In welcher Sprache sollte man gegenüber Geldgebern argumentieren?

Eine der Fragen aus dem Kreis der MitarbeiterInnen, die mir der Landesverband bwlv im Vorfeld der Jahrestagung zugetragen hatte war:
„Wie können wir in Gremien oder gegenüber unseren Geldgebern argumentieren, wenn wir Foderungen durchsetzen und unsere Anliegen zur Sprache bringen wollen?“

In seiner Begrüßungsrede klagte der Geschäftsführer des bwlv über die drohende Unterfinanzierung der Arbeitsbereiche des Landesverbandes und erklärt ser kämpferisch die Notwendigkeit die Absicht, sich gegen die Sparmaßnahmen zu wehren. Er beschwor die Tatsache, dass die Arbeit seiner Einrichtungen zwar Geld koste, dass man dem Geldgeber aber klarmachen müsse, dass der Staat für jeden ausgegebenen Euro vielleicht 15 Euro oder sogar mehr zurückbekäme, weil die Arbeit der Einrichtungen dafür Sorge trage, dass Menschen in Zukunft weniger Kosten erzeugen und über ihre wiedererlangte Arbeitsfähigkeit Steuern einbringen werden.

Gegen eine solche Argumentation ist im Prinzip nicht viel einzuwenden, denn sie ist in vielen Fällen durchaus richtig. Problematisch aber ist es, sich ausschließlich auf ökonomsiche Argumente zu stützen, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Berechtigung und Notwendigkeit Sozialer Arbeit und gesundheitlicher Präventionsmaßnahmen fachlich, ethisch und sozialpolitisch zu begründen.
Dies war eine der zentralen Botschaften meines Vortrags und für alle Anwesenden, die sich vielleicht von mir erhofft hatten, dass ich ihnen neue, besonders geschickte ökonomisch begründete Argumentationshilfen bereitstellen würde, war sie sicher eine besonders harte Nuss. Denn man hat sich inzwischen längst daran gewöhnt zu versuchen, nur noch mit ökonomischen Argumenten die ausschließlich ökonomisch denkenden PolitikerInnen und Verwaltungsleute von der Notwendigkeit fachlicher Forderungen und ethischer Erfordernisse für unsere KlientInnen zu überzeugen. Doch nur dann, wenn unsere Professionen selbstbewusst auftreten und ihre Forderungen aus ihrer eigenen Expertise heraus begründen und herleiten, stellen sie dort, wo es um Menschen und nicht um die Produktion von Industriewaren geht, die Berechtigung einer alleinigen Dominanz ökonomischer Aspekte dort infrage. Und nur auf diese Weise haben wir eine Chance, den Geldgebern und auch der Öffentlichkeit klar zu machen, dass die neoliberale Denkweise nicht dem entspricht, was unsere Gesellschft eigentlich sein will und unangefochten zu sein vorgibt: eine gerechte, menschenenwürdige gesellschaftliche Gemeinschaft, in der es niemanden gibt, der ausgegrenzt werden darf, weil er weniger leistet oder weniger wert ist.
Dies zu verschweigen oder zu übergehen bedeutet, die Dominanz des ökonomischen Denkens, im Sinne eines alles umfassenden ökonomistischen Denkens, hinzunehmen, zu akzeptieren, ja schließlich auch, sie selbst zu bestätigen.

am Rande:
Jemand erzählte, dass auch die Psychotherapeuten inzwischen von Kürzungen massiv bedroht sind und sie versucht haben, die Notwendigkiet der von ihnen geforderten Gelder tatsächlich mit fachlichen Argumenten zu unterstützen. Sie haben tatsächlich versucht, deutlich zu machen, was diese Kürzungen für ihre KlientInnen bedeuten würde.
Aber sie waren völlig schockiert, als sie merkten, dass auf der politischen Seite dafür keinerlei Vertändnis zu finden war. „Sie waren völlig entsetzt, als sie merkten, dass die Geldgeberseite keinerlei Ahnung von dem hatten, worum es bei ihrer therapeutischen Arbeit geht.“

Ich denke, das Problem ist nicht, dass die andere Seite nicht versteht, worum es den Therapeuten geht. Sie wollen es gar nicht so genau wissen. Und es geht eben auch gar nicht darum, es ihnen verständlich zu machen.
Es geht darum, ihnen klar zu machen, dass es andere, fachliche und von ihnen nicht wirklich zu beurteilende Argumente und Kriterien gibt, die ihre rein ökonomischen Effizienzüberlegungen relativieren. Es geht darum, die fachliche Expertise selbstbewusst vorzutragen und das Misstrauen der Geldgeber allem gegenüber, was ihren engen, ökonomistischen Horizont übersteigt, infrage zu stellen und zurückzuweisen.

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Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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