Es lässt sich doch sowieso nichts ändern?

Viele SozialarbeiterInnen nehmen die gegenwärtige Realität als normal und
unveränderlich und als eben üblich wahr und halten es nicht für ihre Aufgabe,
diese zu hinterfragen oder zu bekämpfen. Sie beruhigen sich mit den Sprüchen,
mit denen Politik uns abspeist und abzulenken versucht. Dabei sollte man all diese Sprüche kritisch
hinterfragen:

 „Es ist doch kein Geld da“

Aber wo ist denn dann das viele Geld in unserer Gesellschaft? Ist der Sozialbereich nur nicht wichtig genug,
nicht so wichtig wie z.B. der neue Flughafen, wie die großen teuren
Prestigeprojekte und wie die Gewinne der Superreichen?  Das ist eine politische Frage.

„Es werden halt eben immer mehr Fälle, da wird es eben eng. Das Geld reicht dann nicht für so viele“.

Warum werden es mehr? Ein Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung macht doch deutlich, dass diese Gesellschaft immer mehr Problemlagen erzeugt und immer Menschen in diese Problemlagen geraten.
Und wer sagt denn, dass unsere Gesellschaft z.B. für Familien mit Problemlagen für gescheiterte Minderjährige nur das ausgeben kann, was sie bisher ausgegeben hat? Was sind ihr die Menschen, besonders die, die sie selber ausgrenzt, eigentlich noch wert?

„Gegen die Armut der Leute kann ich doch als Sozialarbeiterin ohne hin nichts machen“.

Soziale Arbeit ist sogar per Gesetz (KJHG §1) dazu aufgerufen, sich in die Lebenslagen der ihr anvertrauten
Minderjährigen politische einzumischen. Und wenn ich meinen KlientInnen
vermittle, dass ihre Armut nicht ihre eigene Schuld ist, so ist das auch schon
Politik – freilich nicht sehr erwünscht. Und wenn ich mittags in der Kantine
ein Gespräch darüber vom Zaune breche, warum eigentlich die Armut zunimmt, dann ist das Politik – freilich auch nicht erwünscht. Und wenn ich in meiner Organisation Flugblätter schreibe gegen die Selbstverständlichkeit, mit der die Zunahme von Armut  in unserer Gesellschaft  hingenommen wird, dann ist auch das natürlich Politik. Soziale Arbeit kann Armut nicht abschaffen, aber dazu beitragen, dass
sie als Unrecht erkannt wird.

„Wir sind doch an die Gesetze gebunden und müssen dafür sorgen, dass sie erfüllt werden“.

Sind wir bei der Polizei? Gesetze sind von Menschen gemacht und können von Menschen geändert werden. Es gibt
Gesetze, die heute mit Füßen getreten werden wie das KJHG. Das Gesetz Hartz IV
aber z.B. ist menschenfeindlich und es wäre unsere Aufgabe, mit dafür zu
sorgen, dass die Öffentlichkeit das kapiert und die Politik unter Druck setzt,
dieses Gesetz zu ändern.

„Wir tun doch unser Bestes. Die Rahmenbedingungen werden halt von oben gesteckt, da haben wir doch keinen Einfluss drauf“.

Eben. Aber  wir vertreten eine Profession, die aus wissenschaftlichen und ethischen Gründen andere Rahmenbedingungen braucht,  um ihre Arbeit wirklich gut, d.h. nachhaltig, im Interesse der Betroffenen machen zu können. Dass Politik heute einfach nach ihren Maßstäben und Interessen unzureichende Bedingungen vorgibt, ist ein verschärfter Eingriff in unsere Autonomie.

„Also wir haben gar keine Zeit, uns auch noch mit so was zu befassen.“

Man hat schon immer Kritik und Widerstand dadurch zu verhindern versucht, dass man die Menschen so mit Arbeit und Stress eingedeckt hat, dass sie sich meinten, sich nicht auch noch wehren zu können.
Wenn aber Politik zum persönlichen Anliegen wird, dann wird man nicht mehr darüber klagen, dass man keine Zeit dafür hat. Man wird begreifen, dass sich
diese eingesetzte Zeit doppelt und dreifach lohnt: Politische Arbeit macht einem den gekrümmten Rücken wieder erade, es  macht Spaß mit anderen
Leuten politisch zu agieren und außerdem: Es gibt auch kurz- mittel- und vor allem langfristige Erfolge dabei.

Soziale Arbeit ist immer politisch – so oder so.

Wenn man es genau besieht, so bleibt uns eigentlich gar
nichts anderes übrig, als politisch zu werden und zu handeln. Wenn wir nicht
anfangen, zu begreifen, dass diese von uns angestrebte „gute Soziale
Arbeit“ heute weder gewollt noch unterstützt wird, und dass das schlicht und
ergreifend die Folgen politischer Entscheidungen und politischer Konzepte sind,
die den humanistischen Zielen unserer Profession mehr oder weniger diametral
entgegenstehen, dann wird sich nichts mehr ändern und unsere Profession wird
sich Schritt für Schritt in eine Dienstleistung  für die Zwecke des aktivierenden Staates
verwandeln. Hier wird es nur noch um die Pflege des Humankapitals gehen und
darum, dass Menschen lernen, für ihr Schicksal ganz alleine gerade zu stehen
und es wird nur noch das geleistet, was sich rechnet und das auch nur so, wie
es sich rechnet.

Wir sind letztlich gezwungen „politisch“ zu werden, auch
wenn Politik eigentlich nicht unser Ding und unser Interesse ist, wir sind
gezwungen es zu werden, auch wenn wir nichts anderes wollen, als eine gute
Arbeit in unserem Beruf zu leisten, eine „gute“ Arbeit, die denjenigen wirklich
bei der Lebensbewältigung hilft, die in unserer Gesellschaft am Rande stehen, besser:
an den Rand gedrückt werden. Sozialarbeitende müssen sich überlegen, was sie
sein wollen und für wen sie arbeiten möchten. Und wenn sie eines Tages spüren
und nicht mehr darüber hinwegsehen können, dass sie gegen die Interessen von
Menschen arbeiten müssen, dann spätestens ist es soweit: Sie müssen sich entscheiden.

So gesehen ist Soziale Arbeit immer politisch. Wenn eine/r sagt:
„Da mache ich nicht mehr mit. Ich suche mir Wege, mich mit anderen zusammen
gegen die Neoliberalisierung unserer Profession zu stellen“, genau dann fängt
sie oder er an,  bewusst politisch zu
handeln.

Wenn man aber sagt: „Ich bin eigentlich kein politischer
Mensch. Darum kann ich mich nicht auch noch kümmern. Ich mache meine Arbeit
halt immer so gut es geht“ – dann ist man faktisch genauso politisch – nur
unterstützt man durch das Wegschauen eine politische Richtung und eine
politische Ausrichtung der eigenen Arbeit, die man möglicherweise eigentlich gar
nicht unterstützen will. Und das heißt: Wer schweigt, wer die Schultern zuckt,
wer wegsieht, wer sich einfach anpasst, wer tut, was von oben gesagt wird, wer
dem Klienten verkauft, was er verkaufen soll …. Der handelt eben auch
politisch.

 

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
Dieser Beitrag wurde unter alte Blogbeitrage veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert