Ein großer Verlust für die humanistische Soziale Arbeit

Vor Tagen erfuhr ich, dass unsere liebe Kollegin und unermüdliche Kämpferin für eine humanistisch ausgerichtete Soziale Arbeit, Frau Prof. Dr. Staub-Bernasconi verstorben ist.
Sie fühlte sich der Wissenschaft wie der Praxis in gleicherweise verpflichtet und verstand ihre Arbeit als Handlungsorientierung. Ihr Ansatz ist eine große Bereicherung der theoretischen Landschaft unserer Profession.
Ihr Tod erfüllt mich auch deshalb mit Trauer, weil wir mit ihr eine Kollegin verloren haben, die sich wehrhaft und konsequent für die politische Mitverantwortung und Mitsprache unserer Profession in gesellschafts- und sozialpolitischen Fragen eingesetzt hat.
Mit ihrer Konzeption der ‚Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit‘ schuf sie ein bewusst parteiliches Gegenmodell zu den theoretischen Ansätzen, die sich hinter der Neutralität der Wissenschaft verstecken und meinen, eine unmissverständliche Parteinahme für Menschlichkeit sei der Wissenschaft Soziale Arbeit nicht erlaubt.
Ihr Ansatz beruht auf einer klaren Position, die die Aufgabe der Sozialen Arbeit darin sieht, den Menschen zu dienen und nicht irgendwelchen abstrakten oder gar gegen die Menschen gerichteten, neoliberalen Zielen. Frau Staub-Bernasconi steht für eine Soziale Arbeit, die sich dafür entschieden hat, dass sie an der Seite der Betroffen stehen will und sich nicht von anderen Interessen instrumentalisieren lassen will.
Auf dieser Basis hat Frau Staub-Bernasconi ihre wissenschaftlichen Überlegungen entwickelt und hergeleitet.
Wir sind ihr zu großem Dank verpflichtet.
Anmerkung:
Es gibt die Kritik an ihrem Ansatz, dass sie durch ihre Forderung nach Parteinahme und politischem Engagement der Sozialen Arbeit „nur“ die Funktion einer moralischen Instanz zuweist und sie nicht als „funktionales Teilsystem der Gesellschaft“ betrachtet. Dazu möchte ich Folgendes anmerken:
Gegenstand der Handlungswissenschaft Soziale Arbeit ist das gesellschaftliche und personalisierte soziale Handeln gegenüber denjenigen Menschen, die Unterstützung bei der Bewältigung ihres Lebens benötigen. Ein wesentlicher und bei der wissenschaftlichen Betrachtung nicht zu vernachlässigender Aspekt dieses Handelns ist die jeweilige Motivation, die dieses Handeln auslöst. Und je nachdem, wie dieses Handeln gesehen wird, vor allem, welche Ziele mit der Unterstützung verfolgt werden, wird die Handlungswissenschaft unterschiedliche theoretische und vor allem ethische Grundprinzipien zur Erklärung ihrer Zusammenhänge heranziehen müssen.
Deshalb gibt es nicht die „eine Soziale Arbeit“. Es wäre m. E. falsch, z. B. der neoliberalen Sozialen Arbeit diese Bezeichnung abzusprechen. Es gibt nicht die wissenschaftlich richtige oder falsche Sozialarbeits-Konzeption. Es kommt vielmehr darauf an, in welchem Interessen-Kontext die gesellschaftliche Aufgabe Soziale Arbeit gesehen und verortet wird. Daraus ergeben sich unterschiedliche theoretische und erst recht unterschiedliche praktische Konsequenzen und somit unterschiedliche Vorstellungen von Sozialer Arbeit.
Aber diese Konzepte sind nicht als beliebig zu sehen:
Für welche der Konzeptionen ich mich entscheide, hängt von meiner gesellschaftspolitischen Einstellung und von meinem Menschen- und Gesellschaftsbild ab. Während sich zum Beispiel für eine BiologIn politische Fragen vielleicht erst stellen, wenn es um die Anwendung ihrer Ergebnisse geht, stellen sie sich für die Handlungswissenschaft Soziale Arbeit von Anfang an.
Irgendwie hatten wir es doch von deinen Aktivitäten dort. Vielleicht hab ich das auch falsch verstanden?