Studiengebühren, teures Kamera-Equipment, unsichere Berufsperspektive …. mein Stiefsohn studiert Fotografie. Und er schafft es, schon während des Studiums von seiner Fotografiererei einigermaßen gut zu leben, sehr flexibel, sehr unsicher, aber im Endeffekt gar nicht so schlecht. Er findet das alles so auch ganz o.k. und kommt damit zurecht. Wenn auch das Studium aus seiner Sicht immer mehr zu einem Elitestudium geworden ist, das sich nur Kinder von Eltern erlauben können, die entsprechende auch finanzielle Unterstützung erwarten können. Nur einige wenige sind da, die haben es schwer, müssen ihren ganzen Lebensunterhalt während des Studiums erarbeiten… Aber letztendlich: „Wer sich anstrengt und ein bisschen flexibel und phantasievoll ist, der bekommt das hin“.
Natürlich, viele, vor allem junge Leute, können mit diesen Anforderungen und Erwartungen leben und zurecht kommen. Wenn die notwendigen Ressourcen da sind und gemehrt werden können , ist schon ein Auskommen mit den Erwartungen unserer Gesellschaft.
Wehe denen, die das nicht können, ja die nicht einmal die Voraussetzungen haben, es versuchen zu können…..
Da hat man nun so ein Kind in die Welt gesetzt und man ist gespannt, wie es sich durchschlagen wird…
Ich bin nicht eine von denen, die alle Tage solche Bücher schreiben (können), zumal in dieses Buch die Erfahrungen einer langen Praxis- und Lehrezeit in der Sozialen Arbeit eingegangen sind und vor allem auch ein langer, mühsamer Prozess der Erkenntnis, was eigentlich zur Zeit da draußen wirklich passiert.
Es ging mir nicht um einen neuen wissenschaftlichen Beitrag zur Problematik. Da gibt es viele und begnadetere AutorInnen. Ich wollte ein Buch schreiben, mit dem vor allem die Betroffenen, die PraktikerInnen etwas anfangen, wo sie sich und ihre Situation wiederfinden können, ein Buch, das sie aufklärt aber auch stark werden lässt und das ihnen sowohl die Notwendigkeit zur Gegenwehr verdeutlicht als auch Mut dazu macht.
Die Rezension, die Maren Schreier jetzt im socialnet veröffentlicht hat, erfüllt alle meine Hoffnungen und Erwartungen. Bei ihr ist jede Botschaft genau so angekommen,w ie sie von mir gemeint und intendiert war.
Bis hierhin habe ich – ich gestehe es ein – den mühsamen Weg meines Schwarzbuches hinein ins Buchleben genau und fast akribisch verfolgt, habe den Amazon-Verkaufsrang aufgerufen, habe genau registiert, wer etwas dazu gesagt hat, welche KollegIn sich lobend, interessiert oder abwertend geäußert hat, habe mich über Zustimmungen und Lob von Studierenden und PraktikerInnen gefreut, habe die kleinen Rezensionen, die hier und da erschienen sind, mit Stolz und Erleichterung gelesen, habe mit Befriedigung registriert, dass sich insbesondere die Gruppen und KollegInnen angesprochen fühlen, die selber an der gegenwärtigen Situation in der Sozialen Arbeit leiden und etwas tun, sich zur Wehr setzen möchten. Andererseits habe ich mich über so manches Schweigen gewundert.
WissenschaftlerInnen verhalten sich bis heute zurückhaltend, so als wüssten sie nicht genau, wo und wie sie mein Buch einordnen sollen. Vielleicht ist es für sie irgendwie verdächtig, wenn Inhalte verständlich und anschaulich dargestellt werden.
Auch meine alten KollegInnen aus der Jugendhilfe schweigen sich aus. Möglicherweise ist es ihnen unangenehm, dass sie als mein Erfahrungs- und Lernhintergrund zitiert werden. Vielleicht erscheinen ihnen aber meine Analyse und meine kritische Sicht auch als Schwarzmalerei, die in schweren Zeiten eher zu einer Bremse als zum Motor des Fortschritts werden könnte. Ich weiß, wer mitten in der Praxis sitzt und sich redlich bemüht, gegen die Widrigkeiten der Wirklichkeit zu kämpfen, gesteht sich nicht gerne ein, dass die Windmühlen sich immer weiter drehen und sich einen Dreck darum scheren, dass man sie im Visier hat.
Einzig eine meiner früheren KollegInnen hat mein Schwarzbuch auf 5 Seiten kommentiert und als Vorlage für eine persönliche Rückbesinnung auf ihr eigenes Berufsleben im Jugendamt genutzt – und ist dabei zu interessanten Ergebnissen gekommen.
Ich wünsche meinem Schwarzbuch weiterhin viel Erfolg und überlasse es nach der Rezension von Maren Schreier mit aller Gelassenheit und Zuversicht darauf, dass es dazu beitragen wird, die allgemeine Angepasstheit unserer Profession infrage zustellen, weiterhin den Lesern und allen, die es nutzen wollen.
Diese Frage wurde auf unserer Veranstaltung am 5.5. immer wieder gestellt.
Für mich – und ich denke auch für die anwesenden Gewerkschaftsvertreter (Kollege König von ver.di und Kollegen Schmidt und Helwig von der GEW) sowie für den Vertreter des DBSH, Herrn König – wurde klar, dass es für die heutige Generation der Studierenden im Osten Deutschlands ganz und gar nicht selbstverständlich ist, von diesen Organisationen etwas Hilfreiches und Unterstützendes zu erwarten. Es fehlt nicht nur Wissen über die Existenz und Funktion dieser Verbände, sondern auch so etwas wie ein „Urvertrauen“ darein, dass eine politische Interessenvertretung durch Organisationen wie Gewerkschaften und Berufsverbände einen Sinn machen könnte. Es gibt hier offenbar keinen Bekanntheitsbonus und keine Vorstellung von der Notwendigkeit berufspolitischer Organisation. „Ich trete grundsätzlich nicht so schnell in Vereine ein, warum sollte ich das hier tun?“, fragte eine Studentin.
Es gilt für Gewerkschaften und Berufsverband deshalb also, ganz von vorne anzufangen, sich bekannt zu machen, die eigene Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz sowie den Nutzen für die Sozialarbeitenden nachzuweisen. Hiermit sollte man an den Hochschulen anfangen. Aber erst dann kann erwartet werden, dass KollegInnen und evtl. auch schon Studierende eine entsprechende Organisation für sich in Betracht ziehen.
Grundsätzlich ist es erst einmal wichtig, für die Studierenden und die PraktikerInnen die Notwendigkeit des Sich zur Wehrsetzens zu vermitteln, den Zugang zum „Gemeinsam-sind-wir- stark“ erlebbar zu machen und die gegebenen Verhältnisse in der Gesellschaft und konkret in der Sozialen Arbeit als politisch gemacht zu enttarnen und damit als prinzipiell politisch veränderbar zu identifizieren. Hierzu können die Verbände beitragen aber z.B. auch die Hochschulen, die solche Fragen schon in den ersten Semestern aufgreifen sollten.
Vor allem aber müsste sich eine Art „Graswurzelbewegung“ kritischer Studiernder und PraktikerInnen entwickeln. Das kann den Betroffenen keiner abnehmen, weder die Verbände noch die Hochschulen, sie können nur Anregungen geben und entsprechende Initiativen unterstützen.
Es ist entscheidend, dass Studierende und vor allem PraktikerInnen anfangen, sich auszutauschen, und zwar über ihre Träger, ihre Einrichtungen und über Arbeitsfelder hinweg. Die Loyalität zum Träger, der selber finanziell in der Klemme steckt, die Eingebundenheit in die Unternehmen, in die sich all die ehemalig gemeinnützigen Einrichtungen verwandeln mussten und die Vorstellung, dass Sozial Arbeitende in unterschiedlichen Praxisfeldern kaum gemeinsame Interessen haben, all das verhindert zur Zeit das Wachsen eines selbstbewußten, kritischen und offensiven Bewußtseins in der Sozialen Arbeit.
Für solche kritischen Arbeitsgruppen einer Stadt oder eines Landkreises könnten dann wieder die Verbände Rückhalt und Unterstützung bieten. Aber das ist m. E. erst der zweite Schritt. Am Anfang steht m. E. die Einsicht, dass es einen Sinn macht, sich unter kritischen SozialarbeiterInnen zu vernetzen, sich gegenseitig zu unterstützen, zu informieren, auszutauschen und gemeinsame Strategien und Taktiken zur Durchsetzung ihrer Interessen und zur Durchsetzung von mehr Professionalistät und Fachlichkeit zu entwickeln.
Die Veranstaltung war gut, ein erster Schritt und es sollen weitere folgen. Aber dennoch msus ich meinem Erschrecken einmal Luft machen:
Das, was ich unter den Studierenden wie unter den PraktikerInnen erlebe, kommt mir manchmal tatsächlich vor wie eine Art politischer Analphabetismus. Als müsse eine Sprache, ein Art zu denken, eine bestimmte Interaktion und Kommunikation ganz von vorne neu erlernt werden!
Einengungen, fachliche Umsteuerungen, eingreifende finanzielle Einschränkungen und all die Herausforderungen der Ökonomisierung und des aktivierenden Staates in der Sozialen Arbeit werden als unveränderlich angesehen, werden wie Naturkatastrophen kommuniziert und beklagt oder hingenommen.
Die Ideologie, die der aktivierende Staat verbreitet, ist bei einer Berufsgruppe in den Köpfen angekommen und bei den meisten VertreterInnen voll internalisiert, die wie keine andere Berufsgruppe tagtäglich mit den Folgen gesellschaftlicher Verwerfungen konfrontiert ist und für die es eigentlich selbstverständlich sein müsste, dass für Problemlagen ihrer Klientel nicht nur persönliche Defizite sondern auch gesellschaftliche Verhältnisse verantwortlich sind. Der Staat, die Politik zieht sich aus der Verantwortung und verbreiten die Mär, sie hätten mit all diesen Problemlagen nichts zu tun. Es entwickelt sich zunehmend in der Sozialen Arbeit wie auch insgesamt in der Gesellschaft ein Tabu: Die gesellschaftlichen Ursachen werden aus dem Blick gerückt, verleugnet, und die Gesellschaft entzieht sich der Verantwortung und lastet sie den einzelnen Individuen auf. Auch Sozial Arbeitende verlernen, die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe der Problemlagen ihrer Klientel und die ihrer Profession zu erkennen.
Im Rahmen meiner Erfahrungen mit den Studierenden der Sozialen Arbeit, mit PraktikantInnen, mit Studienanfängern, mit Masterstudenten und mit denjenigen, die kurz vor dem Berufseintritt stehen und plötzlich mit gerunzelter Stirn auf das schauen, was sie in der Praxis erwartet, mache ich mir immer wieder Gedanken über die Frage, wie es in dieser Profession zu einer derartigen Entpolitisierung hat kommen können. Könnte man das ändern? Ist es derzeit überhaupt änderbar?
Die Erfahrungen mit diesem politischen Analphabetismus sind alltäglich und vielfältig:
·Qualitative Interviews mit BerufspraktikerInnen im Rahmen einer Masterarbeit brachten zu tage, dass und wie sich Sozial Arbeitende verhalten, wenn sie die Veränderungen und Herausforderungen in ihrem Arbeitsfeld zu spüren bekommen. In unterschiedlichen Feldern waren die Veränderungen deutlich zu spüren. Aber ihr Hintergrund wurde weder reflektiert noch wurden Begründungen gesucht. Verantwortlich waren für die PraktikerInnen eher vordergründige Faktoren, der schlechte Leiter, die organisatorischen Umstellungen, das knappe Geld. Die Strategien zur Bewältigung dieser Stressfaktoren, die z.B. im Allgemeinen Sozialen Dienst als besonders belastend und heftig erlebt wurden, schwanken zwischen dem Bemühen Probleme und Belastungen sowie Veränderungen positiv für sich umdeuten und dem Versuch, die Probleme mit Einsatz der eigenen Kräfte und vielleicht noch mit Unterstützung des Team auf sich zu nehmen und irgendwie damit fertig zu werden. Anpassung könnte man zu beiden Strategien sagen.
·Die Diskussionen auf unserer Veranstaltung Meine Rechte im Beruf über die z.T. skandalösen Arbeitsbedingungen von Sozialarbeitern endeten letztlich immer wieder bei der real erlebten Erkenntnis, dass ein sich Wehren oder Forderungen Stellen nur dazu führt, dass Mittel und Ressourcen an einer anderen Stelle gekürzt werden. Das sich zusammen Tun klappt nicht, weil sich die Teammitglieder nicht einig sind in der Einschätzung der Lage und immer einige eher mit der Leitung oder dem Träger zusammen stecken, als dass sie bereit sind im Kollegenkreis Solidarität zu üben.
Nicht selten führt ein sich Wehren oder Fordern deshalb ganz direkt und konkret zur Gefährdung des eigenen Arbeitsplatzes.
·Und wer da wirklich helfen kann, darüber bestehen kaum Vorstellungen und keinerlei Wissen. Was z.B. Gewerkschaften sind und was sie für KollegInnen tun können, entzieht sich meistens der Kenntnis. Davon haben sie weder in der Schule etwas gehört noch im Studium bisher. Und offensichtlich werden solche Kenntnisse auch nicht über Medien oder Eltern vermittelt.
·Außerdem besteht meiner Erfahrung nach im Osten unseres Landes bei den Wenigsten so etwas wie ein Urvertrauen gegenüber Gewerkschaften oder Berufsverbänden. Man glaubt gar nicht, dass die wirklich etwas für einen tun können und wollen. Der Weg dorthin ist deshalb so unendlich weit und von Hindernissen verstellt, weil man nicht einfach auf so einen Verband zugehen kann und will. Denn man hat schließlich Zweifel, ob er sich vom Schäferhundverein oder irgendeiner beliebigen anderen Interessengruppe unterscheidet.
·Die Verbände haben das nicht begriffen. Sie selber haben den Eindruck, etwas anzubieten, Einsatz und Hilfestellungen als ihre Dienstleistungen bereit zu halten. Sie verstehen nicht, dass es zumindest im Osten darüber hinaus nötig ist, das Vertrauen der potentiellen Mitglieder überhaupt erst einmal zu wecken und zu gewinnen.
Es besteht ein weit verbreitetes Grundgefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Man ist ohnmächtig, weil man alleine ist, aber als Kollektiv fühlt man sich genauso ohnmächtig. Und es gibt keine Ideen, wie man sich zusammenschließen könnte, wie man sich als kritische Gruppe vor Arbeitgebern und Ideologen schützen könnte, wo man sich Bündnispartner holen kann usf.
Es besteht allerdings auch kaum eine Vorstellung darüber, was politischer Kampf bedeutet: nämlich Geduld, Zähigkeit, Mut und die Erfahrung der eigenen Stärke und des aufrechten Ganges, sowie die Erfahrung der Solidarität in der gemeinsamen Gegenwehr. Gemeinsame politische Arbeit durchaus macht auch Spaß. Aber sie erfordert Engagement und die Entscheidung, etwas einzusetzen (z.B. Zeit und Kraft) und auch etwas zu riskieren.
Aber es geht auch heute. Unsere Gruppe hat es gezeigt.
Sie war sehr erfolgreich und gut besucht (über 50 Studierende, 6 ProfessorInnen, ein knappes Dutzend Ehemalige). Die Verbände waren alle vertreten und haben sich bereit gefunden, statt lange Vorträge über sich zu halten, mit uns zu diskutieren, sich die Fragen und Forderungen der Studierenden anzuhören und ihre Hausaufgaben mit zu nehmen. Es wurde drei Stunden diskutiert, es wurden Probleme aufgeworfen, Fragen gestellt und Ideen entwickelt. Die Arbeitsgruppe hat sich vergrößert und wird am Ball bleiben. Eine wichtige Aufgabe wird es sein, jüngere Matrikel in diese Thematik einzubinden, denn die Anwesenden waren fast alles Studierende des Diplomstudienganges in den Abschlusssemestern. Was ist mit unseren gestressten Leuten vom Bachelor-Studiengang, was mit den nachrückenden Jahrgängen?
Die Rückmeldung der TeilnehmerInnen war sehr positiv. Nicht nur die Organisation wurde in den grünen Klee gelobt (war auch super, hat richtig Spaß gemacht!) auch der Verlauf und die Inhalte wurden von fast allen als interessant und wichtig bezeichnet. Drei Teilnehmer haben uns explizit für die Veranstaltung gedankt!
Manche hätten sich aber doch mehr konkrete Informationen über die Verbände und über die Unterschiede zwischen ihnen gewünscht und mehr konkrete Informationen über die Rechte am Arbeitsplatz. Das lässt sich ja gut nachholen.
Für unsere FH kam die klare Botschaft: Kümmert euch um die (berufs-)politische Bildung eurer Studierenden, überstützt sie mit Informationen, mit politischen Themen in den Seminaren, macht die berufspolitischen Anligen zum Thema in Reflexionen und in Projekten.
in der „Denkpause“ am Büffet
In einigen Tagen wird sich die Arbeitsgruppe zur Auswertung und weiteren Planung bei einem gemütlichen Arbeitsessen treffen.
Es hat ja alles eigentlich auch erst eben angefangen .
Dennoch hat mich diese Veranstaltung sehr nachdenklich gestimmt.
Darüber demnächst.
2. Besteht die Gefahr, dass wir das hier an der FH Gelernte in der Praxis gar nicht mehr anwenden können, weil die Praxis qualifizierte und professionelle Soziale Arbeit überhaupt nicht mehr will und gebrauchen kann? ?
Wie kann qualitative Soziale Arbeit gewährleistet werden?
Wo finde ich als Berufstätige eine Lobby für gute und anerkannte Soziale Arbeit?
bei unserer Veranstaltung soll es nicht einfach um eine Infomationsveranstaltung zum Thema Gewerkschaften und Berufsverband gehen. Die sind unsere Gäste und von Ihnen wollen wir einiges wissen. Mit ihnen wollen wir diskutieren:
Z.B.
Sind wir als SozialarbeiterInnen zum Prekariat abgestempelt?
Wie können wir uns zur Wehr setzen gegen prekäre Arbeitsverhältnisse?
Wer schützt mich?
Wer unterstützt mich?
Wer setzt sich für meine Rechte ein? Wo kriege ich Hilfe?
Wie könnte eine Unterstützung durch diese Verbände für uns aussehen?
Wie kann es heute gelingen, werdende Soziale ArbeiterInnen wieder für politische Fragen und für kritische Positionen aufzuschließen und die Bereitschaft zu unterstützen und zu fördern, sich zusammen gegen das zu wehren, was man nicht akzeptieren kan?
Ich habe vor einem Jahr begonnen, an unserer FH einen Schritt in diese Richtung zu tun. Wir haben vor ca. 2 Jahren als geschlossene Fachgruppe Soziale Arbeit eine Zukunftswerkstatt gestartet, über die ich hier ausführlich berichtet habe. Danach war zwar in vielen Seminaren Manches Thema, was vorher kaum denkbar war und es wurden immer wieder Diskussionen geführt über die Frage, was eine Politisierung der Sozialen Arbeit und der Sozialarbeitenden eigentlich bedeuten würde. Aber alles blieb nur im Seminarrahmen.
Irgendwann im letzten Jahr habe ich dann versucht, anknüpfend an das große Interesse an der damaligen Zukunftswerkstatt und an einem meiner Seminare mit dem schönen Titel: „Aktivierung- oder wie man in alte sozialpädagogische Schläuche neoliberalen Essig füllt““, Studenten zu einer Arbeitsgruppe zu anzuregen, die sich um weitere Schritte Richtung Aktivierung (in unserem Sinne) der Studierenden bemüht.
Von Anfang an bestand die Idee, eine Veranstaltung zu organisieren, bei der Studierende u. a. mit VertreterInnen des Berufsverbandes und der Gewerkschaften diskutieren könnten, welche Möglichkeiten für gemeinsame, kritische Zusammenarbeit entwickelt werden können: jetzt, im Studium und vor allem in der Zeit nach dem Examen, nämlich in der Praxis.
Schon bei den ersten Überlegungen wurde deutlich: wenn die anderen Kommilitonen erreicht werden sollen, müssen Wort vermieden werden, die heute offenbar abschreckend wirken: also Worte wie „kämpfen“,“Gewerkschaften“, selbst das Wort „Politik“. Anknüpfen müsse man, so die StudentInnen, an der ganz persönlichen Betroffenheit, an der Angst, später im Berufsleben als isolierte Einzelkämpfer unter die Räder zu kommen, im Prekariat zu enden oder Soziale Arbeit unter Bedingungen machen zu müssen, die eine qualifizierte und für Klienten parteiliche Arbeit gar nicht ermöglichen. Das haben wir nun also versucht.
Nächste Woche wird diese Veranstaltung stattfinden. Unsere Gäste sind eingeladen und werden kommen. Wir haben im Fachbereich ausführlich für diese Veranstaltung geworben und uns viele Gedanken um die Gestaltung und den Ablauf gemacht – und was danach vielleicht möglich sein wird.
Ich habe mich, als Professorin, immer wieder versucht, weitgehend aus den Aktivitäten zurückzunehmen und die Verantwortung und die Initiative den Studierenden zu überlassen. Das ging nicht immer. In den ersten Monaten war es fast unmöglich, mit den noch übrig gebliebenen, zwar hoch motiviertenaber arbeitsmäßig total überlasteten StudentInnen überhaupt mal einen gemeinsamen Termin in der FH zu finden. Und wenn wir einen gefunden hatten, musste der erste schon nach einer halben Stunde wieder gehen und der nächste konnte erst nach einer dreiviertel Stunde dazustoßen…. Die zunächst sehr schleppenden Rückmeldungen von Seiten der angesprochenen Gewerkschaften und des DBSH frustierten und enttäuschten die Studenten außerdem sehr.
Irgendwann hatte ich die glorreiche Idee, meinen Samstag Morgen zu opfern und als Termin – mit Arbeitsfrühstück – in meinen 4 Wänden anzubieten. Siehe da, da konnten sie alle.
Fortan wurde die Arbeit gezielter, die Absprachen im Forum unseres Stud IP wurde dichter, verlässlicher und schneller, jeder übernahm verantwortlich Aufgaben die auch prompt erledigt wurden. Unser Werbeplakat ist schön geworden, auffällig, ungewöhnlich und interessant. Die StudentInnen, die ursprünglich in der AG mitgemacht hatten, trudeln allmählich wieder ein. Unser Fachbereichsrat hat die Veranstaltung empfohlen und angeordnet, dass keinem Studierenden die Teilnahme zum Nachteil werden darf (etwa, wenn er dafür ein Seminar nicht besuchen kann)….
Hallo liebe Freunde und LeserInnen dieses Blogs, die ihr von nah oder ferne mit verfolgt habt, wie ich in den letzten 2 Jahren an meinem „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ geschrieben habe. Das Buch ist jetzt auf dem Markt.
Thema: Die Veränderungen und Zumutungen für die Soziale Arbeit durch Ökonomisierung und den aktivierenden Staat.
Wenn man so will, ist es mein „Schwanengesang“ auf eine lange Berufszeit im Bereich Soziale Arbeit. Gleichzeitig ist es ein Versuch, mich in die kritische Diskussion um den gegenwärtigen Zustand der Sozialen Arbeit einzubringen und sie für Studierende und PraktikerInnen erfahrbar und verständlich zu machen. Ich hoffe, dass die sozialpädagogischen WissenschaftlerInnen mir meine pupulär-wissenschaftlichen Ambitionen verzeihen. Ich denke aber, dass dieses Buch neben seinen anschaulichen Elementen (Beispiele und eigene Erfahrungen aus meiner 18 jährigen sozialpädagogischen Praxis) auch eine Menge zur theoretischen Diskussion beiträgt.
Das Buch enthält u. a. ca. 50 anonymisierte Praxisbeispiele, die u.a. von Studierenden unseres Fachbereiches zusammengetragen wurden.
22,50 Euro, 300 Seiten
ISBN-10: 3531154923; ISBN-13: 978-3531154923,
Inhalt:
Soziale Arbeit was ist das eigentlich?
Persönliche Erfahrungen
1.1 Aufgaben- und Problemstellungen
1.2 Ein kritischer und selbstkritischer Blick auf die Außenwahrnehmung der Sozialen Arbeit
1.3.Geschichte der Sozialen Arbeit
1.4 Die Profession Soziale Arbeit
1.5 Soziale Arbeit zwischen Menschen und System
1.6 Was professionelle Soziale Arbeit leisten kann
1.7 Soziale Arbeit und Ökonomisierung ein Ausblick
2 Veränderte Gesellschaft: Der Markt ist alles
PersönlicheErfahrungen
2.1 Der Markt übernimmt die Regie
2.2 Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen für die Menschen
2.3 Folgen der Veränderungen für sozial Benachteiligte
3 Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit
Persönliche Erfahrungen
3.1 Chancen der Ökonomisierung aus Sicht der PraktikerInnen
3.2 Die Vermarktlichung der Sozialen Arbeit
3.3 Effektivität, Effizienz und Kostensenkung als zentrale Ziele
3.4 Folgen von Effizienzdominanz und Kostendämpfung für die Praxis
3.5 Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit
3.6 Wirkung, Ergebnisqualität und Evidenzbasierung
3.7 Effiziente und ineffiziente Kunden eines Marktproduktes
4 Aktivierungspolitik und Soziale Arbeit
Persönliche Erfahrungen
4.1 Der aktivierende Sozialstaat
4.2 Umdeutung sozialpädagogischer Grundbegriffe
4.3 Bruch mit dem Gesellschafts- und Menschenbild der Aufklärung
4.4 Abkehr von Klientenorientierung und Parteilichkeit
4.5 Leugnung gesellschaftlicher Ursachen von individuellen Problemlagen
4.6 Entwissenschaftlichung der Sozialen Arbeit
5 Was wird aus der Profession Soziale Arbeit?
Persönliche Erfahrungen
5.1 Veränderungsdruck und Bewältigungsstrategien
5.2 Forderungen für eine offensive Professionspolitik
5.3 Widerstand und Handlungsmöglichkeiten
5.3.1 Berechtigte Kritik oder die Verfechter des ewig Gestrigen?
5.3.2 Verantwortung der kritischen Wissenschaft
5.3.3 Strategieebenen kritischer Sozialer Arbeit
5.3.3.1 Reflexivität
5.3.3.2 Beharren auf sozialpädagogischen Positionen
5.3.3.3 Repolitisierung der Sozialen Arbeit
5.3.4 Von der Reflexivität zum politischen Handeln
Liebe Ann-Christin Gericks, so macht dieser Beruf keine Freude, nicht wahr? Aber denoch bin ich davon angetan, dass Sie schreiben,…