Kämpft die Soziale Arbeit gegen Windmühlenflügel?

Auf die Frage, was sie in ihrer Berufssituation am meiste belaste, antwortete mir eine Kollegin: „Mich belastet die Frage nach der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit: Auch wenn Menschen durch den Besuch meiner Beratungsstelle kurzzeitig Entlastung erfahren, bleibt das System um sie herum, wie es ist. Steigende Kosten, mangelnde bezahlbare Wohnungen, unvergütete Care-Arbeit und, und und … Solange es keine strukturellen Veränderungen gibt, scheint die Beratung oft wie ein Eimer Wasser als Lösung für einen für einen Großbrand.“

Eine andere schreibt mir:
„Die Klientel können von mir nicht die Hilfe bekommen, die sie brauchen, weil die Hürden für diese Menschen immer höher werden, statt dass man sie abbaut – und das kann ich mit meiner Arbeit nicht auffangen. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen meiner Klientel ist in meinem beruflichen Auftrag formuliert. Aber ich glaube, aufgrund der strukturellen Hürden nicht, dass meine Arbeit diese Aufgabe erfüllen kann.“

Die ständige Erfahrung, dass Familienarmut, Wohnungsnot, die menschenunfreundlichen Strukturen, die menschenfeindliche Politik immer bestehen bleiben, und eher schlimmer werden, obwohl wir uns anstrengen und für diese Menschen einsetzen, diese Erfahrung lässt so manche SozialarbeiterIn daran zweifeln, dass ihre Arbeit wirklich Sinn macht.

Ich kann das sehr gut verstehen.

Hier ein Beispiel aus der Gewaltprävention und zum Umgang mit gewalttägigen Kindern:

Vor wenigen Tagen sah ich eine Reportage über eine sozialarbeiterische Einrichtung, die mit Kindern arbeitet, die bereits Täter von Gewalttaten geworden sind. Bewundernswert und ehrenhaft die Haltung der KollegInnen: die in den Kindern nicht in erster Linie die Täter sahen, sondern unfertige, noch entwicklungsfähige und in ihrer Entwicklung unterstützungsbedürftige Wesen. Pädagogisch gut überlegt die Handlungsleitlinien und Strukturen der Einrichtung. Tolles Projekt, könnte man sagen.

Der Bericht des Deutschen Jugendinstitutes (27.5.25) stellte fest: „Der Großteil wiederholter und schwerwiegender Straftaten wird durch eine kleine Personengruppe verübt, die sich der kriminologischen Forschung zufolge in der Regel in komplexen Problemlagen befindet – dazu zählen unter anderem Gewalterfahrungen in der Familie, Schulprobleme, Alkohol- und Drogenmissbrauch, soziale Randständigkeit sowie deviante oder delinquente Freundeskreise, wie beispielsweise Peers, die Drogen konsumieren oder ebenfalls mit Delikten auffällig geworden sind.“

Die Ursachen werden im konkreten persönlichen Erfahrungsfeld der Kinder gesucht.  

Aber es wird auch hier kein Wort darüber verloren, wie es dazu kommen kann, dass zunehmend Kinder TäterInnen werden können in unserer Gesellschaft. Und es wurde nicht danach gefragt, welche Bedingungen und Prozesse diese Entwicklung fördern oder gar provozieren: die allgegenwärtige Gewalt in den täglichen Kriegsnachrichten, in den Medien, in den sozialen Netzwerken, in Filmen, in Computerspielen aber ebenso die zunehmend unsolidarische, egozentrische und ausgrenzende Haltung zwischen den Menschen, und die hautnah erlebbaren Machtstrukturen innerhalb der Gesellschaft und zwischen Ländern untereinander …..

Aber das liegt zweifellos außerhalb der Einflusssphäre der Sozialen Arbeit. Das ist vielmehr Politik.

Der eigentliche Widerspruch der Sozialen Arbeit

Und tatsächlich existiert Soziale Arbeit seit ihrem Bestehen unter der doppelten und widersprüchlichen Maßgabe, gegen das ankämpfen zu sollen, was die verantwortliche, herrschende Politik, die ihnen diesen Auftrag gegeben hat, dennoch nicht etwa abschaffen und beseitigen will, sondern weiter und weiter reproduziert und in ihrem eigenen Interesse für unverzichtbar hält. Das ist der eigentliche Widerspruch, der unseren Beruf ausmacht (vgl. Seithe 2025, S. 40f; vgl. auch Scherr 2012, S. 110; vgl. Hammerschmidt et al. 2017, S. 14f).

Und er fordert von den Mitgliedern dieses Berufes immer und immer wieder eine Stellungnahme, eine Entscheidung:

Und nun?

Entweder man hält das für normal und moralisch gerechtfertigt und versteht sich als die Kraft, die den „sozialen Frieden“ sichern hilft, indem sie die Benachteiligten dieser Gesellschaft tröstet, ruhigstellt und dazu bringt, dennoch nicht aufzubegehren.

Oder man spürt tagtäglich, dass es nicht in Ordnung ist, dass unsere Gesellschaft diese benachteiligenden Lebensbedingungen für einen Teil der Bevölkerung nicht nur duldet, sondern bewusst reproduziert.

Aber wenn man genau das spürt, und wenn einen das belastet – was kann man, was kann Soziale Arbeit dann tun?

Ich denke, Soziale Arbeit ist nicht eine von den Kräften, die die Gesellschaft revolutionieren könnten. Aber dennoch kann sie ihre Klientel darüber aufklären, dass es nicht in Ordnung ist, wie mit ihnen umgegangen wird, sie kann versuchen, trotz allem mit den Menschen, die ihre Hilfe brauchen, menschlicher und gerechter umzugehen, als es die Gesellschaft ihnen gegenüber ansonsten tut.

Und sie kann sehr wohl auf genau diese Widersprüche hinweisen und dazu beitragen, dass in unserer Gesellschaft ein politisches Bewusstsein entsteht, das die Absichten, die Hinterhältigkeit und die menschliche Ignoranz der neoliberalen Politik durchschaut und infrage stellt.

Literaturhinweise:

Hammerschmidt, P. /Sagebiel, J./Yollu-Toc, A. (2017): Einführung: Die Soziale Arbeit im Spannungsfeld der Ökonomie. In: Hammerschmidt, P. /Sagebiel, J./Yollu-Toc, A. (Hrsg.) (2017): Die Soziale Arbeit im Spannungsfeld der Ökonomie. Ulm: AG SPAK. S. 9 ff.
 Scherr, A. (2012): Reflexive Kritik. Über Gewissheiten und Schwierigkeiten kritischer Theorie, auch in der Sozialen Arbeit. In: Anhorn, R./Bettinger, F./Horlacher, C./Rathgeb, K. (Hrsg.): Kritik der Sozialen Arbeit – kritische Soziale Arbeit. Wiesbaden: Springer VS Verlag. S. 107ff.
Seithe, M. (2025: Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute – schwarz auf weiß“ Spinger Verlag

https://www.dji.de/veroeffentlichungen/aktuelles/news/article/1591-gewaltkriminalitaet-mehr-junge-tatverdaechtige.html

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Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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