Ehrlich gesagt hatte ich beim Schreiben meines dicken Buches den Eindruck, dass ich allen, aber auch allen vor das Schienbein trete und ich habe damit gerechnet, dass man versuchen wird, das Buch totzuschweigen, so wie man die Verhältnisse totschweigt.
Und zu einem Teil scheint sich diese Erwartung auch zu bestätigen.
Aber bei all den Rückmeldungen, die ich bisher für mein Buch und meine Aussagen erhalten habe – insbesondere auch jetzt nach dem TAZ-Interview – beschleicht mich ein überraschender Eindruck: Alle reagieren so, als hätte ich ihnen überhaupt nichts Neues erzählt, als wüssten sie es längst und ganz genau. Nur scheint es schon länger niemand mehr auszusprechen. Offenbar hat man gelernt, damit zu leben.
Ich weiß nicht so recht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Denn wenn alle doch Bescheid wissen und sich dennoch nichts bewegt, dann ist das schon gespenstisch.
Und ich frage mich fast besorgt: Was passiert mit dem, der das Tabu bricht und das laut ausspricht, was alle wissen aber dazu schweigen?
Vielleicht wird er gelobt.
Man dankt für den Mut.
Vielleicht ist fühlt man sich entlastet, weil doch noch jemand da ist, der es ausspricht.
Aber vielleicht dreht sich auch der Wind und man fühlt sich herausgefordert, überfordert oder gar beschuldigt?
Und vielleicht wird man mir dann vorwerfen, dass ich – in der unangreifbaren Sicherheit meiner RentnerInnen-Zeit – gut Lachen habe und locker Vorwürfe und Ratschläge verteilen kann, ohne beweisen zu müssen, dass ich es selbst anders könnte.
Und tatsächlich:
Ich weiß nicht, wie es mir ginge, wenn ich noch irgendwo in einer Hochschule säße und unter den gegebenen Bedingungen Seminare abhalten und Drittmittel einfordern müsste. Ich würde mich vermutlich kaum anders verhalten als die, denen ich jetzt aus der Ferne und mit dem Abstand anrate, etwas zu tun, etwas anders zu machen, sich zu wehren und die Wahrheit auszusprechen….. Aber vielleicht ist das eine Chance für unsere Profession, dass diejenigen mit Abstand auf die derzeitige Soziale Arbeit blicken können, die eben nicht (mehr) mitten in der Mühle stecken und Gefahr laufen, zerrieben zu werden. Sie können das ernüchternde und traurige Bild unserer Profession in aller Deutlichkeit erkennen und sie sind in der Lage, das Erkannte aufzuzeigen und damit ihre Bestürzung über die Tatsache zu vermitteln, dass dennoch fast niemand aufbegehrt, fast niemand der Wahrheit ins Gesicht sieht, fast niemand versucht, dem Spuk Einhalt zu
„Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute“ ist ein Buch, auf das ich schon lange gewartet habe, weil genau diese Entwicklung seit…