6. Bruchstellen

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Der erste Tag bringt nichts Gutes

Als Dieter nach dem Urlaub den ersten Tag in der Beratungsstelle war, wartete ein voller Terminkalender auf ihn. Er überflog die Liste und stellte fest, dass sich Paul angekündigt hatte. Seit einem Dreivierteljahr hatte er ihn nicht mehr gesehen.

Am frühen Nachmittag kam Paul. Der steckte dieses Mal in einer ganz speziellen Krise. Seine Außerirdischen hatten seine letzte Abhandlung über den Duft der Blumen zwar wohlwollend entgegengenommen, aber sie meinten, sie hätten jetzt auch noch ganz andere Fragen.
Sie wollten wissen, warum Menschen andere Menschen töteten, warum es so was wie Kriege unter Menschen gab und warum es in menschlichen Gesellschaften immer Arme und Reiche gäbe.
„Da kenne ich mich nicht aus, Dieter. Was soll ich denen sagen? Wenn sie mit mir nicht mehr zufrieden sind, werden sie mir den Auftrag entziehen. Was soll ich dann machen?“ Er klang verzweifelt. Paul hatte beim Sprechen die ganze Zeit in die Leere gestarrt, jetzt sah er Dieter direkt an.
„Kannst du mir nicht helfen, Dieter?“, fragte er unvermittelt.“ Du weißt über so was  sicher viel besser Bescheid!“
Dieter sah Paul irritiert an. Zum ersten Mal verunsicherte Dieter das, was Paul ihm erzählte. Es war ihm klar: Er konnte diese Fragen genauso wenig beantworten wie Paul. Wer konnte das schon?


„Pass auf, Paul“, sagte er schließlich zögernd. „Versuch mal, was aufzuschreiben, einfach, was dir dazu einfällt. Und wenn du meinst, das ist nicht gut oder gut genug, dann kommst du wieder her und wir reden darüber, okay?“
Damit war Paul einverstanden und verabschiedete sich zufrieden.

Paul hat einen neuen Auftrag

Dieter blieb beunruhigt zurück. Er stand am Fenster und beobachtete, wie Paul aus der Haustür kam und dann mit schnellen Schritten Richtung Kreuzung lief. Hoffentlich haben seine Außerirdischen bald wieder andere Anliegen und Paul kommt nicht noch einmal her, um mit mir solche Fragen zu diskutieren, dachte er. Solange es bei den Texten von Paul um menschliche Wahrnehmungen und Gefühle gegangen war, hatte er Pauls Bearbeitungen interessant und berührend gefunden. Aber das jetzt, das waren reale und vernünftige, ja beinah politische, jedenfalls verdammt ernste Fragen. Sie zu beantworten, war so einfach gar nicht möglich. Andererseits, so schoss es ihm mit einem Mal durch den Kopf, wenn er selbst einer von Pauls Außerirdischen wäre, hätten ihn auch genau diese unsympathischen Eigenarten der menschlichen Spezies interessiert – einer Spezies, die den Duft der Blumen schätzte, aber ohne zu zögern ihre Mitmenschen abschlachten oder auch versklaven und ausbeuten konnte. Einmal mehr fragte sich Dieter, ob Paul wirklich schizophren war oder nur jemand, der sich in seine eigene Welt flüchtete, weil ihm die wirkliche Welt und seine Mitmenschen suspekt erschienen.

Ein wenig erschöpft kam Dieter an diesem ersten Arbeitstag mittags in der Kantine an. Er war gespannt, ob in der Woche seiner Abwesenheit was Besonderes passiert war. Er kam gerade richtig: Irene war da, Stefan, Hartmut und noch ein paar Kollegen aus der Behinderteneinrichtung ebenfalls. Er ging mit seinem Tablett zu ihrem Tisch.
„Na, du siehst ja richtig erholt aus‟, begrüßte ihn Irene. „Das muss ja ein toller Urlaub gewesen sein!“
„Ich glaube schon seit einiger Zeit: Bei Dieter hat sich was getan“, spekulierte Stefan.
Dieter wehrte lächelnd ab.
„Sag ehrlich, du hast ’ne neue Frau!“, tippte Irene.
Dieter musste husten und wurde rot.
„Glückwunsch!“, sagte Stefan.
„Glückwunsch!“, meinten die anderen.
„Was gibt’s denn bei euch Neues“, fragte Dieter, um weiteren Bemerkungen oder Fragen aus dem Weg zu gehen.
„Sie haben Hannes fristlos gekündigt.“
„Was? Warum das denn?“ Dieter fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Er musste sich setzten. Jetzt war es also passiert!
„Angeblich hat er bei der Abrechnung einer Fortbildung gefälschte Unterlagen eingereicht“, erklärte Irene.
„Aber die können ihn doch wegen so was nicht  entlassen! Was sagt denn Marc?“ Dieter war alarmiert.
„Wenn es stimmt, was sie Hannes offiziell vorwerfen, könnte er nichts tun, sagt Marc. Und die Unterlagen, die Hannes eingereicht hat, sind anscheinend wirklich falsch. Aber eigentlich sei die ganze Angelegenheit belanglos und eine fristlose Kündigung stehe dazu in keinem Verhältnis. Aber da müsste Hannes schon selbst klagen“, erläuterte Irene.
„Vielleicht käme er damit durch. Hannes sagt, er hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Das Ganze sei ein Irrtum, ein schusseliger Fehler, ohne jede Betrugsabsicht. Aber genau die wird ihm jetzt unterstellt“, wusste Hartmut.
„Aber es geht auch das Gerücht um, dass er irgendwelche Informationen hat, die unser Träger vertuschen will. Er hat wohl gedroht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen“, bemerkte jetzt Irene.
„Betrug würde auch wirklich nicht zu Hannes passen! Einfach lächerlich!“, stellte Stefan fest. Er schüttelte den Kopf und putzte seine Brille.
„Und was ist an der Sache mit den Informationen dran?“, fragte Dieter besorgt.
„Hannes meint, die Leitung hätte sich geweigert, gewisse Informationen zur Kenntnis zu nehmen, und ihm verboten, diese Informationen zu verbreiten. Darauf hätte er angekündigt, die Infos an die Presse zu geben.“

„Meine Güte!“ Dieter schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Hannes hat also ernst gemacht! Und nun wollen sie ihm ans Leder. Ich habe es ja kommen sehen, durchfuhr es ihn. „Was das für Informationen sind, hat er nicht gesagt?“, fragte er vorsichtig.
„Ich denke, das muss was Wichtiges sein, sonst würde unser Träger nicht so aufgeregt reagieren“, gab Stefan zu bedenken.
„Stimmt.“ Die anderen nickten nachdenklich. Sie schauten betreten auf ihr Hühnerfrikassee. Dieter hatte seine Gabel wieder hingelegt. Ihm war plötzlich übel.
„Was hast du?“, fragte Irene. „Du siehst aus, als wäre dir gerade der Teufel begegnet.“ Sie sah ihn sorgenvoll an. Auch die anderen schauten nun zu Dieter.
„Nichts“, wehrte Dieter ab und fing an, sein Frikassee zu essen. Nach ein paar Bissen ließ er den Teller stehen und verabschiedete sich von den anderen. Die sahen ihm besorgt nach.

Am Nachmittag war er nicht bei der Sache und hatte Mühe, zuzuhören. Immer wieder musste er sich zusammenreißen, damit seine Klienten nicht merkten, dass er mit völlig anderen Gedanken beschäftigt war.
Dieter überlegte, ob er Hannes anrufen sollte, um zu fragen, was genau passiert war. Er suchte die Handynummer von Hannes, die er irgendwo hier im Büro haben musste. Aber er fand sie nicht und fuhr nach seinem letzten Klientengespräch eilig nach Hause. Sicher lag sie da irgendwo auf seinem Schreibtisch.

Suse will es wissen

„Was ist passiert?“, fragte Suse sofort, als er zur Tür hereingekommen war. Er sah sein Gesicht für einen Moment im Flur-Spiegel. Er zuckte zusammen. Er hatte dunkle Schatten unter den Augen. Dass ihn das so sehr mitnahm, hatte er nicht gedacht.
Umständlich zog Dieter seine Jacke aus. Suse stand erwartungsvoll dabei.
„Das ist eine lange Geschichte, Suse. Ich werde sie dir erzählen, aber nicht heute.“
Suse kam auf ihn zu. „Doch, heute, bitte!“

Dieter staunte über ihre ungewohnte Hartnäckigkeit. Er wäre jetzt lieber allein gewesen.
Suse berührte ihn vorsichtig an der Schulter. „Etwas scheint dich sehr zu belasten. Du siehst furchtbar aus. Erzähl mir, was los ist, dann wird es dir sicher besser gehen.“
„Sie haben einen Kollegen von mir fristlos gekündigt. Ich kenne ihn gut, wir sind eigentlich befreundet“, fing er zögernd an.
„Wieso eigentlich?“, fragte sie sofort nach.
„Ach, da war so ’ne Sache, da wollte er unbedingt, dass ich was mit ihm zusammen mache, weißt du, aber ich habe mich geweigert. Mir schmeckte diese Angelegenheit nicht. Seitdem ist er mir aus dem Weg gegangen.“
„Oder du ihm?“, kam es von Suse.
Er blickte überrascht auf. Sie stand vor ihm und sah ihm mit einem klaren, strengen Blick in die Augen, den er nicht von ihr kannte. Dass sie ihn so durchschaute, irritierte ihn.
„Jedenfalls hat er die Sache wohl allein weiter betrieben und ist jetzt damit auf die Nase gefallen.“
„Was denn für ’ne Sache?“, fragte Suse nach.
„Ach, so eine trägerinterne Geschichte. Das wird dir nichts sagen.“ Er sah sie nicht an.
„Wenn du es mir nicht erzählen willst, dann eben nicht“, entgegnete sie. Ihre Stimme klang plötzlich traurig.

Dieter sah es ihr an. Nicht auch noch Tränen, dachte er erschrocken. „Na gut, ich erzähle es dir. Aber erst brauche ich was, einen Tee. Oder vielleicht einen Cognac. Am besten setzen wir uns.“
Er ließ sich auf das Sofa fallen. Suse holte die Flasche aus dem Eckschrank sowie zwei Gläser. Dann setzte sie sich neben ihn, schenkte ein und sah ihn gespannt an.
Dieter begann Suse mit kurzen Worten zu erzählen, was passiert war. Sie lauschte interessiert. „Ach“, kam es von Suse.
„Und da hat er was entdeckt, was für den Ruf unseres Trägers ein Albtraum sein muss. Er hat was gefunden über die Arbeit in diesem Johannisstift damals in der Nazi-Zeit – so hieß unsere Einrichtung früher. Sie haben mit der Euthanasie-Behörde regelmäßig Kontakt gepflegt. Außerdem gab es ein merkwürdiges Mädchenheim, wo die Mädchen sehr mies behandelt wurden. Das hat er rausbekommen und …“ Dieter unterbrach sich. Er merkte, dass Suse ihn entsetzt ansah.
„Das hieß Johannisstift?“, fragte sie atemlos.
„Ja.“
„Du arbeitest im Johannisstift?“
Dieter sah sie verständnislos an. Dann erst wurde ihm klar, dass er vermutlich nie erwähnt hatte, wo genau er arbeitete. Suse hatte sich mit der Auskunft zufrieden gewesen, dass Dieter Psychologe war und in einer Beratungsstelle Menschen half, mit ihrem Leben wieder klarzukommen. Sie hielt das für einen edlen und bewundernswerten Beruf. Wo er stattfand, darüber hatte sie sich bisher offenbar keinerlei Gedanken gemacht.
„Früher hieß das so. Jetzt nennen wir uns EWV e.V. Auf dem Gelände befinden sich neben meiner Lebensberatung noch eine Menge andere Einrichtungen. Hannes arbeitet – meine Güte, arbeitete – in der Erziehungsberatungsstelle. Es gibt darüber hinaus Behindertengruppen, stationäre Kindergruppen, eine Einrichtung für geistig behinderte Erwachsene …‟

Suse sah ihn noch immer sprachlos an. Ihr Mund stand offen.
Dieter runzelte die Stirn. „Was ist? Was hast du? Kennst du das Johannisstift?“
„Ich war als Mädchen dort im Heim.“
„Ach, dort war das?“ Dieter sah sie betroffen an.
Sie nickte. „Aber was ich dir noch nie erzählt habe: Meine Mutter war dort … in diesem Mädchenheim in der Nazizeit. Sie haben aus ihr einen Krüppel gemacht, sagt meine Schwester. Sie wurde vergewaltigt, geschlagen“ Plötzlich fing Suse an zu weinen.
Dieter starrte sie fassungslos an. In seinem Kopf verhakten sich seine Gedanken. „Das wusste ich nicht“, stotterte er. Seine Stimme klang wie vertrocknet.
„Konntest du ja nicht“, schniefte sie.

„Als Hannes deswegen zu mir kam, dachte ich, das ist doch Schnee von gestern. Wir hätten Wichtigeres zu tun, meinte ich, hätten andere Sorgen. Wenn wir das da aufdecken, damit würden wir den Menschen nicht helfen, die heute leben, habe ich ihm gesagt. Dass es noch Menschen gibt, die das erlebt haben, die darunter noch leiden, daran habe ich nicht gedacht. Und jetzt betrifft es dich…“
Suse schien nicht zuzuhören. „Wenn Annerose davon erfährt, wird sie ausrasten.“
„Annerose?“, sagte Dieter verständnislos. Er hatte Suses Schwester bisher nur ein paar Mal kurz gesehen und einige Worte mit ihr gewechselt. Suse wollte nicht, dass er und seine Schwester allzu oft aufeinandertrafen, das hatte er sehr wohl gemerkt, er wusste aber nicht, warum.
„Annerose hasst alle Leute, die Mutter damals gequält haben. Sie hat unsere Mutter länger erlebt und sich um sie kümmern müssen. Sie war schwer krank und oft nicht mehr bei sich. Als sie starb, war ich drei. Und dann kamen wir beide in das Kinderheim für Waisenkinder dort…“, sie schluckte, „dort auf dem Gelände, wo du jetzt arbeitest.“
Dieter druckste vor sich hin. Seine Augenlider zuckten nervös.
„Meine Güte, Suse! Wie schrecklich!“, stieß er schließlich hervor. „Aber was könnte ich tun? Wenn ich jetzt bei meinem Träger Ärger mache, hilft das Hannes auch nicht. Und ich kriege dann ebenfalls Schwierigkeiten.“
„Was meinst du?“ Suse hob ihr verweintes Gesicht, in ihren Augen blitzte etwas auf.
„Erzähl es deiner Schwester nicht, Suse, bitte.“
„Warum nicht?“
„Du hast gesagt, sie dreht am Rad, wenn sie das erfährt. Ich kann keinen Ärger brauchen.“
Suse nickte zögernd und stand langsam auf. „Meine Mutter konnte damals auch keinen Ärger brauchen.“ Damit ging sie in die Küche.
Dieter blieb sitzen und starrte vor sich hin.

Sie sprachen den Rest des Abends nicht mehr darüber. Dieter versuchte, die Sache nüchtern zu sehen. Irgendwas sollte er tun. Zumindest sollte er Hannes gegenüber zeigen, wie sehr ihn dessen Entlassung getroffen hatte und wie schrecklich er all das fand. Aber dafür müsste er erst die Telefonnummer finden. Er fing an zu suchen, aber auch bei sich zu Hause hatte er sie nicht.

Nach zwei Wochen war beim Essen in der Kantine die Entlassung von Hannes kein Gesprächsthema mehr. Die Stelle wurde neu ausgeschrieben – Vollzeit und unbefristet, wie alle zufrieden feststellten. Irgendwann sprach keiner mehr von dem Vorfall.

Nachtgedanken

Dieter jedoch konnte den Gedanken an Hannes in seinem Inneren nicht loswerden. Irgendwie fühlte er sich schuldig, obwohl er dieses Gefühl sofort weit von sich wies.

Es war ihm außerdem unangenehm gewesen, mit Suse über Hannes und das ganze Drama zu sprechen. Er wollte es nicht mit ihr teilen. Dazu war sie ihm nicht nah genug, nicht verbunden genug. Sie würde die Zusammenhänge sowieso nicht begreifen. Vielleicht hatte er auch Angst gehabt, dass sie ihn für einen Feigling halten könnte. Dasgeht sie doch überhaupt nichts an, hatte er noch gedacht. Aber dann war ihm eingefallen, dass er ja jetzt ausgerechnet durch sie irgendwie selbst in diese Sache verwickelt war, die Hannes ausgegraben hatte und von der er sich doch unbedingt fernhalten wollte. Wie unangenehm!
Suse fragte ab und zu wieder nach Hannes, was ihn ärgerte. Er hatte die Telefonnummer noch immer nicht gefunden und suchte auch nicht mehr danach. Er bemühte sich vielmehr, die ganze Geschichte auf sich beruhen zu lassen.

Eines Nachts erwachte Dieter plötzlich, als hätte ihn etwas geweckt. Er richtete sich auf. Neben ihm lag Suse, atmete ruhig und lächelte im Schlaf. Sie hatte einen Arm in seine Richtung ausgestreckt, als wollte sie ihn berühren. Dieter betrachtete ihr rundes, liebes Gesicht. Im Schlaf sah sie fast kindlich aus. Ihre Brust war entblößt und er musste an sich halten, um sie nicht zu berühren. Er merkte, wie er einen Ständer bekam, und überlegte einen Moment, ob er sie wecken sollte. Stattdessen legte er sich auf den Rücken, streckte sich und versuchte, wieder einzuschlafen, aber der Schlaf kam nicht.

Sein innerer Widerwille von neulich fiel ihm wieder ein, als sie ihn gedrängt hatte, ihr die Geschichte mit Hannes zu erzählen. Wie abfällig er damals über sie gedacht hatte! Aber warum, fragte er sich jetzt, warum war er eigentlich nicht bereit, so wichtige Erlebnisse mit ihr zu teilen? Sie war doch schon so lange seine Freundin. Sie verbrachte nun schon beinah ein Jahr die meiste Zeit bei ihm in seiner Wohnung! Er dachte an Suses Lust und Freude, wenn er mit ihr schlief, an die lustvollen Tage, als sie zusammen Urlaub gemacht hatten. Sie hatte am Sex mindestens genau so viel Spaß wie er, da war er sich sicher. Sie opferte sich nicht, sie machte nicht ihm zuliebe mit. Sie wollte und genoss es genauso wie er. Und er spürte mit Suse nicht den geringsten Leistungsdruck, wie es oft bei Renate der Fall gewesen war. Mit Suse fragte er sich nicht, ob er lange genug steif bleiben könnte. Da ging alles wie von selbst. So hatte sich Dieter Sex immer gewünscht.

Aber sonst? Sie war eine rührende, nette Frau. Sie bewunderte ihn, machte alles für ihn. Wie selbstverständlich hatte sie seinen Haushalt übernommen, putzte, wusch, kochte. Er gab ihr Geld zum Einkaufen und sie erledigte alles zu seiner vollsten Zufriedenheit. Manchmal wurde ihm ihre ständige Fürsorge fast zu viel. Mitunter ging ihm durch den Kopf, dass sie doch eigentlich seine Partnerin und nicht seine Haushälterin war. Dieter war klar, sie würde alles für ihn tun. Für sich selbst erwartete sie dafür nur ein wenig Wärme, ein Zuhause und die Sicherheit, nicht fortgejagt zu werden.

Wie stehe ich zu ihr? Warum wollte ich neulich die Sache mit Hannes nicht mit ihr besprechen?

Dieter liegt wach

Wenn ich sie lieben würde, dann müsste es mir doch ein Bedürfnis sein, Dinge mit ihr zu teilen, die mich intensiv bewegen! Und mit einem Mal stand Dieter klar vor Augen: Liebe würde sich anders anfühlen!

Das war es also, was ihn geweckt hatte: die Erkenntnis, dass ihm in seiner Beziehung zu Suse etwas Wichtiges fehlte.  Aber warum kann ich denn nicht mehr für sie empfinden, fragte er sich jetzt.  Ist es ihr Mangel an Bildung? Ihre Naivität? Die finde ich doch meist eher rührend. Habe ich vielleicht ein schlechtes Gewissen, weil ich sie ausnutze?

Eigentlich darf ich ihre Liebe nicht annehmen, wenn ich nicht so fühle wie sie, dachte er einen Moment lang erschrocken. Andererseits … es macht sie doch glücklich, wenn sie sich um mich sorgen kann, beruhigte er sich. Sie wäre enttäuscht, wenn ich ihr verbieten würde, meinen Haushalt zu führen. Warum sollte ich sie unglücklich machen und mich von ihr trennen?

 Und er brauchte sie auch, gestand er sich ein, nicht als Haushälterin, sondern als Geliebte, als Partnerin, die ihm das Gefühl gab, nicht mehr einsam zu sein. Und schließlich mochte er sie ja auch. Aber er blieb unzufrieden mit sich. Über diesem Gedanken schlief er unruhig wieder ein.

Auch Gabriele hat ihre Probleme

An der Wand über dem Schreibtisch, den Dieter in seinem Wohnzimmer in einer Ecke stehen hatte, hing ein Monatskalender mit Picasso-Drucken. Suse hatte sich die Blätter schon öfter mit verhaltenem Kopfschütteln angeschaut. Diese moderne Kunst war nichts für sie.
„Warum ist eigentlich der 25. April dick angekreuzt?“, fragte sie Dieter beim Abendessen. Dieter hatte nie erwähnt, was er da vorhatte.
„Was meinst du?“ Er schaute auf den Kalender und im nächsten Moment sprang er auf. „Der 25.! Meine Güte, Suse, gut, dass du das gemerkt hast! Das ist der Todestag meiner Mutter. Ich habe versprochen, dass ich mich an diesem Tag mit meiner Schwester in Köln treffe. Da muss ich hin!“
„Ach so? Aber deine Schwester wohnt doch in Dresden, hast du gesagt.“
„Trotzdem Köln. Da liegt meine Mutter begraben. Wir haben nicht viel miteinander zu tun gehabt, Gabriele und ich. Aber wir wollen uns jetzt wenigstens an ihrem Todestag sehen.“ Nicht auszudenken, wenn ich das vermasselt hätte. Gabriele wird das sicher nicht verpassen, so wie ich sie kenne, dachte Dieter. Gleich morgen würde er für diesen Tag Urlaub beantragen.
„Verstehe. Wann willst du los?“, fragte Suse. Sie sah aus, als wollte sie gleich den Koffer von Dieter herausholen und zu packen anfangen.

Dieter kam etwas abgehetzt eine Viertelstunde zu spät am Treffpunkt an. Gabriele war wie beim letzten Mal einen Tag zuvor angereist und war schon da, als Dieter hereinstürmte. Sie hatte sich an dem Tisch am Fenster niedergelassen, an dem sie genau vor einem Jahr zusammengesessen hatten.

Dieter ging auf sie zu. Sie stand auf und umarmte ihn. Dieses Mal war das für ihn schon fast selbstverständlich. Er musste lachen.
Wartest du schon lange“, fragte er, als er sich gesetzt hatte.
„Hier bin ich auch erst seit einer Viertelstunde. Kein Problem! Aber da kommt die Kellnerin. Ich habe auch noch nichts bestellt, wollte erst mal auf dich warten.“
Sie studierten die Karte und entschieden sich beide für eine heiße Schokolade, dieses Mal mit Rum.
„Ehrlich gesagt bin ich froh, dass du daran gedacht hast, Dieter. Als du nicht pünktlich zur Tür reinkamst, habe ich schon befürchtet, du hättest es vergessen.“
„Hätte ich auch beinah“, gab Dieter lachend zu. Gabriele sah ihren Bruder prüfend an.
„Sag mal, du hast Weihnachten am Telefon so was angedeutet: Gibt es da jemand Neues in deinem Leben?“

Dieter seufzte. Dann sagte er ohne viel Elan: „Sie heißt Suse. Ich habe sie im Herbst über ein Internetportal kennengelernt. Wir wohnen zusammen.‟
„Ist doch toll!“, jubelte Gabriele. „Erzähl mal von ihr! Wer ist sie, was macht sie, wie ist sie so?“

Dieter hatte sich fest vorgenommen, gerade seiner Schwester gegenüber zu Suse und seiner Beziehung zu stehen. Aber während er sich nun eine Antwort auf Gabrieles Fragen zurechtlegte, wurde ihm plötzlich klar, was für ein Gefühl es war, das ihn immer heimsuchte, wenn er mit anderen über Suse sprach. Er schämte sich für Suse! Wie schrecklich! durchfuhr es ihn. Hatte er ihr nicht schon oft gesagt, es gäbe keinen Grund, dass sie sich für etwas schämen müsste. Und nun tat er es selbst!

Dieter hatte keine Lust, Gabriele etwas vorzumachen. Ja, er spürte plötzlich das Bedürfnis, ihr zu erzählen, wie es um Suse und ihn tatsächlich stand.
„Suse ist eine freundliche, liebevolle, aber völlig ungebildete und auch nicht sonderlich intelligente Frau. Sie hat eine Heimkarriere hinter sich und in ihrem Leben bisher nichts Gutes erlebt.“ Seine Stimme hatte einen fast trotzigen Klang angenommen.
„Dieter, du hast dir aber nicht aus Mitleid ein Heimkind zur Pflege nach Hause geholt?“, platzte Gabriele überrascht heraus.
Dieter lachte nervös. „Sie ist eine gute Frau. Sie ist zärtlich, sie unterstützt mich, wo sie kann, und sie liebt mich über alles.“

„Das ist doch großartig“, rief Gabriele erleichtert aus. Doch dann sah sie ihren Bruder scharf an und meinte: „Bruderherz, was ist denn? Du hörst dich so nüchtern an, wenn du über sie sprichst, als …“ Sie brach ab.
„Es ist genauso. Ich habe sie gern, aber mitunter geht sie mir auf den Wecker. Ich bin froh, endlich nicht mehr allein zu sein, aber oft wäre ich auch lieber allein.“
Seine Schwester antwortete nicht und sah ihrem Bruder nachdenklich an.
„Gefällt dir das nicht? War deine Ehe etwa besser?“, blaffte Dieter jetzt. Dieter ärgerte sich plötzlich. Über wen oder was, war ihm selbst nicht klar.

„Ach, Dieter, das sage ich doch nicht. Ich finde nur, dass du etwas herzlos über sie sprichst. Ich meine, ihr steht doch noch am Anfang. Und gerade am Anfang einer Beziehung sollte man doch so was wie Liebe für den anderen empfinden. Wenn du oft lieber allein wärst …“

Dieter schaute wie angestochen auf, der Ärger schien aus ihm zu weichen. Dann sagte er zögernd: „Du triffst den Nagel auf den Kopf, Gabriele. Genau das frage ich mich auch immer wieder. Aber mehr Gefühl kann ich für sie nicht aufbringen.“
Beide schwiegen, als müssten sie diese Nachricht verdauen.  Die Kellnerin brachte die Kakao Tassen und beide nahmen einen guten Schluck.

„Sie ist mit mir zufrieden. Ich glaube, sie erwartet nicht mehr von unserer Beziehung. Vielleicht kann sie sich nicht vorstellen, dass auch ein Mann für eine Frau das empfinden kann, was mit Liebe gemeint ist. Sie hat bisher sehr schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht, glaube ich“, nahm Dieter das Gespräch mit gerunzelter Stirn wieder auf. Er machte eine Pause und sah seine Schwester provozierend an. „Was meinst du: Sollte ich mich von ihr trennen? Es ist schließlich nicht fair, ihr etwas vorzumachen. Das weiß ich doch auch. Aber es würde ihr vermutlich das Herz brechen.“

Gabriele nippte geistesabwesend an ihrem Glas. „Meine Güte, Dieter. Das ist ja schwierig! Aber ich habe den Eindruck, dass dir die diese Beziehung doch auch irgendwie guttut, stimmt das denn nicht?“
„Schon. Ja. Sie tut mir gut. Ich mag Suse ja auch, aber mehr ist da für mich nicht.“ Er sah Gabriele jetzt direkt ins Gesicht und fragte noch einmal: „Also was meinst du: Soll ich sie wegschicken, weil ich sie nicht liebe?“
„Ach Dieter, was soll ich da sagen? Ich finde deine Situation nicht schön. Aber Suses noch viel weniger“, sie lachte unsicher. „Aber vielleicht renkt sich das alles irgendwie ein? Vielleicht lernst du sie ja noch lieben?“, meinte sie dann zögernd.
Dieter schüttelte den Kopf. „Ach komm, Gabriele, das ist doch ein schwacher Trost, meinst du nicht auch?“, fragte er genervt.
 „Du hast recht. Vielleicht merkt sie auch, was los ist und geht von selbst? Du hättest es verdient, so wie du über sie sprichst.“ Sie sah ihren Bruder verstimmt an. „Mir jedenfalls gefällt, was du über sie erzählst. Ich würde sie gerne kennenlernen.“
Dieter zuckte niedergeschlagen mit den Schultern.

„Vielleicht ist es aber auch deine Aufgabe, sie zu einer selbstbewussten Frau zu machen? Vielleicht kannst du sie dabei unterstützen, sich zu bilden, etwas zu lernen.“
„Sie ist nicht meine Klientin, Gabriele, sie ist meine Partnerin. Aber manchmal denke ich tatsächlich auch, sie ist meine Haushaltshilfe.“
„Autsch!“ Gabriele schüttelte sich, dann dachte sie nach. „Okay, probieren wir es anderes: Was würdest du denn jemandem raten, der mit dieser Lage zu dir als Berater käme?“

Dieter schaute sie verdutzt an. „Ich würde sagen: ‚Schenken Sie ihr reinen Wein ein. Dann werden Sie sehen, was sie sagt.‘“
„Das wäre kein schlechter Rat, finde ich. Aber du scheint ihn ja nicht befolgen zu wollen. Und was würdest du auf diesen Rat hin sagen, wenn du der Klient wärst?“
„Ich würde antworten: ‚Aber ich weiß doch, was sie sagen würde: Es ist mir egal, ob du mich liebst, Dieter, wenn ich nur bei dir bleiben darf.‘“
„Shit!“, schimpfte Gabriele. „Hat sie denn keinen Stolz? Weißt du, so wie du sie beschreibst, kann ich mir eigentlich keine Frau vorstellen. Vielleicht verstehst du sie einfach nicht?

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als die Kellnerin die leeren Tassen einsammelte und fragte, ob es noch etwas sein dürfte.  Gabriele bestellte sich einen Cognac und Dieter schloss sich an. Er war sichtlich froh über die Unterbrechung. Als die Kellnerin wieder gegangen war, meinte Gabriele lächelnd: „Eigentlich wollte ich dir heute mein Leid klagen. Jetzt scheint es umgekehrt zu sein“.
„Du hast Probleme? Das ist ja mal was ganz Neues, Schwesterchen. Erzähl mal!“, forderte Dieter sie erleichtert auf.
„Ach weißt du, das letzte Semester kam mir anstrengender und unerfreulicher vor als alle vorher. Manchmal habe ich schon gedacht, dass die Studierenden mir ansehen, dass ich mit Blick auf meine baldige Pensionierung einfach keine Lust mehr habe. Und du wirst es vielleicht nicht glauben: Tatsächlich habe ich auch keine Kraft mehr, würde lieber heute als morgen aus dem Betrieb ausscheiden.“
„Du hast deine Arbeit doch immer so gerne gemacht“, staunte Dieter.
„Mir kommt es immer mehr so vor, als wären die Arbeit und auch mein Institut nicht mehr das, was sie mal waren. Und außerdem gibt man mir immer öfter zu verstehen, dass ich inzwischen zum alten Eisen gehöre. Vor einem Jahr ist das noch nicht so gewesen. Oder habe ich es da nur nicht wahrhaben wollen?

„Letztes Jahr machtest du auf mich eigentlich einen ganz zufriedenen Eindruck, ich meine, ein bisschen gemeckert über deine Mitarbeiter hast du da aber auch schon“, schmunzelte Dieter.
„Ich weiß nicht. Das alles kann nicht nur an mir selbst liegen: Diese Studienreform à la Bologna setzte sich auch bei uns im Fachbereich immer mehr durch, egal wie viel ich dagegen steuere. Und wenn ich noch so viele flammende Reden in der Fachbereichskonferenz halte, um deutlich zu machen, dass wir eine Bildungseinrichtung und keine Bildungsfabrik sind, es bringt einfach nichts. Die Kollegen lächeln mir dann zwar aufmunternd zu, aber hinter meinem Rücken unterwerfen sich alle längst den neuen Regeln und Werten. ‚Wir leben eben nicht mehr im 20. Jahrhundert‘, habe ich neulich meinen Stellvertreter sagen hören, der nicht wusste, dass ich im Nebenraum saß und mithörte. ‚Heute haben wir eine harte Konkurrenz, sowohl was die Studierendenzahlen als auch was die Drittmittel und unsere Reputation betrifft. Da können wir nicht mehr fröhlich vor uns hinforschen und schon gar nicht Rücksicht darauf nehmen, ob jeder dahergelaufene Student mit unserem Studienangebot klarkommt.‘ Ich brachte es nicht fertig, in diese Unterhaltung hineinzuplatzen. Ich wartete, bis alle weg waren, bevor ich den Nebenraum verließ. Warum bloß kann ich nicht mehr kämpfen?“ Gabriele sah Dieter fragend an.

Was ist denn so schlimm seit dieser Studienreform?“ Dieter und bemühte sich, seiner Schwester zu folgen.
„Na, zum Beispiel die Anzahl der Prüfungen für die Studierenden ist seit der Umstellung auf Bachelor und Master enorm gestiegen. Die Studenten lernen nur noch für die anstehenden Prüfungen, Bulemie-Lernen‘ nennen sie das. Für inhaltliche Auseinandersetzungen mit dem Stoff oder auch mit aktuellen Themen, die ihr Fach betreffen, bleibt keine Zeit. Als ich neulich in einem Seminar ein paar kritische Fragen zur Diskussion stellte, hatte ich noch keine zwei Minuten geredet, da zeigte ein Student auf und fragte, ob das denn jetzt auch für die Prüfung relevant ist. Und die anderen nickten und erwartete offenbar ebenfalls die Beantwortung dieser Frage. Ich glaube, sie studieren nicht den Stoff, sondern lernen nur noch auswendig, was die prüfenden Professoren von dem Stoff halten. So viel Pragmatismus und Oberflächlichkeit kann ich einfach schlecht ertragen, Dieter.“
„Das klingt echt nicht so gut“, bestätigte Dieter.
„Es ist zum Verzweifeln. Wenn ich demnächst als Institutsleiterin aufhöre, wird man nach kurzer Zeit nichts mehr von dem alten Bildungsideal und einer wirklichanspruchsvollen Ausbildung wiederfinden. Ich bin inzwischen froh, wenn ich nach Beendigung des nächsten Wintersemesters ganz an der Hochschule aufhören kann!

„So früh? Bist du nicht erst … Wie alt genau?“
„63, Dieter. Ich kann vorzeitig gehen wegen meiner Behinderung, du weißt doch, die Herzgeschichte. Dadurch werden mir zwei Jahre Freiheit geschenkt.“
„Und was willst du damit machen? Wird dir das nicht langweilig, so ohne diesen ganzen Betrieb um dich herum?“
„Glaube ich nicht. Ich kann dann endlich mehr Zeit in mein zweites Standbein investieren: in meine Vorträge und Artikel in Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen. Denn die gehen mir immer mehr auf den Keks. Du glaubst nicht, was an den Hochschulen los ist! Es interessiert nur noch die Effizienz unserer Arbeit: Wie viele Studenten schleusen wir durch? Wie viele Gelder werben wir von außen ein? Wie viele Veröffentlichungen schafft ein Professor im Jahr neben seinen Lehrverpflichtungen und so weiter. Wir sind jetzt eine Fabrik, ein Betrieb. ‚Wir müssen uns rechnen‘, sagen sie. Du kennst das sicher von den Krankenhäusern. Aber ich denke, bei deinem christlichen Träger wirst du solche Entwicklungen nicht erleben, oder? Bei euch ist hoffentlich diese hektische Jagd nach der Effizienz noch nicht ausgebrochen?
„Ich kenne das mehr, als du glaubst. Unser Träger denkt nur noch ans Sparen, an Effizienz, an Wettbewerb. Das ist überall das Gleiche.“
„Oh, ich dachte, bei konfessionellen Trägern wäre das noch nicht so.“ Sie machte große Augen.
„Schön wär’s. Hannes meint, die machen das sogar noch bereitwilliger als die kommunalen Träger.“
„Wer ist Hannes?“
„Ach, ein Kollege und Freund von mir.“ Dieter geriet ins Stocken.
„Was ist?“
„Hannes haben sie vor Kurzem fristlos gekündigt.“
„Warum?“
„Du hast eine Begabung dafür, mir meine aktuellen Probleme aus der Nase zu ziehen …‟ Er schüttelte halb belustigt, halb traurig den Kopf. „Um es kurz zu machen: Er hat Unterlagen aus der Nazizeit gefunden, die belegen, dass der Träger damals in Sachen Menschenverachtung ganz dick beteiligt war. Und das wollten sie nicht hören. Da haben sie ihm einen Strick gedreht.“
„Oh, du meine Güte! Was macht er jetzt?“
„Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht! Ich habe ihn danach nicht mehr gesehen oder gesprochen. Als es passierte, war ich gerade mit Suse im Urlaub.“
„Aber wenn er doch dein Freund ist? Steht ihr nicht in Kontakt?“
„Er wollte letztes Jahr, dass ich die Sache mit ihm zusammen aufdecke. Zu zweit wäre man geschützter, hat er behauptet. Er wollte die Ergebnisse unbedingt ans Tageslicht bringen. Verstehe ich auch, wenn ich unseren Träger rumposaunen höre, er hätte aus der Nazizeit keinen Dreck am Stecken und damals sogar heimlich Widerstand geleistet – von wegen!“
„Mistkerle!“, meinte Gabriele. „Also steckst du auch mit drin?“

Einsichten

Dieter schüttelte den Kopf. „Er hat versucht, mich dazu zu bringen, die Sache mit ihm gemeinsam durchzuziehen, aber ich hatte Angst. Ich habe gesagt, wir hätten genug andere Probleme heute. Das sagst du ja auch immer.“ Dieter merkte, wie er anfing, sich zu verteidigen, dabei hatte Gabriele ihn gar nicht angegriffen.

„Da hast du recht. Aber weißt du, so grundsätzlich anders sind die Probleme heute nicht. Damals im Nationalsozialismus haben sich die Menschen nicht gewehrt, wenn es hieß, ‚unwertes Leben muss weg‘. Heute wehren sie sich nicht, wenn der Neoliberalismus Menschenwürde, Freiheit und Lebensqualität vieler Menschen zerschlägt. Es geht immer darum, ob wir uns gegen das stellen, was unmenschlich ist – egal, wie es heißt und wie es sich gibt.“
Dieter nickte nachdenklich.
„Hast du nicht gesagt, dein Träger würde sogar voller Elan bei dem neuen Effizienzmist mitmachen und sich als Sozialbetrieb verstehen, egal welche Konsequenzen das für die Klienten hat? Das sind die gleichen Geister, die damals meinten, im Interesse der Menschheit zu handeln, wenn sie dazu beitrugen, Behinderte oder missliebige Leute aus dem Leben verschwinden oder sterilisieren zu lassen.“
Dieter musste schlucken. „Das macht mir Angst, Gabriele.“
„Mir auch, Dieter.“

Sie schwiegen.

„Ich habe einen ganz besonderen Klienten. Ich glaube, ich habe dir schon letztes Mal kurz von ihm erzählt. Er heißt Paul.“
Gabriele sah ihn aufmerksam an.
Dieter skizzierte Pauls Krankengeschichte. „Früher“, fuhr Dieter fort, „schrieb er für seine Außerirdischen über das Schlafen, den Duft der Blumen, das Geräusch des Windes in den Bäumen, das Lachen, über Traurigkeit und über die Angst vor dem Tod. Und jetzt kommt er mit so was! Da musste ich passen. Was soll ich ihm antworten? Was kann ich ihm sagen? Das sind doch Fragen, über die Menschen seit Jahrhunderten nachgrübeln und keine Lösungen finden.“
„Ich glaube, dein Herr Paul ist ein ganz Kluger, Dieter‟, überlegte sie. „So klug, dass er sich und dich und die ganze Welt zum Narren hält, um ihre Widersprüche ertragen zu können. Und jetzt hat er dich eingeholt. Du stehst genauso dumm da vor seinen Außerirdischen wie er.“
„Genau.“
Sie sahen sich verdutzt an. Dieter spürte seine Hilflosigkeit, aber er wusste, dass Gabriele ihn verstanden hatte.

„Meine Güte, Dieter!‟, rief Gabriele plötzlich aus. „Wir wollten uns fröhlich treffen, ein bisschen nostalgisch an unsere Mutter denken, uns was Nettes erzählen.“
„Aber so war es besser, Gabriele. Jetzt weiß ich, was es wirklich bedeutet, eine Schwester zu haben.“
„Späte Einsicht, mein Lieber!“ Gabriele lachte.

Als sie sich schon verabschiedet hatten, sagte Dieter noch: „Die Mutter von Suse war übrigens in einem Heim für sogenannte ‚gefallene Mädchen‘, das damals mein heutiger Träger betrieben hat. Hannes hat Unterlagen dazu gefunden. Sie wurde dort zum seelischen und körperlichen Krüppel gemacht, sagt Suse.“
„Oh Gott!“ Gabriele sah ihn überrascht an. „Was für ein merkwürdiger Zufall! Bitte grüß Suse von mir, Dieter, ich möchte sie unbedingt kennenlernen!“
„Mach ich!“ Dieter war schon auf dem Weg zum Ausgang. Er schlängelte sich durch das inzwischen volle Café zur Tür. An der Tür sah sich noch einmal um und winkte kurz.

***

Und, wie war es?“, fragte Suse am Abend, als er zurück war.
„Sie will dich unbedingt kennenlernen!“
„Wirklich? Warum?“
„Ja, unbedingt! Ich glaube, sie konnte sich von dem, was ich erzählt habe, kein richtiges Bild von dir machen.“
„So? Wir könnten sie zu deinem Geburtstag einladen. Was hältst du davon?“
„Muss ich mir noch überlegen. Ich weiß nicht. Ich hatte bisher eigentlich kein besonders gutes Verhältnis zu ihr. Aber der heutige Abend war ganz anders. Die Zeit mit ihr ist wie nichts verflogen und wir hatten Spaß zusammen.“

„Das klingt doch wunderbar! Und sie ist doch deine einzige Schwester.“ Suse musste plötzlich lachen: „Und weißt du, Dieter, was mir gerade heute eingefallen ist? Wir sind beide die jüngeren Geschwister von älteren Schwestern. Ist doch ein komischer Zufall, oder? Mich hat Annerose auch immer rumkommandiert. Aber ich glaube, sie liebt mich sehr.“
„Interessant“, sagte Dieter. Aber irgendwie war ihm Suses Vergleich unangenehm. „Ist ja noch ein bisschen hin bis zum August. Ich werde es mir überlegen“, meinte er.

Damit gab Suse sich zufrieden.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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