man könnte so viel machen – aber es geht halt nicht….

Vorgestern hatte ich wieder Prüfungen meiner berufstätigen Studierenden.
Es ging um die Reflexion ihrer Berufspraxis auf dem Hintergrund dessen, was sie bei uns gelernt haben.
Und alle berichteten von einer Diskrepanz zwischen dem, was eigentlich fachlich richtig und sinnvoll wäre und dem, was unter den vorgegebenen Bedingungen möglich ist.
Hier fehlt es an der notwendigen Zeit, dort an der Möglichkeit, Hilfen so zu verändern, dass sie auf die Möglichkeiten der KlientInnen wirklich passen, hier werden Probleme nicht angegangen, weil man daran Geld verdienen kann, dort muss man zusehen, wie ein an und für sich brauchbares Gesetz, dass eigentlich Menschen helfen soll, ins Gegenteil verwandelt wird und als Alibi und Einfallstor für Rauswurf und Kündigung dient.
Interessanter Weise wurden diese Diskrepanzen von den Studierenden zwar erwähnt, oft auch kurz problematisiert, aber keiner der KandidatInnen hat diese Problematik in seiner schriftlichen Arbeit dann weiter diskutiert und verfolgt.

Ich habe  mit meiner Beisitzerin lange diskutiert, woran das liegen könnte. Hatten sie Angst, wir würden hingehen und ihren Trägern und Teams brühwarm erzählen, welch kritische MitarbeiterInnen sie sind?  Fürchteten Sie, als NestbeschmutzerInnen dazustehen oder als Menschen, die die Probleme nicht bei sich, sondern immer bei anderen suchen?
Ich glaube eher, dass diese merkwürdige, resignierte Kritiklosigkeit, dieses „Mißstände kaum noch Wahrnehmen“, dieses sich gewöhnt Haben an unzureichende Bedingungen, die eine gute Arbeit nicht zulassen, dass all das mit dem ermüdenden täglichen Kampf zu tun hat,bei dem man  irgendwie trotzdem, auch unter schlechten und eingeschränkten Bedingungen für die Klienten und auch für sich selber etwas Sinnvolles zu erreichen versucht. An den Bedingungen können Sie eh nichts ändern, sagen sie, nicht einmal ihre Vorgesetzten können das. Das alles sei einfach von oben so festgelegt worden, so seien eben die Förderrichtlinien, so seien die von oben gesteckten Ziele.
Dass Verwaltung und Pädagogik dabei zweierlei Sprachen sprechen, dass Finanzierung sich offenbar nicht nach dem Notwendigen, sondern nur nach dem richtet, was eben auf effizientem, kurzem Wege zu haben ist, dass Politik sich nicht interessiert für Menschenbiografien, sondern in erster Linie für Wahlergebnisse und für Kosteneindämmung, dass scheint ihnen eine natürliche, selbstverständliche und nicht zu ändernde Tatsache.
Wenn sie sich täglich dieser Widersprüche, der immer wieder drohenden Sinnlosigkeit ihrer fachlichen Bemühungen unter den verknappten Zeitbedingungen und im Rahmen der vorgegebenen, unumstößlichen bürokratischen Regelungen klar würden, wäre ihre Arbeit für sie wahrscheinlich nicht auszuhalten.

Ich muss das akzeptieren und verstehen. Aber es macht mir Angst.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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