9. Süße und bittere Wahrheiten

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Schwesterherz nicht wiederzuerkennen

Suse fühlte sich immer öfter allein. So kam sie auf die Idee, einmal wieder bei ihrer Schwester hereinzuschauen. Sollte sie vorher anrufen? Wahrscheinlich würde Annerose abwehren. Sie war nicht für schnelle Entschlüsse zu haben und würde sicher vorschieben, noch dieses oder jenes erledigen zu müssen. Andererseits war Annerose um die späte Nachmittagszeit sicher zu Hause, also machte sich Suse auf zu einem Überraschungsbesuch.

Sie klingelte an der Wohnungstür. Die Haustür hatte aufgestanden.
Es dauerte einen Moment, bis Annerose kam, um zu öffnen. Suse kannte ihre Schwester so genau, dass sie schon an ihrem Schritt hören konnte, dass etwas Unerwartetes sie in Schwung gebracht hatte. Was war los?

„Oh, Suse. Welche Überraschung!“, rief Annerose aus.
Da sie keine Anstalten machte, Suse hineinzubitten, sagte Suse: „Da staunst‘e, was? Ich wollte mal vorbeikommen. Ich bin heute allein.“
„So, du bist allein und deswegen kommst du zu mir. Aber was sagst‘e, wenn ich nicht allein bin?“


Suse blickte ihre Schwester verblüfft an. „Dann nicht, vielleicht ein andermal. Ich will nicht stören.“
„Quatsch! Suse, komm rein! Kannst‘e ihn auch gleich kennenlernen.“ Annerose grinste. Sie zog Suse in die Wohnung.

Im Wohnzimmer saß ein älterer, dünner Mann mit einer langen Nase. Er sprang vom Sessel auf, als Suse hereinkam.


Auf dem Tisch standen Kekse und zwei halb volle Weingläser, wie Suse verwundert feststellte.
„Das ist Hannes Dorn. Und das ist Suse, meine kleine Schwester. Ich habe Ihnen von ihr erzählt.“

Suse gab dem Mann die Hand. Sein Händedruck war kurz und fest.
„Komm, Suse, setz dich! Möchtest du auch ein Glas Wein?“
„Mensch, Annerose! Du trinkst doch sonst nur Bier“, platzte Suse fröhlich heraus.
„Na und? Wenn ich Besuch bekomme, gibt’s eben auch mal Wein“, antwortete Annerose ein wenig schnippisch.

Herr Dorn grinste verstohlen und Suse setzte sich.
Nach einer kleinen Pause erklärte Annerose:
„Herr Dorn hat mich angeschrieben, ob er mich mal sprechen könnte. Ich fand das erst komisch, aber dann hat er noch mal geschrieben, dass es um unsere Mutter geht. Und jetzt sitzen wir hier, und ich habe ihm gerade das Schicksal von Martha erzählt und was danach war.“
„Warum wollen Sie das wissen?“ Suse betrachtete den fremden Herrn genauer. Ein bisschen streng sah er aus, aber jetzt lächelte er.
„Entschuldigen Sie, dass wir Sie damit so überfallen“, sagte er höflich zu Suse. Zu Annerose gewandt meinte er: „Ich erzähle die Geschichte gerne noch mal, damit Ihre Schwester auch informiert ist.“
Die Schwestern nickten einvernehmlich.

„Ich arbeite seit Jahrzehnten als Sozialarbeiter – meist mit Kindern und Jugendlichen – in der EWV. Die hatte im letzten Jahr ihr 100. Betriebsjubiläum. Man fragte mich, ob ich bereit sei, für die Feier einen kleinen Text über die Geschichte des Trägerverbundes vorzubereiten. Man händigte mir jede Menge alte Akten aus dem Keller aus und ich machte mich an die Arbeit. Schon bald fielen mir die Jahre 33 bis 45 in die Hände und ich begann, diese Akten genauer zu studieren. Je mehr ich las, desto klarer war, dass dieser Träger mit den Nazis kooperiert und auch Nazi-Spezial-Aufgaben übernommen hat. Ich schenke mir die zum Teil erschütternden Details. Es geht unter anderem um das damalige Mädchenheim für sogenannte gefallene Mädchen, in dem Ihre Mutter untergebracht war. Deshalb habe ich seit einiger Zeit versucht, Ihre Schwester ausfindig zu machen. Zwischendurch war ich länger krank. Aber jetzt hat es ja geklappt.“
„Meine Güte, sind Sie etwa der Hannes, der Kollege von Dieter Ackermann?“ Suse beugte sich gespannt vor.
„Genau. Er hat mir auch den Namen Annerose Berger genannt. Er selbst will von der ganzen Sache nichts wissen. Sie sind seine Freundin, nicht wahr?“
Suse nickte.

„Du musst es Dieter nicht erzählen“, meinte Annerose fürsorglich.
„Ist wohl besser so. Dieter ist auf dieses Thema nicht gut zu sprechen“, überlegte Suse laut. „Aber können Sie uns mehr über das Heim erzählen?“
„Schon, aber ich weiß nicht, ob Sie beide wirklich alles wissen wollen. Ich möchte Sie nicht quälen oder schockieren. Mir selbst ging es darum, lebende Zeugen ausfindig zu machen, um für das, was ich gelesen hatte, Beweise zu haben.“
„Das heißt also, Sie wollen die Geschichte tatsächlich an die Öffentlichkeit bringen!“, freute sich Annerose.
„Das wäre mein größter Wunsch. Sie müssen auch keine Angst haben, ich werde Sie und Ihre Mutter nicht namentlich aufführen und alles anonymisieren, sodass man sie nicht erkennen kann.“
„Wegen mir nicht, ich bin gerne bereit, zu erzählen, was ich weiß. Es wäre mir ein Vergnügen, wenn die alten Nazis endlich eins über die Rübe kriegen würden!“, bemerkte Annerose.

Hannes Dorn lachte.
„Die alten Nazis sind kaum noch am Leben und sicher nicht mehr im Heim tätig. Doch Sie haben recht, es gibt noch genug Leute, die die Machenschaften dieser Zeit vertuschen und beschönigen wollen. Und denen muss das Handwerk gelegt werden.“
„Ich bin dabei, Herr Dorn!“, rief Annerose erfreut und sah ihn begeistert an.
Suse fragte vorsichtig: „Sind Sie nicht wegen dieser Sache gekündigt worden? Dieter hat so was erzählt.“
„Das ist richtig.“
„Sie haben dafür also freiwillig Ihre Arbeitsstelle riskiert?“, fragte sie ungläubig weiter.

„Ich hätte mit diesem Wissen nicht dort weiterarbeiten können, wenn es nicht offengelegt und angemessen bearbeitet worden wäre.“

Suse sah etwas verlegen vor sich hin. Dieter kann das offenbar, dachte sie. Nein, er kann es nicht. Aber er tut nichts, er wehrt sich nicht, er lässt es einfach geschehen. Zum ersten Mal spürte Suse so etwas wie Ärger, wenn sie an ihren Freund dachte.

Sie sagte nichts mehr an diesem Nachmittag.

Als sie zwei Stunden später in Dieters Wohnung zurückging, brummte ihr der Schädel. Die Einzelheiten über das Martyrium ihrer Mutter – wie Hannes Dorn sich ausgedrückt hatte, als er dem Drängen der Schwestern nachgegeben und mehr über das Heim erzählt hatte – standen ihr noch immer erschreckend grell vor Augen.

Aber noch andere Eindrücke von diesem Nachmittag gingen ihr nicht aus dem Kopf: Das verwunderlich aufgekratzte und liebenswürdige Verhalten ihrer Schwester diesem Hannes gegenüber. Und dann auch dieser Mann selbst, der den Mut aufgebracht hatte, seinen Job aufs Spiel zu setzen, weil er die Wahrheit ans Licht bringen wollte. Und selbst jetzt, nachdem er seine Arbeitsstelle verloren hatte, kämpfte er weiter!

Suse beschloss, Dieter nichts von dieser Begegnung zu erzählen.

Der Tropfen, auf den der Brunnen gewartet hatte

Suse zerbrach sich den Kopf, wie sie Dieter auf andere Gedanken bringen könnte. Was bloß sollte sie tun? Er war einfach nicht zu trösten. Dann hatte sie eine Idee. Vielleicht könnte eine gelungene Feier auch ihrem Dieter ein bisschen Freude bereiten?

Sie schlug Dieter vor, trotz der derzeit so traurigen Situation zu Weihnachten richtig schön zu feiern, und zwar am 1. Feiertag und mit Gästen. Dieter zuckte die Schultern. Es war ihm gleich. Aber vielleicht wäre es doch ein kleiner Lichtblick in dieser trüben Zeit? Suse war Dieters Geburtstagsfeier noch lebhaft in Erinnerung, deshalb wollte sie gern Gabriele und Werner und seine Frau Mira einladen. Die Kinder der beiden könnten sicher bei den Großeltern unterkommen für diesen Abend. Und sie fragte dieses Mal sogar, was Dieter davon hielt, wenn sie auch ihre Schwester Annerose einladen würde. Dieter verschlug es einen Moment lang die Sprache, aber dann nickte er ergeben. „Von mir aus.“

Suse übernahm mit Begeisterung alle Vorbereitungen, schickte Gabriele und Werner und seiner Frau Mira eine nette Einladungskarte und bearbeitete ihre Schwester, die eigentlich keine rechte Lust hatte, bis sie nachgab. Und während Dieter vor seinen Anträgen brütete und sich einsam und völlig verlassen vorkam, blühte Suse mit ihren Plänen auf. Sie studierte Rezepte, buk, kaufte Geschenke und freute sich überschwänglich auf den Weihnachtstag.

Als Dieter eine Woche vor Weihnachten das Gelände der EWV verließ und zu seinem geparkten Wagen ging, stellte sich ihm eine Frau in den Weg. Er sah im Dunklen nichts als ein blasses, junges Gesicht, das von einem dicken Schal umrahmt wurde. Er blieb stehen und versuchte, sich zu erinnern, ob er das Gesicht schon einmal gesehen hatte.
„Herr Ackermann, endlich habe ich Sie erwischt! Die in der Beratungsstelle wollten mir keine Auskunft geben, wo ich Sie finden kann.“
„Sie kennen mich?“, fragte er verdutzt.
„Frau Bernhard, erinnern Sie sich? Ich war nur dreimal bei Ihnen, das war kurz, bevor Sie krank wurden.“

„Frau Bernhard. Doch, jetzt erinnere ich mich wieder.“ Er sah der jungen Frau erwartungsvoll ins Gesicht. Eine Klientin also, dachte er und fühlte sich in diesem Moment merkwürdig wohl. Er staunte selbst, wie anders seine Stimme auf einmal wieder klang.

„Die haben mir inzwischen meine Kinder weggenommen. Ich habe immer gedacht, Sie könnten was dagegen tun. Ich habe immer gehofft, Sie zu finden. Jetzt sind die beiden schon über zwei Monate weg. Maja ist erst ein halbes Jahr alt. Sie wird mich gar nicht mehr erkennen! Ich darf sie vorläufig nicht sehen, sagt die Sozialarbeiterin, vielleicht im neuen Jahr.“
„Aber warum denn? Was ist denn passiert?“, platzte Dieter überrascht heraus.
„Es fing mit dieser blöden Küche an und den Ratenzahlungen. Sie haben mich ja damals zur Schuldnerberatung geschickt, aber ich kam trotzdem nicht klar. Ich konnte die Miete nicht bezahlen. Und ich hatte nichts Richtiges zu essen. Und für das Baby …“ Sie schluchzte plötzlich auf. „Ich bin damals selbst zum Jugendamt gegangen. Sie hatten ja gesagt, die könnten mir helfen. Die Frau dort hat erst ganz interessiert getan und ist zu mir nach Hause gekommen. Danach ging es los. Sie meckerte, weil das kleine Zimmer, indem die Mädchen schliefen, nicht aufgeräumt war. Und weil das dreckige Geschirr noch vom Essen herumstand. Sie schaute sich an, was ich für die Kinder zum Anziehen hatte und meinte, so ginge das ja nicht, wenn es wieder kalt würde.“
Dieter nickte ahnungsvoll.

„Eine Freundin hatte doch versprochen, mir die Winter-Sachen ihrer Tochter zu schenken, die ist ein Jahr älter als Linda, aber die Frau vom Jugendamt hörte mir gar nicht zu. Ich konnte sagen, was ich wollte. Ich wurde noch mal dahin bestellt und sie sagten mir, dass ich offenbar nicht in der Lage wäre, für meine Töchter zu sorgen. Dann musste ich beide Kinder zum Arzt bringen. Die Frau kam gleich mit und der Arzt stellte fest, dass Linda eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung hat. Und das Baby hätte auch nicht das Gewicht, das es in dem Alter haben müsste. Als dann auch noch eine Räumungsklage kam, weil ich wieder die Miete nicht bezahlt hatte, kamen sie zu zweit und nahmen meine Kinder gleich mit.“ Die junge Frau sah Dieter verzweifelt aber auch herausfordernd an.
„Ich dachte, so was gibt’s nicht mehr!“, rutschte es dem heraus.
„Was sagen Sie?“
„Ich kann es nicht glauben. Das ist ja eine furchtbare Geschichte. Und was ist jetzt? Kümmert sich jemand um Sie?“, fragte er zornig.
„Um mich? Wieso? Ich will nur meine Kinder zurück!“

„Natürlich. Natürlich. Das ist klar. Aber wer tröstet Sie, wer hilft Ihnen dabei, mit dem Schock klarzukommen? Mit wem können Sie besprechen, wie sie gegen diesen Schritt vorgehen sollen?“
„Deshalb suche ich Sie ja die ganze Zeit, Herr Ackermann!“
„Man kann Ihnen doch nicht so etwas antun und Sie dann ganz allein lassen!“, sagte Dieter empört. Das geht doch nicht!“
„Ja“, sagte Frau Bernhard. „Ja!“ Sie nickte.

Dieter holte tief Luft. Gerade wollte er sagen: „Kommen Sie gleich morgen zu mir in die Beratungsstelle, wir werden dann gemeinsam sehen …“, aber er bremste sich im letzten Moment. Ein eiskalter Schreck durchfuhr ihn.

„Frau Bernhard, hören Sie. Ich würde Ihnen sehr, sehr gerne selbst helfen, aber ich arbeite nicht mehr in dieser Beratungsstelle. Da sind aber Kollegen von mir, die machen das genauso gut. Bitte gehen Sie gleich morgen früh hin. Sie können ruhig sagen, ich hätte Sie geschickt, es sei dringend.“ Dieter zögerte. „Und noch was, wenn man Ihnen einen neuen Berater gibt, wenn es ein gewisser Herr Hiltrup sein sollte, bitten Sie um jemand anderes. Der könnte Sie vielleicht nicht verstehen.“

Er drückte ihr die Hand und lief davon, ohne auf ihre Antwort zu warten. Fast rannte er, um nicht in Versuchung zu geraten, zurückzuschauen. Er hörte noch, wie sie ihm: „Aber Herr Ackermann!“ hinterherrief. Er sprang in seinen Wagen und fuhr los.
Nach einer Weile stellte er fest, dass er weinte. Er wusste nicht, ob vor Wut oder vor Verzweiflung.

Oben traf er im Wohnzimmer auf Suse, die ihn mit neuen Ideen für die Feier überrumpelte. Ihr Gesicht glänzte vor Begeisterung. Sein Gesicht wurde hart.
„Wir werden nicht feiern. Sag den anderen Bescheid.“
„Aber Dieter, das war doch geplant und du warst doch auch …“ Suse sah ihn an, als hätte er soeben verlangt, sie sollte aus dem Fenster springen.
„Es geht nicht. Ich kann nicht.“ Und als sie weiter fassungslos nach Luft rang, fügte er hinzu: „Ich habe eben eine junge Frau getroffen, der haben sie beide Kinder weggenommen. Das wäre nie passiert, wenn ich … Der geht es dreckig. Und ich konnte, ich durfte ihr nicht helfen! Sie wird keine Weihnachtsfeier haben, da will ich auch keine!“

Er drehte sich um und verließ fluchtartig die Wohnung. Er knallte die Tür hinter sich zu und fuhr die ganze Nacht mit dem Auto durch die festlich geschmückte Stadt, bis seine Benzinlampe aufleuchtete. Dann steuerte er den Wagen nach Hause und legte sich auf das Sofa.

Am nächsten Tag wurde das Thema Weihnachtsfeier nicht mehr angesprochen. Suse hatte ihre Fröhlichkeit wieder verloren. Doch dafür hatte Dieter keine Augen.

Suse hat Freunde

Zwischen den Jahren konnte Dieter sich frei nehmen, was aber nicht hieß, dass Suse viel von ihm sah. Meist stapfte er allein durch die inzwischen entblätterten und nebelnassen Ruhrberge. Suse wunderte sich, dass er seinen Freund nicht gefragt hatte, ob er mitkäme. Aber so wie er zurzeit drauf war, war es ihm wohl lieber ganz allein zu sein.
An einem dieser Tage rief Suse bei Werner an. Sie konnte ihre Einsamkeit und Traurigkeit nicht mehr ertragen.
„Hallo Suse, was gibt’s? Ist Dieter noch sauer?“
„Ach, er ist nicht sauer, er quält sich. Von mir will er nichts wissen. Er läuft den ganzen Tag draußen herum und kommt erst spät abends mit einer Fahne nach Hause. Ich habe keine Ahnung, was er macht.“
„Suse, weißt du was? Wie wäre es, wenn wir dich besuchen kommen? Vielleicht jetzt, wo Dieter nicht da ist?“
„Aber wenn er das erfährt?“
„Na und? Wenn er nicht dabei sein will, dann eben ohne ihn. Und das wäre ja noch schöner, wenn er was dagegen hätte, wo er dich ständig allein lasst.“

Er wandte sich vom Hörer ab und Suse hörte, wie er seine Frau fragte: „Das machen wir doch, oder, Mira? Suse ist so allein und mein dämlicher Freund Dieter läuft irgendwo in der Weltgeschichte herum. Ich habe Suse gesagt, wir könnten gleich rüberkommen.“ Eine kurze Pause, dann wurde seine Stimme wieder lauter: „Mira findet auch, das wäre eine gute Idee. Wenn Dieter dich im Stich lässt, heißt das nicht, dass auch seine Freunde das tun müssen.“

Suse freute sich. Sie beeilte sich, aus den vorhandenen Vorräten schnell etwas Leckeres zu kochen. Die Aussicht auf Besuch und eine nette Unterhaltung mit Werner und seiner Frau heiterte sie auf.
Die beiden kamen eine Stunde später, brachten Suse Blumen mit und nahmen sie zur Begrüßung in den Arm.
„Danke Werner, danke Mira, aber die Blumen müsst ihr wieder mitnehmen. Dieter wäre sauer, wenn er erfährt, dass ihr hier wart.“

Werner schaute sie nachdenklich an. „Verdammt noch mal, Suse, Dieter ist nicht der Herrgott! Er benimmt sich zurzeit dir und auch uns gegenüber wie der letzte Mensch.“ Er holte Luft, um sich zu beruhigen. „Aber ich sehe ein, du willst ihn nicht noch mehr reizen. Schön Aber erst stellen wir die Blumen auf den Tisch, sozusagen zur Feier des Tages.“

Der Nachmittag verlief so nett, wie Suse es gehofft hatte. Werner und Mira erzählten Geschichten aus ihrem Leben und es gelang ihnen, dass Suse für eine kurze Zeit ihre Sorgen mit Dieter vergessen konnte. Um 19.00 allerdings bat sie die beiden, zu gehen, weil Dieter jederzeit zurückkommen könnte und sie müsste ja vorher auch noch ein bisschen aufräumen. Als sie sich am Abend ins Bett legte – Dieter war noch immer nicht zurück – fühlte sie sich zum ersten Mal seit Wochen besser.

Die Betriebsversammlung

Seit Anfang Januar saß Dieter wieder in dem neuen Büro. Nichts hatte sich verändert. Dieter spürte, wie sehr der tägliche Kummer und die chronische Verletzung seiner Würde sich in seine Eingeweide fraßen. Wenn er sich im Spiegel ansah, erkannte er sich kaum. Suse lag ihm in den Ohren, er sollte wenigstens gut essen, wenn das Leben sonst schon so schlimm für ihn war. Aber sogar sein Appetit hatte ernsthaft Schaden genommen. Wie sollte er je wieder aus dieser Lage herauskommen, fragte er sich deprimiert.

Am 8. Januar war eine Betriebsversammlung anberaumt, bei der sich der neue Chef bei allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen vorstellen wollte. Dieter hätte es gerne vermieden, dort seine alten Kollegen zu treffen, aber was dieser Mann zu sagen hatten, das musste er wissen.

Der Saal war schon recht voll, als Dieter kam. Alle warteten ungeduldig. Von Weitem sah er Irene, die ihm zuwinkte, aber Dieter verkroch sich lieber in eine Ecke, weit weg von seinen alten Kollegen. Nach einigen Minuten trat der Neue auf das Podium: ein junger, sportlicher Typ, lässig, aber dennoch in seinen Bewegungen sehr konzentriert und zielsicher.

„Der ist ja unglaublich jung“, flüsterte ihm sein Nachbar zu. Dieter nickte mit zusammengekniffenen Augen.

Herr Kortenscheid, „Dr. Kortenscheid“, wie er bescheiden lächelnd ergänzte, präsentierte sich zunächst wie ein Showmaster, der sein Publikum vor allem unterhalten will. Der eine oder andere in der Belegschaft lachte auch über seine Scherze. Aber je länger der Neue sprach, desto ungemütlicher wurde es allen im Saal. Die Mitarbeiter hielten die Luft an. Außer der sonoren und selbstbewussten Stimme des Redners war nichts zu hören, nicht mal ein Flüstern.

„Ich hätte nicht BWL studieren müssen“, sagte er jetzt lachend, „um herausfinden zu können, dass im Sozialbereich die neue Zeit noch nicht so richtig angefangen hat. Als neuer Geschäftsführer sehe ich es als meine Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass in Zukunft auch hier bei der EWV nicht weiter so locker mit Geld herumgeworfen wird.“

Dann stellte er in groben Zügen vor, was er bis zu welchen Zeitpunkten geschafft haben wollte. Dass dabei Arbeitsplätze überflüssig wurden, wäre nun mal nicht zu ändern. Aber die Firma – Firma? Dieter glaubte, sich verhört zu haben – würde sich bemühen, möglichst viele der Betroffenen im eigenen Haus an anderer Stelle unterzubringen. Die neue Ausrichtung brächte es außerdem mit sich, dass neue Aufgabenfelder besetzt werden müssten, auch damit würden ja neue Arbeitsplätze geschaffen.

Dieters Augen verengten sich. So ist das also. Jetzt ist sie also endgültig auch hier angekommen, diese verdammte neue Zeit, dachte er böse.

„Und Sie werden vielleicht auch schon bemerkt haben, meine Damen und Herren,“  fuhr der Redner salbungsvoll fort, „dass die Firma erfreulicherweise schon im Vorfeld damit begonnen hat, in der Personalplanung Konsequenzen zu ziehen und auch altgedienten Mitarbeitern einmal ein ganz neues Aufgabenfeld zu übergeben.“ Er lächelte in die große Runde wie einer, der sich für einen Wohltäter hält.

In diesem Moment entdeckte Dieter zu seinem Schreck wenige Reihen vor sich Hiltrup, den Mann, der jetzt in seinem Büro saß. Der hatte sich bei den letzten Worten des neuen Geschäftsführers umgedreht, als suche er jemanden. Dieter konnte sehen, dass er grinste.

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Dieter hatte das Gefühl, dass er soeben von einem LKW überfahren worden sei. Es hatte ihm die Sprache verschlagen. Er war nicht in der Lage, nach der Veranstaltung mit den Kollegen, die um ihn herum saßen und sich nun alle bedroht fühlten, auch nur ein Wort zu wechseln. Dieter stand auf und ging.

Die angekündigten Veränderungen ließen nicht lange auf sich warten. Schon am nächsten Tage kam Tietz in sein Büro. Er hatte angeklopft, aber nicht das „Ja bitte“ von Dieter abgewartet. Er konfrontierte ihn mit ganz neuen Aufgabenstellungen. Als Erstes sollte er errechnen, wie viel die Mitarbeiter jeder Einrichtung oder Abteilung die EWV im Jahr kosteten, indem er die Personalkosten der verschiedenen Bereiche durch die Mitarbeiterzahl dividierte und das in einen Vergleich zu dem gesamten Haushaltsvolumen setzte. Schwer war diese Aufgabe nicht.

„Das ist ja auch nur ein Spielchen“, hatte Tietz zu ihm gesagt und gelacht, als wollte er Dieter zu einem kleinen Ausrutscher verführen. „Natürlich gehen in die Haushalte der einzelnen Einrichtungen auch ganz andere Kosten und oft auch Zuschüsse ein, die man nicht miteinander vergleichen kann“, er grinste, „aber interessant wäre dieses Ergebnis trotzdem.“ Er ließ Dieter allein. Der saß eine Weile wie angedonnert da. Nach ein paar Minuten, nahm er die von Tietz mitgebrachten Papiere in die Hand, stöhnte, machte sich aber an die Arbeit. Dieter erschrak, als er sein Ergebnis sah und feststellen musste, welche der Einrichtungen anscheinend die teuersten Mitarbeiter beschäftigten. Sicher würde man bald von ihm verlangen, eine solche Zahl für jeden einzelnen Kollegen zu ermitteln. Ihn schauderte bei der Vorstellung. Nein, nicht mit ihm! Er musste einfach weg aus dieser Hölle!

Er fasste den Entschluss, dem neuen Chef seine Problemlage zu schildern und hoffte, dass der Mann einsehen würde, wie wenig Dieter an dieser Stelle für die EWV leisten könnte und dass hier einfach eine falsche Personaleinschätzung vorlag, die es zu korrigieren gälte.

Auch der Neue lässt ihn hängen

Nach etlichen vergeblichen Versuchen schaffte Dieter es schließlich doch, bei Dr. Kortenscheid einen Termin zu bekommen. Das Büro des Geschäftsführers erinnerte nur noch entfernt an das Büro, wie es bei Lehnert ausgesehen hatte. Es machte einen hochmodernen Eindruck, glatte, elegante Möbel, an den Wänden grelle Drucke abstrakter Gemälde. Die Besucherstühle waren ergometrisch geformt, sahen aber aus wie in einer Bahnhofshalle. Das Büro machte nicht den protzigen Eindruck, den es bei Lehnert gemacht hatte, aber es strahlte unmissverständlich die Macht desjenigen aus, der hier das Sagen hatte. Am liebsten wäre Dieter bei diesem Anblick gleich wieder umgekehrt.

Aber er wurde durchaus freundlich empfangen. Sie setzten sich an den Besuchertisch und Dieter versuchte, Kortenscheid sein Problem deutlich zu machen. Aber der neue Chef hörte nicht richtig zu und unterbrach Dieter schon nach wenigen Minuten:

„Ach, nun werfen Sie mir nicht gleich Steine in den Weg, guter Mann!“, sagte er und sah Dieter lachend an. „Erst einmal soll alles so bleiben, wie es ist. Über Versetzungen und solche Sachen reden wir in einem Jahr. Dann habe ich den nötigen Überblick.“

Er hatte Dieter freundlich lachend das Wort abgeschnitten. Der schwieg und sah Kortenscheid hilflos an. Es kam Dieter so vor, als wäre er für den Mann da ein Nichts, eine Null. Er fühlte sich ausgeliefert und ohnmächtig. Dieses Gefühl kannte er. So war es immer gewesen, früher, zu Hause, als er es noch nicht geschafft hatte, sich seinen eigenen Weg zu suchen. Nun war er also wieder da unten gelandet. Es war zum Verzweifeln.

Dieter schlich zurück zu seinem Arbeitsplatz wie ein geschlagener Hund.

Auch weiterhin sah Dieter sich mit Aufgaben konfrontiert, die ihn unglücklich machten. Im Wesentlichen beschäftigte man ihn damit, für den neuen Jahreshaushalt Einsparungsberechnungen vorzunehmen. Und seine Berechnungen, so sagte es ihm Tietz mit einer Stimme, als erwarte er, dass Dieter das mit Stolz erfüllen könnte, würden dann die Grundlage dafür sein, Sachmittel oder Personalkosten gezielt einzusparen. Dieter kam sich immer mehr wie ein Verräter an seinen Kollegen vor.

Dieter spürte, dass sein Selbstbewusstsein ebenso schnell dahinschwand wie seine Kraft. Nichts erinnerte mehr an den anerkannten und von vielen Klienten verehrten Berater und Therapeuten, der er einmal war.

Geschwisterliche Lagebesprechung

Als der 25. April herankam, fuhr Dieter voller Unglückseligkeit, aber doch mit einer winzigen Hoffnung nach Köln.

Zumindest Gabriele würde seine Probleme verstehen können. War das, was er gerade erlebte, nicht genau das, wovon ihre vielen Artikel handelten? Hatte sie das nicht schon seit Jahren angeprangert und zu bekämpfen versucht? Jetzt wünschte er, er hätte ihre Texte gründlich gelesen und nicht nur überflogen und dann weggeheftet.

Heute war Dieter der Erste im Café. Er bestellte sich einen heißen Tee. Draußen war es noch immer frisch und etwas stimmte mit seiner Autoheizung nicht. Er umfasst das heiße Glas, um sich die Finger zu wärmen.

Gabriele kam pünktlich, dieses Mal ohne große Aufmachung in Jeans und Pullover, darüber trug sie eine dunkelrote Fließjacke. Im Gesicht sah sie aus, als käme sie aus dem Urlaub und hätte viel Sonne getankt.
„Du siehst aber gut aus!“ Er lächelte sie an.
„Dieter!“ Sie trat noch mal vom Tisch zurück, um ihn besser sehen zu können. „Du dagegen siehst aus wie ausgespuckt! Ist es so schlimm?“
„Schlimmer, Gabriele! Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Sie machen mich fertig, systematisch fertig.“
Sie setzte sich zu ihm an den Tisch. „Aber dazu gehören immer zwei.“
Dieter schwieg betroffen. „Was willst du damit sagen?“, fragte er dann irritiert.
„Ich will dir nicht zu nahetreten, Bruderherz, aber könnte es sein, dass du dich überhaupt nicht wehrst? Du solltest vielleicht kämpfen.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Dieter alarmiert. „Ich war bei Lehnert, Gabi, ich war auch bei dem neuen Chef. Sie hören ja gar nicht zu. Dabei wissen sie genau, was sie mir da antun.“

„Warst du beim Betriebsrat? Ihr habt doch so was, oder?“
„Ach, Marc ist in letzter Zeit merkwürdig zu mir. Als ich ihn auf meine Sache ansprach, meinte er, er hätte sich doch erfolgreich dafür eingesetzt, dass sie mein Gehalt nicht kürzen.“
„Papperlapapp! Das dürften sie sowieso nicht. Du hast doch einen unbefristeten Vertrag?“
„Ich versteh auch nicht, was da los ist. Was habe ich ihnen denn getan? Alle ziehen sich vor mir zurück. Neulich sagte einer aus der Tagesgruppe für Behinderte zu mir: ‚Ach, Sie sind das, der neuerdings ausrechnet, wo wir sparen müssen?‘ Was, wenn das alle von mir denken? Dabei will ich das doch überhaupt nicht!“

„Das klingt wirklich schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe. Du musst da irgendwie raus, hörst du! Kündige! Lass dir das nicht gefallen! Kannst du dich nicht selbständig machen?“

„Ach weißt du, Gabriele, das ist nicht so einfach. Und wäre ich damit heute nicht sowieso viel zu spät dran? Ich wollte das nie, weil ich die Verwaltungsarbeiten gescheut habe, die damit verbunden sind. Da könnte ich auch gleich da bleiben, wo ich bin. Und Kollegen, in deren Praxis ich mit einsteigen könnte, kenne ich nicht. Ich war immer nur ein einfacher Angestellter und das war für mich bisher auch völlig in Ordnung.“

Seine Schwester sah ihn lange an, ohne etwas zu sagen.

Dieter schaute weg und murmelte: „Weißt du, was ich denke? Jetzt bin ich genau in die Scheiße reingetreten, von der du seit Jahren redest und über die du deine ganzen Artikel geschrieben und Vorträge gehalten hast. Mich hat diese ganze moderne, globale neoliberale Ideologie, das Höher-Schneller-Weiter, der Versuch, wirklich alles als Ware zu betrachten und damit Geld zu machen, eingeholt.“

Gabriele hob überrascht den Kopf und sah ihren Bruder fasziniert an.
Der schimpfte weiter: „Unsere alten Non-Profit-Einrichtungen sind heute Firmen, wie mein neuer Chef sagt. Es kommt nicht darauf an, ob die Klienten bei uns wirklich Hilfe bekommen. Es geht vielmehr darum, ob es gelingt, mit dieser sozialen Arbeit Profit zu machen oder wenigstens finanziell so viel Überschuss zu erwirtschaften, dass man für den Geschäftsbereich marmorne Eingangshallen bauen und dicke Dienstwagen fahren kann – natürlich nur als leitende Angestellte.“

„Genauso ist es. So haben sie auch den ganzen Studien- und Wissenschaftsbetrieb kaputt gemacht, die Krankenhäuser, die Altenheime, den Wohnungsmarkt, die Tante-Emma-Läden und jetzt also auch euch.“

Es entstand eine Pause. Die Kellnerin brachte die Getränke. Die Geschwister warteten stumm, bis sie wieder gegangen war. Gabriele nickte der Frau noch lächelnd zu.
„Gabriele, ich glaube, jemand wie ich, dem es auf das Wohl seiner Klienten ankommt und der sich dabei nicht durch Leistungsdruck und Wettbewerbsdenken aus der Spur bringen lässt, passt nicht mehr in ihre Zeit. Deshalb war ich ihnen ein Dorn im Auge.“
„Wahrscheinlich bist du es immer noch.“
„Was?“
„Ein Dorn. Es ist garantiert ein Segen für deine Vorgesetzten, dass du das alles so über dich ergehen lässt.“

Er stützte den Kopf in seine Hände und sah seine Schwester traurig an. „Ach Gabriele, ich kann nicht für mich kämpfen – für meine Klienten ja, aber nicht für mich.“

Er dachte nach. „Ich kenne jemand, der kämpft. Ich hätte mir ein Stück von ihm abschneiden sollen. Stattdessen habe ich mich geweigert, ihn zu unterstützen, habe ihn als Spinner und ewigen Weltverbesserer abgetan.“
„Wen meinst du?“

„Hannes, ein Exkollege von mir. Ich habe dir das letzte Mal schon von ihm erzählt, glaube ich. Es ist der, den sie fristlos gekündigt haben.“
„Was macht er jetzt?“
„Keine Ahnung. Zuletzt habe ich ihn in der Reha gesehen. Er wird längst wieder draußen sein, aber ich habe keine Ahnung, was er macht.“
„Vermutlich wird er weiterkämpfen?“
„Das wird er wohl. Du hast recht.“ Dieter dachte an den Text, den Hannes ihm damals überreicht, aber den er nie gelesen hatte. Aber das behielt er für sich. Er schämte sich.

„Dieter, du musst aufhören, das alles still zu erleiden! Du musst was tun! Wenn du nicht kämpfen kannst – und deine Feinde sind ziemlich stark – dann geh woanders hin! Such dir was, wo du wieder ein Mensch bist, wo du wieder das Gefühl hast, dass du was kannst, und dass du geschätzt wirst. Wenn du dort bleibst, machst du dich nur selbst fertig.“

„Du hast ja recht, Gabriele. Aber ich weiß nicht, wie ich das anfangen soll. Allein die Atmosphäre in meiner jetzigen Abteilung macht mich völlig wehrlos.“
„Dann kündige und werde erst mal arbeitslos. Suse verdient doch auch ein bisschen. So könnt ihr die Zeit überstehen, in der du noch kein Arbeitslosengeld bekommen würdest.“
„Ach nein, nicht Suse! Wir haben keine gemeinsame Kasse, Gabi. Du sprichst von ihr, als wären wir verheiratet. Das geht nicht, glaub mir!“

Bisher hatte Gabriele ihren Bruder voller Mitleid angesehen, plötzlich kniff sie die Augen zusammen.
„Weißt du was, Dieter, ich kenne deine Freundin jetzt vielleicht besser als du. Wir telefonieren fast jede Woche. Ich sage dir mal was: Was die da auf deiner Arbeit mit dir anstellen, genau das machst du mit dieser Frau.“
„Bist du verrückt?“ Dieters Kopf schnellte hoch.
„Das meine ich ernst, Dieter. Du nimmst sie nicht für voll, nimmst aber ihre Dienste und ihre Liebe an, weil sie dir nützen. Du verhinderst, dass sie sich entfalten kann, und schimpfst auf ihre Einfallslosigkeit. Du fühlst dich ihr überlegen, ohne wirklich zu wissen, wie und wer sie ist. Ich glaube, es wäre für Suse besser, sie würde sich von dir trennen.“
„Du bist auf ihrer Seite.“
Gabriele nickte. „Ich kann das nur schlecht mit ansehen, was du da treibst. Suse liebt dich, aber du lässt sie am ausgestreckten Arm verhungern.“
„Sie versteht meine Lage überhaupt nicht, Gabriele. Das nervt mich, ihr ewiges Getue, es mir recht machen zu wollen. So ist sie mir keine Stütze in dieser schweren Zeit.“
„Bist du ihr denn eine?“, entgegnete sie kühl.
„Aber ich habe doch die Probleme, es geht um meine Existenz!“
„Und Suse liebt einen Mann, der sie nicht beachtet. Da geht es um ihre Existenz, hast du das schon mal überlegt? Wann hast du sie das letzte Mal gefragt, wie es ihr geht?“

Dieter sah verdrossen vor sich auf den Tisch. „Ich habe so viele Probleme, mir steht das Wasser bis zum Hals. Und jetzt kommst du mir auch noch damit, dass ich Suse unfair behandeln würde? Deine Moralpredigt kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Vielleicht ist da was dran, aber das diskutieren wir bitte jetzt nicht!“
„Na gut.“ Gabriele knallte den Kaffeelöffel zu heftig auf ihre Untertasse.

Eine Zeit lang sagten sie nichts mehr. Dann fragte Dieter: „Und du? Wie sieht’s bei dir aus, Gabi? Genießt du deine neue Freiheit? Was treibst du so?“

Gabriele lachte und ließ sich auf den Themenwechsel ein. „Du wirst es nicht glauben, ich war nie so aktiv und hatte nie so viele Bekannte und Freunde wie jetzt, wo mich nichts mehr daran hindert, das zu tun und zu sagen, was ich will. Es gibt doch eine Menge Leute, die unsere Welt mit den gleichen kritischen Augen sehen wie wir.“
„Danke, dass du mich zu diesem Kreis zählst.“
Gabriele schüttelte den Kopf. „Du bist dabei, ob du willst oder nicht, Bruderherz. Und ich muss schon sagen: Darüber reden und schimpfen, das Ganze analysieren und kritisieren, wie ich es seit langem tue, ist das eine. Wirklich davon so direkt betroffen zu sein und das ganze Gewicht dieser neoliberalen Mafia ins Kreuz zu kriegen wie du, das ist schon eine ganz andere Nummer. Du bist nicht zu beneiden.“

Dieter nickte, dann schüttelte er heftig den Kopf, wie um die Sorgen zu vertreiben. „Komm, lass uns was Richtiges trinken! Ich bleibe doch heute Nacht auch in Köln, da können wir schön essen gehen.“
„Ich denke, du hast neuerdings keinen Appetit mehr?“, hakte sie nach.
„Suse erzählt dir aber auch jeden Mist!“
Gabriele sah ihren Bruder grinsend an:
„Na, wenn es dir heute wieder schmeckt, sollte mich das freuen.“

Ein etwas verquerer Versuch, ehrlich zu sein

Gabrieles Worte hatten Dieter erreicht, auch wenn er in der Situation so getan hatte, als wollte er ihr nicht recht zuhören. Sie sah die Lage völlig richtig, das war ihm klar.

Nach seinem Treffen mit Gabriele bemühte sich Dieter, einen klareren Kopf zu bekommen und nach echten Auswegen aus seinem beruflichen Dilemma zu suchen. Ein wenig ging es ihm nach diesem sogar Entschluss besser. Er war jetzt fest entschlossen, etwas zu tun, um aus seiner Lage herauszukommen. Er brauchte nur noch Zeit, um alles gut zu durchdenken. Das war das eine, was er sich nach dem letzten Gespräch mit Gabriele vorgenommen hatte.

Und dann war da noch auch das andere Problem: Suse! Es war ihm doch selbst schon lange sonnenklar, dass er so nicht mit ihr weiterleben konnte. Er nutzte ihre Liebe und ihre Gutmütigkeit aus, ohne ihr das zu geben, was sie erhoffte und was sie brauchte. In ihren ersten Monaten ihrer Beziehung hatte er das noch anders gesehen, da hatte er sich ja fast ein wenig in diese Frau verliebt. Aber auf die Dauer genügte sie ihm nicht mehr. Wenn er mit ihr über seine Arbeit sprach, begriff sie nichts von dem, was er ihr sagen wollte. Aber sie hatte auf der anderen Seite keine Scheu, sich immer wieder in seine privaten Angelegenheiten zu mischen. Und das störte ihn sehr, das stand ihr nicht zu! Doch  – so gestand er sich jetzt ein  – es war schließlich noch nicht allzu lange her, dass er selbst ziemlich klar erkannt hatte, dass genau diese sich abschottende Haltung gegenüber Suse ein Beweis dafür war, dass er für sie nicht annähernd das empfand, was man Liebe nennt. Ich muss ihr endlich reinen Wein einschenken! Und wie sie sich entscheiden wird, das ist dann ihre Sache, ihre Verantwortung. Aber ich bin ihr die Wahrheit schuldig, dachte er entschlossen.

An einem der nächsten Abende sagte er unvermittelt zu Suse, er müsse etwas mit ihr besprechen. Sie standen im Wohnzimmer. Suse hatte gerade den Abendbrottisch abgeräumt. Sie war auf dem Weg ins Schlafzimmer gewesen, um dort noch etwas an den Betten zu richten, als er sie am Arm zurückhielt. Suse erschrak. Sie schien zu ahnen, dass dieses Gespräch für sie nicht sehr erfreulich sein würde. Er sah, dass sie blass wurde und ihn verängstigt anblickte. Aber er hatte es sich fest vorgenommen, endlich den nötigen Mut aufzubringen und Klartext zu reden. Er konnte jetzt nicht mehr zurück.

„Suse“, sagte er, „ich weiß nicht, wie du über uns beide denkst. In den ersten Monaten, vielleicht im ganzen ersten Jahr waren wir doch ein ziemlich glückliches Paar.“ Er hielt inne. Suse schnaufte und sah verwirrt zu Boden.

„Aber ich will ehrlich zu dir sein. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass wir wirklich zusammenpassen. Ich habe andere Interessen als du und ich hatte mir ein Zusammenleben mit dir auch anders, sagen wir interessanter, vorgestellt.“

Suse stand still vor ihm und rührte sich nicht. Als er sie anblickte, sah er, dass über ihr Gesicht Tränen liefen.


„Es ist doch besser, wir sehen das jetzt ein und machen uns nichts vor. Wenn wir so weiter machen, werden wir beide sicher noch unglücklich werden.“ Er sah sie fragend an.
„Aber ich liebe dich doch, Dieter“, schluchzte sie.
„Ich weiß“, rutschte es ihm heraus. „Aber Suse, ich liebe dich nicht so, wie du mich, d.h. ich kann deine Gefühle nicht wirklich erwidern. Und das hast du nicht verdient. Du solltest mit jemandem zusammen sein, der dich genauso liebt wie du ihn.“
Suse zog die Nase hoch und starrte ihn an. „Heißt das, du wirfst mich raus, Dieter?“

„Aber Suse, nein, ich werfe dich nicht raus. Ich will dir nur sagen, wie es aussieht. Du musst selbst entscheiden, welche Konsequenzen du daraus ziehen willst. Mir geht es nur darum, dir nichts vorzumachen. Das wäre nicht fair.

Suse sah Dieter groß an.
„Ich weiß doch schon lange, dass du mich nicht so lieb hast wie ich dich, Dieter. Aber das ist mir egal. Ich möchte bei dir sein. Ich möchte in deiner Nähe sein.“
„Aber Suse, ich hoffe, du weißt auch, dass das für dich sehr schmerzhaft sein kann. Ich kann dir nichts vormachen.“
„Du hast mir doch bisher auch nichts vorgemacht. Du bist schon seit über einem Jahr nicht mehr wirklich nett zu mir Dieter. Du wolltest es nie zugeben. Aber ich weiß ja schon lange Bescheid.

„Ich weiß es doch schon lange, dass du….“

Dieter schaute beschämt vor sich auf den Boden.
„Und nun?“ fragte er nach einer Weile. Er wollte eine Entscheidung, einen Schlussstrich am liebsten.
Suse schaute hoch. Ihr Gesicht war tränennass. Dieter musste schlucken, so verzweifelt sah ihn diese Frau an. Doch sie flüsterte:
„Wenn ich darf, bleibe ich bei dir. Vielleicht ändern sich deine Gefühle nochmal. Vielleicht brauchst du mich auch irgendwann wieder. Ich möchte nicht fort, weißt du. Darf ich bleiben?“
Dieter seufzte. Was sollte er tun? Was sollte er sagen? Sie wegjagen? Wie gemein wäre das denn?

Dieter gab sich einen Ruck. Er schaute Suse nachdenklich an. Sie wusste ja nun Bescheid. Und vielleicht, wenn es ihm wirklich gelänge aus seiner gegenwärtigen miesen Lage wieder herauszukommen, wenn er wirklich einen anderen Job bekommen könnte, wieder als Berater arbeiten könnte, wieder ein zufriedener Mann werden würde – vielleicht würde dann auch die Beziehung zu Suse wieder besser.
„Gut Suse, du darfst natürlich bleiben. Aber du weißt, wie die Sache steht. Erwarte nicht zu viel von mir?“
Suse nickte ergeben. Sie stand noch eine Weile stumm vor ihm. Er zögerte auch. Doch dann drehte sie sich um und ging in die Küche.

Suses Rettungsversuch

Als Suse am nächsten Tag vor Dieter von der Arbeit kam, setzte sie sich an den Küchentisch und dachte nach. Sie würde noch immer alles für Dieter tun, wenn sie nur wüsste, was ihm guttäte oder nützen würde. Dieter war der erste Mensch in ihrem Leben – außer Annerose natürlich – der wirklich nett zu ihr gewesen war, nett und fürsorglich, und behutsam … Davon konnte sie nun also nur noch träumen. Von ihr wollte er nichts mehr wissen, das war ja nun sonnenklar. Und das tat sehr weh.

Aber was würde aus Dieter werden? Würde er in seinem jetzigen Zustand ohne sie zurechtkommen? Gerade jetzt brauchte er doch jemanden, der sich um ihn kümmerte.
Da fiel ihr plötzlich etwas ein, was sie doch noch tun könnte. Der Gedanke war ihr schon damals gekommen, als sie Annerose besucht hatte und Hannes dort war. Sie könnte diesen Leuten von der EWV schreiben und Sie bitten, Dieter wieder in der Lebensberatung arbeiten zu lassen.

Die werden sicher begreifen, wie wichtig das für ihn ist, wenn sie von mir erfahren, wie furchtbar es ihm geht, überlegte sie. So ein hartes Herz können Menschen doch nicht haben, dachte Suse zuversichtlich und ein hoffnungsvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Suse holte sich einen Bogen weißes Papier aus Dieters Schreibtischschublade, setzte sich hin und schrieb an den Vorsitzenden der EWV.

Suse schreibt einen Brief an Dieters „Firma“

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
Ich bin die Freundin von Dieter Ackermann. Er war mit seiner Arbeit in der Lebensberatung so glücklich, aber seit er die neue Arbeit hat, geht es ihm schlecht. Ich fürchte sogar, dass er vor Kummer krank wird. Manchmal weiß ich nicht mehr, was ich für ihn tun kann.

Deshalb möchte ich Sie, auch als Christ, sehr herzlich bitten, Dieter wieder auf seiner alten Stelle arbeiten zu lassen. Ich wäre sehr glücklich.

Mit herzlichen Grüßen, Susanne Horstkamp.

Suse las den Brief noch einmal durch, verbesserte hier und da einen Fehler. Ob die Vorgesetzten ihr wohl glauben würden? Ob sie den Brief überhaupt ernst nehmen würden? Sie spürte plötzlich den Wunsch, ihrem Brief Gewicht und Autorität zu verleihen. Sie überlegte einen Moment und schrieb noch darunter:

P.S.: Ich bin die Tochter von Frau Martha Berger, die in der Nazizeit in Ihrem Johannisstift in dem Heim für gefallene Mädchen untergebracht war. Meine Mutter war dort drei Jahre lang und danach sehr krank.

Da sie die Adresse nicht genau wusste, lief sie am nächsten Tag nach der Arbeit am ehemaligen Johannisstift vorbei und warf ihren Brief in den Hauspostkasten.

Dann wartete sie geduldig auf eine Antwort.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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