Was passiert da mit uns? (1)

Mit einigem Grausen verfolge ich die aktuelle Diskussion im Berliner Tagesspiegel. Eine Journalistin, die ehedem offenbar Soziale Arbeit studiert hat, schreibt einen vernichtenden Beitrag über ihren Job als Familienhelferin.

Nicht nur, dass allein in der Art, wie sie über diese Arbeit schreibt, ihr völlies Unverständnis der Sozialpädagogischen Familienhilfe durchschimmert – ich möchte nicht wissen, wer die junge Journalistin bezahlt hat und sie bejubelt für diesen, in den allgemeinen Mainstream so wunderbar passenden Artikel. Man sieht an Buschkowski, der gleich draufspringt  vor allemaber an den vielen Beiträgen der LeserInenn zum Artikel, die in der Überzahl der Journalistin Recht geben und Beifall klatschen, dass hier eine altbekannt Sau durchs Dorf getrieben wird: Soziale Arbeit ist Unsinn, kostet horrende Summen, bringt nichts, wird nur gemacht, damit die Träger an Knete kommen und die Sozialarbeiter an ihr Geld, sie  bedient die Leute, macht sie faul und bequem……..

An den Beiträgen zum Artikel kann man mit Schrecken feststellen, dass die Menschen, die das lesen und dazu ihre Meinung sagen, offenbar noch weniger Ahnung haben als die Journalistin, von dem, was Soziale Arbeit will, soll, kann – oder besser sagen wir – könnte, wenn man sie ließe.

Die Gegendarstellungen der Freien Träger, die inzwischen vorliegen, sind gewollt sachlich, merkwürdig wenig empört über das Bild der Sozialen Arbeit, das hier verbreitet wird. Sie sind vor allem bemüht, sich rein zu waschen. Man gibt Fehler zu, aber vor allem stellt man  fest: man ist doch besser, als die anderen meinen.

Und es ist ja auch gar nicht so leicht zu erklären, was da tatsächlich passiert heute in einer Sozialen Arbeit, die zum Marktgeschehen umfunktioniert wurde und zur Effizienz verdammt ist.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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4 Antworten zu Was passiert da mit uns? (1)

  1. m.s. sagt:

    Ja, ich finde es ganz wichtig, dass mal jemand klar und deutlich ausspricht, wie die Lage ist. So viele trauen sich nicht, zuzugeben, in welch miese Lage sie gekommen sind mit diesem Beruf. Danke also für diese deutliche Schilderung.
    Sicher sind daran erst einmal die prekären Arbeitsbedingungen und der TVÖD und all die Haustarife schuld.
    Wichtig ist mir dabei aber, dass es Hintergründe für diese Entwicklungen gibt. Und diese Hintergründe, die im Wesentlichen mit der Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit seit etwa 20 Jahren zusammenhängen, sind von Menschen gemacht und politisch gewollt. Wenn die Kritik nicht bis an diesen Kern der Sache hinreicht, wird sie nichts erreichen.

  2. Raimund Janßen sagt:

    Schuld an der Misere in der Sozialen Arbeit sind meines Erachtens die vielen prekären Arbeitsverhältnisse und der TVÖD. Wenn man wie ich von einer Befristung zur nächsten Befristung sich durchs Berufsleben hangeln muss, verliert man schnell die Motivation für seine Arbeit. Man ist viel zu sehr mit seinen eigenen Existenzängsten beschäftigt und hat auch Angst, seinem Arbeitgeber gegenüber Kritik zu üben, wenn die Arbeitsbedingungen/Rahmenbedingungen schlecht sind. Wie kann ich Klienten (z.B. langzeitarbeitslose Menschen) plausibel machen, sich motiviert und zielgerichtet um eine Arbeitsstelle zu bemühen und die Hoffnung nicht aufzugeben, wenn die eigene berufliche Existenz selbst permanent gefährdet ist. Diesen absurden Widerspruch müssen z.B. viele Sozialarbeiter in zeitlich befristeten Maßnahmen und Projekten im Rahmen des SGB II verarbeiten. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass man sich regelrecht verarscht vorkommt, wenn man unter solchen Bedingungen noch gute Arbeit leisten soll. Was ist das denn für ein Leben, wenn man andauernd in Bewerbungsverfahren steckt und die Trägerlandschaft abgrast um einen Arbeitgeber zu finden, der noch unbefristete Stellen anbietet. Meine berufliche Vita weist einige Befristungen auf und ich bin mir sicher, dass Arbeitgeber in Bewerbungsverfahren das nicht als besonders positiv werten. Obwohl die Soziale Arbeit von solch prekären Arbeitsverhältnissen übersät ist, muss man sich als Bewerber für die Brüche in der beruflichen Vita (z.B. durch Zeiten von Arbeitslosigkeit nach einer Befristung) auch noch rechtfertigen.
    Ältere Sozialarbeiter/Sozialpädagogen werden auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt, da zu teuer. Über diese Tatsache wird nie berichtet und kein Schwein interessiert wie es sich anfühlt, wenn man mit Anfang 50 (sehr gut ausgebildet, mit Leitungs- und Führungserfahrung) unter solchen Rahmenbedingungen immer wieder neu um einen Arbeitsvertrag kämpfen muss. Für uns soziale Profis gibt es bei drohender Arbeitslosigkeit kein staatlich gefördertes Kurzarbeitergeld, keine staatlich geförderten Beschäftigungs- oder Konjunkturprogramme. Wer von uns arbeitslos wird zieht eben die Arschkarte und muss sich, wenn er Pech, gleich mit Hartz-IV anfreunden.

    MfG
    Raimund Janßen

  3. m.s. sagt:

    Lieber Raimund,
    Es liegt mir fern zu behaupten, dass die Bedingungen in der Sozialen Arbeit heute gut wären und man, wenn man will, auch wirklich qualifizierte Arbeit machen könnte.
    Das Fatale ist, dass bei der mitunter durchaus berechtigten Kritik an den Ergebnissen und Erscheinungsformen der Sozialen Arbeit heute, wie sie z.B. auch von dieser Journalistin geäußert wurde, die Soziale Arbeit selber für diese krtischen Aspekte schuldig gesprochen wird. Für „die Leute“ ist das heutige bedenkliche Ergebnis einer überforderten und oberflächlichen Sozialen Arbeit einschließlich des dort aufflammenden Profit- und Gewinnstrebens typisch für die Soziale Arbeit selber. Es wird nicht gesehen, was sie dazu gebracht hat und was dazu geführt hat, dass Soziale Arbeit solche Züge annehmen musste.
    Das ist das Schlimme daran, dass das, was wir selber zutiefst kritisieren und ablehnen, uns im Endeffekt selber angelastet wird und zwar sowohl von der Öffentlichkeit als – gemeiner Weise – auch von denen, die es uns eingebrockt haben.
    Ich kann Ihren Frust und Ihre Wut auf die Bedingungen unter denen man heute Soziale Arbeit leisten muss, gut nachfühlen.
    Aber es gibt nach wie vor ca. 330 000 akademisch ausgebildete Sozialarbeitende in diesem Lande. Vielleicht hat ein Drittel davon noch erträgliche oder auch gute Bedingungen. Vielleicht leiden 20 % wirklich an der Situation, so wie Sie es von sich beschreiben. Aber was ist mit dem Res?. Wenn es so unerträglich ist: Wie können die es aushalten? Wie können die weitermachen? Wie kann es sein, dass ein großerTeil der KollegInnen nicht einmal verstände, wovon wir sprechen?
    Das, lieber Raimund Janssen, das beunruhgt mich am meisten.

  4. Raimund Janßen sagt:

    Die von Ihnen angeführte Journalistin (und offenbar studierte Sozialarbeiterin) kann ich allerdings gut verstehen. Als Sozialpädagoge, Erzieher und Heilpädagoge habe ich selbst desöfteren Situationen erlebt bei denen mir Zweifel aufkamen, ob meine Tätigkeit überhaupt noch einen Sinn ergibt, unter diesen miserablen Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit. Unser Image in der Gesellschaft ist heute höchst umstritten, vermutlich weil wir „Profis“ uns zu viel haben bieten lassen. Nun sind scheinbar alle Dämme gebrochen und der neoliberale Zeitgeist hat uns mit seiner „Wettbewerbs- und Ökonomisierungswut“ bereits überrollt. Zurückblickend würde ich einen solch psychisch anstrengenden Beruf (unter diesen miserablen Rahmenbedingungen) auch nicht mehr ergreifen wollen (leider!).
    Zudem ist die Vergütung für einen akademischen Abschluss höchst miserabel und unwürdig geworden, genauso miserabel und unwürdig wie viele Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit und die ungewissen Zukunftsperspektiven in diesem Beruf.
    Unsere Gewerkschaften/Berufsverbände haben uns verraten und verkauft (siehe TVÖD), und die Politik nutzt unsere Einsatzfreude zum Wohle unserer Klienten weiterhin schamlos aus. Mit jeder neuen Kürzung bzw. Sparmaßnahme im Sozialsektor watscht uns die Politik ab, weil sie eine Gegenwehr unserer „Profession“ wohl nicht befürchten muss, da wir ja nicht solidarisch sind und unseren Frust lieber verheimlichen.
    Es grenzt beinahe schon an Masochismus, wenn man als Profi in der Sozialen Arbeit unter solch erbärmlichen Rahmenbedingungen gerne arbeiten möchte. Ich kann mir mittlerweile auch eine andere berufliche Perspektive vorstellen.

    MfG
    R.J.

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