War die Soziale Arbeit vor 40 Jahren wirklich besser als heute?

Eine immer wieder gestellte Frage nach meinen Vorträgen

Eine Klarstellung

Das Narrativ, dass die Soziale Arbeit in früheren Zeiten verschwenderisch mit Geld umgegangen sei, sich die SozialarbeiterInnen gerne an Fällen unendlich lange festgehalten hätten, um den eigenen Arbeitsplatz zu sicher, dass sie  sich von KlientInnen vor den Karren haben spannen lassen ,  dass Soziale Arbeit damals völlig willkürlich agiert habe, ohne wirkliches Konzept und  gerade so, wie das Bauchgefühl es einem eingab und dass sie sich um ihre tatsächliche Wirkung nicht geschert habe – nach dem Motto: „die gute Absicht reicht“ ….…. diese Narrative haben sich mit Beginn der Sozialstaats-Schelte um die Jahrtausendwende herum tief in das Bewusstsein der Bevölkerung und damit auch in die Vorstellungen heutiger SozialarbeiterInnen eingegraben.

Natürlich gab es damals Manches, was heute in der Sozialen Arbeit selbstverständlich ist: Es gab z.B. nur wenig Arbeit mit Ausländern und Migranten oder die Sensibilität für die  Benachteiligung von Frauen war deutlich weniger ausgeprägt. Aber darüber hinaus sah die Soziale Arbeit in vieler Hinsicht deutlich anders und ja, ich sage es ganz klar: besser aus. 

Die offizielle Wahrnehmung ist: ‚Die neosoziale Zeit in der Sozialen Arbeit im Rahmen des beginnenden Neoliberalismus und der Neuen Steuerung hat in weiten Teilen die alte autoritäre Fürsorge orientierte Soziale Arbeit der Nachkriegszeit unmittelbar abgelöst. Dazwischen hat es nichts gegeben.‘

Und nicht nur die neoliberalen VertreterInnen negieren die Veränderungen in der Zeit des Sozialstaates, auch kritische SozialarbeiterInnen sind skeptisch, wenn es um die Frage geht, ob es im Sozialstaat der 70 und 80er Jahre wirklich eine emanzipatorische Soziale Arbeit in der Praxis gab.

Geburtsstunde des professionellen Konzeptes der Sozialen Arbeit

Es gibt inzwischen nicht mehr viele SozialarbeiterInnen aus dieser Zeit, die aus eigener Erfahrung sprechen können und diesen Narrativen widersprechen könnten.

Dass es aber durchaus – zumindest in den großen Städten – in dieser Zeit eine veränderte, eine ethisch reflektiertere Soziale Arbeit gab, und diese nicht nur in Fachartikeln als Utopien vertreten und entwickelt wurden, lässt sich anhand von Erfahrungsberichten, Modellphasen wie die „Neuorganisation“ und an damals öffentlich gemachten Konzepten nachweisen.

Dass es in den 70er und 80ger Jahren und auch noch in den 90er Jahren eine Umwandlung der alten autoritären Fürsorge und Jugendhilfe in eine lebensweltorientierte, am Subjekt Klient orientierte Soziale Arbeit gab, die weite Teile der damaligen Praxis im Westen Deutschlands erfasste und veränderte, wird schlicht ausgeklammert und im kollektiven Gedächtnis gelöscht. Tatsächlich war die Zusammenfassung der neuen, professionellen Konzeption im 8. Jugendbericht die sozialpolitisch offizielle Bestätigung der damaligen fachinternen Entwicklung und Diskussion, die insbesondere ausgelöst und befruchtet worden war durch die Lebensweltorientierung nach Thiersch. Der 8. Jugendbericht dokumentierte, dass die Soziale Arbeit sich deutlich in Richtung auf eine sozialpädagogische, humanistische, wissenschaftlich orientierte Profession verändert hatte. Es war für die westliche Soziale Arbeit kein neues, überraschendes, einschneidendes Konzept, sondern Resultat der sich verändernden Praxis der letzten 10, 20 Jahre. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) ging aus dieser Diskussion hervor und bestätigte diese  Auffassung von Sozialer Arbeit.
Dennoch wird in „modernen“ Zeiten versucht, diese Phase als „dunkles Mittelalter der Sozialen Arbeit“ darzustellen.

Die Phasen des Kapitalismus im 20. Jahrhundert und die Entwicklung der Sozialen Arbeit

Um hier Klarheit zu schaffen, muss man den jeweiligen gesellschaftspolitischen Hintergrund der einzelnen sozialpolitischen Phasen des letzten Jahrhunderts in den Blick nehmen. So ist es sehr wichtig, zwischen der Sozialen Arbeit in den 50 und 60 Jahren direkt nach Beendigung des 2. Weltkrieges und der der 70er und 80er Jahre zu unterscheiden.

Der Fordismus (Beginn nach dem 1. Weltkrieg 1920) basierte auf stark standardisierter Massenproduktion und -konsumtion von Konsumgütern mit Hilfe hoch spezialisierter, monofunktionaler Maschinen, Fließbandarbeit sowie dem angestrebten Ziel der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitern und Unternehmern. Relativ hohe Arbeitnehmerlöhne, welche die Nachfrage ankurbeln, sind ebenfalls charakteristisch.
Diese Phase des Kapitalismus erreichte durch eine erhöhte Arbeitsteilung, durch Fließbandarbeit und die wissenschaftliche Zerlegung des Arbeitsprozesses eine enorme Steigerung der Warenproduktivität, die zu einem deutlichen Anstieg der Reallöhne führte. Der Staat hatte Interesse an konsumfähigen und konsumfreudigen Menschen. Probleme wie Arbeitslosigkeit, Armut, Wohnungsnot etc. wurden als gesellschaftliche Probleme angesehen, die es durch politische Maßnahmen zumindest zu besänftigen galt. Gleichzeitig gelang es, das Problem der Sozialen Frage dahingehend zu „lösen“, dass eine allgemeine Wohlstandssteigerung dazu führte, dass auch die unteren Schichten der Bevölkerung daran teilhaben konnten. Es blieb ein Armutsproblem, das etwa nur 5 % der Bevölkerung betraf und die Mehrheit der Bevölkerung scheinbar nicht tangierte.

Unverwertbar (2021, S. 15) weist allerdings völlig zurecht darauf hin, dass der fordistische Sozialstaat nicht etwa seine kapitalistischen Interessen abgelegt hatte: Er war an der Konsumkraft der ArbeiterInnen interessiert, weil es ihm dabei um eine Profitsteigerung ging. Durch die von ihm erreichte „bescheidene Teilhabe am Wohlstand“ gelang es ihm, die ArbeiterInnen und ihre Gewerkschaften in die kapitalistische Gesellschaft zu integrieren und sie damit politisch zu schwächen.

Der Fordismus als Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wurde nach dem 2. Weltkrieg wieder aufgenommen und erlebte sozialpolitisch eine Blütezeit. Erst in den 80er Jahren wurde er durch den Postfordismus abgelöst.

Im Gegesaz zum Fordismus zeichnet sich der Postfordismus durch ein hohes Maß an Flexibilität in den Bereichen Arbeitsorganisation, Arbeitsgruppen und Aufgabenintegration aus. Durch ein gefördertes Mitspracherecht qualifizierter Arbeitskräfte (geistige Ressourcen) und Teamwork kann darüber hinaus die Produktion verbessert werden. Nachhaltigkeit und Anpassung an den Markt wird durch eine Zunahme der Forschungsinvestitionen und die Produktion in kleinen Serien gewährleistet, was auch eine starke Produktdifferenzierung nach sich zieht.

Weitere Merkmale sind die De-Hierarchisierung und eine Entbürokratisierung der Verwaltung im Betrieb selbst. Hinzu kommt der Abbau sozial- und arbeitsrechtlicher Sicherungssysteme und eine konsequente Privatisierung der sozialen Absicherung. Dies führt allgemein zur Individualisierung aller Bereiche der Lebensorganisation und ist die Grundlage einer zunehmenden „neuen Landnahme des Sozialen“ durch die Privatwirtschaft.

Anstoß für den Postfordismus, der den Fordismus als wirtschaftlich nicht mehr zitgemäß überwinden wollte, war u.a. die Tatsache, dass in den 1970er Jahren, in denen die Lohnqote in den meisten Industrieländern wieder zu sinken begann. Dies löste massive solidarische Protestbewegungen in der Arbeiterschaft aus. Die im Spätfordismus veränderte Arbeitssituation in der Produktion führte dazu, dass z.B. Streiks massiv erschwert wurden.  Im Fordismus arbeiteten die Menschen mit vielen ihrer Kollegen in großen Gruppen, was Solidarität untereinander stärkte und Streiks vereinfachte. Die Aufteilung in kleinere Teams, die Spaltung der Arbeiterschaft durch die Mitsprachemöglichkeit von Qualifizierteren, die Vereinzelung in neuen Formen des vereinzelten Arbeitens usw. behinderten die Organisation solidarisch geführter, erfolgreicher Arbeitskämpfe.

Die hier geschilderten sozialpolitischen Grundstrukturen hatten für die Ausgestaltung und konzeptionelle Orientierung der Sozialen Arbeit sehr unterschiedliche Auswirkungen.
Die Zeit, in der sich die Soziale Arbeit als humanistisch orientierte Profession aufstellte (etwa ab 1965), fiel in die letzte Phase des Fordismus, hielt aber noch länger an und überdauerte zunächst den Übergang in den Postfordismus. Erst allmählich drangen die veränderten Konzepte und Strategien in die Profession ein bzw. konfrontierten die Soziale Arbeit mit postfordistischen und schließlich neoliberalen Ansprüchen.  

Hier wird deutlich, dass das goldene Zeitalter der Sozialen Arbeit zeitlich nicht etwa parallel zum Fordismus existierte. Sie begann erst in der Endphase des Fordismus. wurde. So fand z.B. die Entfaltung und flächendeckende Verankerung der Lebensweltorientierung mit den politischen Folgen des 8. Jugendberichtes des KJHG in einer Zeit statt, die bereits als Postfordismus bezeichnet werden muss, die aber zum Teil immer noch den Geist des Fordismus trug. Die  Entwicklung der Sozialen Arbeit – fand also mit einer gewissen Zeitverzögerung zur wirtschaftlichen und politischen Entwicklung statt.

Die ersten Anzeichen des Neoliberalismus, die sich ab den 80 Jahren in der Sozialen Arbeit zeigten, waren gleichzeitig Folgen des bereits wirksamen Postfordismus, der eine andere, individualisierendere Produktionsweise und den Abbau erkämpfter Sozialer Rechte mit sich brachte.
Der Neoliberalismus, der mit dem Postfordismus sehr stark korrespondiert, hat sich dann um die Jahrtausendwende in der Sozialen Arbeit als Leitideologie festgesetzt.

(An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich in meinem neuen Buch mit den Begriffen Fordismus und Postfordismus nicht ganz korrekt verfahren bin und mich von dieser Zeitverschiebung habe irritieren lassen. Der Postfordismus ist sozusagen die Vorstufe zum Neoliberalismus gewesen und hat letztlich- wenn auch verzögert – das Ende der Phase in der Sozialen Arbeit eingeleitet, die noch weitgehend von neoliberalen Gedanken und Konzepten frei war. Sie war sozusagen ein Produkt des späteren, schon von den 68ern aufgemischten und nicht mehr konservativen Fordismus, der zeitweilig sogar linke, sogar marxistische Sichtweisen duldete.)

Die Soziale Arbeit im Sozialstaat- eine selbstbewusste Profession

Die Zeit des – später von neoliberaler Seite in Bausch und Bogen diskreditierten – Sozialstaates in den 70er und 80er Jahren brachte eine veränderte, selbstbewusste und sozialpolitisch engagierte Soziale Arbeit hervor.
Der Sozialstaat, der im Rahmen des Fordismus seine Blüte in den kapitalistischen Ländern entfaltete, war eine sehr geeignete Hintergrundfolie, auf der die Soziale Arbeit sich im Verlauf und in Folge 68er Jahre zu einer wirklichen Profession mit humanistischer Orientierung entwickeln konnte und sich befreite von dem früheren Kontroll-Verständnis ihrer Aufgabe. 

Dazu Mayerhofer und Pilgram (2014, a.a.O.): „Die Ausdehnung der Sozialstaatlichkeit vor dem Hintergrund einer fordistischen Ökonomie bedeutete, dass mehr staatliche Verantwortlichkeit übernommen wurde, um Voraussetzungen für die Beteiligung auch von bisher von Bildung oder Mobilität Ausgeschlossenen oder als abweichend Qualifizierten am Arbeits- und Konsummarkt zu schaffen und um professionelle Unterstützung dafür aufzubieten. Dies ermöglichte auch die Verabschiedung der Sozialen Arbeit von traditionellen Konzepten der Kontrolle und Disziplinierung der Armutsbevölkerung und eine Etablierung als eigenständige Profession. Im Zuge dessen entstand sogar Raum für (Selbst-)Kritik an einer funktionalistischen Ausrichtung von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit und für ein Selbstverständnis als Garantin von gesellschaftlicher Beteiligung aller – unabhängig von ihrer Markttauglichkeit.“

Die Soziale Arbeit, sah sich in den letzten Phasen des eigentlichen Fordismus in einer   bemerkenswerten Interessengleichheit mit dem sie finanzierenden Staat.
Im Rahmen des beschriebenen Ausbau und der Konsolidierung des Sozialstaates entstanden somit für die Soziale Arbeit günstige Entwicklungsbedingungen, die viele Spielräume zur Verfügung stellten und es ihr möglich machten, ihr Aufgabeprofil auch explizit auf die Interessenseite der Menschen und ihre Lebenswelten auszurichten und sich somit auch als eine pädagogische Instanz zu profilieren (vgl. z. B. Böhnisch et al. 2005; Thiersch 2014, S. 331).

Es war die Zeit, in der Begriffe wie ‚Chancengleichheit‘ oder ‚soziale Absicherung‘ in der Politik wie in der Öffentlichkeit selbstverständliche und anerkannte Normen darstellten. Unter diesen ideologisch auf Gerechtigkeit und Teilhabe ausgerichteten und auf das Wohlergehen der Bürger drängenden Bedingungen des Sozialstaates fand die Soziale Arbeit einen enormen Aufschwung und profilierte sich in vielfacher Hinsicht. Seit dieser Zeit näherten sich auch die beiden historischen Begriffe und Praxisfelder „Sozialpädagogik“ (soziale Erziehungsarbeit) und „Sozialarbeit“ (Armenfürsorge, Ressourcenverteilung) aneinander an und wurden schließlich als eine Einheit, als die „Soziale Arbeit“ begriffen und ab da an den ausbildenden Fachhochschulen in je einem Fachbereich zusammengefasst.

Auch inhaltlich und konzeptionell geriet die Soziale Arbeit in Bewegung. Die Kritik der 68er Bewegung an der – so eingeschätzt – mangelnden Wissenschaftlichkeit der damaligen Sozialen Arbeit wurde aufgegriffen. Man forderte eine verstärkte Professionalisierung Sozialer Arbeit, eine bessere wissenschaftliche Fundierung und eine höhere Ausbildungsqualität, die an den in dieser Zeit neu gegründeten Fachhochschulen vermittelt werden sollte.

Ab den 70er Jahren fanden in der Sozialen Arbeit grundlegende inhaltliche Reformen statt. Im Kontext der 68er Bewegung formierte sich von Seiten der PraktikerInnen, der Betroffenen (Heimzöglinge) und der Ausbildungsstätten eine umfassende und grundlegende Kritik an der damaligen Sozialen Arbeit.

In dieser Zeit entstanden viele Praxisfelder und Ansätze in der Sozialen Arbeit, die damals von der Basis her neu und zum Teil gegen den Widerstand der offiziellen Sozialen Arbeit entwickelt und durchgesetzt wurden, und die danach zum selbstverständlichen Angebot sozialer Ansätze und Einrichtungen geworden sind: z. B. das Frauenhaus, die sozialpädagogische Familienhilfe, die Obdachlosenarbeit, die mobile Jugendarbeit und viele mehr.

Vielfältige soziale Bewegungen hatten in der Folge Einfluss auf die etablierten Praxen und Institutionen der Sozialen Arbeit: Die Heimkampagnen führten zur Entstehung der Jugendwohngemeinschaften in der Erziehungshilfe, die „Krüppelbewegung“ zu einer Ambulantisierung der Behindertenhilfe, die Kinderladenbewegung zur Demokratisierung der Kindergärten, die Frauenbewegung zur Entstehung der Frauenhäuser. Die Anti-Psychiatrie-Bewegung bereitete den Boden für die Sozialpsychiatrie mit Konzepten des betreuten Wohnens und im Gesundheitsbereich entstand die Selbsthilfebewegung.
Auch rein quantitativ hat sich die Soziale Arbeit in diesen Jahren enorm ausgedehnt.

Die Dominanz und die Definitionshoheit des Staates gegenüber der Sozialen Arbeit existierten auch in dieser Zeit. Dennoch wurden aber der Profession viele Freiheitsgrade zugestanden und die fachliche Expertise wurde weitgehend respektiert.
Klar ist natürlich auch , dass es sich auch bei der deutlich emanzipatorischen, subjektorientierten und lebensweltorientierten Sozialen Arbeit dieser Zeit um eine Soziale Arbeit im Kapitalismus handelte und damit nach wie vor das staatliche, systemische Mandat an die Soziale Arbeit „Befriedung, Anpassung, Eingliederung“ hieß, ist klar und soll hier nicht infrage gestellt werden.
Deutlich ist aber zu erkennen, dass auch innerhalb kapitalistischer Verhältnisse sehr unterschiedliche Vorstellungen über die Menschen und die sie umgebende Gesellschaft  möglich und lebbar sind, und eine menschenverachtende Ideologie, wie sie der Neoliberalismus predigt, nicht notwendige Erscheinung eines kapitalistischen Sozialsystems sein muss.  

In der beschriebenen „goldenen Phase“ der Profession Soziale Arbeit wurde die Reform des noch bestehenden Jugendwohlfahrtsgesetzes über einen langen Zeitraum intensiv diskutiert und unter Beteiligung der Praxis und im Sinne einer Übernahme der alternativen Handlungsformen in der praktischen Sozialen Arbeit, die sich inzwischen entwickelt hatten, ausformuliert. Das schließlich erst 1990 – also in einer Zeit, als der Fordismus längst Geschichte war – verabschiedete Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) war entsprechend dieser Diskussion vom Geist und Verständnis der Lebensweltorientierung (LWO) geprägt. Es versuchte, die sozialpädagogischen Prinzipien der LWO in Gesetzesform umzusetzen. Es verstand sich – im bewussten Unterschied zum noch geltenden Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) – als Leistungsgesetz und nicht als Eingriffsgesetz.
Schon damals übrigens nahmen frühe Vertreter der neoliberalen Richtung Anstoß an diesem in einer konsequent sozialpädagogischen Orientierung formulierten Gesetz, das nur 3 Jahre vor der Einführung der „Neuen Steuerung“ verabschiedet wurde und damit eigentlich schon ideologisch „überholt“ war. Und faktisch nahm die Ideologie der Neoliberalisierung schon in den 80er und 90er Jahren, also in der Phase des Postfordismus, zunehmend Einfluss auf das, was sich in der Sozialen Arbeit konzeptionell entwickelte.

Blick heute auf diese Phase unserer Professionsentwicklung

Aus heutiger Sicht mag der Zeitraum, in dem sich die humanistisch orientierte und professionelle Soziale Arbeit quantitative und qualitativ wie beschrieben entfaltete, sehr kurz gewesen sein. Er dauerte vielleicht von 1965 bis 1980 plus einige Jahre Übergangszeit davor und dahinter. Aber in dieser Zeit war die Soziale Arbeit im Aufbruch und sie entwickelte das fachliche und ethische Profil, das letztlich bis heute als das Grundkonzept Sozialer Arbeit in den Hochschulen gelehrt wird und an dem die VertreterInnen der Lehre weitgehend und übereinstimmend festhalten.

Der Widerspruch, der zwischen diesem Konzept und dem, was tagtäglich in der Sozialen Arbeit praktiziert wird, scheint dadurch bewältigt zu werden, dass das professionelle Konzept nur mehr als Ideal erlebt und vertreten wird, als eine Utopie, die sich angeblich nicht in Praxis umsetzen lässt.

Wer heute Beispiele aus der Zeit der sozialstaatlich unterstützten Sozialen Arbeit anführt und der gegenwärtigen Sozialen Arbeit entgegenhält, der wird als Dinosaurier und als ewig gestrig beschimpft. Es gehört zum neoliberalen Denken, dass Vergangenes grundsätzlich nicht zählt und nichts auf Erfahrung und erprobte Strategien gegeben wird. Alles was früher war, muss nach dieser Logik veraltet, unmodern, unzureichend und überholt sein. Dabei werden heute immer wieder alte Ideen ausgegraben und für das absolut Neue gehalten und verkauft, die in jener Zeit üblich und alltäglich waren.

Wenn wir eine Neukalibrierung unserer Profession anstreben, dann kann es natürlich nicht darum gehen, einfach dort wieder anzuknüpfen. Heute sind andere Probleme virulent und auf die gegenwärtige Lage muss auch mit anderen Mitteln reagiert werden. Darüber hinaus ist die Soziale Arbeit über ihre Grenzen hinausgewachsen und es gilt, mehr Energie auf die Verbindungen mit anderen Sozialbereichen zu verwenden und das gesamtgesellschaftliche Konzept des Sozialen insgesamt zu betrachten. Dennoch könnte vieles von dem, was einmal war, Anregungen und auch Modell abgeben für eine Soziale Arbeit, wie wir sie für die weitere Zukunft entwickeln müssten.

Aber – und das ist das Entscheidende – vor allem stand die Soziale Arbeit dieser Zeit in einem völlig anderen weltanschaulichen Kontext. Die heutige neoliberalen Tendenzen und Praktiken und deren deprofessionalisierende und Menschen verachtende Folgen hat es in dieser Zeit nicht gegeben. Vielmehr war der Diskurs geprägt von einem inneren fachlichen Anspruch, sich als Profession und als parteiliche Profession entwickeln zu wollen, der zum Teil auch in der Realität eingelöst wurde.  

Was war denn anders?

Hier nur einige Aspekte der damaligen Praxis, die sicherlich nicht flächendecken umgesetzt waren, aber doch nachweisbar weite Teile der Praxis orientierten:

  1. Anders war das Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit einerseits und Verwaltung bzw. Politik
    Verwaltung setzte ihre Regeln, aber sie tat es nicht als Selbstzweck, sondern letztlich zu dem Zweck, dass ein Jugendamt seine sozialpädagogischen Aufgaben verantwortlich ausführen konnte und dabei rechtlich und finanziell abgesichert war. In solchen Zeiten und Konstellationen konnte man lächelnd mit der Verwaltung und ihren Vorschriften hantieren, wohl wissend, dass man am längeren Hebel saß. Die Verwaltung hatte keine dominierende Rolle im Jugendamt (vorausgesetzt, die Fachlichkeit im Jugendamt war sich ihrer Macht bewusst), auch wenn sie das natürlich manchmal glaubte oder wünschte.
    Die heutige Entwicklung ist Folge der Neuen Steuerung und des Public Management.
  • Anders war auch die Sicht auf die Klientel:
    Es hieß damals, jeder hat ein Recht auf eine Chance. Sozial Benachteiligte wurden nicht schuldig gesprochen für ihr eigenes Schicksal. Bzw. die alte autoritäre Schuldzuschreibung wurde innerhalb der Profession gezielt abgeschafft. Die Gesellschaft und mit ihr die Politik fühlte sich zuständig und verantwortlich, zumindest ließ sie sich an diese Verantwortung erinnern und handelte dann entsprechen. Parteilichkeit war eine Haltung, die für SozialarbeiterInnen selbstverständlich war. Man ging davon aus, dass derjenige am ehesten und dringendsten Hilfe brauchte, der die geringsten Ressourcen mitbekommen hatte. Menschen wurden nicht aufgegeben oder ausgegrenzt. Es wurde immer wieder eine Chance gegeben. Motivierungsarbeit war erwünscht und wurde finanziert.
  • Die finanzielle Lage der SozialarbeiterInnen selbst war nicht rosig, aber stabiler und besser als heute.
    Es gab eine Tendenz zur Vollzeitstelle weg von Honorarverträgen. Es gab den BAT, an den sich die meisten freien Träger anlehnten, und der die Schwierigkeit der Aufgabe und die Dauer der Beschäftigung belohnte, was bei allen Mängeln doch immerhin eher zu einer Lebensplanung der MitarbeiterInnen reichte als ein TvöD, bei dem man bei Null anfangen muss, wenn man nach vielleicht 25 Jahren Beschäftigung den Träger wechselt….
    Nicht selten waren die Haustarife der freien Träger günstiger für die MitarbeiterInnen. Normal war die unbefristete Vollzeitstelle. Die Ämter und Träger mussten die vorhandene Arbeit so verteilen und organisieren, dass Vollzeitstellen ausgefüllt werden konnten und einen Sinn machten. MitarbeiterInnen bei freien Trägern waren abgesichert und bekamen ihr Gehalt weiter, auch wenn einmal ein Fall vorzeitigt beendet war oder es keinen neuen Fall gab.

  • Die Arbeitsbelastung war immer hoch, aber alle hatten an ihrem Arbeitsplatz  so viel Luft,
    dass sie gegenüber ihrer Klientel wie Menschen handeln konnten, dass sie ihr eigene Fachlichkeit anwenden und Lernprozesse, Beziehungsarbeit und Beratungsverläufe nach Bedarf durchführen konnten. Die SozialarbeiterInnen und ihre Teams konnten wirklich selbst fachliche Entscheidungen fällen und verantworten. Sie definierten die Ziele und die erstrebten Erfolge einer Hilfe und wählten die Methoden. Es gab keine Vorgaben im Sinne eines bestimmten Zieles oder einer bestimmten Vorgehensweise.
    Wie Soziale Arbeit gemacht wurde, bestimmte die Fachlichkeit der KollegInnen und der Hochschulen, die ausbildeten. Es gab keine Dominanz der ökonomischen Seite, auch wenn diese immer wieder entsprechende Ansprüche anmeldete. Entscheidungen über Maßnahmen wurden nach Fachlichkeit und nach Notwendigkeit entschieden, im ggf. neu geschaffen und neu erfunden.

  • Soziale Arbeit wurde auf Kontinuität und auf ausreichende Zeitkontingente ausgelegt.
    Die Stundenzahlen, die z.B. im Rahmen der SpFh gewährt wurden lagen um ein Vielfaches höher als heute. Die zur Verfügung stehende Zeit reichte für eine bewusste pädagogische Intervention aus. Es gab keine Beschränkung auf Methoden, die besonders schnell und durchschaubar funktionieren sollten.
     
  • Immer fehlte auch Personal, aber in der Regel wurden Stellen wieder besetzt, wurden Stellen bei Bedarf neu geschaffen, wurden schwierige Aufgaben berücksichtigt und anerkannt.

  • Die KollegInnen bedienten sich keiner betriebswirtschaftlichen Sprache.
    Betriebswirtschaftliche Sprache und Logik in den Köpfen gab es fast nicht. Wir dachten kaum in Geldkategorien. Vielleicht dachten wir zu wenig daran, dass andere mehr als wir darauf schauten, dass wir Geld verbrauchten. Aber z.B. war der „Heimtopf“ nicht begrenzt und vom Kämmerer auch nicht begrenzbar. Man handelte schließlich nach Gesetz. Natürlich mussten auch hier Vorgesetzte überzeugt und Politiker unter Druck gesetzt werden, damit die Ressourcen stimmten, aber das ging und man hatte durchaus Erfolg mit solchen Anstrengungen.

  • Die   Öffentliche Jugendhilfe verstand sich als Erfüllerin der Fachlichkeit und als Wächterin des Kindeswohls. Hilfen setzten keineswegs erst bei der Kindeswohlgefährdung ein, sondern im Vorfeld, also im Falle einer Nichtgewährleistung, wie es das KJHG vorschrieb. Das Interesse des Jugendamtes war tatsächlich die Lage der Minderjährigen und jungen Erwachsenen in einer Stadt oder in einer Landgemeinde. Es gab keine anders gelagerten Interessen, die diese fachliche Motivation grundlegend hätte aushebeln können.

  • Der ASD verstand sich als sozialpädagogische Einrichtung
  • Er pflegte Kontakte zu den KlientInnen, befasste sich mit der Diagnose und betreute auch Familien zum Teil über längere Zeit regelmäßig selbst.
    Er war auf den Bezirk hin orientiert, zunehmend wurde er auch regionalisiert und es gab eine starke Affinität vieler ASD Teams zur Gemeinwesenarbeit und zu den anderen Bereichen der Jugendhilfe im Stadtteil, auch die Schulen waren oft einbezogen, die Ärzte usw. Die Praxis der Stadtteilkonferenzen war wenig formal und Konkurrenz spielte eine sehr untergeordnete Rolle.

  • Die Zusammenarbeit mit der Schule war im Einzelfall oft alltäglich und selbstverständlich, wenn auch oft nicht tiefgreifend genug. Lehrer mussten immer schon solche Kontakte im Rahmen ihrer freien Zeit erledigen, was die Zusammenarbeit neben anderen Faktoren gewaltig hemmte. Die Systeme blieben relativ unabhängig voneinander und es gab immer Verständnis- und Kooperationsprobleme zwischen den Berufsgruppen. Alternative Praxismodelle gab es, die auch sehr erfolgreich waren, aber sie wurden nicht zur Regel.

Auf entsprechende Erfahrungen und Modell könnte man auch heute noch sehr wohl zurückgreifen. Sie sind dokumentiert, werden aber nicht herangezogen.

Hier sind nur Bereich der Jugendhilfe betrachte worden. Für die GWA und andere Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit müssten diese Behauptungen ebenfalls geprüft werden.

Natürlich fanden solche positiven Entwicklungen nicht überall und sicher auch nicht flächendeckend statt. Die alte fürsorgliche Soziale Arbeit lebte weiter fort in vielen Köpfen, bei vielen Trägern, und sicher auch in manchen Jugendämtern. Es gab auch ein starkes Stadt-Landgefälle in dieser Hinsicht. Aber die Grundausrichtung war eine deutlich andere als heute.

Ich selbst bin Zeitzeugin mit 18 Jahren Praxis in der Jugendhife von 1974 bis 1993

Ich persönlich bin Zeugin der Entwicklungen dieser Jahre. Ich war von 1974 bis 1993 in der Jugendhilfe-Praxis tätig, zunächst in der Erziehungsberatung in Krefeld, später in der Akademie Remscheid für Musische Bildung und Medienerziehung und ab 1979 bis 1993 im Jugendamt Wiesbaden. Es war die Zeit, in der all die Praktiken und Überlegungen, die später im KJHG festgeschrieben wurden, schon Jahre vorher diskutiert und in der Praxis ausprobiert und eingesetzt wurden. Für mich hatte diese Phase ihren Höhepunkt in der heute völlig vergessenen „Neuorganisation“-Konzeption der Jugendhilfe und Sozialen Arbeit, die mit einigen großangelegten Modellversuchen in etlichen westdeutschen Großstädten eine neue Form regional-orientierter und fachlich kooperativer Zusammenarbeit in der Jugendhilfe und darüber hinaus erprobte und bei der die Fachlichkeit die Entscheidungen dominierte und die einbezogene Verwaltung konstruktiv und unterstützend mitarbeitete.

Wenige Jahre später- ich war inzwischen Professorin an der FH Jena, verschwand die „Neuorganisation“ aus der Fachdiskussion, war wie vom Erdboden verschluckt, und an ihrer Stelle machte sich ein neuer Begriff breit, die Neue Steuerung.

Über m.s.

Ich war 18 Jahre Professorin für Soziale Arbeit an der FH Jena (Methoden, Hilfen zur Erziehung, Schulsozialarbeit). Davor war ich 18 Jahre in der Praxis. Studiert habe ich Psychologie in Münster und Soziale Arbeit in Frankfurt a.M. Bücher: Schwarzbuch Soziale Arbeit Engaging Hilfe zur Erziehung zwischen Professionalität und Kindeswohl Das kann ich nicht mehr verantworten Ambulante Hilfe zur Erziehung und Sozialraumorientierung
Dieser Beitrag wurde unter aktuelle Blogbeiträge veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert