Was kann man tun? – Fall 5: spFH braucht Zeit

Fortsetzung zum Thema „Das kann ich nicht mehr verantworten!“  – Kommentierung der Texte – Was tun? (5)

Text:  „Und da soll ich nun arbeiten“  – Familienhilfe braucht Zeit und die fehlt hier überall (Seithe/Wieser-Rau 2013, S. 125)
Ich beschreibe mal meinen jüngsten Fall, mit dem ich jetzt seit drei Monaten zu tun habe. Es handelt sich um einen der Fälle, die dir vom Jugendamt mit den Worten ans Herz gedrückt werden: „Eigentlich müsste das Kind raus – aber wir versuchen es halt noch mal.“
Es geht um eine alleinerziehende Mutter mit einer achtjährigen Tochter. Da ist auch noch ein Lebensgefährte, die Tochter nennt ihn „Papa“, aber er wohnt, zumindest offiziell, nicht in der Familie.
Es gibt schon seit einiger Zeit Probleme mit dem Kind. Es wurde mir als sehr schwierig beschrieben und die Mutter als nicht hinreichend erziehungskompetent. Für die Tochter gilt seit der Vorschulzeit § 35a KJHG (seelische Gefährdung oder drohende seelische Gefährdung) vor. … Abgesehen vom typischen „Zappelphilipp-Verhalten“, neigt das Kind dazu, seine Umwelt mit hysterischen, stark dramatisierenden Anfällen zu schockieren, zu beeindrucken und zu steuern. Durch entsprechendes Verhalten hat das Mädchen auch versucht, die Mutter davon abzuhalten, wieder arbeiten zu gehen.
Es gab für diese Familie bereits einmal eine Sozialpädagogische Familienhilfe, die aber vorzeitig durch einen Aufenthalt des Mädchens in der Kinderpsychiatrie beendet wurde. Nun sollte eine weitere Sozialpädagogische Familienhilfe die Probleme in den Griff bekommen.
Die Mutter wurde mir vor Fallbeginn von der Kollegin aus dem Jugendamt als an der Familienhilfe sehr interessiert und mitarbeitsbereit geschildert. Als wir bei dem Einführungsgespräch mit der Mitarbeiterin vom Jugendamt zum ersten Mal zusammentrafen, wurde der bereits vorliegende Hilfeplan verlesen. Ich hatte den Eindruck, dass der Mutter die Inhalte völlig neu waren. So enthielt der Hilfeplan auch die Auflage, dass die Mutter die Kleine zu einem ADHS-Training anmelden solle. Auch die Diagnose aus der psychiatrischen Klinik bekam die Mutter erst von mir zu hören. Keiner hatte sie ihr mitgeteilt, geschweige denn erläutert.
In dem ersten Gespräch, das ich mit der Mutter alleine führte, stellte sich heraus, dass sie überhaupt keine weitere Familienhilfe haben wollte und auch das ADHS-Training ablehnte. „Warum haben Sie denn im Jugendamt nicht gesagt, dass sie keine Familienhilfe wollen?“, fragte ich sie verdutzt. Die Antwort hat mich erschreckt: „Wer weiß, was dann alles mit meiner Tochter und mir passieren würde!“ Die Mutter vertraute mir viel später an, dass sie vor Jahren, in der Kindergartenzeit ihrer Tochter, vom Jugendamt Hilfe erwartet hatte, nachdem ein Psychologe bei dem Kind eine seelische Behinderung festgestellt hatte. Aber das Jugendamt hatte ihr jede Hilfe verweigert. Das hatte sie enttäuscht und ziemlich demotiviert. Und nun wollte sie mit dem Jugendamt lieber nichts mehr zu tun haben. Aber das konnte sie ja wohl nicht sagen? Also fügte sie sich. Das war die Ausgangssituation für meine Familienhilfe.
Hier war mal wieder jemand zu seinem „Glück“ mehr oder weniger gezwungen worden, so schien es mir. Aber ich machte mich trotzdem an die Arbeit. Es galt, die Ziele, die der Hilfeplan vorgab, nun gemeinsam mit der Mutter in konkrete, erreichbare und realistische Handlungsziele umzuformulieren. Die Ziele im Hilfeplan waren eher allgemein gehalten. Ich sollte beispielsweise die Erziehungskompetenz der Mutter stärken und ihre Antriebsschwäche überwinden helfen. Und ich sollte für das Kind eine sinnvolle Freizeitgestaltung erarbeiten.
Und da stand ich nun: mit gerade mal vier Fachleistungsstunden für alle diese Ziele! Vier Stunden, das ist bei uns zurzeit das Höchstmaß – es sei denn, es liegt eine unmittelbare Kindeswohlgefährdung vor. Von den vier Stunden blieben mir nach Abzug der Fahrtzeit von einer dreiviertel Stunde, nach Abzug von Zeiten für Vor- und Nachbereitung und für die notwendige „Umfeldarbeit“, also zum Beispiel für die Kontakte mit der Schule, und nach Abzug der Zeiten für das Schreiben von Berichten und Dokumentationen, nur knapp zwei Stunden für einen wöchentlichen Familienkontakt. Aber dadurch, dass die Stundenanzahl, die ich für eine Familie bekomme, so gering ist, muss ich bei einer 40 Stunden-Stelle bis zu neun Familien annehmen. Das bedeutet neun sogenannte Multiproblemfamilien im Kopf und im Blick haben.
Im Hilfeplan stand außerdem, die Mutter solle an mir als Modell lernen, wie man mit der schwierigen Tochter umgehen müsse. Kann mir mal einer sagen, wie ich auch das noch in zwei Stunden die Woche bewerkstelligen könnte? Und es ist doch eine pädagogische Binsenweisheit, dass Modelllernen nur dann funktionieren kann, wenn sich zwischen Lernendem und Modell eine gute Beziehung entwickelt hat. Aber ich habe doch überhaupt keine Zeit für Beziehungsarbeit. Wir können nur immer durchrattern, was an Problemen und Aufgaben ansteht. Mehr nicht. Ich frage mich bei solchen Geschichten: Sind das nicht auch alles sozialpädagogische Fachleute im Jugendamt? Warum machen die das mit?
Ich habe in meinen ersten Bericht hineingeschrieben, dass mit der Stundenzahl, die man mir gewährt, die vorgegebenen Ziele nicht zu erreichen sind. Aber das wird nichts nutzen, ich weiß es ja. Ich habe fürs ganze Jahr 250 Stunden, und wenn ich jetzt mehr brauche, dann fehlt es am Ende. Vielleicht wird man mir dann noch ein paar weitere Stunden gewähren. Aber es bleibt auch dann in jedem Fall bei einer Sozialpädagogischen Familienhilfe, die höchstens kompensatorisch wirkt: Ich kann so weder die Ziele erreichen noch überhaupt zu den eigentlichen Problemen vordringen.
Wenn ich es mir genau überlege, liegt schon der Hilfeplan schief. Denn es geht gar nicht vorrangig darum, dass die Mutter antriebsarm ist und über keine Kompetenzen verfügt. Ich würde vielmehr sagen: Das Kind ist psychisch gefährdet, weil es durch die Mutter eine permanente Entwertung erlebt. „Wenn du später erst mal hier raus bist, dann geht es mir besser!“, sagt sie zum Beispiel zu ihrer Tochter. Die Mutter hat eine sehr ambivalente Haltung zu dem Kind. Sie verletzt es immer wieder psychisch. Wenn man genau hinsieht, muss man sich über die Symptome bei dem Kind eigentlich gar nicht wundern. Im Jugendamt hat man scheinbar den naiven Glauben, man könnte solche massiven Beziehungsprobleme einfach durch eine Kompetenzzunahme der Eltern aus der Welt schaffen. Aber das alles scheint außer mir niemanden zu kümmern. Mir ist schon klar, was das Jugendamt in Wirklichkeit bewegt: Sie haben Angst, dass der Kleinen was passieren könnte, dass die Mutter ausrastet. Sie hat einmal gesagt, sie sei früher zu Hause nur geschlagen worden. Bei ihrer Tochter würde sie gar nicht damit anfangen, sonst könnte sie vielleicht nicht mehr aufhören, das läge sicher in ihren Genen. Und statt auf den Hilferuf einzugehen, der in dieser Aussage steckt, ist dies für die Jugendhilfe nur der Anlass für Kontrolle und Vorsichtsmaßnahmen, eben zum Beispiel durch eine Sozialpädagogische Familienhilfe.
Seit die Sache mit der Kindestötung im Nachbarbezirk passiert ist und das Jugendamt wieder mal in die Diskussion kam, ist die Angst noch größer. Jetzt haben wir die Auflage, jedes Gespräch genau zu dokumentieren, um uns und vor allem unsere Vorgesetzen und Träger abzusichern. Das sind dann so Fragen wie: ‚Waren die Kinder bei ihrem letzten Besuch auffällig? War die Wohnung auffällig? Wurden Vereinbarungen getroffen?‘. Letzteres ist besonders wichtig, denn wenn man zum Beispiel mit der Mutter nachweisbar vereinbart hat, dass sie zum Kinderarzt gehen muss, dann ist man aus allem raus, wenn sie es doch nicht tut und dann was passiert. Es scheint gar nicht um die Kinder zu gehen, sondern nur noch darum, dass einem nichts vorgeworfen werden kann. Alles, was gemacht wird, auch die Sozialpädagogische Familienhilfe, wird nur zur Selbstabsicherung gemacht. Man geht den Problemen nicht auf den Grund, man versucht nicht, Probleme zu verändern, Lernprozesse einzuleiten. …
Ich bin wütend über diese Einsparungen. Ich weiß, dass ich mehr mit den Familien erreichen könnte, wenn die Rahmenbedingungen besser wären. Es kann nicht sein, dass eine Gesellschaft Banken rettet, aber die Familien am unteren Rand dem Untergang geweiht sind. Gute Arbeit braucht Zeit. Ich arbeite hier mit Menschen und nicht mit irgendwelchen Maschinen. Eine Veränderung im Erziehungsverhalten zum Beispiel erreiche ich nicht durch schnelleres, billigeres, oberflächlicheres Arbeiten, sondern vor allem durch viel Zeit und Beziehungsarbeit. Von unseren Klientinnen und Klienten wird zum Wohle der Kinder berechtigterweise verlangt, sich zu verändern. Aber ich kann da nicht einfach hingehen und sagen, wie das geht, was sie machen sollen. Veränderungen sind schwer zu bewerkstelligen. So etwas fällt den meisten Menschen nicht leicht, egal aus welcher Bildungsschicht sie kommen. Auch sind die Lebensumstände meistens schwierig. Und oft wird die Notwendigkeit einer Veränderung zunächst nicht akzeptiert. Und Gewohnheiten zu verändern, bei denen der Betroffene gar nicht einsieht, dass er sie verändern muss, das ist noch viel schwieriger. Eltern müssen erst einmal selbst wirklich begriffen haben, mit dem Kopf und mit dem Herzen, dass zum Beispiel etwas für die Kinder schädlich ist. Und dann erst können sie die gemeinsam erarbeiteten Handlungen, die zu Veränderung führen sollen, umsetzen. Das braucht alles viel Zeit. Und die fehlt überall. Warum eigentlich? Ich will gute Arbeit machen. Aber so kann ich das nicht.
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Fachliche Kritik der beschriebenen Arbeit und Arbeitssituation

Die Kollegin beschreibt selbst sehr differenziert und genau, was hier alles falsch läuft:

  • Die Diagnose des Jugendamtes ist ungenau und oberflächlich. Es scheint auch nicht wirklich um das Wohl dieses Kindes zu gehen, sondern darum, dass nichts passiert, was dem Jugendamt dann angelastet werden könnte. Viele der abverlangten Tätigkeiten, z.B. die gesteigerten Dokumentationsverpflichtungen der Familienhelferin, dienen nicht dem Fortschritt der sozialpädagogischen Arbeit, sondern nur der Absicherung des Jugendamtes und der Vorgesetzen. Statt Menschen zu unterstützen und zu befähigen, legt man es darauf an, Verhältnisse zu schaffen, die es ermöglichen, im Ernstfall den KlientInnen den schwarzen Peter zu schieben zu können.
  • Die geheime Botschaft lautet: Eigentlich müsste das Kind raus, aber wir versuchen es noch einmal. Hier wird klar: Eigentlich ist dem Jugendamt der Ernst und die Kompliziertheit der Lage bewusst, aber es handelt anders. Warum?
  • Im Vorfeld wurde offenbar so gearbeitet, dass die Mutter über die psychiatrische Diagnose nicht informiert wurde und sich ein Verhältnis zum Jugendamt herausgebildet hat, dass von Vorsicht und Misstrauen geprägt ist. Ihre ablehnende Haltung gegenüber einer erneuten Hilfe zeigt sie nicht. Das Jugendamt schildert sie als mitarbeitsbereit, d.h. die Mutter hat ihre eigentliche Haltung erfolgreich verbergen können.
  • Die im Hilfeplan enthaltenen Ziele sind nicht wirklich auf das eigentliche Beziehungsproblem zwischen Mutter und Tochter gerichtet. Man beschränkt sich darauf, die Kompetenzen der Mutter zu steigern. Aber auch das, was jetzt im Hilfeplan steht, ist mit einer Stundenzahl von 4 Stunden in der Woche unmöglich zu erreichen. In dieser Zeit sind schließlich sämtliche Aufgaben zu erledigen, die mit dem Fall zusammenhängen. Es bleiben also nur ein Termin die Woche, bestenfalls mal zwei Termine.
  • Durch diese zeitliche Einengung ist eine methodische Begrenzung vorgegeben. Ein sozialpädagogischer Prozess, der Lernen, Entwicklung und Veränderung beinhaltet, ist so nicht möglich. Beziehungsarbeit ist ausgeschlossen. Es gibt keine Zeit zur Vertrauensbildung, zur Aushandlung und zur Beleuchtung der Hintergründe. Desgleichen kann keine Umweltarbeit stattfinden. Die Zusammenarbeit mit der Schule muss sich auf kurze Telefonate beschränken. Das, was hier als Sozialpädagogische Familienhilfe angeboten wird, ist ein Etikettenschwindel. Man könnte den Ansatz bestenfalls als Fallmanagement vor Ort bezeichnen.

 Gesellschaftswissenschaftliche und politische Analyse Hintergründe

  • Die immer weiter absinkenden Stundenzahlen für Sozialpädagogische Familienhilfe, die verkürzte Dauer der Hilfe und die Belastung der FamilienhelferInnen, innerhalb einer Vollzeitstelle (so es sie gibt) 9 Familien gleichzeitig betreuen zu müssen, führen zu einer fachlichen Verwässerung dieser Hilfeform und auch zu ihrer Pervertierung. Denn es gibt so nicht etwa nur „weniger SpFH“, sondern vielmehr etwas ganz anderes: Die Erziehungshilfemaßnahme Sozialpädagogische Familienhilfe verwandelt sich in eine Art Anleitung zur richtigen Erziehung, die auch kontrolliert wird und die bei ausbleibender Mitarbeitsbereitschaft oder bei Nichterfüllung der Auflagen zu Sanktionen und mehr Kontrolle, oder aber zum Abbrechen der Hilfe führt.
  • Das bedeutet, dass sich in der Praxis der ambulanten Erziehungshilfe ein Wandel vollzogen hat von der Hilfe zur Kontrolle, von der Arbeit mit den KlientInnen zur Arbeit an ihnen. Diese Hilfe, die eigentlich von der Beziehungsarbeit lebt, wird so gestaltet, dass genau das nicht mehr möglich ist. Diese Hilfe, die extrem sozialraumorientiert angelegt ist, wird so eingeengt, dass an eine Arbeit in und mit dem Sozialraum der Familie kaum noch gedacht werden kann. Was steckt dahinter?
  • Die angeblich hohen Kosten der ambulanten Hilfe zur Erziehung werden von der Politik nicht akzeptiert. Es wird alles daran gesetzt, dass diese Kosten gebremst werden bzw. deutlich zurückgehen. Dabei scheut man sich nicht, die Hilfen selbst inhaltlich kaputt zu sparen und fachlich auf den Kopf zustellen. Ein ernsthaftes Bemühen, Hilfe im Falle einer „Nichtgewährleistung einer dem Kindeswohl entsprechenden Erziehung“, d.h. im Fall unzureichender Sozialisationsbedingungen zu leisten, ist nicht mehr zu erkennen. Die Kontrollmöglichkeiten und die Chance, so die Kosten für eine stationäre Unterbringung einzusparen, scheinen die einzigen Motive zu sein, die noch zählen.
  • Dahinter steht zum einen das Sparkonzept der Ökonomisierung, das Rationalisierungen durchzieht, ohne darauf zu achten, dass die Inhalte erhalten bleiben.
  • Dahinter steht aber auch ein sinkendes Interesse der Politik an einer wirklich hilfreichen Hilfe zur Erziehung. Die SpFH ist nachweislich im Wesentlichen eine Hilfe für Familien mit ökonomischen und sozialen Problemen, also für einen Bereich der Gesellschaft, der nicht viel „Nutzen“ verspricht. Hier wird offenbar auf inhaltliche Qualität kein Wert mehr gelegt. Die formalistisch orientierten Qualitätsbemühungen lenken davon ab, dass die inhaltliche Qualität zunehmend zerstört wird oder schon worden ist.
  • Hier schimmert ein neues Menschenbild durch, das mit der Vorstellung des aktivierenden Staates und der Ökonomisierung der Gesellschaft Einzug gehalten hat und auch die Kinder- und Jugendhilfe massiv steuert.
  • Gegenwärtig findet, was die Kinder- und Jugendhilfe betrifft, ein massiver politisch forcierter Umbruch statt, der sich nach außen mit den Versprechungen einer sozialräumlichen Sozialarbeit schmückt und gleichzeitig auch tarnt. Diese Tarnung wirkt perfekt, denn die wenigsten durchschauen diesen Prozess. Faktisch geht es darum, durch neue Leitbilder wie die Sozialraumorientierung (oder auch die „Inklusion“) die ökonomisierte sozialer Dienstleistungsproduktion als „emanzipatorisch“ zu idealisieren.

Einschätzung der Reaktion und der Lage der betroffenen SozialarbeiterIn

Die Sozialarbeiterin sieht die Fehlentwicklungen glasklar. Und es ist für sie empörend und unerträglich, dass diese fachlich gesehen katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Familienhilfe vom Jugendamt nicht nur geduldet sondern auch forciert werden. Sie beklagt, dass sie gute Arbeit machen möchte, aber faktisch daran gehindert wird.

Sie schreibt ihre Einschätzung offenbar in die Berichte hinein, hat aber erfahren, dass dies keinerlei Wirkung hat. Die Struktur des Arbeitsvertrages sieht sozusagen schon vor, dass es möglich ist, vorübergehend mehr Stunden in eine Familie zu stecken. Das klingt im ersten Moment gut. Bedeutet aber, dass dann am Ende die Stunden fehlen werden. Der Arbeitgeber hat sich mit dieser Regelung die Klagen nach mehr Stunden einfach vom Hals wegorganisiert.
Was die Kollegin darüber hinaus plant oder versucht, um sich gegen diese Entwicklung zu wehren, wir nicht berichtet.

Grundsätzlich mögliche Handlungsperspektiven und Strategien der Gegenwehr im beschriebenen Beispiel

Möglichkeiten der Gegenwehr am Arbeitsplatz selbst:

  • Hier wäre ein „Beharren auf Fachlichkeit“ und das Bestehen auf den erforderlichen Rahmenbedingungen für diese anspruchsvolle sozialpädagogische Arbeit angezeigt:
    Widerstand am Arbeitsplatz bedeutet: fachlich nicht zumutbare Zustände und Herausforderungen offen aufzudecken und sich zu weigern, aktiv daran mitzuwirken (Das für diesen Widerstandsweg eine gute, reflektierte und selbstbewusste Fachlichkeit Voraussetzung ist, soll erwähnt, aber hier nicht weiter vertieft werden).
    Mit fachlichen Zumutungen sind unzureichende Zeitkontingente, mangelnde Kontinuität, Festschreibung der Methoden, Festlegung von Zielen u.ä. gemeint. Das alles sind sowohl für uns als Professionelle massive Behinderungen, die unsere Fachlichkeit beschneiden oder torpedieren, als auch Zumutungen für unsere Klientel. Denn die werden so um die ihnen zustehende Hilfe und Unterstützung weitgehend betrogen.
    Fachliche Zumutungen dürfen nicht einfach so hingenommen und geschluckt werden. Es ist z. B. widerständiges Verhalten, in solchen Fällen deutlich und klar zu einer gestellten Aufgabe Stellung zu beziehen und die Unzumutbarkeit oder die Unmöglichkeit unter den gegebenen Bedingungen klar zu stellen und zu begründen.
    Dadurch wird man Chefs oder GeschäftsführerInnen zwar nicht gleich zum Einlenken bewegen. Aber man behält selbst einen „geraden Rücken“ und hinterlässt immerhin beim Gegenüber die Erkenntnis: „Da gibt es SozialarbeiterInnen, die finden sich mit den bestehenden Verhältnissen nicht einfach ab“.
  • Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, sich widerständig zu verhalten: Man sollte immer die Ermessensspielräume voll ausschöpfen, Dienstanweisungen grundsätzlich hinterfragen, Dienst nach Vorschrift zu machen und die Folgen verdeutlichen, Bürokratieanforderungen nur soweit nachkommen, wie es die fachliche Arbeit nicht stört.
  • Wichtig wäre es auch, in Teamsitzungen kritische, auch unbequeme Fragen zu stellen, auch dann, wenn versucht wird, sie abzuwürgen oder wegzuschieben.
  • Man kann Vorgesetzte in fachliche Diskussionen hineinziehen. Gelegentlich gelingt es auch, Führungskräfte ins Boot zu holen.
  • Man kann bewusst gegen jedes Schönreden und Verharmlosen argumentieren.
  • Und nicht zuletzt: Ein solcher Widerstand am Arbeitsplatz ist natürlich um vieles wirksamer, wenn das ganze Team mitmacht oder wenn man gut mit Gleichdenkenden vernetzt ist. Es wäre von großer Bedeutung, wenn es gelänge, KollegInnen für diese Gegenwehr zu gewinnen.
    Das ist gerade im Rahmen der SpFH nicht leicht, da sehr oft völlig vereinzelt gearbeitet wird und KollegInnen sich bestenfalls zu Dienstbesprechungen sehen. Nicht umsonst gehört dieses Arbeitsfeld zu denen, in denen es nicht einmal fachlich orientierte überregionale Arbeitsgemeinschaften gibt, geschweige denn kritische Fachgruppen.
  • Nur gemeinsam wird man hier grundsätzlich etwas bei seinem Träger erreichen können. Besonders da, wo FamilienhelferInnen keine festen Verträge haben und als Stunden- bzw. Honorarkraft in Abhängigkeit vom Arbeitsanfall und den ihnen zugewiesenen Fällen arbeiten müssen, wäre ein Zusammenschluss von MitarbeiterInnen auf allen Ebenen dringend erforderlich: auf der Ebene des Trägers, auf der Ebene der Stadt oder Region über die Träger hinweg, als Fachgruppe in den bestehenden Interessen-Vertretungs-Organisationen etc. Dies gilt im Übrigen nicht nur für FamilienhelferInnen, sondern für alle EinzelfallhelferInnen, die zu den MitarbeiterInnen mit den ungeschütztesten, prekärsten und schlecht bezahltesten Arbeitsbedingungen im Sozialen Bereich gehören.

Über die Situation am Arbeitsplatz hinaus wäre politisches Engagement angesagt

Die Hintergründe für die fachlichen Fehlentwicklungen und strukturellen Zumutungen im Bereich der ambulanten Hilfen zur Erziehung sind nicht über den konkreten einzelnen Fall oder Träger zu erreichen. Hier haben wir es mit gesamtgesellschaftlichen Problemen zu tun: mit der Ökonomisierung, die zu Sparzwecken eingesetzt und die die ambulante Hilfe Zug um Zug zerstört und mit einem Menschenbild verbindet, dass es zulässt, Hilfen für sozial Benachteiligte nur noch proforma und im Wesentlichen als Kontrolle und Absicherung zu betrachten.

Diesen gesellschaftlichen Tendenzen kann nur durch eine starke politische Bewegung begegnet werden.
Hier sind die Interessenvertretungen der Sozialen Arbeit als mögliche Partner gefordert, wenn sie bereit sind, auch gesellschaftspolitisch zu wirken und sich nicht allein auf Fragen von Tarifen zu beschränken. Es wäre die Aufgabe des Berufsverbandes, über die direkte Interessenvertretung seiner Mitglieder hinaus, als sozialarbeiterische Instanz gesellschaftskritisch zu wirken.

Darüber hinaus befassen sich verschiedene Gruppierungen innerhalb der kritischen Sozialen Arbeit mit dem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund der Neoliberalisierung in unserer Profession und entwickeln Strategien der Gegenwehr und alternative Praxismodelle.

Für den Einzelnen (mit einer solidarischen Gruppe im Rücken) bedeutet das:

  • Sich einmischen in den Diskurs um die Hilfen zur Erziehung, um die Ökonomisierung und ihre Folgen für die Profession und die Gesellschaft.
  • Sich informieren und auseinandersetzen mit neueren Entwicklungen. Es gibt inzwischen etliche kritische SozialarbeiterInnen-Blogs. Es gibt das Bündnis Kinder- und Jugendhilfe – für Professionalität und Parteilichkeit und vieles mehr.
  • Stellung beziehen zu den Entwicklungen, Entscheidungen und Vorgängen, die wir tagtäglich beobachten. Das Wort ergreifen und als soziale Fachkraft unsere Meinung, unsere Einschätzung kundtun: im Gespräch mit Freunden, durch Leserbriefe, Aktionen, durch das Mitmachen bei Petitionen und durch die aktive Unterstützung solcher Initiativen der eigenen Organisation, z.B. des Berufsverbandes.

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Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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