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30.4.2009 von m.s..
aus meinem Schwarzbuch (Persönliche Erfahrungen):
Als ich 1982 in Wiesbaden in meiner Abteilung im Jugendamt die Schulsozialarbeit übernahm, war sie gerade dabei, sich von einer gut ausgestatteten Modelleinrichtung in eine Regeleinrichtung zu verwandeln. Von den bisher 8 wurden nur 6 Stellen als unbefristete Stellen weiter übernommen, das separate Stadtteilbüro wurde geschlossen aber immerhin, die Beteiligung der Grundschule und der Gesamtschule im Stadtteil Klarenthal blieb bestehen. Die Bundesmittel wurden eingestellt, die Kommune und das Land teilten sich die verbliebenen Kosten.
Dies war meine erste berufliche Erfahrung mit Mittelkürzungen in der Sozialen Arbeit.
Immerhin blieb genug von der Modellausstattung übrig, um den Stadtteil auch weiterhin gut und ganzheitlich mit Schulsozialarbeit und Stadtteilbezogener Sozialarbeit zu versorgen und eine kontinuierliche und nachhaltige Arbeit zu leisten, die auch für Außenstehende deutliche Ergebnisse zeigte: Die Rolle der jugendlichen Neonazis im Stadtteil z.B. wurde innerhalb weniger Jahre total zurückgedrängt. Von den Absolventen des Hauptschulzweiges der Gesamtschule erhielten 80% einen Ausbildungsplatz oder machten eine schulische Weiterqualifizierung mit.
Schon ganz anders sahen meine Erfahrungen im Jahre 1998 aus, als ich das „Landesprogramm Jugendarbeit an Thüringer Schulen“ wissenschaftlich betreute. Die ohnehin eher schmalbrüstige Ausstattung von 2 mal 30 Mitarbeiter-Stunden pro Modellschule wurde entgegen der fachlich begründeten Notwendigkeit nach Ablauf des Modellzeitraumes weiter reduziert auf etwa 10 Stellen insgesamt für 10 Schulen. Mehr wollte man nicht investieren. Das geschah zu einer Zeit, als im Osten die eigentliche Sparwelle noch gar nicht angefangen hatte.
2001, wenige Jahre später traf ich auf ein Jugendamt in Thüringen, das sich mit einem finanziell hervorragend ausgestatteten Modellprojekt „Stationäre Familienhilfe“ schmücken wollte, seine etwa 30 regulären Maßnahmen der „Sozialpädagogischen Familienhilfe (spFH) nach Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) aber Stunden mäßig so knapp ausstattete, dass angesichts der zum Teil dramatischen und hochschwierigen Familienkonstellationen diese Hilfe nur in Ansätzen greifen konnte und in den meisten Fällen nichts gebracht hat. Viele dieser Fälle endeten mit Heimerziehung, die man eigentlich hatte vermeiden wollen. Mein Versuch, statt des luxurieusen Modells erst einmal die normalen Hilfen der spFH angemessen mit Zeitressourcen (z.B. statt wöchentlich 3 Stunden die erforderlichen 13 Stunden) zu versehen, scheiterte am Konzept des Amtes, das im Übrigen einen neuen Amtsleiter hatte, der ursprünglich aus der Finanzverwaltung einer Jugendbehörde stammte und kein Sozialarbeiter war. (Noch 1978 hatten wir zufrieden konstatiert, dass die letzen Jugendamtsleiter, die diese Aufgabe als Juristen übernommen hatten, der Profession Sozialarbeit gewichen waren, wie es das Kinder- und Jugendhilfegesetz fordert. Inzwischen finden sich auf den Jugendamtsleiterstellen fast ausschließlich Betriebswirte oder Verwaltungsfachkräfte.)
Und geschockt war ich auch, als mir um das Jahr 2003 herum zum ersten Mal bewusst wurde, mit welchen Arbeitsbedingungen unsere Absolventen inzwischen zu recht kommen sollten: von tariflicher Bezahlung war nur noch selten die Rede. Befristete, auf 30 und weniger Stunden gekürzte Stellen wurden die Normalität. Unbezahlte freiwillige Überstunden wurden von den Arbeitgebern eingeplant. Und dennoch mussten sie all diese Bedingungen akzeptieren und dankbar sein, wenn sie überhaupt eine Anstellung fanden.
Soziale Arbeit, so schien es, kostete den Politikern und den Verwaltungen zu viel, war ihnen einfach zu teuer, war ihnen das Geld nicht wert, was sie dafür bereitstellen sollten. Das Geld sei nicht da, hieß es immer einfach. Eine Diskussion auf Länder- oder Bundesebene oder in einem kommunalen Haushalt über die Gewichtung von Jugendhilfe gegenüber dem Straßenbau oder anderen Ausgabeposten wurde nie geführt. Dem Ressort Soziales gehörte nie eine Priorität. Das Jugendamt z. B. wurde immer behandelt wie jedes andere Amt, das öffentliche Ausgaben provoziert. Und am liebsten wäre es vielen gewesen, sie hätten die lästigen Kosten z.B. der Jugendhilfe einfach wegschieben können. Unser Land ist und war eine der reichsten Industrienationen der Welt und es gab Geld für vieles, auch in den Zeiten so genannter knapper Kassen, für die Bundeswehr, für Unternehmer, für Banken die sich verzockt hatten… Die leeren Kassen waren ein Phantom, ein hausgemachtes Unglück aber ein gewolltes Unglück.
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24.4.2009 von m.s..
aus meinem Schwarzbuch (Persönliche Erfahrungen):
Als ich 1993 in die Neuen Bundesländer ging, hatte ich noch keine Ahnung, was ein Kapitalismus ist, der – ungehindert auch vom sozialpolitischen Konkurrenzmodell des realen Sozialismus - alles unter seine Herrschaft stellt.
Als ich dann im Osten im Radio zum ersten Mal Werbespots hörte, glaubte ich noch, das sei nur hier so, nach dem Motto: „Mit denen hier können sie es machen“. Tatsächlich waren die „Ossis“, die nun fast unerwartet doch noch die DM bekommen hatten, bereit, alles zu schlucken, was dieses neue System mit sich brachte. Sie waren es gewohnt, sich flexibel anzupassen und der Markt schien ihnen das Symbol für all den erstrebten Wohlstand, die ersehnte Freiheit und die herbei gewünschten Konsummöglichkeiten. Die Ellenbogenmentalität, das abverlangte Bekenntnis zur neuen, freien Marktwirtschaft, das die eigene Vergangenheit und die dort aus eigener Kraft geschaffenen Werte leugnen musste, das war der Preis für all diese Errungenschaften und die Ossis bezahlten gerne und mit freudiger Demut.
„Hier hat das siegreiche System leichtes Spiel“, dachte ich bei mir.
Erst Jahre später begriff ich auf Reisen in den Westen, dass auch hier etwas Neues entstanden war, dass auch hier Werte und Rechte, die seit meiner Kindheit selbstverständlich gewesen waren und mir Sicherheit gegeben hatten, ins Schwimmen geraten waren, sich gerade zu verflüchtigten.
Tariflöhne, Kündigungsschutz, Inflationsausgleich, das selbstverständliche Recht auf einen Job, der der Ausbildung entsprach, die man hinter sich gebracht hatte, all das wurde plötzlich von Seiten der Politik und der Medien infrage gestellt, diskreditiert, lächerlich gemacht..
Bekannten, die arbeitslos geworden waren, wurde auf einmal eine Tätigkeit zugewiesen, die weit unter ihrem Ausbildungsniveau lag. Von einer tariflichen Eingruppierung konnten die AbsolventInnen unserer Hochschule nur noch träumen, ebenso von einer ganzen Stelle und einem unbefristeten Vertrag.
Die betriebswirtschaftliche Sprache fing an, unsere Lehrpläne und Seminare zu durchdringen und aufzuweichen. Verhandlungen freier Träger mit dem Jugendamt schienen sich mit einem Mal nicht mehr an der maximal möglichen Fachlichkeit, dem optimalen möglichen Nutzen für die KlienteInnen zu orientieren sondern daran, was unbedingt – nach Gesetzeslage - sein musste, was schnelle Effekte zeigen könnte, was nicht zu vermeiden war, was möglichst wenig kostete und was keine Folgekosten nach sich ziehen würde.
Innovative Projekte waren auf einmal unbeliebt. Bewährte, erkämpfte Strukturen und Konzepte verschwanden in der Schublade, weil sie zu teuer wurden oder verzichtbar schienen.
Und es gab immer mehr, über das wir uns zunächst nur gewundert haben:
Plötzlich gab es wieder Arme und die dazu passende Mildtätigkeit: „Tafeln“, Weihnachtsgeschenke an Heim und Kleiderkammern. Und die meisten Menschen fanden das alles ganz o. k., wie es schien. Sie hofften wohl, von Arbeitslosigkeit und Armut selber verschont zu bleiben. Aber heimlich wussten sie doch wohl genau, dass es sie auch treffen könnte. Armut wurde versteckt, als Makel empfunden, als eigenes Versagen. Auch hier in den Neuen Bundesländern, wo lange Zeit Armut ein Fremdwort und was eigentlich Empörung hätte auslösen müssen. Die Zeiten, wo die Ossis zu meinem Entzücken laut im Laden protestierten, wenn sie die unglaublichen Brotpreise sahen, waren lange vorbei.. Man schämte sich neuerdings auch hier, zuzugeben, dass einem etwas zu teuer war.
Schließlich kam die Pisastudie und bewies, dass in Deutschland für Kinder aus sozial benachteiligten Familien kaum eine Chance besteht. Aber nicht diese Botschaft wurde heiß diskutiert, sondern die offenbar viel erschreckendere Tatsache, dass die besten deutschen 10.Klässler nicht in der Weltleistungsspitze dabei waren, sondern bestenfalls im mittleren Leistungsbereich. Monate lang gab es im Internet auf dem von der Bundesregierung eingestellten Diskussionsportal heftige Diskussionen, darüber, was zu tun sei. Nur bei einer der 5 gestellten Fragen kam keine einzige Reaktion. Bei dieser Frage ging es um das Probleme der so genannten „Risikogruppe“ von knapp 25% aller SchülerInnen, die faktische nicht das Niveau des Hauptschulabschlusses erreichten. Es gab kein gesellschaftliches und öffentliches Interesse an diesen Menschen. Sie wurden nicht gebraucht.
Über unsere Hochschule schwappte der Bachelor-Wahn, aber es blieb uns keine Wahl. Auch die Hochschulbildung sollte nun vor allem effizient sein, billiger aber natürlich auch besser. Die Ziele wurden vorgegeben und auch der Weg, wie sie zu erreichen sein würden. Wir sahen ohnmächtig zu, wie man einen Bildungsbegriff, der einmal etwas mit Begreifen, Reflektieren, kritisch Sein, mit Entwicklung und mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun gehabt hatte, einfach mit dem Besen raus gekehrte.
Mit Hartz IV wurden die Konturen dann richtig deutlich erkennbar. Das, was so fortschrittlich als Agenda 2010 verkauft wurde, das Versprechen von Reformen, die dann ganz und gar anders funktionierten als das, was man bisher unter Reformen verstanden hatte, die Beschimpfung der Sozialhilfeempfänger als Faulenzer und Parasiten durch den damaligen SPD-Bundeskanzler und so viele andere, die Behauptung, es läge am Einzelnen, was aus ihm würde – vom Tellerwäscher zum Millionäre, gab es das nicht schon mal? – das alles schreckte mich endlich richtig auf und machte mir klar, was inzwischen passiert war und woher der Wind pfiff.
„Es gilt doch nun „fressen oder gefressen werden“, alles andere ist doch Unsinn“, sagte mir heute eine fast 70jährige aus dem Osten, die auf die freie Marktwirtschaft schwört und noch immer die Reisefreiheit und den Konsum als die entscheidenden Werte erlebt, für die sie durchaus bereit ist, in einer darwinistischen Gesellschaft den anderen ihrs abzujagen. „Was gehen mich die Gescheiterten an? Ihr Pech. Ich hab es mir schließlich selber erarbeitet!“ Willkommen im aktivierenden Staat!
Ich sehe die Lebens- und Liebesbeziehungen, die von der täglichen Pendelei zur Arbeitsstelle über 200 Kilometer gestresst sind, die 3.Klässler, die schon jetzt mit Stress in den Augen beteuern, dass sie später einmal Abitur machen werden und viel Geld verdienen wollen. Ich sehe die Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss, die seit Jahren in den Warteschleifen der Arbeitsagenturen und ihrer Fortbildungsangebote herumhängen ohne jede Perspektive. Ich sehe die Arbeiter und Angestellten von Nokia, Siemens und all den anderen, die ganz plötzlich rausgeworfen werden und arbeitslos sind nach 20 Jahren im Betrieb. Ich sehe auch meine und anderer Leute Kinder, die in dieser Welt zu schwimmen versuchen und es ganz in Ordnung finden wie es ist. Meine Worte wirken auf sie wie die Worte alter Leute, die ihre Vergangenheit verherrlichen. Ich wünschte, es wäre wirklich so.
Ich hoffe, sie werden es trotzdem schaffen. Auch wenn jetzt die größte Krise über uns wegrollt, die es gab seit dem Krieg. Irgendwie werden sie es schaffen müssen. Aber ich fürchte mich für sie.
Die Studierenden der Sozialen Arbeit, mit denen ich zu tun habe sind in dem gleichen Alter wie meine Kinder. Auch sie versuchen, optimistisch in die Welt zu blicken und das Beste aus dem zu machen, was sie vorfinden. Dennoch sind sie sensibler für die gesellschaftlichen Veränderungen und die damit einhergehenden Problemlagen vieler Menschen. Das hängt mit ihrem Fach zusammen. Sozialarbeiter sind dicht dran an den Schicksalen vor allem der Verlierer der Gesellschaft. Sie kennen die Zusammenhänge von Biografien und gesellschaftlichen Entwicklungen. Und sie wissen genau, dass sie selber mit ihrer Berufswahl mitten in den Strudel der Ökonomisierung geraten sind. Sie wissen jedoch nicht, wie es weitergehen soll: Werden sie sich anpassen müssen? Werden sie das können? Werden sie noch die Sozialarbeit machen, die sie bei uns gelernt haben oder werden sie Erfüllungsgehilfen einer neoliberalen Gesellschaft und ihrer herrschenden Kräfte sein? Könnten sie etwas tun, um das zu verhindern? Und wie weit können sie gehen mit der Anpassung? Gibt es ethische Grenzen, hinter denen Soziale Arbeit sich nicht mehr für Menschen einsetzt sondern zu ihrem Feind wird?
Wir wissen es nicht. Aber sie sollen wissen, was auf dem Spiel steht.
Für sie schreibe ich dieses Buch.
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16.4.2009 von m.s..
aus meinem Schwarzbuch (persönliche Erfahrungen):
Es ging mir überhaupt nicht anders als allen anderen Leuten: Ich hatte keine Ahnung, was Soziale Arbeit ist und was sie kann.
Als ich nach abgeschlossenem Psychologiestudium und noch mitten in der Promotion stehend bei der damals in Münster neu gegründeten kath. Fachhochschule vorsprach, um mich evtl. auf eine Professorenstelle zu bewerben, war die damalige Dekanin durchaus interessiert und meinte dann seufzend: „Schade, dass ich nicht Franz von Assisi bin, dann würde ich Sie hier sofort einstellen.“ Es war im Jahre 1970 und ich war für diese FH zu links, offenbar und interessanter Weise wäre ich das für Franz von Assisi nicht gewesen….
Trotzdem, ich wundere mich heute über meinen Mut oder besser gesagt über meine Ignoranz. Denn obwohl ich wirklich keinerlei Ahnung hatte, was Soziale Arbeit treibt, kann und macht – etwa im Vergleich zur Psychologie in der Psychotherapie oder einer Erziehungsberatungsstelle – traute ich es mir locker-lustig zu, es den Studierenden beizubringen.
Als ich dann ein wenig später im Team einer Erziehungsberatungsstelle gelandet war, machte ich mir den zu uns gehörenden Sozialarbeiter vorübergehend zum Intimfeind, weil ich mein Unwissen dahingehend outete, dass ich meinte, Sachbearbeitung im Sozialamt sei das gleiche wie Sozialarbeit.
Die GewerkschaftskollegInnen in der ÖTV allerdings brachten mir dann doch sehr schnell bei, was Soziale Arbeit eigentlich bedeutet und dass ich sie als Psychologin nicht so einfach nebenbei mit erledigen konnte
Ich hatte mit viel Mühe und Motivationsarbeit für eine depressive Mutter dort in der Einrichtung einen Platz organisiert, mich aber in keiner Weise darum gekümmert, woher dafür das Geld kommen sollte. Als ich beim Telefongespräch mit der therapeutischen Mutter-Kind-Einrichtung auf die abschließende Frage, wer das Ganze denn nun finanzieren wird, völlig fassungslos und überfordert reagierte, schwante mir allmählich, dass ich wie in einem Traumschloss agierte. Für eine Psychologin war die Finanzierung damals offenbar kein Thema und ich musste passen. Die Hilfe fand nicht statt und ich habe mich kräftig geschämt.
Und als ich das Vertrauen einer Frau aus einem Sozialen Brennpunkt gewonnen hatte, die mir ihre Erfahrungen als sexuell missbrauchtes Kind erzählte und die im Rahmen unserer Gespräche zu einem Menschen erwachte, der seine Würde wieder entdeckte, stand ich hilflos und verdutzt vor der Tatsache, dass das allein nichts in ihrem Leben ändern konnte. Sie erwartete nun verständlicher Weise, dass alles anders werden müsse: ihre Gewalt volle Ehe, ihr ganzes armseliges, im materiellen wie im psychischen Sinne armes Leben, die Alkoholkrankheit ihres Mannes, die Entwicklungsverzögerungen bei ihren Kindern…..
Damals begriff ich, dass Hilfe und Unterstützung für einen großen Teil der Bevölkerung nicht allein psychischer Natur sein kann. Sie brauchen mehr: Sie brauchen auch praktische Unterstützung, brauchen Unterstützung dabei, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, es zu bewältigen und sie brauchen jemand, der Partei für sie ergreift und sich auf die Seite derer stellt, die im Vergleich zu anderen in dieser Gesellschaft zu wenig Ressourcen abbekommen haben….
Damals entschloss ich mich, nachträglich und zusätzlich noch Sozialarbeiterin zu werden. Ich studierte neben meiner Arbeit und machte es mir zur Pflicht, das Fach Psychologie in diesem Studium für mich auszuschließen und mich auf alles andere zu stürzen. Und da blieb wahrhaftig noch sehr viel übrig, von dem ich keine Ahnung gehabt und auf das ich bisher auch kaum Aufmerksamkeit gerichtet hatte.
Ich wurde also Sozialarbeiterin und 35 Jahre nach meinem ersten, naiven und überheblichen Versuch in Münster, unterrichte ich heute nun wirklich werdende SozialarbeiterInnen und dies seit 15 Jahren.
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9.4.2009 von m.s..
Wenn ich Erfahrungen anderer aus ihrer Praxis wiedergeben will, muss ich sehr vorsichtig sein. Die Angst der Betroffenen ist nicht zu übersehen. Warum haben sie Angst?
Ist es nicht mher möglich, die Wahrheit laut zu sagen?
aus meinem Vorwort (Schwarzbuch):
In der sozialarbeiterischen Wirklichkeit aber, so berichten fast alle Studierenden, wenn sie aus dem einjährigen Praktikum zurück an die Hochschule kommen, geht es heute nur noch um Geld, um Sparen oder um das Beschaffen von finanziellen Ressourcen. Zeit für notwendige kommunikative Prozesse ist oft nicht vorhanden oder wird nicht finanziert, Hilfen, die erforderlich sind, werden nicht zur Verfügung gestellt. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz z. B., das noch vom Geist der Lebensweltorientierung geprägt ist, erscheint den Studierenden immer mehr als ein Ideal, das höchstens orientieren kann, das aber längst unbezahlbar ist. Der öffentliche Erfolgsdruck auf die MitarbeiterInnen der Jugendhilfe z.B. steigt angesichts der in den Medien breitgetretenen Skandale, gleichzeitig wird ihnen der fachliche und sozialpädagogische Handlungsspielraum genommen. In der Sozialen Arbeit machen sich in einem solchen Klima Vorgehensweisen und Menschenbilder breit, die wir mit den autoritären und fürsorglichen Ansätzen der Vergangenheit glaubten, hinter uns gelassen zu haben glaubten.
Es ist mir und meinen Kollegen, vielen unserer Studierenden und einer Reihe von kritischen Praktikern ein dringendes Anliegen, diese Entwicklungen nicht einfach hinzunehmen, uns nicht mit ihnen zu arrangieren und sie nicht als „moderne“, zwangsläufige Entwicklung zu akzeptieren.
Gewünscht und beschworen wird deshalb von vielen eine Möglichkeit, die Wahrheit über die aktuellen Entwicklungen zu sagen und unverblümt der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dieses Buch, das in Zusammenarbeit mit Studierenden, KollegInnen und PraktikerInnen entstanden ist, soll ein Schritt dazu sein, solchen Entwicklungen und den für sie Verantwortlichen die rote Karte zu zeigen.
Für PraktikerInnen und Studierende ist es dabei aber ganz wichtig, dass sie sich bei dem Schritt, die Wahrheit auszusprechen, nicht gefährden, nicht als unliebsame oder unangepasste MitarbeiterInnen identifiziert und dann schlicht ausgetauscht werden.
Geschrieben in Diskussionsthemen, mein Schwarzbuch | Keine Kommentare »
2.4.2009 von m.s..
Der erste Ent
wurf ist fertig. 350 Seiten, 50 mehr als gewollt und geplant. Da wird es noch heißen: kürzen!
Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit meiner Arbeit. Immerhin bin ich am Ende da angekommen, wo ich ankommen wollte. Es war eine harte Arbeit. Ich bin keine Viel- und Leichtschreiberin. Aber dieses Buch möchte ich noch weiter geben. Es stecken über 30 Jahre Sozialarbeiter-Herzblut drin, alle Liebe zu diesem Beruf und alle Enttäuschungen und alle Schrecken der letzten 10 Jahre.
Ich glaube nicht, dass ich nur eine nostalgisch angehauchte Alte bin, die einfach alles schöner und besser fand, als sie noch jung war. Ich glaube, nein, ich bin davon überzeugt, dass Soziale Arbeit einen Wandel durchmacht seit etwa 10, 15 Jahren, der dazu führt, dass diese Profession sich nicht mehr wieder erkennen wird: Als Kind des kapitalistischen Gesellschaftssystems war sie immer eine gesellschaftliche Kraft, die auf der einen Seite zwar die sozialen Probleme des Kapitalismus befrieden konnte und somit System stabilisierend wirkte, die aber auf der anderen Seite immer auch kritisch war gegenüber diesem System und dem, was es mit seinen Menschen anrichtete. Soziale Arbeit war immer auch den Menschen verpflichtet, ihrer Würde, ihren Forderungen nach Gerechtigkeit und Teilhabe.
Zunehmend verliert Soziale Arbeit diese auf Menschenrechte und auf soziale Gerechtigkeit orientierte kritische Dimension. Und ich frage mich: Was kann sie dann noch leisten? Wem dient sie? Auf wessen Seite steht sie?
Geschrieben in Diskussionsthemen, mein Schwarzbuch, Infos und Fragen | Keine Kommentare »