kommt denn da auch noch mal was Positives?

Heute spricht mich eine Studentin auf mein Schwarzbuch an, das sie seit ein paar Tagen liest.
„Also ich muss Ihnen sagen, das ist ein schönes Buch. Aber trotzdem , ich bin jetzt in Kapitel 4 und es wird immer schlimmer, was Sie da schreiben und was ich da entdecke! Sagen Sie, wird es am Ende auch noch mal wieder positiv? Ich meine, wenn ich das lese, dann frage ich mich, warum ich das noch studiere!“

Ich versuche natürlich zu sagen, dass es wichtig sei, dieses „Schreckliche“ nicht einfach hinzunehmen, sondern sich dagegen bewußt aufzulehnen – und natürlich, Wege zu suchen, was man tun kann, um diese Entwicklung zu stoppen.  Dann schon fühlt man sich besser und viel stärker.

Aber so richtig wohl ist mir nicht bei solchen Reaktionen meiner LeserInnen. Ich will ja niemanden deprimieren und auch nicht den Teufel an die Wand malen.
Andererseits: es hat m.E. keinen Sinn, über die gegenwärtigen Tendenzen und Entwicklungen das Mäntelchen das Harmlosen und „nicht so schlimm Gemeinten“ zu hängen. Wenn wir nicht deutlich erkennen, wohin diese Reise geht und gezwungen sind, uns zu der Frage zu stellen, ob wir da mit wollen oder nicht, werden wir nichts bewegen. Alles steht und fällt aber mit der Erkenntnis, dass man sich nicht nur wehren muss, sondern es auch möglich ist. Ohnmächtig ist die Soziale Arbeit nur dann wirklich, wenn sie sich selber so sieht.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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2 Antworten zu kommt denn da auch noch mal was Positives?

  1. m.s. sagt:

    im Auftrag des Schreibers veröffentliche ich – anonymisiert seinen Kommentar:

    Ich kenne die Reaktion der Studentin, von der Sie auf Ihrer Seite berichten
    aus meinen Seminaren. Auch ich verschone meine Studenten
    nicht mit der gegebenen Situation, gerade weil ich nicht möchte, dass sie in
    diese Realität hineinkrachen, sondern ich schaue neben der fachlich
    inhaltichen Vermittlung auch immer wieder, dass soziale Arbeit auch eine
    emanzipatorische, solidarische Haltung erfordert und dass unsere Arbeit
    immer auch eine politische ist. Das ist für mich wesentlicher Bestandteil
    einer Profession. Aber das beseutet für die Studierenden auch eine Zumutung,
    die manche schwer aushalten.

    Mit großem Interesse habe ich übrigens Ihr Schwarzbuch gelesen und bin Ihnen wirklich sehr dankbar für diese Arbeit. Es hilft mir nach Jahren des Leidens unter diesem drastischen Niedergang unserer sozialen Arbeit wieder Mut und Kraft, offen und unmißverständlich diese dreiste Ökonomisierung „zu skandalieren“, wie es mein alter Chef vor rund zehn Jahren nannte. Nun haben wir seit Jahren einen Chef, der schweigt, duldet und seinen Mitarbeitern in den Rücken fällt, wenn es für den Träger unangenehm wird. Vor drei Jahren habe ich versucht, auf regionaler Ebene die Mißstände und den drastischen Verfall unserer Arbeit offen anzusprechen und bin dafür vom öffentlichen Träger durch die Arena gejagt worden und unser Team der Erziehungsberatung wurde kollektiv mit der Kündigung der bestehenden (bereits dürftigen) Leistungsvereinbarung gestraft, die dann prompt durch eine noch schlechtere ersetzt wurde. Das war eine „angenehme“ Situation für mich im Team! Von da an hatte ich zu schweigen, um den Träger und vor allem das Team nicht noch mehr in Gefahr zu bringen.
    Meine Rettung war die Tagung des DBSH zu diesem Thema im März diesen Jahres. Dort traf ich auf KollegInnen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten und wir gründeten die AG „KJHG und Rechtsansprüche“. Seitdem geht es mir wieder deutlich besser und ich kommuniziere in meinem Team und meinem Träger gegenüber wieder offen, wenn auch ziemlich isoliert. Der Niedergang durch den von Ihnen beschriebenen Paradigmenwechsel hat auch den Bereich der Erziehungsberatung voll erfasst. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand und sind bei den stetig hohen Fallzahlen und den stetig vertiefenden Problemlagen unserer Klienten personell vollkommen unterbesetzt. Ich darf gar nicht dran denken, wie sehr wir qualitativ gefallen sind, wenn ich unsere Arbeit mit den Möglichkeiten vor rund zehn Jahren vergleiche. In anderen Stellen (zumindest in Hessen und insbesondere nach der sog. „Aktion Sichere Zukunft“ des ehemaligen Ministerpräsidenten Koch Anfang diesen Jahrzehnts sieht es ganz ähnlich aus und das Arbeitsklima in den Teams und innerhalb der Freien Träger ist häufig vergiftet.

    Ich bin wirklich froh, dass wir im Mai kommenden Jahres diesen Kongress machen und dass engagierte Menschen (wie z.B. Sie) uns darin unterstützen. Wir dürfen nicht still werden, übrigens auch nicht auf den anderen gesellschaftlichen Feldern, denn die Ökonomisierung verwandelt unsere Gesellschaft, unseren Staat ja umfassend. Stuttgart 21 und das Wendland sind da Hoffnungsschimmer.

    Das musste ich Ihnen in großer Freude über Ihr Buch, für das ich viel Werbung mache, einfach noch mal mitteilen.

    M.

  2. Nicole sagt:

    Mich verwundert immer dieses „Happend-Bedürfnis“.

    Ich denke jeder würde lieber etwas positives lesen und eines generellen Sicherheitsbedürfnisses bin ich mir durchaus bewusst.
    Im Schwarzbuch wurde meines Erachtens klar gemacht, dass es darum geht auf Missstände und Handlungsmöglichkeiten hinzuweisen.

    Es erscheint mir häufig so als ob ein positives Schlusswort gesucht wird, damit es eine Legitimation für das eigene Nicht-Handeln gibt. Schade!

    Ich denke in Unzufriedenheit kann doch so viel Aktionspotenzial liegen…

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