Warum sind so viele der Sozialarbeitenden so schweigsam geworden?

SozialarbeiterInnen sind doch keine PolitikerInnen?

„Ach, weißt du, ich bin gar kein politischer Mensch. Ich möchte einfach nur eine gute Arbeit machen und die unterstützen, die es brauchen“, so sagte vor einiger Zeit eine Kollegin zu mir. Sozialarbeitende sind doch keine PolitikerInnen, so denken viele: ‚Wer die Welt verändern will, der sollte nicht die Soziale Arbeit für sein Medium halten. Da würde es doch wirklich um Einmischung und politische Stellungnahmen in der Öffentlichkeit, in den Medien, in der offiziellen und der außerparlamentarischen Politik gehen. Sozialarbeitende helfen konkreten Menschen bei konkreten Problemen. Da bleiben doch für Politik kein Raum und keine Zeit!‘

Diese Haltung ist genau das, was man von uns will. „Macht ihr mal eure Aufgaben, wir kümmern uns um die Rahmenbedingungen und da haben wir eben unsre Maßstäbe“. Faktisch regelt und reglementiert die herrschende Politik unser Tun durch Vorschriften wie Begrenzung auf Case Management und 5 Sitzungen, oder die Verpflichtung zur ausführlichen Dokumentation und Nutzung der vorgegebenen Software. Sie steuert  unsere Handlungsspielräume durch Kürzungen, Zeitbegrenzungen, Festlegung der Dauer von Maßnahmen (entgegen wissenschaftlicher Empfehlungen). Sie legt die  Zielrichtungen fest: Es geht immer darum, das KlientInnen zukünftig besser funktionieren sollen und ihr eigenes Humankapital verantwortlicher im Interesse des Systems zu pflegen haben. Sie definiert, was unser Erfolg zu sein hat. Sie definiert das anhand von formalen Kriterien und betriebswirtschaftlichen Erfolgsdefinitionen. Man muss den Erfolg zählen und sehen können und er muss sich rechnen.

Wir sind Sozial Arbeitende. Wir wollen helfen, das ist unser Beruf, o.k. deshalb sind wir auch so lange still gewesen haben immer versucht, das Bester aus der Situation für unsere Klienten zu machen. Helfer kämpfen für ihre Klienten, reden nicht groß darüber.
Wenn wir die Lage aber mal wirklich kritisch betrachten, dann  müssen wir hier und heute feststellen:
Aber es ist jetzt an der Zeit, dass wir nicht länger den Mund halten und schweigen. Es ist vielmehr unsere Pflicht und unsere Verantwortung, nach draußen, an die Öffentlichkeit zu treten und klar zu sagen, was los ist bei uns. Denn wir haben schon lange nicht mehr die Bedingungen in unserer Arbeit, die wir brauchen, um auch gut und nachhaltig helfen und unterstützen zu können. Und wir haben schon lange große Sorge, dass es in unserer Arbeit und überhaupt in dieser Gesellschaft nicht mehr um die Chancen und das Glück von Menschen geht, sondern nur noch darum, dass diese Menschen sich mit all ihrer Kraft für das Funktionieren und das Florieren der Wirtschaft geht und um deren Gewinne, die dann aber nur bei wenigen ankommen.

Aber warum schweigen die KollegInnen?

Erstaunlich ist die Widerstandslosigkeit, mit der diese Veränderungsprozesse abgelaufen sind und weiter ablaufen. Woher kommt diese Ohnmacht?  Hier dürften verschiedene Faktoren eine Rolle spielen.

1.      Zum einen ist in Deutschland, selbst im Westen des Landes, Soziale Arbeit eine Profession mit gering ausgeprägtem Selbstbewusstsein und wenig professioneller Identität (vgl. z.B. Seithe 2010, Heite 2008, Nadai et al. 2005).
Das hat zu tun mit der Tradition Sozialer Arbeit als helfendem Beruf, der es schon immer schwer hatte, seine Aufgaben und Kompetenzen von dem abzusetzen, was jeder gutwillige Bürger meint, im Sinne von Nächstenliebe oder Altruismus selber leisten zu können (vgl. Seithe 2010 ). Soziale Arbeit war und ist zudem ein Frauenberuf und wird in der Gesellschaft nach wie vor entsprechend gewertet (vgl. Nadai  et al. 2005).
Hinzu kommt die Tatsache, dass die gesellschaftliche Akzeptanz eines Berufes korreliert mit den Bevölkerungsgruppen, um die er sich kümmert bzw. die seine Leistungen nutzen. Soziale Arbeit hat so wenig eine wirkliche Lobby in unserer Gesellschaft wie unsere Klientel.
Kein Wunder also, dass das Angebot des „aktivierenden Staates“ an diese Profession, eine neue, wichtige Rolle im großen neoliberalen „Erziehungsprojekt“ der Menschen zu spielen, bei unserer nach Anerkennung und gesellschaftlicher Bedeutung lechzenden Profession von vielen PraktikerInnen (aber auch von vielen WissenschaftlerInnen) mit Freude aufgegriffen wurde und weiter aufgegriffen wird (vgl. Heite 2008). Der Preis dafür ist allerdings ist hoch: Hiermit wird  jede gesellschaftskritische Position der Sozialen Arbeit aufgegeben und Soziale Arbeit nur noch auf „Verhaltenstraining“ und Verwaltung reduziert (vgl. z.B. Seithe 2010).

2.      Zum Zweiten erlebt zwar ein  großer Teil der PraktikerInnen die derzeitige Situation als verstärkte Belastung (vgl. z.B. Eichinger 2010, Seithe 2010, Messmer 2007). Viele sehen sich dabei aber einer Zwangslage gegenüber,  die für den „normalen Sozialarbeitenden“ nicht auflösbar ist. Für PraktikerInnen, die mitten in diesen Veränderungsprozessen stehen und mit den alltäglichen Zumutungen und Herausforderungen der Ökonomisierung und der neosozialen Politik konfrontiert sind, ist es tatsächlich nicht so einfach, sich diesen Entwicklungen entgegen zu stellen. Sie sind nämlich – im Unterschied z.B. zu WissenschaftlerInnen – nicht nur von den fachlichen Widersprüchen, sondern dazu auch noch von existenziellen Problemen betroffen: Sie müssen ständig um ihren Arbeitsplatz fürchten, ja sogar um das Fortbestehen ihres Trägers bangen und für diesen dann mit Verantwortung tragen: Denn Träger, die als wirtschaftliche Unternehmen geführt werden, stehen unter permanentem Druck, sich zu behaupten, um wirtschaftlich  überleben zu können. Insofern ist es heute für PraktikerInnen doppelt und dreifach schwer, sich zu wehren und gegen die Deprofessionalisierung und Vereinnahmung unserer Profession Widerstand zu leisten (vgl. Eichinger 2010). Unter solchen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, dass die Betroffenen alle möglichen Formen und Wege der Bewältigung dieser Belastungen und Diskrepanzen wählen: von der bloßen ängstlichen oder pragmatischen Anpassung zur Verleugnung der eigenen Wahrnehmung, über Versuche des passiven Widerstandes durch subversive Tricks, die die neuen Bedingungen unterlaufen und aushebeln sollen, bis hin zu Reaktionen wie Burnout oder dem radikalen,  ethischen Umschwung zu einem Berufsverständnis, das die Klientel für Nichterfolge Sozialer Arbeit schuldig spricht und sich von jeder Parteilichkeit für sozial Benachteiligte kalt verabschiedet.

3.      Ein dritter Erklärungsversuch findet Ursachen für diese widerstandlose Übernahme der Profession in deren eigenen theoretischen Grundlagen, also in der Disziplin Soziale Arbeit selber. Füssenhäuser (2009) stellt die Frage, ob die lebensweltorientierte Soziale Arbeit nicht selber mit ihren eigenen konzeptionellen Vorstellungen dazu beiträgt bzw. beigetragen hat, die Dethematisierung sozialer Probleme und den Abbau sozialstaatlicher Leistungen und Notwendigkeiten zu legitimieren. Somit würde die lebensweltorientierte Soziale Arbeit möglicherweise sich selber in die Fallen hineinführen, in die die Aktivierungspolitik sie locken will. Notwendig wäre aus diesem Grund aus Sicht der kritischen Sozialen Arbeit eine konsequente Infragestellung und Entlarvung der Umcodierung von in der Sozialen Arbeit „bislang als gültig erachteter Denk-, Handlungs- und Problematisierungslogiken des sozialstaatlichen Arrangements“ (Ziegler 2008, S. 168) durch den „aktivierenden Staat“, der die lebensweltlichen Ansätze als Module einer modernen Sozialtechnik nutzt –  jenseits und abgelöst von ihrer kritischen Intention.
Betrachtet man diese drei Ursachenhintergründe, die  für die gegenwärtige Ohnmacht der Sozialen Arbeit gegenüber den neoliberalen Zumutungen eine Rolle spielen könnten, so ergeben sich strategische Ansätze,  die eine engagierte und kritische Soziale Arbeit auf dem Weg in einen organisierten und bewussten Widerstand verfolgen müsste:

1.      Alles, was zu mehr Selbstbewusstsein der professionellen Sozialarbeitenden beiträgt, was die eigenen fachlichen und ethischen Positionen stärkt, kann dazu beitragen, dass PraktikerInnen mehr Mut und mehr Durchsetzungskraft in der alltäglichen Auseinandersetzung gewinnen. Hier sind vor allem Hochschulen (vgl. z.B. Seithe 2010,  Kessl/Reutlinger/Ziegler 2006, S. 117 f),  Gewerkschaften, der Berufsverband und Fortbildungsträger gefordert.

2.      Um dem täglichen Stress, der Angst um die eigene Existenz und um der paralysierende Identifikation mit dem Arbeitgeber zu entgehen, ist das Zusammenschließen mit KollegInnen die beste Bewältigungsstrategie. Gemeinsamer Erfahrungsaustausch, die Entwicklung gemeinsamer Strategien der Gegenwehr, die gemeinsame Verbesserung von Berufsidentität und Selbstwertgefühl als praktizierende SozialarbeiterIn gelingen übrigens am besten außerhalb des eigenen Betriebes in informellen oder auch formellen Gruppen und /oder Organisationen (vgl. Eichinger 2010).
Auch hier kommt zum Beispiel den vorhandenen berufsständigen, kritischen Organisationen eine große Bedeutung zu. Sie sollten sich  für potentielle Mitglieder nicht  allein und in erster Linie als Dienstleister anbieten, sondern sich als Selbsthilfegruppen profilieren, also als Organisationen, in denen Sozialarbeitende aktiv und im eigenen Interesse mitarbeiten und mitgestalten können und dabei von der Organisation Unterstützung, Schutz und  Ressourcen für ihr Engagement erhalten.

3.      Der im dritten Punkt dargestellte mögliche Hintergrund für die scheinbar widerstandslose Vereinnahmung unserer Profession legt vor allem die Notwendigkeit einer theoretischen Neu- bzw. Wieder-Orientierung der Disziplin und Profession Soziale Arbeit nahe. Soziale Arbeit muss sich schnellstens daran machen, ihre Position zu den eigenen sozialpolitischen Wurzeln und Aufgaben neu zu durchdenken und sich gegenüber dem herrschenden gesellschaftlichen System neu positionieren.
Es ist war ihr nie gegeben, selber und alleine die Gesellschaft zu verändern, aber Soziale Arbeit ist bzw.  könnte sein, was schon Mollenhauer von ihr sagte: die „geborene Kritikerin des Kapitalismus“ (Mollenhauer 1991). Auf dieser theoretischen Basis erhält ein wissenschaftlicher aber ebenso ein praktischer, kritischer Umgang mit den neoliberalen Herausforderungen  eine tragfähige und grundlegende Unterstützung und Orientierung.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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Ein Kommentar zu Warum sind so viele der Sozialarbeitenden so schweigsam geworden?

  1. Ole sagt:

    Schweigsam- nun ja, bin ich vermehrt geworden.
    Zum Einen finde ich, dass es eine politische Meinung ein wenig mehr Stimme braucht.
    Da sehe ich eher Berufsverbände etc. als Sprachrohr- es braucht glaube ich ein wenig mehr Solidarität, damit aus Einzelkämpfern MeinunsgvertreterInnen werden.
    Zum Anderen sehe ich schon, dass auch für mich und für viele Andere der Betroffenheitsaspekt immer gewichtiger wird. Existenzängste kann als Wort geht leicht über die Lippen oder über die Finger zur Tastatur. Nur ob man wirklich eine tägliche Arbeit, die man gerne macht einfach aufgibt und sich in eine ungewisse Zukunft stürzt mit all dem verbundenen Gewissenskonflikten und empfundenen Zweifeln ist dann doch etwas anderes.
    Außerdem sehe ich für mich nach wie vor die Problematik der Macht der Ohnmacht, ich finde es gibt zunehmend eine sinkende Selbstwirksamkeitserwartung in der Sozialhilfe. So nach dem Motto ich kann doch eh nichts entscheiden. Auch wenn die Gefahr, die darin liegt sicherlich allen bewusst ist.

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