Wie ich zur Sozialen Arbeit kam …

aus meinem Schwarzbuch (persönliche Erfahrungen):

Es ging mir überhaupt nicht anders als allen anderen Leuten: Ich hatte keine Ahnung, was Soziale Arbeit ist und was sie kann.

Als ich nach abgeschlossenem Psychologiestudium und noch mitten in der Promotion stehend bei der damals in Münster neu gegründeten kath. Fachhochschule vorsprach, um mich evtl. auf eine Professorenstelle zu bewerben, war die damalige Dekanin durchaus interessiert und meinte dann seufzend: „Schade, dass ich nicht Franz von Assisi bin, dann würde ich Sie hier sofort einstellen.“ Es war im Jahre 1970 und ich war für diese FH zu links, offenbar und interessanter Weise wäre ich das für Franz von Assisi nicht gewesen….

Trotzdem, ich wundere mich heute über meinen Mut oder besser gesagt über meine Ignoranz. Denn obwohl ich wirklich keinerlei Ahnung hatte, was Soziale Arbeit treibt, kann und macht – etwa im Vergleich zur Psychologie in der Psychotherapie oder einer  Erziehungsberatungsstelle – traute ich es mir locker-lustig zu, es den Studierenden beizubringen.

Als ich dann ein wenig später im Team einer Erziehungsberatungsstelle gelandet war, machte ich mir den zu uns gehörenden Sozialarbeiter vorübergehend zum Intimfeind, weil ich mein Unwissen dahingehend outete, dass ich  meinte, Sachbearbeitung im Sozialamt sei das gleiche wie Sozialarbeit.

Die GewerkschaftskollegInnen in der ÖTV allerdings brachten mir dann doch sehr schnell bei, was Soziale Arbeit eigentlich bedeutet und dass ich sie als Psychologin nicht so einfach nebenbei mit erledigen konnte

 

Ich hatte mit viel Mühe und Motivationsarbeit  für eine depressive Mutter dort in der Einrichtung einen Platz organisiert, mich aber in keiner Weise darum gekümmert, woher dafür das Geld kommen sollte. Als ich beim Telefongespräch mit der  therapeutischen Mutter-Kind-Einrichtung auf die abschließende Frage, wer das Ganze denn nun finanzieren wird, völlig fassungslos und überfordert reagierte, schwante mir allmählich, dass ich wie in einem Traumschloss agierte. Für eine Psychologin war die Finanzierung damals offenbar kein Thema und ich musste passen. Die Hilfe fand nicht statt und ich habe mich kräftig geschämt.

Und als ich das Vertrauen einer Frau aus einem Sozialen Brennpunkt gewonnen hatte, die mir ihre Erfahrungen als sexuell missbrauchtes Kind erzählte und die im Rahmen unserer Gespräche zu einem Menschen erwachte, der seine Würde wieder entdeckte, stand ich hilflos und verdutzt vor der Tatsache, dass das allein nichts in ihrem Leben ändern konnte. Sie erwartete nun verständlicher Weise, dass alles anders werden müsse: ihre Gewalt volle Ehe, ihr ganzes armseliges, im materiellen wie im psychischen Sinne armes Leben, die Alkoholkrankheit ihres Mannes, die Entwicklungsverzögerungen bei ihren Kindern…..

 

Damals begriff ich, dass Hilfe und Unterstützung für einen großen Teil der Bevölkerung nicht allein psychischer Natur sein kann. Sie brauchen mehr: Sie brauchen auch praktische Unterstützung, brauchen Unterstützung dabei, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, es zu bewältigen und sie brauchen jemand, der Partei für sie ergreift und sich auf die Seite derer stellt, die im Vergleich zu anderen in dieser Gesellschaft zu wenig Ressourcen abbekommen haben….

Damals entschloss ich mich, nachträglich und zusätzlich noch Sozialarbeiterin zu werden. Ich studierte neben meiner Arbeit und machte es mir zur Pflicht, das Fach Psychologie in diesem Studium für mich auszuschließen und mich auf alles andere zu stürzen. Und da blieb wahrhaftig noch sehr viel übrig, von dem ich keine Ahnung gehabt und auf das ich bisher auch kaum Aufmerksamkeit gerichtet hatte.

Ich wurde also Sozialarbeiterin und 35 Jahre nach meinem ersten, naiven und überheblichen Versuch in Münster, unterrichte ich heute nun wirklich werdende SozialarbeiterInnen und dies seit 15 Jahren.

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Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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