Was kann man tun? – Fall 7: “Du hast keine Chance, aber nutze sie!“

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun? (7)

Text:  „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“  Die mobile Jugendarbeit hat immer weniger reale Möglichkeiten, Jugendlichen zu helfen (Seithe/Wiesner-Rau 2013, S. 137)

Im Rahmen meiner Tätigkeit in der Mobilen Jugendsozialarbeit sitzen mir an meinem Schreibtisch viele junge Leute gegenüber. Was mir in meiner Arbeit täglich begegnet, lässt für mich die Schlussfolgerung zu, dass es bei jungen Menschen mit gravierenderen Problemen im Hinblick auf die strukturellen Bedingungen und die Chancen für eine Veränderung oder Verbesserung ihrer Lage ziemlich mau aussieht.
Das Wort Schreibtisch habe ich hier im Zusammenhang mit dem Arbeitsfeld Mobile Jugendsozialarbeit ganz bewusst gewählt. Früher wäre das absurd gewesen, diese Arbeit am Schreibtisch auszuführen. Aber es hat sich bei uns nach den Kürzungen vieles massiv geändert. So ist es einigen Projekten der Mobilen Jugendsozialarbeit im ländlichen Raum überhaupt nicht mehr möglich, mobil zu sein, weil kein Geld für das nötige Benzin, geschweige denn für ein Dienstfahrzeug vorhanden ist.
Im Wesentlichen arbeite ich mit „benachteiligten“ Jugendlichen. Meine Arbeit wird im
§ 13 SGB VIII als Integration solcher Jugendlichen in unsere Gesellschaft beschrieben. Das bedeutet praktisch: Hilfe bei der Arbeits- und Lehrstellensuche, Wohnungssuche, Suchtentwöhnung, Hilfe bei familiären Schwierigkeiten etc.

Das zu verwirklichen ist aber mittlerweile zu einem beinah unlösbaren Unterfangen geworden. Dabei fehlt es keineswegs an der Motivation der jungen Menschen. Es mangelt vielmehr an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für eine Veränderung hin zu einer Integration. Im Klartext: Die Türen, die in ein integriertes Leben führen würden, sind quasi mit bürokratischen Schlössern verriegelt oder sie gehen so schwer auf, dass es für einen jungen Menschen allein fast unmöglich ist sie zu öffnen.
Wir erleben regelmäßig die Situation, dass unzählige Sozialarbeiterinnen und -arbeiter verschiedenster Sozialleistungsträger einem langzeitarbeitslosen jungen Menschen Mut zur Überwindung seiner bestehenden Suchtproblematik machen und ihm zum Beispiel eine Lehrstelle in Aussicht stellen. Entschließt er sich, sein Problem anzugehen, sieht die Wirklichkeit für ihn dann aber in den meisten Fällen folgendermaßen aus: Der Jugendliche ist ein Jahr weg. Er macht eine Entgiftung, anschließend laufen Therapien. Kommt er nach Hause zurück, erhält er aufgrund vorheriger Mietschulden keine Wohnung und bekommt daher keine Lehrstelle, da Wohnraum in der Regel dafür eine Voraussetzung ist. Einen Platz in betreuten, das heißt begleiteten Wohnformen, gibt es für ihn nicht mehr, wenn er über 18 Jahre alt ist. Also zurück zu den alten Kumpels, weil es draußen schneit … ach, das geht schon.

Aber es geht eben nicht. Wir erleben junge Menschen, die eine Lehrstelle aufnehmen, um sich aus dem ALG II-Bezug zu lösen, sich jedoch dann mit dem Problem konfrontiert sehen, dass laut SGB II ab dem ersten Tag der Ausbildung sämtliche, damit meine ich wirklich alle Leistungen nach SGB II eingestellt werden. Gleichzeitig fängt aber die Arbeitsagentur, die für die schulische Ausbildungs- und Berufsausbildungsbeihilfe zuständig ist, erst mit dem ersten Tag der Ausbildung an, die Beihilfe zu berechnen. Diese Berechnung kann sich dann mitunter über zwei Monate hinziehen. Und das bedeutet zwei Monate keine Miete zahlen können, was zu einer fristlosen Wohnungskündigung führen wird, und wenn nicht, dann zumindest zu einer emotional schwer zu ertragenden Zeit.

Besonders im ländlichen Raum kommt dann noch hinzu, dass ohne Geld auch der Weg zur Ausbildung zu einem Problem wird. Viele Jugendliche sind dann mitunter, weil es billiger ist, erst einmal krank oder verschweigen ihre Ausbildung und lassen sich vom Jobcenter überzahlen oder brechen ihren Versuch, aus ALG II herauszukommen, entnervt wieder ab. Es folgt der Rückfall in die Sucht und damit der Rückfall in den ALG II-Bezug.
Und wer trägt die „Schuld“ für die ausgebliebenen Lebensveränderungen? Laut eines voranstürmenden Neoliberalismus wird die natürlich den jungen Menschen selbst in die Schuhe geschoben. Vielleicht ist auch noch die mobile Jugendarbeit schuld. Die fehlenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen jedenfalls bleiben in der Regel unhinterfragt und werden nicht angetastet.

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Fachliche Kritik der beschriebenen Arbeit und Arbeitssituation

Die Bemühungen der mobilen Jugendarbeit erscheinen hier wie die berühmte Situation des griechischen Sisyphos. Das, was sie mühsam und mit viel Zeitaufwand und Kraft aufgebaut hat, geht an dem Mangel an bereitgestellten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wieder verloren. Es scheint, als würde die Soziale Arbeit hier nur zum Schein „ins Feld geschickt“, um die bestehende Suchtproblematik bei Jugendlichen anzupacken. Man hat den Eindruck, dass die Gesellschaft eigentlich keinerlei Interesse an einer wirklichen Lösung hat. Das verwundert angesichts der Tatsache, dass die immerhin für die Jugendlichen mögliche Suchttherapie viel Geld kostet.

Hier wird die eigentliche sozialpädagogische Arbeit gar nicht beschrieben und problematisiert. Es hat bei der Beschreibung des Erzählers aber den Eindruck, als sei diese durchaus erfolgreich. Aber die Politik ist nicht bereit, an den sozialpädagogischen Erfolg sinnvoll anzuschließen. Im Rahmen der Hartz IV Gesetze und im Rahmen der damit verbundenen Verfügungen und Regelungen entsteht für den aus der Suchttherapie Entlassenen erneut eine materielle Notsituation sowie faktische Obdachlosigkeit, was den Rückfall schlicht provoziert, wenn nicht sogar unvermeidbar macht – es sei denn, Eltern mit hinreichend Geld fangen den Betroffenen auf. Jugendliche ohne Mittel aber scheitern hier systematisch. Auf diese Weise wird ein wirklicher Erfolg geradezu verhindert.

Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse Hintergründe

Man kann kaum glauben, dass für dieses dysfunktionale Umgehen mit der Problematik Sparmotive ausschlaggebend sind.

Die Regelungen im Kontext Hartz IV, die es den Jugendlichen unmöglich machen, sich wirklich wieder einzugliedern, sind vermutlich den rigiden, bürokratischen und auf Kostensenkung getrimmten Vorstellungen derjenigen zurückzuführen, die für die Umsetzung von Hartz IV verantwortlich sind. Das hier aber- weit weg von alle Gedanken an Effizienz – Geld einfach zum Fenster herausgeworfen wird, kann nur damit erklärt werden, dass hier niemand ganzheitlich und systemisch denkt und somit Fragen der Kompatibilität sozialer Leistungen und Angebote überhaupt nicht berücksichtigt werden.

Eine weitere Überlegung ist es, dass politisch keinerlei Interesse an der Zielgruppe besteht, man sie als zukünftige Leistungsträger dieser Gesellschaft längst aufgegeben hat und somit nicht bereit ist, für sie „Extrawürste zu braten“. Letztlich sind ja die Jugendlichen selbst schuld an ihrer Lage. Die Bemühungen der mobilen Jugendarbeit sind somit nur Ablenkung von der Misere, Verschiebung und Verschleierung der Situation. Und da man ihren Bemühungen letztlich Misserfolg konstatiert, bzw. den selbst verursachten Misserfolg in die Schuhe schiebt, kann man im nächsten Schritt fragen: „Was soll diese teure mobile Jugendarbeit eigentlich noch? Sie führt ja zu nichts.“

Einschätzung der Reaktion der betroffenen SozialarbeiterIn

Die KollegInnen von der mobilen Jugendarbeit stehen hilflos und wütend vor dieser Situation, die nicht nur Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Klientel, sondern auch Gleichgültigkeit gegenüber ihrer fachlichen Arbeit ausstrahlt. Sie fühlen sich ausgenutzt und letztlich veralbert.
Was sie dagegen tun, wird nicht berichtet.

Grundsätzlich mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr im beschriebenen Beispiel

Das Team der mobilen Jugendarbeit und sein Träger könnten Eingaben gegenüber dem Sozialamt machen, könnten bis zur Stadtverordnetenversammlung vordringen mit Protesten. Auch wenn diese Protestschreiben und Argumentationen fachlich gut entwickelt und selbstbewusst vorgetragen werden, kann es passieren, dass sie niemanden interessieren – einfach weil die Zielgruppe niemanden interessiert. Hier Druck zu machen ist nicht leicht. Wenn man die Betroffenen dafür gewinnen kann, sich an diesem Protest persönlich zu beteiligen, wird es nicht leichter.

Widerstand am Arbeitsplatz ist  auch das Verweigern der allgemein üblichen und erwünschten Abwertung sozial benachteiligter Menschen und die deutliche Wertschätzung dieser Menschen. Es reicht nicht, gegenüber der Klientel parteilich und wertschätzend zu sein. Unsere parteiliche, wertschätzende Haltung sollten wir offensiv zeigen und unserer KooperationspartnerInnen deutlich demonstrieren. Im Zweifel müsste man auch von ihnen verlangen, dass sie von unserer Klientel mit Respekt sprechen und sie wertschätzend behandeln (sei es, es handelt sich um den Chef, das Team, den Geschäftsführer, die MitarbeiterInnen des Jugendamtes, des Jobcenters, der Schule etc.). In unserem Fall würde das heißen: denjenigen, die man ansprechen wird, um bessere Bedingungen durchzusetzen, sollte man nicht als BittstellerIn entgegentreten, sondern selbstbewusst Forderungen stellen und Veränderungen einklagen und damit die Würde unserer Klientel demonstrieren.
Aber man sollte es wissen: Wer sich für Verachtete einsetzt, darf sich nicht wundern, wenn er selbst verachtet und missachtet wird.

Bei dem Weg in die Öffentlichkeit wird man  nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, die Medien und dann die Öffentlichkeit dazu zu bringen, sich für die Betroffenen und ihr Schicksal zu interessieren. Dieses Problem besteht insgesamt für die Soziale Arbeit. Je ausgegrenzter die Zielgruppen sind, für die man sich einsetzt, desto schwieriger wird es, andere dazu zu bringen, sich für sie zu interessieren oder gar einzusetzen. Schon deshalb wird man als SozialarbeiterIn, die in einem solchen Feld arbeitet und die sich nicht damit abfinden kann, dass ihre Klientel und ihre Arbeit so mit Füßen getreten werden,  versuchen, sich allgemein und über die eigene Arbeitssituation hinaus politisch zu engagieren.  Politische Interessengruppen, Organisationen, Gewerkschaften und der Berufsverband sind Organisationen, innerhalb derer man versuchen kann, gesamtgesellschaftliche Kritik an unserer neoliberalen und zunehmend Menschen entwürdigenden Politik zu üben.

Mancher SozialarbeiterIn und auch mancher Organisation scheint der Bogen vom problematischen Arbeitsplatz bis zur politischen Systemkritik zu weit gespannt. Aber wenn man die Lage wirklich kritisch betrachtet und diese Kritik zu Ende denkt, bleibt letztlich nichts anderes übrig, als die Aspekte und Orientierungen unserer Gesellschaft politisch zu bekämpfen, die nicht zuletzt auch der Hintergrund für die Lage in der Sozialen Arbeit darstellt.

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Was kann man tun? – Fall 6: „War das im KJHG so gemeint?“

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun? (6)

Text:  „War das im KJHG so gemeint?“ Soziale Gruppenarbeit als kostengünstiger Ersatz für Einzelfallhilfe (Seithe/Wiesner-Rau 2013, S. 193)

Ich bin in einem sozialen Brennpunkt unserer Stadt tätig, in dem sehr viele Familien leben, die ihren Kids nicht die hinreichende Förderung und oft auch keine konstruktive Erziehung bieten können. Viele der Kinder sind so sehr gestört und auffällig, dass sie massive Unterstützung brauchen würden. Hier ist also Erziehungshilfe nötig.
Das Jugendamt fragte also bei meinem Träger an, ob er für acht Jungen aus dem Viertel, die unbedingt Erziehungshilfe bräuchten, eine Sozialpädagogische Gruppe nach § 29 anbieten könne. Der Träger sagte zu, vereinbarte aber mit dem Jugendamt, dass die Gruppe angesichts der massiven Problematik der Jungen nur sechs, statt der sonst üblichen acht Plätze bereitstellen würde. Immerhin.
Zusammen mit einem Kollegen biete ich diese Gruppe nun an. Wir haben insgesamt zwölf Stunden die Woche zur Verfügung, um mit den Jungen zu arbeiten, regelmäßige Elterngespräche zu führen und so weiter. Dreimal die Woche kommen die Jungen zu uns in unsere Räume, die um 13.30 Uhr, also direkt nach der Schule, bis gegen 16.00 Uhr geöffnet sind. Wir beschäftigen die Kids mit Hausaufgabenbetreuung, gemeinsamem Essen und Freizeitangeboten. Das klingt soweit alles ganz o. k.
Aber da sind viele Haken, die das Angebot fragwürdig machen:
Einige der Jungen sind nämlich derartig gestört, dass sie eigentlich in der Jugendpsychiatrie behandelt werden müssten, mindestens aber in eine Sozialpädagogische Tagesgruppe gehören würden, wo deutlich mehr Zeit zur Verfügung steht und auch Einzelförderung möglich ist. Die Indikation für die Hilfemaßnahme „Soziale Gruppenarbeit“ stimmte hinten und vorne nicht: In einem Fall wurde das Kind in unsere Gruppe vermittelt, weil die Eltern eine Familienhilfe abgelehnt hatten, das Jugendamt aber irgendwas machen wollte, damit es diese Familie wenigstens im Auge behalten und auf diese Weise Kontrolle ausüben konnte. Ein anderer Junge in der Gruppe war aus der Heimunterbringung zurückgeführt worden. Die Familienhelfermaßnahme, die seine Heimrückführung begleiten sollte, wurde schon nach drei Wochen beendet, weil man – vermutlich aus Spargründen – der Meinung war, dass die Gruppenarbeit das auch hinkriegen könnte. Dieser Junge ist inzwischen wieder im Heim untergebracht, denn mit seinen Eltern wurde nicht gearbeitet und seine Reintegration in die Familie scheiterte. Kein Wunder, denn unsere Möglichkeiten sind verdammt begrenzt und wir konnten unmöglich leisten, was eine Familienhilfe oder auch ein Familienrat hätten leisten sollen. 

Die Fälle sind also für unser Angebot oft gar nicht richtig. Sie sind viel zu schwer und es ist abzusehen, dass unsere Arbeit kaum mehr sein wird als ein Tropfen auf den heißen Stein. Kurioserweise werden wir aber trotzdem gerade vom Jugendamt angehalten, nach außen das Image der Gruppe zu verbessern, wie man sich ausdrückte. Es sei nämlich inzwischen allgemein bekannt, welche „Kracher“ uns für diese Gruppe zugewiesen wurden, und das schrecke andere Eltern ab. Wir müssen also so tun, als seien die Kinder gar nicht so „schlimm“, damit Eltern ermutigt werden, ihre Kinder bei uns anzumelden. Ich finde das schlicht verantwortungslos.
Von den sechs vorgesehenen Kindern sind letztlich nur drei wirklich in der Gruppe angemeldet worden. Offenbar war es dem Jugendamt nicht gelungen, die Familien, die sie im Auge hatten, zur Mitarbeit zu bewegen. Die Gruppe ist also nicht voll und damit viel zu teuer. Wir sind deshalb neuerdings auch angehalten zu sparen. Elterngespräche dürfen ab sofort nur noch von einem Mitarbeiter alleine geführt werden. Das ist ein fachlicher Einschnitt, den ich für unsinnig und ineffektiv halte, weil die Gespräche zu zweit wesentlich mehr bringen.
Und da sind noch mehr Kuriositäten: Zum Beispiel wird die Gruppe nach dem schon erwähnten § 29 bezahlt. Hier gilt, dass nur ein vereinfachter Hilfeplan für die Kinder geschrieben werden muss. Da pro Monat aber noch drei Stunden aus dem Topf für Familienhilfe dazu fließen (sonst hätte die Finanzierung nicht geklappt), müssen wir, nur um den formalen Regelungen zu genügen, außer dem vereinfachten auch noch den großen Hilfeplan mit allen Dokumentationen und Formularen erarbeiten, so als handele es sich eigentlich um Familienhilfe. Wahrscheinlich wird die Arbeit dann in der Statistik auch als Familienhilfe auftauchen. Absurd, denn genau diese Hilfe wäre bei den meisten der Kinder nötig gewesen, wird aber aus Kostengründen oder weil man die Eltern nicht dazu bewegen konnte, nicht bereitgestellt.
Nichts gegen einen guten Hilfeplan! Würde das Jugendamt den jedoch wirklich ernst nehmen, wäre in keinem der Fälle die Sozialpädagogische Gruppe die hinreichende und richtige Hilfe! Haben solche Berichte und Dokumentationen eigentlich überhaupt eine Bedeutung, außer dass sich alle die Hände in Unschuld waschen können, weil die Vorschriften brav erfüllt wurden?
Ich mag den Beruf, ich mag diese Jungen, aber es ist traurig, dass sie zwischen die Räder der Bürokratie geraten und Opfer der Sparpolitik werden, statt dass man ihren Anspruch auf Hilfe wirklich fachlich ernst nimmt.

Fachliche Kritik der beschriebenen Arbeit und Arbeitssituation

Die Kollegin kritisiert selbst, dass die gewährten Hilfen nicht die richtigen Sind und bei den betreffenden Jugendlichen nicht greifen können. Und sie hat Recht.
Man kann nicht mit unzureichenden Bedingungen Probleme angehen, die mehr, mehr Intensivität, mehr Nähe, zusätzliche Strategien etc. erfordern. Der Glaube, dass ein bisschen Soziale Arbeit wenigstens ein bisschen nützen wird, ist fachlich unvertretbar. Denn nicht selten schlägt eine zu kurzgegriffene Hilfe in ihrer Wirkung ins Gegenteil um. Erreicht wird hier ausschließlich, dass eine teurere Hilfe hinausgeschoben und damit angeblich Geld gespart werden kann. Was natürlich nicht stimmt, denn in solchen Fällen sind die dann schließlich doch nicht mehr zu vermeidenden Hilfen viel teurer. Ober aber es „gelingt“ der Jugendhilfe, die Betreffenden in ein anderes Finanzierungsystem abzuschieben (Psychiatrie z.B.) oder ihr herannahendes Erwachsenenalter auszusitzen.

Soziale Gruppenarbeit als Ersatz für Jugendpsychiatrie, für Familienhilfe oder für Rückführungsbegleitung erweist sich als eine Milchmädchenrechnung. Hier sparen die Verantwortlichen im Jugendamt und im Einvernehmen mit dem jeweiligen Träger, der den Auftrag bekomm(en will)t, schlicht Geld.

Unverantwortlich ist es auch, für eine solche schief angelegte Gruppe bei Eltern Werbung zu machen und die Probleme der Kinder herunterzuspielen. Dass von den SozialpädagogInnen zu verlangen grenzt an einen dienstlich angewiesenen Betrug.

Die Folgen, die dieses ungeeignete aber trotzdem durchgezogene Erziehungshilfemodell nach sich ziehen, setzen dem Ganzen noch eins drauf: Weil die Gruppe nicht voll wird (was wiederum bei den Problemlagen zu einer noch größeren Katastrophe führen würde), müssen die KollegInnen sparen. Das bedeutet, die ohnehin falsch und zu knapp kalkulierte Hilfe wird zusätzlich noch verwässert und verschlechtert: Elterngespräche zu zweit sind z.B. nicht mehr erlaubt.

Ans Absurde grenzen dann die Folgen für die verwaltungsmäßige Behandlung der Hilfe: Aus finanztechnischen Gründen werden die Gruppenhilfen behandelt wie die SPFH, also die Hilfe, die zum Teil eigentlich die angezeigte gewesen wäre, obwohl man bewusst eine Hilfe konstruiert hat, die deren Intensität nicht erreichen kann.

MitarbeiterInnen werden unter solchen Bedingungen verschlissen, weil sie am falschen Platz das Falsche tun müssen und schließlich auf noch für die Misserfolge verantwortlich gemacht werden. KlientInnen wird schlicht die Hilfe verweigert, die sie nach dem Gesetz hätten bekommen müssen. Eine individuell passende und auf ihre konkreten Bedarfe hin ausgerichtete Hilfe.

 

Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse Hintergründe

Wie ist so eine unglaubliche Stümperei erklärbar?

Dass Jugendämter so vorgehen, ist nur damit erklärbar, dass sie durch die politischen Vorgaben im Jugendamt dazu angehalten und letztlich gezwungen werden, die Kostenfrage, d.h. die Vermeidung von Kosten, für den Kern der Jugendhilfe zu halten und entsprechend zu handeln. Das Vorgehen ist eindeutig Gesetz widerig. Dennoch scheint das keinen mehr zu kümmern. Hilfen werden nach Haushaltlage und nicht nach Bedarf vergeben. Hilfen werden nicht so entwickelt, wie eine fachliche Diagnose gefordert hätte, sondern es wird versucht, mit einer billigeren Variante das Gleiche oder irgendwas zu erreichen, auf jeden Fall Zeit zu schinden. Das ist ein Verständnis von Effizienz, dass selbst einem Betriebswirtschaftler die Haare zu Berge stehen lassen wird – es sei denn, das „Produkt“ wird weder ernst genommen noch wirklich für notwendig gehalten und es geht nur noch um den Anschein, tätig gewesen zu sein und das Gesetz erfüllt zu haben. Aber dann würde jeder Betriebswirt sagen, dass die Aufrechterhaltung dieses Scheines ziemlich ineffizient ist und es sinnvoller wäre, die Herstellung dieses „Produktes“ ganz einzustellen.

Das Jugendamt scheint nicht mehr die Behörde zu sein, die das Gesetz KJHG fachlich ausfüllt. Scheinbar hat sich die Aufgabenlage dahingehend verschoben, dass es versuchen soll, die dabei entstehenden Kosten so niedrig wie möglich zu halten.

Hintergrund einer solchen Verschiebung ist die Ökonomisierung unserer Gesellschaft, die eben auch vor dem Menschen selbst, vor Lebensbereichen wie Soziales, Bildung, Pflege, Gesundheit etc. nicht Halt macht und auch dieses in ihr ökonomisches Warenverständnis einbezieht und diese Bereiche nicht mehr als gesellschaftliche Aufgaben gegenüber Menschen betrachtet, sondern als Bereiche, in denen man Gewinne machen, Geschäfte betreiben und Menschen selbst als Gegenstände der Produktion von Marktprodukten betrachtet. Dies ist ein Verständnis menschlicher Gesellschaft, dass mit einer humanistisch orientierten Sozialen Arbeit nicht mehr vereinbar ist. Das gilt auch dann, wenn Träger, SozialarbeiterInnen, ja sogar manche Politikerinnen versuchen, unter diesen Bedingungen doch noch etwas für die Betroffenen herauszuholen.

 

Einschätzung der Reaktion der betroffenen SozialarbeiterIn

Der Träger scheint die Pläne kritischer zu sehen als das Jugendamt, denn immerhin hat er im Vertrag die Fallzahl der Gruppe von 8 auf 6 heruntergehandelt – was aber angesichts der Lage  keine wirkliche Lösung, höchstens eine Beruhigung, darstellt.

Die Sozialarbeiterin, die diese Geschichte erzählt hat, ist sich der Absurdität und der Unverantwortlichkeit ihrer Aufgabenstellung bewusst. Sie macht ihre Arbeit Tag für Tag angesichts dieser Erkenntnis und zweifelt an ihrem Sinn. Sie sieht die Ursache sehr richtig in der Sparpolitik.

Von Widerstandplänen oder offen geäußerter Kritik wird nicht berichtet. Schließlich ist sie umzingelt von lauter Leuten mit Entscheidungsmacht, die es eigentlich besser wissen müssten und die vermutlich die kritische Stimme einer Mitarbeiterin bei ihrem Deal nicht gebrauchen können. Da wird der Entschluss zu offenem Protest nicht leicht gemacht.

 

Grundsätzlich mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr im beschriebenen Beispiel

Was hätte die Kollegin in dieser Lage tun können?

Möglicherweise wäre es durchaus sinnvoll und auch erfolgversprechend gewesen, am besten gemeinsam mit der KollegIn, zunächst dem Träger und dann mit ihm zusammen (vorausgesetzt, er konnte überzeugt werden) dem Jugendamt auf die Pelle zu rücken und zu versuchen, mit sachlichen, fachlichen Argumenten darzulegen, dass das Gruppenangebot mit diesem Konzept – zumindest für sämtliche zugewiesenen Fälle, fehlschlagen muss und damit weder wirken kann noch im ökonomischen Sinne etwas bringen wird. Es ist nicht auszuschließen, dass solche fachliche Argumentation überzeugt und die Pläne zumindest im konkreten Fall zurückgenommen bzw. korrigiert werden. Wichtig wäre hier, das Thema nicht irgendwann nebenbei und schon gar nicht in Situationen, in denen man gerade besonders sauer oder enttäuscht ist, anzusprechen, sondern selbstbewusst um einen offiziellen Gesprächstermin zu bitten.

Nicht immer wird solchen Gesprächen stattgegeben und nicht immer sind die Vorgesetzten oder Jugendämter einsichtig. Leider passiert es oft genug, dass die mutigen KollegInnen abgewiesen, beschimpft, lächerlich gemacht oder gar mit Sanktionen bedroht werden. Hier ist es wichtig, Rückhalt zu haben, z.B. bei einer Gewerkschaft oder wenigstens bei einer Gruppe von SozialarbeiterInnen, die sich solidarisch verhalten und unterstützend.

Wenn dieser Weg nicht funktioniert, steht es frei, solche Praktiken  öffentlich anzuprangern. Hier ist immer wieder der Drahtseilakt zu leisten, dies zu tun, ohne sich selbst zu gefährden und ohne ein Dienstgeheimnis zu verraten. Eine Gruppe aber kann gemeinsam Leserbriefe, Flugblätter in die Welt setzen, ohne dass der konkrete Fall genannt und die konkrete Kollegin oder der Kollege seinen Namen preis geben müssten. Dennoch wird die öffentliche wie die sogenannte freie Jugendhilfe nervös reagieren und versuchen, sich zu wehren. Auch hier sind eine starke Organisation im Rücken und die Solidarität möglichst vieler KollegInnen ein reale und auch eine psychische Unterstützung.

Wenn es üblich wäre, dass Träger und vor allem auch die öffentliche Jugendhilfe mit öffentlich er und auch öffentlich wahrgenommener Kritik  aus berufspolitischer und fachliche Sicht rechnen müsste, würde so manches nicht praktiziert, was heute ohne Skrupel umgesetzt wird. Warum verleiht z.B. ver.di oder die GEW oder der DBSH nicht jährlich einen „Preis“ für den Träger oder das Jugendamt, das sich die „dicksten Hunde in der Ökonomisierung“ erlaubt hat oder das seine MitarbeiterInnen am schlechtesten behandelt hat? … Man könnte auch einen Preis ausloben für positive Beispiele. Aber meistens sind zumindest für die Presse Skandale interessanter.

Gegen die Grundproblematik der Ökonomisierung wird man am eigenen Arbeitsplatz kaum etwas ausrichten können. Was nicht heißt, dass wir uns mit diesem gesellschaftlichen Phänomen abfinden müssen. Hier zeigt sich die Notwendigkeit, sich über die direkte Soziale Arbeit am eigenen Arbeitsplatz hinaus politisch zu verbinden, auch zu organisieren und vor allem, sich als kritische Sozialarbeiterin einzumischen in den politischen Diskurs, da wo man lebt und wo man mit Menschen zusammenkommt.

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Was kann man tun? – Fall 5: spFH braucht Zeit

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun? (5)

Text:  „Und da soll ich nun arbeiten“  – Familienhilfe braucht Zeit und die fehlt hier überall (Seithe/Wieser-Rau 2013, S. 125)
Ich beschreibe mal meinen jüngsten Fall, mit dem ich jetzt seit drei Monaten zu tun habe. Es handelt sich um einen der Fälle, die dir vom Jugendamt mit den Worten ans Herz gedrückt werden: „Eigentlich müsste das Kind raus – aber wir versuchen es halt noch mal.“
Es geht um eine alleinerziehende Mutter mit einer achtjährigen Tochter. Da ist auch noch ein Lebensgefährte, die Tochter nennt ihn „Papa“, aber er wohnt, zumindest offiziell, nicht in der Familie.
Es gibt schon seit einiger Zeit Probleme mit dem Kind. Es wurde mir als sehr schwierig beschrieben und die Mutter als nicht hinreichend erziehungskompetent. Für die Tochter gilt seit der Vorschulzeit § 35a KJHG (seelische Gefährdung oder drohende seelische Gefährdung) vor. … Abgesehen vom typischen „Zappelphilipp-Verhalten“, neigt das Kind dazu, seine Umwelt mit hysterischen, stark dramatisierenden Anfällen zu schockieren, zu beeindrucken und zu steuern. Durch entsprechendes Verhalten hat das Mädchen auch versucht, die Mutter davon abzuhalten, wieder arbeiten zu gehen.
Es gab für diese Familie bereits einmal eine Sozialpädagogische Familienhilfe, die aber vorzeitig durch einen Aufenthalt des Mädchens in der Kinderpsychiatrie beendet wurde. Nun sollte eine weitere Sozialpädagogische Familienhilfe die Probleme in den Griff bekommen.
Die Mutter wurde mir vor Fallbeginn von der Kollegin aus dem Jugendamt als an der Familienhilfe sehr interessiert und mitarbeitsbereit geschildert. Als wir bei dem Einführungsgespräch mit der Mitarbeiterin vom Jugendamt zum ersten Mal zusammentrafen, wurde der bereits vorliegende Hilfeplan verlesen. Ich hatte den Eindruck, dass der Mutter die Inhalte völlig neu waren. So enthielt der Hilfeplan auch die Auflage, dass die Mutter die Kleine zu einem ADHS-Training anmelden solle. Auch die Diagnose aus der psychiatrischen Klinik bekam die Mutter erst von mir zu hören. Keiner hatte sie ihr mitgeteilt, geschweige denn erläutert.
In dem ersten Gespräch, das ich mit der Mutter alleine führte, stellte sich heraus, dass sie überhaupt keine weitere Familienhilfe haben wollte und auch das ADHS-Training ablehnte. „Warum haben Sie denn im Jugendamt nicht gesagt, dass sie keine Familienhilfe wollen?“, fragte ich sie verdutzt. Die Antwort hat mich erschreckt: „Wer weiß, was dann alles mit meiner Tochter und mir passieren würde!“ Die Mutter vertraute mir viel später an, dass sie vor Jahren, in der Kindergartenzeit ihrer Tochter, vom Jugendamt Hilfe erwartet hatte, nachdem ein Psychologe bei dem Kind eine seelische Behinderung festgestellt hatte. Aber das Jugendamt hatte ihr jede Hilfe verweigert. Das hatte sie enttäuscht und ziemlich demotiviert. Und nun wollte sie mit dem Jugendamt lieber nichts mehr zu tun haben. Aber das konnte sie ja wohl nicht sagen? Also fügte sie sich. Das war die Ausgangssituation für meine Familienhilfe.
Hier war mal wieder jemand zu seinem „Glück“ mehr oder weniger gezwungen worden, so schien es mir. Aber ich machte mich trotzdem an die Arbeit. Es galt, die Ziele, die der Hilfeplan vorgab, nun gemeinsam mit der Mutter in konkrete, erreichbare und realistische Handlungsziele umzuformulieren. Die Ziele im Hilfeplan waren eher allgemein gehalten. Ich sollte beispielsweise die Erziehungskompetenz der Mutter stärken und ihre Antriebsschwäche überwinden helfen. Und ich sollte für das Kind eine sinnvolle Freizeitgestaltung erarbeiten.
Und da stand ich nun: mit gerade mal vier Fachleistungsstunden für alle diese Ziele! Vier Stunden, das ist bei uns zurzeit das Höchstmaß – es sei denn, es liegt eine unmittelbare Kindeswohlgefährdung vor. Von den vier Stunden blieben mir nach Abzug der Fahrtzeit von einer dreiviertel Stunde, nach Abzug von Zeiten für Vor- und Nachbereitung und für die notwendige „Umfeldarbeit“, also zum Beispiel für die Kontakte mit der Schule, und nach Abzug der Zeiten für das Schreiben von Berichten und Dokumentationen, nur knapp zwei Stunden für einen wöchentlichen Familienkontakt. Aber dadurch, dass die Stundenanzahl, die ich für eine Familie bekomme, so gering ist, muss ich bei einer 40 Stunden-Stelle bis zu neun Familien annehmen. Das bedeutet neun sogenannte Multiproblemfamilien im Kopf und im Blick haben.
Im Hilfeplan stand außerdem, die Mutter solle an mir als Modell lernen, wie man mit der schwierigen Tochter umgehen müsse. Kann mir mal einer sagen, wie ich auch das noch in zwei Stunden die Woche bewerkstelligen könnte? Und es ist doch eine pädagogische Binsenweisheit, dass Modelllernen nur dann funktionieren kann, wenn sich zwischen Lernendem und Modell eine gute Beziehung entwickelt hat. Aber ich habe doch überhaupt keine Zeit für Beziehungsarbeit. Wir können nur immer durchrattern, was an Problemen und Aufgaben ansteht. Mehr nicht. Ich frage mich bei solchen Geschichten: Sind das nicht auch alles sozialpädagogische Fachleute im Jugendamt? Warum machen die das mit?
Ich habe in meinen ersten Bericht hineingeschrieben, dass mit der Stundenzahl, die man mir gewährt, die vorgegebenen Ziele nicht zu erreichen sind. Aber das wird nichts nutzen, ich weiß es ja. Ich habe fürs ganze Jahr 250 Stunden, und wenn ich jetzt mehr brauche, dann fehlt es am Ende. Vielleicht wird man mir dann noch ein paar weitere Stunden gewähren. Aber es bleibt auch dann in jedem Fall bei einer Sozialpädagogischen Familienhilfe, die höchstens kompensatorisch wirkt: Ich kann so weder die Ziele erreichen noch überhaupt zu den eigentlichen Problemen vordringen.
Wenn ich es mir genau überlege, liegt schon der Hilfeplan schief. Denn es geht gar nicht vorrangig darum, dass die Mutter antriebsarm ist und über keine Kompetenzen verfügt. Ich würde vielmehr sagen: Das Kind ist psychisch gefährdet, weil es durch die Mutter eine permanente Entwertung erlebt. „Wenn du später erst mal hier raus bist, dann geht es mir besser!“, sagt sie zum Beispiel zu ihrer Tochter. Die Mutter hat eine sehr ambivalente Haltung zu dem Kind. Sie verletzt es immer wieder psychisch. Wenn man genau hinsieht, muss man sich über die Symptome bei dem Kind eigentlich gar nicht wundern. Im Jugendamt hat man scheinbar den naiven Glauben, man könnte solche massiven Beziehungsprobleme einfach durch eine Kompetenzzunahme der Eltern aus der Welt schaffen. Aber das alles scheint außer mir niemanden zu kümmern. Mir ist schon klar, was das Jugendamt in Wirklichkeit bewegt: Sie haben Angst, dass der Kleinen was passieren könnte, dass die Mutter ausrastet. Sie hat einmal gesagt, sie sei früher zu Hause nur geschlagen worden. Bei ihrer Tochter würde sie gar nicht damit anfangen, sonst könnte sie vielleicht nicht mehr aufhören, das läge sicher in ihren Genen. Und statt auf den Hilferuf einzugehen, der in dieser Aussage steckt, ist dies für die Jugendhilfe nur der Anlass für Kontrolle und Vorsichtsmaßnahmen, eben zum Beispiel durch eine Sozialpädagogische Familienhilfe.
Seit die Sache mit der Kindestötung im Nachbarbezirk passiert ist und das Jugendamt wieder mal in die Diskussion kam, ist die Angst noch größer. Jetzt haben wir die Auflage, jedes Gespräch genau zu dokumentieren, um uns und vor allem unsere Vorgesetzen und Träger abzusichern. Das sind dann so Fragen wie: ‚Waren die Kinder bei ihrem letzten Besuch auffällig? War die Wohnung auffällig? Wurden Vereinbarungen getroffen?‘. Letzteres ist besonders wichtig, denn wenn man zum Beispiel mit der Mutter nachweisbar vereinbart hat, dass sie zum Kinderarzt gehen muss, dann ist man aus allem raus, wenn sie es doch nicht tut und dann was passiert. Es scheint gar nicht um die Kinder zu gehen, sondern nur noch darum, dass einem nichts vorgeworfen werden kann. Alles, was gemacht wird, auch die Sozialpädagogische Familienhilfe, wird nur zur Selbstabsicherung gemacht. Man geht den Problemen nicht auf den Grund, man versucht nicht, Probleme zu verändern, Lernprozesse einzuleiten. …
Ich bin wütend über diese Einsparungen. Ich weiß, dass ich mehr mit den Familien erreichen könnte, wenn die Rahmenbedingungen besser wären. Es kann nicht sein, dass eine Gesellschaft Banken rettet, aber die Familien am unteren Rand dem Untergang geweiht sind. Gute Arbeit braucht Zeit. Ich arbeite hier mit Menschen und nicht mit irgendwelchen Maschinen. Eine Veränderung im Erziehungsverhalten zum Beispiel erreiche ich nicht durch schnelleres, billigeres, oberflächlicheres Arbeiten, sondern vor allem durch viel Zeit und Beziehungsarbeit. Von unseren Klientinnen und Klienten wird zum Wohle der Kinder berechtigterweise verlangt, sich zu verändern. Aber ich kann da nicht einfach hingehen und sagen, wie das geht, was sie machen sollen. Veränderungen sind schwer zu bewerkstelligen. So etwas fällt den meisten Menschen nicht leicht, egal aus welcher Bildungsschicht sie kommen. Auch sind die Lebensumstände meistens schwierig. Und oft wird die Notwendigkeit einer Veränderung zunächst nicht akzeptiert. Und Gewohnheiten zu verändern, bei denen der Betroffene gar nicht einsieht, dass er sie verändern muss, das ist noch viel schwieriger. Eltern müssen erst einmal selbst wirklich begriffen haben, mit dem Kopf und mit dem Herzen, dass zum Beispiel etwas für die Kinder schädlich ist. Und dann erst können sie die gemeinsam erarbeiteten Handlungen, die zu Veränderung führen sollen, umsetzen. Das braucht alles viel Zeit. Und die fehlt überall. Warum eigentlich? Ich will gute Arbeit machen. Aber so kann ich das nicht.
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Fachliche Kritik der beschriebenen Arbeit und Arbeitssituation

Die Kollegin beschreibt selbst sehr differenziert und genau, was hier alles falsch läuft:

  • Die Diagnose des Jugendamtes ist ungenau und oberflächlich. Es scheint auch nicht wirklich um das Wohl dieses Kindes zu gehen, sondern darum, dass nichts passiert, was dem Jugendamt dann angelastet werden könnte. Viele der abverlangten Tätigkeiten, z.B. die gesteigerten Dokumentationsverpflichtungen der Familienhelferin, dienen nicht dem Fortschritt der sozialpädagogischen Arbeit, sondern nur der Absicherung des Jugendamtes und der Vorgesetzen. Statt Menschen zu unterstützen und zu befähigen, legt man es darauf an, Verhältnisse zu schaffen, die es ermöglichen, im Ernstfall den KlientInnen den schwarzen Peter zu schieben zu können.
  • Die geheime Botschaft lautet: Eigentlich müsste das Kind raus, aber wir versuchen es noch einmal. Hier wird klar: Eigentlich ist dem Jugendamt der Ernst und die Kompliziertheit der Lage bewusst, aber es handelt anders. Warum?
  • Im Vorfeld wurde offenbar so gearbeitet, dass die Mutter über die psychiatrische Diagnose nicht informiert wurde und sich ein Verhältnis zum Jugendamt herausgebildet hat, dass von Vorsicht und Misstrauen geprägt ist. Ihre ablehnende Haltung gegenüber einer erneuten Hilfe zeigt sie nicht. Das Jugendamt schildert sie als mitarbeitsbereit, d.h. die Mutter hat ihre eigentliche Haltung erfolgreich verbergen können.
  • Die im Hilfeplan enthaltenen Ziele sind nicht wirklich auf das eigentliche Beziehungsproblem zwischen Mutter und Tochter gerichtet. Man beschränkt sich darauf, die Kompetenzen der Mutter zu steigern. Aber auch das, was jetzt im Hilfeplan steht, ist mit einer Stundenzahl von 4 Stunden in der Woche unmöglich zu erreichen. In dieser Zeit sind schließlich sämtliche Aufgaben zu erledigen, die mit dem Fall zusammenhängen. Es bleiben also nur ein Termin die Woche, bestenfalls mal zwei Termine.
  • Durch diese zeitliche Einengung ist eine methodische Begrenzung vorgegeben. Ein sozialpädagogischer Prozess, der Lernen, Entwicklung und Veränderung beinhaltet, ist so nicht möglich. Beziehungsarbeit ist ausgeschlossen. Es gibt keine Zeit zur Vertrauensbildung, zur Aushandlung und zur Beleuchtung der Hintergründe. Desgleichen kann keine Umweltarbeit stattfinden. Die Zusammenarbeit mit der Schule muss sich auf kurze Telefonate beschränken. Das, was hier als Sozialpädagogische Familienhilfe angeboten wird, ist ein Etikettenschwindel. Man könnte den Ansatz bestenfalls als Fallmanagement vor Ort bezeichnen.

 Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse Hintergründe

  • Die immer weiter absinkenden Stundenzahlen für Sozialpädagogische Familienhilfe, die verkürzte Dauer der Hilfe und die Belastung der FamilienhelferInnen, innerhalb einer Vollzeitstelle (so es sie gibt) 9 Familien gleichzeitig betreuen zu müssen, führen zu einer fachlichen Verwässerung dieser Hilfeform und auch zu ihrer Pervertierung. Denn es gibt so nicht etwa nur „weniger SpFH“, sondern vielmehr etwas ganz anderes: Die Erziehungshilfemaßnahme Sozialpädagogische Familienhilfe verwandelt sich in eine Art Anleitung zur richtigen Erziehung, die auch kontrolliert wird und die bei ausbleibender Mitarbeitsbereitschaft oder bei Nichterfüllung der Auflagen zu Sanktionen und mehr Kontrolle, oder aber zum Abbrechen der Hilfe führt.
  • Das bedeutet, dass sich in der Praxis der ambulanten Erziehungshilfe ein Wandel vollzogen hat von der Hilfe zur Kontrolle, von der Arbeit mit den KlientInnen zur Arbeit an ihnen. Diese Hilfe, die eigentlich von der Beziehungsarbeit lebt, wird so gestaltet, dass genau das nicht mehr möglich ist. Diese Hilfe, die extrem sozialraumorientiert angelegt ist, wird so eingeengt, dass an eine Arbeit in und mit dem Sozialraum der Familie kaum noch gedacht werden kann. Was steckt dahinter?
  • Die angeblich hohen Kosten der ambulanten Hilfe zur Erziehung werden von der Politik nicht akzeptiert. Es wird alles daran gesetzt, dass diese Kosten gebremst werden bzw. deutlich zurückgehen. Dabei scheut man sich nicht, die Hilfen selbst inhaltlich kaputt zu sparen und fachlich auf den Kopf zustellen. Ein ernsthaftes Bemühen, Hilfe im Falle einer „Nichtgewährleistung einer dem Kindeswohl entsprechenden Erziehung“, d.h. im Fall unzureichender Sozialisationsbedingungen zu leisten, ist nicht mehr zu erkennen. Die Kontrollmöglichkeiten und die Chance, so die Kosten für eine stationäre Unterbringung einzusparen, scheinen die einzigen Motive zu sein, die noch zählen.
  • Dahinter steht zum einen das Sparkonzept der Ökonomisierung, das Rationalisierungen durchzieht, ohne darauf zu achten, dass die Inhalte erhalten bleiben.
  • Dahinter steht aber auch ein sinkendes Interesse der Politik an einer wirklich hilfreichen Hilfe zur Erziehung. Die SpFH ist nachweislich im Wesentlichen eine Hilfe für Familien mit ökonomischen und sozialen Problemen, also für einen Bereich der Gesellschaft, der nicht viel „Nutzen“ verspricht. Hier wird offenbar auf inhaltliche Qualität kein Wert mehr gelegt. Die formalistisch orientierten Qualitätsbemühungen lenken davon ab, dass die inhaltliche Qualität zunehmend zerstört wird oder schon worden ist.
  • Hier schimmert ein neues Menschenbild durch, das mit der Vorstellung des aktivierenden Staates und der Ökonomisierung der Gesellschaft Einzug gehalten hat und auch die Kinder- und Jugendhilfe massiv steuert.
  • Gegenwärtig findet, was die Kinder- und Jugendhilfe betrifft, ein massiver politisch forcierter Umbruch statt, der sich nach außen mit den Versprechungen einer sozialräumlichen Sozialarbeit schmückt und gleichzeitig auch tarnt. Diese Tarnung wirkt perfekt, denn die wenigsten durchschauen diesen Prozess. Faktisch geht es darum, durch neue Leitbilder wie die Sozialraumorientierung (oder auch die „Inklusion“) die ökonomisierte sozialer Dienstleistungsproduktion als „emanzipatorisch“ zu idealisieren.

Einschätzung der Reaktion und der Lage der betroffenen SozialarbeiterIn

Die Sozialarbeiterin sieht die Fehlentwicklungen glasklar. Und es ist für sie empörend und unerträglich, dass diese fachlich gesehen katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Familienhilfe vom Jugendamt nicht nur geduldet sondern auch forciert werden. Sie beklagt, dass sie gute Arbeit machen möchte, aber faktisch daran gehindert wird.

Sie schreibt ihre Einschätzung offenbar in die Berichte hinein, hat aber erfahren, dass dies keinerlei Wirkung hat. Die Struktur des Arbeitsvertrages sieht sozusagen schon vor, dass es möglich ist, vorübergehend mehr Stunden in eine Familie zu stecken. Das klingt im ersten Moment gut. Bedeutet aber, dass dann am Ende die Stunden fehlen werden. Der Arbeitgeber hat sich mit dieser Regelung die Klagen nach mehr Stunden einfach vom Hals wegorganisiert.
Was die Kollegin darüber hinaus plant oder versucht, um sich gegen diese Entwicklung zu wehren, wir nicht berichtet.

Grundsätzlich mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr im beschriebenen Beispiel

Möglichkeiten der Gegenwehr am Arbeitsplatz selbst:

  • Hier wäre ein „Beharren auf Fachlichkeit“ und das Bestehen auf den erforderlichen Rahmenbedingungen für diese anspruchsvolle sozialpädagogische Arbeit angezeigt:
    Widerstand am Arbeitsplatz bedeutet: fachlich nicht zumutbare Zustände und Herausforderungen offen aufzudecken und sich zu weigern, aktiv daran mitzuwirken (Das für diesen Widerstandsweg eine gute, reflektierte und selbstbewusste Fachlichkeit Voraussetzung ist, soll erwähnt, aber hier nicht weiter vertieft werden).
    Mit fachlichen Zumutungen sind unzureichende Zeitkontingente, mangelnde Kontinuität, Festschreibung der Methoden, Festlegung von Zielen u.ä. gemeint. Das alles sind sowohl für uns als Professionelle massive Behinderungen, die unsere Fachlichkeit beschneiden oder torpedieren, als auch Zumutungen für unsere Klientel. Denn die werden so um die ihnen zustehende Hilfe und Unterstützung weitgehend betrogen.
    Fachliche Zumutungen dürfen nicht einfach so hingenommen und geschluckt werden. Es ist z. B. widerständiges Verhalten, in solchen Fällen deutlich und klar zu einer gestellten Aufgabe Stellung zu beziehen und die Unzumutbarkeit oder die Unmöglichkeit unter den gegebenen Bedingungen klar zu stellen und zu begründen.
    Dadurch wird man Chefs oder GeschäftsführerInnen zwar nicht gleich zum Einlenken bewegen. Aber man behält selbst einen „geraden Rücken“ und hinterlässt immerhin beim Gegenüber die Erkenntnis: „Da gibt es SozialarbeiterInnen, die finden sich mit den bestehenden Verhältnissen nicht einfach ab“.
  • Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, sich widerständig zu verhalten: Man sollte immer die Ermessensspielräume voll ausschöpfen, Dienstanweisungen grundsätzlich hinterfragen, Dienst nach Vorschrift zu machen und die Folgen verdeutlichen, Bürokratieanforderungen nur soweit nachkommen, wie es die fachliche Arbeit nicht stört.
  • Wichtig wäre es auch, in Teamsitzungen kritische, auch unbequeme Fragen zu stellen, auch dann, wenn versucht wird, sie abzuwürgen oder wegzuschieben.
  • Man kann Vorgesetzte in fachliche Diskussionen hineinziehen. Gelegentlich gelingt es auch, Führungskräfte ins Boot zu holen.
  • Man kann bewusst gegen jedes Schönreden und Verharmlosen argumentieren.
  • Und nicht zuletzt: Ein solcher Widerstand am Arbeitsplatz ist natürlich um vieles wirksamer, wenn das ganze Team mitmacht oder wenn man gut mit Gleichdenkenden vernetzt ist. Es wäre von großer Bedeutung, wenn es gelänge, KollegInnen für diese Gegenwehr zu gewinnen.
    Das ist gerade im Rahmen der SpFH nicht leicht, da sehr oft völlig vereinzelt gearbeitet wird und KollegInnen sich bestenfalls zu Dienstbesprechungen sehen. Nicht umsonst gehört dieses Arbeitsfeld zu denen, in denen es nicht einmal fachlich orientierte überregionale Arbeitsgemeinschaften gibt, geschweige denn kritische Fachgruppen.
  • Nur gemeinsam wird man hier grundsätzlich etwas bei seinem Träger erreichen können. Besonders da, wo FamilienhelferInnen keine festen Verträge haben und als Stunden- bzw. Honorarkraft in Abhängigkeit vom Arbeitsanfall und den ihnen zugewiesenen Fällen arbeiten müssen, wäre ein Zusammenschluss von MitarbeiterInnen auf allen Ebenen dringend erforderlich: auf der Ebene des Trägers, auf der Ebene der Stadt oder Region über die Träger hinweg, als Fachgruppe in den bestehenden Interessen-Vertretungs-Organisationen etc. Dies gilt im Übrigen nicht nur für FamilienhelferInnen, sondern für alle EinzelfallhelferInnen, die zu den MitarbeiterInnen mit den ungeschütztesten, prekärsten und schlecht bezahltesten Arbeitsbedingungen im Sozialen Bereich gehören.

Über die Situation am Arbeitsplatz hinaus wäre politisches Engagement angesagt

Die Hintergründe für die fachlichen Fehlentwicklungen und strukturellen Zumutungen im Bereich der ambulanten Hilfen zur Erziehung sind nicht über den konkreten einzelnen Fall oder Träger zu erreichen. Hier haben wir es mit gesamtgesellschaftlichen Problemen zu tun: mit der Ökonomisierung, die zu Sparzwecken eingesetzt und die die ambulante Hilfe Zug um Zug zerstört und mit einem Menschenbild verbindet, dass es zulässt, Hilfen für sozial Benachteiligte nur noch proforma und im Wesentlichen als Kontrolle und Absicherung zu betrachten.

Diesen gesellschaftlichen Tendenzen kann nur durch eine starke politische Bewegung begegnet werden.
Hier sind die Interessenvertretungen der Sozialen Arbeit als mögliche Partner gefordert, wenn sie bereit sind, auch gesellschaftspolitisch zu wirken und sich nicht allein auf Fragen von Tarifen zu beschränken. Es wäre die Aufgabe des Berufsverbandes, über die direkte Interessenvertretung seiner Mitglieder hinaus, als sozialarbeiterische Instanz gesellschaftskritisch zu wirken.

Darüber hinaus befassen sich verschiedene Gruppierungen innerhalb der kritischen Sozialen Arbeit mit dem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund der Neoliberalisierung in unserer Profession und entwickeln Strategien der Gegenwehr und alternative Praxismodelle.

Für den Einzelnen (mit einer solidarischen Gruppe im Rücken) bedeutet das:

  • Sich einmischen in den Diskurs um die Hilfen zur Erziehung, um die Ökonomisierung und ihre Folgen für die Profession und die Gesellschaft.
  • Sich informieren und auseinandersetzen mit neueren Entwicklungen. Es gibt inzwischen etliche kritische SozialarbeiterInnen-Blogs. Es gibt das Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit und vieles mehr.
  • Stellung beziehen zu den Entwicklungen, Entscheidungen und Vorgängen, die wir tagtäglich beobachten. Das Wort ergreifen und als soziale Fachkraft unsere Meinung, unsere Einschätzung kundtun: im Gespräch mit Freunden, durch Leserbriefe, Aktionen, durch das Mitmachen bei Petitionen und durch die aktive Unterstützung solcher Initiativen der eigenen Organisation, z.B. des Berufsverbandes.

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Was könnte man tun? – Fall 4: kein Erfolg?

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun? (4)

Text:  „Sie haben das Ziel nicht erreicht. Also keine Verlängerung“ – Erfolg ist in der ambulanten Psychiatrie, wenn es wenig kostet. (Seithe/Wiesner-Rau 2013, S. 32)
Als Sozialtherapeutin betreue ich in einer ostdeutschen Großstadt seit einem Jahr neben anderen Klientinnen eine psychisch kranke Frau. Ich bin Einzelfallhelferin in der ambulanten Psychiatrie und bei einem Träger angestellt, der mir die Fälle zuweist. Meine Therapiestunden werden von der Krankenkasse genehmigt und finanziert, ähnlich wie bei ambulant tätigen Psychotherapeuten. (Bis heute ist mir nicht klar, was die bei meiner Klientin zum Beispiel anderes machen könnten. Aber da ich „nur“ Sozialarbeiterin bin, bekomme ich deutlich weniger für die Stunde.)
Aber das ist nicht die Schweinerei, um die es mir hier geht. Was ich hier erzählen möchte, finde ich weitaus schlimmer! Es geht um eine junge Frau, Adriane M., die ich betreue und mit der ich sozialtherapeutisch arbeite. Sie ist seit ihrer Kindheit psychisch auffällig, hat die Schule nicht abgeschlossen und war auch nie berufstätig. Sie hat eine manische Depression und darüber hinaus eine massive Medikamentensucht entwickelt. Immer wieder war sie für mehrere Monate stationär in psychiatrischer Behandlung. Die Krankenhausaufenthalte haben nicht viel bewegt. Aber ich denke, die Beweggründe der Krankenkasse, dieser Frau eine ambulante Therapie zu genehmigen, sind nicht, eine Alternative zum eher wirkungslosen stationären Aufenthalt zu unterstützen, sondern vor allem Geld einzusparen, indem sie so weitere, teure stationäre Aufenthalte vermeiden.
Ich kenne Adriane M. inzwischen sehr gut. Die Arbeit mit ihr ist ein einziges Auf und Ab. Immerhin ist im Verlauf des Jahres ein gewisses Vertrauensverhältnis entstanden. Ich hatte mir, das heißt wir beide haben uns zum Ziel gesetzt, dass Adriane es schaffen soll, in eine eigene Wohnung zu ziehen oder in eine Wohngemeinschaft. Denn der Aufenthalt bei ihren Eltern tut ihr gar nicht gut und das hat sie inzwischen begriffen. Gleichzeitig möchte vor allem ich erreichen, dass die junge Frau selbstständig einkaufen kann, dass sich ihre Kontakte zu den wenigen Freunden und Bekannten wieder stabilisieren und dass sie lernt, ihre Zeit sinnvoll und vor allem nicht nur mit Essen zu verbringen. Adriane akzeptiert diese Ziele, auch wenn sie hier weniger motiviert ist als bei der Frage der eigenen Wohnung.
Einiges war in diesem Jahr zu bewegen. Wir haben den Absprung von den Eltern gewagt. Das ging eine Weile auch gut, aber nach zwei Monaten geriet Adriane in eine Krise und drohte mit Selbstmord, was zu einer erneuten, vorübergehenden stationären Unterbringung führte. Nach vier Wochen konnte sie wieder nach Hause und ich nahm die Arbeit mit ihr wieder auf. Es gelang uns dann gemeinsam, die neue, eigenständige Wohnsituation Schritt für Schritt zu stabilisieren.
Als das genehmigte Jahr fast herum war, schrieb ich den üblichen Bericht für die Krankenkasse und beantragte natürlich auch die Verlängerung der Hilfemaßnahme. Ich selber bin mit meinen Ergebnissen eigentlich zufrieden, besonders, weil es gelungen ist, nach der Krise sozusagen auf einem besseren Niveau weiterzumachen. So konnten wir endlich auch gemeinsam mit dem Arzt die Medikamentensucht etwas eindämmen und ich habe sogar erreicht, dass die junge Frau jetzt einmal in der Woche mit mir ins Schwimmbad geht und sich dort sogar mit ein paar anderen Leuten angefreundet hat. Gegen die Esssucht konnte ich freilich bisher noch nicht ankommen. Auch die selbstständige Wohnsituation ist immer noch ab und an Auslöser für Krisen, aber allmählich reagiert Adriane viel seltener mit Panikattacken und Depressionen. Wir waren also zwar recht gut vorangekommen, aber noch lange nicht über den Berg. Das selbstständige Einkaufen klappt bisher nur dann, wenn es der Klientin einigermaßen gut geht, aber es gab auch hier bereits Erfolge, auf die die junge Frau mit Stolz und Freude reagiert hat. Das war etwas sehr Neues, denn bisher zeigte Adriane auch bei eigenen Erfolgen und geglückten Versuchen eher nur ein resigniertes und höfliches Lächeln, mehr nicht. Für mich war dieses neue, stolze Lächeln übrigens ein deutlicher Beweis dafür, dass sie endlich anfing, sich aktiv zu sich selber zu verhalten. Und ich wusste, dass das die Voraussetzung für sie ist, in Zukunft motivierter und aktiver mitzuarbeiten.
Ich bin gestern fast auf den Rücken gefallen, als die Mitteilung von der Krankenkasse kam: Sie lehnen in Rücksprache mit dem Sozialamt den Verlängerungsantrag mit der Begründung ab, Adriane M. sei ja doch wieder und trotz der Sozialtherapie vier Wochen in stationärer Behandlung gewesen. Damit sei ein Erfolg aus ihrer Sicht nicht erreicht. Das Ergebnis zeige vielmehr, dass meine Arbeit nicht wirklich weiterhelfe. Ich könne froh sein, dass sie die Bewilligung nicht schon vor Monaten, sofort nach der stationären Einweisung, zurückgezogen hätten.
Ich kann es gar nicht glauben! All unsere kleinen und großen Erfolge spielen für die Auftraggeber keine Rolle! Für sie geht es wirklich nur darum, die stationären Aufenthalte zu reduzieren – und das sei eben nicht gelungen. Mit vier Wochen hätte die Patientin genauso lange im Krankenhaus gelegen wie im Vorjahr, als sie keine begleitende Hilfe hatte.
Was ist das fachlich gesehen für eine lächerliche Sichtweise!? Als wäre Adriane eine Maschine, in die ich nur fleißig Inputs reinstecken muss, damit sie brav und genau funktioniert. Haben die denn noch nie was davon gehört, dass solche therapeutischen Prozesse widersprüchlich, in Auf- und Ab-Bewegungen und manchmal äußerst zäh verlaufen? Haben die noch nie davon gehört, dass sich Menschen nicht von heute auf morgen stabilisieren können, dass dazu viel Vertrauen gehört, auch Selbstvertrauen, das erst langsam entstehen kann? Haben die noch nie davon gehört, dass alle Probleme gerade bei psychisch Kranken zusammenhängen und zusammenwirken und man auf all den verschiedenen Ebenen versuchen muss, geduldig und Schritt für Schritt voranzukommen?
Und was wird aus Adriane? Alle ihre Schritte zu einem neuen, selbstständigen Leben sind für die Katz? Haben die sich überlegt, was das für eine psychisch kranke junge Frau bedeuten kann, wenn unsere Kontakte auf einmal aufhören müssen? Haben die denn nicht begriffen, dass sie Adriane damit hochgradig gefährden?
Und was soll ich tun? Es ist nicht so, als hätte ich keine anderen Fälle. Ich könnte froh sein, dass ich jetzt für den jungen Drogenabhängigen Zeit haben werde, den ich bisher immer mit nur einem Termin in 14 Tagen vertrösten muss. Aber ich kann doch Adriane nicht so hängen lassen.
Was also soll ich tun? An die Krankenkasse schreiben? Protest einlegen? Widerspruch gegen den Bescheid? Ich bin ziemlich schockiert und geladen. Tatsächlich habe ich gestern, gleich nachdem ich den Brief gelesen hatte, bei der Sachbearbeiterin angerufen. Sie hat sich meine aufgeregten Einwände angehört und dann gesagt: „Sie müssen das auch mal von der Seite sehen: Vielleicht ist es doch auch ganz gut, wenn die junge Frau mal keine Betreuung hat. Manche legen sich eben einfach auf die faule Haut und entwickeln keine eigene Initiative. Wir warten es einfach mal ab.“ Da hab ich den Hörer aufgelegt. Was sollte ich dazu sagen?
Heute früh rief mich mein Träger an, er hätte gehört, der Fall Adriane M. würde nicht weiter verlängert. Das sei doch super, denn dann könnte ich jetzt endlich bei Roger, dem Drogenabhängigen, richtig einsteigen. Das Jobcenter läge ihnen schon seit Tagen im Ohr, weil der junge, drogenabhängige Mann erneut eingewiesen werden solle. „Sie haben doch schon Kontakt zu ihm aufgenommen, oder? Na sehen Sie, dann können Sie doch da jetzt endlich richtig was machen, das ist doch auch ein Vorteil!“
Da werde ich also wieder einen betreuen und therapieren, bei dem nur dann von Erfolg gesprochen werden darf, wenn er endlich und sicher keine weiteren Kosten mehr verursacht. Ist das eigentlich wirklich mein Job? Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt.

………………………………………………………………………………….

Fachliche Kritik

  • Die Sozialtherapeutin arbeitet ziemlich frei und intensiv. Offenbar kommt sie auch mit der vorgegebenen Stundenzahl zurecht. Das Problem ist, dass ihre Ergebnisse und Erfolge in keiner Weise gesehen und gewürdigt werden.
  • Das, was in ihren Augen Erfolg bedeutet, entspricht nicht der Zielperspektive und der Erfolgsdefinition derer, die über die Fortführung der Maßnahme zu entscheiden haben.
  • Dort wird der Erfolg rein betriebswirtschaftlich und auch das in erstaunlich einfach gestrickter Denkweise definiert: Ziel ist es, die Klinikaufenthalte zu reduzieren. Weil dies nicht der Fall war, gilt die Arbeit als erfolglos. Es wird weder gesehen, wodurch der Klinikaufenthalt notwendig wurde, noch dass ihm kein wirklicher Rückfall folgte, sondern eher ein Fortschritt in der Gesamtarbeit. Es wurde auch nicht berücksichtigt, wie die Gesamtprognose des Falls aussieht, ob also auf längere Sicht die Reduktion der Krankenhausaufenthalte wahrscheinlich werden könnte.
  • Damit ging es bei der Maßnahme um ein rein ökonomisches Ziel. Das Befinden der Patientin spielte dabei keinerlei Rolle. Auch bestanden ganz offensichtlich keinerlei Interesse am Fall selbst und ebenso kein Verständnis für die Therapieprozesse und ihr komplizierten, widersprüchlichen Verläufe.
  • Der Abbruch, der in Wirklichkeit positiv zu bewertenden und erfolgreichen Hilfe, dürfte einen großen Rückschlag für die Patientin bedeuten und vermutlich weitaus längere Klinikaufenthalte nach sich ziehen. Zumindest wird hier willkürlich und ohne inhaltliche Begründung der Versuch abgebrochen, einem behinderten, kranken Menschen ein Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse der Hintergründe

Erklärt werden kann dieses Vorgehen der Krankenkasse bzw. des Sozialamtes nur dadurch, dass hier ein rein ökonomisches Konzept gefahren wird:

      • Es geht nicht um Hilfe, um Hilfe zur Teilnahme, um Heilung und das Wohlergehen der Betroffenen. Es geht ausschließlich um das Einsparen sonst entstehender Kosten.
      • Die Klientin und ihre Problemlage werden hier zur Ware und der Fall ist eine Frage von Effizienz. Die Hilfe im vergangenen Jahr hat sich nicht als hinreichend effizient erwiesen (es entstanden die gleichen Klinikkosten und die Kosten für die ambulante Hilfe noch dazu). Aus betriebswirtschaftlicher Sicht erweist sich der zusätzliche Einsatz als nicht kostensenkend als nicht effizient also nicht erfolgreich.
      • Dabei ist der fachliche Umgang mit der Problemlage geradezu primitiv: Wer hier entscheiden, könnte auch über den Erfolg eines neuen Herstellungsverfahrens für Autoreifen entscheiden. Fachliches Verständnis für die Sachlage fehlt vollständig. Das ist selbst aus betriebswirtschaftlicher Sicht unerträglich plump.

Hintergrund ist die Ökonomisierung des Gesundheits- und des Sozialbereiches, die ein solches Vorgehen rechtfertigt und vorschreibt und die keinen Unterschied zwischen Autoreifen und Menschen, zwischen technischer Produktion und psychosozialer Therapie und Beratung macht. Sozialamt wie Krankenkasse können nur noch solche Entscheidungen als gut befinden, die sich rechnen.

So werden die PatientInnen um die ihnen zustehende und die erforderliche Hilfe betrogen, die Professionellen werden aufgefressen und aufgebraucht und die Verfahren drohen zu mechanischen und unprofessionellen Steuerungsverfahren zu verkommen.

Einschätzung der Lage und Reaktion der betroffenen SozialarbeiterIn

  • Die Kollegin reagiert auf den Bescheid völlig arglos handelt  professionell.
    Sie hat mit dieser Reaktion nicht gerechnet. Sie fragt die Entscheidungsbehörde nach den Gründen und versucht noch einmal, ihre Argumente – diesmal mündlich – vorzutragen. Die Antwort macht ihr deutlich, dass außer ihr selbst niemand Interesse für ihre Klientin hat. Im Gegenteil, ihrer Klientin gegenüber wird sogar Misstrauen geäußert und die Vermutung angedeutet, dass sie vielleicht gar keine Hilfe bräuchte. Die Therapeutin ist so erschrocken, dass sie sich spontan nicht zu helfen weiß.
  • Ihr tut es um ihre Patientin Leid, auch um die viele und durchaus erfolgreiche Arbeit, die jetzt einfach zunichte gemacht werden soll. Und sie ist nicht so einfach bereit, den bequemen Weg zu gehen, den ihr Auftraggeber ihr anbietet.
  • Sie spielt mit dem Gedanken, sich zu beschweren oder Widerspruch einzulegen. Aber sie schwankt.
  • Es wird angedeutet, dass sie sich fügt und damit tröstet, dass der nächste Klient schließlich auch Hilfe braucht.

Grundsätzlich mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr im beschriebenen Beispiel

Hätte sie mehr tun können?

  • Sie hätte noch einmal anrufen und auf einem Termin mit der Sachbearbeiterin der Krankenkasse und dem Sozialamt bestehen können. Möglicherweise hätte sie mit ihren fachlichen Argumenten die beiden doch noch beeindruckt und sie soweit stärken können, das diese ihrerseits ihre Vorgesetzten entsprechend aufgeklärt hätten.
  • Bei Misserfolg eines solchen direkten Gespräches mit den Leuten an der Basis gäbe es auch die Möglichkeit, sich beim eigenen Träger Rückendeckung zu holen für weitere Gespräche mit deren Vorgesetzten, der Amtsleitung etc. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Träger hier sehr ängstlich sind, weil sie befürchten, als „renintent“ eingeschätzt zu werden und keine weiteren Fälle mehr zugewiesen bekommen.
  • Möglich wäre z.B. auch, den Vormund ihrer Patientin dazu zu bewegen, Widerspruch einzulegen oder sogar mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde zu drohen.
  • Wichtig wäre in solchen Gesprächen und Auseinandersetzungen, den Gebrauch ökonomischer Begriff für sozialarbeiterische Prozesse infrage zu stellen. Hier müsste klar gemacht werden, was Erfolg für die Profession bedeutet und was nicht.

Welche Schritte sie auch immer unternimmt im Rahmen ihrer Arbeit, sie muss gute fachliche Argumente haben und diese gut vorbringen können. Und sie sollte immer klar ausstrahlen, dass sie nicht die Kolleginnen für solche Fehlentscheidungen verantwortlich macht, sondern das System der Ökonomisierung.

Es gälte, BündnispartnerInnen zu finden, denen die Ökonomisierung auch als Problem erscheint und die bereit sind, sich über die Regeln der Ökonomisierung hinwegzusetzen und Sie infrage zu stellen.

Mit anderen zusammen  wäre es gut möglich, den Fall in die Öffentlichkeit zu tragen, nicht durch Bruch des Dienstgeheimnisses oder gar der Schweigepflicht, sondern durch Veröffentlichung einer grundsätzlichen Meinung hier konkret zur Frage: Wozu wird PatientInnen geholfen – damit man Kosten einspart oder damit sie in Zukunft mit ihrem Leben besser klar kommen? Dafür kann man Leserbriefe oder Flugblätter nutzen. Wenn das Problem die öffentliche Jugend- oder Sozialhilfe betrifft sind auch offizielle Fragen im Stadtparlament und in den Ausschüssen geeignet.

Es soll eine Gruppe kritischer SozialarbeiterInnen gegeben haben, die mit einer Tageszeitung eine wöchentliche Kolumne vereinbart haben: „Neues aus der Sozialen Arbeit“, oder „Unser Sozialstaat auf dem Prüfstein“…. Und die so unbehelligt sagen konnten, was sie nicht in Ordnung fanden. Als Träger und Ämter Druck auf die Zeitung ausübten, diese Kolumne einzustellen, war die Gruppe in der Lage, so viele Leute zu Leserbriefen zu bewegen, dass es für die Zeitung nicht möglich war, den Wünschen nachzugeben. Aus so was könnte mehr entstehen, z.B. ein Forum über die Lage des Sozialen in dieser Stadt….

Was könnte man allgemein gegen die Ökonomisierung tun?

Unabhängig vom konkreten Arbeitgeber und von den zuständigen Ämtern in der Stadt müsste etwas gegen die Ökonomisierung insgesamt getan werden.
Das geht am besten in entsprechenden sozialen, sozialpolitischen Organisationen oder auch im eigenen Berufsverband und in Gewerkschaften. Dass hier so etwas geschieht, ist freilich nicht selbstverständlich. Da reicht es nicht, einzutreten und abzuwarten.
Es hängt davon ab, ob die jeweilige Organisation von möglichst vielen Mitgliedern dazu bewegt wird, sich politisch in bestimmten Fragen zu engagieren. Also bedeutet, sich zu organisieren mehr als darauf zu warten, dass die Organisation was für einen tut. Es bedeutet, zusammen mit Gleichgesinnten und mit der Unterstützung der Organisation im Rücken selbst aktiv werden und dabei ein dickes Fell und viel Geduld mitzubringen.

Gäbe es so etwas wie eine „Sozialarbeiter-Kammer“, könnte man sie als Sprachrohr gegenüber Ämtern und z.B. der Krankenkasse benutzen.
Aber auch schon der Gedanke, dass ein Träger, ein Amt, eine Behörde nervös werden könnte, weil sich der Berufsverband in eine Angelegenheit eingemischt hat, auch dieser Gedanke könnte einem gut gefallen. Dahin haben wir allerdings noch einen weiten Weg. Bisher wird der Berufsverband kaum mehr beachtet, als die störende Fliege an der Wand. Wir könnten das ändern. Nur wir.

Die Ökonomisierung des Sozialen, des Gesundheitsbereiches, der Bildung, der Pflege etc. ist ein hochbrisantes gesellschaftspolitisches Thema, das so manchen bewegt in unserer Gesellschaft. Hier besteht die Notwendigkeit, das sich die Soziale Arbeit, dass wir uns in den Diskurs einmischen. Da mag mancher kritische Wissenschaftler einen zündenden Zeitungsartikel oder Fachtext schreiben. Die „einfache SozialarbeiterIn“ mischt sich in diesen Diskurs vielleicht beim Mittagessen in der Kantine ein oder sie gründet eine Gruppe kritischer SozialarbeiterInnen in ihrer Stadt, die gemeinsam diese Fragen diskutieren und einen Weg finden, die Ergebnisse ihrer Diskussion in die Öffentlichkeit zu tragen.

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Was könnte man tun? – Fall 3 inkompetenter Träger

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun? (3)

 Text:„Das kann nicht gut ausgehen!“ Der Träger, der das günstigste Angebot macht, bekommt den Leistungsvertrag – egal, wie er diese Leistung erbringt (Seithe/Wiesner-Rau 2013, S. 42)
Heute habe ich wieder mal ziemlich Bauschmerzen gehabt. Der Fall Lydia D. ist vom Träger „Rückenwind“ übernommen worden. Das hat das Hilfe-Konstrukt-Team so bestimmt. Ich war dagegen, aber sie haben mich überstimmt und es gab kein Entrinnen: dort war Kapazität frei und die gewünschte Hilfe wird von diesem Träger am weitaus kostengünstigsten angeboten. Was sollte ich dagegen sagen? Es stimmt ja, sie sind nun mal die Billigsten, die Sozialpädagogische Familienhilfe bei uns anbieten.
Aber ich kann das kaum ertragen: Ich weiß so ziemlich genau, wie schlecht da gearbeitet wird. Mit vier Stunden pro Woche inklusive Vor- und Nachbereitung kann das nicht anders sein. Und die Zeit zur Reflexion und Verbesserung der eigenen Arbeit werden die eingesetzten Kräfte wohl gar nicht für sich in Anspruch nehmen, fürchte ich. Es sind unausgebildete Kräfte, zwei sind Erzieherinnen, es gibt keine Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Sie alle werden allerdings von einem Sozialarbeiter angeleitet und das muss reichen. Offenbar reicht es auch unserem Jugendamt.
Und was macht eine nicht sozialpädagogisch ausgebildete Kraft in diesen Familien? Ich fürchte, sie predigt dort, wie es sein müsste, stellt Forderungen an die Familie, gibt Anweisungen, prangert die Missstände an. Bei solchen Rahmenbedingungen kann man kaum Professionalität erwarten. Aber um die Familien und um die Qualität der Sozialen Arbeit geht es im Jugendamt schon lange nicht mehr, es müssen vielmehr die KLR-Zahlen stimmen. Wie ich diesen Begriff hasse: Kostenleistungsrechnung! Und dann wird gefragt: „Wozu brauchen wir überhaupt ausgebildete Sozialarbeiter? Es klappt doch!“ Wie perfide das alles ist!
Ich habe nach dem Hilfe-Konstrukt-Team noch mal mit unserer Chefin gesprochen. Ich konnte das alles einfach nicht hinnehmen. Da läuft man mit offenen Augen in eine Situation, die die Lage in der Familie verschärfen wird und dazu führen wird, dass Lydia in Zukunft noch weniger Vertrauen in uns Helfer hat. Meine Chefin hat nur die Augen verdreht und gesagt: „Du machst dir einfach zu viele Sorgen.“ Außerdem hätte „Rückenwind“ nun mal den Leistungsvertrag mit dem Stadtrat abgeschlossen und damit sei nach außen hin alles paletti. Punkt. Trotzdem, ich habe es weiter versucht, habe ihr noch einmal all meine Bedenken genannt, auch, dass die Mitarbeiter bei „Rückenwind“ extrem defizitorientiert sind und mit den Familien in einer Art Hauruck-Verfahren umgehen. „Aber das ist doch bei acht Familien pro Vollzeitkraft auch kein Wunder“, hat die Chefin geantwortet.
‚Stimmt‘, dachte ich. ‚Das ist ja das Absurde!‘
„Wie kannst du das so gelassen sagen?“, platzte es aus mir heraus. „Da ist doch null Beziehungsarbeit möglich. Das ist alles Wahnsinn und du weißt so gut wie ich, dass Lydias Familie bei so was nicht mitziehen wird.“
Wir müssten einfach mal abwarten, meinte die Chefin nur. Träger würden nun mal vom Stadtrat beauftragt und was sie und wie sie dann konkret arbeiten, das interessiere nicht wirklich: Hauptsache billig.
Sie wusste es also ganz genau, aber sie zuckte die Achseln. Ich sah sie ungläubig an. Ich konnte mir das Wort „Scheiße“ nicht verkneifen. Sie ließ mich einfach stehen.
Meine Güte, wir vom Allgemeinen Sozialen Dienst haben so viel Verantwortung für die Familien. Aber wir müssen immer öfter zusehen, dass die Arbeit mit unseren Klientinnen und Klienten von Leuten gemacht wird, denen wir fachlich nicht trauen können und die von irgendeinem geldgierigen Geschäftsführer, der außerdem oft sogar null Ahnung hat von Sozialer Arbeit, mit minimalem Aufwand und fachlich unerträglichen Methoden durch diese Aufgabe hindurchgehetzt werden.
Was soll ich dazu bloß Lydias Mutter sagen, wenn sie morgen kommt? Ich hatte ihr die Chancen einer Sozialpädagogischen Familienhilfe positiv geschildert. Und ich sehe das auch wirklich so. Aber eben nicht bei „Rückenwind“, da wirklich nicht. Und alle wissen das im Amt so gut wie ich. Lydias Mutter wird sich nun auch von mir verarscht fühlen. Höchstens zwei Kontakte pro Woche, und was für Kontakte – und ich habe was von „in Ruhe besprechen, vorsichtig versuchen, Schritt für Schritt an den Problemen arbeiten“ gesagt, davon, dass sie erst mal Vertrauen gewinnen müsse. Das wird sie jetzt ganz und gar anders erfahren. Aber ich werde da nicht tatenlos zusehen.

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Fachliche Kritik

  • Es wird im Team nicht nach den Vorgaben entschieden, die die federführende Fachkraft entwickelt hat, sondern über sie hinweg nach den Kriterien: welche Kapazitäten sind frei und welches ist das günstigste Angebot.
  • Die Hilfe wird diesem Träger übergeben, obwohl bekannt ist, dass hier Nicht-Fachkräfte mit den Familien arbeiten und diese keine sozialpädagogische Familienhilfe leisten, sondern eher eine ersetzende und bevormundende Hilfe praktizieren.
  • Folge ist mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass die Bemühungen der Hilfe ins Gegenteil umschlagen.
  • Das aufgebaute Vertrauen wird so gefährdet und geht mit hoher Wahrscheinlichkeit verloren, da die Erwartungen der KlientInnen nicht erfüllt werden können. Die bisher geleistete Arbeit wird nicht anerkannt und an ihr wird nicht angeknüpft.
  • Die zur Verfügung gestellte Stundenzahl ist nach Einschätzung der Fachkraft ebenfalls nicht ausreichend, um die zu bearbeitenden Probleme im Sinne einer gemeinsamen Bearbeitung mit den Betroffenen zu bewältigen.

 Gesellschaftswissenschaftliche und politische Hintergründe

  • Der Träger, die Verantwortlichen und das Team fühlen sich an einen Vertrag gebunden, den dieser Träger mit dem Stadtrat abgeschlossen hat.
  • Sein Angebot wurde dort als ausreichend und besonders kostengünstig gewertet, ohne dass inhaltliche Kriterien dabei eine wirkliche Rolle gespielt hätten und ohne die Erfahrungen der PraktikerInnen einzubeziehen.
  • Diesem Vorgehen liegt die Absicht zugrunde, die SpFH so kostengünstig zu bekommen, wie eben möglich, damit die Kosten-Leistungs-Rechnung stimmt.
  • Hier wird der Effizienzgedanke eindeutig über die Frage von Fachlichkeit und auch über die Vorschriften des KJHG gestellt, das von dem individuellen, passgenauen Zuschnitt einer Hilfe zur Erziehung ausgeht.
  • Wir haben es mit einer Jugendhilfepraxis zu tun, die sich von den Fragen der Fachlichkeit verabschiedet hat und die MitarbeiterInnen per Dienstanweisung zwingt, fachlich Inakzeptables hinzunehmen und sogar selbst einzuleiten.
  • Das Vorgehen ist also gesetz widerig und unfachlich. Dennoch wird es als unumstößlich angesehen und auch von denen hingenommen, die sich über die Folgen im Klaren sind.

Einschätzung der Lage und der Reaktion der betroffenen SozialarbeiterIn

  • Die Mitarbeiterin, die diese Geschichte erzählt, ist empört und entsetzt. Sie ärgert sich darüber, dass ihre Arbeit derartig mit Füßen getreten wird.
  • Die MitarbeiterIn hat das Gefühl, dass sie den KlientInnen gegenüber diese Fehlentscheidung von Amt und Politik austragen muss und für etwas verantwortlich zeichnen soll, dass sie selbst für falsch hält.
  • Sie gibt sich nicht einfach mit diesem Beschluss zufrieden und wendet sich noch einmal empört an ihre Vorgesetzte. Diese aber weiß um das Problem, meint aber auch nichts tun zu können und lässt ihre Mitarbeiterin mit dem Problem alleine.
  • Die ist noch immer nicht einverstanden und würde gerne weiter kämpfen. Ob sie eine Idee hat, was sie tun könnte, bleibt offen.

Mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr

Was  hätte sie noch tun können an ihrem Arbeitsplatz?

Weitere Gespräche, etwa mit dem Geschäftsführer, der Amtsleitung wären – wenn sie gelingen – vielleicht hilfreich. Die Herrschaften wissen in der Regel nicht wirklich, was an der Basis los ist. Hier könnte Information etwas bringen. Voraussetzung ist hier, dass man inhaltlich und fachlich gut vorbereitet ist und seine Argumente sachlich vortragen kann. Vielleicht kommt doch Unterstützung von diesen Seiten. Zu befürchten ist allerdings, dass sie auch hier abblitzen wird, vielleicht sogar mit dem Hinweis, sie solle sich um ihre Sachen kümmern.
Grundsätzlich wäre der KollegIn zu empfehlen, dass sie z.B. Fakten über unhaltbare Zustände bei Trägern sammelt und dokumentiert. Wenn es darauf ankommt, muss man Behauptungen und Befürchtungen nicht nur theoretisch begründen, sondern auch konkrete Fakten und Beispiele nennen können.

Eine weitere Möglichkeit bestände darin, die TeamkollegInnen noch einmal anzusprechen und um Unterstützung zu bitten. Gemeinsam kann ein Team durchaus mehr erreichen, als jeder Einzelne. Aber auch hier gelingt es nicht immer, KollegInnen von der Notwendigkeit von Gegenwehr zu überzeugen. Viele lehnen es ganz ab, sich damit zu befassen. Nicht selten geben sie den kritischen KollegInnen eigentlich Recht, haben aber Angst selbst aktiv zu werden oder ihre Meinung öffentlich zu machen. Das ist für die Betroffenen eine bittere Enttäuschung.
Es wäre in solchen Fällen jedoch angeraten, weiter geduldig langfristig zu versuchen, mit den KollegInnen zu sprechen, z.B. darüber, warum es möglich sein kann, dass sie alle solchen fachlichen Unsinn hinnehmen müssen, den man eigentlich nicht verantworten kann. Wichtig ist, KollegInnen, die sich zunächst verweigern, nicht einfach links liegen zu lassen oder sie gar abzuurteilen. Wir sollten zum einen deutlich machen, dass nicht sie selbst schuld sind an Misserfolgen und an der Wirkungslosigkeit ihrer Arbeit, sondern dass es Gründe gibt, die gesellschaftlicher Natur und die nicht naturgegeben und unveränderlich sind. Nicht die KollegInnen sind schuld daran, wenn ihre Mühen ohne Wirkung bleiben sondern diejenigen, die es verantworten, einfach willkürlich die Rahmenbedingungen für die Arbeit herunterzuschrauben.
Es gelingt am besten, solche KollegInnen aufzuschließen, wenn man mit „verstehender Konfrontation“ vorgeht, also sehr wohl mit der Problematik konfrontiert, dabei aber sowohl die Gründe für ihre Untätigkeit als auch die Befürchtungen zu verstehen versucht, die diese Konfrontation auslöst.

Hilfereich ist es auch, sich selbst und den KollegInnen klar zu machen, dass wir angesichts der kritischen Lage sehr wohl ein Recht auf Unbehagen haben und wir unser Unbehagen und unsere Kritik nicht als Jammern abwerten lassen. Wir haben ein Recht darauf, nicht einverstanden zu sein und auch ein Recht darauf, es laut zu sagen.

Voraussetzung für alle Gespräche und Versuche, zu überzeugen, ist, dass die KollegIn gute, stichhaltige und fachlich begründete Argumente parat hat, z.B. warum eine Hilfe mit so wenig Stunden und mit einem nicht sozialpädagogischen Konzept nicht nur nicht greifen wird, sondern möglicher weise die Lage der Familie verschlechtern kann.

Will die Mitarbeiterin des Sozialen Dienstes, die diese Geschichte erzählt hat, mehr tun und solche Praktiken offen anprangern und offen legen, sollte sie sich mit anderen KollegInnen zusammen tun und sich Wege ausdenken, wie man dabei vorgehen könnte, ohne gleich den eigenen Arbeitsplatz zu gefährden.
Zum Beispiel wäre es denkbar, dass man „als aufmerksame Bürger und Nachbarn von Betroffenen“ einen Leserbrief schreibt, in dem man darauf aufmerksam macht, dass die öffentliche Jugendhilfe – um zu sparen – Fehlentscheidungen trifft, deren Folgen im Endeffekt viel mehr kosten werden. Wenn man einen solchen Brief als Gruppe „kritische Soziale Arbeit“ oder als Mitglieder des Berufsverbandes unterschreibt, bleibt der Einzelne unangreifbar und anonym.

Als KollegInnengruppe stehen viele Möglichkeiten der Gegenwehr zur Verfügung: die Planung und Durchführung kleiner, kreativer Protestaktionen, das Setzen von Zeichen, die die kritische Haltung deutlich machen (beisp. bestimmte Buttons oder die weißen Fahnen an den Fenstern der Berliner Jugendämter), Verteilung von Flugblättern, Aufklebern, gezielte Streikaktionen, kollektive Krankschreibung, kollektive Überlastungsanzeigen usw.

Das heißt aber auch, dass es von großer Wichtigkeit wäre, für sich eine unterstützende, solidarische Gruppe zu finden oder ggf. auch erst aufzubauen. Hier sollte man sich erst einmal folgende Fragen stellen:

  • Wie stehen meine KollegInnen zur Lage? Könnte ich mit Ihnen reden? Wäre es möglich, gemeinsame Strategien zu entwickeln?
  • Haben wir einen Personal- oder Betriebsrat? Warum eigentlich nicht? Und wenn doch: Wie könnten wir den dazu bringen, sich ein wenig mehr aus dem Fenster zu lehnen als bisher?
  • Gibt es in meiner Stadt oder Region eine Gruppe, in denen kritische SozialarbeiterInnen aktiv sind und mit denen ich zusammenarbeiten könnte? Wie könnte ich sie finden? Könnte man ggf. so eine Gruppe gründen?

Der grundsätzliche Widerstand gegen die Ökonomisierung

Die Ökonomisierung dominiert unsere Profession. Es wird nicht leicht sein und nicht schnell gehen, sie wieder loszuwerden. Schließlich handelt es sich dabei um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der Kampf gegen die Ökonomisierung, mit der die gegenwärtige neoliberale Politik die Sozialen Arbeit, ebenso wie den Gesundheits- oder auch das Bildungswesen vereinnahmt hat und die uns zwingt, Menschen nach ihrer Nützlichkeit und Effizienz zu bewerten und sie wie Ware zu behandeln, diesen Kampf wird man nicht alleine und auch nicht nur am Arbeitsplatz führen können. Hier findet man aber in den großen politischen und berufspolitischen Verbänden und Organisationen MitkämpferInnen und Bündnispartner.

Um unsere Arbeit unter diesen Bedingungen ertragen zu können, um Wege zu finden, auch unter solchen Bedingungen noch parteilich und im Interesse der Betroffenen arbeiten zu können, ist die Unterstützung von Gleichgesinnten lebensnotwendig, und das sowohl im ganz konkreten, praktischen Sinne als auch im Sinne der eigenen Psychohygiene.

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Was könnte man tun? – Fall 2: Allgemeiner Sozialer Dienst

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun? (2)

Text:  „So können wir unsere wichtigen Aufgaben nicht erfüllen!“– Hilferufe aus dem Allgemeinen Sozialen Dienst (Seithe/Wiesner-Rau 2013, S. 92)
Ich arbeite seit über 15 Jahren als Bezirkssozialarbeiterin in einer deutschen Millionenstadt, immer in belasteten Stadtteilen. In dieser Zeit wurde die Arbeit immer mehr, immer schwieriger und immer belastender. Die Bürokratie ist unglaublich angestiegen, die Hürden, um eine Hilfe zu erschließen, sind riesig (oft sind über 20 verschiedene Schritte, Unterschriften zur Genehmigung etc. erforderlich), die Ressourcen werden immer knapper.
Statt „rauszugehen“ in den Stadtteil, Hausbesuche durchzuführen usw. verbringen wir immer mehr Zeit am Schreibtisch, um Anträge auszufüllen, Berichte zu schreiben und „Diagnosen“ zu erstellen. Viele Betroffene und Kooperationspartner melden sich enttäuscht und wütend und verstehen die Vorgehensweisen und Entscheidungen unserer Behörde, die Wartezeiten etc. nicht mehr. Ich bin oft unter großem Rechtfertigungsdruck für Entscheidungen, die ich gar nicht zu verantworten habe.Die Multiproblemfamilien werden immer mehr, jeden Tag haben wir mit psychisch kranken, suchtmittelabhängigen oder vernachlässigenden und misshandelnden Eltern, entwicklungsverzögerten, kaum geförderten oder gefährdeten Kindern und Jugendlichen, verwahrlosten Wohnungen, Arbeitslosen, verwirrten Alten, gewaltbereiten Migranten, drohendem Wohnungsverlust und vielem anderen mehr zu tun. Sehr häufig sind wir die Einzigen, die diese Menschen noch aufsuchen, sich kümmern und zu helfen versuchen.
Viele meiner Kolleginnen und Kollegen bewältigen die Arbeit nicht mehr und gehen weg, ständig sind mehrere Stellen unbesetzt, auch auf der Leitungsebene, sodass zusätzlich noch viel vertreten werden muss.
Ich fühle mich oft überfordert und an der Grenze meiner Belastbarkeit. Wenn ich mit mehr als drei oder vier schwierigen Fällen in der Kinder- und Jugendhilfe gleichzeitig zu tun habe (was meist der Fall ist), kann ich auch in meiner Freizeit nicht mehr „abschalten“ und mache mir zu Hause noch Gedanken, die mich sehr belasten.
Ich schäme mich für unsere Gesellschaft, dass ihr diese unsere Arbeit nicht mehr wert ist, mehr Anerkennung, mehr Ausstattung und mehr Gehalt. Ich bin teilzeitbeschäftigt und verdiene unter 1000,- Euro, das ist für die Verantwortung, die ich trage, absurd wenig.

………………………………………………………

Fachliche Kritik der beschriebenen Arbeit und Arbeitssituation

Die Kollegin schildert die Arbeitsplatzsituation im Allgemeinen Sozialen Dienst sehr deutlich.
Es besteht eine zunehmend hohe Arbeitsverdichtung. Die KollegInnen tragen eine enorme Verantwortung für Menschen, um die sich sonst keiner mehr kümmern würde. Die Multiproblemfamilien nehmen ständig zu. Trotzdem wird von politischer und von der Verwaltungsseite her nicht auf diese immer größer werdenden Belastungen und Herausforderungen reagiert. Es bleibt den SozialarbeiterInnen überlassen, wie sie damit fertig werden. Statt das Personal zu erweitern, bleiben viele Stellen, auch Leitungsstellen unbesetzt, sodass für die meisten neben ihrer eigenen Stelle auch noch eine Vertretung hinzukommt.
Neben dem zeitlichen Stress und der Personalknappheit wird ihnen dazu ein Höchstmaß an Bürokratie verordnet, das viel Zeit schluckt und dazu führt, dass sie fast mehr am PC sitzen, als Kontakte zu ihrer Klientel aufzunehmen. Diese Bürokratie dient mitnichten der Qualität der Arbeit, sondern eigentlich nur dem Schutz der Behörde, die sich nichts zu schulde kommen lassen will. Es geht darum, sich immer wieder abzusichern. Danach, was gut ist für die Klientel, wird dabei nicht gefragt.
Die MitarbeiterInnen sind durch das Jugendamt ständig einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Gleichzeitig müssen Sie sich nach außen und gegenüber ihrer Klientel laufend für Entscheidungen oder Prozessabläufe verteidigen, die sie selbst eigentlich gar nicht zu verantworten haben.
Unter diesen Bedingungen kann man keine gute und verantwortliche Arbeit im Allgemeinen Sozialen Dienst leisten.

Bei den meisten KollegInnen ist die Grenze ihrer Belastbarkeit erreicht. Viele steigen aus oder werden krank. So wie die Erzählerin können etliche KollegInnen in ihrer Freizeit nicht mehr abschalten und sind somit von Burnout bedroht.
Hinzu kommen der Ärger und die Kränkung, dass diese schwierige und belastende Arbeit nicht anerkannt und wertgeschätzt wird. Dies zeigt sich für die MitarbeiterInnen immer wieder am schmerzhaftesten in der zu geringen Bezahlung, die in keinem Verhältnis steht zu der Verantwortung die sie tragen.

Anmerkung: Die Bezahlung ist bei öffentlichen Trägern im Vergleich zu dem, was freie Träger zahlen, oft noch erträglich. Auch die prekären Stellen und Verträge sind eher bei freien Trägern zu finden. Dennoch steht auch der geltende Tarifvertrag TVöD im Vergleich zu den Eingruppierungen von Fachhochschul-AbgängerInnen mit anderen Ausbildungsrichtungen (z.B. Ingenieur) in keinem angemessenen Verhältnis.

 Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse Hintergründe

Was hat dazu geführt, dass der ASD heute nur noch ein Zerrspiegelbild dessen ist, was er in der Zeit vor der Neuen Steuerung, also vor 1990 war?
Durch die neue Finanzierungsform, die neue Rolle des öffentlichen Trägers als Arbeitgeber und Kontrolleur gegenüber den Leistungserbringern hat sich das Aufgabenfeld des Allgemeinen Sozialen Dienstes fatal verändert.
Von den MitarbeiterInnen wird kaum noch erwartet, dass sie selbst sozialpädagogisch tätig sind. Bei der gleichzeitigen zeitlichen und inhaltlichen Überforderung ist es dann kein Wunder, wenn im ASD keine wirkliche Diagnose mehr stattfindet, wenn ambulante Hilfe eingesetzt werden, um diagnostische Fragen zu beantworten, wenn das Verhältnis zwischen ASD und freien Trägern nicht mehr von Kooperation und Gleichberechtigung getragen ist sondern sich wie ein Herrschaftsverhältnis ansieht. Kein Wunder auch, dass der Allgemeine Soziale Dienst gezwungen ist, die Schwelle für die Hilfe zur Erziehung in Abweichung von den Vorgaben nach § 27 KJHG so hoch zu ziehen, dass fast nur noch in Fällen massiver Kindeswohlgefährdung Hilfe zur Verfügung gestellt werden kann. Kein Wunder auch, dass der eigentlich regionalisierte und auf Sozialräume hin orientierte Allgemeine Soziale Dienst immer mehr den Blick für die Lebenswelt der Klientel verloren hat.

All das sind die Folgen der veränderten Aufgabenzuschreibung und des veränderten Verständnisse der Kinder- und Jugendhilfe durch die Neue Steuerung, mit der die Ökonomisierung in die Soziale Arbeit Einlass fand. Im Rahmen der Verbetriebswirtschaftlichung und Privatisierung der Kinder- und Jugendhilfe hat sich der Blick für die Verantwortung für die Minderjährigen und jungen Erwachsenen in Richtung eines Effizienzdenkens verschoben, dass auch die Kinder- und Jugendhilfe wie einen Wirtschaftszweig auffasst, der sich zu rechnen hat und der Produkte herstellt.

Gleichzeitig mit der Abgabe der sozialen Verantwortung des Staates an die Wirtschaft und die Menschen selbst sowie ihre sozialen Nahräume, hat der Staat seine Kontroll- und Sanktionsvorstellungen gegenüber dem Teil der Bevölkerung verstärkt, die nicht von sich aus bereit ist, effizient zu sein, sich um gesellschaftliche Nützlichkeit zu bemühen und für mögliche Hilfen auch immer die von ihnen verlangten Gegenleistungen zu erbringen. Zu diesem Personenkreis gehört (neben den Menschen, die von Hartz IV leben, neben Flüchtlingen, Wohnungslosen, Randgruppen etc.) auch ein großer Teil der Klientel der Kinder- und Jugendhilfe. Eine zunehmende Nähe der Kinder- und Jugendhilfe zur Ordnungspolitik (u.a. durch die hohe Dokumentationspflicht für die MitarbeiterInnen) ist nicht zu übersehen. So wird aus dem Kinderschutz, als einem Bemühen, Kinder zu schützen und ihr Wohl zu sichern, jetzt das Bemühen, möglichst früh zu erkennen, wer in Zukunft womöglich das Wohl seiner Kinder gefährden könnte. Dieser Personenkreis wird aber nicht als Gruppe verstanden, die besondere Unterstützung benötigt. Vielmehr wird sie verstärkt kontrolliert und ggf. sanktioniert.

Was steckt hinter der Neuen Steuerung und all den Wiederauflagen der Neuen Steuerung, die wir Jahr ein Jahr aus erleben?
Die sogenannte „Neue Steuerung“ (1990) war der Einbruch der neoliberalen Politik in das Soziale und damit auch in die Kinder- und Jugendhilfe und die Hilfen zur Erziehung. Nach Galuske (Galuske 2002, 144) handelt es sich bei der Neoliberalisierung um einen gesamtgesellschaftlichen Vorgang, der keineswegs nur in Bezug auf die ehemaligen „Non-Profit“ Bereiche von Bedeutung ist. „Im Jahr 2000 beschlossen die europäischen Staats- und Regierungschefs in Portugal, die EU bis zum Jahr 2010 zur ‚wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Region der Welt“ (Dahme /Wohlfahrt 2005, 12) zu machen. „Das Aktivierungsparadigma wurde damit zum gesamteuropäischen Projekt erklärt und ist heute längst in allen westlich orientierten Wohlfahrtsstaaten akzeptiert“ (ebenda). Die allgegenwärtige Marktlogik macht nicht vor dem Alltag der Menschen halt und hat für die alltägliche Lebensführung vielfältige Konsequenzen, denn sie führt zu einer Ökonomisierung lebensweltlicher Beziehungen. Ziel der Ökonomisierung ist es, z.B. auch die Soziale Arbeit in ein Marktgeschehen umzugestalten, bei dem es grundsätzlich um Produktion von Waren, um Gewinne, um Unternehmen und um Marktfähigkeit geht. Menschliche Probleme und Bedürfnisse bzw. die ausgegrenzten oder von gesellschaftlicher Ausgrenzung bedrohten Menschen werden damit zur Ware.

Einschätzung der Reaktion der betroffenen SozialarbeiterIn

Die Erzählerin schildert ihre massive Belastung und deren Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Gesundheit. Sie schämt sich für unsere Gesellschaft, die die Arbeit der SozialarbeiterInnen im ASD nicht wertschätzen, fühlt sich also gesellschaftlich missachtet und ungerecht behandelt.
Es ist immerhin etwas, wenn sie die Situation so deutlich und kritisch schildern kann und die Folgen nicht sich, sondern der Gesellschaft anlastet. In ihrer Erzählung kommen trotzdem nur zwei Arten von Bewältigungsversuchen vor: Das Krank-Werden und das Weggehen.

Grundsätzlich mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr im beschriebenen Beispiel

Es gibt zum einen Möglichkeiten, sich am Arbeitsplatz zu wehren bzw. Position zu beziehen:

So lange es sich um den Versuch handelt, etwas an dem eigenen Arbeitsplatz und an den Arbeitsbedingungen zu ändern, unter denen man arbeiten soll, stehen der Kollegin und steht allen SozialarbeiterInnen in ähnlicher Lage die Möglichkeiten zur Verfügung, die sie als Mitarbeiterin hat:

  • Sie kann z. B. konkrete Gehaltsforderungen stellen, Geld für Überstunden, für Wochenendarbeit verlangen, sie kann einen besseren Arbeitsvertrag fordern und bessere Arbeitsbedingungen einklagen.
  • Das ist in der Regel nicht so leicht und wird kaum einfach im Gespräch mit den Vorgesetzten zu regeln sein. Was man auf dieser Ebene erreichen kann, ist ohne Zweifel begrenzt. Vorgesetzte, die einem vielleicht in der kritischen Einschätzung zustimmen, werden die Schultern zucken, weil auch sie sich gezwungen fühlen, die Aufgaben zu erfüllen, die ihnen offiziell zugedacht sind. Und auf Politik haben sie auch keinen Einfluss.
  • Hier hilft es ungemein, wenn innerhalb des Teams Einigkeit und Solidarität besteht und man gemeinsam begründete Forderungen stellt und dabei Phantasie, Ausdauer und die notwendige Sturheit entwickelt.
  • Personalräte bzw. Betriebsräte können hier hilfreich sein, müssen aber meist von den KollegInnen entsprechend gefordert werden.
  • Wird es ernst und steht man mit seinem Arbeitsgeber vor Gericht, so kann man die Unterstützung seiner Gewerkschaft oder des Berufsverbandes DBSH bekommen.

Das Sich-Organisieren hat aber nicht nur den Zweck konkreter Unterstützung bei Tariffragen u.ä. Es ist vor allem wichtig, damit man nicht alleine ist, damit man sich austauschen kann, gemeinsame Strategien entwickeln und sich gegenseitig stärken kann.
Im Rahmen einer Organisation ist es auch möglich, Mittel und Wege zu finden, Missstände und prekäre Situationen in der eigenen Arbeit anzuprangern und öffentlich zu machen, ohne dass man als Person dabei in Gefahr gerät.
Und mit einer Organisation im Rücken wären dann durchaus Aktionen und Schritte von Widerstand möglich: Vom Sit-in vor der Tür des Geschäftsführers oder des Sozialdezerneten bis zur Einreichung schriftlicher Forderungen, die gleichzeitig – mit ein paar fachlichen Informationen über die gegenwärtige Lage angereichert – in der Zeitung stehen (denn Forderungen sind keine Dienstgeheimnisse) usw.
Es muss darauf hingewiesen werden, dass man auch als Mitglied einer solchen Organisation nicht erwarten kann, dass hier die Initiative von der Organisation ausgeht. Jede Organisation ist so gut wie ihre Mitglieder aktiv sind. Es gilt also, die Unterstützung für solche Initiativen gezielt und hartnäckig einzufordern, möglichst gemeinsam mit anderen Mitgliedern.

Zum anderen:

Die Ursachen für die fatalen Entwicklungen z.B. im Allgemeinen Sozialen Dienst sind im Wesentlichen politischer und gesellschaftlicher Natur. Die problematischen Strukturen und Zielsetzungen betreffen keineswegs nur die Soziale Arbeit. Davon sind z.B. ebenso das Gesundheitswesen, die Pflege, aber auch das Bildungssystem betroffen. Im Grund betrifft die Neoliberalisierung unserer Gesellschaft alle Lebensbereiche, zwingt uns alle in einen atemlosen Rhythmus, indem wir unser Leben lang beweisen müssen, dass wir für die Gesellschaft nützlich sind und wo wir uns wie Unternehmer unserer selbst ständig um Wachstum bemühen müssen, während andere Lebensbereiche belastet und z.T. ernsthaft beschädigt werden. Diese Ideologie und die durch diese Ideologie gestützte Wirtschaft im heutigen entfesselten Kapitalismus rechtfertigt außerdem die Zunahme der Schere zwischen Arm und Reich, grenzt Menschen aus als Überflüssige und „legitimiert“ Kriegseinsätze, die Ausbeutung anderer Völker und die Zerstörung unserer Umwelt.
Wer das verstanden hat, wird neben einer politischen Haltung in Sachen Soziale Arbeit bemüht sein, auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene politisch aktiv zu werden und Widerstand zu leisten. Es gibt unendlich viele Gruppen und Initiativen, die solche Ziele verfolgen.

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Was könnte man tun? – Fall 1 „Menschen in Wohnungsnot gibt es immer mehr“

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun?

In den nächsten Monaten werde ich versuchen, die Geschichten aus unserem Buch jede für sich und ganz in Ruhe näher zu betrachten und zu kommentieren. Es könnte auf diese Weise ein Teil II „Aber was soll und was kann ich tun?“ zum Buch entstehen. Und jeder LeserIn steht es frei, daran per Kommentar mitzuwirken.

Dabei geht es mir jeweils um folgende Aspekte:

  • Fachliche Kritik der beschriebenen Arbeit und Arbeitssituation
  • Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse Hintergründe
  • Einschätzung der Reaktion der betroffenen SozialarbeiterIn
  • Grundsätzlich mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr im beschriebenen Beispiel

Da die Situationen zwar unterschiedlich sind, aber doch viele Gemeinsamkeiten aufweisen, auch was die möglichen Gegenstrategien betrifft, werde ich nicht auf alle Aspekte jedesmal ausführlich eingehen, sondern auf die, auf die ich schon einmal ausführlich eingegangen bin, nur noch hinweisen.

 Es geht los mit folgender Geschichte (Seithe/Wiesner-Rau, S. 145)

 „Was können wir schon für diese Menschen erreichen?“
Menschen in Wohnungsnot gibt es immer mehr
Ich bin studierte Sozialpädagogin. Seit 17 Jahren arbeite ich nun schon in der Beratungsstelle für wohnungslose Menschen und Menschen in Wohnungsnot. Ich habe schon viel gesehen und auch einen Wandel im Klientel mitverfolgen können, doch langsam wird es wirklich immer erschreckender. In unserer Stadt wird die Beratung immer schwieriger, weil immer mehr Mittel fehlen und Kolleginnen und Kollegen weggekürzt werden. Auch Sprachbarrieren stellen mich mittlerweile vor einige Schwierigkeiten und dazu kommt, dass immer mehr Kinder involviert sind. Und ich will gar nicht von dem schlechten Wohnungsmarkt in unserer großen Stadt anfangen. Und letztlich, was können wir schon für die Menschen erreichen?
Zwei Beispiele von gestern:
Gestern früh kam eine Frau mit drei Kindern zu mir. Das jüngste davon war gerade erst acht Monate alt. Die vier kamen aus der Türkei. Aufgrund schwieriger Familienverhältnisse und ihres gewalttätigen Mannes dort, der sich von ihr getrennt hatte, war die Frau durch das Rote Kreuz nach Deutschland ausgeflogen worden und landete ohne alles in Berlin.
Zu mir kam sie nun, nachdem sie einige Tage auf der Straße und dann in einem Frauenhaus geschlafen hatte. Unvorstellbar für mich der Gedanke, mit einem acht Monate alten Kind auf der Straße zu übernachten.
Immerhin konnte ich die Klientin an die Soziale Wohnhilfevermitteln, sodass sie zunächst erst einmal einen Raum mit fließend Wasser, Betten, Heizung und einer Möglichkeit zum Kochen hat. Da ihre Kinder noch so jung sind, müsste hier eigentlich das Jugendamt zuständig werden und helfen, doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam und ich bin froh, wenigstens etwas für sie getan zu haben.
Trotzdem tut es mir leid, weil ich weiß, wie lang der Weg noch sein wird, bevor all die Ungewissheit verschwunden ist und die Kinder endlich ein geregeltes Leben und ein stabiles Umfeld haben werden.
Es ist einfach schwer zu ertragen, wie immer mehr Menschen mit kleinen Kindern auf solche Weise oder auch aus gerade geräumten Wohnungen vor dem Nichts stehend zu uns kommen.
Und eine zweite Frau kam dann auch noch zu mir. Sie stammte aus Rumänien und wollte in Deutschland einen Neuanfang wagen. Aus dem alten Elend ins neue Elend. Sie hatte sich offensichtlich ihre besten Kleider angezogen, kam mit Laptop und Jobbewerbungen. Sie war gelernte Chemielaborantin und hatte sich seit einigen Wochen hier aufgehalten. Sie hatte in Hostels gelebt und Bewerbungen abgeschickt, vielleicht sogar ein oder zwei Bewerbungstermine wahrgenommen. Sie hatte sich so große Mühe gegeben, doch nun war ihr Geld für Hostels aufgebraucht und sie hatte weiterhin keinen Job. Ich konnte sie in die Notübernachtung vermitteln, doch ich denke, ihr bleibt nur der Weg zurück nach Rumänien. Mehr kann ich nicht für sie tun.
Es müssten ganz andere Sachen passieren, um dieses Elend wirklich zu beenden, mit dem ich täglich konfrontiert werde: Die Stadt müsste mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen und so die sozialen Verhältnisse verbessern.

……………………………………………………………….

Fachliche Kritik der geleisteten Arbeit 

Die Wohnungslosenhilfe ist hier nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

  • Wohnungslosenhilfe hätte die Aufgabe, Menschen, die in eine solche Notsituation geraten sind, angemessen zu beraten, ihnen bei der Bewältigung des Problems zu helfen und ihnen durch Information und persönliche Ermutigung zu helfen, diese Lage zu überwinden. Das funktioniert aber nur, wenn genug Lösungsmöglichkeiten für Betroffene zur Verfügung stehen und wenn die personellen Ressourcen in der Wohnungslosenhilfe mehr als eine bloße verwaltungsmäßige Bearbeitung der Fälle zulassen. Was die Kollegin von ihrer Arbeit beschreibt, lässt darauf schließen, dass sie oft nur oberflächlich helfen kann und ihre Arbeit wie einen Tropfen auf den heißen Stein empfindet.
  • Gleichzeitig ist im Hintergrund eine Wohnungspolitik erforderlich, die die Wohnungslosigkeit erst gar nicht  hochkochen lässt und die z.B. verhindert, dass Eigentümer Menschen aus Wohnungen herausklagen oder -ekeln, die dort über lange Zeit gelebt haben. Wenn aber stattdessen gesetzliche Regelungen geschaffen werden (etwa bei Hartz IV), die die Gefahr der Wohnungslosigkeit vervielfachen, darf man sich nicht über den Anstieg dieses Problems wundern. Hier erfüllt eine Wohnungslosenhilfe nur die Funktion, die Not zu verwalten.

Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse

  • Wohnungslosenhilfe, die über viel zu geringe Mittel verfügt, um den Betroffenen zu helfen, ist in sich eine Farce. Die Mitarbeiterin ist gezwungen, der zunehmenden Verschärfung der Problematik ohnmächtig zuzusehen. Immer mehr kommen Problemlagen auf sie zu, die mit den geringen Hilferessourcen, über die sie verfügen kann, kaum bewältigen kann.
  • Ihre fachlichen Mittel der sozialpädagogischen Beratung und Information sind hier – am Ende der Fahnenstange – eigentlich nur ein Trostpflaster bzw. dazu da, die schlimmsten Kollateralschäden zu lindern und zu managen. Sie können die gesellschaftlichen Versäumnisse, die hinter den steigenden Problemlagen stecken, nicht kompensieren oder auffangen. Zunehmend mehr wird hier Sozialpädagogik zur Befriedung und zur Beruhigung und als Alibi eingesetzt.
  • Der Trend zu immer mehr Wohnungslosigkeit, der auch neue gesellschaftliche Schichten betrifft und z.B. vor Familien keinen Halt macht, muss gesellschaftspolitisch umgedreht werden!

Einschätzung der Lage und der Reaktion der betroffenen SozialarbeiterIn

Die Mitarbeiterin der Wohnungslosenhilfe leidet unter dem Schicksal der Menschen, denen sie nicht wirklich helfen kann und an der allgemeinen Verschlechterung der Lage. Sie leidet an der offensichtlichen Sinnlosigkeit ihrer Arbeit, die nichts an den Ursachen verändern kann und offensichtlich auch nicht soll.

Sie leidet auch an den konkreten Bedingungen, unter denen sie selbst diese Arbeit erledigen muss, obwohl dieser Punkt für sie offensichtlich nicht im Vordergrund steht.
Sie sieht sehr wohl, dass hier die Probleme gesellschaftlich verursacht werden und stetig zunehmen und wirft der Politik Verantwortungslosigkeit vor. Sie stellt für sich Forderungen an die Gesellschaft auf.

Die Frage bleibt, wie lange sie diese Situation aushalten wird, ohne krank zu werden oder die Arbeit aufzugeben.

Mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr

Einen ersten Schritt zum Widerstand, hat die Kollegin bereits gemacht: Sie reflektiert die Situation, ihre Lage darin und erkennt die Hintergründe für die gesamte Misere. Das alleine ist bereits der Beginn einer widerständigen Haltung, auch wenn man noch nicht weiß, was man dagegen machen könnte.

Was könnte sie noch tun? 

Die eigentlichen Probleme, die einer guten und sinnvollen Arbeit in der Wohnungslosenhilfe im Wege stehen, nämlich die gesellschaftlich inakzeptablen politischen und sozialen Rahmenbedingungen, die die Wohnungslosigkeit heute zu einem häufigen und kaum  lösbaren Problem machen, die werden SozialarbeiterInnen nicht am eigenen Arbeitsplatz lösen können.

Allerdings wäre wichtig, diese nicht einfach frustriert oder geduldig als Fakt hinzunehmen. Es ist angezeigt, dass man offen  mit den KollegInnen, den KlientInnen und auch den Vorgesetzten darüber spricht, was die Zunahme der Wohnungslosigkeit verursacht . Es ist nicht unsere Aufgabe, die Lügen zu unterstützen, die den Menschen einreden, sie seien selbst an diesem Schicksal schuld. Aufklärung ist hier ein wichtiger Schritt zur Gegenwehr.

Um hier mehr  zu erreichen, bedarf es politischer Aktivitäten über den eigenen Arbeitsplatz hinaus. Das Einmischen  in die Wohnungspolitik und in andere relevante Bereiche der Politik steht für Sozialarbeitende sozusagen auf der Tagesordnung. Zu fordern wären z.B.
o   genug  bezahlbarer Wohnraum
o   die Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Menschen
o   die Korrektur von Gesetzen, die die Wohnungslosigkeit forcieren
o   Verstärkung der Rechte von Mietern
o   bessere personelle Ausstattung der Wohnungslosenhilfe
und manches mehr.

Für solche Aktionen und Strategien braucht man allerdings Gleichgesinnte und eine möglichst starke Organisation im Rücken. Gewerkschaften und vor allem auch der Berufsverband sind hier mögliche Partner. Darüber hinaus gibt es überall politisch engagierte, kritische Gruppen von SozialarbeiterInnen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, diese Auseinandersetzung zu führen.
Wer nicht einfach nur in Ruhe seinen Job machen will, egal, ob die Arbeit noch einen Sinn macht oder ob die Politik Soziale Arbeit nur noch dazu benutzt, Probleme zu verdecken und Menschen zu beruhigen, wer also erwartet, dass Soziale Arbeit wirklich auch im Interesse der Menschen ausgeübt werden kann, der kann und müsste mehr tun. Er sollte das politische Mandat seiner Profession aufgreifen und sich mit anderen zusammen für eine Sozialpolitik und Gesellschaft einsetzen, innerhalb der Soziale Arbeit mehr sein darf, als ein Ausfallbürge für die politische Verantwortung der Gesellschaft.

Natürlich kann man eine solche politische Arbeit nicht in seiner Arbeitszeit machen. Man muss sich entscheiden, die politische Arbeit als etwas zu betrachten, was im ureigensten Interesse liegt und von daher auch wert ist, in der vorhandenen Freizeit seinen Platz zu finden.

Darüber hinaus gibt es  – unabhängig von unserer Profession – in vielen Städten Wohnungslosen-Initiativen, also politische Initiativen vor allem Betroffener, die unsere Solidarität und unsere Parteilichkeit brauchen. Uns hier zu beteiligen, unser Wissen und unsere Beratung anzubieten, wäre ebenfalls ein Akt politische Gegenwehr, den wir als Professionelle dann leisten sollten, wenn wir uns nicht als Erfüllungsgehilfen dieses Staates verstehen wollen.

Im Rahmen einer solchen politischen Arbeit jenseits des eigenen Arbeitsplatzes sind leider keine schnellen Erfolge und Veränderungen zu erwarten, denn die gegenwärtige Lage ist sehr festgefahren und scheint in jeder Hinsicht im Sinne der neoliberalen Vorstellungen unserer gegenwärtigen Politik zu funktionieren. Aber nur wer sich wehrt, gibt sich und seine Profession nicht auf. Parteilichkeit ist eine der ethischen Grundpfeiler der professionellen Sozialen Arbeit.
Das freilich sieht die neoliberal gewendete Soziale Arbeit völlig anders. Und wir müssen uns entscheiden.

Die Kommentierung der nächsten Geschichte folgt 

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Warum sollten wir Widerstand leisten?

Fortsetzung vom 7.8.14

Aber da hat mir jemand eine andere Frage gestellt:

„Warum schwiegen die Fürsorgerinnen im Faschismus? Und würden die SozialarbeiterInnen  heute genauso schweigen?“

Ich weiß die Antwort nicht. Ich hoffe, es wäre anders als damals… Aber ich bin von dieser Frage sehr betroffen:

Klar wir haben keinen Faschismus. Manche sagen, „noch nicht“ (und ich muss gestehen: ich muss auch darüber nachdenken).
Aber ich frage mich, wenn schon heute kein Widerstand passiert, wenn heute die SozA schon hinnehmen, was von ihnen erwartet wird und was im Widerspruch steht zu den Werten und ethischen Verpflichtungen, die die Profession SozA verlangt – was soll dann passieren, wenn es noch schlimmer kommt?
Müssten wir nicht heute üben, zu widerstehen, damit wir morgen oder übermorgen nicht wieder so hoffnungslos versagen und Mittäterinnen werden an unseren Mitmenschen?

Also muss ich die Frage nach der fehlenden Widerständigkeit der Profession und ihrer Vertreterinnen doch weiter aufnehmen. Also kann ich nicht sagen, „o.k. es kommen auch wieder andere Zeiten!“ Denn ich weiß nicht, welche Zeiten kommen und ich fürchte, sie werden nicht unbedingt besser, humanistischer, menschlicher sein.

Also werde ich weiter solche Bücher schreiben müssen und weiter versuchen, zu politisieren.

Und deswegen mache ich mich jetzt daran, das oben angeführte und besprochene Buch für diejenigen, die es als unbefriedigend, belastend oder bedrückend erlebt haben, sozusagen weiter zu schreiben, damit es sein Ziel noch erreichten kann:

  1. Ich werde versuchen, die Geschichten zu erläutern, die Hintergründe zu analysieren und zu erklären, damit man deutlich sieht, was hinter dem persönlichen „Jammern“ eigentlich steht.
  2. Ich werde bei  jeder Geschichte Überlegungen anstellen, was die Betroffenen in dieser Lage hätten tun können, welche Spielräume sie gehabt hätten, welche Handlungsmöglichkeiten in einer solchen Situation bestehen und wie hier Widerstand und Gegenwehr aussehen könnte.

Diese Überlegungen werden nicht vollständig und abschließend sein und sollen es auch nicht. Denn es geht darum, dass die Leserinnen sind nun mehr daran machen, selbst neue Ideen und Möglichkeiten zu entwickeln.

Es geht also weiter.

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„Jammern“ oder die „Wahrheit sagen“? – Anmerkungen zur Rezeption unseres Buches

Im letzten Herbst habe ich zusammen mit Corinna Wiesner-Rau das Buch „Das kann ich nicht mehr verantworten – Stimmen zur Lage der Sozialen Arbeit“ veröffentlicht.

Es sollte ein Beitrag dazu sein, dass die Stimme der Praxis endlich gehört wird und sich die Profession ermutigt fühlt, über die hoch problematischen Verhältnisse in der Praxis der Sozialen Arbeit offen zu informieren.
Nach fast einem Jahr Erfahrung mit dieser Veröffentlichung, möchte ich dazu einige Gedanken äußern, die uns gekommen sind durch die Reaktionen unserer LeserInnen.

zum   Buch:                                                              Seithe-Cover

SozialarbeiterInnen erzählen aus ihrem Alltag. Es werden dabei Arbeitsbedingungen deutlich, die unglaublich sind. Es wird dabei deutlich, dass es in der Sozialen Arbeit heute gar nicht mehr um die Menschen selbst geht. Es wird deutlich, dass nicht die Fachlichkeit, sondern die Wirtschaftlichkeit regiert. Es wird deutlich, dass die Lage der Sozialarbeitenden heute mehr als problematisch ist und für die Klientel nicht mehr viel zu bieten hat.
Das sind Wahrheiten, die meist keiner hören will, die die Träger und Fachverbände verschweigen, die das Ministerium und die Sachverständigen des 14. Kinder- und Jugendberichtes nicht zur Kenntnis nehmen. Und keiner fragt die Betroffenen. Alle scheinen zufrieden zu sein.
Und hier waren 58 KollegInnen bereit, die Wahrheit ins Tageslicht zu rücken – freilich nur anonym.
Dieses Buch sollte Tabus brechen und für die KollegInnen ein starkes Werkzeug werden im Bemühen um eine andere Soziale Arbeit:

o   Es sollte die Betroffenen ermutigen und sie stärken im Wissen, dass andere mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben und also die Ursachen nicht bei ihnen selst liegen.

o   Es könnte an die „richtigen“ Leute weitergeben werden: die Vorgesetzen, die GeschäftsführerInnen, die Politikerinnen, um ihnen endlich reinen Wein einzuschenken.

o   Es könnte genutzt werden zu Tagungen, Seminaren aber auch zu politischen Versammlungen, Aktionen, um die Sprachlosigkeit der Profession zu durchbrechen.

o   Es könnte anregen zu ähnlichen Aktionen: Was wird hier verschwiegen und was sollte die Öffentlichkeit wissen?

o   Man könnte anhand der Geschichten die Ursachen und Hintergründe der vorhandenen Problemlagen analysieren.

o   Und schließlich könnte es auch als Arbeitsinstrument genutzt werden, um die eigene Widerstandspraxis zu entwickeln und zu verbessern.

Bei etlichen LeserInnen ist es auch genauso angekommen.


Aber viele haben uns eine ganz andere Rückmeldung gegeben: Sie empfanden das Buch nicht nur als belastend sondern als deprimierend und als reines Jammern, das sie als wenig hilfreich empfunden haben. z.B. folgende Rezension:

Oh Zeiten, oh Klagen… – das ist die Kurzfassung dieses Werkes. Stimmen zur Lage der sozialen Arbeit, heißt es im Untertitel – es handelt sich um eine Sammlung anonymer Aufsätze sämtlicher sozialer Arbeitsfelder, die mehr oder weniger alle dasselbe aussagen. Schlechte, unzureichende Arbeitsbedingungen, zu wenig Geld, zu wenig Zeit, keine Chance auf eine gute, Ergebnis orientierte Arbeit – keine brauchbare Zusammenarbeit zwischen Ämtern und Professionellen, die die Arbeit tun, keine Möglichkeit für die Betroffenen, denen die Arbeit gelten soll, wirklich nachhaltig davon zu profitieren.
Der Leser möge sich davon überzeugen, es liest sich flüssig, authentisch. Inwieweit es sich wirklich verallgemeinern lässt ist die andere Frage – aus meinem persönlichem Umfeld sind ist mir – auch – anderes bekannt – eingeschlossen ich selber,  die ich gelegentlich und nachhaltig auch hilfreiche Hilfe aus dem Hilfesystem in Anspruch nehme. Da klappte auch nicht immer alles auf Anhieb, aber inzwischen haben wir gemeinsam gelernt und ich bin froh und dankbar, dass es so etwas gibt.
„Das kann ich nicht mehr verantworten“ malt nur schwarz und zeigt absolut keine Lösungen auf. (Talke)

Das lässt uns grübeln:

  • Wieso kommt es als Jammern an, wenn Sozialarbeitende endlich sagen, was los ist?
  • Warum erscheint es als Jammern, wenn SozArbeiter  selbst keine Lösung haben?
  • Warum regt das nicht vielmehr an, über Lösungen nachzudenken und zu diskutieren?
  • Wieso macht man uns  den Vorwurf, die Sozialarbeitenden mit diesem Buch im Regen stehen zu lassen, weil wir ihnen ihre Ohnmacht vorführen aber nicht sagen, was sie tun könnten?
  • Warum ist das Jammern, wenn man Tabus bricht? Warum ist das Wehleidigkeit und Selbstmitleid,  wenn man sagt, was oberfaul ist?
  • Warum ist es verachtenswert, unzufrieden zu sein?

Solche LeserInnen reagieren auf die Geschichten, als sei das Verhalten der ErzählerInnen einfach  undankbar, destruktiv,  herunterziehend, lähmend, als mache es alles noch schlimmer, als hindere es die KollegInnen daran,  trotzdem irgendwie klar zu kommen? Ja man gewinnt bei manchen Reaktionen den Eindruck, dass sich SozA für diese Geschichten schämen, als hätte man sie gar nicht erzählen dürfen.

Und warum erinnert mich diese Reaktion an Beispiele aus der Geschichte, wo die erschlagen wurden, die den Unterdrückten die Wahrheit sagten?

Zunächst war ich – zugegebenermaßen ein wenig sauer und dachte, man könnte solche Reaktionen auch anders sehen, etwa nach dem Motto:

  • Wer nicht glaubt, dass etwas änderbar ist und anders sein könnte, für den ist das Aufzeigen der Katastrophen eine sinnlose Quälerei
  • Natürlich sind die ungehalten, die in ihrer Anpassungsruhe gestört werden.
  • Natürlich sind die sauer, die gezwungen werden, genau hinzusehen und danach größere Schwierigkeiten haben, sich anzupassen bzw. größere Probleme damit, dass sie sich anpassen.

Aber es war absolut nicht unsere Absicht, KollegInnen anzugreifen oder bloß zu stellen!

Wir haben darüber nachgedacht, welchen Anteil wir selber haben an solchen Reaktionen. Und wir haben festgestellt: Unser Buch ist eben doch nicht ganz so, wie wir es uns vorgestellt hatten.

Ganz offensichtlich ist dieses Projekt nichts aus dem Herzen der Betroffenen selbst erwachsen. Und wahrhaftig: Wir musste ihnen die Wahrheit auch ziemlich aus der Nase ziehen. Sie sprachen nur ungern darüber, wie es wirklich um ihre Arbeit stand. Sie haben schließlich doch so einiges „blicken lassen“. Aber es erleichterte sie nicht wirklich, darüber zu reden.
Auch der Titel „Das kann ich nicht mehr verantworten“,  ist letztlich eine Illusion. Tatsächlich sind die Geschichten zu 80% keine Widerstandsgeschichten und zu 50 % nicht mal Texte, in denen die ErzählerInnen die eigentlichen Ursachen erkennen und benennen. Diesen Spruch: „Das kann ich nicht mehr verantworten“ hat eine Einzige so gesagt. „Schluss mit Schweigen“ wäre eher als Titel geeignet gewesen. Am ehrlichsten hätte es heißen müssen: „Wir reden nur sehr ungern darüber“. Wir haben in diese Geschichten eine Widerständigkeit hinein geträumt, die es leider nicht gab.
Nur elend fühlten sich beinahe alle, die ihre Geschichten preisgaben. Aber allein das zu hören, macht vielen offenbar keinen Mut. Die Erzählungen kommen vielleicht auch deshalb an wie Jammergeschichten, weil eben doch nur anonym geredet wurde. Und das ist noch keine Heldentat, kein wirkliches Whistleblowing. Und es nur auszusprechen ändert schließlich auch nichts?

Wozu dann also das ganze „Widerstandsgetue?“

Was aber sagt uns das? Das es eben doch keinen Widerstand gibt, dass die meisten eben doch lieber schweigen und mitmachen? Dass es einfach verlorene Mühe ist, die KollegInnen aufzurütteln und ihnen vor die Augen zu halten, an was sie sich da anpassen?Angesichts dieser Reaktionen, angesichts der Ohnmacht, angesichts der schon gewonnen Siege der anderen Seite, angesichts der bestehenden Machtverhältnisse müsste man und könnte man doch eigentlich sagen: „gut, aus, vorbei, so läuft es jetzt eben. Die alte SozA ist Vergangenheit. Vielleicht kommen auch wieder andere Zeiten“?

Ich ich ganz persönlich frage mich, warum also quäle ich mich und die Kolleginnen mit der Aufforderung, etwas gegen diese Entwicklungen zu tun?
Schließlich ist das gar nicht mehr mein Ding. Ich habe 36 Jahre Soziale Arbeit gemacht, 18 Jahre in einer Praxis, in der es meist Spaß machte Soziale Arbeit umzusetzen und 18 Jahre in der Hochschule, wo ich den „Umkremplungsprozess“ der Sozialen Arbeit zu einem reinen Marktgeschehen mit etwas Distanz aber sehr deutlich beobachten konnte – Schritt für Schritt. Sollen doch die Jungen sich mit den neuen Zeiten herumschlagen! Es ist nicht meine Schuld, wenn sie kapitulieren, aber nichts dabei finden.
So dachte ich manchmal , wenn ich diese Reaktionen las.

Aber jetzt hat mir jemand eine ganz andere Frage gestellt…

Fortsetzung folgt

 

 

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Widerständiges Handeln am Arbeitsplatz – warum – wie – mit wem

Im Zwiespalt zwischen neoliberalen Zumutungen und sozialarbeiterischer Fachlichkeit  

Prof. Dr. Mechthild Seithe: Vortrag gehalten auf der DGSA Tagung in Köln 25.4.2014  

Vorbemerkungen: 

Neulich habe ich einen Vortrag gehört über den Widerstand der Profession Soziale Arbeit zwischen 1933 und 1945. Es waren nicht viele KollegInnen, die Widerstand geleistet haben, aber es gab gute und beeindruckende Beispiele.

Es ist sicher wichtig, den Blick auf die zu richten, die Widerstand leisten und geleistet haben. Aber wir wissen, dass die meisten FürsorgerInnen während der Zeit des Faschismus und meistens auch noch danach geschwiegen haben, aus Angst, aus Gleichgültigkeit oder weil sie einverstanden waren mit diesem Menschen feindlichen System. Fakt ist: im Faschismus hat die Masse der KollegInnen geschwiegen, sich angepasst, weggesehen und mitgemacht.
Und selbst Jahre nach Ende des Faschismus haben viele nicht begriffen und eingesehen, dass sie dadurch mitschuldig geworden sind.

Am 15. Mai 1951, 6 Jahre nach dem Ende des Faschismus, wurde z.B. Frau Heinrich (Name geändert) von einer Sozialforscherin befragt, wie sie heute zu den Vorwürfen stehe, durch ihr Schweigen zu Mord und Rassismus beitragen zu haben. 
Frau Heinrich reagierte empört:
‚Was wollen die eigentlich von mir? Ich wusste ja von nichts. Ich habe nichts davon gesehen. Keiner hat uns gesagt, was genau mit den Unterlagen passieren würde, die wir für das Bezirksamt vorbereitet haben. Für uns Fürsorgerinnen spielte das alles doch gar keine Rolle. Wir haben uns einfach nur für unsere Leute eingesetzt, ja wir sind für unsere Klientinnen betteln gegangen. Und jetzt kommen die und sagen uns, wir hätten nicht schweigen dürfen. Wieso machen sie uns unsere Arbeit schlecht? Man kann uns doch nichts vorwerfen. Politik, die haben andere gemacht. Mit Politik hatte ich nie was zu tun! Selbst in die Partei bin ich erst gegangen, als es nicht mehr anders ging. Wir sind alle zusammen eingetreten. Wir wollten einfach nur unsere Arbeit weitermachen dürfen. Und das ist jetzt der Dank?‘

Es ist sicher wichtig, die Widerständigen zu feiern und hervorzuheben. Aber angesichts der Reaktionen der Mehrheit in dieser Zeit würde es  – vor allem mit Blick auf die heutige Situation – interessant und von großer Bedeutung sein, wenn man  die Frage stellen würde: Wie kam es dazu, das Menschen Widerstand leisten konnten und wollten? Daraus könnte man lernen. Denn das Reden über die schreckliche und unmenschliche Zeit des Faschismus darf nicht dazu führen, dass man sich innerlich zurücklehnt und denkt, dass so etwas ja bei uns überhaupt nicht denkbar sei.

Nun stellen Sie sich vor, Sie würden eingeladen zu einem Zeitsprung ins Jahr 2038 und säßen hier genau wie heute bei einer Tagung und es ginge in dem Workshop um die Frage, ob es denn nicht doch auch in der Phase der Neoliberalisierung von Gesellschaft und Sozialer Arbeit  zwischen 1990 und , sagen wir, 2035 Widerstand gegeben  habe – wobei uns dann insbesondere der mögliche Widerstand in den Reihen der Sozialen Arbeit interessieren würde…. Ob wird da viele Beispiele finden könnten? Was meinen Sie?

Diese Phase der Gesellschaft, in der wir heute leben und auf die Sie 2038 vielleicht zurückblicken können, wird durch eine dominierende Vermarktlichung  gesteuert und ist von einem Menschenbild geprägt, das Menschen als Waren betrachtet und sie nach ihrer jeweiligen Nützlichkeit für die herrschende Wirtschaft als wertvoll oder weniger wertvoll einschätzt. Diese menschenverachtende, darwinistische Ideologie bestimmt alle Teile der Gesellschaft, auch die Soziale Arbeit. Und sie wird uns von der herrschenden Politik und den ihr dienenden Medien als alternativlos, selbstverständlich, natürlich und modern und deshalb unhinterfragbar verkauft und so von den  meisten Menschen auch hingenommen. Auch heute wäre sehr wohl Widerstand notwendig. Und es reichen nicht einzelne Helden. Vielmehr stellt sich für uns die Frage: Wie könnte man hier und heute Widerständigkeit  bei möglichst vielen KollegInnen gegen das entwickeln, was unsere Profession tagtäglich zur Farce macht?

hier der gesamte Vortrag:Widerständiges Handeln am Arbeitsplatz – warum -wie – mit wem pdf

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