7. Pech und unerwartetes Glück

Roman: Das war gestern, Ackermann!

Annerose braucht Hilfe

Es war Juni, als abends das Telefon klingelte. Dieter ging ran. Eine angestrengte tiefe Stimme meldete sich: „Hier ist Annerose Berger. Kann ich Suse mal sprechen?“
Dieter brauchte einen Moment, dann begriff er, dass das Suses Schwester sein musste.
„Einen Augenblick, ich hole sie“, sagte er höflich, legte den Hörer hin und ging in die Küche, wo Suse abwusch.
„Suse, ich glaube, deine Schwester ist am Apparat, komm doch mal!“
Suse ließ erschrocken die Spülbürste ins Becken fallen und wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab. „Bist du sicher? Die hat doch noch nie hier angerufen!“
Sie nahm den Hörer in die Hand und meldete sich. Dann starrte sie ein paar Sekunden lang wie versteinert in die Luft, bis sie sagte: „Gut, Annerose, ich komme sofort. Bleib, ganz ruhig. Ich beeile mich.“
„Was ist los? Was ist passiert!“, fragte Dieter, als er das tiefernste Gesicht von Suse sah.
„Meine Schwester ist in ihrer Wohnung gestürzt. Sie kann nicht aufstehen. Wahrscheinlich hat sie sich was gebrochen. Ich fahre hin und helfe ihr. Vielleicht müssen wir einen Krankenwagen besorgen. Vor allem muss ich sie erst mal vom Boden hochkriegen, sie ist kein Leichtgewicht.“
„Ist sie nicht viel zu schwer für dich? Ich komme mit. Mit dem Auto sind wir außerdem schneller. Zu zweit kriegen wir das besser hin.“
Suse warf ihm einen überraschten und dankbaren Blick zu.

Annerose lag in der Küche auf dem Fußboden. Sie seufzte erleichtert auf, als die Hilfe anrückte. Sie hatte die Küche gewischt, der Eimer stand noch da, und war anscheinend auf dem glatten Boden unglücklich ausgerutscht und noch unglücklicher gelandet.


„Hallo“, grüßte Dieter. „Ich bin mitgekommen, falls Suse das vielleicht nicht allein schafft.“
„Meinen Sie! Da wollen wir doch mal sehen, ob so ’n Männeken wie Sie das schafft.“ Annerose grinste, doch gleichzeitig verzog sie ihr Gesicht vor Schmerz.
„Annerose, wie kannst du nur?“, fuhr Suse ihre Schwester an und Dieter bat sie: „Nimm es ihr nicht übel. Sie hat wohl große Schmerzen!“
Dieter verzog keine Miene.
„Wenn ihr mal versuchen würdet, mich so weit anzuheben, dass ich zum Sitzen komme, kann ich ausprobieren, ob ich mein Bein noch bewegen kann.“ Annerose klang jetzt ziemlich gefasst.

Annerose liegt auf dem Küchenboden

Suse holte einen niedrigen Hocker aus dem Bad. Zu zweit hievten sie Annerose so weit hoch, dass sie ihr den Hocker unter den Hintern schieben konnten. Annerose stöhnte vor Schmerz auf. Ihr Versuch, das abgewinkelte Bein heranzuziehen, schien zwecklos. Ihr standen die Schweißperlen auf der Stirn, aber immerhin konnte sie ihren Oberkörper und das andere Bein jetzt entlasten und sich so wenigstens ein bisschen entspannen.
„Ich renne nach unten und hole Sabine“, meinte Suse plötzlich.
Annerose nickte.
„Wer ist Sabine?“, fragte Dieter, als Suse schon zur Tür hinausgeeilt war.
„Unten im Haus ist eine Physiotherapiepraxis. Wir kennen die Frauen dort. Vielleicht kann Sabine oder eine der anderen helfen und mir sagen, was los ist.“
Dieter wunderte sich über die plötzliche Tatkraft von Suse. Er stand neben der noch immer unterdrückt stöhnenden Annerose und wusste nicht so recht, was er sagen sollte, um die Wartezeit zu überbrücken.
„Gut, dass Ihr zu Hause wart“, meinte Annerose plötzlich.
Dieter nickte.

„Sie haben auch eine ältere Schwester?“, fragte Annerose und hob den Kopf.

Dieter schaute sie überrascht an. Offenbar hatte Suse mit ihrer Schwester häufiger Kontakt, als er es mitbekam. Wer weiß, was sie ihrer Schwester alles erzählt hat, dachte er irritiert.
Er nickte erneut. „Sie ist 9 Jahre älter. Sie hat mich sozusagen auf dem Gewissen!“, versuchte er zu scherzen.
„Genau das würde Suse auch von mir sagen. Aber aus dem Blickwinkel der großen Schwester sieht das ganz anders aus. Ist ja logisch!“
„Stimmt“, meinte Dieter nachdenklich, „das ist mir gerade in letzter Zeit erst richtig klargeworden.“

In dem Moment öffnete sich die Wohnungstür. Zusammen mit Suse kam eine schlanke, junge Frau ins Zimmer.
„Ach, Annerose, was hast du denn gemacht?“, sagte sie statt einer Begrüßung.
„Siehst’e doch. Guck lieber mal, was mit dem Bein ist!“
Die Frau beugte sich hinab und tastete vorsichtig das Bein und die Gelenke ab. „Ich würde sagen, gebrochen ist nichts, aber das ist eine ordentliche Zerrung im Knie. Du solltest damit zum Arzt gehen, gleich morgen früh.“
„Kein Notarzt?“, fragte Suse sorgenvoll.
„Ach, ich glaube, das ist nicht nötig.“ Sie schaute wieder Annerose an. „Ich mach dir einen Umschlag und dann legst du dich bis morgen früh hin, okay?“

Sie holte aus der Küche verschiedene Utensilien, Suse assistierte. Dieter stand derweil nur herum und kam sich blöd vor. Eine halbe Stunde später lag Annerose mit einem dicken Wickel um ihr rechtes Knie auf dem Sofa im Wohnzimmer. Sie lächelte ein wenig schief, als Dieter fragte: „Und, geht es schon etwas besser?“
„Hab mich noch nie so gesund gefühlt!“ Annerose grinste.
„Du hast noch mal Glück gehabt, Annerose. Es hätte viel schlimmer kommen können. Soll ich dich morgen früh schnell zu Dr. Golsong fahren? Ich habe erst um 10.00 Uhr Arbeitsbeginn“, meinte die Physiotherapeutin.
„Wunderbar“, freute sich Annerose, „du bist ein Schatz, Sabine!“

Nun ist es raus

Nachdem Sabine gegangen war, setzten sich Suse und Dieter neben das Sofa zu Annerose. Die Schwestern unterhielten sich und Dieter beobachtete sie dabei interessiert. Suse bemühte sich, selbstbewusst und erwachsen zu wirken, war aber vor allem besorgt um ihre Schwester. Annerose dagegen hatte keinerlei Scheu, zu zeigen, dass ihre Schwester für sie die kleine Schwester war, die sie nicht ganz für voll nehmen musste. Und da war auch die Anwesenheit von Suses neuem Freund für sie kein Hindernis.
„Siehst’e, Annerose, jetzt bin ich mal deine Krankenpflegerin. Früher war das ja fast immer umgekehrt“, meinte Suse mit einem Augenzwinkern.
„So viele Stunden, wie ich an deinem Krankenbett gesessen habe als du noch klein warst, kriegst du nicht mehr zusammen, mine Lütte“, meinte Annerose ungerührt.
„Hast du denn bei deiner Schwester gelebt, als du noch ein Kind warst, Suse? Ich dachte, du warst im Heim?“, fragte Dieter verwundert.
„Sie hat mich immer im Heim besucht, und wenn ich krank war, hat sie sich neben mein Bett gesetzt. Und als Mutter noch lebte, war sie auch immer für mich da. Meine Mutter konnte sich nicht um uns kümmern, weißt du.“

„Sag es ruhig laut, Suse!“ Aus Anneroses Stimme war plötzlich jede Wehleidigkeit und jeder Galgenhumor verschwunden. „Unsere Mutter wurde in einem Nazi-Heim kaputt gemacht. Als sie 1945 rauskam, war sie nur noch eine Ruine. Trotzdem hat sie noch uns zwei gekriegt. Fragen Sie besser nicht nach den Umständen!“
Überrascht warf Dieter Suse einen fragenden Blick zu. Hatte ihr Suse etwa doch von den Akten erzählt? Die schüttelte den Kopf.
„Hey, was habt ihr zwei da für Geheimnisse miteinander? Darf eine arme Gehbehinderte daran teilnehmen?“
Dieter hustete nervös. Suse blickte ihn hilfesuchend an. Beide sagten nichts.
„Was ist? Was verschweigt ihr mir? Los, raus damit! Ich bin hart im Nehmen.“ Sie richtete sich auf, was ihrem Knie anscheinend nicht gut bekam. Schnell ließ sie sich zurücksinken.
Jetzt fing Suse doch an zu reden. „Dieter arbeitet auf dem Gelände, wo das Johannisstift war, Annerose. Ich wollte es dir nicht sagen, weil du dann vielleicht böse auf ihn bist.“
„Warum sollte ich? So alt sieht er nun auch nicht aus. Ich meine, er wird ja wohl erst nach 45 geboren sein und nichts mit unserer Mutter zu tun haben.“ Sie schaute ihn herausfordernd an. „Oder?“
„Wäre schlecht möglich“ meinte Dieter ironisch. Ich bin 1952 geboren und im ehemaligen Johannisstift arbeite ich erst seit 25 Jahren. Suse hat mir erzählt, dass Ihre Mutter in diesem Heim für gefallene Mädchen leben musste. Vor ein einiger Zeit hat ein Kollege von mir Unterlagen aus dieser Zeit gefunden, in denen über die Verstrickungen des Heims mit den Nazibehörden berichtet wird, die dort stattgefunden haben.“

„Den Kollegen haben sie inzwischen fristlos gekündigt“, platzte Suse heraus.
„Warum das?“
„Er wollte diese Entdeckungen nicht vertuschen, wie es der Vorstand verlangt hat“, meinte Dieter resigniert. All das wollte er eigentlich nicht herumposaunen.
„Sie sind also doch noch wie die Alten!“, zischte Annerose plötzlich. Ihre Augen hatten sich zu Schlitzen verengt. „Ich würde am liebsten hingehen und dort alles kaputtschlagen, damit sie sehen, was aus ihrer ruhmreichen Vergangenheit hervorgegangen ist.“
„Bleib liegen und reg dich ab“, wies Suse ihre Schwester zurecht. „Du kannst nicht laufen. Und die, die da jetzt im Vorstand sitzen, sind nicht die von damals.“
„Aber sie scheinen das zu decken, was die damals gemacht haben, oder?
„So sieht es wohl leider aus“, gab Dieter zu.
„Sie haben unsere Mutter vernichtet, verdammt noch mal!“, schimpfte Annerose aufgeregt. „Und was ist jetzt mit dem Kollegen, der diese Unterlagen gefunden hat?“, fragte sie plötzlich. „Den möchte ich zu gerne mal sprechen!“
Dieter wurde es kalt. „Ich weiß es nicht. Er ist verschwunden“, sagte er, so ruhig er konnte.
„Du hast seine Telefonnummer ja immer noch nicht gefunden“, erläuterte Suse.
„Nein, hab ich nicht“, antwortete Dieter. Mehr sagte er nicht. Es reichte wirklich, wenn Suse ihn immer wieder wegen Hannes bedrängte. Und jetzt auch noch die Schwester! Er hatte versucht, das Ganze zu vergessen. Wenn Hannes es nicht nötig hatte, sich mal bei ihm zu melden, konnte er schließlich auch nichts tun.

Er wechselte das Thema und fragte Annerose nach ihrer Arbeit als Altenpflegerin. Die gab bereitwillig Auskunft.
„Jedenfalls war es nett, dass du dich um mich gekümmert hast. Und danke auch an Sie. Ohne ihre Hilfe hätte Suse mich wirklich nicht hochbekommen.“
Dieter gab ihr zum Abschied die Hand. Mit Suse ging er zur Tür.
„Ich bleibe heute Nacht hier, Dieter. Morgen Abend bin ich bei dir. Ist das in Ordnung? Ich kann Annerose doch nicht so allein liegen lassen. Sie kann sich überhaupt nicht selbst helfen.“
Dieter nickte. Er fühlte sich ein wenig abgeschoben, aber er war auch froh, aus dieser Situation herauszukommen. Wer konnte ahnen, was Annerose noch hätte wissen wollen. So ganz geheuer war sie ihm nicht.

Zu Hause machte er sich doch noch einmal daran, ernsthaft nach der Telefonnummer von Hannes zu suchen, aber sie war nicht zu aufzutreiben.

Beziehungskisten

Lange Zeit konnte Dieter sich nicht entschließen, seinen Geburtstag überhaupt und dann auch noch mit diesem Aufwand zu feiern. Er ließ Suse im Unklaren, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünschte. Wenn sie das Thema ansprach, antwortete er kurz angebunden. Suse hatte es inzwischen aufgegeben, mit ihm darüber zu sprechen. Wahrscheinlich hoffte sie einfach, er würde seine Meinung ändern.

Jetzt endlich, Mitte Juli, hatte Dieter sich endlich dazu aufgerafft und den Plänen zugestimmt. Am 24. August würde es so weit sein. Suse freute sich riesig darauf, für Dieter eine unvergessliche Geburtstagsfeier organisieren zu können und stürzte sich auf der Stelle in die Vorbereitungen. Es waren schließlich nur noch vier Wochen bis dahin.
Eingeladen werden sollten Dieters Schwester und Werner mit seiner Frau Mira natürlich. Früher hätte er vielleicht auch Hannes gefragt. Suse deutete einmal an, ob sie nicht auch ihre Schwester einladen sollte. Aber Dieter überhörte ihre Frage und tat alles, damit sie sich diese Idee wieder aus dem Kopf schlug. Zu fünft würde es sicher auch gemütlich werden.
Als Dieter bei Werner anrief, um vorzufühlen, ob er und Mira am 24. August Zeit hätten, klang sein Freund sehr geknickt.

„Ich wollte dich schon selbst anrufen. Bei mir läuft im Moment alles ziemlich schief, weißt du. Ich brauch mal ’nen Rat oder wenigstens jemanden, der mir zuhört.“
„Ist was mit deinem Job?“, fragte Dieter erschrocken.
„Nein, aber bei Mira und mir hängt der Haussegen schief – schon seit ein paar Wochen. Ich dachte erst, wir kriegen das wieder hin, aber es wird immer schlimmer zwischen uns.“
„Sollen wir uns treffen? Also, ich meine noch vor meinem Geburtstag?“
„Ja, Dieter, bitte. So bald wie möglich!“
„Dann morgen Abend.“
„Ich komme zu dir.“ Werners Stimme klang gleich hoffnungsvoller.
„Besser außerhalb, ich bin ja nicht allein. Lass uns lieber in den Stern gehen, du weißt, an der Hamburgerstraße.“
„Wenn du meinst. Ich hätte deine Suse gerne mal kennengelernt.“
„An meinem Geburtstag, Werner. Aber nicht bei so ner Thematik. Das sollten wir unter uns besprechen.“
„Ja, du hast Recht. Ist schon besser so. In Ordnung.“

Dieter öffnete am nächsten Abend die Eingangstür der Kneipe „Zum Stern“ und schob den dicken Ledervorhang zur Seite, der die Außenwelt noch einmal vom Gastraum abschirmte. Er suchte nach Werner, fand ihn in einer Ecke der Gaststube und ging zu ihm.
Dieter wollte Werner freundschaftlich auf die Schulter schlagen, doch da sah er dessen resignierten Gesichtsausdruck, bremste die Bewegung und legte Werner nur sanft die Hand auf den Oberarm. Sein Freund wirkte in sich zusammengesunken.
„Hey Mann, dir geht es ja wohl richtig mies, was?“

in der Kneipe


„Setz dich, bestell dir was. Dann erzähle ich dir, was los ist“, meinte Werner mit monotoner Stimme.
Nach ein paar Minuten, in denen sie auf sein Bier gewartet hatten, fragte Dieter gespannt: „Und?“
„Mira will Karriere machen.“
„Was?“ Mit so etwas hatte Dieter nicht gerechnet.
„Kaum ist sie aus der Elternzeit zurück, hat man ihr eine neue Stelle angeboten: mehr Verantwortung, mehr Geld, mehr Einsatz, mehr Arbeitsstunden.“
„Wieso mehr Stunden? Wir haben doch generell eine 38-Stunden-Woche, oder?“
„Für Leitungskräfte gilt das nicht. Und es geht um eine Leitungsstelle. Mira ist total begeistert und möchte die Stelle unbedingt haben. Aber weißt du, was das bedeuten würde?“
Werner machte eine Pause. Dieter blickte ihn erwartungsvoll an.
„Sie hat dann keine regelmäßigen Arbeitszeiten mehr, sie müsste abends oft länger bleiben. Außerdem kämen Dienstreisen und Fortbildungsreisen hinzu …“
„Ach du je! Ich ahne dein Problem, Werner“, entfuhr es Dieter.
„Das heißt, dann wäre hauptsächlich ich für unsere Jungs, die Kleine und für den Haushalt zuständig. Ich müsste mir meine Arbeit anders legen. Mira erwartet sogar, dass ich versuche, auf halbtags zu gehen. Da lachen mich doch die Kollegen aus!“
„Aber für Mira ist das die Chance, nicht wahr?“, sinnierte Dieter.
„Das sehe ich auch und das würde ich ihr auch gönnen, aber ihr Wunsch geht halt voll auf meine Kosten.“
Dieter trank einen Schluck. Er dachte nach.

„Aber überleg mal: Was würdest du sagen, wenn man dir so eine Stelle anbieten würde? Hättest du nicht das Gleiche von ihr erwartet?“
„Ich bin kein Leitungstyp. Ich würde das nicht wollen. Außerdem finde ich unsere bisherige Regelung in Ordnung, jeder übernimmt eine Hälfte, was die Kinder, was den Haushalt und andere Sachen betrifft, die mit der Familie zu tun haben. Da kann es mal Ausnahmen geben, wenn was Besonderes vorliegt. Aber generell stehe ich zu dieser Aufteilung und halte mich auch dran. Deswegen wurde ich sogar schon von Kollegen angemacht, weil ich mal, statt zum Fußball-Gucken mitzukommen, Henric zum Handball Spielen fahren musste. Das sei doch Frauen-Sache, meinten meine Kumpel.“
„Ziemlich konservativer Verein, deine Leute?“
„Ja schon. Und ich denke, dass ich mich mit Mira ganz gerecht in die Arbeit reinteile, das ist doch von mir schon eine Superleistung. Ich meine so als Mann. Das ist doch nicht in allen Familien so, oder? Aber Mira erkennt das nicht an, als sei das sowieso selbstverständlich.“
„Na ja“, meinte Dieter vage. Er sah die abwaschende Suse vor seinem inneren Auge. „Und jetzt?“, fragte er und verscheuchte dieses Bild.
„Mira ist total sauer auf mich. Sie spricht nicht mehr mit mir und nennt mich einen elenden Macho.“
Dieter konnte nicht verhindern, dass sich bei dieser Vorstellung seine Mundwinkel ein wenig verzogen. Wenn er seinen Freund hätte beschreiben sollen, auf den Begriff Macho wäre er nie gekommen.
„Ich sehe nicht ein, dass ich nachgeben soll!“, fuhr sein Freund aufgebracht fort. „Wir hatten eine Vereinbarung, dass keiner von uns durch die Kinder und den Haushalt mehr belastet wird als der andere. Und nun ist das alles hinfällig! Nun schert sie aus und ich stehe da wie ein Blödmann.“ Werner sah Dieter herausfordernd an.
„Ich finde, ihr müsstet einen anderen Weg finden, einen, der für euch beide möglich ist.“
„Sie lässt ja nicht mit sich reden, Dieter.“
„Ich könnte mir vorstellen, ihr macht eine Mediation.“
„Was ist das denn?“
„Ein Unbeteiligter führt mit euch ein Gespräch über mögliche alternative Lösungen. Mit seiner Hilfe kommt ihr wahrscheinlich aus der Sackgasse heraus, in die ihr euch manövriert habt. Ohne fremde Hilfe geht das anscheinend nicht mehr. Und dann finden sich vielleicht doch bessere Lösungen für beide Seiten.“
„Kann ich mir ehrlich gesagt schlecht vorstellen. Würdest du das denn mit uns machen?“
„Nein, Werner, ich kenne euch zu gut. Aber ich könnte euch einen Kollegen empfehlen. Mira müsste es allerdings auch wollen.“
„Wenn ich das vorschlage, schickt sie mich zum Teufel. Kannst du sie nicht fragen?“
„Schön, ich kann sie anrufen.“
„Sie mag dich, Dieter.“
„Na, dann haben wir ja vielleicht eine Chance.“

Werner trank erleichtert sein restliches Pils auf Ex und bestellte auf der Stelle ein neues. „Und bei dir?“
„Alles okay.“
„Was macht deine Freundin? Wie geht’s euch?“
Noch bevor Dieter damit fertig war, in seinem Kopf eine passende Antwort zu formulieren, schob Werner nach: „Am Anfang ist ja alles einfach – und dann noch ohne Kinder! Du bist echt zu beneiden, Dieter!“

„So unkompliziert ist es auch wieder nicht. Unsere Beziehung ist nicht so ganz … gleichgewichtig.“
„Was heißt das jetzt?“
„Sie ist total in mich verschossen und liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Und ich finde sie auch nett und anziehend und sie ist eine Freude im Bett. Aber sonst? So richtig über was Ernstes kann ich mich nicht mit ihr unterhalten. Sie kennt die Welt nicht oder begegnet ihr schlicht naiv. Ihr scheint ihr Leben, ihre Situation und unsere Beziehung, sowie sie nun mal ist, zu genügen. Diese Genügsamkeit von ihr, die macht mich manchmal rasend.“

„Deine Probleme möchte ich haben!“ Werner seufzte.
„Mach dich nicht lustig! Irgendwo habe ich ja auch eine Verantwortung. Ich möchte Suse nicht ausnutzen, verstehst du?“
„Edel, edel, Dieter. Finde ich richtig von dir. Aber sag mal ehrlich: Guten Sex, Mann, den sollte man nicht leichtfertig aufgeben. Mira und ich schlafen schon lange nur noch in Ausnahmesituationen miteinander. Und jetzt ist das sowieso vom Tisch. Und ehrlich: Du hängst doch auch an ihr oder irre ich mich? “
„Ich weiß nicht so recht, wie ich mit dieser Situation umgehen soll. Wenn du sie auf meinem Geburtstag kennenlernst, kannst du dir ja mal ein Bild von ihr machen. Vielleicht hilft mir dein Eindruck auf die Sprünge …“
„Mach ich. Und du vergiss nicht, Mira anzurufen und für mich den Kontakt zu dem Moderator herzustellen.“
„Mediator, Werner. Und ja, mach ich.“

Die Freunde saßen noch eine Weile schweigend, aber zufrieden beieinander. In der Gaststätte war es recht laut geworden, sie konnten die Gespräche an den anderen Tischen mithören. Irgendwo spielte Technomusik.
„Ich glaube, ich werde heute nicht mehr alt“, meinte Werner nach einiger Zeit. Auch Dieter fühlte sich erschöpft. Sie zahlten und machten sich auf den Heimweg.

„Hast du Werner die Sache mit Hannes und dem Heim erzählt?“, fragte Suse, die schon im Bett lag, als er zurückkam, aber noch nicht geschlafen hatte.
„Warum sollte ich?“, fragte Dieter überrascht. Ein Hauch von Ärger stieg in ihm auf. Warum mischte sie sich immer wieder in diese Sache ein?
„Weil er doch dein Freund ist. Ich dachte, du besprichst so was mit ihm, ich meine, weil Freunde sich doch erzählen, was sie so bewegt, meine ich.“
„So, meinst du.“
„Und das mit Hannes, das bewegt dich doch, oder nicht?“
„Da weißt du aber mehr als ich“, wollte er sie anpflaumen.

Aber er stockte und sah sie nachdenklich an.
„Vielleicht hast du recht. Aber ich mag jetzt nicht darüber reden. Komm!“
Er kroch zu ihr ins Bett.
Suse sah ihn traurig an und rührte sich nicht.
„Was ist los? Willst du nicht?“
„Doch Dieter, aber immer, wenn ich irgendwas wegen Hannes sage, bist du so komisch und so unfreundlich zu mir, als ginge mich das gar nichts an. Warum?“
„Das bildest du dir nur ein Suse. Ich weiß ja, warum das für dich so wichtig ist. Aber lass uns jetzt bitte nicht mehr daran denken. Ich bin im Kopf auch mit was ganz anderem beschäftigt. Und er erzählte ihr von den Problemen, die Werner ihm eben mitgeteilt hatte.

Ein interessantes Angebot

Dieter hatte gerade angefangen, zur Vorbereitung auf den nächsten Klienten seine Aufzeichnungen vom letzten Mal zu überfliegen, als es klopfte. Irritiert sah er auf die Uhr. Sollte Herr Müller doch warten, bis es so weit war! Aber es war nur die Sekretärin der Beratungsstelle, die ihm einen Notizzettel hereinreichte. Sie verschwand sofort wieder.

Der Chef möchte Sie sprechen, morgen früh, 9.00 Uhr, stand auf dem Zettel.
Verwundert erhob er sich. Der Chef, überlegte er. Wieso schrieb sie dann nicht Friedhelm? Was würde der von ihm wollen?
Friedhelm bekleidete die Leiterstelle der Einrichtung nun schon seit drei Jahren und alle waren zufrieden mit ihm. Kein anderer hatte sich je um diesen Posten gerissen. Er besaß die Geduld und den Humor, den man brauchte, um mit der Verwaltung und dem Vorstand des Trägers zurechtzukommen.

Dieter lief der Sekretärin in den Vorraum nach, wo üblicherweise die Klienten warteten. Heute war noch niemand da.
„Wen meinst du mit Chef? Friedhelm?“
„Nein, nein, den Geschäftsführer, Superintendent Lehnert.“

Was will der denn von mir, fragte sich Dieter überrascht. Dieter hatte als Angestellter der Lebensberatungsstelle eigentlich nicht viel mit ihm zu tun. Es war bestimmt ein Jahr her, dass er das letzte Mal zu ihm gerufen worden war, vermutlich sogar länger. Der Kontakt zum Geschäftsführer lief meist über Friedhelm. Lehnert war nicht ganz einfach zu nehmen war. Zum Beispiel legte er oft mitten im Gespräch den Hörer auf. Eine ziemlich unerfreuliche und respektlose Angewohnheit, die er auch beibehielt, nachdem er von verschiedenen Seiten darauf angesprochen worden war.

Was wollte Lehnert nun ausgerechnet von ihm?
In diesem Augenblick betrat sein nächster Patient den Warteraum und Dieter ging ihm voraus in sein Büro. Über diesem Gespräch vergaß er den Chef und den morgigen Gesprächstermin.

Dieter hatte bereits genüsslich Suses vorbereitete Spaghetti Bolognese verspeist und lehnte sich nun zufrieden in seinem Fernsehsessel zurück, während Suse am Tisch Kreuzworträtsel löste. Mitten in der Sendung fiel ihm das angekündigte Gespräch mit Lehnert wieder ein. Er hatte noch immer keine Idee, was der oberste Chef von ihm wollen könnte. Vielleicht bekomme ich eine Gehaltserhöhung, dachte er mit einem Grinsen im Gesicht. Er musste lachen. Bei dem Wort Gehaltserhöhung klingelte etwas in seinem Kopf. War das nicht das Thema, wegen dem er mit Renate vor 10 Jahren dauernd gestritten hatte? Sie hatte ihm ständig vorgeworfen, er wäre zu bescheiden. Dieter meinte noch, hören zu können, wie sie ihn mit aufgebrachter Miene und mit einer heiseren Stimme immer wieder attackierte: Seine Kollegen hätten längst mehr Geld in der Tasche. Aber statt nach vorn zu streben, machte er sich klein, wäre mit allem zufrieden. Letztlich wäre er schlicht faul, bequem, machte nur seine Beratungsarbeit und kümmerte sich sonst um nichts, was die Familie oder den Haushalt anging.

Das Letzte zumindest stimmte nicht. Aber immer wieder war sie damit gekommen, dass er endlich mal wegen einer Gehaltserhöhung bei Lehnert anfragen müsste. Und nun bekam er die vielleicht sogar, ohne darum gebeten zu haben.

Lehnert teilte ihm am nächsten Morgen mit, dass der Träger vorhatte, zusätzlich zu den beiden vorhandenen Beratungsstellen eine Online-Beratung einzurichten. Er bot Dieter an, mitzumachen. Es gäbe eine zusätzliche pauschale Vergütung dafür. Soweit er wusste, hatte Dieter ja keine Familie und daher vielleicht mehr Zeit als die verheirateten Kollegen mit Kindern.
Dieter fasste die Anfrage als Kompliment auf und erbat sich Bedenkzeit, obwohl er innerlich sofort Feuer und Flamme dafür war.

Superintendent macht Dieter einen Vorschlag

Mit dem PC kannte er sich ja ganz gut aus. Dieser neue Ansatz reizte ihn. Er freute sich darüber, dass gerade er gefragt worden war. Man traute ihm offenbar Einiges zu und verließ sich auf seine Fähigkeiten.

Nach zwei Tagen hatte er eine Entscheidung gefällt. Suse teilte er mit, dass er in Zukunft noch eine andere Aufgabe übernehmen würde. Wahrscheinlich könnte er das aber dann zu Hause am PC machen. Suse freute sich darüber.

Es war der Tag vor seinem Geburtstag, als er zu Lehnert ging und zusagte. Sie gaben sich die Hand und beglückwünschten sich gegenseitig zu dem neuen Projekt.

Das war nicht eingeplant

Als er an diesem Tag nach seiner letzten Beratung vom Schreibtischstuhl aufstehen wollte, spürte er einen heftigen Stich im Rücken, danach einen unangenehmen Schmerz, der nicht wegging.
Dass das gerade jetzt passieren muss! Hoffentlich geht das bald wieder vorbei! Morgen muss es mir wieder gut gehen, dachte er erschrocken.
Für den nächsten Tag hatte er sich Urlaub genommen, damit er Suse mit den Vorbereitungen für die Feier nicht allein lassen musste. Werner wollte am Nachmittag zum Kaffee eintrudeln. Mira konnte wegen einer dienstlichen Sache nicht mitkommen. Sie ließ schön grüßen, hatte Werner gestern erst mitgeteilt. Es war klar, dass Mira es wohl vorzog, nicht den ganzen Nachmittag so tun zu müssen, als sei zwischen ihr und Werner alles in Ordnung. Schade, aber vielleicht doch auch besser so, hatte Dieter gedacht und auch Suse fand die Lösung in Ordnung. So würde der Ehekrach der beiden die Feier von Dieter nicht beeinträchtigen. Gabrieles Zug wurde am frühen Abend erwartet.

Dieter freute sich inzwischen auf seine Geburtstagsfeier. Bisher hatte er es nie für nötig gehalten, diesen Tag zu feiern. Aber mit seiner wiedergefundenen Schwester würde das anders sein. Er war gespannt, wie Suse und die so unterschiedlichen Gäste miteinander zurechtkommen würden. Und jetzt das, dachte er verstimmt und machte sich unter Schmerzen auf den Heimweg.
Er hatte Probleme, ins Auto ein- und noch größere, später wieder auszusteigen. Er legte sich sofort ins Bett. Suse geriet vor Schreck außer Atem. Sie versuchte alles, um es ihm bequem zu machen. Dieter lag da, konnte sich nur unter Schmerzen rühren und ärgerte sich.

Als er am nächsten Morgen aufstehen wollte, war das schlicht unmöglich. Seine Beine und sein Rücken weigerten sich, die notwendige Bewegung auszuführen. Wenn er versuchte, sie zu erzwingen, tat es höllisch weh. Er legte sich Zentimeter für Zentimeter wieder zurück. Suse, die schon lange wach war, bedauerte ihn zutiefst, wusste aber nicht, was sie tun sollte.
„Vielleicht wird es ja wieder vorbeigehen, wenn ich noch ein bisschen entspannt im Bett bleibe“, versuchte Dieter sie zu trösten. Suse nickte. Sie machte sich ernsthaft Sorgen, behielt sie aber für sich.

Werner erschien pünktlich. Er trug eine neue Jeans mit einem dunkelroten Seidenhemd, das Mira ihm letztes Weihnachten geschenkt hatte. Dieter lag noch immer da wie ein Maikäfer auf dem Rücken. Bestürzt sah Werner auf seinen Freund hinab und rief auf der Stelle den Hausarzt von Dieter an, obwohl Dieter meinte, diese Umstände wären nicht nötig, er könnte seine Feier auch vom Sofa aus erleben.
„Und wie bitte willst du bis zum Sofa kommen?“, fragte Werner trocken.
Der Hausarzt kam gegen 18.00 Uhr. Suse lief verzweifelt zwischen dem sich schon in der Endphase seiner Vervollkommnung befindenden Rinderfiletbraten im Herd und dem Krankenlager hin und her. Der Arzt murmelte etwas, fasste Dieters rechtes Beim am Knöchel und hob es langsam gestreckt in die Luft. Dieter konnte nicht anders, er schrie laut auf, als das Bein gerade mal 20 Zentimeter über dem Bettlaken schwebte.

Suse riss die Augen auf, als der Arzt nach einer weiteren kurzen Untersuchung einen Krankenwagen bestellte.
„Tja, Herr Ackermann, aus der Feier wird wohl nichts. Ich denke, sie haben einen Bandscheibenvorfall. Ihr rechter Fuß gefällt mir auch nicht. Es sieht so aus, als könnten Sie ihn nicht mehr anheben.“
Dieter, dem vor Schmerzen inzwischen alles recht war, bat schnell Werner, Gabriele vom Bahnhof abzuholen und ließ sich von Suse Unterwäsche und einen Schlafanzug einpacken – für alle Fälle. Dann schloss er die Augen, während ihn die Sanitäter aus dem Bett auf eine Trage hoben. Suse wollte unbedingt mitfahren, aber Dieter schüttelte den Kopf.

„Du wirst hier gebraucht. Gleich kommt meine Schwester. Soll sie ohne Braten einfach heimgeschickt werden? Ich komme schon zurecht, Suse. Ich rufe an, wenn klar ist, wie es weitergehen soll.“

Die ganz andere Geburtstagsfeier

Suse fügte sich tapfer, obwohl ihr Tränen über die Wangen liefen. Sie stand mit Werner am Straßenrand und sah dem Krankenwagen nach, der die Sirene eingeschaltet hatte und um die nächste Ecke verschwand.

„Ich fahr jetzt zum Bahnhof. Haben Sie eine Ahnung, woran ich Dieters Schwester erkennen kann?“
Suse zuckte die Schultern. Dieter hatte ihr nie erzählt, wie seine Schwester Gabriele aussah.
„Dann brauche ich ein Schild mit ihrem Namen, so wie die Hotelboys, die die Gäste am Flughafen abholen.“
Suse schmunzelte nicht. Sie lief nach oben und suchte in Dieters Papiervorräten nach einer größeren Pappe.
„Wie heißt sie mit Nachnamen?“, fragte Werner mit einem dicken Marker bewaffnet.
„Heißt sie nicht auch Ackermann?“, überlegte Suse nervös. „Aber ich glaube, Dieter hat mal erwähnt, dass sie verheiratet war.“
„Egal, sie wird wohl auf ihren Mädchennamen reagieren“, beschloss Werner. Mit großen Buchstaben schrieb er Gabriele Ackermann auf die Pappe und machte sich eilig auf den Weg.

Warten auf Dieters Schwester

Als Suse allein in der Wohnung stand, wusste sie nicht, was sie machen sollte. Schließlich entschloss sie sich, genau das zu tun, worum Dieter sie gebeten hatte: Sie deckte den Tisch, schaute nach dem Braten, legte die vorbereiteten Klöße ins kochende Wasser und würzte den schon geschnittenen Salat. Bei den alltäglichen Handgriffen versuchte sie, ihre Sorge um Dieter zu unterdrücken, horchte aber ständig auf das Telefon, obwohl sie sich denken konnte, dass Dieter nicht so bald anrufen würde.

Nach einer guten halben Stunde klingelte es und Werner brachte eine große, elegant gekleidete Dame mit, die Suse mit den Worten: „Arme Suse! Wie schön, dich endlich kennen zu lernen!“ in den Arm nahm. Suse versuchte, ihren Schreck über diese unerwartet herzliche Begrüßung zu verbergen.
„Guten Tag, Frau Ackermann,“ fing Suse an, aber Gabriele unterbrach sie sofort.
„Gabriele für dich, Suse. Und nun erzählt mal genau, was ist mit meinem Bruderherz passiert?‟

Natürlich fühlten sie sich alle erst einmal etwas bedrückt, weil sie nicht wussten, was mit Dieter los war. Erst beim Tiramisu kam das Gespräch etwas besser in Gang. Suse hatte das Rezept aus dem Internet und Dieter eigentlich damit überraschen wollen. Sie erzählte den beiden gerade von ihrem Besuch mit Dieter in dem Nobelrestaurant, wo sie zum allerersten Mal Tiramisu gegessen hatte, da rief Dieter an. Suse sprang auf und eilte an den Apparat.

„Und, wie geht es dir? Was ist mit deinem Bein?“, fragte sie atemlos.
„Wie der Arzt vermutet hat, ist es ein Bandscheibenvorfall. Außerdem habe ich noch eine Fußheber-Lähmung. Der Neurologe meint, eine OP sei deshalb unumgänglich.‟
Suse stieß an dieser Stelle einen kleinen Schrei aus, aber Dieter beruhigte sie.
„Das ist für die Ärzte heute eine Routinesache und ich bin hier in guten Händen. Ich bin schon hier auf Station 3. Die OP wird morgen Vormittag durchgeführt. Und ja, Suse, du kannst mich danach besuchen.‟  Er schien durch die Leitung hindurch zu lächeln. „Aber nicht vor 16.00 Uhr hat die Schwester gesagt. Vorher bin ich wohl wegen der Vollnarkose noch nicht ansprechbar.“

Sie alle waren erleichtert und sprachen danach noch eine Weile über Operationen und Unfälle. Doch nach einer gewissen Zeit begannen sie damit, sich gegenseitig zu erzählen, wer sie überhaupt waren, was sie taten und was sie bewegte. Am Abend wusste Suse sowohl über Gabriele als auch über Werner Details, die Dieter ihr gegenüber nie erwähnt hatte.
Der Abend wurde immer lustiger. Der teure Rotwein, den, wie Suse vermutete, Dieter sicherlich mit einem kleinen Vortrag hatte kredenzen wollen, wurde von ihr kommentarlos, aber üppig nachgeschenkt. Alle drei waren zufrieden.

lustige Gesellschaft

Sie trennten sich erst nach Mitternacht. Suse musste beiden versprechen, möglichst bald zu berichten, was mit Dieter weiter geschehen würde. Gabriele hatte sich vorsorglich in der Nähe von Dieters Wohnung ein Hotelzimmer besorgt. Werner bot an, sie dorthin zu begleiten.

Als sie allein war, setzte sie sich noch einmal an den Tisch. Ich muss noch die leeren Weingläser in die Küche bringen, dachte sie. Aber sie blieb erst einmal sitzen und dachte nach. Sie stellte fest, dass dieser Abend so schön gewesen war, wie sie noch keinen erlebt hatte. Schade, überlegte sie, dass Dieter nicht dabei sein konnte. Schließlich war es seine Geburtstagsfeier.

Als Suse am nächsten Tag an den letzten Abend dachte, huschte ein verwundertes Lächeln über ihr Gesicht. Ganz plötzlich kam ihr eine merkwürdige Idee: Sie fragte sich, ob der Abend auch so lustig, so gemütlich und so locker verlaufen wäre, wenn Dieter hätte dabei sein können. Sie verscheuchte diesen Gedanken schnell wieder, aber er ließ sie nicht mehr los. Wieso dachte sie so etwas

Dieter ist nicht mehr so nett zu mir, wie damals, als wir uns kennen gelernt haben, ging es ihr am Abend durch den Kopf. Warum wurde er immer so böse, wenn sie ihn etwas wegen Hannes fragte. Wollte er nicht, dass sie an seinen Sorgen teilnahm? Zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie `überhaupt davon ausgehen konnte, dass sie für immer oder wenigstens für lange bei ihm bleiben durfte. Sie hatte ihre eigene Wohnung noch nicht aufgegeben. Schließlich hatte Dieter sie nie dazu eingeladen, ganz zu ihm zu ziehen. Vielleicht würde sie diese eigene Wohnung noch mal brauchen, überlegte sie seufzend.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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