Der aktivierende Staat deaktiviert

Gedanken zum Bildungsstreik

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Das ist eine These, die sich eine der Arbeitsgruppen überlegt hat, die derzeit im Seminar: „Wie man in sozialpädagogische Schläuche neoliberalen Essig füllt“ an dem Thema „Aktivierender Staat und Jugendarbeit“  sitzt.

Mit Genehmigung der Väter und Mütter dieses Gedankens darf ich hier zu dieser These ein wenig weiterspinnen…
Wie könnte das gemeint sein?
Aktiviert werden sollen Menschen und damit auch die Jugendlichen, sich mit aller Kraft anzustrengen, irgendwie auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.Für die Jugendlichen, mit denen Soziale Arbeit zu tun hat, ist diese Aufforderung mitunter schon deshalb problematisch, weil die Berufs- und Ausbildungschancen für sie mehr als schlecht sind. Dennoch gilt: Sie müssen sich anstrengen, es ist ihr Ding. Wenn sie es nicht schaffen, sind sie selber Schuld.
Und für die Jugend an den Hochschulen? Wir haben es vor ein paar Tagen auf der Versammlung anlässlich des „StuRa Todes“ gehört: Keiner hat Zeit für so was. Alle sind bis zum Hals belastet mit dem Bachelor-Studium. Und alle müssen sich schrecklich beeilen, um auf die paar Züge aufspringen zu können, die sie nach vorne, nach oben bringen sollen. Sie haben nicht einmal die Zeit, zu schauen, wohin diese Züge eigentlich fahren.

Der aktivierende Staat richtet seine lernende Jugend ab zu Menschen, die nichts anderes mehr im Kopf haben als ihre mehr oder weniger große oder kleine Chance, doch noch den Wurstzipfel zu erreichen. Der Unterschied ist, das unsere Klienten wohl kaum mehr bekommen werden, als eben diesen Zipfel. Unsere Studierenden bekommen vielleicht (und ich wünsche es ihnen) mehr von der Wurst. Aber die Kosten dieses Runs sind auch für sie beträchtlich.

  • Deaktiviert sind sie alle: fast keiner engagiert sich mehr für etwas, was jenseits seiner Nasenspitze und jenseits dieses Wurstzipfels liegt. Warum auch, ist doch jeder für sich und sein Wohl selber verantwortlich und damit auch immer Konkurrent gegenüber allen anderen.
  • Deaktiviert heißt vor allem auch: Der aktivierende Staat entpolitisiert die Menschen: für Politik haben sie keine Zeit mehr, aber auch nicht mehr das Wissen und die Klarheit darüber, dass viele der Probleme, mit denen Menschen sich täglich herumschlagen müssen, von Menschen gemacht sind, Folge politischer Entscheidungen sind und damit auch veränderbar.
  • Deaktiviert heißt auch:  Es bleibt neben dem Run nach der Wurst so vieles am Wege liegen, für das man auch Kraft brauchen würde, für das es sich lohnt, stehen zu bleiben, nachzudenken, hinzuschauen. Die Menschen verarmen, auch unsere Studierenden. Mit Persönlichkeitsentwicklung und humanistischer Bildung hat unser Bachelor-Studiersystem nicht mehr viel zu tun.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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