Veröffentlichung eines Interviews von Jonas Wahmkow
Es ist erfreulich, dass sich die TAZ für mein Buch interessiert gezeigt und so ein langes Interview mit mir geführt hat. Ich durfte den Text sogar redigieren und autorisieren. Dafür herzlichen Dank an den Redakteur.
Dennoch frage ich mich, warum gerade die Textteile des Interviews nicht übernommen wurden, von denen ich größtenteils denke, dass sie die schärfste und klarste Kritik an der gegenwärtigen Sozialpolitik und Sozialen Arbeit enthalten. Wenn es dabei nur darum gegangen sein sollte, Platz zu sparen, dann hätte ich ganz andere Stellen zum Kürzen vorgeschlagen. Aber vielleicht war das ja doch nur Zufall. Die LeserInnen können sich selbst ein Urteil darüber bilden: Ich habe die nicht veröffentlichten Textteile durch kursive, blaue Schrift markiert und in den Text des veröffentlichten Interviews eingefügt.
Der Text des Interviews:
„Es ist noch schlimmer geworden“
Die Bedingungen für die Sozialarbeit waren noch nie rosig, weiß Mechthild Seithe. Fast eine Idylle aber sei es doch mal gewesen, meint die Sozialarbeiterin: im Vergleich zum neoliberalen Jetzt.
Interview Jonas Wahmkow Foto Miriam Klingl
Vor ein paar Jahren haben mich SozialarbeiterInnen aus Berlin eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Da habe ich dann durch die jungen Kollegen gelernt, was derzeit im Bereich Soziale Arbeit los ist. Die Entwicklungen, die ich in meinem Schwarzbuch beschrieben habe, sind wirklich noch Idylle dagegen. Es ist noch schlimmer geworden. Nur, es merkt keiner mehr. Die Leute sind daran gewöhnt. Es weiß auch keiner mehr, was für andere, bessere Bedingungen man früher in der Sozialarbeit hatte.
Anmerkung zum Titel und zum Begriff Idylle:
Soziale Arbeit hat und hatte nie und nimmer etwas Idyllisches. Mit meiner oben stehenden Aussage wollte ich darauf hinweisen, dass das, was ich im Schwarzbuch beschrieben und kritisiert habe, im Vergleich zu den heutigen Verhältnissen einer schon fortgeschrittenen Neoliberalisierng fast harmlos klingt. Die Überschrift, die gewählt wurde, ist ein Missverständis. Die Soziale Arbeit zu Zeiten des heute viel geschmähten Sozialstaates in der Zeit etwa von 1970 bis 1990 hatte absolut nichts Idyllisches an sich. Sie war einfach nur qualifizierter, hilfreicher und humanistischer ausgerichtet.
taz: Frau Seithe, mit Ihrer Veröffentlichung vom „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ haben Sie sich 2011 als kritische Stimme der Sozialarbeit etabliert. Nun melden Sie sich nach 15 Jahren aus dem wohlverdienten Ruhestand mit einem neuen Buch zurück. Was hat Sie dazu motiviert?
Mechthild Seithe: Vor ein paar Jahren haben mich SozialarbeiterInnen aus Berlin eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Da habe ich dann durch die jungen Kollegen gelernt, was derzeit im Bereich los ist. Die Entwicklungen, die ich in meinem Schwarzbuch beschrieben habe, sind wirklich noch Idylle dagegen. Es ist noch schlimmer geworden. Nur: es merkt keiner mehr. Die Leute sind daran gewöhnt. Es weiß auch keiner mehr, was für andere, bessere Bedingungen man früher in der Sozialarbeit hatte.
taz: Sie haben 14 Jahre lang als Abteilungsleiterin im Jugendamt in Wiesbaden gearbeitet und dann nochmal 18 Jahre lang als Professorin für Soziale Arbeit in Jena. Was ist für Sie die Aufgabe einer Sozialarbeiterin?
Seithe: Sozialarbeit war und ist nie eine revolutionäre Angelegenheit. Der Beruf ist entstanden im 19. Jahrhundert zur Zeit der Industrialisierung und des Arbeiterelends. Soziale Arbeit hatte von Anfang an für den Staat zwei Funktionen: zum einen, die Leute so weit zu befrieden, dass sie arbeiten konnten, klarkamen und nicht verhungerten. Auf der anderen Seite ging es immer darum, dass die Leute gerade so zufrieden waren, dass sie nicht rebellierten. Dieser Zwiespalt steckt bis heute in der Struktur der Sozialen Arbeit.
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