwillig.

Dieter überlegte, ob ihn schon mal jemand ausgelacht hatte. Abgesehen von den Mittelschicht-Frauen, die ihn ja bekanntlich anhimmelten, gab es unter seinen Klienten durchaus eine Menge Leute, die tatsächlich genau so waren, wie es eben beschrieben wurde: ungeübt darin, über sich und ihre Probleme zu reden und eigentlich auch nicht ganz freiwillig in der Beratung. Die aber lachten nicht, sondern waren meistens dankbar, auch wenn sie sich oft erst nach längerer Zeit aktiv einbringen konnten.
Er sagte nichts mehr. Es hatte keinen Sinn.
Nach der letzten Seminarsitzung fuhr er ab, ohne sich von irgendwem zu verabschieden. Wenn man aus der Fremde flieht, hat man keinen Grund, Auf Wiedersehen zu sagen, dachte er wütend.

Was war bloß mit diesen jungen Leuten passiert? Wo lernten die denn so was? Wurden solche Einstellungen heute tatsächlich an den Hochschulen vermittelt? Er konnte es kaum glauben. Wie froh war er, dass niemand bei seinem Träger versuchte, ihn von seiner bewährten Arbeitsweise abzubringen. Er beschloss, Friedhelm im Detail zu erzählen, was er dort durchgemacht hatte. Der würde ihn sicher darin bestärken, weiterhin so zu arbeiten wie bisher.

Mal wieder die Ex

Zurück zuhause versuchte er sich von der eben gemachten Erfahrung zu erholen und seinen Ärger zu vergessen. Er setzt sich in seinen Sessel und nahm das dort auf ihn wartende Buch über die antiken Städte in der Türkei in die Hand, das er sich letzte Woche in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Jetzt ist erst einmal Wochenende, dachte er erleichtert und versenkte sich in seine Cadiana-Traum-Welt.


Beim Frühstück am Samstagmorgen, während er mit Genuss die frischen Brötchen aß, die er sich vom Bäcker drei Straßen weiter geholt hatte, fiel ihm Hannes ein und dessen verwegene Pläne, dem Träger den Spiegel vorzuhalten. Wie hatte er gegenüber Hannes argumentiert? Dass es heute genug schlimme Dinge gäbe, die die Gesellschaft duldete oder sogar bewusst betrieb. Keine schlechte Argumentation, fand er im Nachhinein. Der Artikel von Gabriele fiel ihm plötzlich ein. Er hatte sich doch vor kurzem erst vorgenommen, den endlich mal zu lesen. Er suchte in seinen Unterlagen nach diesem jüngsten Text von Gabriele. Er fand ihn nicht. Während er suchte, tauchte in seiner Erinnerung das Gespräch mit Gabriele wieder auf. Sie war ganz anders gewesen, als er erwartet hatte. Sie schien gar nicht mehr so arrogant oder selbstverliebt. So hatte er sie bisher immer eingeschätzt. Vielleicht hatte sie sich geändert? So etwas war ja möglich, überlegte Dieter. Sie hatte ihm auch nicht etwa politisch den Marsch geblasen, womit er eigentlich gerechnet hatte. Stattdessen hatte sie ihn aufgefordert, sich endlich wieder eine Frau zu suchen – genau wie Werner.

Warum mussten sich eigentlich alle in seine privaten Angelegenheiten einmischen? Sie meinten es gut. Werner sicher. Aber dieses Thema wollte Dieter nun mal nicht mit anderen Menschen besprechen. Es brummte und arbeitete auch so ständig in seinem Kopf und ließ ihn nicht in Ruhe. Nur versuchte er, das niemandem zu zeigen. Tief drinnen schämte er sich: Er als erfahrener Berater, als Frauenkenner – zumindest hatte eine Klientin das einmal von ihm gesagt – schaffte es nicht, eine normale, befriedigende Beziehung zu einer Frau aufzubauen. Wie peinlich! Warum war das eigentlich so? Ganz einfach, dachte er schließlich, es fehlt mir an Gelegenheiten. Um Frauen kennenzulernen, müsste er mehr unter Leute kommen. Es gab zwar Kolleginnen, die waren aber entweder vergeben, viel jünger oder nicht sein Typ.

Mitten in diese Gedanken hinein klingelte das Telefon.
„Dieter?“, klang es am anderen Ende.
Er erkannte ihre Stimme sofort, obwohl er Renate bestimmt vor einem Jahr zum letzten Mal gesprochen hatte.
„Dieter, ich muss mal mit dir reden. Es geht um Martin.“
„Ist was passiert?“
„Nein, nein. Ihm geht es gut! Es geht um seine Konfirmation im August.“
„Ladet ihr mich ein?“
„Mhm, ja, wenn Martin es will. Aber es geht um das Geschenk. Er wünscht sich einen Computer, einen mit ganz viel Kapazität zum Spielen. Und mir allein ist der zu teuer. Ich dachte, du könntest dich vielleicht an den Kosten beteiligen?“

Dieter schwieg. Wenn sie sich mal meldet, dann geht es immer nur um Geld, dachte er verärgert.
Sie wartete.

mal wieder die Ex

„Wie viel brauchst du?“, fragte er schließlich müde.
„Knapp 800 Euro. Das ist die Hälfte. Ginge das?“
„Renate, das ist viel! Wieso braucht Martin überhaupt so ein teures Gerät? So was habe ich nicht mal im Büro.“
„Ach Dieter, sei doch nicht so kleinlich! Martin wünscht es sich eben und Konfirmation hat man schließlich nur einmal im Leben, oder?“
Dieter schluckte.

„Wann ist die Feier?“
„Am 27. August. Wir schicken dir ’ne Einladung, wenn du willst. Also abgemacht? Meine Kontodaten hast du ja.“
„Ja, die habe ich.“

Dieter legte auf. Er schloss gequält die Augen. Das also war alles, was von seiner Ehe und seiner Vaterschaft übriggeblieben war. Damals hatte es so hoffnungsvoll begonnen. Er arbeitete bereits einige Jahre als Berater bei der EWV, als er Renate über eine Fortbildung kennenlernte. Renate leitete als junge Psychologin den Kurs über Stressbewältigung. Ihm gefiel ihre Art. Sie war kein bisschen überheblich. Sie ging mit den Kursteilnehmenden auf Augenhöhe um, dennoch blieb immer klar, wer den Kurs leitete.

Er fand die junge Frau in ihrem engen grauen Kostüm einfach umwerfend. Wenn sie lächelte, verwandelte sich ihr ansonsten ernstes, eher sachliches Gesicht für ihn in das einer zärtlichen und begehrenswerten Frau. Er verliebte sich auf der Stelle in sie und erstaunlicherweise schien er ihr auch zu gefallen.

Renate lebte in Düsseldorf. Sie hatte dort an der Universität eine halbe Stelle. In der restlichen Zeit schrieb sie an einer Promotion über Stressbewältigung in der frühen Kindheit. Ein halbes Jahr, nachdem sie sich kennengelernt hatten, zog er zu ihr nach Düsseldorf. Die so entstandenen längeren Arbeitswege nahm er gerne in Kauf. Dieters Familie war entzückt von seiner Wahl. Gabriele verstand sich sofort bestens mit Renate. Das hätte mir eine Warnung sein sollen, dachte er jetzt.

Nach einem Jahr kam Martin. Dieter wusste noch genau, wie Renate reagiert hatte, als sie erfuhr, dass sie schwanger war: Sie erschrak. Sie musste mit sich kämpfen, um die neue Lage akzeptieren zu können. Er dagegen freute sich riesig. Als das Baby da war, übernahm er jede 2. Nacht, damit sie an ihrer Promotion weiterschreiben konnte. Es war eine anstrengende Zeit für sie beide. Schließlich waren sie beide auch nicht mehr wirklich jung.

Martin war kein pflegeleichtes Kleinkind, sodass Renate immer seltener am Schreibtisch sitzen konnte. Zweimal in der Woche musste sie mit ihm zur Physiotherapie wegen seiner Hüftdysplasie. Außerdem war er schüchtern, womit Renate nicht recht klarkam. Er war wie Dieter, das sagte sie oft. In seinen Ohren klang das wie ein Vorwurf.

Irgendwann kapitulierte Renate. Sie gab ihre Promotionsabsichten auf und tröstete sich mit ihrem Kind über den Verlust ihrer wissenschaftlichen Perspektiven hinweg. Ab da ging sie ganz für ihren Sohn Martin auf. Dieter spielte keine Rolle mehr. Und obwohl beide Psychologen waren, sammelten sich die unbearbeiteten Stolpersteine in ihrer Beziehung an, die Ehe erstarrte und folgte nur noch eingeübten Ritualen. Gespräche fanden nicht mehr statt.

Renate gab Dieter die Schuld für die erfolglose Geschichte ihrer Beziehung. Dieter sah das anders, empfand das Ende seiner Ehe eher als Schicksalsschlag und kämpfte nicht. Als Renate eines Tages ihre Freiheit zurückforderte, hatte er sich nicht gewehrt. Vielleicht war er damals sogar froh gewesen, diese belastende Lebenssituation loszuwerden.

Sie hatten versucht, nach außen alles ohne Streit und Konflikte ablaufen zu lassen. Natürlich beanspruchte Renate Martin für sich. Offiziell hatte auch Dieter das Sorgerecht, aber sie machte ihm schon vor der Verhandlung klar, dass sie es begrüßen würde, wenn er sich eine Zeit lang nicht in ihr und Martins Leben einmischen würde. Schließlich müsste der erst einmal mit der neuen Situation klarkommen und sich wieder sicher fühlen. Als Psychologin müsste Renate doch genauso gut wie ich wissen, dass für Martin der Kontakt zu beiden Eltern wichtig und eine einseitige Regelung weder psychologisch sinnvoll noch rechtlich gewollt war. Aber sie dreht sich die Dinge wie immer  so, wie es ihr passt, dachte Dieter resigniert.  Er sah keinen Sinn darin, sich um Martin zu streiten, das würde dem Kind nur noch mehr schaden.

Nach der Scheidungs-Verhandlung gingen sie zusammen in ein Café um die Ecke beim Amtsgericht, um sich dort anständig – wie Renate es ausdrückte – zu verabschieden. Er sah Renate an, wie sehr sie sich auf ihr neues, unabhängiges Leben freute. Sie versuchte, es nicht zu zeigen, aber er bemerkte, wie ihre Augen glänzten und wie sie nervös durch ihn hindurchsah, während sie mit ihm redete. Sie versprach, auf ihn zuzukommen, wenn Martin den Wunsch äußern würde, seinen Vater zu sehen.

Selten hatte sich Dieter so verlassen und hilflos gefühlt wie an diesem Tag in diesem Café. Er hatte einer Frau gegenübergesessen, die auf dem Sprung war, sich mit fliegenden Fahnen und seinem Sohn an der Hand in ein Leben ohne ihn zu stürzen.

Er hatte zwei Jahre gebraucht, um die Trennung zu verkraften, dabei wurde ihm nie ganz klar, was eigentlich das Schlimmste daran gewesen war: Dass er Renate verloren hatte, dass er jetzt allein war, oder dass der Kontakt zu Martin abgerissen war. 

Der Wunsch seines Sohnes, ihn zu sehen, erreichte ihn äußerst selten. Der Junge war bei der Trennung neun Jahre alt gewesen und wirkte immer entfremdeter, wenn Dieter ihn getroffen hatte. Dieter hatte jedes Mal gespürt, dass das Kind ihn ablehnte, dafür dürfte Renate gesorgt haben. Inzwischen war Martin ein Jugendlicher mit eigenen Interessen und wahrscheinlich nicht sonderlich an Verwandtschaft interessiert. Auf Dieters zaghafte Versuche, den Jungen für sich zu gewinnen, war der nicht eingegangen.

So war es also. Und nun wurde er mal wieder zur Kasse gebeten. Aber er würde zahlen.

Erfolglose Suche nach der Richtigen

Dieters Wochenende war durch das Telefonat mit Renate in eine Schräglage geraten.  Er verspürt auf einmal keine Lust mehr, sich weiter mit den antiken Städten in Kleinasien zu beschäftigen. Stattdessen saß er tatenlos herum, und die Erinnerungen an das Desaster mit Renate und an seine anschließenden Bemühungen um eine neue Beziehung zu einer Frau ließen ihn nicht in Ruhe. Den ganzen Tag über gingen sie ihm nicht aus dem Kopf.

Als er sich nach der Scheidung an seinen neuen Zustand gewöhnt hatte, unternahm er einige zaghafte Versuche, eine neue Frau zu finden. Sie sollte anders sein als Renate, aber offenbar fiel er immer wieder auf die kopfgesteuerten, ihm geistig überlegenen, selbstbewussten Frauen herein. Sie schienen eine große Anziehungskraft auf ihn auszuüben, aber sie taten ihm nicht gut. Das war schon in seiner Studentenzeit so gewesen, wo er einige Jahre mit Petra zusammen war, einer eifrigen Feministin, der er gefiel, weil er so sanft und so gar nicht machohaft schien. Sie hatte ihm damals sogar bei der Erstellung seiner Diplomarbeit geholfen, wofür er ihr noch heute dankbar sein musste. Diese Beziehung war nach zwei Jahren mit einem Knall auseinandergegangen. Petra sagte ihm zum Abschied, ein Mann ohne Arsch in der Hose und mit so wenigen geistigen Interessen würde ihr nicht reichen.

Knapp drei Jahre nach der Trennung von Renate gab es Martina, die Bibliothekarin. Er hatte es mit einer Zeitungsannonce versucht, und sie meldete sich. Sie schrieben eine Zeit lang munter Briefe hin und her und er träumte sich diese Frau an seine Seite, machte Pläne, fing an, sich für Belletristik zu interessieren. Sie trafen sich schließlich in Essen am Hauptbahnhof.

Sie entpuppte sich als schlanke, hochgewachsene Frau mit einem strengen Gesicht, das Dieter nur angenehm fand, wenn sie lachte. Auf der Parkbank verbrachten sie eine gute Stunde im Gespräch. Es lief etwas schleppend, aber Dieter meinte auch jetzt noch die verbindende Atmosphäre des Briefkontaktes zu spüren. Doch dann sagte sie unvermittelt: „Ich hatte dich mir viel größer vorgestellt, Dieter. Aber das ist ja nicht weiter tragisch.“ Dann stand sie auf und erklärte, ihr Zug zurück in irgendein Kaff bei Bremen käme in zehn Minuten. Sie verabschiedete sich hölzern und ließ Dieter voller Verwirrung zurück. Es kam nie wieder ein Brief von ihr. Immer wieder stellte er sich ihr etwas vogelartiges Gesicht vor, damit ihn dieses Erlebnis nicht niederdrückte.

Einige Zeit später war da noch die Sache mit Rike aus Magdeburg. Das war erst ein knappes Jahr her. Er hatte sie über ein Internetportal gefunden. Wie er suchte sie nach enttäuschenden Erfahrungen eine neue Beziehung. Sie war auch Psychologin, sogar promoviert und Professorin, wie sie ganz nebenbei bemerkte, als wäre ihr das peinlich. Das machte Dieter Hoffnung. Vielleicht gehörte sie nicht zu den Arroganten ihrer Spezies? Er konnte ihr per Mail seine Träume offenbaren, auch seine Sehnsüchte nach liebevollem Sex, nach Wärme, nach Ekstase. Sie schien ihn zu verstehen. Selbst seinen Traum von Cadianda schien sie nachvollziehen zu können. Seine Kritik am menschenfeindlichen Zustand der Gesellschaft und seinen Ärger über die Ungerechtigkeiten, die seinen Klienten widerfuhren, teilte sie auch.

Dieter freute sich auf ihr erstes Date. Sie wollten sie sich in Fulda treffen – auf halber Strecke sozusagen.

Er kam per Zug, sie wartete auf dem Bahnsteig. Er erblickte sie durchs Zugfenster und wusste sofort, dass es wieder das Gleiche werden würde wie bisher: Da stand eine große, schlanke Frau mit einem unverkennbar selbstbewussten Ausdruck im Gesicht. Nach einem ersten Zögern kam sie lächelnd auf ihn zu.

Die ist nichts für mich, konnte er nur denken. Er sah ihr fast kleinmütig entgegen. Würde sie ihn, einen kleinen, dicklichen Mann überhaupt anziehend finden? Bestimmt war es für sie ein Problem, dass sie ein Stück größer war als er? Und was soll ich überhaupt mit einer Professorin, ging es ihm durch den Kopf. Was bilde ich mir eigentlich ein? Das ist nicht meine Liga. Mit Professoren hatte er zuletzt zu tun gehabt, als er mit Ach und Krach seine Diplomarbeit schrieb.

Aber sie reichte ihm freundlich die Hand und seine Scheu legte sich ein wenig Sie wollten doch beide, dass etwas aus dieser Begegnung wurde.

Sie setzen sich vor dem Bahnhof in einem Grünstreifen auf eine Bank und redeten. Dabei holten sie die Themen ihrer Mails noch einmal hervor, um den Eindruck, den sie im virtuellen Gespräch hatten, zu testen und möglichst zu bestätigen. Dieter konnte sich immer jetzt besser entspannen. Die Unterhaltung plätscherte dahin und Dieter fühlte sich ganz wohl. Sein allererster Eindruck von vorhin auf dem Bahnsteig verblasst allmählich.

Date im Bahnhofspark

Nach zwei Stunden schlug er vor, das hübsche, verwunschene Hotel aufzusuchen, wo er für die eine Nacht ein Zimmer gebucht hatte. Sie stimmte lachend zu. Dort angekommen, verspürte jedoch plötzlich einen heftigen Hunger. Er brauchte das jetzt. Wollte er etwa Zeit gewinnen, fragte er sich einen Moment lang. Aber sie war damit einverstanden, zunächst das Restaurant des Hotels aufzusuchen, um sich noch ein wenig zu stärken. Sie lachte und meinte: „Das werden wir vielleicht brauchen?“ Dieter sah sie an und wurde plötzlich unsicher. Ja, er wollte Zeit gewinnen, ihm war ein wenig flau, wenn er daran dachte, dass er gleich mit ihr in das bestellte Zimmer gehen würde. Sie schien voller Erwartung an ihn. Wenig später – der Kellner hatte für ihn einen großen Teller mit Bratkartoffeln und Schweinebraten hingestellt, sie hatte sich nur einen kleinen Salat kommen lassen – merkte er verwirrt, wie sie erstaunt und mit einem kleinen Widerwillen in den Augen zusah, mit welcher Hingabe, mit welchem Genuss er seine lecker angerichteten Bratkartoffeln in aller Ruhe verspeiste. Ja, bestimmt glaubte sie, er wollte kneifen.

Das gemütliche Zimmer im Hotel war wie gemacht für eine romantische Liebesnacht. Durch die schrägen Wände wirkte der Raum eher eng, aber in der Mitte stand ein großes Bett, darüber ein Tuch in farbig leuchtenden arabischen Mustern. Aber ihm brach beim Anblick des Bettes unversehens der Schweiß aus. Und wie er sofort befürchtet hatte, bekam er schon nach kurzer Zeit Erektionsstörungen.

Er geriet in Panik. Dennoch versuchte er nun alles, um wenigstens sie zum Orgasmus zu bringen. Aber sie lag vor ihm wie ein Schiff, das zu lenken er sich nicht in der Lage sah. Es ging nicht. Irgendwann hatte sie die Nase voll, zog sich an verließ das Zimmer.

Nein, auf weitere, scheiternde Versuche war er nicht scharf. Er brauchte eine ganz andere Frau. Eine, bei der er sich nicht klein fühlte, vor der er sich nicht wegen seines Appetites schämen musste, eine, die seine Anwesenheit und seinen Körper mit Freude annahm. Klar war aber auch, dass ihm eine solche Frau nicht von allein in die Arme laufen würde. Er müsste sie suchen.

Auch in der ganzen nächsten Woche verfolgten ihn diese Überlegungen. Selbst während der Arbeit ertappte er sich ständig dabei, die vor ihm sitzenden Frauen danach zu begutachten, ob sie seinen Vorstellungen entsprächen.

Nachdem er diese Gedanken eine Woche mit sich herumgetragen hatte, loggte er sich in ein Partnersuch-Programm ein. Er füllte die Felder aus, um sich zu beschreiben, und suchte zum Hochladen ein brauchbares Foto von sich heraus, das bei seinem letzten Ausflug mit Werner entstanden war.

In den nächsten Wochen schaute Dieter regelmäßig auf seinem Dating-Profil nach. Auch nach mehreren Wochen war das Ergebnis seiner Bemühungen noch nicht erfolgreich gewesen. Bei zwei Frauen hatte er sich gemeldet, aber schon nach seiner zweiten Nachricht schlief der Kontakt ein – und Dieter war eigentlich froh darüber. Es meldeten sich auch Frauen, denen er gerne geschrieben hätte, aber alle wohnten zu weit weg: in Bonn, in Thüringen oder sogar im Süden Deutschlands. Keine von ihnen fand Dieter so attraktiv oder interessant, dass er sich eine Beziehung über diese Entfernungen vorstellen konnte.

Die Frauen, die ihm das System selbst anbot, weil sie angeblich zu ihm passten, sprachen ihn nicht wirklich an. Es wird schwierig werden, stellte er enttäuscht fest.

Kai der Looser

Die Arbeit tröstete Dieter über die Enttäuschungen bei seiner Suche hinweg. Hier war er nach wie vor zufrieden, fühlte sich wohl und kompetent.

In letzter Zeit kam es allerdings immer häufiger vor, dass er aus seiner Beraterrolle heraustreten und konkrete Hilfe in Existenznöten leisten musste. So auch heute für Kai, einen jungen Mann, dessen Leben völlig durcheinandergeraten war und der – arbeitslos und wohnungslos – gerade vor dem Nichts stand.

Natürlich hätte er Kai in diesem Fall zum Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt weiterschicken oder die Kollegen vom Sozialamt anrufen können, aber er wusste nur zu gut, was das für Kai heißen würde. Bei einem Weg zum Amt würde viel Zeit vergehen, ehe etwas geschah. Außerdem war er sich nicht sicher, ob damit überhaupt zu rechnen war. Wie er wusste, stöhnten die Leute im Allgemeinen Sozialen Dienst seit einigen Jahren ständig über die hohe Arbeitsbelastung. Stellen wurden nicht besetzt, auf den Schreibtischen türmten sich Akten über Akten. Erst wenn es ganz offensichtlich brannte, blieb den Kollegen und Kolleginnen nichts anderes übrig, als alles andere stehen und liegen zu lassen und sofort zu reagieren. Aber Dieter wusste nicht, ob Kais derzeitige Situation als dermaßen dringlich eingeschätzt werden würde.

Tatsächlich aber hatte es Kais Fall in sich. Kai wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter auf. Von ihr wurde er schon als kleiner Junge sexuell missbraucht. Lange hatte Kai nicht begriffen, was mit ihm geschah. Er liebte seine Mutter und dachte, er würde sie auf diese Weise über ihre unglückliche Liebe zu seinem weggelaufenen Vater hinwegtrösten können.

Das ging so lange, bis er zu Beginn seiner Pubertät begriff, was da wirklich passierte. Er lief von zu Hause fort, geriet in klein-kriminelle Verhältnisse, prostituierte sich, um zu überleben. Irgendwann landete er in einer stationären Einrichtung auf dem Gelände der EWV. Wegen seiner Verhaltensauffälligkeiten hatte damals der Leiter des Heimes Dieter um Hilfe gebeten. Der versuchte nun, den Jungen dabei zu unterstützen, mit seiner traumatischen Vergangenheit abzuschließen und sich um seine Zukunft zu kümmern.

Dieter mochte Kai. Sie arbeiteten an Kais unbewältigter Kindheit. Es war ein mühsames Unterfangen. Es gab viele Rückfälle. Monatelang verschwand Kai von der Bildfläche, nur um plötzlich wieder aufzutauchen, meist am Ende seiner Kraft. Einmal hatte Dieter es zwar geschafft, Kai in eine Art Ausbildung zu vermitteln, doch dort hatte es Kai nicht lange ausgehalten. Und jetzt stand er nicht nur ohne Geld und Arbeit da, seine WG hatte ihn auf die Straße gesetzt, weil er die anderen beklaut hatte, um sich was zu essen kaufen zu können.

Wenn seine aktuelle Notsituation weiter andauert, überlegte Dieter, dann könnten sich alle bisher erarbeiteten Erfolge in Luft auflösen. Also nehme ich jetzt die Sache lieber selbst in die Hand.

Er hatte mit Kai ausgemacht, dass er ihn an diesem Nachmittag ins Jobcenter begleiten würde. Kai hasste das Jobcenter. Wie oft war er schon da gewesen, ohne etwas erreicht zu haben. Und er hasste es, von den Menschen dort abgewertet und gedemütigt zu werden. Aber mit Dieter zusammen war er noch einmal zu diesem Schritt bereit.

Dieter sah an Kai hinunter, als er ihn vor dem Jobcenter antraf. Sehr vertrauenserweckend war seine Erscheinung nicht. Und Dieter wusst nur zu gut, dass Kais Art, mit Behörden und anderen Autoritäten umzugehen, meist provozierend wirkte. Wer ihn nicht kannte, musste ihn für einen ausgeflippten Asozialen halten. Dieter betete zum Himmel, dass Kai sich im Jobcenter zusammenreißen würde.

Zunächst ging es darum, die grell geschminkte Dame am Eingangstresen von der Notwendigkeit zu überzeugen, dass Kai einen Termin bei einem Berater brauchte. Die Dame sah Kai mit gerümpfter Nase an. Sie verlangte seinen Ausweis, den Kai immerhin vorzeigen konnte. Sie fragte ihn nach seinen Lebensumständen und holte dann zu einer Moralpredigt aus. Kai trat von einem Bein auf das andere, seine Augenlider zuckten nervös. Er sah Dieter hilfesuchend an.

„Bitte, das können Sie sich schenken. Der junge Mann ist bereit zu arbeiten, deswegen ist er schließlich hier. Also geben sie ihm jetzt die Anmeldepapiere und eine Wartenummer!“
„Wer sind Sie denn überhaupt?“, blaffte die Frau ihn an.
„Ich bin sein Begleiter.“
Sie rührte sich nicht.
„Wenn Sie es genau wissen wollen, ich komme von der EWV und er ist mein Klient. Also bitte!“, legte Dieter nach.
Die Dame blickte ihn missmutig an. Anscheinend gab sie sich aber mit dem Gedanken zufrieden, dass es jemanden gab, der diesem jungen Mann Beine machen würde.

Kai erhielt eine Nummer. Sie durften im vollen Wartezimmer Platz nehmen. An einer Seite des Raumes fanden sie noch zwei nebeneinanderliegende Plätze. Links neben ihnen saß ein älterer Herr im Anzug, der ständig zwinkerte. Rechts von ihnen blickte eine junge Frau bedrückt in ihren Schoß und umklammerte ihre Handtasche. Neben ihrem Stuhl lehnte eine Plastiktüte mit Einkäufen. Keiner sagte etwas, alle wirkten angespannt. Kurze Zeit nach ihrer Ankunft stand die junge Frau auf und verschwand hinter einer der Türen, die an der Seite des Warteraumes aneinandergereiht waren. Dann geschah eine Weile nichts. Plötzlich öffnete sich die Tür wieder und die Frau trat heraus. Aus dem Zimmer hörte man eine laute Männerstimme rufen: „Es ist doch nicht meine Schuld, wenn Sie unseren Termin verschlampt haben. Nein, da gibt’s keine Ausnahmen!“

Die junge Frau schloss die Tür hinter sich. Dieter konnte sehen, dass sie weinte. Ratlos und hilflos blieb sie einen Moment vor der Tür stehen, dann wandte sie sich zum Gehen, kam aber noch einmal zu ihrem vorigen Sitzplatz im Wartezimmer zurück, um ihre Einkauftüte zu holen.
„Kann man Ihnen irgendwie helfen?“, fragte Dieter, als sie neben ihm stand.
Sie sah ihn an, versuchte zu lächeln und schüttelte heftig den Kopf. „Ich habe den Termin letzte Woche verpasst, weil ich krank war. Allerdings habe ich mir kein Attest vom Arzt deswegen besorgt, ich konnte ja nicht ahnen … Sie haben mir Hartz IV gekürzt. Jetzt bekomme ich in den nächsten Wochen nur noch 70%. Ich weiß nicht, wie ich damit klarkommen soll.“
„Wie kann er denn das Geld kürzen, wenn Sie krank waren?“, fragte Dieter erschrocken.

„Sagen Sie ihm das mal! Mich hat er zur Schnecke gemacht. Ich habe immer schon am Abend vorher Bauchschmerzen, wenn ich hierher muss. Die behandeln einen, als wäre man der letzte Dreck und sei an all diesen Katastrophen selbst schuld.“ Sie hatte ihre Handtasche geöffnet und holte ein Taschentuch heraus. Mit einer heftigen Bewegung wischte sie sich übers Gesicht. Jetzt blitzte Zorn in ihren geröteten Augen auf.
„Wirklich furchtbar“, sagte Dieter. „Trotzdem alles Gute.“
Sie lächelte ihn irritiert an, als hätte sie vergessen, dass er da war. „Muss ja“, hauchte sie und verschwand.

„Das sieht echt beschissen aus!“, bemerkte Kai, der den Wortwechsel reglos mit angehört hatte.
Es dauerte und dauerte. Mehrmals musste Dieter Kai beruhigen, der am liebsten abgehauen wäre. Doch schließlich erschien über einer der Türen Kais Nummer.

Als Dieter hinter Kai in das Zimmer treten wollte, schnauzte ihn der Sachbearbeiter aus dem Inneren des Büros an. „Bleiben Sie mal draußen! Immer nur eine Person bitte!“

Dieter war klar: Ohne ihn würde dieser Versuch von Kai schiefgehen. Kai sah aus wie ein Looser und Looser wurden hier eben auch wie Looser behandelt. „Ich begleite den jungen Mann. Ich bin dienstlich hier.“

„Kommen Sie rein“, sagte jetzt der Mann hinter dem Schreibtisch. Er saß gelassen auf seinem Stuhl, klopfte aber mit dem Bleistift ungeduldig einen nervösen Rhythmus auf die Tischplatte.

Sie setzten sich auf die beiden Stühle vor seinem Tisch.
„So, dann erzähl mal“, meinte der Mann zu Kai. „Du siehst nicht gerade so aus, als hättest du schon mal gearbeitet. Was kannst du denn?“

im Jobcenter


Diese Frage schien Kai völlig aus der Fassung zu bringen.
„Ich habe kein Geld“, sagte er zögerlich.
„Ach ja, und wir haben hier eine Gelddruckmaschine, nicht wahr? Nee, nee, erst mal wollen wir sehen, ob wir dich nicht ans Arbeiten kriegen. Dann kannst du dein Geld ehrlich verdienen.“
„Ja,“ sagte Kai kleinlaut.
„Nun sag schon, was kannst du? Wo können wir dich unterbringen?“
Kai zog hilflos die Schultern hoch.
„Na gut, dann schau’n wir mal. Für solche wie dich gibt’s auch noch was.“
Er kramte in einem Karteikasten. „Also hier haben wir was: Du kannst ’ne Putzstelle in einer Baufirma haben.“
Kai schüttelte den Kopf.
„Nein? Dann wäre da noch eine Anfrage. Sie suchen jemand zum Austragen von Werbematerial. Da müsstest du aber schon früh aufstehen. Na?“
Kai sah nicht begeistert aus.

Er suchte weiter. „Hier, Aldi sucht eine Hilfskraft, die Waren einräumt. Was sagst du?“

Jetzt öffnete Kai den Mund. „Ich würde lieber was mit Computern machen“, entgegnete er leise, aber bestimmt.
Der Herr hinter dem Schreibtisch fing an zu lachen. „Spielen, oder was? Nee, mein Lieber. Erst mal muss man sich die Hände dreckig machen, wenn man was erreichen will. Also du hast es gehört, überleg es dir bis übermorgen! Wenn du nichts davon machen willst, ist erst mal nichts mit Hartz IV. Das würdest du nur bekommen, wenn keine der Stellen dich haben will.“

Er drehte sich von Kai weg, als wollte er damit das Gespräch beenden.

„Der junge Mann braucht dringend Geld“, schaltete sich Dieter jetzt ein. „Er ist obdachlos geworden und hat seine Lehre abgebrochen. Ich denke, er muss einen Vorschuss bekommen. So, wie er jetzt dran ist, wird er sich kaum für eine der Stellen qualifizieren können, die Sie ihm angeboten haben.“
„So, so. Und Sie sind?“
„Dieter Ackermann, Diplompsychologe, Betreuer von Kai im Rahmen der Lebensberatung bei der EWV.“
Der Mann hinter dem Schreibtisch sah Dieter schief an. Dann zog er einen Stift hervor. Er schrieb Kai einen Zettel für die Kasse aus, den er dort einlösen sollte.
„Aber nur dieses eine Mal. Und wenn Ihr Schützling übermorgen nicht hier erscheint und sich für eine der Stellen bewirbt, kann er lange darauf warten, dass er irgendwas bekommt.“ Jetzt wandte er sich an Kai: „Verstanden?“

Der hielt den Zettel in der Hand und starrte verwirrt darauf. Da stand: „10 Euro“.

Als Dieter mit ihm wieder draußen war, fing Kai an zu schimpfen. „Hier geh ich nicht wieder hin! Die tun ja so, als wäre ich nicht ganz dicht. Das lass ich mir nicht gefallen!“

Dieter konnte Kai nur mit Mühe dazu bewegen, noch die 10 Euro an der Kasse in Empfang zu nehmen, bevor sie das Gebäude verließen.
„Was soll ich damit?“, klagte Kai. „Dafür gibt’s nicht mal ’ne Riesenpizza. Und wo soll ich schlafen?“

Dieters nächster Schritt war es, Kai ins Obdachlosenasyl zu bringen. Er würde vielleicht gleich wieder abhauen, wenn Dieter gegangen war, aber es war einen Versuch wert. Erstaunlicherweise setzte Kai sich sofort auf einen der bereitstehenden Holzstühle. Er ließ sich Tee einschenken und versprach, über Nacht zu bleiben.
„Wirst du denn einen von den Jobs annehmen?“
„Wenn ich so ’ne Wohnung kriege.“
„Eine Wohnung vermutlich nicht, Kai, aber ein Zimmer vielleicht.“
„Mann, ich will aber doch was Richtiges arbeiten. Was mit Computern“, murrte er wieder.
„Kai hör zu, vielleicht klappt das später, wenn du wieder klarkommst. Ich werde mit dir überlegen, wie wir das hinkriegen. Aber bitte, spring jetzt über deinen Schatten, reiß dich zusammen und nimm eins der Job-Angebote an, ja?“

Dieter entschloss sich, jetzt zu gehen. Mehr konnte – und durfte – er im Moment nicht tun. Irgendwann musste Kai auch damit anfangen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Jetzt leiste ich also tatsächlich schon wieder auch noch Sozialarbeit, murmelte er vor sich hin. Aber wenn so etwas gebraucht wurde, war er der Letzte, der sich auf seinem Therapeutenjob zurückzog. Da fiel ihm ein, wie neulich einer auf dieser furchtbaren Fortbildung ihm das Wort „Helferkomplex“ an den Kopf geworfen hatte. Sie haben nichts verstanden, dachte Dieter ärgerlich. Er hatte keinen Helferkomplex. Er hatte vielmehr den Ehrgeiz, auch wirklich zu helfen. Das war etwas völlig anderes. Dafür setzte er seine ganze Kraft ein. Und jetzt, hier bei Kai im Obdachlosenasyl war es an der Zeit, sich zurückzuziehen und Kai deutlich zu machen, dass es nun an ihm war, sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Mit allem Risiko. Natürlich, das war nun mal nicht zu vermeiden.

Außerdem sehnte Dieter sich nach seinem Sessel vor dem PC.
Er hatte sich vorgenommen, heute Abend mal wieder in Ruhe und Gelassenheit in das Partnerprogramm hineinzuschauen. Obwohl es eigentlich noch nicht Zeit war, um Feierabend zu machen, fuhr er von hier direkt nach Hause.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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