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14.5.2009 von m.s..
aus meinem Schwarzbuch (Persönliche Erfahrungen)
Sie nannten sich Wirtschaftjunioren und sie werden es nie verstanden haben, warum ich über ihr soziales Engagement so wenig begeistert war. Sie luden mich zu ihrer Vorstandsitzung ein und eröffneten mir, dass sie den Erlös ihrer diesjährigen Silvestertombola für das Projekt „Sozialpädagogische Familienhilfe“ meiner Abteilung im Jugendamt spenden wollten. Ich konnte nicht „nein“ sagen, obwohl es mir unbehaglich war zwischen diesen modisch gestylten, hoch energetischen und trotzdem so lässigen jungen UnternehmerInnen. Ich war froh, dass das besagte Erziehungshilfeprojekt hinreichend mit Geldern ausgestattet war und ich die notwendige pädagogische Arbeit und auch die erforderlichen kleineren Sachleistungen aus den öffentlichen Geldern decken konnte, die mir im Amt zur Verfügung gestellt waren. Wir schrieben schließlich erst das Jahr 1996 und in meiner Stadt und meinem Land war der Sparkurs noch nicht losgetreten worden. Auf zusätzliche barmherzige Hilfe und auf Spenden war ich nicht angewiesen und wollte es auch nicht sein. Die Familien hatten einen verdammten Anspruch auf Unterstützung. Sie lebten in massiv benachteiligten Lebenslagen, hatten viel zu wenig Ressourcen und Kompetenzen mitbekommen, lebten in finanzieller Anspannung aber vor allem in einem ständigen psychischen Überforderungsstress. Es war eine selbstverständliche Aufgabe für einen verantwortlichen Staat, hier zu helfen und sei es um der Kinder willen, denen eine solche Aufwachssituation nicht zugemutet werden konnte.
All das sagte ich nicht. Vielleicht hätte ich es tun sollen? Stattdessen wurde ich aufgefordert, von den betroffenen Familien und ihrer alltäglichen Not zu erzählen. Es war schwer, diesem Auftrag nachzukommen, denn ich wollte meine Familien nicht bloßstellen und nicht blamieren, wollte sie nicht der Lächerlichkeit preisgeben und nicht der Sensationslust. Dennoch beeindruckte die Schilderung der Alltagsprobleme meiner vielen „Multiproblemfamilien“ meine Zuhörer sichtlich. Ja, dafür wollten sie gerne etwas spenden! Die Vorsitzende eröffnete mir, sie habe selber einmal mit dem Gedanken gespielt, Sozialarbeiterin zu werden. Mir kamen fast die Tränen. Bevor ich entlassen wurde, eröffnete man mir noch den allerdings entscheidenden Wunsch: Ein Foto für die Zeitung mit dem Scheck der Wirtschaftsjunioren müsse aber dabei herauskommen, am besten zusammen mit einer der Familien darauf.
Viele Jahre später musste ich mir einen Vortrag eines Betriebswirtes in unserer eigenen Fachhochschule anhören, der sich zur Entwicklung der Armut in Deutschland äußerte und vor seinen Zuhörern Ideen abwog, wie diese am besten zu händeln sei. Dass der ausgebildeten Bibliothekarin, die nicht mehr flexibel und fit genug ist, um im Wettbewerb um Stellen zu bestehen, die ehrenamtliche Betreuung einer städtischen Bibliothek neben ihrem Hartz VI Bezug angeboten werden soll, damit sie kein inhaltsleeres Leben führen muss und immerhin etwas tun könne dafür, dass der Staat sie alimentiere, war für mich der erste Schock. Der zweite Schock war die Antwort auf die selbst gestellte Frage, was man denn nun mit alle den Menschen machen solle, die voraussichtlich nie mehr Arbeit finden werden und nicht qualifiziert genug seien, einen Arbeitsplatz auszufüllen. „Verhungern lassen können wir sie nicht, das ist wohl klar.“ Ich verstand nicht, warum das klar sein sollte, wenn alles andere, jeder Anspruch auf ein Leben in Menschenwürde so einfach über Bord geworfen werden konnte.
Die Schocks aber über das, was in der Wirklichkeit des Sozialen inzwischen passiert war, kamen für mich immer wieder und an ungeahnten Orten. Ich hielt in Mainz einen Vortrag über die Bedeutung der Elternarbeit im Zusammenhang mit Kindeswohlgefährdung. Meine ZuhörerInnen waren alle entweder beim Jugendamt oder aber in Kinderschutzeinrichtungen tätig. Meine zentrale These war, dass Eltern im sehr vielen Fällen, auch in Fällen von Vernachlässigung und Gewalt, nicht die eigentlichen, existentiellen Feinde, sondern die – zumindest potentiellen - Freunde ihrer Kinder seien. Ich behauptete, dass zwischen ihnen und uns als Professionellen insofern eine Interessengleichheit bestehe, als sie wie wir vor allem eines wollten, dass es den Kindern gut gehe. Was auch immer in der Realität dazu geführt habe, Kinder zu vernachlässigen, mit Gewalt zu bedrohen oder Gewalt anzuwenden, diese „Lösungen“ seien nicht ihre Wunschlösungen für die Erziehung ihrer Kinder. Sie seien vielmehr aufgrund ihrer schwierigen Lebenssituation - materieller und/oder psychosozialer Art – dazu gekommen, diese gefährlichen „Erziehungsmittel“ zu benutzen und hätten auch in vielen Fällen durchaus selber ein Interesse daran, zu lernen, anders mit ihren Kindern umzugehen und eine positive Beziehung zu ihnen zu entwickeln. Wenn man die Eltern dazu gewinnen könne, bessere Eltern werden zu wollen und zu werden, würde man für die Kinder das Allerbeste erreichen können.
Ich plädierte also für Kooperation mit diesen Eltern, dafür, sie als Partner zu gewinnen, ihnen nicht von vorne herein Böswilligkeit zu unterstellen und vor allem auch die – immer auch vorhandenen - positiven Seiten ihrer bisherigen Elternschaft anzuerkennen und wahrzunehmen.
Noch während ich sprach, spürte ich aus dem großen Zuhörerraum eine Eiseskälte auf mich zu kriechen. Den Rest des Eintrags lesen »
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