Kulturchipkarte oder Kulturschock?

   Kultur ist, wie der Mensch lebt…..

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12 Meter langes Wandbild in einem 13stöckigen Haus in einem sozialen Brennpunkt in Wiesbaden – hergestellt von 25 Kindern und einem Künstler in den Herbstferein 1990. Das Thema: „Wie wir leben möchten“ war vorgegeben, die Kinder konnten Entwürfe einreichen. Das Ergebnis ist eine Mischung als Traum und Wirklichkeit. Zum Kunstwerk entstand bei  Kindern und erwachsenen Hausbewohnern eine hohe Identifikation. Das Bild hängt bis heute unangetastet im Foyer des Hochhauses. 

Den armen Kindern soll nun geholfen werden, das BVG hat es ja befohlen und unsere Familienhelferin vom Dienst, Frau von der Leyen hat die Lösung bei der Hand:
Ganz im Sinne des aktivierenden Staates sollen diese Kinder und Jugendlichen  eine Chance bekommen , die sie dann nur noch ergreifen müssen: die Bildungschipkarte. Wer das nicht will, wer das nicht kann oder z.B. im Rahmen von familiärer Loyalität nicht darf, hat dann eben Pech gehabt.

Dass hier einmal wieder die „Erziehung der Armen“ betrieben werden soll, der Versuch, diese oder wenigstens ihre Kinder auf dem kürzesten Wege hinzuführen  zu den Kulturgütern, die in unserer Gesellschaft als die wichtigen, richtigen, wertvollen erachtet werden, um sie zu den Bildungsanstrengungen zu bewegen, die für die Leistungsträger dieser Gesellschaft obligatorisch sind, ist das eine. Seit PISA beginnen einige Verantwortliche in dieser Gesellschaft zu ahnen, dass sie es sich nicht leisten können, die gesamte Nachkommenschaft der „Unterschicht“  links oder rechts liegen zu lassen. Die Intelligenteren von ihnen stellen doch immerhin ein Humankaital da, das man nutzen müsste. Sie sollen jetzt eine Chance bekommen für den kulturellen und sozialen Aufstieg. Was aber ist mit denen, die diesen Zugang nicht finden? Was ist mit denen, die lieber mit der Clique an den Haltestellen herumstehen, anstatt Violine zu lernen? Pech gehabt. Sie hatten ihre Chance.

Die Kritik an dieser Idee ist  vielfältig und kritische Bemerkungen kommen von allen Seiten:

  • Z.B. sind Mittagessen und Nachhilfe  erst einmal lebensnotwendige Güter, die – wenn diese Gesellschaft es ernst meint mit der Förderung von Bildungschancen – nicht gegen Gutschein, sondern kostenlos zu liefern sind für diejenigen, die das Geld dafür nicht haben.
  • Richtig ist auch, dass solche pauschalen Lösungen unsinnig sind. Was Kinder brauchen, ist individuell festzustellen und nicht dadurch zu lösen, dass man allen ein wenig aber keinem genug gibt.  Wie gestern im Radio ein Reporter zu Recht bemerkte: Für 4,75 Euro im Monat kann niemand Nachhilfeunterricht bezahlen. Und wer keinen braucht, der braucht auch diese 4,75 Euro nicht dafür.
  • Sport und Kulturangebote müssten zudem, soll der Bildungsgutschein einen Sinn machen, auch überall vorhanden sein. Statt dessen wird seit Jahren gerade in der Jugendarbeit gespart, gekürzt, werden ganze Einrichtungen geschlossen. Ein ungedeckter Gutschein aber ist wertlos. Es wäre also erst einmal notwendig,  Angebote flächendeckend und hinreichend auszubauen, wieder einzurichten und außerdem personell entsprechend auszustatten.
  • Dass hier pauschal allen Hartz IV Familien unterstellt wird, dass sie das Geld, wenn es denn Bargeld wäre, verprassen, verrauchen, vertrinken würden und man deshalb die elterliche Verantwortung und Entscheidung für die Bildung ihrer Kinder per Staat an sich reißt, ist ein weiterer massiver und berechtigter Kritikpunkt.

Natürlich gibt es auch solche Eltern und ganz sicher wird es die Kinder geben, die ihren Gutschein verfallen lassen oder ihn an andere, kulturinteressierte Kinder der ärmeren Mittelschichten verhökern. Ebenso wird es bestimmt auch den Fall des Kindes aus armen Verhältnissen geben, das sich auf diese Weise seinen alten, von der eigenen Familie vielleicht nie verstandenen Traum erfüllen kann, Posaune oder Klavier zu lernen.

Selbstverständlich kann es nicht darum gehen, die Kultur- und Bildungsgüter unserer Gesellschaft denen vorzuenthalten, die dazu keinen eigenen, intrinsischen Zugang haben. So würde man die  längst bestehende Zweiklassen-Kultur zementieren.
Ihnen aber die Kultur- und Bildungsgüter unserer Gesellschaft   einfach aufzudrücken, wäre manipulativ und patriarchialisch, abgesehen davon, dass es nicht gelingen würde. Und es ist ebenso absurd, das Problem dadurch lösen zu wollen, dass man ihnen nun  den kostenlosen Zugang zu solchen Bildungs- und Kulturgütern ermöglicht, obwohl man doch genau weiß, dass für viele von ihnen z.B. der Besuch einer Musilkschule eher als Kulturschock erlebt, denn als Kulturchance begrüßt und wahrgenommen würde.

Der Plan von Frau von der Leyen investiert mal wieder nur in diejenigen, die mit der größten Wahrscheinlichkeit in der Lage sind, die Chance zu nutzen. Und er rührt keinen Finger für den Rest, der dieses Angebot nicht für sich nutzen kann und wird. Damit grenzt dieser Plan an Betrug und Selbstbetrug, so als würde man jemandem einen schlichten, geschliffenen Edelstein hinzuhalten, obwohl man genau weiß, er steht auf glitzernden, leuchtenden Glasperlen (zumal die Gesellschaft alles tut, um ihnen weiterhin Glas- und Plastikperlen anzudrehen) und dann, wenn er den Stein uninteressiert liegen lässt, zu sagen: selber schuld!
Der Vorschlag macht sich die Lösung des Problems viel zu leicht, er ist vor allem viel zu kurz gegriffen. Denn abgesehen von der dringenden Notwendigkeit einer Sozial-, Jugend- und Familienpolitik, die den (Wieder)auf- und Ausbau von kulturellen und außerschulischen Bildungsangeboten massiv betreibt, ginge es vor allem darum, Kultur und Bildung auch denen zugänglich zu machen, die dazu eine große Distanz haben und die sich nicht im Entferntesten damit identifizieren.
Das freilich ist nicht mit einem hingehaltenen Bildungsgutschein zu erledigen. Das hieße vor allem, ihnen eigene, authetische Erfahrungen zu ermöglichen, also Erfahrungen, die für sie anschließbar und in ihr Bewußtsein und Selbstbild integrierbar sind und die für sie einen erlebbaren Nutzen bringen. Erst so würden bei der großen Masse der „armen Kinder aus bildungsfernen Schichten“ die kulturellen und die Bildungsbedürfnisse entstehen, die die von der Leyen-Chipkarte  unsinnigerweise bei allen Kindern und Jugendlichen bereits voraussetzt.

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Der flächendeckende Ausbau von klassischen Musikschulen wäre deshalb z.B. nicht der geeignete Weg.
Es gab vor vielen Jahren, in den 80ern, in NRW zu dieser Frage das interessante Bildungsmodell „Jugendkunstschule“ (als sozial- und bildungspolitische Alternative zur klassischen Musikschule), bei dem Kinder aller Schichten, und insbesondere Kinder aus den Familien, die wir heute so schön „bildungsfern“ nennen, mit großem Erfolg angesprochen und gefördert wurden. Die Jugendkunstschulen arbeiteten sozialpädagogisch und setzten dabei die künstlerischen Formen und Medien ein, ohne sie aber zu reinen Aufhängern für ihre Pädagogik zu machen. Es ging sehr wohl um Kunst, um Theater, um Malen, um Musikmachen, um Filmen, um handwerkliche und ästhetische Gruppenprojekte. Und außer SozialpädagogInnen waren etwa zur Hälfte KünsterInnen als MitarbeiterInnen in diesen Modelleinrichtungen beschäftigt. Schließlich gab es durchaus auch die Möglichkeit, sich künstlerisch gezielt auszubilden und – ähnlich wie an klassischen Kunst- und Musikschulen – in der gewünschten Kunstform künstlerische und musikalische Leistungen zu erzielen. Das aber war nur eine Variante der Ziele und Angebote. Vor allem ging es um ästhetisches Lernen in Verbindung mit sozialem Lernen und mit der Chance, sich durch die künstlerischen Angebote und Aktivitäten mit dem eigenen Leben und mit der Gesellschaft und ihren Problemlagen auseinanderzusetzen. Kinder aus „bildungsfernen Milieus“ fühlten sich hier zu Hause und erwünscht und hatten hier ihre ersten und oft sehr nachhaltigen Erlebnisse im Umgang mit Kunst und Bildung. Die Eltern waren erst einmal nur froh, dass ihre Kinder sich mit etwas Sinnvollem beschäftigten. Den Wert der Jugendkunstschulen für ihren Nachwuchs haben auch sie erst nach und nach erkannt und dann z.B. mit Staunen verfolgt, wie  mutig und schier verwandet ihr Kind auf der Theaterbühne stand oder wie es mit Ernst und  ungewohnter Selbstsicherheit die riesige Gruppencollage präsentierte, bei der es mitgewirkt hatte.

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Der Modellversuch ging ins Land, es erschien darüber ein Buch, er wurde wohlwollend aufgenommen und dann aber mehr oder weniger gezielt vergessen: Eine Regel-Übernahme dieses Konzeptes wäre natürlich zu teuer geworden und die Lobby der klassischen Kunst- und Musikschulen wäre auf die Barrikaden gegangen. Und so bleibt die Jugendkunstschule – bis auf einige wenige Beispiele, die das alte Konzept auch heute noch umzusetzen versuchen und für sozial benachteiligte Kinder z.B. nur 50% der sonst geforderten Beiträge erwarten – eine Erinnerung, eine leider verpasste große Chance. Solche Angebote – natürlich kostenfrei für Kinder aus den benachteiligten Familien und überall erreichbar -, liebe Frau von der Leyen, die würden schon eher greifen und für die „Kinder der Armen“ im Sinne des BVG eine Verbesserung ihrer kulturellen Bildungslage und ihrer Bildungschancen bedeuten.
Sie aber erfordern nicht nur, dass die Regierung für ihre Kinder und besonders die Minderjährigen aus den Hartz-IV Familien endlich „mehr Geld in die Hand nimmt“, sie erfordern vor allem, dass die Kinder der „bildungsfernen Schichten“ in ihren Bildungs- und kulturellen Bedürfnissen politisch und sozialpolitisch wirklich ernst genommen würden und ihre Förderung auf eine Weise geschähe, die sie tatsächlich erreicht, ohne sie zu diskriminieren, zu beschämen und ohne ihnen ihre Identität zu nehmen.

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Gefährliche Lösungen in Sicht…

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Eine Gesellschaft aber, die meint, Menschen wie Abfallprodukte wegwerfen zu können, darf sich schließlich nicht wundern, wenn am Ende rechte Ideologien bei denen greifen, die auf diesem Abfallhaufen landen.

Als ich den oben beschriebenen jungen Männern an der Kasse gegenüberstand, ging mir durch den Kopf: ‚Die warten förmlich nur darauf, dass einer kommt und ihnen sagt, wo es lang geht, der ihrem Leben wieder oder erstmals einen Sinn, der ihnen eine Perspektive gibt und der ihnen sagt, dass sie mehr wert sind als die, gegen die es gilt loszuschlagen und zu Felde zu ziehen.

Und machen wir uns nichts vor, nicht nur von der Seite der derzeit hoffnungslosen Jugend droht unserer Gesellschaft ein Rechtsruck, sondern auch und erst recht von denen, die heute gut damit zurecht kommen, andere auszugrenzen.
Denn das macht eine rechte Gesellschaft aus, die Ausgrenzung und die Abwertung anderer Menschen.
Eine rechte Gesellschaft nähme die „mißratene prollige Jugend“ und auch viele Subjekte am Rande der Gesellschaft in ihre Volksgemeinschaft wieder auf – denn sie vereint bekanntlich das ganze Volk gegen Feinde und Bedrohungen, die „außen kommen“. Der Antiislamismus wird derzeit ja schon geprobt und lässt sich mindestens so gut für rechte Propaganda nutzen wie ehedem der Antisemitismus.

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Wie man Gesellschaften spaltet…

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„Meine Güte, sind die prollig!“, stöhnt meine Tochter. Und wahrhaftig, die gemeinten jungen Leute, die am Freitag Nachmittag mit 4 Kästen Bier im Einkaufswagen und mit schon leicht alkoholisiertem Blick und deutlicher Fahne an der Kasse stehen und sich auf ein Wochenende im Vollrausch freuen, machen auch auf mich einen ziemlich miesen Eindruck. Sie sind überall tätowiert, glatzköpfig,  sprechen eine grobe, plakative Sprache und unterhalten sich mit lauten, grölenden Stimmen. Sie sind auch mir weder sympatisch, noch finde ich sie vertrauenserweckend. Sie sind vielleicht etwas für Sozialarbeiter (und hier und heute bin ich sozusagen nicht im Dienst) , und als Privatperson bin auch ich, wie die meisten,  geneigt, mich mit Schaudern abzuwenden und bin froh, dass die eigenen Kids anders sind, sich anders verhalten und damit eine gewisse Chance haben. So viele Menschen denken beim Anblick solcher Jugendlicher und ähnlicher gesellschaftlicher Erscheinungen: „Schrecklich“ Gut dass wir anders sind!“
Die herrschende Ideologie und die bestehenden Verhältnisse können vor allem eines: die Gesellschaft gründlich, mitleidslos und kompromisslos spalten.
Das ist aber nicht dadurch zu lösen, dass ich solche junge Leute doch irgendwie toll finde und auch nicht daruch, dass ich  sie bemitleide. Vermutlich ist es auch nicht mit sozialpädagogischen Strategien getan, für sie Wege zu finden, die ihnen mühsam den letzten Rest ihrer Menschenwürde erhalten und die Existenz sichern, aber das ist immerhin mehr, als sie einfach nur auszugrenzen und stehen zu lassen – und die Gesellschaft vor ihnen zu schützen.
Zu lösen wäre das nur durch eine andere gesellschaftliche Ideologie und vor allem durch eine veränderte gesellschaftliche Wirklichkeit, die Menschen nicht an der potentiellen Effektivität ihres Humankapitals misst und bewertet und entsprechend „behandelt“, sondern sich verpflichtet fühlt, jeden Menschen zu fördern, zu schützen und als wichtiges gesellschaftliches Mitglied einzubinden und zu schätzen. Das heißt natürlich auch, die Ressourcen gerechter zu verteilen. Das heißt außerdem – und im konträren Gegensatz zur derzeitigen Praxis auch zunehmend in der Sozialen Arbeit – in diejeneigen, die weniger Ressourcen abbekommen, erst Recht „zu investieren“.
Das geht natürlich nur, wenn Menschen nicht als ökonomische Faktoren gesehen werden, die der Wirtschaft und ihrer Gewinnmaximierung untergeordnet werden, sondern wenn man politisch bereit ist, die Ökonomie in den Dienst aller Menschen zu stellen.

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Wer sich anstrengt, bekommt das hin ??

Studiengebühren, teures Kamera-Equipment, unsichere Berufsperspektive …. mein Stiefsohn studiert Fotografie. Und er schafft es, schon während des Studiums von seiner Fotografiererei einigermaßen gut zu leben, sehr flexibel, sehr unsicher, aber im Endeffekt gar nicht so schlecht. Er findet das alles  so auch ganz o.k. und kommt damit zurecht. Wenn auch das Studium aus seiner Sicht immer mehr zu einem Elitestudium geworden ist, das sich nur Kinder von Eltern erlauben können, die entsprechende auch finanzielle Unterstützung erwarten können. Nur einige wenige sind da, die haben es schwer, müssen ihren ganzen Lebensunterhalt während des Studiums erarbeiten… Aber letztendlich: „Wer sich anstrengt und ein bisschen flexibel und phantasievoll ist, der bekommt das hin“.

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Natürlich, viele, vor allem junge Leute, können mit diesen Anforderungen und Erwartungen leben und zurecht kommen. Wenn die notwendigen Ressourcen da sind und gemehrt werden können , ist schon ein Auskommen mit den Erwartungen unserer Gesellschaft.

Wehe denen, die das nicht können, ja die nicht einmal die Voraussetzungen haben, es versuchen zu können…..

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Erfahrungen mit der Rezeption meines Schwarzbuches

Da hat man nun so ein Kind in die Welt gesetzt und man ist gespannt, wie es sich durchschlagen wird…

Ich bin nicht eine von denen, die alle Tage solche Bücher schreiben (können), zumal in dieses Buch die Erfahrungen einer langen Praxis- und Lehrezeit in der Sozialen Arbeit eingegangen sind und vor allem auch ein langer, mühsamer Prozess der Erkenntnis, was eigentlich zur Zeit da draußen wirklich passiert.
Es ging mir nicht um einen neuen wissenschaftlichen Beitrag zur Problematik.  Da gibt es viele und begnadetere AutorInnen. Ich wollte ein Buch schreiben, mit dem vor allem die Betroffenen, die PraktikerInnen etwas anfangen, wo sie sich und ihre Situation wiederfinden können, ein Buch, das sie aufklärt aber auch stark werden lässt und das ihnen sowohl die Notwendigkeit zur Gegenwehr verdeutlicht als auch Mut dazu macht.
Die Rezension, die Maren Schreier jetzt im socialnet veröffentlicht hat, erfüllt alle meine Hoffnungen und Erwartungen. Bei ihr ist jede Botschaft genau so angekommen,w ie sie von mir gemeint und intendiert war.

Bis hierhin habe ich – ich gestehe es ein – den mühsamen Weg meines Schwarzbuches  hinein ins Buchleben genau und fast akribisch verfolgt, habe den Amazon-Verkaufsrang aufgerufen, habe genau registiert, wer etwas dazu gesagt hat, welche KollegIn sich lobend, interessiert oder abwertend geäußert hat, habe mich über Zustimmungen und Lob von Studierenden und PraktikerInnen gefreut, habe die kleinen Rezensionen, die hier und da erschienen sind, mit Stolz und Erleichterung gelesen, habe mit Befriedigung registriert, dass sich insbesondere die Gruppen und KollegInnen angesprochen fühlen, die selber an der gegenwärtigen Situation in der Sozialen Arbeit leiden und etwas tun, sich zur Wehr setzen  möchten. Andererseits habe ich mich über so manches Schweigen gewundert.
WissenschaftlerInnen verhalten sich bis heute zurückhaltend, so als wüssten sie nicht genau, wo und wie sie mein Buch einordnen sollen.  Vielleicht ist es für sie irgendwie verdächtig, wenn Inhalte verständlich und anschaulich dargestellt werden.
Auch meine alten KollegInnen aus der Jugendhilfe schweigen sich  aus. Möglicherweise ist es ihnen unangenehm, dass sie als mein Erfahrungs- und Lernhintergrund zitiert werden. Vielleicht erscheinen ihnen aber meine Analyse und meine kritische Sicht auch als Schwarzmalerei, die in schweren Zeiten eher zu einer Bremse als zum Motor des Fortschritts werden könnte. Ich weiß, wer mitten in der Praxis sitzt und sich redlich bemüht, gegen die Widrigkeiten der Wirklichkeit zu kämpfen, gesteht sich nicht gerne ein, dass die Windmühlen sich immer weiter drehen und sich einen Dreck darum scheren, dass man sie im Visier hat.
Einzig eine meiner früheren KollegInnen hat mein Schwarzbuch auf 5 Seiten kommentiert und  als Vorlage für eine persönliche Rückbesinnung auf ihr eigenes Berufsleben im Jugendamt genutzt – und ist dabei zu interessanten Ergebnissen gekommen.

Ich wünsche meinem Schwarzbuch weiterhin viel Erfolg und überlasse es nach der Rezension von Maren Schreier mit aller Gelassenheit und Zuversicht darauf, dass es dazu beitragen wird, die allgemeine Angepasstheit unserer Profession  infrage zustellen, weiterhin den Lesern und allen, die es nutzen wollen.

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„Wozu könnten wir Gewerkschaften und Berufsverbände denn brauchen?“

Diese Frage wurde auf unserer Veranstaltung am 5.5. immer wieder gestellt.
Für mich – und ich denke auch für die anwesenden Gewerkschaftsvertreter (Kollege König von ver.di und Kollegen Schmidt und Helwig von der GEW) sowie für den Vertreter des DBSH, Herrn König – wurde klar, dass es für die heutige Generation der Studierenden im Osten Deutschlands ganz und gar nicht selbstverständlich ist, von diesen Organisationen etwas Hilfreiches und Unterstützendes zu erwarten. Es fehlt nicht nur  Wissen über die  Existenz und Funktion dieser Verbände,  sondern auch so etwas wie ein „Urvertrauen“ darein, dass eine politische Interessenvertretung durch Organisationen wie Gewerkschaften und Berufsverbände einen Sinn machen könnte. Es gibt hier offenbar keinen Bekanntheitsbonus und keine Vorstellung von der Notwendigkeit berufspolitischer Organisation. „Ich trete grundsätzlich nicht so schnell in Vereine ein, warum sollte ich das hier tun?“, fragte eine Studentin.

Es gilt für Gewerkschaften und Berufsverband deshalb also, ganz von vorne anzufangen, sich bekannt zu machen, die eigene Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz sowie den Nutzen für die Sozialarbeitenden  nachzuweisen. Hiermit sollte man an den Hochschulen anfangen. Aber erst dann kann erwartet werden, dass KollegInnen und evtl. auch schon Studierende eine entsprechende Organisation für sich in Betracht ziehen.

Grundsätzlich ist es erst einmal wichtig, für die Studierenden und die PraktikerInnen die Notwendigkeit des Sich zur Wehrsetzens zu vermitteln, den Zugang zum „Gemeinsam-sind-wir- stark“ erlebbar  zu machen und die gegebenen Verhältnisse in der Gesellschaft und konkret in der Sozialen Arbeit als politisch gemacht zu enttarnen und damit als prinzipiell  politisch veränderbar zu identifizieren. Hierzu können die Verbände beitragen aber z.B. auch die Hochschulen, die solche Fragen schon in den ersten Semestern aufgreifen sollten.

Vor allem aber müsste sich eine Art „Graswurzelbewegung“ kritischer Studiernder und PraktikerInnen entwickeln. Das kann den Betroffenen keiner abnehmen, weder die Verbände noch die Hochschulen, sie können nur Anregungen geben und entsprechende Initiativen unterstützen.
Es ist entscheidend, dass Studierende und vor allem PraktikerInnen anfangen, sich auszutauschen, und zwar über ihre Träger, ihre Einrichtungen und über Arbeitsfelder hinweg. Die Loyalität zum Träger, der selber finanziell in der Klemme steckt, die Eingebundenheit in die Unternehmen, in die sich all die ehemalig gemeinnützigen  Einrichtungen verwandeln mussten und die Vorstellung, dass Sozial Arbeitende in unterschiedlichen Praxisfeldern kaum gemeinsame Interessen haben, all das verhindert zur Zeit das Wachsen eines selbstbewußten, kritischen und offensiven Bewußtseins in der Sozialen Arbeit.

Für solche kritischen Arbeitsgruppen einer Stadt oder eines Landkreises könnten dann wieder die Verbände Rückhalt und Unterstützung bieten. Aber das ist m. E. erst der zweite Schritt. Am Anfang steht m. E. die  Einsicht, dass es einen Sinn macht, sich unter kritischen SozialarbeiterInnen zu vernetzen, sich gegenseitig zu unterstützen, zu informieren, auszutauschen und gemeinsame Strategien und Taktiken zur Durchsetzung ihrer Interessen und zur Durchsetzung von mehr Professionalistät und Fachlichkeit  zu entwickeln.

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Gedanken zum Phänomen „Politischer Analphabetismus“

Die Veranstaltung war gut, ein erster Schritt und es sollen weitere folgen. Aber dennoch msus ich meinem Erschrecken einmal Luft machen:
Das, was ich unter den Studierenden wie unter den PraktikerInnen erlebe, kommt mir manchmal tatsächlich vor wie eine Art politischer Analphabetismus. Als müsse eine Sprache, ein Art zu denken, eine bestimmte Interaktion und Kommunikation ganz von vorne neu erlernt werden!

Einengungen, fachliche Umsteuerungen, eingreifende finanzielle Einschränkungen und all die Herausforderungen der Ökonomisierung und des aktivierenden Staates in der Sozialen Arbeit werden als unveränderlich angesehen, werden wie Naturkatastrophen kommuniziert und beklagt oder hingenommen.

Die Ideologie, die der aktivierende Staat verbreitet, ist bei einer Berufsgruppe in den Köpfen angekommen und bei den meisten VertreterInnen voll internalisiert, die wie keine andere Berufsgruppe tagtäglich mit den Folgen gesellschaftlicher Verwerfungen konfrontiert ist und für die es eigentlich selbstverständlich sein müsste, dass für Problemlagen ihrer Klientel nicht nur persönliche Defizite sondern auch gesellschaftliche Verhältnisse verantwortlich sind. Der Staat, die Politik zieht sich aus der Verantwortung und verbreiten die Mär, sie hätten mit all diesen Problemlagen nichts zu tun. Es entwickelt sich zunehmend in der Sozialen Arbeit wie auch insgesamt in der Gesellschaft ein Tabu: Die gesellschaftlichen Ursachen werden aus dem Blick gerückt, verleugnet, und die Gesellschaft entzieht sich der Verantwortung und lastet sie den einzelnen Individuen auf. Auch Sozial Arbeitende verlernen, die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe der Problemlagen ihrer Klientel und die ihrer Profession zu erkennen.

Im Rahmen meiner Erfahrungen mit den Studierenden der Sozialen Arbeit, mit PraktikantInnen, mit Studienanfängern, mit Masterstudenten und mit denjenigen, die kurz vor dem Berufseintritt stehen und plötzlich mit gerunzelter Stirn auf das schauen, was sie in der Praxis erwartet, mache ich mir immer wieder Gedanken über die Frage, wie es in dieser Profession zu einer derartigen Entpolitisierung hat kommen können. Könnte man das ändern? Ist es derzeit überhaupt änderbar?

Die Erfahrungen mit diesem politischen Analphabetismus sind alltäglich und vielfältig:

·         Qualitative Interviews mit BerufspraktikerInnen im Rahmen einer Masterarbeit brachten zu tage, dass und wie sich Sozial Arbeitende verhalten, wenn sie die Veränderungen und Herausforderungen in ihrem Arbeitsfeld zu spüren bekommen. In unterschiedlichen Feldern waren die Veränderungen deutlich zu spüren. Aber ihr Hintergrund wurde weder reflektiert noch wurden Begründungen gesucht. Verantwortlich waren für die PraktikerInnen eher vordergründige Faktoren, der schlechte Leiter, die organisatorischen Umstellungen, das knappe Geld. Die Strategien zur Bewältigung dieser Stressfaktoren, die z.B. im Allgemeinen Sozialen Dienst als besonders belastend und heftig erlebt wurden, schwanken zwischen dem Bemühen „Probleme und Belastungen sowie Veränderungen positiv für sich umdeuten“ und dem Versuch, die Probleme mit Einsatz der eigenen Kräfte und vielleicht noch mit Unterstützung des Team auf sich zu nehmen und irgendwie damit fertig zu werden. Anpassung könnte man zu beiden Strategien sagen.

·         Die Diskussionen auf unserer Veranstaltung „Meine Rechte im Beruf“ über die z.T. skandalösen Arbeitsbedingungen von Sozialarbeitern endeten letztlich immer wieder bei der real erlebten Erkenntnis, dass ein sich Wehren oder Forderungen Stellen nur dazu führt, dass Mittel und Ressourcen an einer anderen Stelle gekürzt werden. Das sich zusammen Tun klappt nicht, weil sich die Teammitglieder nicht einig sind in der Einschätzung der Lage und immer einige eher mit der Leitung oder dem Träger zusammen stecken, als dass sie bereit sind im Kollegenkreis Solidarität zu üben.
Nicht selten führt ein sich Wehren oder Fordern deshalb ganz direkt und konkret zur Gefährdung des eigenen Arbeitsplatzes.

·         Und wer da wirklich helfen kann, darüber bestehen kaum Vorstellungen und keinerlei Wissen. Was z.B. Gewerkschaften sind und was sie für KollegInnen tun können, entzieht sich meistens der Kenntnis. Davon haben sie weder in der Schule etwas gehört noch im Studium bisher. Und offensichtlich werden solche Kenntnisse auch nicht über Medien oder Eltern vermittelt.

·         Außerdem besteht meiner Erfahrung nach im Osten unseres Landes bei den Wenigsten so etwas wie ein Urvertrauen gegenüber Gewerkschaften oder Berufsverbänden. Man glaubt gar nicht, dass die wirklich etwas für einen tun können und wollen. Der Weg dorthin ist deshalb so unendlich weit und von Hindernissen verstellt, weil man nicht einfach auf so einen Verband zugehen kann und will. Denn man hat schließlich Zweifel, ob er sich vom Schäferhundverein oder irgendeiner beliebigen anderen Interessengruppe unterscheidet.

·         Die Verbände haben das nicht begriffen. Sie selber haben den Eindruck, etwas anzubieten, Einsatz und Hilfestellungen als ihre Dienstleistungen bereit zu halten. Sie verstehen nicht, dass es – zumindest im Osten – darüber hinaus nötig ist, das Vertrauen der potentiellen Mitglieder überhaupt erst einmal zu wecken und zu gewinnen.

Es besteht ein weit verbreitetes Grundgefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Man ist ohnmächtig, weil man alleine ist, aber als Kollektiv fühlt man sich genauso ohnmächtig. Und es gibt keine Ideen, wie man sich zusammenschließen könnte, wie man sich als kritische Gruppe vor Arbeitgebern und Ideologen schützen könnte, wo man sich Bündnispartner holen kann usf.
Es besteht allerdings auch kaum eine Vorstellung darüber, was politischer Kampf bedeutet: nämlich Geduld, Zähigkeit, Mut und die Erfahrung der eigenen Stärke und des aufrechten Ganges, sowie die Erfahrung der Solidarität in der gemeinsamen Gegenwehr. Gemeinsame politische Arbeit durchaus macht auch Spaß. Aber sie erfordert Engagement und die Entscheidung, etwas einzusetzen (z.B. Zeit und Kraft) und auch etwas zu riskieren.

Aber es geht auch heute. Unsere Gruppe hat es gezeigt.

 

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Erster Rückblick auf unsere Veranstaltung

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die letzten Vorbereitungen

Sie war sehr erfolgreich und gut besucht (über 50 Studierende, 6 ProfessorInnen, ein knappes Dutzend Ehemalige). Die Verbände waren alle vertreten und haben sich bereit gefunden, statt lange Vorträge über sich zu halten, mit uns zu diskutieren, sich die Fragen und Forderungen der Studierenden anzuhören und „ihre Hausaufgaben“ mit zu nehmen. Es wurde drei Stunden diskutiert, es wurden Probleme aufgeworfen, Fragen gestellt und Ideen entwickelt. Die Arbeitsgruppe hat sich vergrößert und wird am Ball bleiben. Eine wichtige Aufgabe wird es sein, jüngere Matrikel in diese Thematik einzubinden, denn die Anwesenden waren fast alles Studierende des Diplomstudienganges in den Abschlusssemestern. Was ist mit unseren gestressten Leuten vom Bachelor-Studiengang, was mit den nachrückenden Jahrgängen?

Die Rückmeldung der TeilnehmerInnen war sehr positiv. Nicht nur die Organisation wurde in den grünen Klee gelobt (war auch super, hat richtig Spaß gemacht!) auch der Verlauf und die Inhalte wurden von fast allen als interessant und wichtig bezeichnet. Drei Teilnehmer haben uns explizit für die Veranstaltung gedankt!

Manche hätten sich aber doch mehr konkrete Informationen über die Verbände und über die Unterschiede zwischen ihnen gewünscht und mehr konkrete Informationen über die Rechte am Arbeitsplatz. Das lässt sich ja gut nachholen.

Für unsere FH kam die klare Botschaft: Kümmert euch um die (berufs-)politische Bildung eurer Studierenden, überstützt sie mit Informationen, mit politischen Themen in den Seminaren, macht die berufspolitischen Anligen zum Thema in Reflexionen und in Projekten.

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in der „Denkpause“ am Büffet

 

In einigen Tagen wird sich die Arbeitsgruppe zur Auswertung und weiteren Planung bei einem gemütlichen Arbeitsessen treffen.

Es hat ja alles eigentlich auch erst eben angefangen….

Dennoch hat mich diese Veranstaltung sehr nachdenklich gestimmt.
Darüber demnächst.

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Fragen der Studierenden (3)

3.   Wir fürchten uns davor, in dieser Situation als EinzelkämpferInnen dazustehen!

  • Wo und wie finden wir Gleichgesinnte?
  • Wenn wir in der Praxis solche Bedingungen vorfinden werden, was können wir dann machen, wer kann uns helfen?

  • Wir sehen vielleicht was los ist, aber machen wir dagegen?
  • Brauchen wir Gewerkschaften oder Berufsverband erst, wenn wir konkrete Probleme haben oder macht es Sinn, dort sozusagen präventiv mitzuarbeiten?

  • Sind Gewerkschaften und Berufsverband nur für Berufstätige nützlich oder auch schon für Studierende?

  • Wie kommt man als normal Sterblicher an die ran?  Haben die z.B.  Hochschulgruppen?

     

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Fragen der Studierenden (2)

2. Besteht die Gefahr, dass wir das hier an der FH Gelernte in der Praxis gar nicht mehr anwenden können, weil die Praxis qualifizierte und professionelle Soziale Arbeit überhaupt nicht mehr will und gebrauchen kann? ?

  • Wie kann qualitative Soziale Arbeit gewährleistet werden?
  • Wo finde ich als Berufstätige eine Lobby für gute und anerkannte Soziale Arbeit?
  • Wie sehen DBSH und Gewerkschaften dieses Problem?
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