Was haben FamilienhelferInnen, StraßensozialarbeiterInnen und  DrogenberaterInnen  gemeinsam?

Frage meiner ZuhörerInnen:

Gibt es denn überhaupt „die Soziale Arbeit“. Das sind doch krass unterschiedliche Aufgaben, die die SozialarbeiterInnen in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern bearbeiten müssen?

Viele KollegInnen, die nach ihrem Beruf gefragt werden, sagen, sie seien z.B. StraßensozialarbeiterInnen oder tätig in der Krankenhaussozialarbeit, in der Eingliederungshilfe für psychisch kranke Erwachsene, sie seien JugendarbeiterInnen oder FamilienhelferInnen ….. kaum einer käme auf den Gedanken einfach nur zu sagen: Ich bin SozialarbeiterIn. Das kommt mir so vor, als wäre der Beruf für viele KollegInnen an sich nichts weiter wert und würde erst dann seine entscheidenden Merkmale bekommen, wenn das Arbeitsfeld definiert wird.

Diese Auffassung schwächt unsere Profession, wir lassen uns spalten und aufteilen und glauben, dass wir mit den KollegInnen anderer Arbeitsfelder nicht viel gemeinsam haben. Das ist nicht so. (Abgesehen davon, dass die Kenntnis der Situation in den anderen Feldern dazu führt, dass man seine eigene Lage besser beurteilen und einschätzen kann.)

Nur noch eine Minderheit hat heute eine berufliche Identität als SozialarbeiterIn. Das mangelnde professionelle Selbstbewusstsein ist oft die Folge der Tatsache, dass viele SozialarbeiterInnen heute nicht mehr realisieren, dass sie vor allem Sozial Arbeitende und erst in zweiter Linie BewährungshelferInnen, StraßensozialarbeiterInnen, MitarbeiterInnen im Allgemeinen Sozialen Dienst usf. sind. So manche schätzt ihre Profession, also ihren erlernten Beruf so gering, dass sie es vermeidet, ihn in der Öffentlichkeit zu nennen. Man sagt lieber, man sei Straßen- oder Krankenhaus-SozialarbeiterIn. Das lenkt ab von der Frage, was Soziale Arbeit selbst eigentlich ausmache. Man kann sich auf diese Weise in den Details des konkreten Arbeitsfeldes verlieren und eine Antwort auf diese Frage vermeiden.  

Aber da steckt noch mehr dahinter!

Soziale Arbeit wird heute ganz bewusst davon abgehalten, sich als gemeinsame Profession zu sehen. Die Auflösungserscheinung des Berufsbildes an den Rändern sind vielfältig. Sie vermitteln und stützen die Vorstellung, dass der Beruf des Sozialpädagogen bzw. Sozialarbeiters kein klares Profil hat und die Anwendung seiner Techniken keiner sozialpädagogischen Grundausbildung bedarf.  Zum Beispiel werden häufig nicht sozialpädagogisch ausgebildeten TherapeutInnen oder auch pädagogischen Laien in klassischen Feldern und Aufgabebereichen der Sozialen Arbeit eingestellt. Viele sozialpädagogische Weiterbildungs- und Fortbildungsangebote für Nicht-SozialpädagInnen erwecken bei den Betroffen und den  Trägern den Eindruck, dass man am Ende die gleichen Kompetenzen erworben habe, wie Sozialarbeiterinnen in ihrem Studium. Man kann heutzutage ja auch einen Master in Sozialer Arbeit erwerben, ohne ein grundständiges Studium der Sozialen Arbeit absolviert zu haben.
Das Gegeneinander-Ausspielen der einzelnen Bereiche der Sozialen Arbeit – sogar der Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe untereinander – wenn es sich um Kostenfragen dreht, geht in die gleiche Richtung und zeigt, wie sehr der Politik daran gelegen ist, diese Profession als gemeinsame authentische Kraft zu ignorieren.

Auf diese Weise wird der Beruf der SozialarbeiterIn quasi entkernt. Verlangt und vermittelt werden Methoden und Techniken, ohne dass die konzeptionelle Basis, der theoretische und ethische Gesamtzusammenhang der Profession vermittelt werden. Sozialarbeiterische Berufe werden auf dem Niveau einer Anlernausbildung gehalten und eingestuft, also einer Ausbildung, die ihre Grundlagen nicht reflektieren muss, sondern nur Verfahrensweisen anwenden kann, die vorgegeben sind.

Nicht zufällig ist in den bestehenden Sozioalgesetzen nie von der Profession Soziale Arbeit, sondern immer nur von „Fachkraft“ die Rede. Damit wird unterstellt, dass Soziale Arbeit das gleiche Aneignungsniveau hat wie z.B. die Fachkraft Spielwarenverkäuferin oder die Fachkraft im Reisebüro.

2002 stellte der DBSH, der deutsche Berufsverband der SozialarbeiterInnen, einen Text ins Netz, in dem es um die Forderung nach einem geschützten Titel „SozialarbeiterIn“ geht. Seitdem aber scheint es in dieser Sache nichts Neues zu geben. Allein über die ethischen Grundsätze gibt es noch ein aktuelleres Papier. Aber die Berufsidentität der SozialarbeiterInnen erschöpft sich nicht in ihren ethischen Vorstellungen.

Anders sieht es z.B. in Österreich aus, wo der dortige Berufsverband (öbds) seit vielen Jahren um ein Berufsgesetz kämpft. Den Schutz der Berufsbezeichnung haben sie schon vor einiger Zeit durchgesetzt. Um das Berufsgesetz, das sichern soll: “Wo Soziale Arbeit dran steht muss auch Soziale Arbeit drin sein“, wird aktuell mit der Politik diskutiert und es besteht derzeit die Hoffnung, dass die KollegInnen es auch durchsetzen werden.

Die Deprofessionalisierung allerdings, die mit der neoliberalen Transformation einhergeht, wird allein durch ein solches Berufsgesetz noch nicht gebannt. Fakt ist, dass durch die neoliberale Ideologie, durch die betriebswirtschaftliche Herangehensweise in der Praxis wesentliche Aspekte und Potenzen der Soziale Arbeit unterlaufen werden und die SozialarbeiterInnen schon aufgrund der gegebenen und scheinbar nicht beeinflussbaren Rahmenbedingen diese Seiten ihres Berufs kaum zur Geltung bringen können.

Nach dem professionellen Konzept der Sozialen Arbeit ist dieser Beruf in seinem Kern auch eine politische Antwort auf die Soziale Frage und ein ständiges Infragestellen der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse. Denn diese verursachen einen großen Teil der Probleme, die Menschen mit ihrer Lebenswelt haben können und mit denen sich Soziale Arbeit auseinandersetzen muss – in vollem Wissen, dass genau diese Probleme durch den kapitalistischen Staat nicht gelöst werden und auch nicht gelöst werden sollen.  Ähnlich wie der hippokratische Eid der Mediziner bräuchte es die Sicherung, dass Soziale Arbeit ihre Aufgaben unabhängig von einer staatlichen oder sonstigen Ideologie im Sinne ihres Berufsethos und nach ihrer wissenschaftlich begründeten Expertise ausüben kann. Und ähnlich wie die Verpflichtung der Ärzte, ihre Kunst immer im Interesse der Menschen einzusetzen, müsste unsere Profession die Sicherheit haben, ihre „Kunst“ stets im Interesse ihrer Klientel ausüben zu müssen bzw. zu dürfen. Wobei die Ärzte sich „nur“ um die Gesundheit der Menschen kümmern, geht es in der Sozialen Arbeit um die Lebensgestaltung insgesamt, um die Unterstützung bei schwerwiegenden Problemen in der Bewältigung des eigenen Lebens und nicht selten auch um existentielle Fragen.

Auch wenn Soziale Arbeit nicht in der Lage ist, selbst die Gesellschaft zu verändern bzw. zu revolutionieren, so ist sie mit ihrer grundsätzlich humanistischen Konzeption ein Stachel im Fleisch des Neoliberalismus, den man gerne entfernen möchte oder zumindest so weit „bearbeiten“ will, dass der Stachel nicht mehr sticht.

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Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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