sonst werde ich krank

heute bekam ich eine bemerkenswerte mail:

Kürzlich habe ich im Rahmen meiner Praxistätigkeit Teamberatungen in einem
Team gestaltet, das die Aufgabe der beruflichen Reintegration von Drogen-
und Suchtabhängigen zur Aufgabe hat. Träger ist ein Sozialunternehmen, der
viele Merkmale der Ökonomisierung aufweist.
Diese Mitarbeiter, gestandene
Sozialarbeiter, Ärzte, Psychologen, waren dermaßen eingeschüchtert durch
eine rigide Leitung des Trägers und der Angst vor Arbeitsplatzverlust, dass
mir die Luft zum Atmen kaum gegeben war, so erstickend und beklemmend war
die Atmosphäre. Als ich langsam und nach und nach im Rahmen von
Fallbesprechungen den Wiederspruch zwischen der abhängigen Haltung der
Mitarbeiter zu ihren Klienten, welches sie aus der Abhängigkeit führen
sollen, ansprach, können Sie sich vorstellen, wie da bei einigen die Tränen
flossen, wie es aus diesen Mitarbeitern heraussprudelte.
Eine Kollegin aus dem Team erzählte mir dann folgendes: ein Klient, der wieder irgendeine
Substanz konsumiert hatte, habe ihr beim Betrachten der Screening-Ergebnisse
gesagt: „Du steckst hier genauso in Abhängigkeit, wie ich. Wenn Du mich bzw.
Ihr uns hier nicht habt, dann könnt Ihr den Laden hier dicht machen. Also
machen wir hier einen Deal. Du verhinderst meine Knasteinweisung und ich
funktioniere hier in meiner Rolle als Kunde. Und ansonsten lass´ mich in
Ruhe.“ Darauf habe die Kollegin tatsächlich nicht reagieren können, weil die
Leitung des Hauses in einem hart umkämpften Markt die Plätze belegt haben
will.

Ich war erschüttert und musste danach sehr viel über Analogien zu
unserem Klientel in der EB nachdenken.
Auch wir gehen immer wieder mit
Klienten in einen Beratungskontext und wissen doch, dass unter den gegebenen
dürftigen Bedingungen eine nachhaltige, konstruktive Hilfe nicht leistbar
ist. Es ist in der Regel nicht mehr als der Löscheversuch kleinerer und
größerer Brände, die immer wieder aufflammen, wenn ich die Eltern bzw.
Familien erst nach vier, fünf oder sechs Wochen wieder einladen kann. Oder
wie formulierte es vor zwei Jahren bei einem Fachaustausch unseres Teams mit
dem Team der ortsansässigen kinder- und jugendpsychiatrischen
Institutsambulanz eine Kollegin dieser Einrichtung: „Wir wissen mittlerweile
von vornherein, dass wir unter den gegebenen Bedingungen unseren Klienten
nicht mehr helfen können. Aber wir brauchen ihre Krankenscheine und wir
verteilen die Termine im Jahr nach ökonomischen Gesichtspunkten über die
Quartale verteilt. Das ist die Maßgabe des Krankenhausträgers. Aber bitte
… das sage ich Ihnen im Vetrauen. Wir müssen ja auch unsere Familien
versorgen und brauchen den Arbeitsplatz.“
Was will ich damit sagen: die
Rolle der Menschen, die wir einst begleiten und unterstützen sollten ist im
Verlauf des Wandels zur Ökonomisierung mutiert. Früher nannten wir sie
Klienten. Dann hießen sie auf einmal Kunden. Inzwischen sind sie in erster
Linie Waren- und Handelsgut für Sozialunternehmen am Markt. Das allerdings
darf keiner formulieren. Ich tue es dennoch, sonst werde ich krank.

Nun habe ich doch wieder so viel geschrieben. Aber dieses Thema lässt mich
nicht in Ruhe, auch weil es ja nur ein Ausschnitt der
gesamtgesellschaftlichen Veränderung ist, die uns Bürgern ja immer näher auf
die Pelle rückt … eine Mischung aus purem Strukturfunktionalismus und
neoliberalem Anarchismus, die wie eine fortschreitende Osteoporose die
Grundstruktur und Ethik einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung
destabilisiert und auflöst.
Was können wir dem entgegenstellen? Unsere Lebendigkeit und unseren Mut. In
Anlehnung an einen alten emanzipatorischen Spruch formuliere ich dann gerne:
Brave Menschen kommen in den Himmel und die Frechen überall hin!

Dem ist nichts hinzuzufügen!

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
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