Geht denn da überhaupt noch was?

Gesellschaftlich bedingte Behinderungen einer humanistisch ausgerichteten Sozialen Arbeit

Hellersdorf – alte Bekannte..
Vor ein paar Tagen war ich als Referentin nach Hellersdorf eingeladen, einem Berliner Neubaubezirk mit hoher Quote an Sozialproblemen. In meinem Buch (Soziale Arbeit und Neoliberalisus heute – schwarz auf weiß, 2025) habe ich ein Zeitungs-Interview mit dem Leiter eines Kinder- und Jugendzentrums in diesem Stadtgebiet zitiert, das erschreckende Zustände offenbarte – wobei das Erschreckendste dabei war, dass trotz alarmierender Problemlagen vieler Kinder und trotz ständiger Alarmsignale Richtung Politk das Jugendzentrum so schlecht besetzt und ausgestattet war, dass die MitarbeiterInnen ihre Möglichkeiten nicht viel höher einschätzten als den berühmten „Tropfen auf den heißen Stein“.

Der Auftrag an mich
Die Koordinierungsstelle für Alleinerziehende in Marzahn-Hellersdorf hatte zu ihrem jährlichen Vernetzungstreffen eingeladen. Die Verantwortlichen signalisierten mir, dass es vielen der bei ihnen vernetzten Kolleginnen darum ginge, Erklärungen zu finden für die Belastungen, Grenzen und Einschränkungen, die sie in ihrer täglichen Arbeit mit den Alleinerziehenden erfahren.

Mein Vortrag hatte den Titel „Was können wir als Sozialarbeitende unter den gegebenen neoliberalen Bedingungen noch für unsere Klient*innen tun?“

Ein wenig hatte ich vorher die Befürchtung, dass meine Aussagen auf Verwunderng oder gar Ablehnung stoßen könnten, denn so oft in der Sozialen Arbeit werden die persönlich erlebten Probemlagen der KlientInnen nur als deren ganz eigene Schwierigkeiten aufgefasst, denen man mit entsprechenden individuell auf sie zugeschnittenen Hilfestellungen begegnen könne.

Dass das hier nicht so war wurde mir schnell klar.
Vor mir saßen lauter gestandene Sozialarbeitende, die tagtäglich mit gesellschaftlichen Bedingungen zu kämpfen haben, die einerseits das Leben ihrer KlientInnen massiv erschweren und andererseits ihre eigene, am Wohl der von ihnen betreuten Einelternfamilien orientierten Arbeit, behindern, auf den Kopf stellen und verunmöglichen und die nicht bereit sind, sic damit so einfach abzufinden.

Der Workshop
Im anschließenden Workshop „Woran liegt es, dass die Probleme unserer KlientInnen so oft nicht gelöst werden können?“ prasselten die entsprechenden Beispiele, die die TeilnehmerInnen aus ihrer Praxis mitbrachten, nur so auf mich nieder und es entstand eine spannende und ergebnisreiche Diskusson.
Damit auch andere an unserem Erkenntnisprozess teilhaben können, veröffentliche ich hier das Protokoll, das im Anschluss dieses Workshops für das Plenum erstellt wurde:

Workshop 2
Hellersdorf 10.6.26
Woran liegt es, dass die Probleme unserer KlientInnen so oft nicht gelöst werden können?
Zusammenfassung der Ergebnisse

Die Gruppe konnte aus ihrer Erfahrung heraus eine Vielzahl von Momenten und Fakten nennen, die aus ihrer Sicht immer wieder dazu führen, dass die Probleme ihrer KlientInnen im Rahmen der Arbeit nicht wirklich gelöst werden können.

Im Wesentlichen wurden gesellschaftlich bedingte Hintergründe benannt.

Wir haben die Faktoren in verschiedene Kategorien eingeteilt.

  1. Bürokratie und Verwaltung überfordern die Klient*innen massiv

Hier wurden folgende Aspekte angeführt:

  • die Zuständigkeiten sind oft nicht klar; die Klient*innen werden hin und her geschickt
  • undurchsichtige Antragsstellungs-Texte
  • Bescheide in für die Klientel oft nicht verständlicher Sprache 
  • Überforderung durch die Sprache der Verwaltung
  • Selbstverständlich Erwartung digitaler Kenntnisse
  • Das alles, obwohl bekannt sein muss, dass die KlientInnen mit solchen Kommunikationsformen große Schwierigkeiten haben
  • Verwaltung und Politik hat offenbar keine Ahnung von der Realität der Menschen, um die es hier geht
  • Auf jeden Fall machen sie sich keinerlei Gedanken um diese Menschen
  • Es ist kein Bemühen von Politik und Verwaltung zu erkennen, den Menschen das Verstehen ihrer Verwaltungsanliegen zu erleichtern.

Heutige Strukturen der sozialen Dienste und insbesondere der Jugendhilfe entsprechen nicht den Bedarfen der Klientel und den fachlichen Erfordernissen für eine erfolgreiche Soziale Arbeit

Hier wurden folgende Aspekte benannt:

  • Viele Einrichtungen verstecken sich hinter ihrer Spezialisiserung
  • Statt Arbeit „aus einer Hand“ zu gewährleisten (im Sinne der Allzuständigkeit Sozialer Arbeit) werden die KlientInnen hin und her geschickt, weil jede Einrichtung nur eine begrenzte Zuständigkeit hat.

  • Die zunehmende und inzwischen umfassende Verwaltungsarbeit der sozialen Fachkräfte blockiert die Arbeit mit der Klientel und nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, die für die Arbeit mit der Klientel fehlt.
  • Fast immer fehlt die notwendige Zeit, um Entwicklungen der Klient*innen zu fördern und zu begleiten und Lernprozesse anzustoßen. Es bleibt in der Regel beim reinen Fallmanagement.
  • Hilfen sind unzureichend ausgestattet was die erforderlichen Zeitkontingente und die Aussicht auf die notwendige Kontinuität betrifft.
  • Die Projektfinanzierung führt immer wieder zum Abbruch auch sehr erfolgreicher Hilfeansätze, sodass zu einem die Klientel im Stich gelassen wird und begonnene Prozesse einfach abgebrochen werden. Zum anderen geht viel an wertvoller Erfahrung einfach wieder verloren.
  • Insgesamt führt die neoliberale Art der Finanzierung regelmäßig dazu, dass Sozialarbeitende fast nie davon ausgehen können, dass ihre Arbeit auf Dauer bzw. für einen längeren, definierten Zeitraum sicher finanziert wird. Kontinuität ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für eine wirkungsvolle und erfolgreiche Soziale Arbeit. Genau die wird hier verunmöglicht und zerstört.
  • Jugendhilfe beschränkt sich fast nur noch auf den Kinderschutz. „Präventive Arbeit“, also Hilfen für Eltern und Kinder bzw. Jugendlichen, bei denen Probleme vorliegen aber noch keine Kindeswohlgefährdung erkennbar ist, können so gut wie nicht mehr geleistet werden.
  • Fälle, deren Problematik unterhalb der Kinderschutzschwelle liegt, werden abgewiesen.
  • Hilfeformen wie der „Familienrat“ werden als verpflichtend den eigentlichen Hilfen zur Erziehung vorangestellt, auch da, wie die Meinung der Fachleute klar zum Ausdruck bringt, dass diese Form der Problembewältigung im konkreten Fall nicht funktionieren kann, weil die Betroffenen die notwendigen Kompetenzen (noch) nicht mitbringen.
  • Dies geschieht nicht nur aus Kostengründen, sondern einfach auch aus „Prinzip“. Das bedeutet, die individuelle Fallbearbeitung muss einer standardisierten Vorstellung von dem weichen, was man für „angesagt“ hält.
  • Folge ist nicht nur eine hoffnungslose Überforderung und die Gefahr, dass wertvolle Zeit verloren geht und sich die Problematik verstärkt. Oft verlieren Familien auch auf diesem Wege die eigentlich schon entwickelte Motivation zur Zusammenarbeit.
  • Maßnahmen, die bisher Hilfecharakter hatten, werden inzwischen immer mehr zu Zwangsmaßnahmen (z.B. SpFH; Laut einer Untersuchung von Seithe (2024), werden heute die SpFH-Maßnahmen nach Einschätzung der befragten SozialarbeiterInnen von den Familien zu ca. 80% als Zwangsmaßnahmen erlebt).
  • Scheinbare Persönlichkeitsmerkmale der Betroffenen, die die Lösungsfindung erschweren, werden ihnen vom System der neoliberalen Sozialen Arbeit aber auch von Verwaltung und Bürokratie als persönliche „Schuld“ und persönliches Versagen angelastet.

Hier wurden folgende Aspekte benannt:

Überforderung:
Die Gruppe war sich einig, dass die massive Überforderung ihrer Klientel Folge dessen ist, was insbesondere im Kontakt mit Verwaltung und Bürokratie den Frauen zugemutet wird (s. Aspekt 1).
Aber auch die gegenwärtige Struktur der sozialen Dienste überfordert die Klient*innen oft, weil sie nicht den Möglichkeiten und Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung trägt (s. Aspekt 2).

„Die Frauen sind nicht überfordert, sie werden überfordert.“

Mangende Motivation, keine Mitarbeitsbereitschaft
Auch diese Faktoren sind nicht persönliche Merkmale der Frauen, sondern aus den Erfahrungen abzuleiten, die sie bisher mit Behörden, vielleicht auch mit der Sozialen Arbeit und überhaupt mit den Institutionen und Personen gemacht haben, die ihnen als Autoritäten und als überlegen und fordernd gegenüber getreten sind.  

In der Sozialen Arbeit ist es normal und verständlich, wenn Klient*innen zunächst zurückhaltend, vorsichtig, auch misstrauisch oder gar ablehnend reagieren oder keine Einsicht in ihre Problemlage haben oder zu haben scheinen – es sei denn, die Initiative geht von ihnen selbst aus. Es ist eine der wichtigsten professionellen Aufgaben Sozialer Arbeit, durch förderliches und akzeptierendes Verhalten und auf der Basis von Vertrauen ihnen gegenüber genau diese Menschen zu motivieren und zu sensibilisieren.

(Wohlgemerkt: Das ist etwas ganz anders als das neoliberale „Aktivieren“, das bereits volle Motivation und Einsatzbereitschaft voraussetzt und fordert).

4. Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen die alle Menschen, aber die Klient*innen ganz besonders betreffen, machen es den Klient*innen schwer, mit ihrem Leben zurecht zu kommen und Hilfe anzunehmen.

  • Die neoliberal bedingte und forcierte Individualisierung der Menschen führt zur Vereinzelung, zur Entsolidarisierung und dazu, dass immer weniger Kontakte, familiäre und nachbarschaftliche Verbindungen gepflegt werden bzw. überhaupt möglich sind.
  • Junge Menschen und insbesondere alte Menschen leiden unter starker Vereinsamung, was es ihnen erst recht schwierig macht, mit ihren konkreten Problemen zurechtzukommen und zu erkennen, dass sie mit diesen Schwierigkeiten nicht allein sind.
  • Die Erwartung im Neoliberalismus, dass jeder Mensch in der Lage zu sein hat, allein mit seinen Problemen klarzukommen, überfordert viele Menschen und führt dazu, dass sie sich zurückziehen, um sich keine Blöße zu geben und dass sie versuchen, ohne fremde Hilfe klarzukommen.
  • Die unbedingte Leistungsbetonung und die Erwartung im Neoliberalismus, möglichst immer besser zu werden, andere zu übertrumpfen und nie mit dem Erreichten zufrieden zu sein, fördert das Denken in Konkurrenz zusammenhängen, stellt das Leben unter ständigen Leistungsdruck und führt zu Minderwertigkeitsgefühlen bei denen, die merken, dass sie diesem Druck nicht gewachsen sind und den Anforderungen nicht entsprechen können.

Und auch das ist eine Folge der gesellschaftlichen Verhältnisse:

  • Die Arbeit der SozialarbeiterInnen, die tagtäglich gegen all die hier genannten Faktoren und Hemmnisse ankämpfen müssen –  powert die MitarbeiterInnen heute so aus, dass sie kaum in der Lage sind, nach Feierabend noch irgendwelche – geschweige denn kritische – Gedanken auf ihre Arbeit und ihre Arbeitssituation zu verwenden.

Bei all diesen festgestellten gesellschaftlich verursachten Blockaden und Behinderungen haben wir uns gefragt, ob dahinter bei denen, die diese Faktoren zu verantworten haben, Gedankenlosigkeit, Unwissen, Naivität oder etwa sogar eine Absicht steht.

Was können wir dennoch tun?

All diese Blockaden und Hemmnisse sind sehr erschwerend, aber sie sind nicht so unabwendbar, dass man als Sozialarbeitende nicht doch das eine oder andere Hemmnis überwinden oder auch schalten könnte. Voraussetzung dafür ist, dass man zum einen den Hintergrund der Hemmnisse kennt und durchschaut und sie nicht für „natürlich“ und unabänderlich hält. Und dass man zum anderen sein professionelles Handeln entsprechend dem humanistisch orientierenten Konzept Sozialer Arbeit ausrichten kann. Dabei wird es sicher nicht ohne Konflikte abgehen.

  • Durch den nicht-neoliberalen Umgang mit der Klientel kann man ihnen helfen ihre Überforderungs- und Einsamkeitsgefühle zu überwinden und man kann auf diese Weise sehr wohl auch bei zunächst nicht-motivierten Klient*innen die Bereitschaft zur Zusammenarbeit entwickeln.
  • Gegen Bürokratie und Verwaltungsignoranz gegenüber den Klient*innen kann man aktiv protestieren und intervenieren.
  • Die neoliberalen Tendenzen der eigenen Sozialen Arbeit kann man unterlaufen, den entsprechenden Forderungen widersprechen und sich ggf. und auch offen verweigern.
  • Den neoliberalen Tendenzen und Strukturen, denen wir alle in unserem Leben ausgesetzt sind, kann man besser entgehen, wenn man sich dieser Tendenzen und ihrer Bedeutung bewusstwird, und versucht, sich gezielt anders zu verhalten.
  • In der Arbeit mit der Klientel geht es genauso darum, zusammen mit ihnen andere, nicht neoliberale Lebensperspektiven zu erarbeiten, die dem Druck und der neoliberalen Steuerung ihres Leben Alternativen entgegensetzen und indem man ihnen die Erfahrung von Solidarität – vor allem auch mit von gleicher Lebenslage Betroffenen – vermittelt.

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Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
Dieser Beitrag wurde unter Anmerkungen zu meinem neuen Buch, Lage der Sozialen Arbeit, Soziale Arbeit und Ökonomisierung, Soziale Lage unserer Klientel, Sparpolitik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

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