„Es wird Zeit, dass ich mal wieder einen Artikel schreibe.“
A. brachte mich in Basel am letzten Tag zur Bahn und erzählte auf dem Weg zum Bahnhof v0n ihrer Arbeit.
Sie hat eine leitende Position in einer Einrichtung der ambulanten Arbeit mit behinderten Erwachsenen. Sie hätte sich gar nicht um den Posten bemüht, aber eines Tages sei ihre Chefin auf sie zugekommen und habe gesagt: „Du hast immer so gute Ideen, wie es anders sein könnte. Ich glaube du würdest unserer Arbeit gut tun!“.Da hätte sie sich nicht lange bitten lassen.
Das erste, was sie in der neuen Position getan hat, war, über die prekäre finanzielle Situation in ihrem Arbeitsbereich einen saftigen Artikel zu schreiben, der veröffentlicht wurde. Sie hatte deswegen bald ein persönliches Gespräch mit dem Geldgeber, der versuchte, ihr klar zu machen, dass es so nicht ginge. Sie habe ihn herausgefordert, über den Inhalt ihres Textes mit ihr zu dskutieren.
Ergebnis: Er hat sie 4 Jahre lange nicht gegrüßt. Jetzt im 5. Jahr grüßt er sie.
Ich musste lachen. „Aber so weit ich es sehe, ist in der Behindertenarbeit die neoliberale Entwicklung noch vergleichsweise wenig fortgeschritten, oder?“, sagte ich.
Jetzt lachte sie. „Von wegen! Dass, was Sie gesagt haben, dass nur die Starken gefördert werden, dass es immer nur darum geht, die Starken zu unterstützen und zu Menschen zu machen, die Leistung erbringen, das ist bei uns inzwischen genau so an der Tagesordnung- und das, obwohl unsere Menschen weit davon entfernt sind, leistungsstarke Kunden werden zu können. Allein die Geschichte mit dem „persönlichen Budget“, wie es in Deuschland genannt wird, lässt doch die, die mit der damit verbundenen Bürokratie und der Aufgabe, sich selbst entscheiden und kümmern zu müssen, hoffnungslos überfordert sind, hilflos zurück. Das ist eine Illusion und letztlich ein Sparprogramm…“
Dennoch, A. ist sich manchmal nicht sicher, ob sie wirklich richtig liegt. Sie habe Angst, durch ihre Aktivitäten und ihre „Rebellion“ die Lage ihres Trägers zu erschweren, den reibungslosen Ablauf zu stören und bekäme dann ein schlechtes Gewissen.
Mein Vortrag aber, so sagte sie mir am Schluss, hätte sie ermutigt und ihr gezeigt, dass sie goldrichtig liege. Wer sich erpressen und einschüchtern lässt von dem Auftrag, den neoliberalen Apparat am Laufen zu halten, der könne keinen Widerstand leisten.
Es sei wohl an der Zeit, dass sie wieder mal einen saftigen Artikel schreibe – dieses Mal über die sozialpädagogisch unsinnige und kontraproduktive Tendenz, nur die behinderten Menschen zu fördern, bei denen man denkt, man könne bei ihnen „Stärke“ entwickeln…
Recht hat sie.
Liebe Melina, ganz spontan und auf die Schnelle: Wer mein neues Buc liest, wird dort gerade zu diesem Thema viel…