Angst davor, die Wahrheit auszusprechen?

Wenn ich Erfahrungen anderer aus ihrer Praxis wiedergeben will, muss ich sehr vorsichtig sein. Die Angst der Betroffenen ist nicht zu übersehen. Warum haben sie Angst?

Ist es nicht mher möglich, die Wahrheit laut zu sagen?

 

aus meinem Vorwort (Schwarzbuch):

 

In der sozialarbeiterischen Wirklichkeit aber, so berichten fast alle Studierenden, wenn sie aus dem einjährigen Praktikum zurück an die Hochschule kommen, geht es heute nur noch um Geld, um Sparen oder um das Beschaffen von finanziellen Ressourcen. Zeit für notwendige kommunikative Prozesse ist oft nicht vorhanden oder wird nicht finanziert, Hilfen, die erforderlich sind, werden nicht zur Verfügung gestellt. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz z. B., das noch vom Geist der Lebensweltorientierung geprägt ist,  erscheint den Studierenden immer mehr als ein Ideal, das höchstens orientieren kann, das aber längst unbezahlbar ist. Der öffentliche Erfolgsdruck auf die MitarbeiterInnen der Jugendhilfe z.B. steigt angesichts der in den Medien breitgetretenen Skandale, gleichzeitig wird ihnen der fachliche und sozialpädagogische Handlungsspielraum genommen. In der Sozialen Arbeit machen sich in einem solchen Klima Vorgehensweisen und Menschenbilder breit, die wir mit den autoritären und fürsorglichen Ansätzen der Vergangenheit glaubten, hinter uns gelassen zu haben glaubten.

Es ist mir und meinen Kollegen, vielen unserer Studierenden und einer Reihe von kritischen Praktikern ein dringendes Anliegen, diese Entwicklungen nicht einfach hinzunehmen, uns nicht mit ihnen zu arrangieren und sie nicht als  „moderne“, zwangsläufige Entwicklung zu akzeptieren.

Gewünscht und beschworen wird deshalb von vielen eine Möglichkeit, die Wahrheit über die aktuellen Entwicklungen zu sagen und unverblümt der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dieses Buch, das in Zusammenarbeit mit  Studierenden, KollegInnen und PraktikerInnen entstanden ist, soll ein Schritt dazu sein, solchen Entwicklungen und den für sie Verantwortlichen die rote Karte zu zeigen.

Für PraktikerInnen und Studierende ist es dabei aber ganz wichtig, dass sie sich bei dem  Schritt, die Wahrheit auszusprechen, nicht gefährden, nicht als unliebsame oder unangepasste MitarbeiterInnen identifiziert und dann schlicht ausgetauscht werden.

 



Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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