Was haben FamilienhelferInnen, StraßensozialarbeiterInnen und  DrogenberaterInnen  gemeinsam?

Frage meiner ZuhörerInnen:

Gibt es denn überhaupt „die Soziale Arbeit“. Das sind doch krass unterschiedliche Aufgaben, die die SozialarbeiterInnen in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern bearbeiten müssen?

Viele KollegInnen, die nach ihrem Beruf gefragt werden, sagen, sie seien z.B. StraßensozialarbeiterInnen oder tätig in der Krankenhaussozialarbeit, in der Eingliederungshilfe für psychisch kranke Erwachsene, sie seien JugendarbeiterInnen oder FamilienhelferInnen ….. kaum einer käme auf den Gedanken einfach nur zu sagen: Ich bin SozialarbeiterIn. Das kommt mir so vor, als wäre der Beruf für viele KollegInnen an sich nichts weiter wert und würde erst dann seine entscheidenden Merkmale bekommen, wenn das Arbeitsfeld definiert wird.

Diese Auffassung schwächt unsere Profession, wir lassen uns spalten und aufteilen und glauben, dass wir mit den KollegInnen anderer Arbeitsfelder nicht viel gemeinsam haben. Das ist nicht so. (Abgesehen davon, dass die Kenntnis der Situation in den anderen Feldern dazu führt, dass man seine eigene Lage besser beurteilen und einschätzen kann.)

Nur noch eine Minderheit hat heute eine berufliche Identität als SozialarbeiterIn. Das mangelnde professionelle Selbstbewusstsein ist oft die Folge der Tatsache, dass viele SozialarbeiterInnen heute nicht mehr realisieren, dass sie vor allem Sozial Arbeitende und erst in zweiter Linie BewährungshelferInnen, StraßensozialarbeiterInnen, MitarbeiterInnen im Allgemeinen Sozialen Dienst usf. sind. So manche schätzt ihre Profession, also ihren erlernten Beruf so gering, dass sie es vermeidet, ihn in der Öffentlichkeit zu nennen. Man sagt lieber, man sei Straßen- oder Krankenhaus-SozialarbeiterIn. Das lenkt ab von der Frage, was Soziale Arbeit selbst eigentlich ausmache. Man kann sich auf diese Weise in den Details des konkreten Arbeitsfeldes verlieren und eine Antwort auf diese Frage vermeiden.  

Aber da steckt noch mehr dahinter!

Soziale Arbeit wird heute ganz bewusst davon abgehalten, sich als gemeinsame Profession zu sehen. Die Auflösungserscheinung des Berufsbildes an den Rändern sind vielfältig. Sie vermitteln und stützen die Vorstellung, dass der Beruf des Sozialpädagogen bzw. Sozialarbeiters kein klares Profil hat und die Anwendung seiner Techniken keiner sozialpädagogischen Grundausbildung bedarf.  Zum Beispiel werden häufig nicht sozialpädagogisch ausgebildeten TherapeutInnen oder auch pädagogischen Laien in klassischen Feldern und Aufgabebereichen der Sozialen Arbeit eingestellt. Viele sozialpädagogische Weiterbildungs- und Fortbildungsangebote für Nicht-SozialpädagInnen erwecken bei den Betroffen und den  Trägern den Eindruck, dass man am Ende die gleichen Kompetenzen erworben habe, wie Sozialarbeiterinnen in ihrem Studium. Man kann heutzutage ja auch einen Master in Sozialer Arbeit erwerben, ohne ein grundständiges Studium der Sozialen Arbeit absolviert zu haben.
Das Gegeneinander-Ausspielen der einzelnen Bereiche der Sozialen Arbeit – sogar der Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe untereinander – wenn es sich um Kostenfragen dreht, geht in die gleiche Richtung und zeigt, wie sehr der Politik daran gelegen ist, diese Profession als gemeinsame authentische Kraft zu ignorieren.

Auf diese Weise wird der Beruf der SozialarbeiterIn quasi entkernt. Verlangt und vermittelt werden Methoden und Techniken, ohne dass die konzeptionelle Basis, der theoretische und ethische Gesamtzusammenhang der Profession vermittelt werden. Sozialarbeiterische Berufe werden auf dem Niveau einer Anlernausbildung gehalten und eingestuft, also einer Ausbildung, die ihre Grundlagen nicht reflektieren muss, sondern nur Verfahrensweisen anwenden kann, die vorgegeben sind.

Nicht zufällig ist in den bestehenden Sozioalgesetzen nie von der Profession Soziale Arbeit, sondern immer nur von „Fachkraft“ die Rede. Damit wird unterstellt, dass Soziale Arbeit das gleiche Aneignungsniveau hat wie z.B. die Fachkraft Spielwarenverkäuferin oder die Fachkraft im Reisebüro.

2002 stellte der DBSH, der deutsche Berufsverband der SozialarbeiterInnen, einen Text ins Netz, in dem es um die Forderung nach einem geschützten Titel „SozialarbeiterIn“ geht. Seitdem aber scheint es in dieser Sache nichts Neues zu geben. Allein über die ethischen Grundsätze gibt es noch ein aktuelleres Papier. Aber die Berufsidentität der SozialarbeiterInnen erschöpft sich nicht in ihren ethischen Vorstellungen.

Anders sieht es z.B. in Österreich aus, wo der dortige Berufsverband (öbds) seit vielen Jahren um ein Berufsgesetz kämpft. Den Schutz der Berufsbezeichnung haben sie schon vor einiger Zeit durchgesetzt. Um das Berufsgesetz, das sichern soll: “Wo Soziale Arbeit dran steht muss auch Soziale Arbeit drin sein“, wird aktuell mit der Politik diskutiert und es besteht derzeit die Hoffnung, dass die KollegInnen es auch durchsetzen werden.

Die Deprofessionalisierung allerdings, die mit der neoliberalen Transformation einhergeht, wird allein durch ein solches Berufsgesetz noch nicht gebannt. Fakt ist, dass durch die neoliberale Ideologie, durch die betriebswirtschaftliche Herangehensweise in der Praxis wesentliche Aspekte und Potenzen der Soziale Arbeit unterlaufen werden und die SozialarbeiterInnen schon aufgrund der gegebenen und scheinbar nicht beeinflussbaren Rahmenbedingen diese Seiten ihres Berufs kaum zur Geltung bringen können.

Nach dem professionellen Konzept der Sozialen Arbeit ist dieser Beruf in seinem Kern auch eine politische Antwort auf die Soziale Frage und ein ständiges Infragestellen der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse. Denn diese verursachen einen großen Teil der Probleme, die Menschen mit ihrer Lebenswelt haben können und mit denen sich Soziale Arbeit auseinandersetzen muss – in vollem Wissen, dass genau diese Probleme durch den kapitalistischen Staat nicht gelöst werden und auch nicht gelöst werden sollen.  Ähnlich wie der hippokratische Eid der Mediziner bräuchte es die Sicherung, dass Soziale Arbeit ihre Aufgaben unabhängig von einer staatlichen oder sonstigen Ideologie im Sinne ihres Berufsethos und nach ihrer wissenschaftlich begründeten Expertise ausüben kann. Und ähnlich wie die Verpflichtung der Ärzte, ihre Kunst immer im Interesse der Menschen einzusetzen, müsste unsere Profession die Sicherheit haben, ihre „Kunst“ stets im Interesse ihrer Klientel ausüben zu müssen bzw. zu dürfen. Wobei die Ärzte sich „nur“ um die Gesundheit der Menschen kümmern, geht es in der Sozialen Arbeit um die Lebensgestaltung insgesamt, um die Unterstützung bei schwerwiegenden Problemen in der Bewältigung des eigenen Lebens und nicht selten auch um existentielle Fragen.

Auch wenn Soziale Arbeit nicht in der Lage ist, selbst die Gesellschaft zu verändern bzw. zu revolutionieren, so ist sie mit ihrer grundsätzlich humanistischen Konzeption ein Stachel im Fleisch des Neoliberalismus, den man gerne entfernen möchte oder zumindest so weit „bearbeiten“ will, dass der Stachel nicht mehr sticht.

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Deprofessionalisierung und Standardisierung der Sozialen Arbeit, Lage der Sozialen Arbeit | Verschlagwortet mit , , , , | Schreibe einen Kommentar

Der AKS Münster berichtet:

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Schreibe einen Kommentar

für die LeserInnen in Österreich und überall

Zuversicht in Zeiten der Ökonomisierung? obds Impulse zum WSWD mit Mechthild Seithe

25. Februar 2026

Im Rahmen des World Social Work Days richten wir den Blick auf die zunehmende Ökonomisierung sozialer Hilfe: Eine neoliberale Politik, mit ihren Effizienzvorgaben und Kosten-Nutzen-Kalkülen, bestimmt immer stärker, wer Unterstützung bekommt – und wie diese zu erbringen ist. Wir thematisieren die Auswirkungen auf Fachkräfte und den Adressat*innen der Soziale Arbeit.

Impulsgeberin: Prof. Dr. phil. Mechthild Seithe, Dipl. Sozialarbeiterin (Autorin des Buchs Neoliberalismus und Soziale Arbeit, emeritierte Prof in FH Jena)

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Schreibe einen Kommentar

Professionelle Distanz und professionelle Beziehung

Als ich vor einem Jahr in Berlin aus meinem Roman „Das war gestern, Ackermann“ vorlas und den Ausschnitt gewählt hatte, der das Gespräch zwischen dem Protagonisten Dieter und einem seiner Klienten wiedergibt, fragte mich im Anschluss einer der Zuhörer:

Aber war das nicht völlig unprofessionell? War das nicht eine fast freundschaftliche Beziehung?“

Der Klient im Roman, um den es da geht, ist ein psychisch auffälliger Mann, der in unregelmäßigen Abständen zu Dieter in die Sozialberatungsstelle kommt und ihm dort von seinem Problem im Alltag und auch von seinem Auftrag berichtet, den ihm Außerirdische anvertraut haben: Er soll über menschliches Leben und menschliches Empfinden schreiben. Die Außerirdischen sind offenbar neugierig und Paul Heisinger taucht mit aller Energie in diese Aufgabe ein. Im Gespräch geht es um einen Text, den er entwirft, worin er das Erlebnis des Einschlafens beschreiben soll.

Dieser Mann kommt mit seinem Leben offenbar zurecht, nur ab und an braucht er jemand, bei dem er sich aussprechen kann. Dieter bietet ihm diese Möglichkeit und vermittelt ihm Respekt und Interesse an seinem Projekt und bietet sich als Schutz gegenüber dem Rest der Welt an. Er diagnostiziert nicht, drängt den Mann nicht dazu, sich gegen seine Wahnvorstellungen behandeln zu lassen, verlangt keine Auskünfte und setzt keine Ziele. Er begegnet diesem Mann durch und durch menschlich und respektvoll und enthält sich eines Urteils darüber, wie er sein Leben lebt.

Dieses scheinbar passive, untätige Verhalten löste offenbar bei dem Zuhörer Irritationen aus. Er hatte den Eindruck, dieser Dieter täte gar nichts, handele fahrlässig gegenüber der Gesellschaft, ginge mit dem Mann um wie es vielleicht ein guter Freund täte, mehr nicht. Außerdem kam es dem Zuhörer merkwürdig vor, dass Dieter sich mit dem Klienten scheinbar auf eine Stufe stellte, seine Professionalität nicht demonstrierte, ja dem anderen nicht das Gefühl gab, dass an ihm und der Art, wie er lebte irgendetwas nicht stimmte. Dieter, so der Zuhörer, handele ja nicht nur defizitorientiert, sondern bestärke den anderen geradezu in seinen Wahnvorstellungen. Und all das sei doch in höchstem Maße unprofessionell….

Ist es das?

Aus neoliberaler Sicht – und die vertrat der Zuhörer nicht – läge die größte Verfehlung des Beraters vermutlich darin, dass er nicht hinterfragt, wovon der Mann lebt und dann, wenn dieser Sozialhilfe, Bürgergeld oder Grundsicherung erhält, daran arbeitet, ihn dazu zu bringen, irgendeine Beschäftigung zu übernehmen, statt sinnlose Texte für nicht existierende Außerirdische zu schreiben. Das alles, damit er sich selbst ernähren kann und dem Staat nicht länger zur Last fällt.

In dem Roman greift schließlich die andere Variante neoliberaler Reaktion:   Als Dieter für ihn nicht mehr erreichbar ist, wird Heisinger auffällig und stört die Abläufe, wird an die Polizei gemeldet und landet sofort in der Psychiatrie, wo er wegen seiner verzweifelten Versuche, sich zu wehren, fixiert wird und nun tatsächlich zu dem kranken Menschen wird, der er angeblich ist.

Aber auch jenseits neoliberaler Kritk scheint das beschriebene Beraterverhalten zu verunsichern? Dieter hat nichts getan?

Doch, er hat sehr viel getan. Er hat dem Mann einen Schutzraum geboten, ihm Verständnis und Achtung entgegengebracht, seine sonderbare Wirklichkeit nicht verurteil und abgekanzelt, sondern akzeptiert. Er hat dem Mann die Möglichkeit gegeben, in Frieden so zu sein, wie er sein konnte.

Er hat im Sinne der klientenorientierten Beratung mit ihm gesprochen und damit bei ihm Ängste gelöst, den Weg zu eigenen Lösungen geöffnet, den Lebensmut gestärkt. Diese Art der Beratung ist ein sehr aktives Tun. Aber die meisten, die davon sprechen, haben überhaupt nicht kapiert, worin die Heilungskraft dieser Art der Gesprächsführung tatsächlich besteht. Sie vermittelt ein Beziehungsangebot, eine menschliche Begegnung und bei den KlientInnen die psotove Erfahrung, wertgeschätzt und bedingungslos akzeptiert und verstanden zu werden. Aber das ist kein Freundschaftsantrag, keine persönliche Beziehung, wie es immer wieder unterstellt wird. Die Qualität dieser Beratungsform besteht gerade darin, weder in eine kalte Distanz und Empathielosigkeit zu verfallen noch die professionelle Distanz zu durchbrechen oder aufzugeben.

Das Problem von Nähe und Distanz – aus neoliberaler und aus humanistischer Sicht

Und genau an dieser Stelle sind wir bei der Problematik von Nähe und Distanz angekommen, bei der Frage, welche Rolle die sogenannte Beziehungsarbeit in der Sozialen Arbeit spielt und spielen sollte und bei dem neoliberalen Vorwurf der Defizitorientierung, bei dem Vorwurf, Beziehungsarbeit sei unprofessionell, bei der neoliberalen Empfehlung, gegenüber der Klientel distanziert und neutral zu sein.

Weiterlesen
Veröffentlicht unter Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Der kleine Unterschied oder die bitter notwendige Telefonzelle

Was eine kleine Streichung im Text ausmacht…

Neben den größeren Abschnitten, die aus dem Interview-Text gestrichen wurden, habe ich jetzt auch noch einige ganz kurze Textstellen entdeckt, die geändert oder gestrichen wurden.

An einer Stele ist das besonders bedauerlich, weil durch diese Kürzung sehr Wichtiges weggefallen ist. Es geht um die Telefonzelle, für die sich die BewohnerInnen der Obdachlosensiedlung Mühltal in der Stadtratsversammlung persönlich einsetzten.

Ich hatte im von mir autorisierten Interviewtext geschrieben:
Nach intensiven Rollenspielen mit den Sozialarbeitern waren die Bewohner zum Beispiel in der Lage im Stadtrat aufzutreten und die ersehnte und bitter notwendige Telefonzelle für die Siedlung einzufordern und durchzusetzen.

Abgedruckt wurde folgende Version:
Nach intensiven Rollenspielen mit den Sozialarbeitern waren die Bewohner in der Lage, im Stadtrat aufzutreten und eine Telefonzelle für die Siedlung einzufordern.

Was macht den Unterschied aus? 
Der abgedruckte Text erweckt leicht den Eindruck. „Ach ja, für solche Sachen haben die sich eingesetzt. Gab es da nichts Wichtigeres?“

Was aber da dem Rotstift – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – zum Opfer gefallen und einfach weggewischt worden ist, ist der Blick auf die reale Notsituation dieser Menschen: Man bedenke, dass es damals noch keine Handys gab. Eine Telefonzelle war in der Siedlung die einzige Chance, in Notfällen z.B. einen Arzt zu erreichen, denn es gab bei keinem der Bewohner ein Telefon. Sie war auch die einzige Möglichkeit, in Kontakt zu Einrichtungen und Menschen der Stadt zu kommen, also die Isolation im abgelegenen Mühltal zu überwinden. Und diese Telefonzelle wurde der Siedlung Jahrzehnte lag verweigert mit dem Hinweis: „Ihr macht die doch sowieso gleich wieder kaputt“.

Der erbitterte Kampf und diese eine Telefonzelle war für die BewohnerInnen gleichzeitig ein Kampf um ihre Würde, ein Kampf darum, wie Menschen behandelt zu werden, und genauso wie alle BewohnerInnen der Stadt in den Genuss dieses damals selbstverständlichen Infrastruktur-Gegenstandes zu kommen.
Das alles drückt sich in der Formulierung „die ersehnte und bitter notwendige“ Telefonzelle aus.
Welche Bedeutung, die schließlich erkämpfte Telefonzelle für die Menschen tatsächlich dort hatte, kann man an dem Gemälde deutlich erkennen, das hier im Blog im Heather abgebildet ist und die Freude über die Veränderungen in der Siedlung deutlich zum Ausdruck bringt (und die übrigens in meiner Grafik Novel „Siedlung Mühltal“ deshalb auch einen entsprechenden Raum einnimmt.) https://zukunftswerkstatt-soziale-arbeit.de/grafic-novel-siedlung-muehltal/

Diese Telefonzelle wurde zum Symbol dafür, das die Mühltaler endlich von dem Rest der Gesellschaft nicht wie Menschen zweiter Klasse abgekanzelt und ausgeschlossen blieben, dass man ihnen zutraute, dieses kostbare Gut zu schützen und zu pflegen, dass man ihnen also Verantwortung zutraute und ihre Bedürfnisse anerkannte. 

Deshalb war es mir wichtig zu betonen, dass diese Telefonzelle nicht einfach ein Gegenstand ist, den man gerne haben wollte, sondern für die Menschen in der Obdachlosensiedlun sehr viel mehr bedeutete und sehr viel wichtiger war.
Wir tendieren immer mehr dazu, uns nicht in die Lage derer hineinzuversetzen, denen es nicht so gut geht, wie uns selbst. Gestern erzählte mir eine KT-Leiterin, dass die Verwaltung einer Mutter ohne Rücksprache mit ihr den Kindergartenplatz für ihr Kind einfach gekündigt hat, weil die Mutter dreimal hintereinander das Essensgeld von 23, 20 Euro nicht bezahlt hatte. Als die KT-Leiterin sich bei der Verwaltung deswegen beschwerte und klar machte, dass dieses Kind einen Anspruch auf den KT-Platz hat, egal was die Eltern tun und dass es angebracht wäre, erst mal mit der Mutter darüber zu sprechen, warum sie nicht gezahlt hat, meinte der Verwaltungsangestellte: „Aber die läppischen 23 Euro, das kann doch jeder bezahlen, das ist doch nichts weiter.“

Warum erinnert mich das an den Spruch der französischen Königin kurz vor der französischen Revolution, als man ihr sagte, das Volk habe kein Brot: „Dann sollen sie halt Kuchen essen!“ oder auch an manchen Spruch, der derzeit in der Regierung fällt, wenn es um die Möglichkeiten geht, wie man den Sozialstaat noch weiter schleifen kann.

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Schreibe einen Kommentar

Was die TAZ über mein Buch verrät und was nicht

Veröffentlichung eines Interviews von Jonas Wahmkow

Es ist erfreulich, dass sich die TAZ für mein Buch interessiert gezeigt und so ein langes Interview mit mir geführt hat. Ich durfte den Text sogar redigieren und autorisieren. Dafür herzlichen Dank an den Redakteur.

Dennoch frage ich mich, warum gerade die Textteile des Interviews nicht übernommen wurden, von denen ich größtenteils denke, dass sie die schärfste und klarste Kritik an der gegenwärtigen Sozialpolitik und Sozialen Arbeit enthalten. Wenn es dabei nur darum gegangen sein sollte, Platz zu sparen, dann hätte ich ganz andere Stellen zum Kürzen vorgeschlagen. Aber vielleicht war das ja doch nur Zufall. Die LeserInnen können sich selbst ein Urteil darüber bilden: Ich habe die nicht veröffentlichten Textteile durch kursive, blaue Schrift markiert und in den Text des veröffentlichten Interviews eingefügt.

Der Text des Interviews:

„Es ist noch schlimmer geworden“

Die Bedingungen für die Sozialarbeit waren noch nie rosig, weiß Mechthild Seithe. Fast eine Idylle aber sei es doch mal gewesen, meint die Sozialarbeiterin: im Vergleich zum neoliberalen Jetzt.

Interview Jonas Wahmkow Foto Miriam Klingl

Vor ein paar Jahren haben mich SozialarbeiterInnen aus Berlin eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Da habe ich dann durch die jungen Kollegen gelernt, was derzeit im Bereich Soziale Arbeit los ist. Die Entwicklungen, die ich in meinem Schwarzbuch beschrieben habe, sind wirklich noch Idylle dagegen. Es ist noch schlimmer geworden. Nur, es merkt keiner mehr. Die Leute sind daran gewöhnt. Es weiß auch keiner mehr, was für andere, bessere Bedingungen man früher in der Sozialarbeit hatte.

taz: Frau Seithe, mit Ihrer Veröffentlichung vom „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ haben Sie sich 2011 als kritische Stimme der Sozialarbeit etabliert. Nun melden Sie sich nach 15 Jahren aus dem wohlverdienten Ruhestand mit einem neuen Buch zurück. Was hat Sie dazu motiviert?

Mechthild Seithe: Vor ein paar Jahren haben mich SozialarbeiterInnen aus Berlin eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Da habe ich dann durch die jungen Kollegen gelernt, was derzeit im Bereich los ist. Die Entwicklungen, die ich in meinem Schwarzbuch beschrieben habe, sind wirklich noch Idylle dagegen. Es ist noch schlimmer geworden. Nur: es merkt keiner mehr. Die Leute sind daran gewöhnt. Es weiß auch keiner mehr, was für andere, bessere Bedingungen man früher in der Sozialarbeit hatte.

taz: Sie haben 14 Jahre lang als Abteilungsleiterin im Jugendamt in Wiesbaden gearbeitet und dann nochmal 18 Jahre lang als Professorin für Sozia­le Arbeit in Jena. Was ist für Sie die Aufgabe einer Sozialarbeiterin?

Seithe: Sozialarbeit war und ist nie eine revolutionäre Angelegenheit. Der Beruf ist entstanden im 19. Jahrhundert zur Zeit der Industrialisierung und des Arbeiterelends. Soziale Arbeit hatte von Anfang an für den Staat zwei Funktio­nen: zum einen, die Leute so weit zu befrieden, dass sie arbeiten konnten, klarkamen und nicht verhungerten. Auf der anderen Seite ging es immer darum, dass die Leute gerade so zufrieden waren, dass sie nicht rebellierten. Dieser Zwiespalt steckt bis heute in der Struktur der Sozialen Arbeit.

Weiterlesen
Veröffentlicht unter Anmerkungen zu meinem neuen Buch, Deprofessionalisierung und Standardisierung der Sozialen Arbeit | Verschlagwortet mit , | 17 Kommentare

Eine bemerkenswerte Rezension

Peter-Ulrich Wendt:
Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute
Eher schwarze als weiße Reflexionen zu einem zentralen Thema und wichtigen Buch

Peter-Ulrich Wendt hat in dem „Rundbrief der Gilde Soziale Arbeit„, Ausg. 1/2026, eine ausführliche Rezension veröffentlich, die viele Anstöße zum Weiterdiskutieren und Nachdenken bringt.

Ich freue mich besonders, weil er speziell auf das Kapitel 15 (Überlegungen für ein neukalibriertes Konzept Sozialer Arbeit) eingegangen ist, in dem ich meine Vorstellungen dargelegt habe, wie das vorhandene professionelle Handlungskonzept (so wie es derzeit mehrheitlich verstanden und gelehrt wird) reflektiert, überarbeitet und verbessert werden sollte.  

Hier geht’s zur Rezension von Peter-Ulrich Wendt.

Kollege Wendt teilt (leider) meine Befürchtung, dass unsere Profession gegenwärtig nicht willens und vielleicht auch nicht in der Lage ist, gegen die neoliberale Transformation Widerstand zu leisten und Kritik zu entwickeln.

Ich sehe die Lage aber vielleicht nicht ganz so pessimistisch. Ich treffe immer wieder auf PraktikerInnen, die sehr wohl sehen, was mit ihrer Profession geschehen ist, und die Ansätze suchen, sich gegen diese Entwicklung zu wehren.
Vor wenigen Tagen war ich z.B. zu einem Vortrag in Münster, zu dem der AKS Münster eingeladen hatte. Und ich war wirklich verblüfft wie viele Leute und wer zu diesem Vortrag kam. Weder ich noch die Leute vom AKS hatten mit 90 Menschen gerechnet – darunter übrigens relativ wenige Studierende – Menschen aus der Praxis, interessiert BürgerInnen aus anderen sozialen Bereichen, junge Menschen, nicht wenig ältere Menschen.

Für solche VertreterInnen unserer Profession ist mein Buch geschrieben. Sie können daraus jede Menge Informationen aber vor allem auch Argumente, Ideen und Anregungen für eine widerständige Soziale Arbeit entnehmen.

Vermutlich wird das Buch KollegInnen, die nicht an einer Reflexion und an einer kritischen Überprüfung der gegenwärtigen Praxis interessiert sind, nicht weiter interessieren. Meine Hoffnung aber ist, dass die, die sich durch mein Buch unterstützt fühlen, daraus genug Kraft schöpfen, um einen Fuß in die Tür stellen und ihren Widerstand, ihr Nicht-Einverstanden-Sein mit der gegenwärtigen Entwicklung sichtbar und unüberhörbar machen zu können.

Kollege Wendt erwartet nicht zu Unrecht übrigens, dass der Preis, den der Verlag festgelegt hat, viele davon abhalten wird, es zu erwerben und es zu lesen. Zumal, wie er meint, SozialarbeiterInnen auch schon im Studium wenig Interesse an einer Auseinandersetzung mit ihrer Profession gezeigt haben. Ich weiß, dass das Lesen von Fachbüchern nicht gerade zu den Hobbys von praktizierend SozialarbeiterInnen gehört. Und ich kann das gut verstehen, dass man nach einem heftigen Arbeitstag unter den gegenwärtigen Bedingungen etwas anderes machen möchte, als sich weiter mit dem zu beschäftigen, was einen schon den ganzen Tag über geschlaucht hat.

Mir fällt dazu eines der nettesten Komplimente ein, die ich damals für das Schwarzbuch Soziale Arbeit bekommen habe. Ein Student erzählte mir, er lese darin im Zug, wenn er am Wochenende nach Hause fährt, es sei so verständlich, konkret und nachvollziehbar geschrieben, dass er es als Start in das Wochenende zu Hause absolut geeignet fand und genießen konnte.

Ich hoffe sehr, dass mein neues Buch ähnlich verständlich und anschaulich geworden ist.

Und zur Geldfrage – Ich finde auch, 54 Euro für ein e-book ist gewaltig.

Ich habe mit dem Verlag lange gerungen, ob sie das Buch nicht günstiger verkaufen könnten. Aber da war nichts zu machen, das sind die gegenwärtigen Regelungen. Aber man hat mich auf zwei Dinge hingewiesen, die ich hier anbringen möchte.

  1. Studierende hätte über ihre Hochschule einen einfachen und kostengünstigen Zugang zu den Büchern des Springer Verlages. Die Lektorin schrieb mir: „Bitte bedenken Sie, dass wir über unsere eBook Pakete die Studierenden und Forschenden an den (Fach-) Hochschulen erreichen, d.h. ich gehe ganz stark davon aus, dass viele, die sich systematisch und kritisch mit der Rolle und dem Stellenwert der Sozialen Arbeit in unserer Gesellschaft auseinandersetzen, kostenfreien Zugriff auf den Titel haben werden.“
  2. Und dann wurde mir ein „Trick“ verraten, den ich bis dahin noch nicht kannte:
    Der Verlag hat mir einen aufgezeigt, wie „Individualkunden“ günstiger an das e-book kommen können. Über https://link.springer.com/product/springer-plus  abonniert man ein Abo (Basic)(das man auch nur für einen Monat abonnieren kann, spätestens 72 Stunden vor Ablauf des Monats kündigen!) und erhält für 34,99 Euro  10 „download units“, für die man sich das Buch herunterladen kann.
Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Verschlagwortet mit , , , , | Schreibe einen Kommentar

Was hat die Fachlichkeit mit Politik zu tun?

Mir wurde bei meinem letzten Vortrag von einem Zuhörer folgende Frage gestellt:
„Das ist ja ganz schön und wichtig, wenn Sie auf die notwendige Fachlichkeit pochen. Aber wäre es nicht auch notwendig, dass Soziale Arbeit politisch wird?

meine Antwort:

Das sind keine Gegensätze, ganz im Gegenteil: sie gehören sogar eng zusammen.

Bei der Forderung nach Fachlichkeit, nach der Anerkennung der fachlichen Expertise etc. geht es zwar auch um berufspolitische Fragen, um die gesellschaftliche Anerkennung der Sozialen Arbeit als Profession, um die Tatsache, dass die professionelle Soziale Arbeit ein Konzept hat, das für alle nur möglichen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit dasselbe ist.

Aber es geht dabei um weit mehr.
Tatsächlich ist die Forderung, das klassische, humanistisch und wissenschaftlich orientierte Konzept umzusetzen und sich gegen die neoliberale Transformation zu wehren, eine unmittelbar politische Forderung. Die Konzeptfrage beinhaltet nämlich die Frage nach dem Menschenbild und nach der Sicht auf die menschliche Gesellschaft. Das professionelle Konzept der Sozialen Arbeit stellt die neoliberale Berechtigung, alles Menschliche und Soziale als Waren, als Produkte aufzufassen, zu bewerten und zu behandeln radikal infrage! 
Das professionelle, Konzept betont außerdem die Verantwortung des Staates für die Schäden und Belastungen, die das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem einer Gruppe von Menschen zumutet und verurteilt die neoliberale Ideologie, die den Menschen für alle ihre Probleme die Schuld und alleinige Zuständigkeit zuschiebt.

Der Streit um das richtige, das passende und das gewollte Konzept ist also auch ein politischer Streit.
Zum weiteren ist die Anwendung des professionellen Konzeptes schon deshalb eine politische Herausforderung an den Neoliberalismus, weil es darum geht, wirkliche Unterstützung und Hilfe für die KlientInnen anzubieten.
In meiner (hier im Blog veröffentlichten Befragung von 2024 haben 98% der befragten PraktikerInnen die Frage: „Bekommen deine KlientInnen deiner Meinung nach die Hilfe, die sie brauchen? Mit „Nein“ geantwortet.
Die neoliberale Soziale Arbeit lässt einen großen Teil der klassischen Klientel der Sozialen Arbeit im Stich, überfordert sie oder reagiert mit Druck und Sanktionen. Der Kampf um Professionalität und um die Akzeptanz der sozialarbeiterischen Fachlichkeit ist somit auch der politische Kampf für bessere, angemessenere Hilfen und für eine wirkliche Unterstützung der betroffenen Menschen.

Soziale Arbeit ist eine hochpolitische Angelegenheit  so oder so.

Hier weitere Texte zum Thema Politisierung der SozialenArbeit

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Schreibe einen Kommentar

Brief an den AKS Münster

Hallo, liebe AKSlerInnen aus Münster,

Ich habe das Bedürfnis, euch noch einmal zu schreiben und euch zu sagen, wie sehr es mir bei euch gefallen hat.

Ihre seid eine tolle Gruppe, finde ich. Ich war beeindruckt von eurem empathischen und herzliche Umgang untereinander, von der Coolness, wie ihr die Organisation des Abends locker und absolut erfolgreich gemeistert habt. Ich war beeindruckt, mit welchem Feingefühl und Verständnis ihr euch mir älterem Menschen gegenüber verhalten habt. Ich war auch beeindruckt von eurem politischen Engagement, das ihr nicht groß zur Schau stellt, sondern einfach wie selbstverständlich lebt. Und natürlich war ich auch sehr angetan von eurem fachlichen Wissen und kritischen Bewusstsein.

Es war für mich ein wunderbarer Abend und ich habe mich bei euch sehr wohl gefühlt.

Ich möchte euch sagen, dass mir die Bekanntschaft und Erfahrung mit euerer Gruppe Hoffnung gemacht hat, dass die junge Generation es vielleicht doch noch schafft, der gegenwärtigen politischen Entwicklung in diesem Lande etwas entgegenzusetzen. Wenn man alt wird und erlebt, wie ich es leider seit Jahren erfahren muss, dass alle Kämpfe und Bemühungen und Werte, die das gesamte Leben bestimmt haben, plötzlich vor die Wand knallen und nichts von dem mehr gilt, was man für richtig und wichtig gehalten hat, dann wird man schon ein wenig pessimistisch. Aber ihr habt mir gezeigt, dass die Welt weiterhin Leute hervorbringt, die nicht resignieren und bereit sind, für eine bessere Welt zu kämpfen. Das gibt auch mir Hoffnung.

Ich wünsche euch weiterhin viel Kraft, Ideen und Freude an der gemeinsamen politischen Arbeit.

Vielleicht sehen wir uns mal wieder, vielleicht im September auf dem AKS Treffen….

Eure Mechthild

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Schreibe einen Kommentar

Interview zu meinem Buch mit dem Redakteur des österreichischen Berufsverbandes odbs

Foto entnommen der Zeitschrift SIÖ

Im November bat mich der Redakteur der Zeitschrift des österreichischen Berufsverbandes für Soziale Arbeit um ein Interview zu meinem neuen Buch: Das Interview erschien inzwischen in der Dezemberausgabe der Zeitschrift SIÖ unter dem Titel:

„… und immer weiter optimieren“
Die SIÖ-Redaktion im Gespräch mit Mechthild Seithe

Ü b e r S oz i a l e A r b e i t i m N e o l i b e r a l i s m u s

hier nachzulesen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Verschlagwortet mit , , , , | Ein Kommentar