Politisch handeln und Widerstand leisten!

Vortrag für das überregionale AKS Treffen in Münster am 18.9. bis 20.9 2026

Man hatte mich zum AKS Treffen nach Münster eingeladen und dieser Einladung wäre ich sehr gerne nachgekommen. Leider zwingen mich verschiedene aktuelle körperliche Probleme zu Hause zu bleiben.
Deshalb möchte ich meinen vorbereiteten Vortrag wenigstens hier einstellen.

Was bedeutet es heute für kritische SozialarbeiterInnen, politisch zu handeln und Widerstand zu leisten?

Vor einigen Jahren habe ich vor SozialarbeiterInnen einen Vortrag gehalten mit dem Titel „Soziale Arbeit ist immer politisch, ob sie will oder nicht“. Und tatsächlich sind ja auch die Kolleginnen, die sich aus der Politik meinen heraushalten zu können, in hohem Maße politisch, weil sie auf diese Weise das mittragen und unterstützen, was von der herrschenden Sozialpolitik  angerichtet wird.

Aber das muss ich euch hier bei diesem Treffen sicher nicht erst sagen. Auf der zentralen Seite des AKS steht schließlich:
Gemeinsam ist uns, dass wir uns innerhalb der Kreise in kritischer Reflexion, Analyse und/oder widerständiger Praxis unterstützen und gemeinsam organisieren.

Aber was bedeutet das? Wogegen gilt es heut Widerspruch einzulegen, widerständig zu sein?

Vorweg muss ich eines klarstellen:
Ich weiß, eine der größten Befürchtungen gerade vieler kritischer Sozialer ArbeiterInnen richten sich auf die sogenannte Gefahr von rechts.
Ich muss euch sagen: Ich fürchte mich weniger vor einer Gefahr von rechts außen als vor der Gefahr, der wir längst ausgesetzt sind. Was nämlich derzeit unter dem Stichwort der „Sozialreform“ entwickelt wird und mit aller Macht versucht wird, durchzubringen, das ist das Ende des Sozialstaates, wie wir ihn kennen und wie wir ihn für unsere Arbeit brauchen – zumindest der Anfang vom Ende. Soziales ist nicht mehr Anliegen derer, die uns regieren. Soziales wird an den Rand gedrängt und soll so kostengünstig sein, wie nur eben möglich.

Liebe KollegInnen, den wenigsten ist wirklich kar, was die neoliberale Ideologie gerade für unseren Beruf bedeutet. Als der Neoliberalismus Ende des letzten Jahrhunderts salonfähig wurde und sozusagen zur Staatsdoktrin im gesamten europäischen und transatlantischen Westen erhoben wurde, war eine der klaren und unmissverständlichen Forderungen an die Regierungen, in ihren Ländern die Sozialleistungen deutlich zu reduzieren. Die Agenda 21 folgte dann als einer der ersten Schritte in diese Richtung.
Heute erleben wir einen weiteren Schritt, der inzwischen offen und ohne jede Scheu vollzogen werden soll. Herr Merz und seine Regierungsmannschaft bringen diesen Auftrag jetzt auf den Punkt. Und es ist ja nicht Herr Merz persönlich und allein.

Tatsache ist, dass wir inzwischen eine neoliberale Transformation in der Sozialen Arbeit haben, die dazu führt, dass zwischen dem, was wir als professionelle und ethische Perspektive in der Sozialen Arbeit gelernt und verinnerlicht haben und was wir eigentlich wollen und dem was uns die neoliberal gesteuerte Soziale Arbeit in der Praxis abverlangt, zum Teil massive Widersprüche bestehen. Aber damit nicht genug.

Aber sehen wir uns einmal genauer an, was derzeit auf der politischen Bühne vergehandelt wird:

„Die Zeit des Wohlstandes ist vorbei. Jetzt müssen wir den Gürtel eben enger schnallen.“ Es muss gespart werden. Die Menschen werden damit konfrontiert, dass eine harte Zeit auf sie zu kommt. So sagt man uns von morgens bis zum Abend……..
Das tut unserer Arbeit und unserer Klientel verdammt weh. Aber wenn wir uns beklagen, heißt es gleich:
„Aber es müssen ja alle sparen. Jeder muss dazu beitragen. Und wir verteilen diesen Anspruch, kürzer zu treten auf alle Bereich der Gesellschaft….

Die Äußerung, die Kürzungen würden gerecht verteilt, weil alle davon betroffen sein werden, würde nur stimmen, wenn vor den Kürzungen die Ressourcen in diesem Land gerecht verteilt waren. Aber denen etwas wegzunehmen, die ohnehin so gut wie nicht haben, bedeutet, sie existentiell zu gefährden.
Interessant aber außerdem: Die gegenwärtigen Sparpläne setzen gezielt und zu allererst darauf, zu sparen wo es aus ihrer Sicht am einfachsten ist – nämlich im Sozialen Bereich also da, wo die Betroffenen am hilflosesten sind und sich am wenigsten wehren können. Außerdem hat das Sparen am Sozialen für den neoliberalen Staat den großen Vorteil, dass man dabei sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann: Man kann zum einen Geld sparen (und dass das zum Teil noch nicht einmal sehr bedeutende Beträge sind ist nicht so wichtig, denn der zweite Grund ist noch viel interessanter)  denn man kann gleichzeitig die  Teile der Gesellschaft, die man im Neoliberalismus nicht braucht und haben will noch weiter auszugrenzen und verdrängen und sie sogar einem Generalverdacht aussetzen, der ihnen ihre Würde und Souveränität nimmt.

Man kann sich fragen, warum das alles nicht zu einem Sturm von Widerspruch und Widerstand führt. Ganz allmählich wird hier und da doch Kritik laut. Aber sie ist nicht so scharf und so laut, wie es hier eigentlich nötig wäre. Aber abgesehen von den ganz aktuellen kritischen Äußerungen von Sozialverbänden und politischen Kontrahänden: Wie reagieren die Betroffenen, wie die Bevölkerung – und schließlich wie reagieren wir selbst auf diese Herausforderung??

Die meisten Betroffenen, auch im Bereich der Sozialen Arbeit,halten die Luft an und hoffen, dass es sie nicht so sehr trifft.
Viele sagen immerhin laut und deutlich, dass in ihrem Bereich Sparen nicht einfach gar nicht möglich ist. Zu Recht.
Aber was wird uns erwidert?
„Aber das sagen alle, das sagen die anderen auch! Jeder ist der Meinung, bei ihm sei Sparen nicht machbar. Wer soll dann entscheiden, wer geschont werden darf?“

Diese Argumentation lähmt sehr oft unseren Kampfwillen, denn man will ja nicht den andere was wegnehmen. Denn wir wissen, die anderen, die Kollegen der anderen Bereich haben ja Recht. Es fehlt überall. Die Decke ist zu kurz. Wenn sie an einer Stelle herangezogen wird, dann fehlt sie an anderer Stelle. Es stimmt ja: Die da drüben und die hier vorne sind doch genauso betroffen.

Aber wenn man doch als Einrichtung zum Beispiel um sein Überleben kämpfen muss? Wenn man sich einsetzt für die eigenen Interessen, weil es gar keine Alternative zu geben scheint? Wenn man versucht sich durchzusetzen und deutlich zu machen, dass das Sparen bei einem selbst weniger akzeptabel ist als anderer Stelle? Vielleicht hat man ja sogar Recht? Dann ergeht es uns mit einiger Wahrscheinlichkeit so, wie den MitarbeiterInnen eines Jugendzentrums, von dem ich neulich hörte:
Weil ihnen eine empfindliche Stellenkürzung durch die Stadtverwaltung angedroht worden war, kämpften sie ein ganzes Jahr lang hoch engagiert, mit lauter kreativen Einfällen und lauten, sichtbaren und viel beachteten Aktionen in ihrer Stadt, um die Stadtväter und -Mütter davon zu überzeugen, dass die Stellenkürzung, die für ihr Zentrum vorgesehen war, nicht vollzogen werden dürfe. Und tatsächlich hatten sie Erfolg. Die Kürzungspläne wurden zurückgezogen.
Das Ganze hatte nur leider einen kleinen Nebeneffekt: Genau die Stellenkürzung, die eigentlich für ihr Zentrum vorgesehen war, traf dann ein anderes Jugendzentrum in der Stadt.  Hier geriet der Kampf um die Verhinderung von Kürzungen, ohne dass es gewollt war, zum Konkurrenzkampf. Und die Stadtväter lächelten in sich hinein. Was hier stattgefunden hat ist die beliebte Strategie „Teile und Herrsche.“ Jeder gegen jeden. Wer da am Ende der Lachende ist, ist klar.
Das Sparen hat man damit nicht bekämpft. Das wird erbarmungslos weiter vorangetrieben.

Politisch handeln, Widerstand leisten bedeutet also:
nicht isoliert für seine eigen Sache zu kämpfen, sondern gemeinsam und solidarisch aufzutreten.
Also kämpft man zusammen und fordert das notwendige Geld, protestiert gegen die Stellenkürzungen, fordert eine bessere Bezahlung usw. Sehr gut und sehr angebracht.

    Aber frage ich: ist das alles? Ist es damit getan? Ich denke, politischer Widerstand, wie er sich der AKS ja auf die Fahnen geschrieben hat, der geht anders.  
    Der Kollege Meyer hat in seinem Vortrag eben sehr deutlich gemacht, dass die gegenwärtigen Sparmaßnahmen nicht einfach Sparmaßnahmen sind, sondern ganz klar verbunden sind mit der Absicht, einen ernsthaften ideologischen Perspektivenwechsel durchzusetzen.
    Es geht darum, die Menschen daran zu gewöhnen, dass der Staat ihre Bedürfnisse und Interessen nicht mehr so wichtig nimmt – wie sie sagen : sie leider nicht mehr so wichtig nehmen kann – . Es geht um eine grundsätzliche Veränderung der Sicht auf die Bedarfe der Bevölkerung, ein sich Freisprechen von der Verpflichtung, ihre Daseinsvorsorge abzusichern, ihre Würde zu beachten. Und das trifft natürlich diejenigen Teile der Bevölkerung am härtesten, die über die wenigsten eigenen Ressourcen verfügen, die nicht leistungsstarken, die sozial benachteiligten – also genauer gesagt – unsere Klientel.

    Dieser sozialpolitische Perspektivwechsel ist zwar keineswegs neu. Es ist die neoliberale Ideologie vom aktivierenden Staat, die schon seit etlichen Jahren immer stärker in die Gesellschaft eingedrungen und für viele inzwischen ganz selbstverständlich geworden ist und die auch unsere Profession immer weiter transformiert hat. Aber so unverhohlen, so offen menschenverachtend, wie es die jetzige Regierung macht, das ist tatsächlich neu.
    Hinter diesen Sparmaßnahmen und der Sozialstaatsreform steht eine sozialpolitische  Absage an unsere professionelle Ethik, die wir als kritische SozialarbeiterInnen nicht entnehmen können.

    Was aber hieße in der gegenwärtigen Situation dann „widerständiges Handeln“?
    Entscheidend ist, ob es im Kampf gegen die angekündigten Sparmaßnahmen gelingt, nicht einfach nur um Geld, um Stellen, um Mittel  zu kämpfen, indem man den Mangel und seine direkten Folgen aufzeigt. Es ist notwendig, gleichzeitig den dahinterstehenden ideologischen Absichten und Vorstellungen den Kampf anzusagen und beide Ebenen miteinander in Verbindung zu bringen.

    So darf zum Beispiel eine Überlastungsanzeige nicht als Ausdruck der persönlichen Überforderung der Mitarbeiterin im Raum stehen bleiben oder einfach als Zeichen, dass es zu viele Aufgaben gibt oder zu wenig Zeit zur Verfügung steht, sondern muss dezidiert aufführen, welche unzumutbaren und die eigentlichen Aufgaben der Sozialen Arbeit konterkarierenden Arbeitsbedingungen für diese Überlastung verantwortlich sind und welche Ideologie dazu führt, solche Bedingungen zuzulassen oder bewusst herzustellen.

    So wäre zum Beispiel der Kampf um die seit Monaten verweigerte Wiederbesetzung von freigewordenen Stellen um Allgemeinen Sozialen Dienst nicht einfach nur mit der Überlastung der MitarbeiterInnen und der Unmöglichkeit, den anstehenden Aufgaben gerecht zu werden zu begründen, sondern es müsste hinterfragt werden, ob den Verantwortlichen klar ist, was  sie mit ihrer Handlungsverweigerung bei den MitarbeiterInnen und den betroffenen KlientInnen anrichten, und ob es tatsächlich ihre Absicht ist, diese Menschen von Hilfe auszuschließen und wie sie das verantworten wollen.

    Auf diese Weise hätte der Kampf gegen die aktuellen Sparmaßnahmen eine sehr viel politischere Dimension und würde die eigentliche Gefahr, der wir zurzeit ausgesetzt sind, endlich auf die Tagesordnung setzen.

    Denn diese Gefahr wird nicht gesehen.
    Zum einen wird sie von den Akteuren in unserer Regierung und den sie stützenden Medien verschleiert. Meines Erachtens wird dabei die Angst vor der sogenannten rechten Gefahr ganz gezielt genutzt und geschürt, um von der weitreichenden Gefahr abzulenken, die von der ganz offiziellen gegenwärtig herrschenden Politik schon lange und in letzter Zeit unverblümt ausgeht.

    Zum anderen sind es die Menschen selbst, die diese Zusammenhänge nicht sehen wollen oder können und die Verschleierung einfach hinnehmen. Sie wollen und können sich einfach nicht vorstellen, dass ihre Regierung irgendetwas tun könnte, was dem Volk vielleicht schadet. So sagte vor einiger Zeit eine mir nahestehende Person zu mir: „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass eine Regierung etwas tun wird, was ihrer eigenen Bevölkerung schaden kann.

    Man kann das naiv finden, oder ärgerlich oder auch überraschend.

    Aber speziell was unsere Profession betrifft ist es eigentlich nicht überraschend:
    Man darf nicht vergessen – und  man muss es auch wissen und realisieren – dass die Anfänge der Sozialen Arbeit am Beginn der Industrialisierung nicht Folgen einer aktiven Arbeiterbewegung waren, sondern dass vielmehr es von Anfang an dabei um die Antwort des Staates auf die damalige “Soziale Frage“ ging, also seine Reaktion auf  das Elend der neuentstandenen en Industriearbeiterschaft, welches für den kapitalistischen Staat und seine Regierung zwei Gefahren mit sich brachte, die es galt, aus dem Weg zu räumen. 1. Eine Verelendung der Arbeiter hätte bedeutet, dass sie als Arbeitskräfte nicht mehr geeignet gewesen wären. 2. Eine Arbeiterschaft, die bereit und in der Lage gewesen wäre, sich aufzulehnen und zu revoltieren, hätte die junge kapitalistischer Wirtschaft und ihre Regierung existentiell bedroht.

    Der Auftrag an die Soziale Arbeit bzw. ihre Vorgängerin war es deshalb immer und ist es bis heute geblieben, sich um die Menschen zu kümmern, die nicht zurechtkommen in dieser Gesellschaft, sie zu unterstützen. Und dieser Auftrag war nie humanistisch oder von mir aus auch christlich motiviert. Es ging und geht nur darum, Menschen bei der Stange zu halten. Sie sollten nicht unbrauchbar werden als Arbeitskräfte und als Konsumenten. Und bei dem staatlichen Auftrag ging es des Weiteren darum, durch die Linderung der größten Not und durch die Befriedigung der wichtigsten Bedürfnisse zu verhindern, dass diese Menschen bereit waren, aufzubegehren oder gar zu revoltieren.

    Das ist der bis heute bestehende Widerspruch in den Aufgaben jeder SozialarbeiterIn, dass sie – durchaus im Auftrag des Staates – mit Problemen ihrer Klientel kämpft aber gleichzeitig dafür sorgen muss, dass diese Menschen nicht anfangen, sich gegen den Verursacher ihrer Probleme zu wenden. Und es ist nicht besonders verwunderlich, dass SozialarbeiterInnen, die sich in einer solchen widersprüchlichen Abhängigkeit vom Staat befinden, sich schwer damit taten und tun, genau diesem Staat die Zähne zu zeigen. Es war immer schwer, sich von den staatlichen Ansprüchen und Vorstellungen zu distanzieren oder gar in Widerspruch zu gehen.

    Es sit auch heute und vielleicht gerade heute besonders schwer.

    Und die meiste Zeit in der Geschichte der Sozialen Arbeit verhielt sie sich angepasst und in Übereinstimmung mit dem, was der Staat von ihr erwartete. Das ist sozusagen der Normalzustand der Sozialen Arbeit, dass sie mehr oder weniger brav und angepasst das macht, was von ihr verlangt wurde. Phasen des verdeckten oder sogar offenen Widerstandes waren selten.

    Werfen wir einen Blick auf die heutige Situation! Wie sieht es heute aus
    Wird nicht heute von der Mehrheit der Wissenschaftlerinnen und genau so der Praktikerinnen, die neoliberalen Transformation ihrer Profession achselzuckend hingenommen? Beschränkt sich mögliche Kritik gegenüber den staatlichen Rahmenbedingungen nicht immer auf Symptome wie fehlendes Geld, Stellenkürzungen, zu geringe Entlohnung und so gut wie nie auf die all diese Symptome verursachende neoliberale Rechtfertigung. Und werden heute die Bestrebungen, vom Staat als systemrelevant anerkannt zu werden, nicht um ein Vielfaches heftiger artikuliert als das Bedürfnis, die Fehler und Gefahren eben dieses Systems aufzuzeigen?

    Karin Kersting, eine Kollegin von mir aus der Pflegewissenschaft, hat einen sehr interessanten Artikel geschrieben, in dem sie die verschiedenen Bewältigungsstrategien beschreibt, die Menschen entwickeln und zwar gar nicht mal bewusst sondern auch unbewusst, um mit einem Widerspruch fertig zu werden, den sie in ihrem Berufsalltag vorfinden: nämlich dem Widerspruch zwischen ihren eigenen professionellen und ethischen Ansprüchen und dem was in der Wirklichkeit zum Beispiel jetzt an neoliberalen Herausforderungen tagtäglich auf sie zukommt.

    Als Pflegewissenschaftlerin richtet sie ihre Überlegungen natürlich zunächst in Richtung Pflege und es geht ihr um den massiven Widerspruch zwischen dem, was die Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen in ihrer Ausbildung hinsichtlich eines humanen Umgangs mit ihren PatientInnen vermittelt bekommen und dem, was die neoliberale Krankenhaussituation davon noch übriglässt. Und sie beobachtet, dass die meisten trotz dieses eklatanten Widerspruchs letztlich doch irgendwie damit klarkommen und damit umgehen können, ohne ins Burnout zu fallen und ohne ihren Job hinzuschmeißen.

    Kersting hat im Rahmen ihrer Forschungen eine ganze Reihe von sogenannten „Bewältigungsmechanismen“ herausgefunden und beschrieben, die zum Teil darauf beruhen, dass die Widersprüche einfach gar nicht wahrgenommen oder geleugnet werden. Andere Bewältigungsmechanismen bestehen z.B. in dem Versuch, durch Gedankenspiele oder Selbstbetrug oder etwa durch Verschiebung der Verantwortung für die Lösung des Problems auf andere diese Widersprüche klein zu reden und scheinbar lösbar zu machen. Eine Bewältigungsstrategie ‚Widerstand“ kommt dabei auch vor, ist aber nur eine Variante unter sehr vielen anderen Möglichkeiten.

    Ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen lassen sich hervorragend auf die Situation in der Sozialen Arbeit übertragen. Auch hier läuft in den allermeisten Fällen bei den von solchen Widersprüchen betroffenen SozialarbeiterInnen über die entsprechenden Bewältigungsmechanismen das ab, was Kersting als „emotionale Desensibilisierung“ bezeichnet, was so viel bedeutet wie ein „sich immun Machen gegen Erkenntnisse und Erfahrungen, die einen sonst berühren könnten und dazu führen würden, das eigene Verhalten zu überdenken.

    Vielleicht klingt das alles für den einen oder anderen harmlos. Vielleicht denkt macher: ‚Na und? Das ist doch nicht so schlimm. Hauptsache man kümmert sich um seine KlientInnen. Diese ganze Hintergrundideologie-Sache ist doch für das, was man als SozialarbeiterIn machen muss, eher zweitrangig.‘

    Harmlos kommen einem diese Bewältigungsmechanismen und die so entstehende emotional Desensibilisierung aber sofort nicht mehr vor, wenn wir uns konkrete Beispiele aus der Geschichte der Sozialen Arbeit ansehen, in denen von unserer Berufsgruppe genauso gedacht und gefühlt wurde:
    Werfen wir kurz einen Blick auf das Verhalten der überwiegenden Zahl der Fürsorgerinnen zur Zeit des deutschen Faschismus.
    Als die bestehende Fürsorge damals vom Staat kassiert wurde, hat diese sich bzw. haben sich meisten Fürsorgerinnen in allerkürzester Zeit angepasst und die Aufgaben übernommen, die die Behörden des faschistische Staates von ihnen verlangten: Auf der einen Seite war es ihre Aufgabe, die arische Bevölkerung zu unterstützten. Z.B war das Fürsorgewesen im Bereich der Ferienerholung für Kinder und Mütter bzw. Familien sehr ausgebaut und großzügig ausgestattet. Und auf der anderen Seite haben sich die damaligen Fürsorgerinnen keineswegs geweigert, Menschen auszugrenzen, zu stigmatisieren und ihre Vernichtung vorzubereiten, von denen man ihnen sagte, sie seien nicht lebenswert.
    Sie haben sich damit beruhigt und zufrieden gestellt, dass sie weiterhin ihre Aufgabe erfüllen, Menschen zu helfen. Politik war eben nicht ihre Sache.  

    Es gibt Interviews mit früheren Fürsorgerinnen, – diese Interviews sind inzwischen auch schon wieder 30 Jahre her, als diese Frauen noch lebten, – wo sie gefragt wurden, wie sie heute ihre damalige Rolle sehen und bewerten. Fast alle waren nach wie vor der Meinung, dass sie sich nichts hätten zu Schulden kommen lassen, weil sie ja erstens abhängig waren von dem, was ihnen gesagt wurde, und zum zweitens, weil sie ja schließlich ihre fürsorgerische Aufgabe erfüllt hätten, nämlich Menschen zu helfen. Und als die Interviewerin sie damit konfrontierte, dass sie sich sehr wohl mitschuldig gemacht hätten, z.B. an der Zwangssterilisation und auch an der Euthanasie von angeblich unwerten Menschen, indem sie deren Schicksal durch ihre Unterschrift besiegelten,  wiesen sie das weit von sich. „Das haben wir doch nicht zu verantworten. Das wurde uns doch so vorgeschrieben…. Wir haben uns nur um die Menschen gekümmert, die uns brauchten…“

    Geht uns das heute noch was an?

    Ich hab mal in einem Vortrag vor Sozialarbeiterinnen  den Anwesenden über diese Interviews berichtet und danach eine futuristische Geschichte aus dem Jahr 2050 angefügt – die nach dem fiktiven Niedergang des neoliberalen Zeitalters spielt -, wo das Tribunal einer neu gegründeten UNO die frühere Sozialarbeiterin Corinna P. befragte, warum sie im Jahre 2017 im Fall Marianne K. kein Einspruch erhoben habe, als diesem Kind von der wirtschaftlichen Jugendhilfe und ihren Vorgesetzten aus rein finanziellen Gründen eine Hilfe verweigert wurde, obwohl sie als Sozialarbeiterin ganz klar der Meinung war, dass die Hilfe dringend nötig wäre. Das Tribunal warf der Sozialarbeiterin Kindeswohlgefährdung und unterlassene Hilfeleistung vor.  Corinna P. war völlig entsetzt und sagte: „Aber das war damals doch so. Damals war doch so wichtig, dass Hilfen nicht viel kosteten.  Und das haben doch nicht wir entschieden.“

    Ich frage mich, ich frage euch heute: wer sagt uns, wie Sozialarbeit zu gehen hat? Wer sagt uns, welche ethischen Prinzipien in der Sozialen Arbeit entscheidend sind? Der Staat?
    Wer ist dieser Staat? Es sind politische Vertreter von Parteien, die Interessen vertreten und es sind keineswegs immer die Interessen des Volkes. Und dass sie mal gewählt worden sind, das erlaubt ihnen noch lange nicht, anschließend mit dem Volk machen können, was sie wollen.

    Wir sind für das, was wir tun auch selbst verantwortlich. Wir können uns nicht darauf berufen, dass man uns das angewiesen hat oder dass man unsere Meinung nicht hat hören wollen.  

    Ich fasse zusammen:
    Wie also sähe ein Widerstand aus, der wirklich politisch ist?

    1. Nicht bescheiden versuchen, doch noch möglichst ein Stück vom Kuchen abzubekommen und dann froh und dankbar sein, dass man nicht ganz abgeschafft wurde.
    2. Sich solidarisch verhalten gegenüber anderen Einrichtungen, anderen Bereichen der Sozialen Arbeit, gemeinsam kämpfen mit allen, die ebenfalls kaputtgespart werden sollen, sich zusammenschließen und sich nicht auseinanderdividieren lassen.
    3. Sich und der Öffentlichkeit klar machen, dass es bei dem, was unsere Regierung mit ihrem Volk gerade versucht, nicht darum geht, hier und da ein bisschen zu sparen, sondern dass hier ein Generalangriff versucht wird auf die Lebenschancen und die Menschwürde vieler Teile der Bevölkerung, dass es zum Beispiel darum geht, Kindern aus ärmeren Verhältnissen gleiche Entwicklungschancen von vorneherein wegzunehmen, dass sogar versucht wird, Menschen, die wegen ihrer  materiellen Bedürftigkeit in Abhängigkeit zum Staat geraten sind, unter Generalverdacht zu stellen, ihre Erziehung nicht verantwortungsvoll ausüben zu können. 
    4. Nicht einfach nur um Geld, um Stellen, um Mittel  kämpfen, indem man den Mangel aufzeigt. Es geht auch darum, die Gründe zu benennen, die hinter den Sparabsichten stecken. Es ist unbedingt notwendig, gleichzeitig den dahinterstehenden ideologischen Absichten und Vorstellungen den Kampf anzusagen und beide Ebenen miteinander in Verbindung zu bringen.

    Und schließlich noch etwas, etwas sehr Wichtiges, ein weiteres Kriterium für politischen Widerstand:

    • Die Behauptung, dass kein Geld da ist, darf nicht einfach hingenommen werden. Vielmehr ist aufzuzeigen, warum das so ist.
    • Es wird gespart, weil kein Geld da sei, heißt es. Aber das Geld ist da, es wird nur an einer anderen Stelle ausgegeben.
      Und das wissen alle. Aber es wird darüber nicht gesprochen. Es wird geschwiegen. Es wird hingenommen. Es wird als Tabu behandelt.

    Die Regierung und ihre Medien erzählen uns von morgens bis abends, dass wir bedroht werden von einem Angriffskrieg und dass wir keine andere Wahl hätten, als im Zweifel alles, was wir haben, dafür herzugeben, damit sich unser Staat auf diesen Krieg gut vorbereiten kann, indem er die größte Militärmacht Europas wird. Und diese unhinterfragte und unhinterfragbar Notwendigkeit wird dargestellt, als handele es sich dabei um eine nicht abwendbare Naturkatastrophe. Tatsächlich aber ist es die Folge der politischen Entscheidung, statt mit Diplomatie und Verhandlungen, mit Völkerverständigung und Aushandlungen der Interessen drohenden Kriegsgefahren entgegenzutreten, vielmehr mit einer immer größeren Aufrüstung, mit immer mehr Waffen und mit ständiger Eskalation von Gewalt einschließlich der Schaffung von Feindbildern, wie sie vor 80 Jahren auch bestanden haben.
    Seit geraumer Zeit wird diese angebliche Notwendigkeit, dass dieses viele Geld für Krieg und Aufrüstung gebraucht wird, in die Tat umgesetzt und es wird nicht nur von allen verlangt, sich als kriegstüchtig zu erweisen. Auch die Wirtschaft, das Gesundheitswesen, das Verkehrswesen, sie alle werden in Richtung Kriegsvorbereitung umgestaltet. Es wird vor uns nicht halt machen.
    Und das verschlingt sehr viel Geld.

    Aber diese angebliche Notwendigkeit wird gehandhabt, wie ein unbestreitbares Dogma und wer auch nur fragt, ob es nicht noch andere Möglichkeiten gäbe, einen Krieg zu verhindern als diesen durch endlose Aufrüstung und einen würdelosen Hass auf Feindbilder zu produzieren, der hat schon verloren, denn dann ist er rechts, ein Putin Freund, ein Antisemit usw…  
    Das aber ist äußert praktisch, denn weil dieses Tabu so perfekt funktioniert und aufrecht erhalten wird, halten alle die Luft an, wenn es um Sparmaßnahmen geht und wenn es heißt, es muss gespart werden. Denn daran darf nicht gerührt werden.
    Es hat ja in der allerletzten Zeit endlich sogar einige Kritik an den Spar-Plänen unserer derzeitigen Regierung geben. Aber ich habe so gut wie nie jemand erwähnen hören, dass das fehlende Geld anders wo ausgegeben wird und wo.

    Liebe Kollegen
    ich habe überlegt ob ich in meinen Vortrag so weit gehe und das hier anspreche, also meinerseits hier dieses Tabu breche. Ich bin mir darüber im Klaren, dass dieses Tabu bei vielen wahrscheinlich auch hier besteht wie in der gesamten Gesellschaft.

    Ich habe neulich im Radio eine Sendung gehört, in der erzählt wurde, dass in der katholischen Kirche die große Mehrheit die massive Aufrüstung begrüßt und der Meinung ist, dass ein Krieg nur durch noch mehr Waffen und noch mehr Gewalt beendet werden kann. Offenbar ist das christliche Gebot der Feindesliebe irgendwie abhanden gekommen. Und nur noch eine kleine Minderheit der Katholiken hält die kopflose Überzeugung für falsch und gefährlich ist, dass ein Krieg unbedingt kommen wird und muss und es keinen anderen Weg gibt, diesen Krieg zu verhindern als den, ihn mit allen Mitteln immer besser vorzubereiten. Eine katholische Frau wurde befragt und sie sagte der Reporterin: „Natürlich werden wir uns da nicht heraushalten. Wenn wir im Krieg gebraucht werden, sind wir da. Wir sind immer auf der Seite der Menschen in Not. Und ob es um Krieg oder Frieden geht, das ist dann nebensächlich.“

    Da musste ich plötzlich an die Fürsorgerinnen im Faschismus denken, die auch der Meinung waren, sie hätten doch immer nur den Menschen gedient, der Rest wäre nicht ihre Sache gewesen. Und in dem Moment habe ich mich entschlossen, das auch hier anzusprechen. Denn ich fürchte, genau so kann es wieder laufen, wenn nicht viele von uns langsam begreifen, was hier läuft.

    Der 5. Punkt der Bedingungen für einen angemessenen politischen Widerstand, den ich euch deshalb ans Herz legen möchte, heißt:
    Der Kampf gegen den Sozialabbau muss einhergehen mit dem Kampf gegen die Hintergründe und Ursachen dieses Sozialabbaus.

    Und einer der wesentlichen Hintergründe ist es, dass das Geld der Steuerzahler hierzulande für andere Zwecke und Ziele beschlagnahmt wird als für das Wohl der Bevölkerung, und zwar für Zwecke, die statt Frieden und Wohlstand für die Menschen zu sichern, Elend und Tod über sie bringen kann.   

    Das kann einer kritischen Sozialen Arbeit nicht egal sein.

    Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit

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    Über m.s.

    Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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