Nichts ist mehr so wie es war….

aus meinem Schwarzbuch (Persönliche Erfahrungen):

 

Als ich 1993 in die Neuen Bundesländer ging, hatte ich noch keine Ahnung, was ein Kapitalismus ist, der – ungehindert auch vom sozialpolitischen Konkurrenzmodell des realen Sozialismus – alles unter seine Herrschaft stellt.

Als ich dann im Osten im Radio zum ersten Mal Werbespots hörte, glaubte ich noch, das sei nur hier so, nach dem Motto: „Mit denen hier können sie es machen“. Tatsächlich waren die „Ossis“, die nun fast unerwartet doch noch die DM bekommen hatten, bereit, alles zu schlucken, was dieses neue System mit sich brachte. Sie waren es gewohnt, sich flexibel anzupassen und der Markt schien ihnen das Symbol für all den erstrebten Wohlstand, die ersehnte Freiheit und die herbei gewünschten Konsummöglichkeiten. Die Ellenbogenmentalität, das abverlangte Bekenntnis zur neuen, freien Marktwirtschaft, das die eigene Vergangenheit und die dort aus eigener Kraft geschaffenen Werte leugnen musste, das war der Preis für all diese Errungenschaften und die Ossis bezahlten gerne und mit freudiger Demut.
„Hier hat das siegreiche System leichtes Spiel“, dachte ich bei mir.

Erst Jahre später begriff ich auf Reisen in den Westen, dass auch hier etwas Neues entstanden war, dass auch hier Werte und Rechte, die seit meiner Kindheit selbstverständlich gewesen waren und mir Sicherheit gegeben hatten, ins Schwimmen geraten waren, sich gerade zu verflüchtigten.

Tariflöhne, Kündigungsschutz, Inflationsausgleich, das selbstverständliche Recht auf einen Job, der der Ausbildung entsprach, die man hinter sich gebracht hatte, all das wurde plötzlich von Seiten der Politik und der Medien infrage gestellt, diskreditiert, lächerlich gemacht..

Bekannten, die arbeitslos geworden waren, wurde auf einmal eine Tätigkeit zugewiesen, die weit unter ihrem Ausbildungsniveau lag. Von einer tariflichen Eingruppierung konnten die AbsolventInnen unserer Hochschule nur noch träumen, ebenso von einer ganzen Stelle und einem unbefristeten Vertrag.

Die betriebswirtschaftliche Sprache fing an, unsere Lehrpläne und Seminare zu durchdringen und aufzuweichen. Verhandlungen freier Träger mit dem Jugendamt schienen sich mit einem Mal nicht mehr an der maximal möglichen Fachlichkeit, dem optimalen möglichen Nutzen für die KlienteInnen zu orientieren sondern daran, was unbedingt – nach Gesetzeslage – sein musste, was schnelle Effekte zeigen könnte, was nicht zu vermeiden war, was möglichst wenig kostete und was keine Folgekosten nach sich ziehen würde.

Innovative Projekte waren auf einmal unbeliebt. Bewährte, erkämpfte Strukturen und Konzepte verschwanden in der Schublade, weil sie zu teuer wurden oder verzichtbar schienen.

Und es gab immer mehr, über das wir uns zunächst nur gewundert haben:

Plötzlich gab es wieder Arme und die dazu passende Mildtätigkeit: „Tafeln“, Weihnachtsgeschenke an Heim und Kleiderkammern. Und die meisten Menschen fanden das alles ganz o. k., wie es schien. Sie hofften wohl, von Arbeitslosigkeit und Armut selber verschont zu bleiben. Aber heimlich wussten sie doch wohl genau, dass es sie auch treffen könnte. Armut wurde versteckt, als Makel empfunden, als eigenes Versagen. Auch hier in den Neuen Bundesländern, wo lange Zeit Armut ein Fremdwort und was eigentlich Empörung hätte auslösen müssen. Die Zeiten, wo die Ossis zu meinem Entzücken laut im Laden protestierten, wenn sie die unglaublichen Brotpreise sahen, waren lange vorbei.. Man schämte sich neuerdings auch hier, zuzugeben, dass einem etwas zu teuer war.

Schließlich kam die Pisastudie und bewies, dass in Deutschland für Kinder aus sozial benachteiligten Familien kaum eine Chance besteht. Aber nicht diese Botschaft wurde heiß diskutiert, sondern die offenbar viel erschreckendere Tatsache, dass die besten deutschen 10.Klässler nicht in der Weltleistungsspitze dabei waren, sondern bestenfalls im mittleren Leistungsbereich. Monate lang gab es im Internet auf dem von der Bundesregierung eingestellten Diskussionsportal heftige Diskussionen, darüber, was zu tun sei. Nur bei einer der 5 gestellten Fragen kam keine einzige Reaktion. Bei dieser Frage ging es um das Probleme der so genannten „Risikogruppe“ von knapp 25% aller SchülerInnen, die faktische nicht das Niveau des Hauptschulabschlusses erreichten. Es gab kein gesellschaftliches und öffentliches Interesse an diesen Menschen. Sie wurden nicht gebraucht.

Über unsere Hochschule schwappte der Bachelor-Wahn, aber es blieb uns keine Wahl. Auch die Hochschulbildung sollte nun vor allem effizient sein, billiger aber natürlich auch besser. Die Ziele wurden vorgegeben und auch der Weg, wie sie zu erreichen sein würden. Wir sahen ohnmächtig zu, wie man einen Bildungsbegriff, der einmal etwas mit Begreifen, Reflektieren, kritisch Sein, mit Entwicklung und mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun gehabt hatte, einfach mit dem Besen raus gekehrte.

Mit Hartz IV wurden die Konturen dann richtig deutlich erkennbar. Das, was so fortschrittlich als Agenda 2010 verkauft wurde, das Versprechen von Reformen, die dann ganz und gar anders funktionierten als das, was man bisher unter Reformen verstanden hatte, die Beschimpfung der Sozialhilfeempfänger als Faulenzer und Parasiten durch den damaligen SPD-Bundeskanzler und so viele andere, die Behauptung, es läge am Einzelnen, was aus ihm würde – vom Tellerwäscher zum Millionäre, gab es das nicht schon mal? – das alles schreckte mich endlich richtig auf und machte mir klar, was inzwischen passiert war und woher der Wind pfiff.

„Es gilt doch nun „fressen oder gefressen werden“, alles andere ist doch Unsinn“, sagte mir heute eine fast 70jährige aus dem Osten, die auf die freie Marktwirtschaft schwört und noch immer die Reisefreiheit und den Konsum als die entscheidenden Werte erlebt, für die sie durchaus bereit ist, in einer darwinistischen Gesellschaft den anderen ihrs abzujagen. „Was gehen mich die Gescheiterten an? Ihr Pech. Ich hab es mir schließlich selber erarbeitet!“ Willkommen im aktivierenden Staat!

Ich sehe die Lebens- und Liebesbeziehungen, die von der täglichen Pendelei zur Arbeitsstelle über 200 Kilometer gestresst sind, die 3.Klässler, die schon jetzt mit Stress in den Augen beteuern, dass sie später einmal Abitur machen werden und viel Geld verdienen wollen. Ich sehe die Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss, die seit Jahren in den Warteschleifen der Arbeitsagenturen und ihrer Fortbildungsangebote herumhängen ohne jede Perspektive. Ich sehe die Arbeiter und Angestellten von Nokia, Siemens und all den anderen, die ganz plötzlich rausgeworfen werden und arbeitslos sind nach 20 Jahren im Betrieb. Ich sehe auch meine und anderer Leute Kinder, die in dieser Welt zu schwimmen versuchen und es ganz in Ordnung finden wie es ist. Meine Worte wirken auf sie wie die Worte alter Leute, die ihre Vergangenheit verherrlichen. Ich wünschte, es wäre wirklich so.
Ich hoffe, sie werden es trotzdem schaffen. Auch wenn jetzt die größte Krise über uns wegrollt, die es gab seit dem Krieg. Irgendwie werden sie es schaffen müssen. Aber ich fürchte mich für sie.
Die Studierenden der Sozialen Arbeit, mit denen ich zu tun habe sind in dem gleichen Alter wie meine Kinder. Auch sie versuchen, optimistisch in die Welt zu blicken und das Beste aus dem zu machen, was sie vorfinden. Dennoch sind sie sensibler für die gesellschaftlichen Veränderungen und die damit einhergehenden Problemlagen vieler Menschen. Das hängt mit ihrem Fach zusammen. Sozialarbeiter sind dicht dran an den Schicksalen vor allem der Verlierer der Gesellschaft. Sie kennen die Zusammenhänge von Biografien und gesellschaftlichen Entwicklungen. Und sie wissen genau, dass sie selber mit ihrer Berufswahl mitten in den Strudel der Ökonomisierung geraten sind. Sie wissen jedoch nicht, wie es weitergehen soll: Werden sie sich anpassen müssen? Werden sie das können? Werden sie noch die Sozialarbeit machen, die sie bei uns gelernt haben oder werden sie Erfüllungsgehilfen einer neoliberalen Gesellschaft und ihrer herrschenden Kräfte sein? Könnten sie etwas tun, um das zu verhindern? Und wie weit können sie gehen mit der Anpassung? Gibt es ethische Grenzen, hinter denen Soziale Arbeit sich nicht mehr für Menschen einsetzt sondern zu ihrem Feind wird?

Wir wissen es nicht. Aber sie sollen wissen, was auf dem Spiel steht.

Für sie schreibe ich dieses Buch. 

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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