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29.3.2009 von m.s..
Vorgestern hatte ich wieder Prüfungen meiner berufstätigen Studierenden.
Es ging um die Reflexion ihrer Berufspraxis auf dem Hintergrund dessen, was sie bei uns gelernt haben.
Und alle berichteten von einer Diskrepanz zwischen dem, was eigentlich fachlich richtig und sinnvoll wäre und dem, was unter den vorgegebenen Bedingungen möglich ist.
Hier fehlt es an der notwendigen Zeit, dort an der Möglichkeit, Hilfen so zu verändern, dass sie auf die Möglichkeiten der KlientInnen wirklich passen, hier werden Probleme nicht angegangen, weil man daran Geld verdienen kann, dort muss man zusehen, wie ein an und für sich brauchbares Gesetz, dass eigentlich Menschen helfen soll, ins Gegenteil verwandelt wird und als Alibi und Einfallstor für Rauswurf und Kündigung dient.
Interessanter Weise wurden diese Diskrepanzen von den Studierenden zwar erwähnt, oft auch kurz problematisiert, aber keiner der KandidatInnen hat diese Problematik in seiner schriftlichen Arbeit dann weiter diskutiert und verfolgt.
Ich habe mit meiner Beisitzerin lange diskutiert, woran das liegen könnte. Hatten sie Angst, wir würden hingehen und ihren Trägern und Teams brühwarm erzählen, welch kritische MitarbeiterInnen sie sind? Fürchteten Sie, als NestbeschmutzerInnen dazustehen oder als Menschen, die die Probleme nicht bei sich, sondern immer bei anderen suchen?
Ich glaube eher, dass diese merkwürdige, resignierte Kritiklosigkeit, dieses “Mißstände kaum noch Wahrnehmen”, dieses sich gewöhnt Haben an unzureichende Bedingungen, die eine gute Arbeit nicht zulassen, dass all das mit dem ermüdenden täglichen Kampf zu tun hat,bei dem man irgendwie trotzdem, auch unter schlechten und eingeschränkten Bedingungen für die Klienten und auch für sich selber etwas Sinnvolles zu erreichen versucht. An den Bedingungen können Sie eh nichts ändern, sagen sie, nicht einmal ihre Vorgesetzten können das. Das alles sei einfach von oben so festgelegt worden, so seien eben die Förderrichtlinien, so seien die von oben gesteckten Ziele.
Dass Verwaltung und Pädagogik dabei zweierlei Sprachen sprechen, dass Finanzierung sich offenbar nicht nach dem Notwendigen, sondern nur nach dem richtet, was eben auf effizientem, kurzem Wege zu haben ist, dass Politik sich nicht interessiert für Menschenbiografien, sondern in erster Linie für Wahlergebnisse und für Kosteneindämmung, dass scheint ihnen eine natürliche, selbstverständliche und nicht zu ändernde Tatsache.
Wenn sie sich täglich dieser Widersprüche, der immer wieder drohenden Sinnlosigkeit ihrer fachlichen Bemühungen unter den verknappten Zeitbedingungen und im Rahmen der vorgegebenen, unumstößlichen bürokratischen Regelungen klar würden, wäre ihre Arbeit für sie wahrscheinlich nicht auszuhalten.
Ich muss das akzeptieren und verstehen. Aber es macht mir Angst.
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26.3.2009 von m.s..
Selbstverständlich ist das Problem, dass immer öfter Amokläufer in ihren (ehemaligen) Schulen Blutbäder anrichten, nicht durch Soziale Arbeit allein zu lösen, ebenso wenig wie durch Verbote von Gewaltspielen oder von Waffenbesitz. Da müsste man schon einmal genau hinsehen, was diese jungen Menschen antreibt und was ihr motivationaler Hintergrund für eine solche Tat ist. Aber wer will das schon. Die allgemeine Fassungslosigkeit schützt vor bitteren Erkenntnissen. Heraus käme dabei nämlich “nur”, dass die Situation in unserer gegenwärtigen Gesellschaft besonders auch für junge Leute durch Kälte, Zwänge und Perspektivlosigkeit geprägt ist und dass Gewalt in den Medien und in der Wirklichkeit alltäglich und selbstverständlich geworden ist. Wer hat sich hierzulande schon über den Krieg Israels gegen Palästina aufgeregt, bei dem Menschen hingemetzelt wurden, als handele es sich um ein Computer-Spiel.
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Pappkameraden auf der IWA: Die Messe hatte 68.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in sechs Hallen, drei davon reserviert für alles, mit dem man schießen kann
Wollte man wirklich an den Hintergründen etwas ändern, müsste man schon an etwas tiefer sitzenden Schrauben drehen. Da ist auch Schulsozialarbeit nicht mehr als eine Möglichkeit, bestehende Problemlagen abzuschwächen, Eskalationen zu vermeiden und Einzelnen individuell Perspektiven zu eröffnen. Auch sie behandelt sicherlich nur die Symptome dieser Gesellschaft. Hierzu ein hoch interessanter Beitrag.
Aber dennoch könnte Soziale Arbeit in diesem Kontext mehr leisten und wäre sinnvoller als all die Überlegungen für Verbote und Beschränkungen, für Sicherungsmaßnahmen und Abschottungen von Schulen.
Auszug aus meinem Schwarzbuch-Entwurf:
Hätte Schulsozialarbeit an der Erfurter Schule denn den Amoklauf verhindern können? Möglicher Weise:
- Schulsozialarbeit, angemessen ausgestattet und in das Schulleben und den Schulalltag integriert, wirkt wie ein Seismograph und kann bestehende Problematiken in der Schülerschaft sehr viel früher wahrnehmen.
- SchulsozialarbeiterInnen, die ja keine Zensuren verteilen und keine Abschlüsse vergeben, sind für SchülerInnen mit belastenden Problemen und für solche, die Stress mit der Schule haben, sehr viel eher als Ansprechpartner denkbar. Hier kann Hilfe und Unterstützung für Jugendliche geleistet werden, die sich in einer existentiellen Krise befinden und sie als ausweglos erleben.
- Schulsozialarbeit ist durchaus in der Lage, das Schulklima gemeinsam mit der interessierten Lehrerschaft dahingehend zu verändern, dass an einer Schule andere als gewalttätige Formen der Auseinandersetzung auch zwischen Schülern und Lehrern denkbar werden.
- Als Deutschland und insbesondere Thüringen entsetzt nach Erfurt schauten und es nicht fassen konnten, was da an einer deutschen Schule geschehen war, wurde zumindest eine Zeit lang über Ursachen solcher Gewaltausbrüche von Schülern und über Hilfemöglichkeiten auch im Schulkontext gesprochen.
Abgesehen davon, dass die Möglichkeiten der Profession Schulsozialarbeit in diesem Zusammenhang von Politik und Öffentlichkeit kaum oder gar nicht erkannt wurden (man rief statt dessen nach Schulpsychologen), war es selbst nach diesem Ereignis noch schwierig, eine angemessene Ausstattung von Schulsozialarbeit langfristig zu installieren. Heute, Jahre nach dem Amoklauf hat man die Stellen der Sozialpädagogen wieder auf eine reduziert.
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23.3.2009 von m.s..
Hallo zusammen!
Mein neues Blog habe ich in den letzen Monaten vernachlässigt.
Zum einen kamen wenig Anregungen und Kommentare, was mich zunächst ein wenig demotiviert hat.
Tatsächlich schreiben die Studierenden offenbar lieber persönliche mails an mich, als es über die Kommentarfunktion im Blog zu tun, auch dann, wenn der Inhalt ihrer Mail eigentlich für viele hoch interessant wäre.
Ich gewöhne mich also erst mal daran, dass das Blog vielleicht einige lesen, dass sie mir aber das Schreiben überlassen wollen.
Das kann und darf sich von meiner Seite aus jeder Zeit ändern, klar.
Zum zweiten habe ich die letzten drei Monate wie eine Wilde an meinem Schwarzbuch geschrieben. Daneben hatte ich weder Zeit noch Muße, etwas ins Blog zu schreiben.
Aber jetzt kann’s wieder losgehen.
Geschrieben in mein Schwarzbuch, Infos und Fragen | Keine Kommentare »