Bewältigungsstrategie 3: die geduldigen HelferInnen

warmherzig.jpg     „Aber das können wir doch nicht machen, das geht ja auf Kosten der Klienten, der Kinder, der Eltern, der alten Menschen…!“

Sie ist gut gemeint und sicher auch sehr verständlich, aber diese „Bewältigungsstrategie“ hilft nicht wirklich, auch nicht den KlientInnen. Viele SozialarbeiterInnen lassen sich gnadenlos ausbeuten, mucken nicht auf gegen unmögliche Arbeitsbedingungen, erledigen viel in ihrer Freizeit für die KlientInnen, machen unbezahlte Überstunden usw. und zucken mit der Achsel: was sollen sie denn tun? Wenn sie das nicht so machen, werden die Klienten darunter leiden.

Fakt ist, dass die Klienten die ersten sind, die unter der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der Sozialen Arbeit zu leiden haben und die angesichts einer veränderten Sozialen Arbeit nicht mehr die Unterstützung bekommen, die sie bisher bekamen. Dadurch, dass man versucht „aus Stroh Gold zu spinnen“, macht man die Lage nicht besser, im Gegenteil. Man erweckt den Eindruck, dass es auch so geht und weckt noch weiter Begehrlichkeiten nach dem Motto: „Wenn die das  mit sich machen lassen, dann können wir ja noch ein bisschen weiter an den Daumenschrauben drehen!“

Hier ein Beispiel zu dieser Bewältigungsstrategie aus meinem Schwarzbuch:

Die Sozialpädagogische Familienhelferin Frau Bertold hat im letzten Jahr im Rahmen ihres Arbeitsvertrages von 30 Wochenstunden drei Familien betreut. Für jede dieser Familien waren durchschnittlich 6 Fachleistungsstunden gewährt worden. Nach Beendigung eines der drei Fälle wird ihr von ihrem Chef ein neuer Fall übergeben, der aber laut Hilfeplan eigentlich mindestens 10 Fachleistungsstunden erfordert. Frau Bertold wird aufgefordert, die erforderliche Zeit bei den beiden anderen Familien „herauszuarbeiten“. Das ist schwer, weil in beiden Familien gerade wichtige Prozesse und Entwicklungen laufen, in die sie viel investiert hat und die sie nicht gefährden möchte. Bei Familie A. hat die Mutter nach einer längeren Phase, in der sie nur zugeschaut hat, jetzt begonnen selbständig bei ihrem 7jährigen Sohn die Hausaufgaben zu betreuen. In der anderen Familie zeigen sich beim Familienvater die aller ersten  Anzeichen für Interesse an der Arbeit der Familienhelferin. Sie hat deshalb begonnen, mit dem Vater ein mal in der Woche am Familiencomputer zu basteln und ihm ein wenig PC Bedienungsnachhilfeunterricht zu geben. Würde sie jetzt diese beiden Prozesse abbrechen oder verkürzen, so wäre der Erfolg ihrer bisherigen Arbeit gefährdet und wichtige Chancen im Entwicklungsprozess mit Blick auf das Gesamtziel der beiden Familienhilfen vielleicht vertan.

Frau Bertold beschließt, die Arbeit wie bisher fortzusetzen und macht auf diese Weise Überstunden, die sie nicht einmal aufzuschreiben wagt, aus Angst, dass man ihr vorwirft, ihre Zeit nicht eingeschränkt zu haben.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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