Erfahrungen aus den Tiefebenen der Politikabstinenz

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Wie kann es heute gelingen, werdende Soziale ArbeiterInnen wieder für politische Fragen und für kritische Positionen aufzuschließen und die Bereitschaft zu unterstützen und zu fördern, sich zusammen gegen das zu wehren, was man nicht akzeptieren kan?

Ich habe vor einem Jahr begonnen, an unserer FH einen Schritt in diese Richtung zu tun. Wir haben vor ca. 2 Jahren als geschlossene Fachgruppe Soziale Arbeit eine Zukunftswerkstatt gestartet, über die ich hier ausführlich berichtet habe. Danach war zwar in vielen Seminaren Manches Thema, was vorher kaum denkbar war und es wurden immer wieder Diskussionen geführt  über die Frage, was eine Politisierung der Sozialen Arbeit und der Sozialarbeitenden eigentlich bedeuten würde. Aber alles blieb nur im Seminarrahmen.

Irgendwann im letzten Jahr habe ich dann versucht, anknüpfend an das große Interesse an der damaligen Zukunftswerkstatt und an einem meiner Seminare mit dem schönen Titel: „Aktivierung- oder wie man in alte sozialpädagogische Schläuche neoliberalen Essig füllt““, Studenten zu einer Arbeitsgruppe zu anzuregen, die sich um weitere  Schritte Richtung Aktivierung  (in unserem Sinne) der Studierenden bemüht.
Von Anfang an bestand die Idee, eine Veranstaltung zu organisieren, bei der Studierende u. a. mit VertreterInnen des Berufsverbandes und der Gewerkschaften diskutieren könnten, welche Möglichkeiten für gemeinsame, kritische Zusammenarbeit entwickelt werden können: jetzt, im Studium und vor allem in der Zeit nach dem Examen, nämlich in der Praxis.
Schon bei den ersten Überlegungen wurde deutlich: wenn die anderen Kommilitonen erreicht werden sollen, müssen Wort vermieden werden, die heute offenbar abschreckend wirken: also Worte wie „kämpfen“,“Gewerkschaften“, selbst das Wort „Politik“. Anknüpfen müsse man, so die StudentInnen, an der ganz persönlichen Betroffenheit, an der Angst, später im Berufsleben als isolierte Einzelkämpfer unter die Räder zu kommen, im Prekariat zu enden oder Soziale Arbeit unter Bedingungen machen zu müssen, die eine qualifizierte und für Klienten parteiliche Arbeit gar nicht ermöglichen.  Das haben wir nun also versucht.

Nächste Woche wird  diese Veranstaltung stattfinden. Unsere Gäste sind eingeladen und werden kommen. Wir haben im Fachbereich ausführlich für diese Veranstaltung geworben und uns viele Gedanken um die Gestaltung und den Ablauf gemacht – und was danach vielleicht möglich sein wird.

Ich habe mich, als Professorin, immer wieder versucht, weitgehend aus den Aktivitäten zurückzunehmen und die Verantwortung und die Initiative den Studierenden zu überlassen. Das ging nicht immer. In den ersten Monaten war es fast unmöglich, mit den noch übrig gebliebenen, zwar  hoch motiviertenaber arbeitsmäßig total überlasteten StudentInnen überhaupt mal einen gemeinsamen Termin in der FH zu finden. Und wenn wir einen gefunden hatten, musste der erste schon nach einer halben Stunde wieder gehen und der nächste konnte erst nach einer dreiviertel Stunde dazustoßen…. Die zunächst sehr schleppenden Rückmeldungen von Seiten der angesprochenen Gewerkschaften und des DBSH frustierten und enttäuschten die Studenten außerdem sehr.

Irgendwann hatte ich die glorreiche Idee, meinen Samstag Morgen zu opfern und als Termin – mit Arbeitsfrühstück – in meinen 4 Wänden anzubieten. Siehe da, da konnten sie alle.
Fortan wurde die Arbeit gezielter, die Absprachen im Forum unseres Stud IP wurde dichter, verlässlicher und schneller, jeder übernahm verantwortlich Aufgaben die auch prompt erledigt wurden. Unser Werbeplakat ist schön geworden, auffällig, ungewöhnlich und interessant. Die StudentInnen, die ursprünglich in der AG mitgemacht hatten, trudeln allmählich wieder ein. Unser Fachbereichsrat hat die Veranstaltung empfohlen und angeordnet, dass keinem Studierenden die Teilnahme zum Nachteil werden darf (etwa, wenn er dafür ein Seminar nicht besuchen kann)….

Wir sind gespannt.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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1 Antwort zu Erfahrungen aus den Tiefebenen der Politikabstinenz

  1. Raimund Janßen sagt:

    Sehr geehrte Frau Seithe,
    ich finde es bewundernswert und mutig wie offensiv Sie die Missstände in der Sozialen Arbeit ansprechen. Aus meiner persönlichen Erfahrung als Dipl.-Soz.Päd. kann ich nur unterstreichen, dass unsere Profession längst im Prekariat angekommen ist. Vor einem Jahr noch habe ich als Sozialpädagoge Hartz-IV-Empfänger betreut und heute bin ich selbst in Hartz-IV-Falle. Mit fast 25 Jahren Berufserfahrung in der Sozialen Arbeit als Erzieher, Heilpädagoge und Sozialpädagoge finde ich nun, da ich 52 geworden bin, keine Anstellung mehr. Es werden fast ausschließlich nur noch befristete Stellen angeboten, die zudem noch schlecht vergütet sind. Für viele Arbeitgeber bin ich aufgrund meines Alters und meiner Erfahrung scheinbar zu teuer geworden. In den letzten Jahren habe ich mich, aufgrund von Befristungen, bis auf 2.300 Euro brutto in Vollzeit abqualifizieren lassen müssen. Solch eine miserable Vergütung ist aber heute beinahe üblich und ich empfinde es als eine persönliche Demütigung, angesichts meines langjährigen beruflichen Engagements in der Sozialen Arbeit. Mit dem Ausstieg aus dem BAT und der Einführung des TVÖD ist unsere Profession drastisch abgestuft worden und die Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit haben sich parallel dazu dramatisch verschlechtert. Unser „Kunde“ ist nicht mehr ein „hilfebedürftiger Mensch“, sondern der Auftraggeber z.B.eines sozialen Projektes. Unsere ehemaligen Klienten bzw. Kunden werden im Rahmen des Sozialmanagements zu „Kostenverursachern“ degradiert. Ich bin der Meinung das unsere Hochschulen für Soziale Arbeit diesen falschen Ansatz nicht mehr mittragen dürfen und sich dagegen wehren sollten. Soziale Arbeit braucht endlich eine starke Lobby in der Gesellschaft. Soziale Arbeit benötigt eine starke Profession, die sich offen gegen eine Politik bekennt, die Menschen entweder in Leistungsträger oder Kostenverursacher unterteilt.
    Ich könnte an dieser Stelle noch weitere Kritikpunkte an dem bestehenden System Sozialer Arbeit vorbringen, ich möchte aber an dieser Stelle meinen Kommentar beenden und Ihnen Frau Seithe dafür danken, dass Sie zu den wenigen Dozenten in diesem Lande gehören, die sich nicht von dem ökonomischen Modell des „Homo oeconomikus“ verblenden lassen. Ich persönlich hätte sehr gerne bei Ihnen studiert.
    Weiterhin viel Glück und Erfolg.

    Mit freundlichem Gruß
    Raimund Janßen

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