Aktueller Bericht über meine jüngste Vortragsreise

Basel und Bad Herrenalb

Die Einladungen nach Basel und in den Nordschwarzwald nach Bad Herrenalb lagen schon lange vor, die Vorträge waren fertig – als die Reise wegen der unsäglichen Hitze Ende Juni lange auf der Kippe stand. Aber genau zum Tag meiner Anreise hatte es sich etwas abgekühlt und ich machte mich auf denWeg.

Zunächst nach Basel zum Forum für kritische Soziale Arbeit, Schweiz (KRISO).
7 Stunden ICE, der schließlich mit einer StundeVerspätung ankam …
Ich hatte die KollegInnen von der KRISO gut auf meinen Unterstützungsbedarf vorbereitet: Ich wurde am Bahnhof abgeholt und ins Hotel gebracht. Am nächsten Tag war ich mit T. unterwegs in der beeindruckenden Stadt, die ich bis dahin noch nicht kannte.

Abends holte er mich vom Hotel zum Vortrag ab.

Die Gruppe hatte in einem uralten Gebäude (ich glaube ehemals Uni) einen kleinen Hörsaal zur Verfügung gestellt bekommen, direkt am Rhein und mit einem Ambiente, das mir schon zu meiner Studienzeit antik vorgekommen wäre: lange Reihen von Holzbänken mit herunterklappbaren Tischchen… Ich baute mir aus alten dicken, verstaubten Buch-Bänden, die vergessen auf der Fensterbank herumlagen, meine Unterlage auf dem alten Stehpult zurecht ….


Es kamen gut 40 SozialarbeiterInnen aus verschiedenen Ecken der Schweiz.
Es waren lauter Menschen, die ganz genau wussten, was es derzeit geschlagen hat, und das, obwohl die neoliberalen Entwicklungen in der Sozialen Arbeit in der Schweiz noch eher moderat auszufallen scheinen. Alle waren gut drauf, lauter gestandene Leute und es herrschte eine wohltuende, solidarische Atmosphäre. Einige kannten mich noch von meinem Vortrag in Bern vor etlichen Jahren. Mir kam der Abend vor wie ein Heimspiel vor einer kleinen Fan-Gemeinde. Ich fühlte mich wie zu Hause und habe an diesem Abend selbst viel Kraft geschöpft aus der Erfahrung, dass es doch immer wieder kluge, erfahrene, hochkritische aber unverzagte KämpferInnen in unserer Profession gibt.
Die Inhalte meines Vortrags waren sicher für die meisten von ihnen nicht neu. Aber viele bedankten sich und sagten, mein Vortrag hätte sie ermutigt und gestärkt. Andere freuten sich, weil sie jetzt mehr Klarheit hätten und gute Argumente für die Auseinandersetzungen mit ihrem neoliberalen Arbeitsumfeld.
Der Abend klang aus bei interessantem Erfahrungsaustausch und Geplauder in der hereinbrechenden, warmen Sommernacht von dem Eingang des Gebäudes.
Ich wurde wieder zum Hotel gebracht und am nächsten Morgen holte mich eine andere Sozialarbeiterin ab und brachte mich zum Zug.
Ich möchte den Leuten der KRISO noch einmal herzlich für ihre fürsorglich Unterstützung und ihr großes Interesse danken.
Die weite Reise hat sich gelohnt, für mich und ich denke, auch für sie.

Die 2. Etapppe führte mich nach Bad Herrenalb

Hier hielt ich meinen Vortrag auf der Jahrestagung des Baden-würtettembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation bwlv (umfasst 900 MitarbeiterInnen und 54 Einrichtungen bzw. Kliniken), die unter dem Motto stand: „Zwischen Ökonomisierung und Professionalisiserung: Wenn Rahmenbedingungen die Arbeit erschweren – und welche Lösungen wir entwickeln können“.

186 Leute saßen schließlich vor mir im großen Saal der ev. Akademie in Bad Herrenalb.
Man hatte sich gewünscht, dass ich mit meinem Vortrag etwas Licht in die politischen Hintergründe der aktuellen und beunruhigenden Entwicklungen und Sparpläne im sozialen Bereich bringen würde. Die Stimmung allgemen im Landesverband und bei den MitarbeiterInnen stehe auf Sturm. Man sehe die Notwendigkeit, sich um Politik zu kümmern.

Die Ausgangssituation hier war ganz anders als in Basel, aber das Interesse war auch hier sehr groß. Viele sprachen mich hinterher an, dankten mir und meinten, dass sie nun besser wüssten was, eigentlich los sei, dass sie jetzt klarer sehen könnten, woher die Problemen kämen. Etliche versicherten mir, der Vortrag hätte ihnen gut getan.


Das ist viel und es hat mich sehr gefreut. Es kann der Anfang sein von sehr viel mehr. Aus der Erkenntnis, was tatsächlich zurzeit passiert, kann die Erkenntnis erwachsen, dass es gilt, sich endlich zur Wehr zu setzen.
Auch in Bad Herrenalb hat man sich liebevoll um mich gekümmert und viel Rücksicht genommen auf meine altersmäßig begrenzten Kräfte.
Ich wünsche dem Landesverband und allen MitarbeiterInnen, dass sie einen kritischen Blick beibehalten und aufpassen, dass sie nicht der Gefahr unterliegen, sich anzupassen und blind zu werden für das, was derzeit mit der Sozialen Arbeit und der sozialen Therapie und mit den Menschen, um die es uns geht, geschieht.

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Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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5 Kommentare zu Aktueller Bericht über meine jüngste Vortragsreise

  1. Robert sagt:

    Liebe Mechthild

    Auch ich möchte mich noch einmal für deinen unermüdlichen Drang bedanken, die Dinge zu benennen und zu kritisieren. Vielen Dank, dass du die weite Reise nach Basel auf dich genommen hast. Es ist nicht selbstverständlich. Dein Vortrag und der anschliessende Austausch nach der Basel-Veranstaltung haben mir (und ich nehme an, vielen Zuhörer:innen) gut getan. Schön, dass im Schwarzwald noch mehr professionelle erreicht werden konnten.

    Als ich während meiner Ausbildung vor 15 Jahren mit Qualitätsmanagement-Tools aus der Wirtschaft, angewandt auf Gegenstände der Sozialen Arbeit, konfrontiert wurde, protestierte ich damals schon lautstark. Als ob wir nicht eigene Massstäbe, Methoden und Werkzeuge zu entwickeln imstande wären, die nicht in diese Einheitskerbe schlagen. Heute scheint sich das neoliberale Wissenskonstrukt gesamtgesellschaftlich nebst ein paar linken Ecken nur in eine Richtung zu bewegen. Die Wissens-Macht Analyse Foucaults hilft das ganze besser zu verstehen. Du hattest dies mit deinem Vergleich des Kindesschutzes am Vortrag angedeutet, wenn ich das richtig verstanden habe.

    Was mir schon vorher und seit deinem Besuch noch mehr im Kopf herum geht:
    Die gesellschaftlichen Widersprüche und die somit Ausschluss produzierenden Rahmenbedingungen der Konkurrenzwirtschaft sind allgegenwärtig. Sie nehmen zu. Neoliberalismus ist die notwendige Konsequenz innerhalb der bestehenden Wirtschaftslogik. Es ist also der grosse Strom gegen den es zu schwimmen gilt. Die Soziale Arbeit wächst quantitativ, weil die kapitalistische Ökonomie mehr Fälle für uns produziert. Eine Entwicklung mit deren Widersprüchen die Soziale Arbeit Tag Täglich konfrontiert ist.
    Wir bearbeiten Problemsituationen auf individueller Ebene, die gesellschaftlich gelöst werden müssen und grösstenteils auch nur dort gelöst werden können.
    Nun stellt sich die Frage: Wie sieht eine post-kapitalistische Soziale Arbeit aus? Mit welchen Themen muss sie sich denn überhaupt noch beschäftigen? Es wird wohl einige geben. Trotzdem eine utopische Fragestellung. Doch Utopien schaffen während ihrer gedanklichen Erschaffung auch ein bisschen Realität. Ein kleines Trostpflaster. Naja.

    Praktisch stellt sich vielmehr die Frage: Wie kommen wir da heraus und was ist da die Rolle der Sozialen Arbeit?
    Vor einem Jahr hat Daniel Loick am Abolish-Politmonat in Bern einen Vortrag über Gegengemeinschaften gehalten. Er lancierte, dass das Betroffenenwissen von struktureller Marginalisierung und gesellschaftlicher Abwertung, Ausgrenzung und Ausbeutung ein Wissen ist, das den Menschen vorenthalten bleibt, die von diesen Situationen betroffen sind. Potenziell die Menschen, die wir in der Sozialen Arbeit wieder (oder überhaupt) arbeitsfähig machen sollen. Loick dreht es um und macht ein radikales Reframing: Dieses Wissen (welches auch Sozialarbeitende zumindest teilweise haben, weil sie mit Betroffenen arbeiten) kann als Wissensvorteil gesellschaftlich geltend gemacht werden. Durch Gemeinschaft, Zusammenhalt, Organisierung, Zugehörigkeit und Wissensteilung. Vielleicht kann die Soziale Arbeit als Organisator:in von Gemeinschaften, Bewegungen und Wissenspool eine Aufgabe übernehmen, die sie nicht mehr zum Helfenden des Systems, sondern zur empowernden (ja, ich benutze auch neoliberale Begriffe), auf gesellschaftliche Veränderung abzielenden Grösse macht. Vielleicht doch eine kleine Utopie, aber ggf. eine Richtung, in die weitergedacht und vor allem gehandelt werden kann. Ja, Organisieren, Vernetzen und Gegenwissen aufbauen scheint hier ein Teil zu sein. Zu diesem du analytisch und unermüdlich einen grossen Teil beiträgst.
    Ich würde mich sehr freuen, das Gespräch von nach der Veranstaltung in Basel in Wedding irgendwann weiter zu führen.

    Liebe Grüsse
    Robert

  2. Melina sagt:

    Liebe Mechthild,

    vielen Dank für deinen bestärkenden Worte, es war wirklich ein wenig wie ein déjà-vu oder déjà-écouté seit deinem letzten Besuch bei der kriso, nur noch ein wenig näher und unangenehmer scheinen die neoliberalen Ideologien uns derzeit auf die Pelle zu rücken.
    Ein Punkt hat mich sehr beschäftigt und da ich gleich nach dem Vortrag abreisen musste, schreibe ich meine Anmerkung und Frage nun hier nieder. Und zwar der Aspekt der Beziehungsarbeit.
    Als ich mal vor vielen Jahren auf einem Sozialdienst arbeitete, wurde ich angehalten, hier und da Sanktionen zu vollziehen und sogar einmal eine Sozialinspektion in die Wege zu leiten. Ich habe mich verweigert mit dem Argument, dass dies die Beziehung zu meinen Klient*innen belasten, ja zerstören würde und dies meine Arbeitsgrundlage sei. Als ich gekündigt habe, erhielt ich ein Buch über Professionalität in der Sozialen Arbeit geschenkt. Grossartig oder?
    Beim Betrieb wo ich heute arbeite (fast hätte ich «bei meinem» Betrieb geschrieben) befassen wir uns seit ein paar Monaten mit dem Stellenwert Beziehungsarbeit in der Sozialen Arbeit. Wir haben immer wieder festgestellt, dass die Beziehungsarbeit im Fachdiskurs als wichtiger Teil genannt wird, aber nicht wirklich Raum und Anerkennung erhält. Studierende lernen immer wie mehr, juristisch, ökonomisch oder medizinisch zu argumentieren, aber die soziale Komponente bleibt aussen vor. In einem Modul, welches wir an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in der Schweiz anbieten, haben wir einen Teil der Beziehungsarbeit gewidmet. Wir haben darüber diskutiert, weshalb es gerade zu Beginn einer neuen Beziehung Zeit und keine Zielvereinbarungen braucht, warum es auch professionell ist, mit jemandem Kaffee zu trinken und zu plaudern. Mit unserem Erfahrungswissen können wir das alles sehr gut begründen. Jedoch fehlt uns irgendwo die theoretische und methodische Grundlage- und zwar nicht aus Soziologie oder Psychologie, sondern aus der Sozialen Arbeit. Hast du uns da ein paar Literaturangaben, Links oder andere Verweise mit dem Fokus auf Beziehungsarbeit? Das wäre toll.

    Alles Gute und eine frische Brise in den Norden aus Bern,
    Melina

    • m.s. sagt:

      Liebe Melina,
      ganz spontan und auf die Schnelle: Wer mein neues Buch liest, wird dort gerade zu diesem Thema viel finden: es geht los mit Kapitel 4.8, Kapitel 8, Kapitel 14 und 15.3.

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