Aufruf zu einem Memorandum in der Kinder- und Jugendhilfe

Aufruf zum Memorandum

Das Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit  (www.buendnis-jugendhilfe.de) wehrt sich bereits seit geraumer Zeit mit aller Kraft gegen die Fehlentwicklungen in der bundesweiten Jugendhilfe. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, mit diesem Aufruf ein deutliches Zeichen zu setzen und bitten um die Weiterleitung des Aufrufes für das Memorandum (www.memorandumjugendhilfe.de).

Das, was in der Kinder- und Jugendhilfe derzeit passiert, wird von der (Fach)-Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen. Deshalb ist es aus unserer Sicht wichtig, alle kritischen Kräfte auf diese Entwicklungen aufmerksam zu machen und zur Gegenwehr aufzurufen.
Seinerzeit wurde mit dem KJHG von 1990 entsprechend der politischen und fachlichen Kritik an der Kontroll- und Eingriffsorientierung des vorherigen Jugendwohlfahrtsgesetzes ein Angebote- und ‘Leistungsgesetz’ für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern geschaffen, das ausdrücklich auf Unterstützung und Hilfsangebote setzt. Dieser bedeutsame Paradigmenwechsel in der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland wird nun systematisch durch die Ökonomisierung zerstört. Die Arbeitsbedingungen für die MitarbeiterInnen werden ständig problematischer. Überlastung durch zu hohe Fallzahlen und der Zwang zu Arbeitsmethoden, die nicht sozialer Beziehungs-Arbeit entsprechen, führen zu unerträglichen Arbeitsbedingungen, die man u. a. am hohen Krankenstand ablesen kann. Darüber hinaus greift eine zunehmende Deprofessionalisierung um sich. Bei den Betroffenen kommen sehr oft unzureichende Hilfe, ungeeignete, aber billigere Angebote oder auch gar keine Hilfen an.

Was derzeit in der Kinder- und Jugendhilfe stattfindet, ist im Kleinen genau das, was den gesamtgesellschaftlichen Prozess der Entmündigung, Entdemokratisierung und Vermarktung widerspiegelt.

Wer sich diesem Memorandum anschließen möchte, der unterschreibe bitte auf unserer Webseite (http://www.memorandumjugendhilfe.de) und leite diese Mail innerhalb seiner Netze weiter.

Für 2016 planen wir übrigens  einen Fachtag zur aktuellen Lage der Kinder- und Jugendhilfe, auf dem wir mit PraxisvertreterInnen, mit der sonstigen  Fachöffentlichkeit und VertreterInnen der Wissenschaft die im Memorandum angesprochenen Fragen bearbeiten und eine gemeinsame Strategie für die weiteren fachpolitischen und politischen Schritte  erarbeiten möchten.

Wer sich in unsere Arbeit aktiv einbringen will, kann hier einen Kommentar schreiben oder uns über info@memorandumjugendhilfe.de anschreiben. Vielen Dank!

für das Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit

Mechthild Seithe

Aufruf zum Memorandum

hier der volle Text zu gleich Lesen:

 

Aufruf zu einem Memorandum in der Kinder- und Jugendhilfe 

Der Countdown zur endgültigen Dekonstruktion der Kinder- und Jugendhilfe läuft …

Intensiv und kritisch und voller Sorgen verfolgt das „Bündnis Kinder-und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit“ seit einigen Jahren die politischen Diskussionen und Entwicklungen in Sachen Kinder- und Jugendhilfe, wie sie z.B. in der AGJF  (Arbeitsgemeinschaft der Jugend- und Familienministerien) und bei den (JFMK) Jugend- und Familien Ministerkonferenzen vorgebracht werden und in der Praxis immer mehr um sich greifen.

Wir haben mit Mahnwachen und Stellungnahmen reagiert und versucht unsere Bedenken und unsere Warnungen einzubringen. Ergebnisse aber waren bestenfalls weichere Töne in den Protokollen, noch verdecktere Strategien als vorher und der Hinweis, uns und unsere Kritik angehört und bedacht zu haben.

Wir stellen fest: Es geht nur noch darum, die kostenintensive professionelle Hilfe einzuschränken, um die angeblich zu hohen Ausgaben für den Bereich Soziales in den Griff zu bekommen. In diesen Debatten kommen nämlich Kinder und Jugendliche gar nicht vor, und schon gar nicht die Kinder und Jugendlichen, die als Folge neoliberaler Politik zunehmend in unserer Gesellschaft von Armut und sozialer Ungleichheit betroffen sind.Derweil läuft alles weiter wie gehabt und es geht Schritt für Schritt rücksichtslos in die Richtung einer Kinder- und Jugendhilfe, die sich von Kostenfragen steuern lässt und nicht von ihren gesellschaftlichen Aufgaben:
Die verkürzte und fachlich unbefriedigende Praxis der Sozialen Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe und die sehr oft prekäre Lage der MitarbeiterInnen sind für die Politik kein Thema. Und was im Rahmen dieser neuen Kinder- und Jugendhilfe die KlientInnen letztlich noch an geeigneter Unterstützung bekommen, interessiert nicht wirklich. Angeblich wird es durch die Wirkungsorientierung gesichert: Die Frage aber für uns ist: welche Wirkung ist da eigentlich gemeint? Welche ist unter diesen Bedingungen überhaupt möglich und noch gewollt oder erlaubt?

Wir haben keine Lust mehr auf die offerierten „Reformprozesse“, die als zwingend und alternativlos dargestellt werden. Dort um Nuancen zu streiten, während die Politik die Kinder- und Jugendhilfe immer weiter von dem entfernt, was sie sein sollte, würde uns nur viel Kraft kosten, aber nichts ändern an den politischen (Abbau)-Plänen. Wir werden die weiteren Prozesse der sogenannten „Reformen“ der Kinder- und Jugendhilfe nicht mehr durch unsere Aktivitäten befördern. Durch unsere Bereitschaft, daran mitzuwirken, würde nur der falsche Glaube in der Bevölkerung gestärkt, dass sich die Politik dieses Landes wirklich um ihre Kinder und Jugendlichen bemüht und ihrer Verantwortung nachkommt. Weil das so ist und offenbar auch so bleiben soll, haben wir uns entschlossen, nicht mehr mitzuspielen, uns nicht mehr brav und kooperativ zu zeigen und als kritische UnterstützerInnen der Diskussion anzubieten, sondern lieber den Finger direkt in die Wunde zu legen:

Wir weigern uns, etwas zu diesen als Reformabsichten dargestellten Bestrebungen beizutragen, weil wir durchschauen, dass hier die kritischen und konstruktiven Gedanken und Ideen zur Kinder- und Jugendhilfe durch die herrschenden politischen Kräfte zu einer Einspar- und Kontroll-Chance missbraucht  Letztlich werden sie nur dazu benutzt, die Austeritätspolitik voranzutreiben und in der Folge die erforderliche fachlich angemessene Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe zu stoppen und zu verhindern. Richtig, wir haben das Vertrauen in die politisch herrschenden Kräfte verloren; wir sind misstrauisch und wir haben allen Grund dazu.

Wir wollen und können das „alte KJHG“ keinesfalls blind verteidigen. Wir sind vielmehr der Meinung, dass das SGB VIII tatsächlich an einigen Stellen reformbedürftig ist.

Aber: Der humanistische und sozialpädagogische Geist des SGB VIII wäre zu stärken, nicht zu unterlaufen. Die zu beobachtenden Praxen und Planungen aber sind gerade darauf bedacht, diesen Geist zu schwächen, wenn nicht sogar abzuschaffen und die neoliberale Sicht vom Sozialen auch in der Kinder- und Jugendhilfe durchzusetzen, die wir in den anderen Sozialgesetzbereichen längst haben. Nicht der Geist dieses Gesetzes ist reformbedürftig, deshalb brauchen wir kein neues Menschenbild im SGB VIII und keine neue Ideologie. Der Nützlichkeitsideologie und dem dahinterliegenden marktliberalen Geist gilt es, sich entschieden entgegenzustellen.

Im Übrigen könnte man auf der Basis schon des bestehenden KJHG eine sehr viel bessere und ehrlichere Kinder- und Jugendhilfe entwickeln, als sie heute besteht, wenn man sie wieder von der Budgethoheit und der marktwirtschaftlichen Dominanz befreien würde. Man könnte mit den von der Politik als so bedrohlich erlebten Summen, die heute in die Kinder- und Jugendhilfe fließen, eine um ein Vielfaches bessere Kinder- und Jugendhilfe praktizieren, wenn man das wirklich wollte und fachgerecht umsetzen würde.

Wir fordern deshalb, überhaupt erst einmal und erstmalig, das bestehende SGB VIII seinem Duktus entsprechend flächendeckend umzusetzen. Wenn nämlich – wie immer wieder behauptet – mit den sog. Reformbestrebungen tatsächlich keine Einsparziele verfolgt würden, dann sollte es doch kein Problem sein, die Jugendämter personell und fachlich so auszustatten, dass sie ihren Aufgaben wenigstens entsprechend des derzeit bestehenden Jugendhilferechts auch gerecht werden können. Dann sollte es weiterhin doch kein Problem sein, die Jugendhilfeträger nicht nach dem billigsten Angebot auszuwählen und zu bezahlen, sondern nach dem fachlich besten Engagement.

Wir fordern Kinder- und JugendhilfeplanerInnen auf, sich auf die fachlichen Erkenntnisse der Disziplin und Profession Soziale Arbeit zu besinnen, sich nicht mit der fragwürdigen Austeritätspolitik und dem Irrsinn der „Schuldenbremse“ in vorauseilendem Gehorsam zu arrangieren, sondern die notwendigen Schritte einzuleiten, Soziale Arbeit wieder als Beziehungsarbeit zu fördern und das sog. „Case Management“ als ungeeignetes Verwaltungs-Instrument für die Einflussnahme auf Menschen zu unterbinden.

Im Rahmen des gegenwärtigen neoliberalen Dienstleistungskonzeptes ist eine Soziale Arbeit entsprechend ihrer ethischen Grundlagen nicht mehr zu realisieren. Wir fordern deshalb eine Rückkehr zu Professionalität und Parteilichkeit entsprechend der vom Artikel 1 unseres Grundgesetzes und der UN-Kinderrechtskonvention ausgehenden Prinzipien.

Wir verlangen, dass sich die Diskussion über die Hilfen zur Erziehung nicht länger auf die Übergangsbereiche und Schnittstellen der HzE mit Schule, Kindergarten und Berufsvorbereitung beschränkt und somit verschoben und ausgelagert wird, sondern dass man sich tatsächlich mit den zentralen Aufgaben und notwendigen Strukturen der Hilfe zur Erziehung selbst und deren rechtskonformer Umsetzung befasst.

Die Fokussierung auf „Schnittstellen“ wird sonst zu einem Ablenkungsmanöver, das verhindert, dass man sich den zentralen Problemen der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere der Hilfen zur Erziehung stellt.

Wir fordern alle Beteiligten, die PolitikerInnen, die Leitungskräfte und VertreterInnen  der Fachverbände, die VertreterInnen der Disziplin und vor allem auch die KollegInnen selbst (die schließlich die Arbeit machen und ohne die der ganze „Kinder- und Jugendhilfe-Oberbau“ gar nicht existieren würde), zu einem Memorandum[1] in der  Kinder- und Jugendhilfe auf, bevor weitere Schritte in die falsche Richtung gemacht werden: Denkt darüber nach!

Sind die gegenwärtigen neoliberalen Strukturen und das dahinter liegende Verständnis dieser Aufgabe überhaupt angemessen?

Warum brauchen wir die ethischen, humanistischen Prinzipien der Sozialen Arbeit, wie die Parteilichkeit und das Streben nach einer gerechten Welt?

Sind die Ideen des Marktliberalismus und die Ethik der Sozialen Arbeit und speziell der Kinder- und Jugendhilfe überhaupt vereinbar?

Wie muss die Kinder- und Jugendhilfe aussehen und gestaltet werden, wenn sie ihre politische, humanistische und ethische Aufgabe erfüllen will?

Wie kommen wir weg von der politisch und gesetzlich forcierten Annahme, Kinder und Jugendliche seien Waren auf einem (Sozial)Markt , an dem sich profitorientierte Träger bereichern können. Wie kommen wir weg von der Auffassung, sie seien im Wesentlichen Humankapital für die wirtschaftliche Verwertbarkeit in einer auf Markt und Profit reduzierten Gesellschaft.

Wie finden wir zurück zu der Auffassung, dass Kinder- und Jugendliche von Geburt an würdevolle (Artikel 1 GG) Menschen sind, denen unsere Gesellschaft das Aufwachsen in einer förderlichen Umgebung schuldet? Angesichts des vorhandenen großen gesellschaftlichen Reichtums wäre die Schaffung der Voraussetzungen für eine gute Entwicklung aller Kinder- und Jugendlichen ein Leichtes.
Es zudem ist die derzeitige neoliberale Verfasstheit und die daraus resultierende Verarmung selbst, die den Großteil der problematischen Lebenslagen von benachteiligten Kinder und Jugendlichen produziert.

 Wir fordern eine Kinder- und Jugendhilfe,
die der Parteilichkeit für die betroffenen und benachteiligten Kinder, Jugendlichen und ihre Familien und die der Ethik und Fachlichkeit der Profession Soziale Arbeit verpflichtet ist.

 Berlin September 2015

[1] Ein Memorandum ist eine Denkschrift, eine Stellungnahme, ein kalendarisches Merkheft oder schlicht eine Notiz mit etwas Denkwürdigem. Das Wort ist lateinischen Ursprungs: memorandum heißt wörtlich „das zu erinnernde“ beziehungsweise „das, an das sich erinnert werden soll“ (Wikipedia) und das ist das Ziel dieses Memorandums, sich an Werte erinnern und sich auf die Sozialethik besinnen.
Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Kommentare deaktiviert für Aufruf zu einem Memorandum in der Kinder- und Jugendhilfe

neuer Artikel

Achtung: Unter dem Menüpunkt „Artikel“ wurde ein neuer Beitrag eingestellt:

Veränderte Sprache und veränderte Soziale Arbeit
Was bedeuten Begriffe für das professionelle Handeln und Denken?
In: Forum Sozial 2/15, S. 11 ff

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Kommentare deaktiviert für neuer Artikel

Neuen Vortrag eingestellt

Der Vortrag, den ich am 17.7.2015 in Marburg auf der Veranstaltung des AKS Marburg gehalten habe, wurde unter der Menüleiste „Vorträge“ eingestellt.

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Soziale Arbeit und Ökonomisierung, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Fortbildung: Case Management oder Beziehungsarbeit

Das Berliner Institut für kritische Soziale Arbeit wird ab Dezember 2015 eine Fortbildung mit oben genanntem Titel für SozialarbeiterInnen durchführen, die mit der üblichen Case Management Vorgabe für ihre Beratungsarbeit nicht zufrieden sind und die deshalb ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in Sachen Beratung verbessern und selbstkritisch überprüfen wollen.

In Zeiten, in denen es Sozialer Arbeit sehr schwer gemacht wird, mit Menschen so zu arbeiten und zu kommunizieren, wie es unsere Profession vorsieht, ist eine Fortbildung in Beratung angebracht. Erinnern wir uns: Beziehungsarbeit ist für uns ein konstitutives Merkmal. Kommunikation und Interaktion sind die wesentlichen Medien unsere Arbeit. Subjektorientierung, Respekt, Geduld und Parteilichkeit sind Beratungskriterien, auf die wir nicht freiwillig verzichten sollten.
Dass die Praxis oft ganz anders aussieht und uns das Fallmanagement als Non plus Ultra der Beratungsformen verkauft wird, ist alltägliche Erfahrung. Wer sich weiterhin als Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterin versteht, der um die Unterstützung von Menschen und nicht um ihre Anpassung an das System geht, für den ist die Fortbildung goldrichtig.

Das sozialpädagogische Beratungskonzept ENGAGING basiert auf der klientenzentrierten und der gewaltfreien Kommunikation.
Wobei es im Rahmen der Fortbildung in ganz besonderem Maße darum gehen wird, diese Art der Menschen fördernden und Menschen achtenden Kommunikation gerade auch für die Soziale Arbeit nutzbar und praktikabel zu gestalten.

Deshalb stehen neben den Fragestellung wie folgende im Vordergrund:

  • Wie kann man konfrontieren, ohne zu verletzen und ohne autoritär zu werden?
  • Wie gelingt es, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die eigentlich keine Beratung wollen.
  • Wie gelingt es, misstrauische und ängstliche KlientInnen für eine Beratung zu gewinnen?
  • Wie gelingt es, dass sich KlientInnen aktiv an der Lösung ihrer eigenen Probleme beteiligen können?
  • Wie schafft man es, im Rahmen einer sozialpädagogischen Beratung Menschen dazu zu bewegen, sich zu wehren statt alles hinzunehmen.
  • Wie drücken sich Parteilichkeit und Solidarität in der Beratung aus?
  • Wie ist das Verhältnis von Case Management und sozialpädagogischer Beratung?
  • Warum ist Beratung und Beziehungsarbeit für unsere Profession wichtig?

Die Fortbildung wird in Berlin stattfinden. Sie beginnt mit einem Einführungswochenende und wird anschließend die vorgestellten Inhalte in 10 weiteren Abendterminen vertiefen. Die TeilnehmerInnen sollten bereit sein, sich aktiv an Rollenspielen zu beteiligen und eigene Fälle einzubringen.

Für das Zertifikat „Sozialpädagogische Beratung“ sollen von den  TeilnehmerInnen folgende Leistungen erbracht werden:

  • regelmäßige aktive Teilnahme
  • individuelles Gespräch über die eigene Arbeit als Beraterin mit der Veranstalterin
  • Durchführung und Aufzeichnung eines mindestens 30 minütigen Beratungsgespräches im Gruppenrahmen mit anschließender Rückmeldung und Reflexion in der Gruppe
  • erfolgreiche Protokollierung eines eigenen Beratungsfalles über mindestens 5 Einheiten
  • Bericht über die eigenen Beratungserfahrungen und Erkenntnisse im Kontext der Fortbildung und im Kontext der gegenwärtigen neosozialen Erwartungen an unsere Arbeit

Teilnehmen können Personen, die beratend im Sozialbereich tätig sind. Wenn die Plätze nicht reichen, haben SozialarbeiterInnen ein Vorrecht.

Die Fortbildung kostet 1250 Euro und kann gerne auch in Monatsraten bezahlt werden.  

vorauss. Beginn: Dezember 2015

Gruppengröße: 8 TeilnehmerInnen

bitte schriftliche Anmeldung unter:

Berliner Institut für kritische Soziale Arbeit
Prof. Dr. M. Seithe
Humberstr. 5
16515 Oranienburg

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Hinterlasse einen Kommentar

Vortrag in Wien: Problematische Entwicklungen in der Sozialen Arbeit

Es ist ein neuer Vortrag eingestellt (s. Menüleiste: Vortrag), den ich  auf der Fachtagung für PersonalvertreterInnen und BetriebsrätInnen  der Sozial und Gesundheitsberufe in Wien am 24.4.2015 gehalten habe. Die Tagung hatte den Titel: „Was ist los in unserem Sozial- und Gesundheitssystem).
Impulsvortrag Seithe

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Kommentare deaktiviert für Vortrag in Wien: Problematische Entwicklungen in der Sozialen Arbeit

Vorsicht Bertelsmann!

M. Heintz stellt mir folgenden Brief von M. Krämer zur Wahrheit der Bertelsmannstiftung zur Verfügung:

Bertelsmann-Studien Eigeninteresse oder Wissenschaft?

„Das belegt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung“ – diese Worte liest oder
hört man häufiger. Schließlich gibt Bertelsmann regelmäßig Studien in
Auftrag. Doch obwohl wir „Stiftungen“ meistens positiv assoziieren,
verfolgen auch sie Eigeninteressen. Solche Vorwürfe muss sich immer häufiger
die Bertelsmann-Stiftung gefallen lassen. Sie steht wegen ihrer Studien über
das Freihandelsabkommen in der Kritik.

http://www.mdr.de/nachrichten/bertelsmann-stiftung102_zc-e9a9d57e_zs-6c4417e7.html

Schon im Februar 2009 haben Klaus Lindner, Wiebke Priehn und ich in einem
Beitrag in der Online-Zeitung NRHZ die Gemeinnützigkeit der
Bertelsmann-Stiftung in Frage gestellt. Immerhin haben die
Bertelsmann-Erben, die Mohns durch die Stiftungskonstruktion des
Bertelsmann-Konzerns ca. 4,26 Mrd. EURO an Erbschaftssteuer gespart.

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13431

Jetzt endlich nimmt die Kritik an der Seriösität der Bertelsmann-Stiftung
und der Wissenschaftlichkeit der von der Stiftung in Auftrag gegebenen
vermeindlich wissenschaftlichen Studien zu. Der oben genannte Beitrag des
MDR ist aber erst ein Anfang. Auch Lobbycontrol sieht die
Bertelsmann-Stiftung inzwischen kritisch.

https://lobbypedia.de/wiki/Bertelsmann_Stiftung

Und selbst der konservative Philologenverband und andere Lehrerverbände
betrachten die Bertelsmann-Stiftung und ihre pseudowissenschaftlichen
Untersuchungen inzwischen eher kritisch.

http://www.lehrerverband.de/Kraus_Bertelsmannstudien_2012.pdf

In ihrer Stellungnahme fassen die Lehrerverbände zusammen:

Vor allem aber ist es an der Zeit, dass sich Politik und Publizistik gerade
im Bereich Bildung ernsthaft an die entscheidenden Punkte der Kritik an
Bertelsmann und seiner Stiftung herantrauen:


Bertelsmann frönt einer fortschreitenden Ökonomisierung von Bildung.
Bildungsqualität wird hier reduziert auf Quantifizierbares, Bildung
herunterdekliniert auf das,was sich in Zahlen pressen und in wirtschaftliche
Vorteile ummünzen lässt. Bildungseinrichtungen, die sich etwa
qua Evaluation den Kriterien dieser Organisationen unterordnen, ordnen sich
damit einem Konformitätsdruck unter, denn die „Messinstrumente“ entfalten
selbstredend eine normative Wirkung.


Höchstbedenklich ist die Art und Weise, wie Bertelsmann„Studien“ lanciert
werden: Die Stiftung liefert selektiv ausgewählte Daten, in gewissen Agentur
und Redaktionsstuben reagiert man marionettenhaft auf diese Zahlen und den
damit verbundenen Alarmismus, und schon beginnt die Politik zu rudern.
Politiker und Ministerialbeamte hier und die Stiftung dort
instrumentalisieren sich zudem immer häufiger gegenseitig. Die Stiftung
lässt ihren Kooperations-partnern exklusiv Information zukommen, sie
verschafft sich damit Zugang zu vielen Projekten.


Im Kern läuft alle Bertelsmann Politik immer wieder auf eine mehr oder
weniger versteckte Propaganda für ein einheitliches Schulwesen hinaus.
Allein die
Autoren, denen Bertelsmann Aufträge für „Studien“ zukommen lässt, stehen
dafür.


Besonders seltsam freilich mutet die Doppelbödigkeit der Bertelsmann
Politik an. Hinter der sich bildungsbeflissen gebenden Stiftung steht
nämlich ein Konzern, der sich als Hauptanteilseigner bestimmter privater
Fernsehsender bislang nicht gerade als Förderer von Bildung profiliert hat.

Es wäre also längst Aufgabe nicht nur der Bildungspolitik, sondern aller
Politikfelder, in denen Bertelsmann wildert, sich von den Einflüssen dieser
Stiftung frei zu machen, anstatt ständig auf „Studien“ dieses Hauses
aufzuspringen oder im günstigen Fall ein halbherziges Ceterum Censeo
anzufügen.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Kommentare deaktiviert für Vorsicht Bertelsmann!

Mit Kindern Kasse machen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Medienkritiken | Verschlagwortet mit , , , | 4 Kommentare

Veränderte Sprache und veränderte Soziale Arbeit?

Gibt es einen Zusammenhang von Begriffen, Denken und Handeln?
Welche Rolle spielen die aktuellen, in der gegenwärtigen, neoliberalisierten  Sozialen Arbeit üblichen Begriffe für unsere Arbeit? Sind sie austauschbar und eins zu eins in die Fachsprache der Profession zu übersetzen? Oder zwingen sie uns ein anderes Denken auf?

Was bedeuten Begriffe für das professionelle Handeln und Denken?

Die Begriffe einer Profession bilden ihre wesentlichen Strukturen und Inhalte ab und steuern das Denken und Handeln der Fachkräfte. „Es erscheint nur logisch, dass eine ökonomisierte Sprache im Sozialbereich eben genau die ökonomische Soziale Arbeit abbildet und sonst nichts.“ (Erlach 2009, S. 127) Weiterlesen

Veröffentlicht unter Lage der Sozialen Arbeit | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Neugestaltung dieser Web-Seite

Diese WEB-Seite ist die Sozialarbeits-WEB-Seite von Prof. Dr. phil. Mechthild Seithe (Diplom-Psychologin, Dipl. Sozialarbeiterin, zurzeit im Ruhestand).
Sie soll zukünftig alle von mir geschriebenen oder gesprochenen Beiträge zur kritischen Sozialarbeit und Sozialpolitik auflisten und – so weit es geht – direkt über Verlinkungen oder Abdrucke zugänglich machen.

Die URL der Seite bleibt gleich: zukunftswerkstatt-soziale-arbeit-de. Der Titel hat sich im Sinne der neuen Planungen etwas geändert:

SOZIALE ARBEIT UND SOZIALPOLITIK IN DER KRITIK

Die Blogfunktion wird  für aktuelle Themen genutzt und weitergeführt. Hier sind auch Kommentare möglich und erwünscht.

Sollte jemand einen Kommentar zu Texten schreiben wollen, die auf den Seiten (des Menus) stehen, so bitte die Kommentarfunktion des letzten Postings nutzen!

Entstanden ist diese WEB-Seite vor Jahren zusammen mit Studierenden aus Jena.
Seit drei Jahren bin ich pensioniert und habe eigentlich erst danach eine rege Aktivität in Sachen kritische Soziale Arbeit entwickelt und  Bücher und Buchbeiträge geschrieben, viele Vorträge gehalten und etliche Artikel herausgegeben. Außerdem schrieb ich meine Gedanken und Überlegungen zur gegenwärtigen Sozialen Arbeit in zwei Blogs nieder: dem hier zugrunde liegenden Blog: „Zukunftswerkstatt Soziale Arbeit“ sowie dem Blog „Einmischen“ (www.einmischen.com), der WEB-Seite des u. a. von mir gegründeten „Unabhängigen Forums kritische Soziale Arbeit“, dass vor allem in Berlin seit etwa drei Jahren aktiv ist.

Es ist im Verlaufe dieser drei vergangenen Jahre so einiges  entstanden.  Da ich Nachweise darüber nicht mehr für irgendwelche Karrierepläne und Bewerbungsschreiben brauchen werde, habe ich es bisher versäumt, meine Sachen aufzulisten und so ist mir allmählich der Überblick verloren gegangen.
Doch nun bin ich auf die Idee gekommen bin, alles mal im Überblick zusammenzustellen und meinen LeserInnen zur Verfügung zu stellen. Das bezieht sich sowohl auf Bücher und Buchartikel, auf Vorträge und Zeitschriftenartikel und auf sonstige versprachlichte Beiträge zur Sozialen Arbeit. Da ich die Redaktion der WEB-Seite „Einmischen“ Mitte dieses Jahres an die jüngeren MitstreiterInnen abgeben werde, habe ich vor, meine dort von mir veröffentlichten Grundlagentexte und Artikel ebenfalls hier auf meine persönliche WEB-Seite zu übernehmen.

All das wird einige Zeit erfordern. Dafür bitte ich meine LeserInnen um Verständnis!

 

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Zum Blog | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Was kann man tun? – Fall 7: “Du hast keine Chance, aber nutze sie!“

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun? (7)

Text:  „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“  Die mobile Jugendarbeit hat immer weniger reale Möglichkeiten, Jugendlichen zu helfen (Seithe/Wiesner-Rau 2013, S. 137)

Im Rahmen meiner Tätigkeit in der Mobilen Jugendsozialarbeit sitzen mir an meinem Schreibtisch viele junge Leute gegenüber. Was mir in meiner Arbeit täglich begegnet, lässt für mich die Schlussfolgerung zu, dass es bei jungen Menschen mit gravierenderen Problemen im Hinblick auf die strukturellen Bedingungen und die Chancen für eine Veränderung oder Verbesserung ihrer Lage ziemlich mau aussieht.
Das Wort Schreibtisch habe ich hier im Zusammenhang mit dem Arbeitsfeld Mobile Jugendsozialarbeit ganz bewusst gewählt. Früher wäre das absurd gewesen, diese Arbeit am Schreibtisch auszuführen. Aber es hat sich bei uns nach den Kürzungen vieles massiv geändert. So ist es einigen Projekten der Mobilen Jugendsozialarbeit im ländlichen Raum überhaupt nicht mehr möglich, mobil zu sein, weil kein Geld für das nötige Benzin, geschweige denn für ein Dienstfahrzeug vorhanden ist.
Im Wesentlichen arbeite ich mit „benachteiligten“ Jugendlichen. Meine Arbeit wird im
§ 13 SGB VIII als Integration solcher Jugendlichen in unsere Gesellschaft beschrieben. Das bedeutet praktisch: Hilfe bei der Arbeits- und Lehrstellensuche, Wohnungssuche, Suchtentwöhnung, Hilfe bei familiären Schwierigkeiten etc.

Das zu verwirklichen ist aber mittlerweile zu einem beinah unlösbaren Unterfangen geworden. Dabei fehlt es keineswegs an der Motivation der jungen Menschen. Es mangelt vielmehr an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für eine Veränderung hin zu einer Integration. Im Klartext: Die Türen, die in ein integriertes Leben führen würden, sind quasi mit bürokratischen Schlössern verriegelt oder sie gehen so schwer auf, dass es für einen jungen Menschen allein fast unmöglich ist sie zu öffnen.
Wir erleben regelmäßig die Situation, dass unzählige Sozialarbeiterinnen und -arbeiter verschiedenster Sozialleistungsträger einem langzeitarbeitslosen jungen Menschen Mut zur Überwindung seiner bestehenden Suchtproblematik machen und ihm zum Beispiel eine Lehrstelle in Aussicht stellen. Entschließt er sich, sein Problem anzugehen, sieht die Wirklichkeit für ihn dann aber in den meisten Fällen folgendermaßen aus: Der Jugendliche ist ein Jahr weg. Er macht eine Entgiftung, anschließend laufen Therapien. Kommt er nach Hause zurück, erhält er aufgrund vorheriger Mietschulden keine Wohnung und bekommt daher keine Lehrstelle, da Wohnraum in der Regel dafür eine Voraussetzung ist. Einen Platz in betreuten, das heißt begleiteten Wohnformen, gibt es für ihn nicht mehr, wenn er über 18 Jahre alt ist. Also zurück zu den alten Kumpels, weil es draußen schneit … ach, das geht schon.

Aber es geht eben nicht. Wir erleben junge Menschen, die eine Lehrstelle aufnehmen, um sich aus dem ALG II-Bezug zu lösen, sich jedoch dann mit dem Problem konfrontiert sehen, dass laut SGB II ab dem ersten Tag der Ausbildung sämtliche, damit meine ich wirklich alle Leistungen nach SGB II eingestellt werden. Gleichzeitig fängt aber die Arbeitsagentur, die für die schulische Ausbildungs- und Berufsausbildungsbeihilfe zuständig ist, erst mit dem ersten Tag der Ausbildung an, die Beihilfe zu berechnen. Diese Berechnung kann sich dann mitunter über zwei Monate hinziehen. Und das bedeutet zwei Monate keine Miete zahlen können, was zu einer fristlosen Wohnungskündigung führen wird, und wenn nicht, dann zumindest zu einer emotional schwer zu ertragenden Zeit.

Besonders im ländlichen Raum kommt dann noch hinzu, dass ohne Geld auch der Weg zur Ausbildung zu einem Problem wird. Viele Jugendliche sind dann mitunter, weil es billiger ist, erst einmal krank oder verschweigen ihre Ausbildung und lassen sich vom Jobcenter überzahlen oder brechen ihren Versuch, aus ALG II herauszukommen, entnervt wieder ab. Es folgt der Rückfall in die Sucht und damit der Rückfall in den ALG II-Bezug.
Und wer trägt die „Schuld“ für die ausgebliebenen Lebensveränderungen? Laut eines voranstürmenden Neoliberalismus wird die natürlich den jungen Menschen selbst in die Schuhe geschoben. Vielleicht ist auch noch die mobile Jugendarbeit schuld. Die fehlenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen jedenfalls bleiben in der Regel unhinterfragt und werden nicht angetastet.

……………………………………………………………………………………………………

Fachliche Kritik der beschriebenen Arbeit und Arbeitssituation

Die Bemühungen der mobilen Jugendarbeit erscheinen hier wie die berühmte Situation des griechischen Sisyphos. Das, was sie mühsam und mit viel Zeitaufwand und Kraft aufgebaut hat, geht an dem Mangel an bereitgestellten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wieder verloren. Es scheint, als würde die Soziale Arbeit hier nur zum Schein „ins Feld geschickt“, um die bestehende Suchtproblematik bei Jugendlichen anzupacken. Man hat den Eindruck, dass die Gesellschaft eigentlich keinerlei Interesse an einer wirklichen Lösung hat. Das verwundert angesichts der Tatsache, dass die immerhin für die Jugendlichen mögliche Suchttherapie viel Geld kostet.

Hier wird die eigentliche sozialpädagogische Arbeit gar nicht beschrieben und problematisiert. Es hat bei der Beschreibung des Erzählers aber den Eindruck, als sei diese durchaus erfolgreich. Aber die Politik ist nicht bereit, an den sozialpädagogischen Erfolg sinnvoll anzuschließen. Im Rahmen der Hartz IV Gesetze und im Rahmen der damit verbundenen Verfügungen und Regelungen entsteht für den aus der Suchttherapie Entlassenen erneut eine materielle Notsituation sowie faktische Obdachlosigkeit, was den Rückfall schlicht provoziert, wenn nicht sogar unvermeidbar macht – es sei denn, Eltern mit hinreichend Geld fangen den Betroffenen auf. Jugendliche ohne Mittel aber scheitern hier systematisch. Auf diese Weise wird ein wirklicher Erfolg geradezu verhindert.

Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse Hintergründe

Man kann kaum glauben, dass für dieses dysfunktionale Umgehen mit der Problematik Sparmotive ausschlaggebend sind.

Die Regelungen im Kontext Hartz IV, die es den Jugendlichen unmöglich machen, sich wirklich wieder einzugliedern, sind vermutlich den rigiden, bürokratischen und auf Kostensenkung getrimmten Vorstellungen derjenigen zurückzuführen, die für die Umsetzung von Hartz IV verantwortlich sind. Das hier aber- weit weg von alle Gedanken an Effizienz – Geld einfach zum Fenster herausgeworfen wird, kann nur damit erklärt werden, dass hier niemand ganzheitlich und systemisch denkt und somit Fragen der Kompatibilität sozialer Leistungen und Angebote überhaupt nicht berücksichtigt werden.

Eine weitere Überlegung ist es, dass politisch keinerlei Interesse an der Zielgruppe besteht, man sie als zukünftige Leistungsträger dieser Gesellschaft längst aufgegeben hat und somit nicht bereit ist, für sie „Extrawürste zu braten“. Letztlich sind ja die Jugendlichen selbst schuld an ihrer Lage. Die Bemühungen der mobilen Jugendarbeit sind somit nur Ablenkung von der Misere, Verschiebung und Verschleierung der Situation. Und da man ihren Bemühungen letztlich Misserfolg konstatiert, bzw. den selbst verursachten Misserfolg in die Schuhe schiebt, kann man im nächsten Schritt fragen: „Was soll diese teure mobile Jugendarbeit eigentlich noch? Sie führt ja zu nichts.“

Einschätzung der Reaktion der betroffenen SozialarbeiterIn

Die KollegInnen von der mobilen Jugendarbeit stehen hilflos und wütend vor dieser Situation, die nicht nur Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Klientel, sondern auch Gleichgültigkeit gegenüber ihrer fachlichen Arbeit ausstrahlt. Sie fühlen sich ausgenutzt und letztlich veralbert.
Was sie dagegen tun, wird nicht berichtet.

Grundsätzlich mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr im beschriebenen Beispiel

Das Team der mobilen Jugendarbeit und sein Träger könnten Eingaben gegenüber dem Sozialamt machen, könnten bis zur Stadtverordnetenversammlung vordringen mit Protesten. Auch wenn diese Protestschreiben und Argumentationen fachlich gut entwickelt und selbstbewusst vorgetragen werden, kann es passieren, dass sie niemanden interessieren – einfach weil die Zielgruppe niemanden interessiert. Hier Druck zu machen ist nicht leicht. Wenn man die Betroffenen dafür gewinnen kann, sich an diesem Protest persönlich zu beteiligen, wird es nicht leichter.

Widerstand am Arbeitsplatz ist  auch das Verweigern der allgemein üblichen und erwünschten Abwertung sozial benachteiligter Menschen und die deutliche Wertschätzung dieser Menschen. Es reicht nicht, gegenüber der Klientel parteilich und wertschätzend zu sein. Unsere parteiliche, wertschätzende Haltung sollten wir offensiv zeigen und unserer KooperationspartnerInnen deutlich demonstrieren. Im Zweifel müsste man auch von ihnen verlangen, dass sie von unserer Klientel mit Respekt sprechen und sie wertschätzend behandeln (sei es, es handelt sich um den Chef, das Team, den Geschäftsführer, die MitarbeiterInnen des Jugendamtes, des Jobcenters, der Schule etc.). In unserem Fall würde das heißen: denjenigen, die man ansprechen wird, um bessere Bedingungen durchzusetzen, sollte man nicht als BittstellerIn entgegentreten, sondern selbstbewusst Forderungen stellen und Veränderungen einklagen und damit die Würde unserer Klientel demonstrieren.
Aber man sollte es wissen: Wer sich für Verachtete einsetzt, darf sich nicht wundern, wenn er selbst verachtet und missachtet wird.

Bei dem Weg in die Öffentlichkeit wird man  nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, die Medien und dann die Öffentlichkeit dazu zu bringen, sich für die Betroffenen und ihr Schicksal zu interessieren. Dieses Problem besteht insgesamt für die Soziale Arbeit. Je ausgegrenzter die Zielgruppen sind, für die man sich einsetzt, desto schwieriger wird es, andere dazu zu bringen, sich für sie zu interessieren oder gar einzusetzen. Schon deshalb wird man als SozialarbeiterIn, die in einem solchen Feld arbeitet und die sich nicht damit abfinden kann, dass ihre Klientel und ihre Arbeit so mit Füßen getreten werden,  versuchen, sich allgemein und über die eigene Arbeitssituation hinaus politisch zu engagieren.  Politische Interessengruppen, Organisationen, Gewerkschaften und der Berufsverband sind Organisationen, innerhalb derer man versuchen kann, gesamtgesellschaftliche Kritik an unserer neoliberalen und zunehmend Menschen entwürdigenden Politik zu üben.

Mancher SozialarbeiterIn und auch mancher Organisation scheint der Bogen vom problematischen Arbeitsplatz bis zur politischen Systemkritik zu weit gespannt. Aber wenn man die Lage wirklich kritisch betrachtet und diese Kritik zu Ende denkt, bleibt letztlich nichts anderes übrig, als die Aspekte und Orientierungen unserer Gesellschaft politisch zu bekämpfen, die nicht zuletzt auch der Hintergrund für die Lage in der Sozialen Arbeit darstellt.

Veröffentlicht unter alte Blogbeitrage | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar