7. Pech und unerwartetes Glück

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Annerose braucht Hilfe

Es war Juni, als abends das Telefon klingelte. Dieter ging ran. Eine angestrengte tiefe Stimme meldete sich: „Hier ist Annerose Berger. Kann ich Suse mal sprechen?“
Dieter brauchte einen Moment, dann begriff er, dass das Suses Schwester sein musste.
„Einen Augenblick, ich hole sie“, sagte er höflich, legte den Hörer hin und ging in die Küche, wo Suse abwusch.
„Suse, ich glaube, deine Schwester ist am Apparat, komm doch mal!“
Suse ließ erschrocken die Spülbürste ins Becken fallen und wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab. „Bist du sicher? Die hat doch noch nie hier angerufen!“
Sie nahm den Hörer in die Hand und meldete sich. Dann starrte sie ein paar Sekunden lang wie versteinert in die Luft, bis sie sagte: „Gut, Annerose, ich komme sofort. Bleib, ganz ruhig. Ich beeile mich.“
„Was ist los? Was ist passiert!“, fragte Dieter, als er das tiefernste Gesicht von Suse sah.
„Meine Schwester ist in ihrer Wohnung gestürzt. Sie kann nicht aufstehen. Wahrscheinlich hat sie sich was gebrochen. Ich fahre hin und helfe ihr. Vielleicht müssen wir einen Krankenwagen besorgen. Vor allem muss ich sie erst mal vom Boden hochkriegen, sie ist kein Leichtgewicht.“
„Ist sie nicht viel zu schwer für dich? Ich komme mit. Mit dem Auto sind wir außerdem schneller. Zu zweit kriegen wir das besser hin.“
Suse warf ihm einen überraschten und dankbaren Blick zu.

Annerose lag in der Küche auf dem Fußboden. Sie seufzte erleichtert auf, als die Hilfe anrückte. Sie hatte die Küche gewischt, der Eimer stand noch da, und war anscheinend auf dem glatten Boden unglücklich ausgerutscht und noch unglücklicher gelandet.


„Hallo“, grüßte Dieter. „Ich bin mitgekommen, falls Suse das vielleicht nicht allein schafft.“
„Meinen Sie! Da wollen wir doch mal sehen, ob so ’n Männeken wie Sie das schafft.“ Annerose grinste, doch gleichzeitig verzog sie ihr Gesicht vor Schmerz.
„Annerose, wie kannst du nur?“, fuhr Suse ihre Schwester an und Dieter bat sie: „Nimm es ihr nicht übel. Sie hat wohl große Schmerzen!“
Dieter verzog keine Miene.
„Wenn ihr mal versuchen würdet, mich so weit anzuheben, dass ich zum Sitzen komme, kann ich ausprobieren, ob ich mein Bein noch bewegen kann.“ Annerose klang jetzt ziemlich gefasst.

Annerose liegt auf dem Küchenboden

Weiterlesen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Kinder- und Jugendhilfe in Gefahr, Lage der Sozialen Arbeit, Romankapitel | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

8. Am Schreibtisch sitzt ein Fremder

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Der Schock

So sehr Dieter die Ruhezeit genossen hatte, nach den vielen Wochen freute er sich auf seine Arbeit. Er fühlte sich den Anforderungen wieder gewachsen, auch sitzen konnte er inzwischen einigermaßen.
Er sah dem Tag, an dem er wieder in die EWV gehen könnte, auch deshalb mit Freuden entgegen, weil er dann nicht mehr Tag für Tag jeden Abend nach Suses Feierabend ihrer Sorge und ihren ständigen Bemühungen ausgesetzt war, es ihm recht zu machen. Zunehmend bereitete ihm seine Beziehung zu Suse mehr Kopfschmerzen als Freude, zumal seine sexuellen Bedürfnisse seit seiner OP fast völlig verschwunden waren. Im Grunde fing das Leben mit Suse an, ihn zu langweilen. Hatte er nicht einmal gedacht, dass eine Frau mehr Außenkontakte, mehr Erlebnisse, mehr Unternehmungen bedeuten würde? Jetzt saßen sie – genau wie vorher er allein – den ganzen Abend über in seiner Wohnung und schauten fern. Und nichts weiter passierte.
Ach was, schlug er sich solche Gedanken aus dem Kopf. Wenn ich wieder arbeite, wird sich das schon regeln. Dann werde ich mich freuen, abends zu Suse heimzukönnen. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Und ob diese Beziehung auf Dauer das ist, was ich brauche, darüber werde ich mir den Kopf zerbrechen, wenn mein Leben wieder richtig im Lot ist.

Schon vor einer Weile hatte Dieter damit angefangen, sich über seine Klienten Gedanken zu machen. Sein plötzlicher Ausfall vor Wochen war für manche von ihnen sicher einen schweren Schlag. Hoffentlich waren in der Zwischenzeit keine Katastrophen passiert und hoffentlich hatten sie nicht aufgegeben. Er würde gleich als erstes die Sekretärin fragen, ob Paul Heisinger inzwischen da gewesen war.

Als Dieter das Gelände der EWV betrat, war ihm heimatlich zu Mute. Er öffnete mit Schwung die Eingangstür der Lebensberatungsstelle und ging erst einmal ins Sekretariat.
„Hallo, liebe Leute, da bin ich wieder!“, begrüßte er die Sekretärin, die vor ihrem PC saß und jetzt aufschreckte.
„Herr Ackermann!“ Sie brach ab und starrte ihn verwirrt an.

“Was hat sie denn?”

Weiterlesen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Deprofessionalisierung und Standardisierung der Sozialen Arbeit, Lage der Sozialen Arbeit, Romankapitel | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

9. Süße und bittere Wahrheiten

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Schwesterherz nicht wiederzuerkennen

Suse fühlte sich immer öfter allein. So kam sie auf die Idee, einmal wieder bei ihrer Schwester hereinzuschauen. Sollte sie vorher anrufen? Wahrscheinlich würde Annerose abwehren. Sie war nicht für schnelle Entschlüsse zu haben und würde sicher vorschieben, noch dieses oder jenes erledigen zu müssen. Andererseits war Annerose um die späte Nachmittagszeit sicher zu Hause, also machte sich Suse auf zu einem Überraschungsbesuch.

Sie klingelte an der Wohnungstür. Die Haustür hatte aufgestanden.
Es dauerte einen Moment, bis Annerose kam, um zu öffnen. Suse kannte ihre Schwester so genau, dass sie schon an ihrem Schritt hören konnte, dass etwas Unerwartetes sie in Schwung gebracht hatte. Was war los?

„Oh, Suse. Welche Überraschung!“, rief Annerose aus.
Da sie keine Anstalten machte, Suse hineinzubitten, sagte Suse: „Da staunst‘e, was? Ich wollte mal vorbeikommen. Ich bin heute allein.“
„So, du bist allein und deswegen kommst du zu mir. Aber was sagst‘e, wenn ich nicht allein bin?“


Suse blickte ihre Schwester verblüfft an. „Dann nicht, vielleicht ein andermal. Ich will nicht stören.“
„Quatsch! Suse, komm rein! Kannst‘e ihn auch gleich kennenlernen.“ Annerose grinste. Sie zog Suse in die Wohnung.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Deprofessionalisierung und Standardisierung der Sozialen Arbeit, Lage der Sozialen Arbeit, Romankapitel | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

10. Es geht abwärts, aber nicht für alle

Roman: Das war gestern, Ackermann! 

Paul in Not

Seine Aussprache mit Suse hatte Dieter ein wenig erleichtert. Wenigstens diesen Druck, diese Verantwortung und dieses dauernde schlechte Gewissen spürte er nicht mehr. Das war wichtig gewesen, so würde er eher die Kraft für eine Lösung und einen Neuanfang seiner Berufssituation haben.

Die Arbeit ging ihm noch immer schwer von der Hand, vor allem aber sträubte sich alles in ihm, diese nichtssagenden und hinterhältigen Zahlen auszurechnen. Denn ob er es wollte oder nicht, der Kollege hatte recht: Er war jetzt einer von denen, die dafür sorgten, dass an den falschen Ecken gespart wurde, dass Stellen nicht besetzt werden konnten, dass die Mitarbeiter den größten Teil ihrer Arbeitszeit und Kraft in Dokumentationen und Niederschriften stecken mussten, statt mit den Menschen zu arbeiten. Seine Zahlen kamen ihm vor wie eine Schar von Kriegern, die, sobald sie seinen Schreibtisch verlassen hatten, brutal über seine Kollegen und die Mitarbeiter der EWV herfielen.

Dennoch ging es ihm jetzt ein wenig besser. Er wusste noch nicht, was er tun sollte, aber er war festentschlossen, etwas zu tun.
An einem Donnerstagvormittag erhielt Dieter einen Anruf von Frau Springer, seiner ehemaligen Sekretärin in der Lebensberatungsstelle.

„Es geht um Paul Heisinger“, leitete sie ein. „Herr Ackermann, ich muss ihnen etwas erzählen. Ich habe das Gefühl, dass Sie das erfahren sollten. Aber bitte, sagen Sie niemand, dass ich deswegen bei Ihnen angerufen habe.“
Überrascht und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch hörte Dieter zu.

„Herr Heisinger kam gestern Morgen in unsere Beratungsstelle. Er wollte einen Termin mit Ihnen auszumachen. Er war ja sehr lange nicht mehr da gewesen. Aber jetzt brauchte er offenbar dringend Hilfe, dass konnte ich sehen.

Ich erklärte ihm, dass Sie nicht mehr in der Lebensberatung tätig sind. Herr Heisinger wurde nervös. Er verstand das nicht. Er fragte immer lauter, wie er Sie erreichen könnte. Inzwischen waren auch Stefan und Herr Hiltrup zu mir ins Büro gekommen. Vermutlich hatten sie seine laute Stimme gehört. Aber keiner wollte ihm Auskunft geben.“
Frau Springer holte tief Luft und wartete offenbar auf eine Reaktion von Dieter. Als der nichts sagte, fuhr sie fort:

„Da hat sich Herr Heisinger zu mir ins Sekretariat gesetzt und dort den ganzen Tag gewartet. Es war für mich sehr belastend. Was hätte ich ihm sagen können! Auch die Kollegen konnten ihn nicht davon überzeugen, dass er besser gehen sollte.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Deprofessionalisierung und Standardisierung der Sozialen Arbeit, Lage der Sozialen Arbeit, Romankapitel | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

11. Doch das Leben geht weiter

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Liebeskummer

Suse lebte also wieder in ihrer eigenen Wohnung. Seit dem letzten Mal, dass sie hier gewohnt hatte,  war mehr als ein gutes halbes Jahr vergangen. Dieses Mal fiel ihr die Umstellung schwerer. Wie viel lieber wäre sie bei Dieter gewesen – allerdings nur bei einem Dieter, der sie nicht wie ein Stück Dreck behandelte. Sie wusste ja nun ganz genau, dass er sie nicht wirklich liebte. Tatsächlich hätte sie das auch jetzt immer noch in Kauf genommen, wenn er wenigstens freundlich zu ihr wäre. Aber so, wie Dieter jetzt drauf war, konnte sie nicht dortbleiben. Sie schadete sich nur selbst. Das spürte sie jetzt ganz deutlich. Alle hatten ihr geraten, bei Dieter auszuziehen: Gabriele, Werner und Mira, Annerose sowieso. Sie hatten recht gehabt. Es war besser so. Auch wenn es ihr noch immer furchtbar weh tat.

Suse nahm sich vor, ihre Wohnung wieder hübsch einzurichten, erneut in den Park zu gehen und sich sogar irgendein Hobby zu suchen, das sie unter Leute brächte. Vielleicht würde sie ja auch Linda wiedersehen.

Tagsüber auf ihrer Arbeit und auch in ihrer Wohnung konnte sie ihren Kummer einigermaßen verdrängen. Die Kollegen stellten irgendwann fest, dass sie endlich wieder die alte Suse war. Sie war fröhlicher und lachte häufiger. Wenn sie einkaufen ging, fühlte sie sich plötzlich sehr viel selbstständiger und erwachsener als in der Zeit, wo sie losgezogen war, um für Dieter und mit seinem Geld einzukaufen. Und als der Postbote sie mit Frau Horstkamp ansprach, wäre sie beinah vor Begeisterung in die Luft gesprungen und hätte den ahnungslosen Mann abgeküsst. Frau Horstkamp! Ja, sie war Frau Horstkamp und nicht nur die Freundin von Herrn Ackermann!

Solche Erlebnisse trösteten sie tagsüber und sogar noch in den Abendstunden über die Einsamkeit hinweg. Doch wenn sie dann im Bett lag, überfiel sie regelmäßig ein schrecklicher Katzenjammer. Entweder weinte sie bis zum Einschlafen vor sich hin oder der Schmerz packte sie und riss sie aus dem Bett. Sie schaute dann aus dem Fenster und alle schönen und traurigen Erinnerungen mit Dieter zogen an ihr vorbei, von Anfang bis Ende. Erst wenn die Bilder in ihrem Kopf nur noch die düstere und trostlose Farbe der letzten Monate angenommen hatten, legte sie sich wieder hin und konnte endlich doch einschlafen.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Deprofessionalisierung und Standardisierung der Sozialen Arbeit, Lage der Sozialen Arbeit, Romankapitel | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

12. Abgestürzt und angekommen

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Am Ende angekommen

Dieter lag auf dem Sofa. Neben ihm stand eine halb geleerte Flasche Cognac. Nach dem Besuch von Hannes hatte er versucht, sich mit Alkohol zu betäuben, aber es klappte nicht. Ihm wurde nur übel. Selbst die Gnade der Betäubung durch Alkohol wurde ihm verwehrt!

Dieter grübelte seit Tagen, wie er dieses Elend beenden könnte.

Er hatte es vermasselt, das war ihm klar. Warum hatte er denn nicht gekämpft? Warum hatte er alles ertragen und nur gehofft, alles würde sich wieder einrenken? Warum hatte er nicht wenigstens den Mut aufgebracht, zu kündigen und es ihnen auf diese Weise unmöglich gemacht, ihn weiter zu verhöhnen und zu quälen?

Für einen Moment erschien vor seinem inneren Auge ein Bild. Er sah sich als Jungen, es war wohl am Tag nach seinem 11. Geburtstag gewesen. Einsam und verzweifelt saß er in einem Versteck hinter dem Haus seiner Eltern. Sein Vater hatte ihn geschlagen, weil er in Mathe nur eine Vier nach Hause gebracht hatte. Und seine Mutter stand dabei und meinte: „So ist das Dieter, wer sich nicht anstrengt, wird eben nichts erreichen im Leben!“ Da war er hinausgerannt und überlegte in seinem Versteck nun verzweifelt, wie er seinem traurigen Leben ein Ende setzen könnte. Seine Schwester hatte ihn damals gefunden und überredet, wieder mit ins Haus zu kommen. Sein Vater sah an diesem Abend durch ihn hindurch, so als gäbe es ihn überhaupt nicht. Dieter blieb lange Zeit ausgestoßen und ausgespuckt! Und genauso fühlte er sich jetzt auch.

Dieter versteckt sich im Garten seiner Eltern

Was waren all die Jahre schon wert, die seit her vergangen waren? Er saß doch noch immer genauso hilflos und verraten da und die Welt um ihn verhöhnte ihn. Und er konnte nichts dagegen tun.

Manchmal dachte er an Paul, den er nun schon seit Wochen nicht mehr besucht hatte. Die Kraft dazu fehlte ihm. Paul geht es doch viel schlechter als mir, dachte er plötzlich. Warum bin ich selbst bloß so zimperlich? Warum nehme ich meinen verdammten Beruf so ernst? Warum war ich mir zu schade, zurückzutreten und mal etwas anderes zu machen? Warum ist es mir unmöglich, weiterzuleben, wenn man mir meine Existenz als Berater weggenommen hat?

Ein Verdacht stieg in ihm auf: War er vielleicht nichts als ein lächerlicher Narzisst? Alle hatte er vor den Kopf gestoßen: Werner, der es wahrhaftig nicht verdient hatte, Gabriele, die doch erst vor wenigen Jahren eine richtige Schwester geworden war, und die er inzwischen wirklich mochte. Er musste an Suse denken. Alle sagten, er hätte sie schlecht behandelt. Im Grunde hätte er sich erst gar nicht mit ihr abgeben dürfen! Er hatte erst sich und schließlich nur noch ihr etwas vorgemacht, weil es so angenehm gewesen war, jemanden zu haben, auf den man zurückgreifen konnte. Dass sie ihn verlassen hatte, empfand er jetzt eher als Erleichterung. Endlich war er niemandem mehr etwas schuldig.

Weiterlesen

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge, Deprofessionalisierung und Standardisierung der Sozialen Arbeit, Lage der Sozialen Arbeit, Romankapitel | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Es lässt mich nicht los

Eigentlich wollte ich ja nichts mehr mit der Sozialen Arbeit zu tun haben. Aber neulich lud mich eine mir bekannte Studentin in die ASH in ein Seminar ein, wo ich zum Thema Neoliberalisierung der Sozialen Arbeit etwas erzählen wollte.
Es hat mir erstaunlicherweise großen Spaß gemacht und ich merkte, dass mich diese Thematik noch immer nicht losgelassen hat.
Seit dem sitze ich in meiner Rentnerinne-Stube und wälze Fachliteratur und plane, vielleicht nach dem Schwarzbuch Soziale Arbeit doch noch ein zweites ähnliches Buch – vor allem für PraktikerInnen – zu schreiben.
Ich bin darauf gekommen, weil mir bei diesem Kontakt im Seminar auffiel, dass die Studierenden sehr wenig wussten über das, was sie später in der Praxis erwartet. Die Ökonomisierung hielten sie für eine weniger erfreuliche aber notwendige Angelegenheit, die sie aber in ihrer Arbeit als SozialarbeiterInnen nicht wesentlich einschränken oder gar von ihren erlernten ethischen und professionellen Konzepten abbringen würde.
Darauf sah ich mir verschiedene Curricula von FH’s an und stellte fest, dass sich viele Lehrpläne in den Fachbereichen Soziale Arbeit trotz ca. 25 Jahren Ökonomisierung nicht wesentlich geändert haben – bis auf hier und da eingesprengte Themen des Sozialmanagements. Ich sah mir die neusten Methodenfachbücher an und verglich die jüngsten Auflagen mit früheren Veröffentlichungen des selben Buches und stellte auch hier fest: Wenn man das so liest, könnte man auch in den neuen Auflagen und den erst in den letzten Jahren erschienen Büchern den Eindruck bekommen, alles sei schließlich und letztlich noch in Ordnung und man und frau könne in der Praxis die professionellen Konzepte und die ethischen Kriterien ohne Weiteres weiter umsetzen.
Das lässt mich nicht länger schweigend zusehen…..

Veröffentlicht unter Kinder- und Jugendhilfe in Gefahr, Lage der Sozialen Arbeit | Schreib einen Kommentar

Mein neuer Roman ist erschienen

Vielleicht wundert sich der eine oder die andere Leserin darüber, dass ich nach so vielen Jahren aktiver Arbeit in der kritischen Sozialen Arbeit nun zu den Romanschreiberinnen übergegangen bin. Ich wollte schon immer Romane und Geschichten schreiben. Und nun endlich nehme ich mir die Zeit und habe sie schließlich auch als Rentnerin.
Die Erfahrungen, die ich in der Sozialen Arbeit gemacht habe sind nicht verloren gegangen. Sie stellen für mich eine der wichtigsten Grundlagen dar für mein literarisches Schaffen und meine Themenideen.

DER REST WIRD GANZ ANDERS

Informationen zum Roman:

Story

Henriette ist frisch gebackene Frührentnerin und hat sich vorgenommen, ihre Rentenzeit ganz anders zu gestalten als ihr bisheriges Leben. Sie begibt sich auf die Suche nach dem, was für sie wirklich wichtig ist. Der Versuch, ein neues, ganz anderes Leben zu beginnen, bringt jedoch allerhand Überraschungen mit sich. Sie muss feststellen, dass es nicht so leicht ist, alte Gewohnheiten und Vorurteile abzulegen. Und sie erkennt, wie sehr sie sich nach Liebe sehnt.

Bei ihren Versuchen, ihr neues Leben in die Hand zu nehmen, trifft Henriette auf Pia. Die junge Frau lebt auf der Straße und ist stolz darauf, ein freies, unkonventionelles Leben zu führen. Zwischen den beiden so verschiedenen Frauen entwickelt sich eine ungewöhnliche und schwierige Freundschaft.

Bei dem Buch handelt es sich um einen “Lebensroman”. Der Roman erzählt erlebbar von den Anstrengungen, sich selbst zu finden und auch zu akzeptieren. Die Leserin und der Leser können zum Beispiel genau verfolgen, wie Henriette ihre Wünsche umsetzt, manchmal an ihrem Ehrgeiz und ihren Vorurteilen scheitert, sich aber immer wieder aufrappelt und neue Erkenntnisse über sich und die Welt gewinnt!

Thematik

Neben der Altersthematik geht es um eine Reihe anderer Themen und um Probleme, mit denen  Menschen auch in allen anderen Lebensphasen zu kämpfen haben: die Partnersuche (insbesondere im Internet),  die Angst vor Erkrankungen, das Verhältnis zu den erwachsenen Kindern und den Enkeln, die Bedeutung von Sexualität auch im Alter, die unterschiedlichen Lebensbewältigungsstrategien von Männern und Frauen, die Erklärung gesellschaftlicher Missstände  – und  um Liebe und Freundschaft.

Durch Pia rücken außerdem die Themen Armut, Ausgrenzung und das Leben auf der Straße mit in den Blick.

Die zwischen den beiden so verschiedenen Frauen entstehende Freundschaft führt zu einer spannenden Konfrontation zweier Welten: alt und jung, finanziell sorglos und arm, etabliert und am Rande der Gesellschaft lebend.

Wen könnte das Buch interessieren?

Besonders interessant dürfte das Buch für alle die Menschen sein, die sich aktuell mit dem Älterwerden, mit ihrer Rentenzeit und mit den altersbedingten Veränderungen in ihrem Leben beschäftigen. Auch für Leute, die im sozialen Bereich tätig und mit diesen Themen beruflich befasst sind, könnte der Roman eine hilfreiche Unterstützung und Anregung sein.

Aber auch alle anderen, die das Gefühl kennen, ihr Leben müsste eigentlich noch einmal ganz anders werden, dürften sich in diesem Roman wiederfinden.

Das Buch bringt dem Leser mit einer spannenden Geschichte und in einer gut lesbaren Sprache die Thematik des Älterwerdens näher. Es berührt viele andere zentrale Lebenserfahrungen und stellt die Frage nach dem selbst bestimmten Leben ins Zentrum.

Der Roman will nicht nur unterhalten. Er hat etwas zu sagen. Der Text lädt regelrecht dazu ein, über die angesprochenen Themen nachzudenken.

Das Buch erscheint im Oktober 2022 und ist bestellbar über Amazon, Hugendubel und Thalia und in jedem Buchladen (

ISBN: 978-3-347-59132-5; Preis 14.00 Euro oder als ebook 5,99 Euro.) Es gibt auch eine Ausgabe mit Großschrift.

zum Buch 

Amazon.de : Seithe Mathilda der Rest wird ganz anders

oder

Der Rest wird ganz anders bei tredition

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Mein letztes Wort in Sachen Soziale Arbeit

Wer weiterhin meine Gedanken zm Thema Soziale ARbeit lesen möchte, kann weiterlesen unter:

www.meinglashaus.de

Ich bin inzwischen 72 und schon seit Jahren in Rente. Inzwischen habe ich es sogar geschafft, mich von dem Workholismus zu verabschieden, der mich mein Berufsleben lang begleitet hat und mich am Beginn der Rente dazu verführte, noch einmal richtig aktiv zu werden. Das habe ich gemacht, erfolgreich und mit großer Befriedigung – bis ich gemerkt habe, dass ich inzwischen aus vielen Gründen nicht mehr zu denen zählen  kann, die versuchen, in dieser Welt aktiv zu sein,  mit ihr zurecht zu kommen und auch, sie zu verändern und ihr die Zähne zu zeigen.

Ich ziehe mich auf die Rolle des weisen Beobachters der Gegenwart zurück.

Meine Berufsjahre waren durchgehend bestimmt von den Problemen der Kinder- und Jugendhilfe. 

1968 war ich 20 Jahre alt und wurde von der politischen Bewegung – damals an der Uni Münster – erfasst. Das Berufsleben hat mich für lange Jahre dazu gebracht, mich mehr oder weniger angepasst-kritisch zu verhalten und über vieles hinwegzusehen: in meinem Arbeitsfeld und in der Welt.

Wenige Jahre vor Beendigung meiner Professur an der FH Jena begann ich, mir der Lage bewusst zu werden und fing an, ein Buch zu schreiben, dass Praktikerinnen und Wissenschaftlerinnen helfen sollte, die Wirklichkeit zu erkennen, sie kritisch zu sehen und den Mut entwickeln, sich nicht einfach damit abzufinden.

Das alles bezog sich vordergründig auf die Soziale Arbeit (Schwarzbuch Soziale Arbeit, 2011, 2013). Aber diese war für mich ein Brennglas, in dem man glasklar die neoliberalen Entwicklungen und Tendenzen unserer gegenwärtigen Gesellschaft erkennen konnte und kann.

Die nächsten fünf Jahre, nach Renteneintritt, wurde ich endlich politisch in der kritischen Sozialen Arbeit, habe unzählige Vorträge und Artikel zur Lage der Sozialen Arbeit geschrieben, habe mich im Unabhängigen Forum kritische Soziale Arbeit, im AKS Berlin  und im Berufsverband (DBSH). Ich war Gründungsmitglied des Bündnis Kinder- und Jugendhilfe für Professionalität und Parteilichkeit. Hier ist es uns mit sehr viel Geduld und Ausdauer gelungen, zu einer politischen Sensibilisierung innerhalb der Berufsgruppe für die neoliberalen Fehlentwicklungen beizutragen, die im Novellierungsversuch des SGB VIII (KJHG) eskalierten.

Dieser Kampf war – obwohl auch die letzte Vorlage für die Novellierung  am Bundesrat gescheitert ist –  also zunächst von Erfolg gekrönt. Darauf können wir stolz sein. Aber er ist keines gewonnen. Er wird weiterhin nötig sein,  er sollte weitergehen. Ich hoffe, dass meine Buchbeiträge und die Texte, die ich in diesem Kontext veröffentlicht habe, die kritische und politische Bewegung für eine humane und professionelle Soziale Arbeit weiterhin stärken wird.

Seit 2017 habe ich mich aus der aktiven Politik zurückgezogen. Das hatte verschiedene Gründe, die ich nicht verschweigen will.

  1. Ich fühle  mich inzwischen zu alt um mich in der aktuellen Tagespolitik einzumischen.
  2. Es hat mich enttäuscht, dass alle, aber auch alle, die mit uns auf die Kritik der möglichen Novellierung eingeschwenkt sind, jede Systemkritik mieden wie der Teufel das Weihwasser. Ich für meinen Teil habe keine Lust mehr, diese Tabus zu bedienen.
  3. Schließlich hat mich auch betroffen gemacht, wie immun unsere Profession und ihre Mitglieder sind, wenn es um die ethischen und fachlichen Widersprüche geht.
  4. Ich habe begriffen, das all diese Widersprüche unvermeidbar sind bei dem gegenwärtigen Kräfteverhältnissen. Und dass eine Änderung grundsätzlicher gedacht und erkämpft werden muss.

All das hindert mich daran, weiter aktiv mitzumischen. Aber es hindert mich nicht daran, weiter darüber nachzudenken und meine Schlüsse zu ziehen.

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Schreib einen Kommentar

Roman “Zum Wohle!”

s. Homepage  http://zum-wohle-roman.com

Manche sagen, über Soziale Arbeit könne man keine Romane schreiben, die sei doch viel zu langweilig…
Da bin ich ganz anderer Meinung – ganz besonders dann, wenn es sich um die aktuelle Jugendhilfe-Situation handelt!

 

Der Roman zum Thema Jugendhilfe mit
ist eine bittere und spannende Geschichte über einen Sozialarbeiter, der versucht, trotz der gegebenen Bedingungen gute Soziale Arbeit zu machen. Dabei gibt er sich der Illusion hin,  dass man auf der mittleren Leitungsebene Einflussmöglichkeiten hat, um die weitere Neoliberalisierung der Kinder- und Jugendhilfe zu verhindern.
Ich habe diesen Roman geschrieben, weil er  die Problematik vielleicht gründlicher und tiefgreifender erfassen kann, als politische und fachliche Texte. Er ist ein Versuch, die Öffentlichkeit und die Fachwelt über die gegenwärtigen Entwicklungen und ihre Folgen aufzuklären. Ich gehe davon aus, dass Belletristik die Gemüter und den Verstand der Menschen eher erreichen kann, als bloße fachpolitische Aufklärung.

Inhalt
In zehn Hauptkapiteln wird erzählt, wie Hannes Thaler sich in der gegenwärtigen Jugendhilfeszene versucht, zurechtzufinden und sich gegen Vorschriften, Vorgesetze und Vorurteile zu wehren. Im liegt daran,  trotz der neoliberalen Veränderungen in der Jugendhilfe  gute Arbeit für die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien zu leisten. Das wird jeden Tag schwieriger, weil ständig die Mittel gekürzt und die Arbeitsbedingungen für ihn und seine Kollegen weiter erschwert werden. Er muss ohnmächtig zusehen, wie Kinder und Jugendliche im Stich gelassen werden und Hilfen zu spät oder halbherzig kommen. Auch das Schicksal der kleinen Anna und ihrer Mutter Christine kann er nicht abwenden.
Hannes Thaler beschließt, als sich als Teamleiter zu bewerben. Von diesem Schritt erhofft er sich mehr Einfluss- und Handlungsmöglichkeiten. Er glaubt, so für seine Kolleginnen bessere Arbeitsbedingungen erreichen und eine fachlich verantwortliche Arbeit in der Jugendhilfe durchsetzen zu können.
Doch bald muss er erkennen, dass von ihm als Leiter vor allem erwartet wird, die Anweisungen und Interesse seiner Arbeitgeber nach unten durchzusetzen. Seine erhoffte Macht erweist sich als fragwürdig. Hannes Thaler versucht verzweifelt und verbissen, seinen fachlichen und politischen Zielen treu zu bleiben. Die Träume von einer Karriere aber kann er nicht mehr aufgeben.
Manche schätzen und lieben ihn. Andere sind enttäuscht. Seine Familie, seine Freunde und die Kolleginnen Miriam, Heike und Irene vom „Kritischen Kreis Soziale Arbeit“ begleiten ihn durch die Höhen und Tiefen seines Dilemmas. Hannes Thaler steht nach drei Jahren Leitungstätigkeit wieder zwischen allen Stühlen und vor der Entscheidung seines Lebens.
Irene hat sich entschieden.

Der Roman spielt vom Sommer 2012 bis zum Herbst 2015, überbrückt also einen Zeitraum von gut drei Jahren.

Das Besondere des Romans: Die Arbeitswelt von Hannes Thaler und seinen Kolleginnen und Kollegen ist nicht einfach der Hintergrund für die Geschichte. Vielmehr spielt die Jugendhilfepraxis selbst in diesem Roman eine Hauptrolle.

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter aktuelle Blogbeiträge | Schreib einen Kommentar