3. Marthas Töchter

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Suses Geburtstagsfeier

Alles war fertig. Suse betrachtete voller Vorfreude den gedeckten Kaffee-Tisch. Sie hatte zur Feier des Tages ihr eigenes Geschirr herausgeholt, dessen Blumenornamente sie so liebte. Annerose fand es kitschig. Deshalb benutzten die Schwestern meist das einfache weiße Geschirr der Schwester. Aber heute war schließlich ihr 45.Geburtstag, da würde sie ja wohl das Geschirr aufdecken können, das ihr gefiel.
Suse strich mit der Handkante noch einmal eine Falte aus der gebügelten Tischdecke, zupfte an dem Blumenarrangement, das in einer gläsernen Vase den Tisch schmückte. Da fiel ihr auf, dass sie vergessen hatte, Kuchengabeln zu decken. Sofort rannte sie in die Küche.
Sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte. Annerose kam von ihrem Einkauf zurück. Eigentlich hatte Suse gehofft, dass auch ihre Schwester erst um 16.00 Uhr eintrudeln würde, wie ein Geburtstagsgast eben. Aber schließlich wohnte ihre Schwester hier und konnte kommen und gehen, wie und wann sie es wollte.

Suse steht am Geburtstagstisch

„Oh“, machte Annerose nur, als sie im Wohnzimmer den gedeckten Tisch sah. Dann wandte sie sich Suse zu und meinte: „Schön hast du das gemacht.“ Sie versuchte anscheinend, nett zu ihrer kleinen Schwester zu sein. Die begegnete Anneroses Kompliment mit einem verschämten Lächeln.
„Wann kommt deine Freundin?“, fragte Annerose dann.
„Gegen 16.00 Uhr. Sie heißt übrigens Hildegard, wie du eigentlich weißt, Annerose. Und bitte, sei nett zu ihr! Du kannst manchmal so hart sein. Ich weiß, du meinst es nicht böse, aber sei nett, ja? Mir zuliebe.“
„Keine Sorge, mine Lütte!“ Annerose grinste. „Das wird schon.“
Annerose liebte es, Suse mit mine Lütte anzusprechen. Für sie war Suse als neun Jahre jüngere Schwester fast so etwas wie eine eigene Tochter. Mit einem Lächeln verschwand sie in ihrem Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Suse verteilte die Gabeln und setzte sich anschließend an den gedeckten Tisch. Noch war ein bisschen Zeit.

Sie wusste, dass Annerose ihre beste Freundin Hildegard nicht mochte. Nur verstand sie nicht, warum. Hildegard war doch eine nette, gebildete Frau, die sich geschmackvoll kleidete und regelmäßig Zeitung las. Sie spielte sogar Klavier. Suse sah zu ihr auf. Es erfüllte sie mit Stolz, so eine talentierte und wohlhabende Freundin zu haben.

Hildegard war gelernte Handelskauffrau, aber seit vielen Jahren wegen ihrer beiden inzwischen allerdings schon beinah erwachsenen Töchter zu Hause. Manchmal wurde Suse von Hildegard eingeladen. Die staunte jedes Mal über die teuren Möbel und die elegante Einrichtung. Wenn sie es genau überlegte, wusste Suse gar nicht, wieso Hildegard so an ihr hing.
Sie hatten sich vor langer Zeit kennengelernt, als Suse bei Hildegards Vater im Büro geputzt hatte. Damals kamen sie überraschenderweise ins Gespräch und waren seitdem befreundet. Suse lächelte glücklich in sich hinein und warf noch einen wachsamen Blick über den gedeckten Tisch. Ich werde es ihr nie vergessen, dass sich diese schicke Frau damals mir, der einfachen Putzhilfe, zugewandt und sich mit mir sogar angefreundet hat, dachte sie dankbar.

Aber Annerose schien Hildegard anders zu sehen. Bisher war sie der Freundin immer aus dem Weg gegangen. Dass ihre Schwester jetzt damit einverstanden gewesen war, Suses Geburtstag zusammen mit Hildegard – und das hier, in der gemeinsamen Wohnung der Schwestern – zu feiern, war für Suse wie ein Geschenk.
Ach Annerose! Suse seufzte und sah auf die Tür, hinter der Annerose eben verschwunden war. Manchmal fragte sie sich, warum sie mit ihren seit heute 45 Jahren noch immer mit ihrer großen Schwester zusammenlebte. Nach ihrer kurzen, unglücklichen Ehe mit Hansi war sie sofort zu ihrer Schwester zurückgekehrt. Sie war es gewohnt, dass Annerose sich um sie kümmerte. Das war schon immer so gewesen, selbst als ihre Mutter noch gelebt hatte. Annerose war immer für sie da. Als sie nach dem Tod ihrer Mutter ins Heim kamen, behütete Annerose ihre kleine Schwester und verteidigte sie vor den anderen Kindern und den Erziehern wie ein Schutzengel. Und selbst als Annerose mit 18 endlich ihr eigenes Leben beginnen konnte, besuchte sie Suse jede Woche im Heim.
Viele Jahre später durfte auch Suse das Heim verlassen und zog sofort bei Annerose ein. Die lebte damals in einer kleinen Wohnung und hatte eine gute Arbeit gefunden.

In den ersten Jahren nach ihrer Heimentlassung verbrachte Suse die meiste Zeit mit ihrer alten Heim-Clique. Eigentlich war das eine schöne Zeit, dachte sie. Damals hatte sie immer gute Laune und viel gelacht. Annerose war jedoch nicht begeistert von diesem Umgang. Sie sagte, Suse würde sich von den anderen Mädchen ausnutzen lassen. Aber das war Suse egal, sie wurde von den anderen gemocht, das war damals für sie alles, was zählte.

Heute blickte sie etwas anders auf diese Zeit zurück. Vielleicht stimmte ja, was Annerose befürchtet hatte, dass man sie nur deshalb mochte, weil sie es allen recht machen wollte. Sie konnte einfach nicht nein sagen, auch nicht, wenn die Clique etwas von ihr erwartete, was sonst niemand übernehmen und auch sie eigentlich nicht tun wollte. Einmal musste Annerose sie sogar von der Polizeistation abholen. Suse hatte zusammen mit zwei anderen Mädchen aus der Clique versucht, Schmuck zu stehlen, war aber erwischt worden. Annerose gelang es, alles wieder geradezubiegen und Suse kam mit einem Kaufhausverbot und einer kleineren Geldstrafe davon – die natürlich Annerose bezahlte. Später fiel die Gruppe auseinander, was vermutlich das Beste war.
Ja, Annerose schaffte es immer, Suse aus der Patsche zu helfen. Sie selbst kam mit ihrem Leben zurecht. Sie hatte es von Anfang an bei den Hörner gepackt und sich nicht unterkriegen lassen. Sie wollte immer etwas lernen, wollte es aus dem Milieu herausschaffen, in das sie hineingeboren worden war. In den ersten Jahren musste sie hart arbeiten, so mancher Traum war dabei auf der Strecke geblieben. Aber sie hat in der Volkshochschule den Hauptschulabschluss nachgemacht und darauf eine Lehre als Altenpflegerin begonnen. Auch heute trug sie sich wieder mit dem Gedanken, vielleicht doch noch etwas ganz Neues zu lernen. Sie war immer voller Ideen. Sie las Bücher, mit denen sie, Suse, nichts anfangen konnte. Ihre Schwester bewunderte sie dafür.

Suse

Nur die Männer interessierten Annerose nicht allzu sehr, was Suse schade fand. Denn trotz ihres harten, fast männlichen Gesichtsausdrucks und ihrer oft groben Art, mit anderen Menschen umzugehen, hatte Annerose ein weiches Herz.
Sie selbst war da ganz anders als Annerose. Sie arbeitete im Lager von Rewe, wo sie ein paar Kröten verdiente. Eine andere Arbeit kam nicht infrage. Ihre Versuche, eine Lehre als Verkäuferin zu absolvieren, waren an der Berufsschule gescheitert. Das, was man dort von ihr verlangt hatte, war für sie zu schwer gewesen.

Suse saß noch immer in Gedanken versunken an dem gedeckten Kaffeetisch. Mit leisem Bedauern stellte sie fest, dass ihr Leben im Laufe der Jahre, die sie bei Annerose wohnte, immer langweiliger geworden war. Seit ihrer kurzen Ehe mit Hansi machte sie abends nicht viel mehr, als fernzusehen. Wenn sie Hildegard nicht hätte, sähe es in ihrem Leben ziemlich mau aus. So kam sie wenigstens manchmal ins Kino oder Hildegard lud sie zu einem Ausflug ein. Ab und zu durfte sie auch bei Hildegard kochen, wenn die Familie ein Fest gab.

Sie war nicht darauf versessen, reich zu sein oder von anderen Menschen bewundert zu werden. Sie wünschte sich nur ein bisschen Glück in ihrem Leben: einen netten Mann, der sie nicht schlug, vielleicht ein paar Kinder, wenn möglich ein Häuschen im Grünen. Bis heute hatte sich dieser Traum nicht erfüllt. Annerose meinte, das müsste sie schon selbst in die Hand nehmen. Wahrscheinlich hatte sie recht.

Suse schrak plötzlich zusammen. Was saß sie hier herum und träumte! Es war höchste Zeit, das Wasser für den Kaffee aufzusetzen.
Hildegard kam pünktlich. Sie hatte ein toll geschnittenes, neues Kleid an. „Extra dir zur Ehre, Suse!“
Bei Kaffee und Kuchen wurde geplaudert, wobei vor allem Hildegard und Suse fröhlich schwatzten. Sie kamen auf die Zeit zu sprechen, in der sie sich kennengelernt hatten, auf ihre gemeinsamen Unternehmungen und auf dieses oder jenes Ereignis.
Annerose dagegen blieb einsilbig. Immerhin bemühte sie sich, nicht unfreundlich zu wirken. Während die beiden Freundinnen munter drauflos schwätzten, dachte sie an das, was sie in ihrem aktuellen Buch gelesen hatte. Der Gesang der Blumen. Der Titel gefiel ihr. Es war nicht ganz leicht zu lesen, aber sie fand es faszinierend.

„Und woher kannst du eigentlich so gut Klavier spielen, Hildegard?“, fragte gerade Suse.
„Das hat mir mein Großvater beigebracht. Er war mein Lieblingsgroßvater, weißt du. Leider ist er nun schon einige Zeit tot. Früher war er Arzt, sogar ein ziemlich guter, glaube ich. Nach dem Krieg hat er nicht mehr gearbeitet, aber er hat mir immer viel von seiner Zeit als Arzt erzählt. Er hat damals auch Juden gerettet. Er war ein richtiger Held. Das sagen zumindest meine Eltern.‟
„Juden gerettet?“ Annerose wurde plötzlich munter. „Erzähl mal!“
„Also, er hat damals in so einem Heim gearbeitet, so ein Nazi-Heim für Mädchen mit ’nem unmoralischen Lebenswandel oder so. Aber eigentlich war er gegen die Nazis, deshalb hat er mit einem gefälschten Pass einer Jüdin geholfen, zusammen mit ihren zwei Kindern nach England zu fliehen. Das hat er oft erzählt.“
Annerose warf Suse einen elektrisierten Blick zu, aber Suse reagierte nicht.
„War das hier in Mühlheim?“, fragte Annerose bemüht unschuldig.
Suse sah auf. Sie merkte an der Stimme ihrer Schwester sofort,  dass etwas im Busch war.
„Na klar, hier im Johannisstift, die große Anlage hinten am Hochfeld.“
„Und was hat er da so gemacht? Als Arzt, meine ich.“ Annerose sah Hildegard jetzt lauernd an.
„Das weiß ich nicht so genau. Es ging denen wohl darum, die Mädchen umzuerziehen, zu Mädchen, die dem arischen Ideal entsprachen oder so ähnlich. War sicher nicht so leicht.“
„Wieso?“, fragte jetzt Suse, die langsam anfing, zu begreifen.

„Ich denke, das waren alles ziemlich runtergekommene und verdorbene Mädchen. Triebhaft. Mein Opa meinte, sie hätten für die Gesellschaft keinen Wert gehabt. Aber manchmal hat er auch erzählt, dass sie mit den Mädchen nicht gerade zimperlich umgegangen sind. Es hat ihm Manches nicht geschmeckt, aber er musste den Mund halten und aufpassen, dass er seinen Job nicht verlor. Schließlich hatte er Frau und Kinder.“

Hildegard sah jetzt irritiert in die Gesichter der Schwestern, die sie anstarrten. „Hattet ihr eigentlich auch Großeltern?“, fragte sie zögernd.
„Wir kennen unsere Großeltern nicht“, antwortete Suse kühl.
„Ach so, ja, nach dem Krieg war manches schwierig“, antwortete Hildegard. Sie sah Suse nervös an. Die Schwestern schwiegen.
„Ach übrigens, Suse, ich finde dein Geschirr sehr hübsch. Wo hast du das noch gekauft?“, versuchte sie, ein anderes Thema anzustoßen.
Das Gespräch lief schleppend weiter. Die Stimmung war gekippt. Nach einiger Zeit meinte Annerose, sie müsste noch ein Telefonat führen. Sie stand auf und ging in ihr Zimmer ohne Hildegard zum Abschied die Hand zu geben.
Auch Suse war schweigsam geworden, weshalb sich Hildegard nach einer Viertelstunde verabschiedete.

Die Vergangenheit steht im Raum

Kaum hörte man unten die Haustür zuschlagen, platzte Annerose aus ihrem Zimmer.
„Das kann doch nicht wahr sein! Meine Schwester ist mit der Enkelin von dem Arzt befreundet, der unsere Mutter damals in dieses schändliche Heim gebracht hat!“
Suse schluckte, aber sie protestierte tapfer: „So war es nicht: Er hat nur nicht verhindert, dass sie dorthin kam. Das ist etwas anderes.“
„Meine Güte, Suse, du verteidigst das auch noch!“

Die Schwestern streiten

„Hildegard selbst hat doch nichts getan, Annerose. Es war ihr Großvater!“
„Hast du nicht gehört, wie sie über die Mädchen in diesem Heim gesprochen hat? Für sie waren das runtergekommene, verdorbene Mädchen!“
„Sie wusste doch nicht, dass eine davon unsere Mutter war.“
„Na und? Das ändert nichts daran! So hat sie wenigstens gesagt, was sie wirklich denkt. Und sie denkt heute genauso, wie damals alle dachten. Sie verteidigt ihren Großvater und spricht von Mädchen wie unserer Mutter als triebhafte Personen, die keinen Wert für die Gesellschaft haben. So hat es ihr Großvater erzählt und sie scheint nichts dabei zu finden!“
Suse sah ihre Schwester mit aufgerissen Augen an.

Annerose war noch nicht fertig: „Ich hätte ihr am liebsten eine runtergehauen. Nur dir zuliebe habe ich mich beherrscht, Suse. Und weißt du was? Ich verbiete dir ein für alle Mal, dich mit dieser Frau zu treffen.“
Jetzt endlich fand Suse ihre Sprache wieder: „Bist du verrückt? Sie ist meine beste Freundin – meine einzige Freundin. Du kannst mir das nicht verbieten, Annerose. Das geht zu weit!“
„Kannst du es denn aushalten, mit der Enkelin dieses Miststücks zusammen zu sein?“
„Ach Annerose, ich bin doch selbst erschrocken! Ich weiß nicht, was ich denken soll. Hat sie wirklich von dem Heim gesprochen, in dem unsere Mutter war?“
„Natürlich, von dem Heim, wo man sie zu Grunde gerichtet hat, Suse. Das weißt du so gut wie ich.“

Suse schüttelte verwirrt den Kopf.
„Du hast es mir ja erzählt, aber da war ich noch klein, ich habe nicht alles begriffen.“
Annerose setzte sich Suse gegenüber an den noch gedeckten Tisch. „Hast du vergessen, wie unsere Mutter in dieses Heim kam? Unsere Mutter fiel dem Schuldirektor auf, weil sie auf dem Schulhof mit Jungen rummachte. Er meldete das der Jugendbehörde. Die verfügten eine Einweisung in das städtische Erziehungsheim für gefallene Mädchen. Unsere Großmutter hat alles versucht, um das zu verhindern. Sie kannte den Arzt dieses Heimes, er war wohl früher mal ihr Hausarzt, glaube ich. Sie ist zu ihm hin und hat ihn beschworen, etwas zu unternehmen. Er soll sogar ein Gutachten oder eine Stellungnahme geschrieben haben, um die Jugendbehörde umzustimmen. Aber dann bekam er Besuch von der Gestapo. Danach tat er so, als würde er unsere Großmutter nicht kennen. Unsere Mutter musste in dem Erziehungsheim bleiben.“
„In dem Heim waren wir beide doch auch“, wandte Suse aufgeschreckt ein.
„Aber das war damals doch ganz anders, Suse. Man kann es sich heute kaum vorstellen, wie es in diesen Naziheimen aussah. Unsere Mutter war ab ihrem 13. Lebensjahr dort, drei Jahre lang, bis Hitler endlich den Krieg verloren hat.“

Suse starrte getroffen vor sich hin. Annerose war noch nicht fertig.
„Sie wurde schlecht ernährt, war dauernd krank und mit 14 musste sie beim Straßenbau Zwangsarbeit leisten. Der Arzt hat allerlei medizinische Versuche an den Mädchen gemacht. Als sie 16 war, sollte sie zwangssterilisiert werden, und ist dem nur entgangen, weil an dem geplanten Tag der Gynäkologe krank war. Sie haben sie gequält und missachtet, beschimpft und geschlagen.“ Annerose hatte sich in Rage geredet. Ihr Kopf glühte.

Suse war den Tränen nah. „Hör auf Annerose, hör auf! Ich will das nicht hören. Es ist so schrecklich!“
„Wusstest du eigentlich, dass sie von einem der Erzieher vergewaltigt wurde? Auf die brutale Art, wie Mutter mir erzählt hat. Sie hat sich gewehrt und ist dabei so heftig gegen eine Tischkante geschlagen, dass sie mit einem Schädelbasisbruch ins Hospital musste. Von dort wurde sie aber viel zu früh entlassen und zurück ins Heim geschickt. Von dem nicht ausgeheilten Basisbruch stammten ja ihre späteren gesundheitlichen Probleme. Wie oft musste sie wegen ihrer Anfälle ins Krankenhaus. Unsere Mutter war eine zerstörte Frau, Suse. Sie ist nicht zufällig schon mit 41 Jahren gestorben. Und dieser Arzt hätte das alles verhindern können, wenn er nur etwas Rückgrat bewiesen hätte!“

„Das ist ja furchtbar! Ich wusste das gar nicht so genau. Ich weiß nur, dass wir zu dritt waren, eine Zeitlang noch, Mutter, du und ich, und dass unsere Mutter ständig krank war.“
„Ja, das wurde eigentlich immer schlimmer. Eine Zeit lang war sie ja mit meinem Vater zusammen. Aber als sie mit mir schwanger wurde, hat er sich davon gemacht. Dieser Herrmann hatte sie ausgenutzt und gequält, trotzdem hat sie sein Abtauchen tief getroffen. Ab da wurden ihre Beschwerden noch größer. Sie kam mit ihrem Leben überhaupt nicht mehr klar und konnte sich nicht gut um mich kümmern. Es blieb mir nicht anderes übrig, als sehr früh selbständig zu werden. Wenn sie wieder einen Anfall bekam, musste ich jemanden bitten, sie ins Krankenhaus zu bringen. Ich war damals noch ein kleines Kind! Es gab niemanden, der ihr sonst geholfen hätte: Ihre eigene Mutter war ja schon vor Ende des Krieges gestorben. Und ihr Vater weigerte sich, sie zu sehen.“
„Wie schrecklich, Annerose!
„Ja, das Ganze hat sich dann später wiederholt als sie deinen Vater traf. Auch der hat sich aus dem Staub gemacht, sobald Martha schwanger wurde.“
Suse sah schweigend vor sich hin.

Du hast mir nie gesagt, wer mein Vater war. Wahrscheinlich weißt du es, aber sag‘s lieber nicht!“
Annerose schüttelte den Kopf und warf ihrer Schwester einen besorgten Blick zu. Sie antwortete nicht.

Doch nach ein paar Minuten fing sie erneut an zu sprechen:
„Ich kann es nicht ertragen, dass du mit der Enkelin eines Menschen befreundet bist, der zum Leid unserer Mutter beigetragen hat. Und wenn ich nur daran denken, was sie eben selbst darüber gesagt hat, wird mir schwarz vor Augen. Ich habe so einen Hass auf diese ganze Gesellschaft damals. Wenn ich herausbekäme, dass dieser Erzieher noch lebt … Ich würde ihn am liebsten umbringen!“ Sie ballte die Hände zu Fäusten.
„Ach Annerose, deine Rachsucht nützt Mama auch nichts mehr. Du musst einen Strich unter all das ziehen.“
„Unter so was kann man keinen Strich ziehen! Du nimmst Mamas Schicksal verdammt leicht!“
„Tue ich nicht!“ Suse war aufgesprungen und sah ihre Schwester aufgebracht an. „Aber Hildegard kann nichts dafür, sie hat nur erzählt, was ihr Großvater gesagt hat. Sie hat nicht darüber nachgedacht. Sie ist nicht so eine. Ich weiß, wie sie ist.“
„Ich möchte sie nie wieder hier in dieser Wohnung sehen, hast du gehört, Suse!“
Suse starrte ihre Schwester mit finsterer Miene an.  Ihr Kinn zitterte. „Du nimmst dir zu viel raus! Das ist auch meine Wohnung, oder nicht? Und du kannst nicht über mein Leben bestimmen!“

Wütend ging sie in die Küche und schlug die Tür hinter sich zu.

„Ich lass mir meine Freundin nicht wegnehmen!“, schimpfte sie so laut, dass Annerose es durch die Tür hören musste. Sie liebte ihre Schwester. Ihr war klar, was sie all die Jahre für Suse getan hatte, aber jetzt ging Annerose zu weit. Ihre Wut hatte Suse eben geradezu überwältigt. Doch nun zögerte sie. Sie musste eine Entscheidung treffen. Jetzt und hier!
„Es wird Zeit, dass ich endlich ausziehe“, sagte sie laut. Aus dem Wohnzimmer war kein Ton zu hören.

Der Entschluss

Mit 45 hatte sie lange genug am Rockzipfel ihrer Schwester gehangen. Und auch von den alten Geschichten wollte sie sich nicht fertigmachen lassen. Ihr Entschluss stand fest.
Eigentlich hatte sie mit Anneroses heftigem Widerstand gerechnet, als sie am nächsten Morgen beim Frühstück ihre Absicht, auszuziehen, wiederholte.
„Ich werde mir eine eigene Wohnung suchen, Annerose. Ich bin lange genug dein Anhängsel gewesen. Ich will endlich mein eigenes Leben führen.“
Doch statt zu toben oder sich über sie lustig zu machen, sagte ihre Schwester: „Finde ich gut, Suse. Es wird Zeit. Du wirst es nicht leicht haben so allein, aber ich finde es richtig, dass du es endlich versuchst.“

Suse war gerührt. Fast hätte sie reumütig erklärt, dass sie es doch gar nicht so ernst gemeint hatte.
„Schau mal in die Zeitung, da werden täglich Wohnungen angeboten. Hier im Ruhrgebiet ist es kein Problem, eine Wohnung zu finden, ich denke, auch eine bezahlbare. Ich kann zur Besichtigung mitgehen, aber nur, wenn du willst.“
„Danke“, murmelte Suse. Sie wusste nicht recht, was sie sonst sagen sollte. Sie fühlte sich erleichtert und gleichzeitig wie ein Küken, das plötzlich ohne Mutterhenne allein im Hof herumspazieren sollte.
„Du schaffst das“, ermunterte Annerose ihre Schwester auf und ging mit dem Tablett in die Küche.

Annerose sollte recht behalten. Die Wohnungssuche gestaltete sich nicht schwer. Suse fand binnen einer Woche eine kleine Zwei-Zimmerwohnung, nicht allzu weit von ihrer Arbeitsstelle entfernt, in die sie schon zum 1. des nächsten Monats einziehen konnte. Sie entwickelte sofort Pläne, wie sie ihr neues Zuhause einrichten könnte.

Beim Umzug half Annerose tatkräftig mit, nur das Porzellan trug Suse allein die Treppe zum 2. Stock hinauf. Nachdem die Wohnung voller Kisten stand, zog Annerose einen Flachmann aus der Hosentasche. Sie stießen auf die neue Zeit an.
Annerose ist wirklich die beste Schwester, die man sich vorstellen kann, dachte Suse. Schließlich blieb sie allein zurück.

Ihr Glücksgefühl legte sich jedoch schon am ersten Morgen, als sie sich nach dem Aufstehen in dem mit Möbeln und Kartons vollgestellten Zimmer wiederfand.

am Tag nach dem Umzug

Sie rief bei Hildegard an, ob sie vorbeikommen und ihr ein wenig zur Seite stehen könnte, aber Hildegard hatte keine Zeit. Und Annerose wollte sie nicht schon wieder um Hilfe bitten. Sie würde das eben an den Abenden machen, wenn sie mehr Muße hatte. Doch als sie in den nächsten Tagen von der Arbeit kam, hatte sie keine Lust, mit der Ausräumerei anzufangen. Sie schmierte sich lieber ein paar Brote und hockte sich vor den Fernseher, wie sie es auch bei Annerose getan hatte.

Nach einer Woche ging ihr der Zustand der Wohnung schließlich doch auf den Wecker. Sie begann, lustlos in verschiedenen Kisten zu wühlen, fand aber keinen richtigen Anfang. Außerdem hatte sie wieder diese blöden Bauchschmerzen. Die kamen in letzter Zeit häufiger. Sie sollte sich lieber schonen! Das ging am besten vor der Glotze, fand sie.

Das Abendprogramm war wieder einmal langweilig. Die Fragen, die den Leuten gestellt wurden, um eine Million zu gewinnen, fand sie absurd und doof. So was konnte man doch nicht wissen, auch Annerose und selbst Hildegard würden das nicht beantworten können. Ärgerlich schaltete sie auf einen anderen Kanal und platzte mitten in eine Liebesszene hinein. Ein gutaussehender Mann umarmte eine schlanke Frau mit langen blonden Haaren. Sie küsste ihn zärtlich und er trug sie auf das breite Bett im Nebenraum. Sie wirkten beneidenswert vertraut und liebevoll miteinander. Suse schluckte überrumpelt, sie spürte einen heftigen Schmerz in der Brustgegend. Sie fühlte, wie ihr ohne Vorwarnung Tränen über die Wangen liefen. Ich sollte mir das besser nicht ansehen, das tat mir nur weh, dachte sie. Doch sie konnte den Blick nicht abwenden. Und plötzlich überwältigten sie Fragen, sie sie sich bisher nicht zu stellen gewagt hatte: Wer würde sie noch in die Arme nehmen und küssen? Gab es da draußen jemanden für sie oder würde sie allein bleiben? Was hatte sie an sich, dass sie ihr Leben so einsam verbringen musste? Sie war nicht wie ihre Schwester, die anscheinend problemlos ohne Männer zurechtkam. Nein, sie wollte geliebt werden und jemanden lieben.

Inzwischen hatte sich auf der Mattscheibe eine heiße Sexszene entwickelt. Suse schluchzte auf und ging in die Küche und holte sich ein Stück Küchenpapier, um sich die Tränen vom Gesicht zu wischen. Als sie zurückkam, saß die Frau auf der Bettkante und weinte. Suse war verblüfft. Was hatte sie da verpasst? Warum weinte die Frau, wenn sie doch alles hatte, was Suse sich wünschte?

Erstaunt verfolgte sie dann, wie der Mann seine Sachen von einem Stuhl herunterriss und aus dem Zimmer rannte. Die Tür krachte ins Schloss. Die Frau sagte etwas, aber Suse konnte es nicht verstehen, weil die Frau dabei so heftig schluchzte. Irritiert zappte Annerose weiter. Aha, eine Sendung, wo sie Schmuck verkauften! Für Schmuck hatte sie schon immer eine Schwäche. Sie starrte auf die dargebotenen Armbänder voller Neugier, mit Glanz in den Augen. Aber wer hatte das Geld für so was? Sie nicht. Da fiel ihr ein, dass sie jetzt wohl auch ihr Geld selbst verwalten müsste. Es machte ja keinen Sinn, wenn Annerose das weiterhin tat. Noch eine Sache, um die sie sich jetzt kümmern müsste.

Ob sie sich vielleicht zur Feier der neuen Wohnung so was Schönes wie ein Armband zulegen sollte? Sofort verwarf sie den Gedanken. Es würde ja eh niemand sehen. In der Arbeit würden sie sie auslachen, wenn sie mit so was daherkäme.
Ich möchte mal wieder irgendwo tanzen gehen, dachte sie plötzlich. Ich war so lange nicht mehr tanzen.
Sie saß da und starrte auf den Bildschirm. Wenn sie es nur hinkriegen würde, endlich mal so zu leben, wie sie es sich die ganze Zeit gewünscht hatte. Solange Annerose in ihrer Nähe war, waren diese Wünsche und Vorstellungen immer wieder in sich zusammengefallen, verdampft, weggetrocknet. Jetzt konnte sie sie endlich greifen. Sie würde sie festhalten!

Sie ging früh ins Bett, weil ihre Bauchschmerzen sie wieder plagten. Im Liegen würden sie bestimmt weggehen.

Der Neubeginn

Nach mehr als zwei Wochen hatte sie es endlich geschafft: Alle Kisten waren ausgepackt. Jetzt konnte Suse sich in ihrem neuen Zuhause wohlfühlen. Es gab trotzdem noch viel zu tun, aber das würde sie schon schaffen. Ihr Optimismus stieg. Die Umgebung, in der ihre Wohnung lag, hatte sie an einem Samstagmorgen bereits erkundet. Es gab genug Läden, sogar ein Nagelstudio. Das werde ich mir jetzt auch mal leisten, überlegte sie voller Vorfreude. Drei Straßen weiter erstreckte sich bis zur Hauptstraße ein Park, in dem Kinder spielten und Mütter von den Bänken aus ihren Nachwuchs im Sandkasten beaufsichtigten. Suse gefiel es hier.

Sie setzte sich auf eine Bank, von der aus sie die quirligen Kleinkinder beobachten konnte. Dort saß bereits eine junge Frau, neben ihr stand ein Buggy.
„Hübsch hier“, sagte Suse. Sie lächelte die fremde Frau an.
„Haben Sie auch ein Kind hier?“, fragte die sofort interessiert.
Suse musste verneinen. „Welches ist Ihres?
Die Frau deutete auf ein Mädchen in einem roten Spielanzug, das auf einer Wippe saß. Ihr gegenüber auf der Wippe zappelte ein verrotzter Junge mit schwarzen Kulleraugen. Beide Kinder quietschten vor Vergnügen und waren in ihr Spiel vertieft.

„Wie alt ist Ihre Kleine?“, fragte Suse freundlich.
„Zwei ein halb“, gab die Mutter stolz zur Antwort. „Wir kommen jeden Tag her. Ein wirklich schöner Spielplatz, nicht so verwahrlost wie der große auf der Jahnstraße. Außerdem haben wir es nicht weit. Wir wohnen ganz in der Nähe auf der Kappeler Straße.“

„Oh“, freute sich Suse, „das ist ja direkt bei mir um die Ecke.“

Gespräch im Park

„Dann werden wir uns vielleicht öfter sehen.“ Die Mutter blickte Suse ins Gesicht. Ihre Augen waren ein wenig müde.
„Ich bin erst vor Kurzem eingezogen“, erzählte Suse. „Ich habe bisher mit meiner großen Schwester zusammengewohnt. Aber nun wurde es Zeit, mich endlich mal selbstständig zu machen.“

Die junge Frau lachte. „Das ist immer gut“, meinte sie. „Wissen Sie, mein Freund hat sich vor einigen Monaten von mir getrennt. Da gab’s natürlich ’ne andere. Aber einen, der mir nichts dir nichts sein eigenes Kind verlässt, auf den kann ich gut verzichten.“
„Ist das nicht schwer, plötzlich allein zu sein? Vor allem mit einem Kleinkind?“, fragte Suse aufrichtig besorgt.
„Ach, es geht so. Und letztlich habe ich jetzt meine Freiheit. Ich musste auch erst lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.“ Sie lachte noch einmal kurz auf. „Ich heiße übrigens Linda.‟

„Hallo Linda“, parierte Suse sofort. Sie streckte der anderen die Hand hin. „Ich bin Suse.“
Als die Kleine mit dem roten Anzug anfing zu schreien, weil sie hingefallen war, eilte Linda zu ihr und nahm sie auf den Arm.
„Sie hat sicher auch Hunger. Wir müssen nach Hause. Schade!“
Sie verabredeten, dass sie an einem der nächsten Samstag Nachmittage zusammen Kaffee trinken gehen wollten. Linda empfahl ein gemütliches Café am Ende des Parks.

Im Großen und Ganzen war Suse inzwischen mit ihrem neuen Leben zufrieden. Es lief alles besser, als sie es sich vorgestellt hatte. Sogar eine nette Frau aus der Nachbarschaft hatte sie also schon kennengelernt.
Nur die Miete bedrückte sie. Bisher hatte sie 150 Euro zur Miete der gemeinsamen Wohnung beigesteuert. Nun zahlte sie 350 Euro kalt, das fraß fast die Hälfte ihres Lohns auf. Vielleicht müsste ich mich doch nach einem anderen Job umsehen, überlegte sie am Monatsende, als die 2. Zahlung fällig wurde.

Auf Suses eindringliches Bitten kam Hildegard schließlich zu Besuch. Sie betrat die Wohnung mit einem skeptischen Ausdruck im Gesicht.
„Ganz nett!“, meinte sie. „Aber ist es dir nicht zu laut an dieser Straße?“
Suse waren die Straßengeräusche nicht mal aufgefallen. „Schau mal, meine Küche!“, zog sie die Freundin hinter sich her.
„Du solltest dir einen Geschirrspüler zulegen. Oder ist die Küche dafür zu klein?“
„Für mich allein lohnt das doch nicht.“ Suse sah ihre Freundin enttäuscht an. Sie hatte sich voller Vorfreude ausgemalt, wie sie Hildegard ihre erste eigene Wohnung präsentieren würde. Doch an allem hatte Hildegard etwas zu nörgeln. Das Schlafzimmer war zu eng, das Bad hatte kein Fenster, die Aussicht war nicht grün genug. Suse merkte, wie sie selbst schon an ihrem neuen Glück zu zweifeln begann, weil ihre Freundin an allem etwas auszusetzen hatte.  Als Hildegard ging, fühlte Suse Erleichterung. Sie schaute sich um. Alle Punkte, die Hildegard bekrittelt hatte, waren ihr noch in Erinnerung. Sie dachte nach. Störte sie das denn überhaupt? Am Ende schüttelte sie den Kopf und sagte laut: „Liebe Hildegard. Das ist meine Wohnung und mir gefällt sie, so wie sie ist.“

Sie setzte sich in ihren Sessel und stellte die Glotze an. Was wohl Linda zu meiner Wohnung sagen würde, fiel es ihr plötzlich ein. Ich werde sie mal zum Kaffee einladen, beschloss sie.

Beunruhigende Neuigkeiten

Bei ihren Rundgängen entdeckte Suse nicht weit von ihrer Wohnung das Schild einer Arztpraxis. Sie beschloss, in den nächsten Tagen dort wegen ihrer Bauchschmerzen hinzugehen. Eine neue Hausärztin brauchte sie sowieso.

Frau Dr. Schmidt war eine blonde Mittvierzigerin mit einer nach hinten gekämmten Lockenfrisur und einem freundlichen Gesicht. Sie tastete Suse gründlich ab, verlangte eine Urinprobe und nahm Blut für ein großes Blutbild ab, ließ sogar ein EKG durchführen. Sie fragte Suse nach den Vorsorgeuntersuchungen und nach ihren Impfungen. Suse hatte ihren Impfpass schon vor Jahren verschlampt, wie sie beschämt zugab.

Die Ärztin meinte, es wäre an der Zeit, dass sie sich mehr um ihre Gesundheit kümmerte. Suse erschrak ein wenig, aber ein Blick in das Gesicht Von Frau Dr. Schmidt beruhigte sie: Sie hatte es nicht böse gemeint, nur ein wenig aufmunternd.
Sie hat sicher recht, dachte Suse voller Vertrauen. Anschließend hörte Frau Doktor  Suses Bauch ab, war aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden und bestellte Suse für den übernächsten Tag zu einem neuen Termin. Bis dahin läge das Untersuchungsergebnis des Blutbildes vor.

Als Suse wieder nah zwei Tagen vor ihr saß, meinte sie, sie könnte sich noch kein Bild von der Ursache der Darmbeschwerden machen. Etwas war aber nicht in Ordnung. Sie schlug Suse vor, sich einer Koloskopie zu unterziehen. Auf einen fragenden Blick hin erklärte sie, worum es dabei ging und was sie tun müsste.
Als sie merkte, wie hilflos Suse auf all diese Informationen reagierte, meinte sie zu ihr: „Passen Sie mal auf, Frau Horstmann, ich überweise Sie dafür ins Krankenhaus. Die machen das auch und Sie können sich dort ein paar Tage ausruhen. Ich glaube, das können Sie gebrauchen.“
Suse hatte nichts dagegen, obwohl sie sich nicht erklären konnte, wieso sie ein paar Tage Ruhe brauchen sollte. Sie freute sich doch darüber, dass ihr Leben endlich etwas mehr in Schwung kommen würde. Aber vielleicht hatte die Ärztin recht. Wenn Suse es genau bedachte, war sie in ihrem Inneren seit dem Auszug schon irgendwie angespannt.

Wegen der Untersuchung machte sie sich keine Gedanken und informierte nicht einmal Annerose über ihren geplanten Krankenhausaufenthalt.
Als sie nach der Koloskopie zu sich kam, lag sie im Bett, zusammen mit zwei anderen Frauen im Zimmer. Offenbar war alles gut gegangen. Man hatte ihr gesagt, dass eine Ärztin am nächsten Tag bei der Visite alles Weitere mit ihr besprechen würde.

Sie versuchte, sich ein bisschen zu strecken und zu bewegen. Es klappte ohne Probleme. Vielleicht konnte sie sogar aufstehen? Suse streckte zögernd die Beine aus dem Bett, schlüpfte in ihre Hausschuhe und tapste zur Toilette. Danach öffnete sie die Zimmertür, um sich ein bisschen umzusehen. Der Flur war mit Neonlampen erleuchtet. Suse blieb an einem Fenster am Ende des Ganges stehen. Hier vom fünften Stock aus konnte sie weit über die Stadt blicken. Es war schon dämmrig. Sie sah kaum Menschen, nur wenige Autos fuhren durch die Straßen um die Klinik.

Blick aus dem Krankenhausfenster

Schließlich ging sie zurück auf ihr Zimmer und legte sich hin. Die beiden anderen Betten waren belegt. Eine der Frauen war frisch operiert und schien zu schlafen. Die andere sollte morgen entlassen werden. Jetzt befand sie sich wohl mit ihrem Besuch im Besucherzimmer. Suse löste ein Kreuzwort-Rätsel. Darüber wurde sie wieder müde. Sie konnte gerade noch das Licht löschen, bevor sie einschlief.

Wie immer im Krankenhaus begann der Morgen sehr früh. Suse ging davon aus, dass sie gleich nach der Visite nach Hause gehen könnte. Sie überlegte, was sie mit dem Rest des Tages anfangen sollte, da sie heute nicht mehr bei ihrer Arbeit erscheinen musste. Vielleicht ging sie noch ein wenig in den kleinen Park.

Die frisch operierte Frau neben ihr stöhnte. Suse konnte von ihr nur ein bleiches, verschwitztes Gesicht sehen, das sich ständig in den Kissen hin- und herdrehte. Die andere Frau machte sich nach dem Frühstück bereit, um heimzugehen. Sie ging zum Schrank, holte ihre Sachen heraus und zog sich im Bad um. Als sie herauskam, war sie plötzlich eine ganz andere. Jetzt, in ihrer enganliegenden Jeans und dem topmodischen, roten Pullover wirkte sie auf Suse völlig fremd. Mit dieser Frau hätte Suse im Park oder in einem Geschäft nie ein Gespräch angefangen. Gestern am Abend, als sie beide in ihren Betten lagen, hatte sie die Nachbarin nett gefunden.

Zu ihrer Überraschung erfuhr Suse von der Ärztin, dass bei der Koloskopie nicht alles in Ordnung gewesen war. Sie hatten einige Polypen der Stufe I gefunden, einer war dabei, der schon fast in Stufe II angekommen war. Man hatte diese Polypen entfernen können. Dennoch meinte die Ärztin, dass eine Überwachung notwendig wäre. Sie schlug ihr vor, in zwei Jahren erneut zur Koloskopie zu kommen. Suse nickte. Immerhin durfte sie anschließend gehen.

Der gute Rat

Die unerwartete Botschaft war ihr in die Glieder gefahren. Suse hatte sich eben noch auf ihre Wohnung gefreut, jetzt lag ein Schatten über ihrem neuen Leben. Sie rief zu Hause sofort Annerose an und erzählte ihr von dem Ergebnis.
Annerose reagierte cool und sachlich, so wie sie immer reagierte. „Sei froh, dass die Ärztin die Sache so ernst nimmt und dich in zwei Jahren wiedersehen will“, meinte die große Schwester.
„Ich hab aber Angst“, murmelte Suse.
Annerose versuchte, ihre Schwester zu beruhigen. Aufmunternd fügte sie hinzu, dass Suse doch in diesen beiden Jahren viel für sich machen könnte. Und mit einem leichten Vorwurf in der Stimme meinte sei dann, sie befürchtete manchmal ein wenig, dass Suse seit ihrem Auszug nur herumhing und nichts in Angriff genommen hatte.
„Das stimmt nicht“, trumpfte Suse auf. „Du ahnst nicht, was ich schon alles unternommen habe.“ Dann erzählte sie Annerose von ihren neuen Eindrücken und Plänen. „Nur hat mich dieses Ergebnis jetzt etwas geschockt.“
„Quatsch“, sagte Annerose ungerührt, „mach so weiter, wie du angefangen hast. Tu was für dich, such dir ein Hobby, such dir Freunde und von mir aus einen Mann. Hauptsache du tust was! Und in zwei Jahren werden wir sehen, was Sache ist.“

Am Abend dachte Suse über die Worte und Ratschläge ihrer Schwester nach. Am allerbesten gefiel ihr der Vorschlag, dass sie sich einen Mann suchen sollte.

Suse kannte nicht viele Männer. Im Lager bei Rewe waren sie nur Frauen, und als sie vor einem Jahr eine Zeit lang bei Lidl im Lager aushelfen sollte, hatte sie auch da kaum Kontakt zu männlichen Kollegen gehabt. Es gab nur einen Lehrling  und den Vorarbeiter, der ihr am liebsten an die Wäsche gegangen wäre. Mit dem wollte sie sich auf keinen Fall einlassen.
Vor einiger Zeit hatte sie schon einmal versucht, über das Internet einen Mann kennenzulernen. Es hatte zu nichts geführt, aber vielleicht sollte sie es noch einmal versuchen.

Suse setzte sich an ihren PC, den sie normalerweise nur zum Spielen nutzte. Irgendwo unter der Tastatur hatte sie sich ihre Login-Daten notiert. Das war klug gewesen. Sicher Anneroses Idee! Dann versuchte sie sich zu erinnern, wie sie damals an die Adresse der Partnersuche gekommen war. Nach einiger Zeit hatte sie die Webseite gefunden. Sie klickte sie an, um sich anzumelden. Inzwischen kostete dieser Dienst Geld, damals war er noch umsonst gewesen. Aber gut, wenn es klappen sollte, dann war es das wert, überlegte Suse.

Nun sollte sie sich selbst beschreiben. Das war schwer. Sie wusste, wenn sie zu bescheiden war, dann würde niemand sie reizvoll finden. Aber was war an ihr attraktiv? Ihre Figur war eigentlich ganz in Ordnung, für den einen oder anderen Mann war sie vielleicht ein bisschen zu dick. Manche Leute sagten, sie hätte ein fröhliches Lachen, das wirkte bestimmt sympathisch. Nach einigem Zögern legte sie los: Ich bin 45 Jahre alt und sehne mich nach ein bisschen Glück. Ich bin eine Frau mit Kurven, aber nicht dick. Die Leute sagen, ich hätte immer ein fröhliches Lachen auf den Lippen. Ich bin bereit, zu dem Mann zu ziehen, der mir gefällt und dem ich gefalle. Ich kann kochen und bin auch sonst eine gute Hausfrau. Ich bin kinderlieb, habe aber keine eigenen Kinder. Ich möchte gerne für einen Mann sorgen und ihm das Leben angenehm machen.

Nachdenklich las sie den Text mehrfach durch. Er war nicht gelogen, fast nicht. Ob sie wirklich immer lachte? Egal. Sie suchte ein Foto heraus, das ihre Schwester vor einiger Zeit von ihr gemacht hatte. Es war sehr vorteilhaft. Kurz zögerte sie, aber es würde ja nichts nutzen, vollkommen ehrlich zu sein. So wie sie jetzt nach Feierabend aussah, während sie in ihren Schlabberklamotten vor dem Computer saß, würde sich sicher keiner nach ihr umsehen. Mit Mühe gelang es ihr, das Foto hochzuladen.

Schon am nächsten Tag kamen die ersten Antworten. Aber ihr schien, dass diese Männer keine ernsthaften Absichten hatten. Außerdem wollte sie keinen Mann, der jünger war als sie und es wäre sehr schön, wenn er ein bisschen mehr Geld verdienen würde als sie.
Nach ein paar Tagen fing sie an, sich ihrerseits die Männer anzusehen, die ihr von dem Programm vorgeschlagen wurden. Einige schrieb sie an, aber es kam keine Antwort. Vielleicht war sie zu anspruchsvoll?

Suse schüttelte den Kopf, wenn sie las, wie sich die Männer selbst beschrieben. Alle meinten, sie seien gutaussehend und sexy und lobten sich in den höchsten Tönen. Das gefiel ihr nicht. Das waren bestimmt alles nur Angeber, Ich muss halt Geduld haben, sagte sie sich. Vielleicht würde es ja doch noch klappen.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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