Gedanken zum Phänomen „Politischer Analphabetismus“

Die Veranstaltung war gut, ein erster Schritt und es sollen weitere folgen. Aber dennoch msus ich meinem Erschrecken einmal Luft machen:
Das, was ich unter den Studierenden wie unter den PraktikerInnen erlebe, kommt mir manchmal tatsächlich vor wie eine Art politischer Analphabetismus. Als müsse eine Sprache, ein Art zu denken, eine bestimmte Interaktion und Kommunikation ganz von vorne neu erlernt werden!

Einengungen, fachliche Umsteuerungen, eingreifende finanzielle Einschränkungen und all die Herausforderungen der Ökonomisierung und des aktivierenden Staates in der Sozialen Arbeit werden als unveränderlich angesehen, werden wie Naturkatastrophen kommuniziert und beklagt oder hingenommen.

Die Ideologie, die der aktivierende Staat verbreitet, ist bei einer Berufsgruppe in den Köpfen angekommen und bei den meisten VertreterInnen voll internalisiert, die wie keine andere Berufsgruppe tagtäglich mit den Folgen gesellschaftlicher Verwerfungen konfrontiert ist und für die es eigentlich selbstverständlich sein müsste, dass für Problemlagen ihrer Klientel nicht nur persönliche Defizite sondern auch gesellschaftliche Verhältnisse verantwortlich sind. Der Staat, die Politik zieht sich aus der Verantwortung und verbreiten die Mär, sie hätten mit all diesen Problemlagen nichts zu tun. Es entwickelt sich zunehmend in der Sozialen Arbeit wie auch insgesamt in der Gesellschaft ein Tabu: Die gesellschaftlichen Ursachen werden aus dem Blick gerückt, verleugnet, und die Gesellschaft entzieht sich der Verantwortung und lastet sie den einzelnen Individuen auf. Auch Sozial Arbeitende verlernen, die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe der Problemlagen ihrer Klientel und die ihrer Profession zu erkennen.

Im Rahmen meiner Erfahrungen mit den Studierenden der Sozialen Arbeit, mit PraktikantInnen, mit Studienanfängern, mit Masterstudenten und mit denjenigen, die kurz vor dem Berufseintritt stehen und plötzlich mit gerunzelter Stirn auf das schauen, was sie in der Praxis erwartet, mache ich mir immer wieder Gedanken über die Frage, wie es in dieser Profession zu einer derartigen Entpolitisierung hat kommen können. Könnte man das ändern? Ist es derzeit überhaupt änderbar?

Die Erfahrungen mit diesem politischen Analphabetismus sind alltäglich und vielfältig:

·         Qualitative Interviews mit BerufspraktikerInnen im Rahmen einer Masterarbeit brachten zu tage, dass und wie sich Sozial Arbeitende verhalten, wenn sie die Veränderungen und Herausforderungen in ihrem Arbeitsfeld zu spüren bekommen. In unterschiedlichen Feldern waren die Veränderungen deutlich zu spüren. Aber ihr Hintergrund wurde weder reflektiert noch wurden Begründungen gesucht. Verantwortlich waren für die PraktikerInnen eher vordergründige Faktoren, der schlechte Leiter, die organisatorischen Umstellungen, das knappe Geld. Die Strategien zur Bewältigung dieser Stressfaktoren, die z.B. im Allgemeinen Sozialen Dienst als besonders belastend und heftig erlebt wurden, schwanken zwischen dem Bemühen „Probleme und Belastungen sowie Veränderungen positiv für sich umdeuten“ und dem Versuch, die Probleme mit Einsatz der eigenen Kräfte und vielleicht noch mit Unterstützung des Team auf sich zu nehmen und irgendwie damit fertig zu werden. Anpassung könnte man zu beiden Strategien sagen.

·         Die Diskussionen auf unserer Veranstaltung „Meine Rechte im Beruf“ über die z.T. skandalösen Arbeitsbedingungen von Sozialarbeitern endeten letztlich immer wieder bei der real erlebten Erkenntnis, dass ein sich Wehren oder Forderungen Stellen nur dazu führt, dass Mittel und Ressourcen an einer anderen Stelle gekürzt werden. Das sich zusammen Tun klappt nicht, weil sich die Teammitglieder nicht einig sind in der Einschätzung der Lage und immer einige eher mit der Leitung oder dem Träger zusammen stecken, als dass sie bereit sind im Kollegenkreis Solidarität zu üben.
Nicht selten führt ein sich Wehren oder Fordern deshalb ganz direkt und konkret zur Gefährdung des eigenen Arbeitsplatzes.

·         Und wer da wirklich helfen kann, darüber bestehen kaum Vorstellungen und keinerlei Wissen. Was z.B. Gewerkschaften sind und was sie für KollegInnen tun können, entzieht sich meistens der Kenntnis. Davon haben sie weder in der Schule etwas gehört noch im Studium bisher. Und offensichtlich werden solche Kenntnisse auch nicht über Medien oder Eltern vermittelt.

·         Außerdem besteht meiner Erfahrung nach im Osten unseres Landes bei den Wenigsten so etwas wie ein Urvertrauen gegenüber Gewerkschaften oder Berufsverbänden. Man glaubt gar nicht, dass die wirklich etwas für einen tun können und wollen. Der Weg dorthin ist deshalb so unendlich weit und von Hindernissen verstellt, weil man nicht einfach auf so einen Verband zugehen kann und will. Denn man hat schließlich Zweifel, ob er sich vom Schäferhundverein oder irgendeiner beliebigen anderen Interessengruppe unterscheidet.

·         Die Verbände haben das nicht begriffen. Sie selber haben den Eindruck, etwas anzubieten, Einsatz und Hilfestellungen als ihre Dienstleistungen bereit zu halten. Sie verstehen nicht, dass es – zumindest im Osten – darüber hinaus nötig ist, das Vertrauen der potentiellen Mitglieder überhaupt erst einmal zu wecken und zu gewinnen.

Es besteht ein weit verbreitetes Grundgefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Man ist ohnmächtig, weil man alleine ist, aber als Kollektiv fühlt man sich genauso ohnmächtig. Und es gibt keine Ideen, wie man sich zusammenschließen könnte, wie man sich als kritische Gruppe vor Arbeitgebern und Ideologen schützen könnte, wo man sich Bündnispartner holen kann usf.
Es besteht allerdings auch kaum eine Vorstellung darüber, was politischer Kampf bedeutet: nämlich Geduld, Zähigkeit, Mut und die Erfahrung der eigenen Stärke und des aufrechten Ganges, sowie die Erfahrung der Solidarität in der gemeinsamen Gegenwehr. Gemeinsame politische Arbeit durchaus macht auch Spaß. Aber sie erfordert Engagement und die Entscheidung, etwas einzusetzen (z.B. Zeit und Kraft) und auch etwas zu riskieren.

Aber es geht auch heute. Unsere Gruppe hat es gezeigt.

 

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
Dieser Beitrag wurde unter alte Blogbeitrage veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.