Was machen eigentlich Sozialarbeiter?

Am Wochenende traf ich bei einem Beerdigungstermin einen Psychiater. „Was machen eigentlich deine Studenten, wenn sie fertig sind?“ „Na, die werden Sozialarbeiter, Sozialpädagogen.“ „Und was tun die so? Ich meine, irgendwie soziale Aufgaben übernehmen, oder wie?“ Er hat keine Ahnung. „Kennst du keine Sozialarbeiter in der Psychiatrie? Die arbeiten dort, ebenso in der Behindertenarbeit, viele in der Jugendhilfe.“ „So, so“, kommt es, schon nicht mehr sehr interessiert und ich merke mal wieder, wie verdammt schwer es ist, anderen zu erklären, was Soziale Arbeit bedeutet. Und während ich darüber nachdenke, fällt mir etwas auf, was ich bisher so noch nicht bemerkt hatte:
Es ist auch deshalb schwer, zu erklären, was Soziale Arbeit für Aufgaben hat, weil viele Menschen sich die Problemlagen  unserer Klientel gar nicht vorstellen können. Mein Bekannter dürfte für die Bewältigung seines Lebens keine fremde Hilfe brauchen. Er hat genügend Ressourcen. Er kennt  nur die Probleme bei Menschen, die seine psychiatrische Kunst brauchen. Jemandem zu erklären, was Hilfe bei der Lebensbewältigung ist, läuft oft ins Leere, weil der möglicherweise keinerlei Vorstellung davon hat, was im Leben von Menschen mit weniger Ressourcen alles schief gehen und nicht bewältigt werden kann.

Das aber würde bedeuten: Wir können andere über unsere Profession nur aufklären, wenn wir sie über die Problemlagen der Bevölkerungsteile aufklären, die Soziale Arbeit brauchen.

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Das Angebot steht

Nun steht mein Blog seit vorgestern im Netz und die Reaktionen  ist ziemlich verhalten. Deshalb noch ein paar Infos, die offenbar bisher nicht so recht rüber kamen.

  • Ich, Mechthild Seithe, habe das Blog (man darf auch den Blog sagen) in die Welt gesetzt. Das dazu, weil mich gestern eine mail mit dem Hinweis erreichte, es gäbe doch schon ein Blog mit der URL: www.zukunftswerkstatt-soziale-arbeit.de. Das also ist genau diese hier.
  • Wer kommentieren möchte, klicke am Ende des zu kommentierenden Berichtes den Link „kein Kommentar“ an. Später steht dann da vielleicht 8 Kommentare).Es tut sich eine Maske auf, in die ihr euren Nicknamen, eure FH mail-Adresse (bzw. sonstige email-Adresse) eintragen  könnt und dann eine hochkarätige Matheaufgabe im Sinne 1+1 lösen müsst. Das will mein SPAM-Filter so.Der Kommentar kommt zu mir und ich schalte ihn schleunigst frei.
  • Dies ist ein privates Blog, kein offizielles Blog der FH oder so etwas. Ich möchte mir und möglichen Mitautoren die Freiheit erhalten, uns unabhängig von unserem „Verein“ äußern zu dürfen und zu können.

Sollte sich perspektivisch jemand finden, der als Autor oder gar Herausgeber mitmachen will, dann kann der auch eigene Beiträge reinstellen und wiederum die Kommentierungen seiner Beiträge selber verwalten.

Das Angebot steht.

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Start eines neuen kritischen Blogs zur Sozialen Arbeit

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“Wieso macht eigentlich keiner unserer Profs einen Blog zu diesen Fragen……?”, hörte ich plötzlich eine Stimme auf der CD fragen, auf der wir die Arbeitsgruppen-Diskussionen unserer “Zukunftswerkstatt Soziale Arbeit” mit geschnitten hatten.

Ein Blog wurde also gewünscht, wo man sich informieren und diskutieren könne, wo man Kontakt bekäme mit anderen Studierenden aus anderen Städten, mit PraktikerInnen, die über ihre Probleme in der Praxis berichteten.

O.K., ich liebe Bogs und habe mit diesem Gedanken seit Monaten gespielt: Parallel zur Entstehung meines Buches “Schwarzbuch Soziale Arbeit – Der Staat verkauft seine Kinder” nämlich könnte ich so eine Diskussions- und Informationsplattform leicht ins Netz stellen.

Und genau das werde ich hier jetzt tun.


Meine Absicht ist es, hier nicht alleine meine Gedanken  niederzulegen, und nur die Kommentare meiner Leser entgegen zu nehmen. Ich stelle mir vor, dass ich weitere KollegInnen unserer Fachgruppe Soziale Arbeit zur Mitarbeit  gewinnen kann und  auch Studierende als Autoren mitmachen könnten.

Wie kann das laufen?
Es gibt zwei Möglichkeiten:

Zum einen könnte ich diese Idee nun mit allen möglichen Interessenten ausdiskutieren, die Zusammenarbeit und den ganzen Ablauf organisieren und dabei vielleicht eine große Bürokratieblase erzeugen. Der Blog würde vielleicht Ostern erscheinen können.
Die Alternative ist: Ich fange einfach mal an. Und zwar gleich.

 

Ich habe erst einmal alte Beiträge aus meinem Blog „meinglashaus“ übernommen, die schon zum Thema Soziale Arbeit existieren.

Ansonsten werde ich hier Gedanken, Fragen, Meinungen, Infos reinstellen, die für alle Leute interessant sein könnten, die  über die gegenwärtige und zukünftige Situation der Sozialen Arbeit in Deutschland diskutieren und nachdenken möchten. Auch für die, die daran vielleicht etwas ändern wollen.

Ich denke dabei natürlich zu allererst an unseren Fachbereich und z.B. die 30 Leute, die mit mir und K.A. die Zukunftswerkstatt gemacht haben.

 

Aber wie kommt ihr ins Geschäft, wie könnte eure Mitarbeit aussehen?

Über die Blogrollfunktion, die Kommentare und die Verlinkungen  könnte  allmählich ein brauchbares Diskussionsmedium entstehen.

Aber ich stelle mir mehr vor:

Wenn ihr Autoren des Blogs werdet, könnt ihr selbständig eigene Beiträge reinstellen und eure ganz eigenen Themen zur Sache lostreten.

Das Blog könnte neben seiner Funktion als Diskussions- und Austauschmedium gleichzeitig Öffentlichkeitsarbeit und Netzwerkarbeit sein – wenn ihr mitmacht. Also: Was is???

 

Wenn nicht, bleibt es eben mein eigener, kleiner Blog, der meine Arbeit begleitet. Schade, aber auch nicht übel.

 

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Bachelor gescheitert

 

In der FAZ, der man nun wirklich nicht gerade Anti-Neoliberalismus vorwerfen kann, stand am 9.  September ein Artikel mit dem Titel “Bologna-Prozess gescheitert”, auf den ich erst jetzt gestoßen bin.
Es wird berichtet, dass der Deutsche Hochschulverband zu dem Ergebnis gekommen ist, dass die Ziele, die mit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge angestrebt wurden, nicht nur nicht erreicht worden sind, sondern dass die “Reform” genau das Gegenteil bewirkt hat!
z.B.

  • Die erwünschte größere Mobilität der Studierenden wurde nicht erreicht, im Gegenteil . Der angestrebte “europäische Hochschulraum” wurde verfehlt.
  • Die Zahl der Studienabbrecher hat sich nicht verringert, sondern erhöht. 22% der Universitätsstudenten und 22% der Fachhochschulstudenten brechen inzwischen ihr Studium vorzeitig ab.
  • Da inzwischen an den Universitäten nur maximal nur 30% den Masterabschluss machen, der dem alten Diplomabschluss entspricht, bleibt die wissenschaftliche Ausbildung auf der Strecke. Hochschulen und Arbeitgeber erwarten den bewährten Ausbildungsgrad. Es müssten nicht 30 sondern bis zu 80% den Master machen. Bafög wird aber z.B. nur bis zum Bachelor bezahlt.

Der Hochschulverband fordert den Stop des Reformprozesses, soweit er noch zu stoppen ist.

Die Punkte oben lassen sich noch ergänzen:

  • Die neuen Hochschulabschlüsse pressen Studieninhalte in engere Zeitrahmen und verlangen gleichzeitig ein hohes Maß an Eigenstudium, sodass für die Studenten eine 40 bis 60 Stunden Woche dabei heraus kommt. Ein Großteil der heutigen Studenten muss aber Geld verdienen, um überleben zu können.
    Das heißt also für alle, die nicht hinreichend von ihren Eltern unterstützt werden oder wenigstens Bafög bekommen: entweder hoch verschulden oder nicht studieren.
  • Studieren und Geld verdienen läßt sich nicht mehr vereinbaren. Studieren ist immer weniger Bildungsprozess als Stress und kurzfristige Paukerei von Wissen, das in ständigen Prüfungsverfahren abgefragt und dann vom Studenten innerlich abgelegt wird.
  • Die zeitliche und notgedrungen auch inhaltliche Verkürzung des Bachelor-Studiums führt zur Zeit offenbar 80% der Universitätsstudenten zu einer enormen Qualifikationssenkung und einer Entwissenschaftlichung der Hochschulausbildung. Das gilt extrem für die Fachhochschulen:  95% unserer Fachhochschulstudenten (Fachbereich Sozialwesen) machen nur den Bachelor. Das bedeutet i.d.R. 1 Jahr weniger Studium für den normalen Sozialarbeiter.
  • Dies geschieht offenbar nach dem Motto: Sozialarbeiter sollen nicht denken und fragen, warum und wie sie etwas tun. Sie sollen das tun, was in den Qualitätshandbüchern der jeweiligen Träger drin steht: effiziente Arbeit durch effiziente – und bequeme – Ausgebildete.

Zu der Zeit, als ich am  17.10.2006    hier im Blog von der Umsetzung des Bologna-Prozess in unserem Fachbereich berichtete, galt man als Ewiggestriger und Reformunfreudiger, wenn man die neue “Studienreform” auch nur kritisch sah. Auf den Vorzügen des alten Diploms zu bestehen galt als unerwünscht, beinah als Kapitalverbrechen.

Aber “menschliche Irrtümer” der Politik und der Wirtschaft scheinen ja zur Zeit in Mode zu kommen. Und keiner schlägt sich an die Brust und geht in sich. Sondern das Geld der Steuerzahler wird hergenommen, um die durch Fehlplanung, ungeprüfte Schnellschüsse und Gier nach  großen Einsparungen oder großen Profiten entstandenen Folgeschäden, aufzufangen.

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Erziehungscamp

Die landesweiten Reaktionen auf den Überfall, der auf den Münchner Rentner verübt wurde, sind nur die Spitze eines Eisberges. Es geht nicht nur um Wahlkampf dabei oder vielmehr: zum Wahlkampfthema eignet sich diese Geschichte, weil sie Volkes Seele an- und ausspricht: Man ist empört, dass junge Gewalttäter deutsche Menschen überfallen. Dass sollten wir uns nicht bieten lassen, was haben die überhaupt hier zu suchen? Raus mit ihnen oder aber hart bestraft und weggesperrt!

Die zunehmende Tendenz, auf soziale Abweichung mit Sanktionen und hartem Durchgreifen zu reagieren, ist in der Politik und ebenso in der Bevölkerung nicht zu übersehen.
Die Strategien einer wissenschaftlich orientierten Resozialisierung, die den Erziehungsprozess vor die Strafe stellt und die z.B. Hilfe zur Erziehung anstelle von U-Haft fordert, erscheint nicht mehr akzeptabel, wird als weich und der Realität nicht angemessen angesehen. Die Bereitschaft, sich mit Menschen abzugeben und sie zu “alimentieren” , die nicht bereit sind, sich unseren Sitten und Normen anzupassen, ist ohnehin dünn geworden. Wenn es sich auch noch um Straftäter handelt ist die Toleranz endgültig vorbei und ein Gedanke an die Würde und den Anspruch dieser jungen Menschen auf eine ihrem Wohl entsprechende Entwicklung ist einfach nicht mehr drin.

SozialarbeiterInnen wird Kuschelpädagogik vorgeworfen und Erfolglosigkeit. Man setzt jetzt (wieder) auf Strafe, Umerziehen, Einsperren und Abschieben. Und das ganze nennt man liebevoll “Camp”. Der Barras hat ja bekanntlich noch nie jemandem geschadet und ein bisschen Pfadfinderei wird hier sicher was Gutes bewirken….
Warum aber junge Migranten möglicherweise besonders leicht aggressiv sind, wird dabei nicht hinterfragt. Geht man davon aus, dass Ausländer von Natur aus brutaler sind als wir oder dass ihre Kultur Brutalität eher zulässt? Fast sieht es so aus. Schmeckt das nicht ein bisschen nach Rassismus?
An die gesellschaftlichen Ursachen, die in unserem Land, in unserer Gesellschaft liegen, an die Bedingungen und die Perspektiven, unter denen hier Migranten aufwachsen, scheint niemand zu denken. Keiner fühlt sich schuldig oder auch nur zuständig – am besten abschieben, einsperren!

Nicht nur Frau Merkel liebäugelt vermutlich mit amerikanischen Verhältnissen, wenn sie vom Erziehungs-Camp spricht. Schließlich ist der Strafvollzufg in den USA in den letzten Jahrzehnten wesentlich drastischer gewachsen und ausgebaut worden als bei uns.
Der Spiegel stellt ein Video zur Verfügung, das den, wie es dort heißt, “Kinder-Gulag” von Texas vorstellt, eine supermoderne Erziehungsanstalt, die offenbar gleichzeitig Gefängnis und gnadenlose Umerziehungsanstalt ist.

Bei Anschauen dieses Videos ist mir – trotz einiger kritischer Andeutungen des Reporters – nicht wirklich klar, ob es sich nicht doch um einen Propagandafilm für dieses Modell des Jugendstrafvollzuges handelt. Alles ist clean, die aggressiven Täter sind zu bezähmten, beherrschten, zu ungefährlichen Gestalten geworden.
Man kann also aufatmen: Sie sind sicher weggesteckt und sie werden kaum rückfällig werden; Denen wird ihr Wille so weit ausgetrieben, dass sie das gar nicht mehr können.
In dieser Anstalt findet tatsächlich ein ungeheuerer Umerziehungsprozess. Mit Sprechverbot und Berührungsverbot, mit Drill und Denkverbot, dem Zwangsabsingen von Kirchenchorälen und mit der Zwangsverabreichung nicht benannter Medikamente übertrifft dieses “Camp” alles, was je von Goffmann seinerzeit (1961) als “Totale Institution” gegeiselt wurde. Ich werde an die Geschichte bei Aitmatow (Der Tag zieht den Jahrhundertweg) erinnert, wo ein kirgisischer Stamm bei den jungen Gefangenen eines anderen Stammes mit einer nassen, sich dann beim Trocknen zusammenziehenden Rinderhaut das Weiterwachsen des Gehirns verhinderte und sich so hilflose, bereitwillige Idioten für die schwere Feldarbeit heranzog.
Wofür werden die 11 – 17 jährigen Menschen benutzbar sein, wenn sie diese Mischung aus Isolationsfolter und militärischem Drill lebend überstehen?

Vor vielen Jahren hat René Spitz (1976) die Ursachen für das aufgedeckt, was wir als “Hospitalismus” bezeichnen: die für Kinder tödlichen oder psychisch vernichtenden Folgen von Kommunikations- und Beziehungslosigkeit in damaligen Heimeinrichtungen.
Hier werden diese Methoden nun produktiv und gezielt eingesetzt, um die Gesellschaft von Tätern zu befreien, für deren Entwicklung zu Tätern sie zumindest mitschuldig ist.

Natürlich haben wir ausreichende Gesetze. Und wir haben auch die sozialpädagogische Professionalität, die – wenn sie angemessen ausgestattet und konsequent angewendet wird – solchen jungen Straftätern die Chance für eine andere Entwicklung geben kann.
Aber soviel Mühe und Kosten scheut man für Leute, die man als gefährliche Schmarotzer unserer Gesellschaft sieht.
Dann lieber solche Camps! Die kosten zwar vermutlich mehr, aber das ist dann doch eher eine Investition, die lohnt und an die man glauben kann. Stimmt’s!?

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Wachmänner in Berliner Schulen

Dieser Schritt hat mich nicht überrascht. Unsere Gesellschaft reagiert auf die Gewalt, die sie selber ständig produziert schlicht mit Gegengewalt oder drohender Gegengewalt.
Von der Effektivität her ist dieser Ansatz mit einem medizinischen Konzept vergleichbar, das bei einer ausgebrochenen Volksseuche den Abtransport der Leichen gut organisiert und vielleicht auch noch die Betroffenen effektiv isoliert, aber nichts investiert, um die Ursachen der Seuche zu ergründen und zu beseitigen.
Die Ursachen für die Gewalt in unseren Schulen sind vielfältig, sie haben mit dem Schulsystem und mit der Verrohung unserer Gesellschaft zu tun, mit der Unfähigkeit vieler Jugendlicher, Konflikt anders beizulegen und zu lösen als mit verbaler oder nonverbaler Gewalt. Hier könnten z.B. Sozialarbeiter wesentlich tiefer greifen und präventiv wirken.

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Vor allem aber hat diese Gewalt damit zu tun, dass diese Gesellschaft für viele auch und gerade junge Menschen, allen voran für Migrantenkinder, keine Perspektiven mehr zu bieten hat und es auch nicht versucht, sie zu bieten, gleichzeitig aber Konsum, Geld und absolute Selbstverwirklichung als Kriterien für Erfüllung und Glück bestimmt hat und dann behauptet, jeder könne in dieser Gesellschaft ganz nach oben kommen, wenn er nur flexibel genug ist und sich selber ausreichend bemüht.

Auch der Hinweis in der Presse, Wachmänner seien viel billiger als SozialarbeiterInnen, hat mich nicht überrascht. Auf diese Weise werden Aufgaben der Sozialen Arbeit immer mehr von unausgebildeten Kräften übernommen und damit werden ihre Fachlichkeit, ihr professioneller Ansatz und ihr Menschenbild einfach ausgekippt und als überflüssig erklärt. An die Stelle einer sekundären Integration, die versucht Menschen so in die Gesellschaft zu integrieren, dass sie dabei als Personen und als Menschen mit Rückgrad nicht auf der Strecke bleiben, wird einfach mit Sanktionen, Drohungen und Zuckerbrot und Peitsche gearbeitet.

Überrascht hat mich höchstens, wieso Wachmänner so viel weniger verdienen sollen als SozialarbeiterInnen. Wenn das so ist, dann fallen die Wachmänner ganz klar in den Bereich, wo dringend ein Mindestlohn ansteht. Denn SozialarbeiterInnen verdienen selber so wenig, dass mancher Mann sich dieses Studium verkneift, weil er von den Einkünften keine Familie ernähren kann. Das war eigentlich nie anders, hat sich aber in den letzten 10,15 Jahren dramatisiert. So etwas wie Tariflohn, unbefristete Stellen, nur soviel Arbeit, wie auch bezahlt wird…. als das gehört der Vergangenheit an. Auch deshalb ist es ein fast reiner Frauenberuf geblieben. Unter unseren Studierenden sind knapp 10% Männer!

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Kinderrechte ins Grundgesetz…

Alle sind sich so schön einig, sozusagen von links bis rechts….

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Natürlich ist dieser Schritt mehr als überfällig. Eine Orientierung des Grundgesetzes an den Kinderrechten der UNESCO steht seit langem in Deutschland aus.

Die Frage allerdings ist, wie wird dann in der real existierenden Gesellschaft mit Kinderrechten umgegangen? Es ist ja nicht so, als gäbe es nicht längst gesetzlich verbriefte Rechtsansprüche.
Zum Beispiel im Kinder- und Jugendhilfgesetz. Dort stehen sehr interessante Sachen:

  • dass die Jugendhilfe (im Auftrage der Gesellschaft) das politische Mandat hat, für eine Verbesserungen der Lebenswelten von Minderjährigen mitzusorgen (aber wer will sie hören???); das steht im § 1.4,
  • dass Eltern dann, wenn für ihre Kinder die Bedingungen für eine gesunde Entwicklung nicht gegeben sind, weil im Elternhaus oder sonst die Voraussetzungen dafür fehlen, einen Rechtsanspruch auf Hilfe haben und zwar auf eine Hilfe, die pass genau auf ihre besondere Lebenssituation abgestellt ist; das steht in den §§ 27 ff

Fakt ist, dass heute dieser Rechtsanspruch sehr häufig äußerst defensiv und restriktiv gehandhabt wird.

  • Die Hilfen zur Erziehung, als Dienstleistungen für Eltern und ihre Kinder gedacht, werden oft erst gewährt, wenn es so weit ist, dass eine Kindeswohlgefährdung ins Haus steht.
  • Eltern, die Hilfe haben wollen, werden abgewiesen, weil ihr Problem nicht schlimm genug scheint und es schlimmere Fälle gibt.
  • Hilfen werden als notwendig anerkannt, können aber nicht oder nicht im notwendigen Umfang geleistet werden, weil das Geld nicht da ist, weil z.B. im September das für einen bestimmten Wohnbezirk zur Verfügung stehende Geld ausgeschöpft ist.

Wohlgemerkt, es handelt sich hier um einen einklagbaren Rechtsanspruch, der zunehmend ausgehöhlt, unterlaufen wird. Wird daran die Grundgesetzänderung etwas ändern?
Der Geist des KJHG, rechtzeitig Hilfe zur Verfügung zu stellen und sie nicht als Druckmittel zu verwenden oder so, dass sie für Eltern als Eingriffe und Zwangsmaßnahmen erlebt werden, wird zunehmend negiert – mit Blick auf die “leeren Kassen” der Sozialverwaltungen aber auch im Rahmen einer neuen Ideologie, die wieder, wie schon in den alten Zeiten der Fürsorge, auf Kontrolle, Druck und Sanktionen setzt.

Die Skandale von Kindesvernachlässigung, die wir zur Zeit fast täglich in den Medien präsentiert bekommen, lösen in der Politik und in der Öffentlichkeit den Ruf nach Strafe und Vergeltung aus. Man glaubt, mit wasserdichter Kontrolle und mit härterem Durchgreifen, diese Problematik in den Griff zu bekommen. Dazu ist Folgendes zu sagen:

  • Eine Gesellschaft, die nicht nach den Ursachen fragt, warum so etwas wie diese drastischen Fälle von Kindesvernachlässigung möglich ist, die ganze Teile der Gesellschaft aus ihrer Normalität ausklammert, ist sie überhaupt noch berechtigt, über diese Menschen in dieser Weise zu urteilen?
  • Kontroll- und Strafmaßnahmen sind im konkreten Fall für die betroffenen Kinder natürlich unabdingbar notwendig, aber was ist im Vorfeld passiert? Eine Jugendhilfe, die sich auf Kontrolle und Eingriffe beschränkt, ist diesen Namen nicht mehr wert.
  • Das, was wirklich geschieht und versucht wird z.B. von den MitarbeiterInnen der Jugendämter, ist in keinem Pressebericht enthalten. Soziale Arbeit, auch die Jugendhilfe, ist keine Außenstelle der Polizei sondern eine Sozialisationsagentur. Ihre Möglichkeiten sind zunächst pädagogischer Natur. Für Pädagogik aber braucht man bekannt lich Zeit. Der Nürnberger Trichter tuts eben nicht.
  • Die Gesellschaft findet bei den genannten Skandalen in der Jugendhilfe immer ganz schnell den Schuldigen.
    Sind die MitarbeiterInnen der Jugendämter wirklich zu naiv, zu feige, zu dumm, zu weich?
  • MitarbeiterInnen der Jugendämter starren heute wie die gebannten Kaninchen auf ihre “Fälle” und sind – nicht zuletzt wegen der oben dargestellten öffentlichen Vorverurteilung der Jugendhilfe – vor allem damit beschäftigt, bloß keinen Fehler zu machen, der ihnen zur Last gelegt werden könnte. Sie geraten damit immer mehr in den Sog eines Arbeitsverständnisses, das in erster Linie Kontrolle bedeutet.
  • Die Verwaltungsarbeit, die Aktenführung, die Dokumentation nehmen deshalb einen sehr großen Raum in ihrer Arbeit ein, der der pädagogischen Arbeit abgeht. Sie haben oft weder die Zeit noch die innere Kraft und Freiheit, kreativ, produktiv und im Sinne einer Entwicklung der betroffenen Familien zu handeln.
  • Warum wird von den Verantwortlichen in der öffentlichen Jugendhilfe, z.B. von Jugendamtsleitern, nicht laut und deutlich gesagt, dass die Jugendhilfe im Rahmen der heutigen restriktiven Rahmenbedingungen für ihre Arbeit zu wenig Zeit und zu wenig Kapazitäten hat. Es reicht gerade mal dazu, bei den dramatischsten Fällen das Schlimmste zu verhindern.

Es hat Versuche dieser Art gegeben. Die mutigen Jugendamtsleiter haben ihre Posten verloren. MitarbeiterInnen, die es nicht mehr ertragen können, ihren sozialpädagogischen Beruf eingezwängt zwischen Kontrollaufgaben und Sparmaßnahmen auszuüben, schweigen, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchten.

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immer noch Pisa….

Eben höre ich im Radio: die deutschen SchülerInnen haben diesmal ein wenig besser abgeschnitten, liegen jetzt an 13. Stelle!

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Unverändert aber ist, dass es in keinem der beteiligten Staaten so einen engen korrelativen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg gibt.
Es wird sogar noch eins drauf gesetzt: Schüler aus sozial benachteiligten Familien werden bei gleichem Leistungsstand seltener fürs Gymnasium vorgeschlagen. Wahrscheinlich denken die Schulpädagogen sich dabei: ” Der hat ja zu Hause keine Unterstützung in schulischen Angelegenheiten, wie soll er dann das Gymnasium schaffen” und meinen im Interesse der betroffenen Schüler zu handeln.

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Für die, denen Chancengleichheit nicht schon aus ethischen Gründen ein Anliegen ist:
Vielleicht stände Deutschland im internationalen Vergleich viel besser da, wenn diese Schülerreserve der sozial benachteiligten Kinder wirklich und mit entsprechendem Aufwand an Bildung herangeführt würde.
Intelligenz verteilt sich erfreulicher Weise nicht nach sozialen Gesetzen und Bedingungen, sondern sie ist in jeder Bevölkerung über Schichten und Gruppen hinweg gleich verteilt. Was die Natur uns vorgibt wissen wir ja bekanntlich perfekt auf den Kopf zu stellen. Wir vergeuden schlicht Humankapital.

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und wenn wir dann unseren Job verlieren?

Immer wieder das Gleiche:

Ich stelle den Studierenden Methoden und Konzepte einer Sozialen Arbeit vor, die von hoher Fachlichkeit und von einer deutlichen Achtung für den anderen Menschen, den Klienten, geprägt ist. In Fachkreisen nennt man diese Konzeption Sozialer Arbeit Lebensweltorientierung. Sie entstand in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts und bildet z.B. die theoretische Grundlage des erst 1990 verabschiedeten Kinder- und Jugendhilfegesetzes.
Dieses Gesetz geht zum Beispiel von der Notwendigkeit aus, gegenüber den Klienten und ihrer Sicht der Situation Respekt zu haben, sie nicht zu ihrem Glück zwingen zu wollen, sondern sie ins Boot zu holen und zu aktiven Kooperationspartnern der Sozialen Arbeit  zu machen. Das Gesetz versteht sich als Dienstleistung: Eltern und Minderjährige sollen Hilfe und Unterstützung bekommen, wo sie sie brauchen.
Ein Student berichtet von einem Fall, den er letzte Woche erst erlebt hat: Eine Mutter, die massive Erziehungsprobleme hat, die um ihren Rechtsanspruch auf Hilfe weiß, wendet sich um Hilfe ans Jugendamt – und wird wieder weggeschickt! Die Probleme waren dem Jugendamt nicht schwerwiegend genug. Geld ist nur noch da, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Heute ist dieses Gesetz oft nicht mehr das Papier wert, auf dem es steht. Formal wird es meistens beachtet, aber der Geist dieses Gesetzes wird ausgehebelt, umgangen, konterkariert. Natürlich steckt das liebe Geld dahinter, das Geld, das angeblich fehlt und das in diese Bereiche eben nicht investiert werden soll, das Prinzip der Ökonomisierung, das inzwischen alle gesellschaftlichen Bereiche dominiert und das allen vorschreibt, möglichst effizient, kostengünstig, rationell zu zu sein.

Freilich, das ist schließlich in allen Bereichen des Lebens so und trifft die Soziale Arbeit wie – fast – jeden anderen gesellschaftlichen Bereich auch. Nur, hier ist das folgenschwerer, als wenn es darum geht, Straßen zu bauhen oder Kaffeemaschinen zu produzieren.
Eine Soziale Arbeit, die einem humanen Menschenbild verpflichtet ist, braucht Zeit für diese Menschen, braucht Zeit für Kommunikationsprozesse, die nötig sind, um Probleme mit dem Betroffenen und nicht ohne oder gegen ihn zu lösen.

“Aber, Frau Professorin, Sie wissen doch auch, wie es in der Praxis heute aussieht, was wirklich geschieht, dass Entscheidungen nicht nach Fachlichkeit sondern nach Kostengünstigkeit gefällt werden, Sie wissen doch, wie oft keine Zeit bleibt, um auf die Menschen einzugehen, wie oft zu spät reagiert wird, weil Prävention keiner bezahlten will….”

Ja natürlich weiß ich das! Aber soll ich meine Studenten so ausbilden, dass sie in eine solche Praxis ohne anzuecken hineinpassen?
“Aber wenn wir uns wehren oder nur den Mund aufmachen, dann müssen wir Angst haben um unsere Arbeitsplätze. Und wir haben Familie oder wollen eine haben. …”

Natürlich kann ich das verstehen.
Es ist eine Schande, dass es so weit gekommen ist in unserem Land: Gesellschaftskritik und sei es die geringste, wird einem heute regelrecht übelgenommen, man macht sich verdächtig, nicht auf der demokratischen Grundordnung zu stehen- wobei hier die demokratische Grundordnung verwechselt wird mit der gesellschaftlichen “Ordnung” eines globalen Kapitalismus.
Nicht zufällig überschlagen sich die Medien anlässlich der “40 Jahre APO” in dem Versuch, in jenen Leuten, die die damalige Lebensordnung nicht akzeptieren wollten, die Zerstörer unserer Gesellschaft zu sehen: Die Gewalt in unserer Zeit hätte ihren Ausgang, so konnte ich vor ein paar Tagen im Radio hören, in den 68ern gehabt, denn denen war nichts heilig. Das schreit zum Himmel! Wem in unserem Land ist die Menschenwürde derjenigen Menschen heilig, die kein Geld haben, keinen Einfluss, die nicht zu den Machern und Gewinnern der Gesellschaft gehören?

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Warum studiert man heute Soziale Arbeit?

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Das neue Semester hat angefangen. Wie immer haben wir 120 neue StudentInnen aufgenommen. Über 1400 hatten sich an unserer FH beworben. Ich weiß, das ist nichts ungewöhnliches: Studenten bewerben sich heute an 5, an 8 Hochschulen. Aber dennoch! Ich frage mich, warum immer noch und immer wieder so viele junge Leute, dieses Studium ergreifen!

Reich kann man damit wirklich nicht werden. Das ist natürlich auch der Hauptgrund, warum dieses Studium vor allem von Frauen gewählt wird. Aber selbst dann, wenn die Anstellungsträger sich noch an irgendwelche tariflichen Vereinbarungen halten, verdient eine Sozialarbeiterin deutlich weniger als z.B. ein Ingenieur, der auch an einer FH sein Studium abgeschlossen hat. Aber heute sind prekäre Arbeitsplätze aller Couleur in der Sozialen Arbeit ohnehin Gang und Gebe.
Warum also möchten so viele diesen Beruf ergreifen?
Die Arbeitsbedingungen für fachlich gute, die Menschen stärkende und unterstützende Soziale Arbeit werden seit Jahren zunehmend schlechter: Überall fehlt das Geld, Projekte werden eingestellt, MitarbeiterInnen müssen in der gleichen Zeit wie früher, mehr Klienten betreuen, mehr Aufgaben erledigen, mehr leisten. Das geht auf Kosten der MitarbeiterInnen und genauso auf Kosten der Arbeitsqualität und damit auf Kosten der Menschen, mit denen sie zu tun haben.

Traditionell ist der Sozialarbeiter ein Mensch, der sich für die Rechte und Bedürfnisse sozial Benachteiligter einsetzt. In den 68ern, als die berühmte Heimkampagne die Studentenbewegung begleitete und die Sozialarbeiterausbildung auf Fachhochschulebene angehoben wurde, verstanden sich viele SozialarbeiterInnen als parteilich für ihre Klientel und Soziale Arbeit war eine Fachdisziplin, die ganz deutlich und offen versuchte, sich in politische Angelegenheiten einzumischen und auch Politik zu machen.
Davon ist heute schon lange nichts mehr übrig. Und in den neuen, neoliberalen Zeiten fällt einem der alte Satz wieder ein, dass die Sozialarbeit immer ihrer Klientel aber ebenso dem System verpflichtet und verbunden ist. 1968 hat das dazu geführt, dass dieses Sytem kritisch gewertet wurde. Heute muss die Soziale Arbeit aufpassen, dass das System sie nicht auf die Straße setzt, wenn sie nicht brav effizient dem System zuarbeitet.

Politische Ambitionen haben die allerwenigsten Studenten der Sozialen Arbeit. Sie wollen helfen, wollen “irgendwas mit Menschen machen”…. Da kann man nur hoffen, dass man sie auch läßt oder besser, dass sie merken, was sie mit Menschen machen und noch rechtzeitig die Notbremse ziehen. Ein bisschen mehr politischer Wind würde der Sozialen Arbeit wirklich gut tun.

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