Zukunftswerkstatt

30 Studierende haben am Wochenende (14./15.11.08) in der Zukunftswerkstatt Soziale Arbeit an der FH Jena diskutiert und sich die Köpfe heiß geredet.

Was kam dabei heraus?

In einem Brainstorming wurden am Anfang der Wochenendtagung Themen und Probleme aus der Praxis gesammelt, von denen die Studierenden meinten, dass sie mit der Ökonomisierung Sozialer Arbeit und dem schlechten Image Sozialer Arbeit zusammenhängen.

Hier die Themenliste:

Prekariat Soziale Arbeit

  • Befristung
  • Teilzeit
  • Geringfügige Beschäftigungen,
  • geringe Bezahlung
  • Prekariat des fachlichen Nachwuchses, Neue bekommen verknappte Stellen
  • Praktikanten ersetzen Vollzeitkräfte und das ohne Entlohnung
  • Mehr Zeit für Fachlichkeit nötig
  • Bezahlung, Haustarife, Anlehnung an Tarife,
  • lauter verschiedene Bezahlungen, wünschen sich Einheitstarif verpflichtend für alle Träger und  bei allen Aufgaben
  • Arbeitsverträge sehen unbezahlte Zusatzarbeit von 10 Stunden vor und verpflichten zum das Einwerben Ehrenamtlicher


Soziale Arbeit als Exklusionsverwaltung

  • Kundenbegriff ungeeignet
  • Exklusionsverwaltung
  • Nicht vorhandene Niedrigschwelligkeit
  • Verschiebepraxis, Heime schicken in Psychiatrie ohne zwingenden Grund, dann in neues Heim,
  • Motivierungsarbeitwird nicht bezahlt, Klienten wird nicht hinter her gefahren, Termine, die ausfallen, weil Klienten nicht wollen oder können werden nicht als Arbeitszeit bezahlt
  • Letztlich wird dieses Risiko, das substantiell im Interesse der Klientel zur Sozialen Arbeit gehört, nicht mehr bezahlt,
  • oder auf den freien Träger abgewälzt und damit zunehmend einfach nicht mehr praktiziert.
  • Damit wird ein großer Teil der Klienten wird nicht mehr erreicht – es sei denn durch Zwang wie Arge
  • Nicht vorhandene Niedrigschwelligkeit,
  • früher das Schlagwort zum Thema Bürgernähe und Kundenfreundlichkeit,
  • Zugänglichkeit erschwert
  • Bürgernähe durch Verwaltungszusammenschlüsse abgebaut, nur noch Bürgerbüro für grobe Anträge, keine Beratung, spärliche Sprechstunden

Gesellschaftliche Ebene

  • Soziale Arbeit hat keine Lobby
  • Ungerechte Verteilung von Mitteln, kaum Geld für Jugendhilfe
  • Kaum Geld für die Soziale Arbeit
  • Gesellschaft findet die Soziale Arbeit unnötig und sinnlos
  • Legitimationszwang
  • Permanente Legitimation nötig
  • Rechtfertigung, Transparenz, Argumentation nötig
  • Kampf um finanzielle Mittel
  • Keine Lobby

 

Effizienz statt Hilfe

  • Qualitätsmanagement bedeutet: weniger Zeit für Klienten,
  • Sozialarbeiter gleich Sozialmanager, was tun wir inzwischen eigentlich?
  • Es werden zum Teil ungeeignete Hilfen installiert, weil sie kostengünstiger sind, ambulante vor,
  • Bestimmte Hilfen zur Erziehung werden aus Kostengründen nicht mehr bewilligt,
  • Herumdoktern am Klienten aus Kostengründen, nicht das Richtige machen,
  • Stationäre Angebote werden unter finanziellen Gesichtspunkten ausgesucht,
  • Vorzug der ambulanten Hilfen aus Kostengründen,
  • In Kaufnahme von Kindeswohlgefährdungen
  • Ritalin als Ersatz für 1:1Betreuung,
  • Quantität statt Qualität,
  • besondere Rechtfertigung gefordert, wenn § 34,
  • Effizienzgedanke im Jugendamt
  • Zielvereinbarungen mit Mitarbeitern für mehr Effizienz,
  • Mitarbeiter im JA bekommen Dienstanweisungen, die gegen das geltende gegen das Gesetz (KJHG) verstoßen.


 Verlust von Fachlichkeit, Verknappung der Zeit für fachliche Arbeit

  • Personalschlüssel im Bezug auf Klientenzahl mangelhaft,
  • Professionalität wird Privatsache
  • Fließbandberatung
  • Verlust von Fachlichkeit
  • Personalschlüssel zu gering, z.B. Kita
  • Es fehlt Zeit für Fachlichkeit
  • Profistellen reichen gerade mal zur Aufrechterhaltung des Betriebes, die „Arbeit“ wird gar  nicht oder von Nicht-Fachkräften geleistet
  • Beispiel Jugendarbeit, Beispiel Mädchenheim
  • Mehr Klienten, schwierigere Fälle
  • Dinge, die sie selbstverständlich in ihrer Freizeit tun, auf dem Heimweg im Amt vorbeifahren, Telefonate von zu Hause etc., die nicht als Arbeit gelten und nicht bezahlt werden
  • Unprofessionelle Kräfte in der Sozialarbeit
  • Jobber in Jugendeinrichtungen, ABM, 1 Euro
  • Bürgerschaftliches Moment wird gegen Profis ausgespielt

 

Folgende Themen wurden genannt, konnten nicht weiter bearbeitet werden. Es würde aber lohnen, auch das noch zu tun!:

MitarbeiterInnenverschleiß ist hoch
Keine Supervision
Burnout
Kräfte der Mitarbeiterinnen werden einfach verschlissen
So keine gute Arbeit möglich
viele Mitarbeiter die nicht mehr können

Soziale Arbeit als Feuerwehr
Nur Feuerwehrfunktion
Keine Nachhaltigkeit
Keine Prävention
Prävention zeigt keine direkten Effekte und ist  zu teuer
Nachhaltigkeit wird gefährdet, weil  man nicht mehr in die Begleitung, die Ausblendphase, die Unterstützung nach der Intensiven Hilfe investieren will

Wegwerfsozialarbeit
Steckenbleiben im Modellcharakter
Finanzierung nur von begrenzten Projekten
Keine Weiterförderung von Projekten
Immer wieder neue Projekte erfinden, ohne das alte überhaupt prüfen zu können
Auch wenn Projekte gut laufen, keine Fortsetzung
Sozialarbeit immer wieder neu erfinden
So kann sich keine Qualität entwickeln, kann gute Arbeit sich nicht beweisen, Erfahrungen bleiben bruchstückhaft

Wettbewerb
Auslagerung von Bereichen
Der billigste Anbieter bekommt den Zuschlag
Zusammenarbeit scheitert an Konkurrenz

***

 

Das Ergebnis der beiden Arbeitstage kann sich sehen lassen.

Z.B. wurden folgende gute Ideen für MitarbeiterInnen in der Praxis erarbeitet, die versuchen wollen, nicht alles zu schlucken und die für professionelle Arbeit und entsprechende Arbeitsbedingungen kämpfen wollen:

 

Wie kann ich erreichen, dass ich für alles bezahlt werde, was ich aus fachlichen Gründen tue
(und nicht nur für z.B. 30 Stunden, auch wenn ich 40 Stunden arbeite und auch für all die kleinen Arbeiten , die ich in meiner Freizeit für die Arbeit mache oder auf dem Heimweg…)

  • Teaminterne Dokumentation: was wurde getan, was davon wird bezahlt, was nicht?
  • Position einnehmen: „Wenn ich mehr machen soll, gib mir mehr Stunden!“
  • Vor Ort, z.B. gegenüber den Kollegen und auch gegenüber dem Chef, kundtun, dass ich eine Entscheidung für falsch halte und warum

 .

Wie kann ich in meiner Einrichtung zu mehr Personal und Geld kommen?

  • Argumentation entwickeln:
    Welches Personal habe ich, deckt es das Konzept ab, wie weit?
    Was kann mit meinem Personal nicht geleistet werden? Was nicht?
    Personal (Stunden)-Bedarf mit dem Konzept und den Folgen fehlender Anteile begründen,
    Vom Konzept her argumentieren (setzt nicht auf emotionale Einsicht z.b. der Wirtschaftlichen
    Hilfe sondern auf logische Einsicht und ökonomische Argumente),
    Diese Begründung muss im eigenen Kopf stehen und ich brauche sie immer gegenüber den
    Finanzträgern (z.B. JA),
  • Aufzeigen (dokumentieren) wie es abläuft, wenn es nicht oder nicht fachlich gemacht wird (zu wenig Zeit, ABM, 1 Euro),
  • Ergebnisse über Wirkungsforschung kennen und parat haben,
  • Nach Außen darstellen, was nicht geht und warum; (Einrichtungen und Träger wollen immer nur glänzen. Deshalb wird das Problem verdeckt),
  • Andererseits sollte man seine Arbeit positiv darstellen, lieber gute Ergebnisse und nicht immer nur die Misserfolge herausstellen.
  • Mut haben, so was öffentlich zu sagen, auch zu sagen, „Wir würden es anders machen, wenn man uns die Mittel geben würde,“
  •   Langfristige Kosten bei solchen Folgen aufzeigen, vorrechnen. Den Ökonomisierungsgedanken nutzen im Interesse der Fachlichkeit und der Klienten.

.

Wie schaffe ich es, mich nicht als Mädchen für alles verheizen zu lassen?

  • Sich gegen entsprechende Forderungen durchsetzen und konsequent eigene Grenzen durchsetzen,
  • Wenn Mitarbeiter anderer Berufe uns Arbeiten aufhalsen, zu denen sie keine Lust oder Zeit haben, die aber überhaupt nicht zu unserem Aufgabenfeld gehören: Ihnen das deutlich sagen, evtl. informieren und anleiten aber nicht die Aufgabe übernehmen (nicht nach dem Motto handeln: einer muss es ja machen, ach komm, ich mach das schnell mal eben….)
  • Die anderen immer wieder aufklären, darüber, was die Aufgaben deren und was unsere Aufgaben sind (z.B. Ärzten), immer wieder kommunizieren,
  • Bewusst für eine selber klar haben: was sind meine Aufgaben, wo sind meine Grenzen,
  • Burn-out öffentlich diskutieren, aus der individuellen Schicksalsecke rausholen.

 .
Was kann ich tun bei falschen fachlichen Entscheidungen, die aus Kostengründen getroffen werden

  • Mut haben, zu sagen „Wir sind dagegen und zwar aus folgenden (fachlichen) Gründen“,
  • Klienten zum Widerspruch ermutigen

 

Ganz schön für den Anfang, finde ich. Wenn alle das beherzigen, wird es nicht mehr ganz so einfach sein, unsere Professionalität aus dem Fenster hinauszuwerfen.
Darüber hinaus gabs auch viele kreative Ideen für Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyarbeit und eine ernsthafte Diskussion um die Frage der Organisiertheit von Sozialarbeitern.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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