Nichterfassung der Qualität durch standardisierte Dokumentation

Beispiel 14:

Qualitätsmanagementversuche, die sozialpädagogische Leistung durch standardisierte Dokumentationsverfahren zu erfassen, sind sinnlos und führen letztlich zur Vernachlässigung von Qualität.

Eine Sozialpädagogin (33 Jahre alt, 5 Jahre Berufserfahrung in der Sozialpädagogischen Familienhilfe) berichtet von einem Experiment: 
„Ich muss neuerdings für meinen Träger nach jedem Termin mit einer Familie einen Kontrollbogen ausfüllen, der meine Tätigkeiten in Bezug auf die im Hilfeplan genannten Ziele und die entsprechenden Zeiträume, in denen ich mich mit dieser Zielthematik beschäftigt habe, genau festhält. Zum Beispiel geht es dann um die Zeit von 14.30 bis 16.00, also um 1,5 Stunden. Der Kontrollbogen sieht vor, dass für jedes angesprochene Ziel einzeln mit Minutengenauigkeit der Zeitraum der Bearbeitung angegeben wird – quittiert von der Mutter, so als handele es sich um eine Handwerkerdienstleistung. Das sieht an einem bestimmten Tag dann in etwa so aus:

Vertrauensaufbau15 Minuten
Mutter soll früh genug aufstehen15 Minuten
Mutter soll dem Kind Pantoffeln mitgeben28 Minuten
In Deutschland gelten bezgl. Pantoffeln andere Regeln 2 Minuten
Die Mutter soll sich öffnenPlanung12 Minuten18 Minuten

Das Ausfüllen und Übertragen ist aus meiner Sicht schlicht für die Katz. Denn alles kann in den 1,5 Stunden passiert sein. Der Bogen verrät es nicht: Gutes oder Schlechtes, viel oder wenig, fachlich Qualifiziertes und auch Stümperhaftes … Der Träger kann an den Eintragungen bestenfalls erkennen, dass hier jemand 1,5 Stunden bei der Familie war. Wie gearbeitet wurde, welche sozialpädagogische Qualität diese Arbeit hatte, das erschließt sich mitnichten. Nur Mühe macht der Bogen und frisst Zeit.   
Was also wirklich in den 1,5 Stunden passiert ist und wie gut dort gearbeitet wurde, das ist so nicht zu erfassen. Das kann man auch nicht messen oder durch irgendwelche formalen Vorschriften oder Kriterien beschreiben.

Ich ärgere mich jedes Mal über dieses mangelnde Vertrauen in meine Fachlichkeit. Deshalb habe ich mir mal den Spaß erlaubt, als Anlage an so ein Kontrollblatt drei verschiedene und unter fachlichen Gesichtspunkten mehr als unterschiedlich zu bewertende Beschreibungen meiner vermeintlichen Tätigkeit anzuhängen. Wohlbemerkt: Alle drei Protokolle wären durch die Angaben auf dem Kontrollblatt völlig abgedeckt und den Tatsachen entsprechend festgehalten worden.

Variante 1:

Heute sind wir nicht dazu gekommen, in Ruhe zu sprechen. Ständig ging das Telefon oder jemand kam zu Besuch. Dazu lief wie immer der Fernseher. Ich habe die Zeit überbrückt und mit den Kindern ein bisschen im Kinderzimmer gespielt. Schließlich war die Zeit fast rum, als endlich niemand mehr störte und wir noch einmal kurz über das Kindergartenproblem sprechen konnten.

Sie meinte, es ginge eigentlich inzwischen ganz gut. Sie hätte ja jetzt den Wecker immer eingestellt. Ich könnte ruhig im Kindergarten nachfragen.
Wir haben vor, beim nächsten Mal über ihre Finanzsituation zu sprechen.

Variante 2:

Heute gab es wieder Ärger in der Kita. Man hatte mich bereits informiert. Die Kleine hatte mal wieder die Pantoffeln nicht dabei und die Erzieherinnen sind genervt, weil die Mutter das einfach nicht kapiert.

Ich habe Frau J. noch einmal eindringlich eingeschärft, dass sie die Pantoffeln mitgeben soll. Sie will nicht, weil sie es von zu Hause nicht kennt. Aber ich habe ihr klar gemacht: Wenn sie sich integrieren will und nicht unangenehm auffallen möchte als Ausländerin, dann muss sie sich einfach mal an unsere Regeln halten.

Die Gespräche mit Frau J. liefen wie immer ziemlich zäh. Sie will sich nicht öffnen und gleichzeitig spüre ich genau, dass sie sich gegen das sperrt, was ich von ihr erwarte. Die Liste, in der Frau J. täglich eintragen soll, ob sie es geschafft hat, rechtzeitig aufzustehen, war nur sporadisch ausgefüllt. Dabei hatte sie sich doch sogar schriftlich bereit erklärt hat, ihre Langschläferei aufzugeben.

Ich werde, das habe ich ihr jetzt angeboten, jeden Tag einmal kurz durchrufen, und fragen, ob sie rechtzeitig im Kindergarten war.

Variante 3:

Ich traf Frau J. heute in schierer Verzweiflung an. Sie erzählte mir, dass die Erzieherin sie heute früh wieder angemeckert habe, weil ihre Tochter keine Pantoffeln dabei hatte.

Wir haben in Ruhe darüber gesprochen, wie mies sie sich fühlt, wenn sie in den Kindergarten gehen muss, weil sie den Eindruck hat, dass die Erzieherinnen sie nicht mögen. Wir haben überlegt, was sie machen kann, damit sich das ändert. Sie bat mich, doch einmal für sie mit den ErzieherInnen zu sprechen. Ich habe versucht, mit ihr über ihre Angst und ihre Scham zu sprechen, der sie sich in diesen Situationen ausgesetzt sieht.

Frau J. wurde sehr gesprächig und erzählte viele andere Situationen aus ihrem Leben und dass sie sich sehr oft von anderen schlecht behandelt fühlt. Wir haben überlegt, ob es dafür Gründe geben könnte, die ihr einfallen.

Sie glaubt, die anderen sähen in ihr die kleine dumme Jessica, so wie ihre Mutter es tat. Wir haben überlegt, was sie tun kann, damit die ErzieherInnen merken, dass sie nicht die kleine dumme Jessica ist. Dabei ging ihr auf, dass sie selbst für sich sorgen muss und es nichts bringen würde, wenn ich mit den Erzieherinnen über sie spräche.

Wir haben geplant, nächste Woche die Tochter zusammen abzuholen. Dabei will sie die Erzieherinnen – mutig und ohne deren Blicken auszuweichen – fragen, wozu das Kind überhaupt Pantoffeln braucht. In ihrer Heimat gehen alle im Haus ohne Schuhe und das kennt die Kleine auch nicht anderes. Wir haben die Situation sogar einmal geübt und dabei konnte sie schon wieder lachen, weil wir uns die Verblüffung der Erzieherinnen so richtig gut vorstellen konnten.

Nur die dritte Variante entsprach dem, was ich wirklich getan hatte.

Die quantitative Erfassung in Zeitwerten aber ließ völlig offen, wie hier gearbeitet wurde.
Ich hoffte nun, dass mein Träger auf diese Weise erkennen würde, dass diese Art der Kontrolle völlig unsinnig ist, da sie ihr Ziel verfehlt. Außerdem forciert sie meiner Meinung nach bei uns MitarbeiterInnen ein nicht-fachliches, quantifizierendes Verständnis von Sozialer Arbeit und deprofessionalisiert.

Mein Träger hat geschmunzelt, mit den Schultern gezuckt und nur gesagt: Der Kontroll-Bogen sei in Absprache mit dem Jugendamt entstanden und es läge nicht in seiner Macht ….“

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Passé: Respekt und Unterstützung: Das neoliberale Berufsverständnis

Beispiel 13:

Die neoliberalisierte Soziale Arbeit führt zu einem veränderten beruflichen Selbstverständnis der SozialarbeiterInnen.

Die ehemalige Mitarbeiterin des Allgemeinen Sozialdienstes im Jugendamt, die zum Jobcenter gewechselt ist, weil sie im Allgemeinen Sozialdienst die Situation nicht mehr ausgehalten hat, meint, die Arbeit im Jobcenter sei ganz schön hart gegenüber den KlientInnen, aber daran könne sie ja nichts ändern. Und sie stellt mit Wohlbehagen die Vorzüge ihres neuen Arbeitsplatzes fest: Zum einen hat sie jetzt endlich einen eigenen PC am Arbeitsplatz und zum anderen „müssen die Klienten jetzt endlich machen, was ich will, und ich muss ihnen nicht hinterherlaufen, bis sie endlich mal in die Gänge kommen“.

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Ausfinanzierung der Aufgaben – für Träger Sicherstellung oft nur über Tricks

Beispiel 12:

Wie in der neoliberalisierten Soziale Arbeit die Träger herumtricksen müssen, um mit zusätzlichen Projektgeldern die eigentlichen Standradaufgaben ihrer Einrichtung einigermaßen angemessen aufrechterhalten zu können.

Sozialarbeiterin, 29 Jahre alt, arbeitet mit Schulverweigerern:

„Ich bin so froh, dass mein Träger endlich eine Lösung gefunden hat, die Stelle meiner Kollegin zu retten. Ihre Stelle war gefährdet, weil der Träger deren Gehaltskosten nur für eine halbe Stelle refinanziert bekommt, obwohl wir diese volle Stelle für unsere tagtägliche Arbeit so dringend brauchen. Wir gehen alle am Stock vor Überlastung. Wenn die Stelle wegfallen oder wirklich auf 20 Stunden reduziert würde, wäre das für die beiden anderen MitarbeiterInnen, also für mich und Karl, eine richtige Katastrophe.

Nun ist es meinem Träger gelungen, Geld zusätzlich für ein Projekt zu bekommen, für das er sich mit unserer Einrichtung beworben hat. Das ist ganz was Spezielles und sicher auch verdammt arbeitsaufwendig. Aber das Geld nutzt der Chef jetzt erst einmal, um die vakanten Kosten für die 3. Stelle zu decken.“         
„Das Projekt müssen wir dann irgend wie auch bedienen,“ hat er gesagt, „aber das kriegen wir schon hin. Hauptsache, wir können unsere eigentliche Arbeit endlich wieder schaffen“.

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Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute – schwarz auf weiß – mein neues Buch

Ich habe eine aktuelle Fortsetzung meines „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ geschrieben. Es hat den Titel „Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute – schwarz auf weiß“ und ist eine genaue Analyse dessen, was derzeit in der Sozialen Arbeit insbesondere in der Praxis passiert. Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß | SpringerLink

Schwarz auf weiß bedeutet: Im Buch wird im Detail aufgezeigt, was die Neoliberalisierung bisher schon mit unserer Profession gemacht hat. Ich wende mich gegen die übliche Vorstellung , dass das „bisschen Neoliberalismus“ doch letztlich nicht weiter verändert an dem, was wir unter Sozialer Arbeit verstehen.

Das Buch enthält eine Fülle konkreter Beispiele, die ich im Zusammenarbeit mit Berliner SozialarbeiterInnen gesammelt habe.
Diese Beispiele werde ich zum Teil auch hier im Blog gesondert veröffentlichen.

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Missachtung der fachlichen Expertise bei Fallentscheidungen

Beispiel 11:

Wie in der neoliberalisierten Sozialen Arbeit bei Entscheidungen die Expertise der verantwortlichen SozialarbeiterIn nicht gehört wird und stattdessen neoliberale Erfolgsdefinitionen maßgeblich sind.

Sozialarbeiter P. E. berichtet:

Aussage einer Sozialarbeiterin, 27, tätig in der Einzelbetreuung für psychisch kranke Erwachsene:
„Wir , die Einzelfallhelferin und ich, haben alles dafür getan, dass wir ihr Vertrauen gewonnen haben, ihr Mut zugesprochen haben, ihre Hoffnung auf Hilfe gestärkt haben – und nun soll ich ihr erklären, dass ihre Einzelfallhilfe nicht verlängert wird, weil man hier im Amt den Eindruck hat, dass es alles schon gut läuft und damit die Hilfe nicht mehr erforderlich ist – obwohl ich als zuständige SozialarbeiterIn zusammen mit der Einzelfallhelferin ganz anderer Meinung bin, denn die neuen Einstellungen und Verhaltensweisen müssen noch verfestigt werden. Andernfalls gehen sie rasch wieder verloren. Wie soll ich ihr das jetzt bloß erklären? Und dann bin ich als jemand, die im Auftrage des Amtes tätig bin, auch noch gezwungen, diese Entscheidung zu verteidigen. Meine Klienten halten mich für verlogen und hinterhältig. Mit dem Vertrauen ist es vorbei.“

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Warum mach ich diesen Beruf eigentlich noch?

Beispiel 10:

Wie Soziale Arbeit im Neoliberalismus abgewertet wird und die gesellschaftliche Anerkennung verweigert wird.

Sozialarbeiter Kai W. 33 Jahre alt, seit 7 Jahren als Sozialberater tätig, wundert sich:
„Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem ehemaligen Kollegen der noch Psychologie studiert hat und nun als Psychologe arbeitet. Der hat das gut auf den Punkt gebracht: „Meine Arbeit früher (HzE) war viel anstrengender und eigentlich auch fachlich herausfordernder. Und jetzt ist meine Arbeit viel abgegrenzter und mit weniger Verantwortung verbunden und ich bekomme mehr Geld und fühle mich angesehener. Das ist schon krass.“

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Jugendarbeit, das Stiefkind der Sozialpolitik

Beispiel 9:

Wie die Jugendarbeit für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Milieus durch grobe Vernachlässigung sehenden Auges vor die Wandgefahren wird und die Gesellschaft zusieht, wie Kinder und Jugendliche vor die Hunde gehen.

(Berliner Zeitung 2023)
Ausschnitte aus einem Interview mit dem Mitarbeiter (44 Jahre) eines Jugendzentrums in einem größeren, sozial belasteten Wohngebiet in Berlin, veröffentlicht 2023 in der Berliner Zeitung unter dem Titel „Sorge um Jugendliche in Marzahn-Hellersdorf: Wir haben immer mehr Kinder, die sich selbst verletzen.“

„Den Kindern und Jugendlichen in Berlin scheint es zunehmend nicht gut zu gehen. Einiges deutet darauf hin: Sei es die Zunahme von Jugendgewalt oder psychischen Erkrankungen, seien es Krawalle wie an Silvester, als Teenager Brandsätze auf Polizisten und Feuerwehrleute warfen und eine ganze Stadt sich fragte, wie das passieren konnte. Die Jugendlichen leiden unter einer massiven Perspektivlosigkeit, unter körperlicher Verwahrlosung sowie an sexuellen Übergriffen. Es gibt nicht selten Suizidgedanken unter ihnen. Aber wir im Jugendzentrum können oft nur noch eine Notversorgung leisten.

Die meisten der Kinder wohnen hier in den Plattenbauten, etwa die Hälfte hat einen Migrationshintergrund. Die Eltern sind oft Empfänger von Bürgergeld, Studenten und Geflüchtete. Ansonsten sind sie sehr verschieden. Und sie kommen nicht nur aus sogenannten Problemfamilien.

Was aber auffällt, ist, dass es immer häufiger Kinder gibt, die nicht mehr nach Hause wollen, weil sie Angst haben, sich dort nicht wohlzufühlen.

Eigentlich müssten hier fünf ausgebildete Vollzeitkräfte arbeiten. So sieht es das Jugendamt für eine Einrichtung dieser Größe vor. Im nächsten Doppelhaushalt für Berlin sind aber nur Mittel bewilligt, die bei uns für drei Stellen reichen. Wir versuchen das auszugleichen, aber es reicht nicht. Es kommen gleichzeitig immer mehr Kinder zu uns.

Ich denke, wir kriegen jetzt erst mit, was die Corona-Pandemie eigentlich bewirkt hat. Wir haben Drittklässler, die können nicht richtig schreiben. Wir haben Zweitklässler, die können nicht richtig sprechen.“

Wir würden gerne jeden Tag Hausaufgabenhilfe anbieten, aber auch das können wir nicht. Wir haben auffällig viele Kinder, die sich selbst verletzen, sich ritzen oder draußen so lange gegen Gegenstände schlagen, bis ihre Hand blutet. Und die erzählen, dass sie nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, wo in diesem Leben ihr Platz ist. Auch das nimmt leider zu. Aber woran das liegt, können wir leider auch nur erfahren, wenn wir den Raum und das Personal dafür haben, um zum Beispiel öfter eine Gesprächsrunde speziell für solche Themen anzubieten.

Ich merke aber: Wenn Kinder fünf, sechs Jahre lang zu uns kommen, dann sind sie nicht mehr so. Weil sie hier lernen, über ihre Bedürfnisse zu sprechen und ihre Talente entdecken. Tanzen zum Beispiel oder Theater: Das können sie hier ausleben, anstatt auf der Straße Randale zu machen, Ärger mit der Polizei und Stress mit den Eltern zu bekommen.

Vor kurzem haben mehr als 70 Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen Alarm geschlagen und mehr finanzielle Unterstützung gefordert. Die Leute wundern sich immer, warum es so viele Gewaltexzesse unter Jugendlichen gibt, gleichzeitig gewährt man der Jugendhilfe zu wenig Mittel. Ich frage mich: Was denkt ihr eigentlich, wo die Prävention stattfindet? Wenn man keine Gewalt an Silvester will, dann muss man auch kontinuierlich etwas dafür tun.“

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Überlastungsanzeigen bleiben ohne Folgen – der Senat reagiert nicht.

Beispiel 8:

Wie die neoliberale Politik die SozialarbeiterInnen und die KlientInnen einfach im Stich lässt. Soziale Arbeit hat keine Priorität.

Bericht der Mitglieder des RSD (Regionaler Sozialer Dienst) in einem Berliner Bezirk:

„Seit vielen Jahren kämpfen wir SozialarbeiterInnen im Sozialen Dienst um mehr Stellen, um eine Änderung der Stellenbemessung, um die Besetzung frei gewordener Stellen etc. Der Staat, hier in Gestalt des Senates, sieht die Notwendigkeit trotz einer Flut von Überlastungsanzeigen und Brand-Briefen, von Streiks und Petitionen nicht. Er sieht vielmehr tatenlos und ungerührt zu, wie ausgerechnet dieser Berufsstand eine der höchsten Burnout-Quoten zu verzeichnen hat. Es scheint ihn auch nicht weiter zu stören, dass ganze Abteilungen des Allgemeinen Sozialen Dienstes zeitweilig aus Überlastung geschlossen werden müssen und die Klientel in dieser Zeit keinerlei Zugang zu Hilfen und Unterstützung hat.

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Frühe Hilfe oder doch ein heimlicher Kontrollauftrag?

Beispiel 7:

Wie die neoliberalisierte Soziale Arbeit ihre als „Prävention“ verstandene Hilfeangebote einsetzt, um potentiell gefährdende KlientInnen von vorneherein im Auge zu behalten.

Sozialarbeiterin M. P. berichtet:

„Ich mache meine Arbeit gerne und habe oft auch den Eindruck, für die jungen Familien wirklich nützlich und hilfreich zu sein. Aber heute früh gerade war da wieder so ein Fall, bei dem ich das Gefühl nicht verliere, dass ich eigentlich eine Art Spionageauftrag habe. Wenn ich hier genau protokolliere, in welchem Zustand sich die Wohnung befand, wie das Kleinkind versorgt wird, wie die Mutter mit dem Kind umgeht, dann weiß ich ja: das hier ist noch nicht ganz so, wie es eigentlich sein sollte. Aber ich denke, die Mutter hat Potentiale, sie wird es packen. Daran werden wir ja arbeiten. Dennoch liegt dann mit meinem Bericht im Amt eine Art Steckbrief vor und aus meinem Hilfeangebot ist so etwas geworden wie eine ‚Gefährder-Meldung‘. In solchen Situationen denke ich darüber nach, dieses Arbeitsfeld wieder zu verlassen.“

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Keine Hilfeangebote für Menschen, deren Probleme noch nicht eskaliert sind.

Beispiel 6:

Wie die neoliberalisierte Soziale Arbeit Hilfe verweigert, wo sie gebraucht würde.

Eine MitarbeiterIn aus der Schulsozialarbeit erzählt:

„Neulich musste ich eine Mutter bitter enttäuschen: Ich hatte sie nach etlichen Elterngesprächen endlich dazu gekriegt, dass sie bereit war, sich wegen ihrer Erziehungsprobleme mit ihrem 12jährigen Sohn Hilfe zu holen. Sammy rastet zu Hause regelmäßig aus und wird aggressiv. Die Mutter steht hilflos davor und kann ihn nicht „runterkriegen“. Er hat sogar schon nach ihr geschlagen und sie beginnt, Angst vor ihrem eigenen Kind zu haben. Ich riet ihr, sich mit ihrem Problem bei der zuständigen Sozialarbeiterin im Jugendamt zu melden. Ich habe sogar die Kollegin dort mit Einverständnis der Mutter über den Wunsch der Frau informiert.     
Aber nach einem 1. Termin im Jugendamt rief mich die Kollegin an und meinte, sie könne in der Sache leider nichts tun. Ihre Vorgesetzte hätte sie wissen lassen, es gäbe viel dringendere Fälle, in denen das Amt unbedingt etwas tun müsse, weil dort eine akute Kindeswohlgefährdung drohe. „Mit solchen Sachen müssten die Klienten doch selbst klarkommen, dafür gibts keine Hilfe,“ hätte sie gesagt.

Die Mutter von Sammy ist enttäuscht und zieht sich jetzt auch vor mir zurück.“

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